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Erstes Blatt
K4- Jahrgang
Samstag, 26. ZM 1924
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberheffen
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Was uns nottut!
• Am Donnerstag hat im „Gießener Anzeiger" ein Leser eine Beschwerde darüber veröffentlicht, daß an einer Strahenbiegung außer der deutschen Warnungstafel vor einer in Tätigkeit befindlichen Dampfwalze ein Schild in französischer Sprache angebracht ist. Eine an sich vielleicht belanglose Angelegenheit, die man unter anderen Umständen als den gegenwärtigen vielleicht mit dem Grenzverkehr entschuldigen würde, die aber noch in einem besonderen Lichte erscheint, wenn man berücksichtigt, daß diese französische Warnung als „Ordre de l'armee", als Armeebefehl bezeichnet ist. Aur in Deutschland dürfte ein solcher zum mindesten als Gedankenlosigkeit zu bezeichnender Vorfall möglich sein. Immerhin ist er von geringerer Bedeutung als die Tatsache, daß an dem 8.08 Ahr vormittags von hier abgehenden Zuge nach Koblenz Schilder verkünden, daß die Wagen von Gießen über Koblenz—Trier nach Thionville laufen. Mit welcher unverhohlenen Freude mögen die Franzosen diese amtliche, vor aller Welt erfolgende Bestätigung der deutschen Reichsbahnverwaltung lesen, daß Dieben- hofen mit Berechtigung den Ramen Thionville trägt I Diedenhosen, das schon im Jahre 962 als Diä>enhowen bekannt war und das in den berüchtigten Vertrage von Mersen 870 ausdrücklich Deutschland zugesprochen wurde! Sollte es nicht der Würde des deutschen Volkes zum mindesten entsprechen, daß solche Ortsbezeichnungen erst dann angebracht werden, wenn der Zug das deutsche Hoheitsgebiet verläßt? Dies mühte ermöglicht werden, auch wenn eine besondere Haltestelle zu diesem 'Zwecke eingerichtet werden muh.
Ein weiteres Bild. In Paris fand in der letzten Woche eine Olympiade statt. Das führende englische Blatt, die „Times", wandte sich mit scharfen Ausfällen gegen diese sportliche Veranstaltung, die nicht dem Frieden, sondern der Pölkerverhetzung diene. Große deutsche Zeitungen jedoch, die mit keiner Silbe die Ergebnisse des bedeutsamen deutschen akademischen Olympia mitteilten, veröffentlichen lange Verichte über dieses französische Unternehmen. Vatürlich nur, um das hohe Maß von Verständnis für den internationalen Sport zu zeigen, das sie beseelt! Zur Gedankenlosigkeit kommt hier die Würdelosigkeit, die bedeutsame nationale Geschehnisse als nebensächlich behandelt und dafür nebensächlichen Pariser Devanstaltungen größte Beachtung schenkt.
Es mag vor dem Kriege, als wir sorglos unsere ansAmertd so glänzende Stellung in der Welt durch immer neue Lieb^>ienereien vor dem Ausland zu befestigen wähnten, als eine unabänderliche Tatsache erschienen sein, bah in weitesten deutschen Kreisen das Gefühl für die Rotwendigkeit eines hochgespannten nationalen Ehrgefühls im Streite der Stämme und Parteien verkümmerte. Aber heute, wo wir durch die Schule beispielloser Demütigungen infolge unserer Selbst- entmcrnnung gehen muhten, wo uns täglich neue Entehrungen und Beleidigungen brennende Scham auf die Wangen treiben, und wo wir schlechterdings keine andere Waffe mehr besitzen als die moralische Macht und die geistige Kraft, eines Sechzigmillionenvolkes — heute sollen wir allmählich erkennen und wissen, was uns nottut. Sicher zeugt nicht die überlaute Betonung des Wortes national oder gar das mehr oder minder vom Alkohol beherrschte Singen vaterländischer Lieder (die ein Volk von Würde nur bei besonders feierlichen Gelegenheiten anstimmt) von echter nationaler Gesinnung. Sondern nur der kann Anspruch auf den Ehrentitel eines wahrhaft nationalen Volksgenossen machen, der ein Höchstmah von Opferwilligkeit für diese Volksgesamtheit aufbringt und der tagtäglich beweist, dah ihm der Dienst am Vaterlande heiligere Pflicht ist als die ^Verfolgung persönlicher, egoistischer Ziele. Die Verbreitung und Vertiefung dieser Gesinnung tut uns bitter not, nicht nur bei Einzelpersonen, sondern auch im Schohe zahlreicher Verbände, Parteien, Organisationen. Denn das Vorhandensein dieser Gesinnung hat jenen natürlichen Stolz, jene selbstverständliche Würde, jenen bewuhten Willen zum Zusammenhalt Aller in gefahrvollen Tagen zur Folge, den wir heute noch so schmerzlich vermissen.
Welches wüste Schauspiel boten wieder deutsche Parlamente, welche Zerrissenheit undl Verständnislosigkeit für die Aufgaben des Tages zeigte ein Teil der Parterpresse in der vergangenen Woche! Wo alles darauf ankommt, den Trägern der Dedrückungspvlitik gegen Deutschland den geschlossenen Willen eines großen Volkes entgegenzustellen, das im Dewuhtsein seines heiligen Rechtes von den anberen nichts als Achtung vor diesem Rechte verlangt — skandalieren Volksvertreter im Parlament — werden lebenswichtigste Probleme zum Objekt der Parteidemagogie erniedrigt — wird der Welt das Schauspiel eines Interessen- und Klassenkampfes, erfüllt mit dem Lärm der Agitationsphrase niedrigster Herkunft, gegeben. Was Wunder, wenn die französischen Mitglieder der Ausschüsse in London geradezu unerschöpflich In Vorschlägen sind, deren .Inhalt neue spitzfindige Beleidigungen und Demütigungen des deutschen Volkes darstellt und die man trotzdem diesem gedankenlosen und zerrissenen Volke zu bieten wagt, das in seinen Straßen französische Heeresbesehle aufrichtet, das auf Anhieb das alte deutsche Diedenhosen auch als Thionville anerkennt und dem ein Pariser Sonntagssport mehr bedeutet als der Wettkampf der deutschen akademischen Jugend!
So soll nach den letzten Meldungen der Plan des die Ruhrräuming behandelnden Zweiten Ausschusses die Forderung enthalten, daß Deutschland eine Amnestie für alle Personen erlassen soll, die wegen irgendeines Vergehens int Zu
sammenhang mit der Besetzung bestraft worden sind. Ferner soll die deutsche Regierung sich verpflichten, keine Repressalien gegen Personen ?u unternehmen, die mit den Alliierten irgendwelche Verbindungen unterhalten haben. Frankreich und Belgien wollen dagegen sich verpflichten, eine Amnestie für die von ihnen Verurteilten zu erlassen mit Ausnahme derjenigen, die wegen Vergehens gegen die De sahung bestraft sind. Da das gesamte Separatistengesindel in Verbindung mit den Alliierten d. h. hier den Franzosen und Belgiern, gearbeitet hat, würde dies heißen, daß Deutschland diese Hoch- und Dolksv^rräter restlos wieder aus die Bevölkerung des besetzten Gebiets loslassen und damit neue Putsche ermutigen soll, während die Franzosen und Belgier keinen von ihnen verurteilten Deutschen freizugeben brauchen, da die Rechtsverdrehung, die sie Militärjustiz nennen,
Berlin, 25. Juli 1924.
Rach debatteloser Erledigung kleinerer Vorlagen kommt eine Novelle zum Gesetz über die Raturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden zur zweiten Beratung.
Abg. Creutzburg (Komm.) beantragt den Ersah der Worte „bewaffnete Macht" durch „Reichswehr und Marine". Der unbestimmte Ausdruck „bewaffnete Macht" eröffnet die Möglichkeit, daß darunter faszistische Verbände tote „Stahlhelm" und „Wehrtools" verstanden werden könnten. i
Abg. Tr. Mumm (D.-R.) wendet sich gegen die kommunistischen Anträge.
Abg. Schmidt- Hannover (D.-R.) betont, aus der Rede des Kommunisten spreche ein phantastischer Haß gegen alles, was mit der deutschen Wehrmacht zusammenhänge. Der Haß gegen die Wehrmacht beschränke sich nicht nur auf die Kommunisten, gestern habe auch der sozialdemokratische Abg. und Polizeipräsident Lübbring sich den Zuruf erlaubt: Alle Offiziere sind Lumpen!
Abg. Lübbring (S.) erklärt, er habe gestern nicht gerufen „Alle Offiziere sind Lumpen!", sondern unter Hinweis auf die Offizierseigenschaft des Abg. Ahlemann. Solche Offiziere sind Lumpen!
Abg. Hans Jacob-München (Rat.-Soz.) ruft wiederholt: Ganz gemeiner Lügner. Er erhält einen Ordnungsruf, richtet aber weiter laute Verwünschungen gegen die Sozialdemokraten.
Präsident Wallraf spricht fein Bedauern Über die im Hause angewandte Tonart aus und erklärt, er werde bei Fortsetzung solcher Szenen die schärfsten Mittel der Geschäftsordnung an- wenden.
Die Vorlage wird hierauf unter Ablehnung der kommunistischen- Anträge angenommen. Hieraus wird die gestern abgebrochene Aussprache über
die Erwerbslosenfürsorge fortgesetzt.
Reichsarbeitsminister Dr. V r a u n s bestätigt, daß die Rot der Kurzarbeiter immer beunruhigender werde. Tatsächlich ständen jetzt viele Kurzarbeiter mit ihren Bezügen unter denen der Vollerwerbslosen. Die Hilfe sei nicht nur wegen der Finanznot, sondern auch deshalb schwierig, weil die Wiedereinführung der Kurzarbeiterunterstühung einer iln- terstühung der Wirtschaft aus Reichsmittcln gleichkommen würde.
Die Ausschuhanträge werden in allen drei Lesungen angenommen.
Es folgt die
Weilerberatung der Anträge zur Fürsorgepflicht.
Reichsarbeitsminister Dr. Brauns erklärt, er halte es für falsch, die Leistungen der Fürsorge für Sozialrentner, Kleinrentner usw. als Armenunterstützung im Sinne des Gerichts - verfassungsgesehes zu betrachten. Es wäre zu wünschen, daß in den Parlamenten der Länder den Fürsorgefragen das gleiche Interesse ent- gcgengebracht würde, tote hier im Reichstag. Die Reichsregierung werde die hier gegebenen Anregungen den Landesregierungen übermitteln.
Die Ausschußanträge werden angenommen. •
Es folgt die Beratung des nationalsozialistischen Antrages auf Aushebung des Disziplinarstrafverfahrens gegen den Abg D r. Frick, das gegen Frick in seiner Eigenschaft als Oberamtmann wegen seiner Beteiligung am Hit- lerputsch eingeleitet worden ist. Der Geschasts- vrdnungsausschuß beantragt Ablehnung des nationalsozialistischen Antrages.
Abg. Ra hl (R.-S.) ersucht dagegen um Annahme des Antrags. .
Abg Brodaus (Dem.): Der bayrische Landtag habe die Aufhebung des Verfahrens gegen Pöhnerabgelehnt. Es wäre eine Unge- re chtigkeit, wenn der Reichstag den wegen derselben Straftat verurteilten Abg. Frick anders behandeln wollte.
Abg. Könen (Komm.) wendet sich gegen den Abg. Brodaus. Die von diesem gepredigte Demokratie sei eitel Heuchelei.
Abg. Dr. Levi (Soz.) meint, der Standpunkt der Kommunisten wäre nur verständlich, toenn ihre Ziele und Mittel sich mit denen der Deutschvölkischen deckten, wenn sie sich als Klas'e mit ihnen verbunden fühlten. Tatsächlich aber
alle Delikte, auch Attacken gegen ihre separatistischen Schütz- und Söldlinge, als gegen die Sicherheit der Besatzung gerichtet bezeichnet. I^oensalls mürbe die deutsche Regierung bei einem Eingehen auf diese in dieser Form unerhörte Forderung nicht nur den Hochverrat des Separatistengesindels gewissermaßen post sestum sanktionieren urib die Autorität der Rechtspflege erschüttern, sondern auch der Bevölkerung des besetzten Gebietes eine neue Beleidigung durch die fremden Machthaber ^ufügen lassen.
Auch diese Zumutung, die ein Volk kaum jemals einem gleichberechtigten Gegner geboten hat, bemeist, wie bitter not uns ein geschlossener Wille zur Wahrung und Behauptung unserer nationalen Würde und Ehre tut. Vorgestern hat im englischen Oberhaus eine Debatte über den Völkerbund stattgesunden, bei der viel von Frieden, Abrüstung und den Aufgaben «des Völkerbundes
sei die Deutschvölkische Freiheitspartei eine Bewegung von Deklassierten mit einem Hausen bankerott gegangener Generale an der Spitze. (Gelächter bei den Rationalsoziallisten.)
Ein Antrag auf Schluß der Debatte wird angenommen. In einfacher Abstimmung wird darauf
Ausschußantrag gegen die Deutschnationalen, tionalisten und Kommunislten angenommen, die
Aushebung des Verfahrens gegen Fricke also abgelehnt.
Runmehr folgt
die erste Beratung des Notetats
für 1924. Damit ist verbunden die Beratung der Anträge des Rechtsausschusses auf Wiederaufnahme der durch Urteile bayrischer Volksgerichte beschlossenen Strafverfahren usw.
ReichsfinanzmmistLr Dr. Sucher betont kurz die Rvtwendigkeit des vorgelegten Rotetats nach dem Ablauf des letzten am 31. Juli.
Eine Erklärung
der Regierungsparteien.
Abg. Fehrenbach (Ztr.) verliest eine Erklärung, in der es heißt, die Fraktionen des Zentrums, der Demokraten und der Deutschen Volks- Partei halten eine große außenpolitische Debatte in diesem Augenblick nicht für zweckmäßig. (.Unruhe und Aha-Rufe rechts.) Die genannten Fraktionen beschränken sich auf die Erklärung, daß sie die Politik des Reichskabinetts billigen, als deren Ziel sie die RegelungderRepara- tionssrage auf be-r Grundlage des Sachverständigeng.'utachtens betrachten (Zuruf bei den Rationalsozialisten: „Landesverrat!" Lachen.). Das Gutachten darf aber nicht nur insofern durchgeführt werden, als - es Deutschland Lasten auferlegt, sonder« es muß auch den Bestimmungen Rechnung getragen toerben, die auf Deutschlands 2o<ge Rücksicht nehmen. Dazu gehört, daß das beisetzte Gebiet wirtschaftlich und militärisch geräumt, der vertragsmäßige Zustand wieder- hergestellt wird, die Gefangenen befreit, die Aus gewiesenen zurückge- führtwerden, Siche rheitgegen feindliche Eingriffe in die deutsche Souveränität und das Rheinlandabkommen gegeben wird. (Beifall.) Dazu gehört weiter, daß die Zahli'mgen von Deutschland nur in dem Maße gesleistet werden, daß der Lebensstandarddesdeutschen Volkes nicht unter den. der übrigen Völker sinkt unbbie de*u t sche Währung nicht erschüttert toir.b. Die Lösung der Repara- tionssrage, bei der das Sachverständigengutachten über den Versailler Vertrag hinaus geht, kann nur geschehen im Wege des freien V ertrages. Wir billigen es, daß die Reichsregierung die Kriegsschuldfrage aitf gegriffen hat. Wir sind bereit, die Regierung mit allen Kräften zu unterstützen. (Lebhafter Beifall bei der Mehrheit.)
Reichskanzler Dr. Marx gibt hierauf die kurze Erklärung ab, die außenpolitische Stellung des Kabinetts sei schon in ihrer Erklärung bei Regierungsantritt dargelegt worden und habe fach seitdem nicht geändert. Angesichts der außenpolitischen Lage und der Tatsache, dah z. Z. über die Ergebnisse der Londoner Konferenz noch nichts bestimmt Feststehendes zu sagen ity, hält die Reichsregierung es nicht für zweckmäßig, hier in eine nähere, ein-
Ahende Darlegung einzutreten
(Zustimmung bei den Regierungsparteien), da unser StandpuiM ganz genau derselbe ist, den ich in meiner Ü Regierungserklärung am 4. Juni d. Is. eingehend dargelegt habe. Ich habe, um das gleich zu bemerken, gegenüber gewissen Zurufen, auch bezüglich der Schuldlüge eine Stellung eingenommen, die dann noch ausgiebig vom Herrn Auh enminifter erörtert worden ist, und die so ist, daß ich heute auch nicht chas geringste xuzusehen habe. Ich beschränke mich deshalb Feite auf die Erklärung, daß die Wünsche ind Forderungen, bie- der Vorredner zur Sprache gebracht hat, 'rmd die schließlich auch von der großen Mehrheit des Hohen Hauses und vom gesamten deujschen Volke gebilligt werden, von mir gern entgegen genommen werden und äiß die Reichsregierung bestrebt fern wird, fi ch in alten Fällen für ihre Durch-
gesprochen wurde. Der frühere britische Minister Balfour erklärte bei dieser Gelegenheit, der Völkerbund fördere den Frieden, aber ec arbeite unter Bedingungen, die seine Urheber nicht in Aussicht genommen hätten. Denn der Völkerbund sei heute zwar ein Bund von Völkern, aber nicht ein Bund aller Volker, da sich unter den ausgelassenen Völkern zwei der geistig größter, befänden, die die Welt besitze.
Man sieht, die Welt kann auch nach englischer Ansicht ohne Ruhbarmachung der geistigen Gröhe Deutschlands nicht aus dem Chaos der Gegenwart errettet werden. Beweis genug, wie bitter not es ist, daß wir unsere Anstrengungen vervielfachen, um jeden Angriff auf diese geistigr Größe mit dem ganzen Stolze eines großen, seiner nationalen Würde und seiner Bedeutung bewußten Volkes zurückweisen zu können.
führung einzusehen (Lebhafter Beifall bei den Regierungsparteien).
Abg. 'Beruht (D.-R.) bedauert, daß die Regierung nicht eine ausführlichere Erklärung zu den Londoner Verhandlungen abgebe. Das deutsche Volk dessen Lebensfragen dort entschieden werden, hätte ein Recht auf die Abgabe einer solchen Erklärung durch den Außenminister gehabt. (Beifall roch s.) Da die Regierung diese Erklärung bisher nicht abgegeben hat, behalten wir Deutschnationalen uns unsere Stellungnahme zum Rvtetat vor. Der Redner verlangt dann eine sofortige entschiedene amtliche Ai- tion gegen die Kriegsschuldlüge. Alle ehrlichen Forscher im In- und Ausland sind barüber einig, daß die Alleinschuld am Ausbruch des Weltkrieges bei Rußland und Frankreich lag, und daß die deutsche Regierung insofern daran Schuld trage, als sie bei der grenzenlosen ©utgläubigfcit des Kaisers und seiner Ratgeber große politische Fehler begangen hat. Es muh zwischen Schuld and Ursache unterschieden werden. Die im Versailler Vertrag Deutschland zugeschobene Kriegsschuld ist aber eine auf den gefälschten Eisnerschen Bericht gestützte Lüge. Die bisher von der Regierung dazu abgegebenen Erklärungen genügen nicht.
Abg. Scheide mann (S.): Das deutsche Volk ist einig darüber, daß Deutschland nicht die Alleinschuld am Ausbruch des Krieges hat. Wir wollen mit Ihnen den Kampf gegen diese Unter- stellung des § 231 der Versailler Vertrages führen, aber im Augenblick ist es unmöglich, das Ausland zu einer Diskussion über diese Frage zu bringen. (Rufe rechts: Londoner Konferenz!) In der Zurückweisung der Behauptung von der Alleinschuld Deutschlands am Kriege besteht vollkommene Einigkeit, bei der Behauptung von der vollkommenen Unschuld Deutschlands hort die Einigkeit auf. Die Leute im Ausland, die der Lüge von Deutschlands Alleinschuld entgegentreten, sind fast ausschließlich Sozialdemokraten. Ihre Arbeit wird aber empfindlich dadurch gestört, daß die nationalistische Presse des Auslandes in jeder Woche deutsche Zeitungsartikel abdrucken kann, in denen mit dem Säbel geraffelt wird. Selbst konservative Männer haben erklärt, daß der ehemalige Kaiser offenbar geisteskrank war. Dieser Mann hat mit seinen unsinnigen prahlerischen und herausfordernden Reden die ganze Welt gegen Deutschland aufgebracht und damit zum großen Teil den Kriegsausbruch verschuldet (Rufe der Rationalsozialisten: Scheidemann redet für Frankreich!) Das deutsche Volk ist völlig unschuldig, aber diejenigen, die es dahin geführt haben, haben ein gerüttelt Maß von Schuld. Die Schuld an der Kriegsverlängerung und dem schließlichen Zusammenbruch trifft in erster Linie Ludendorff. (Abg. Ahlemann nennt den Redner einen Lügner und wird deshalb zur Ordnung gerufen.) Abg. Scheidemann bedauert dann die jüngste Haltung der französischen Regierung, die die ersten Hoffnungen auf die Regierung Herriot enttäuscht habe. Dic Deutschnationalen, die erst als Helden im Wahlkampf den stärksten Kampf gegen das zweite Versailles ankündigten, wollten es jetzt schlucken. Wir sehnen einen Wahlkampf herbei. Wir werden ihn führen für das Sachverständigengutachten, für den Achtstundentag, gegen Drotverteuerung und Schutzzölle (lebhafter Beifall bei den Sozialdemokraten).
Damit ist die erste Beratung des Rotetats erledigt. Von den Rationalsozialisten ist ein Mißtrauensantrag gegen die Regierung eingegangen.
Beim Beginn der zweiten Lesung um 11 Uhr abends stellt Abg. Dr. Bell (Z.) sofort nach Eröffnung der Aussprache einen Antrag auf Schluß der Debatte, der gegen die Rechte und die Kommunisten angenommen wird. Es wird dann die Einsetzung eines parlamentarischen 11 n - tersuchungsausschusses beschlossen, der die Arbeit des früheren Ausschusses zur Feststellung der mit dem Kriege zusammenhängenden Schuldfragen fortsehen soll. Die Anträge des Rechtsausschusses auf Wiederaufnahme der von bayerischen Volksgerichten durch -Urteil abgeschlossenen Verfahren, Aufhebung der letzten Presse- Verordnung des Reichspräsidenten und des Verbots politischer Parteien werden in zweiter Lesung erledigt. Der Rotetat wird dem Haushalts- ausfchuß überwiesen.
Regierungserklärung im Reichstag.
Ablehnung einer Aussprache über London.


