Llr. 224 Swettes Blatt Gletzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefien)Dienstag, 25. September 192H
3n Schanghai.
Don John F r e e m a n.
Der eben ringe troff ene Dries Freemans ist 2lnfang September, also kurz zu Beginn der Schlachten um Schanghai geschrieben und gibt ein außerordentlich anschauliches Bild von der drückenden Atmosphäre, bie in der eingefchlvsseuen Stadt herrscht und den Gefahren, die den zahlreichen Europäern von den fanatischen Chinesen drohen.
D. Red.
Der heiße Tag des noch ungebrochenen Hochsommers ging zu Erü>e. Es ist Abend. Gewittcr- schwüle liegt in der Luft, doppelt schwer, weil sie nicht auf elektrische Entladungen allein hinweist, sondern mehr noch auf jene weil gefahrdrohenderen Eruptionen von aufs Höchste erregten Menschen. Der riesige Verkehr des prachtvollen Boulevards am Hafen, der Banking Road, dieser Hauptgeschäfts straf;e, welche der Chinese „Ma-loo" nennt, dann der staunenerregende Betrieb, der fonft um diese frühe Abendstunde über die Drücken seht, welche den Suchau Creek Überspannen, all dieser ungeheure Straßenverkehr hat fast aufgehört. Es geht etwas vor. Der gegenseitige Haß der Anhänger Sun-ya-tsens und andererseits des T s a g - s 0 - l i n fiebert nicht nur in den chinesischen Einwohnern der von hoher uralter Mauer umgebenen Eingeborenenstadt Schanghai, sondern ebensosehr in den Herzen derer, die das Europäer- Viertel bewohnen. Geheimnisvolle knallrote Zettel, bedeckt mit den schwarzen Krähenfüßen der chinesischen Schrift, prangen an Mauern und Holz- Dosten Wir Europäer wissen, daß draußen in den weiten Riederungen um Schanghai die Truppen beider feindlicher Heere stehen, daß der Sieg der einen der 2 Armeen das unausdenkbarste Blutbad in Schanghai herbeiführen kann. llnt> wehe, wenn die von allen Fesseln befreiten inneren Gewalten der chinesischen Soldateska in den Quartieren der zivilisierten Stadt Schanghai wüten, in diesem Paris des Ostens, wie dieses blühende Handels en ipo rhi m zumeist genannt wird.
Die Dämmerung weicht, bald liegt dasSchwei- gen der Rächt über der Stadt, beten schone Bauten -am Hafen, meist Bankhäuser und Konsulate, im hellen Glanz der großen Bogenlampen schimmern. Ich stehe hier auf einem der sauber gepflegten Wege des Public Garden, des Stadtgartens von Schanghai, vor dessen südlichem Cingangstor das Ehrendenknlal für die im Taifun Untergegangenen des ersten „I l t i s", des deutschen Kanonenbootes, steht: Ein abgebrochener Mast, daneben ein deutsches Matrvsenstandbild aus Bronze. Mein Blick 'fällt auf das Hafengetriebe dicht vor mir, auf die malerischen Dschunken mit ihren riesengroßen Dam- busmasten, aus einen Raddampfer, der dort drüben auf der anderen Seite, an der Insel Putung, still- iliegt. weil er den Jangtsekiang. den Takiang, wie der Chinese diesen Strom nennt, nicht mehr hinauf- fahren kann. Kriegsgefahr!
Hier nn Garten ist Frieden. Selten wandert heute eine Gestalt vorüber, während in normalen Zeiten alle Bänke beseht sind und die auf den verschlungenen Pfaden promenierenden Weihen aller Herren Länder den Klängen der Musikkapelle lauschen, welche, aus braunen Philippinos zuscrmmengefeht, in dem luftigen Pavrllon inmitten inefcr Gartenanlagen spielen. Ruhe und Stille ringsum ist hier. Rur in weiter Ferne der Schall von Flintenschüssen.
Dann, unversehens, verlöschen die elektrischen Lampen des Gartens, indes die Lichter der Schisse -im Hafen um so deutlicher hervortreten. Was ist geschehen? Es liegt in diesen Tagen soviel Gefahrdrohendes in der Luft, daß man auf nichts Gutes gefaßt ist. Indem ich dem nördlichen Ausgang des Gartens -ustrebe, klingt wüstes Schreien von der Straße herüber. Eine Menschenmenge sammelt sich, unverständliche chinesische Schreie werden vernehmbar, hahflammende. verzerrte schrille Schreie. Schüsse fallen. Fenster klirren.
Ich halte mich unweit der eisernen Gartenpforte hinter einer Fächerpalme versteckt. Die Dunkelheit ist fast undurchdringlich. Gern hätte ich den Weg frei in meine Wohnung, welche jenseits der neuen Gardenbridge im Stadtteil Hong- teto liegt. -
Eine wilde Schar aufgeregter Chinesen, wahrscheinlich Kulis, zieht dicht an mir draußen auf der Straße vorüber. Sie stoßen Worte hervor,
welche sich wie zerfetzte Wortlumpen anhören. Der Haß läßt diese Schreie scharf, abgehackt, wie mit Vehemenz hervorgestrhen erscheinen. Ich höre das Ausschlagen von Stöcken auf Menschenschädel, auf Gegenstände irgendwelcher Art. Dioden aber glitzern die Sterne. — Sin Auto rast heran, wall die Menge sprengen, um den Weg frei zu bekommen. Doch wie eine sterbende Maus von Hunderten gieriger Ameisen zugleich angefallen wird, so stürzen die fanatisierten Menschen über das Kraftgefährt her. Der oder die Insassen werden ber- ausgezerwt, mißhandelt, getreten, mas a'.rie t. Sind es Europäer? Amerikaner? Oder irgend.i-.er der zahlreicher Chinesen, welche, längst westlich orien- tiert, ihren eigenen Kraftwagen besitzen?
Die Situation erkennend, verhalte ich mach ruhig. Der Garten liegt da wie verbotenes Terrain, einsam, beinahe verträuntt Rur der laue Wind streicht vom Meere her durch die Büsche und bewegt die langen Finger der Fächerpalme, darunter ich verharre.
Langsam ebbt die Flut der Menschen da vor mir ab, mit ihnen die unartikulierten Derwün- fdhungen. Ich luge über den eisernen Zaun. Die Straß - scheint hier jetzt menschenleer. Rasch entfliehe ich, stoße auf einen weichen Körper, auf dem Pflast -r liegend, eile weiter, mit Vorsicht pür- sch-end, wechsle wie ein Wild über die Brücke und gelange so durch die Wuchang Road. den kleinen Vorgarten passierend, in meine Wohnung. Eine Weile noch schaue ich von meiner Veranda herab auf die Straße, die in Dunkelheit liegt. Schüsse fallen von Zeit zu Zeit, sonst ist es ruhig. Gegen Mitternacht lege ich mich schlafen, ohne das Licht ang«ündel zu haben.
Als ich wieder erwache, ist es dunkle Rächt. Lichtschein fällt durch meine Fenster, auf den Straßen ist Bewegung. Ans Fenster tretend gewahre ich die auflodernden Flammen jenes Hauses dort schräg gegenüber. Dann ertönen Schritte auf der Treppe. Ich bin ruhig, resigniert und sage mir: „Deine Stunde hat geschlagen". Wer vielen Gefahren ausgesetzt gewesen, achtet ihrer weit weniger-. als wer keine Gefahren an sich erlebt. Die Tür wird aufgeriffen, und hwein stürzt nicht die vermutete Chinesenhorde, sondern zwei Deutsche in der Uniform des „Volonteer Corps", der europäischen Rothilfe für Zeiten wie diese. „Ziehen Sie sich sofort an!" sagt eindringlich der eine der beiden im Kakhianzug. Es ist der Ingenieur Schmidt aus Mülhausen im Elsaß. „Wir bringen Sie fort, die Lage ist gefährlich geworden."
Und während ich mich ankleide, erzählen diese beiden von den Morden unter den Chinesen, den Ueberfällen auf Europäer, den zahlreichen B.än- den. „Wahrschrinllch können Sie morgen oder in den nächsten Tagen wieder zurückkommen, für diese Rächt aber stehen wir für nichts ein. Dre Chinesen haben sowohl das 'Gaswert als auch die Elektrizitätszentrale zum Stillstand gebracht. Wir sind ohne---r- —Ein Schuß fällt draußen,
durchschlägt das Fenster unb, gegen die Wand über meinem 'Bett aufklatschrnd prallt die Kugel zurück und fällt auf den Boden.
„Wohin führen Sie mich?" frage ich, den Hut aufsehend und das Zimmer verlasiend.
„Zum italienischen Kreuzer „Ma r cd P olo", der bereit zur Aufnahme von Flüchtlingen im Hafen liegt.
Durch winklige, enge, krumme Gäßchen und Gassen, wie man sie in dieser obskuren, geradezu grotesken Bauart nur in China findet, Gassen, I darin es unbeschreiblich Übel riecht, gelangen totr I drei sicher an den Quai, unweit des deutschen Konßllats, dort, wo das große Hotel „AstorHouse" steht. Dort schaukelt eine Pi'rasse auf leichtbewegten Wassern, voll besetzt mit Flüchtlingen, Kaufleuten der Europäerstadt, dazwischen vereinzelte Frauen und Kinder, denn der größte Teil dieser letzteren war bereits vor Stunde >1 abtransportiert worden. Ein italienischer Matrose hält die Pinasse mit kurzem Haken am Quaibalken.
Mich von meinen beiden Begleitern herzlich dankend verabschiedend, besteige ich das Fahrzeug, das sich gleich darauf in Bewegung setzt. Zuerst langsam, dann hurtig geht es den Hafen hinab. Hinter uns erstrahlt der Himmel in der roten Glut brennender Häuser. Schanghai bleibt mehr und mehr zurück. Abwärts am Wusung River, nahe der langgeftrccften Insel Putung deren riesenhafte Bambusstäbe hier am User aufragend herüberwinken, legen wir längsseits des „Marco
Polo" an Bewillkommnung seitens der Offiziere, welche uns aufs Freundlichste empfangen.
Bald danach liegen fast alle Angekommenen ausgcstreckt auf den an Deck niedergelegten Matratzen. Ob sie wohl Schlaf finben?
Sinnend sitze ich aus einem Klappstühlchen am Heck und blicke hinab auf die schwarze Flut da unten, während es vier Glasen schlägt und die Wache abgelöst wird.
Kunst und Wissenschaft.
Dom hessischen LandeStheater.
Darmstadt, 22. Sept. (Eig. Bericht) Dis Landes Heater trat gestern mit einer bemerkenswerten literarischen Aufführung hervor, and. zwar mit Lessings Iugendwerk „Miß Sara Samp- s on". Es ist dies das erflc deutsche bürgerliche Trauerspiel, das nur noch selten einmal aif der Bühne erscheint. Einzelne Szenen fmb auch heute noch von starker Wirkung, in anderen schwachen versagten aber auch die Darsteller: es gelang ihnen nicht, sie der Gefühlswelt unb dem Empfinden einer modernen Zuhörerschaft näher zu bringen.
Dom Frankfurter Schauspielhaus.
Das Frankfurter Schauspielhaus begann seine neue Spielzeit mit einer Reuinszenierung der „Hermannsschlacht" durch Intendant Weichert, die bei Presse und Publikum lebhaften Widerhall fand. Als erfte reichsdeutsche Uraufführung gelangt bereits Ende September P i - randell 0 s „Sechs Personen suchen einen Autor" zur Aufführung mit Intendant Weichert als ©arfteller der Rolle des Direktors, Regie Dr. Buch. An weiteren Uraufführungen folgen Cidlihens preisgekröntes Drama „Der Berg in der Wüst e" und Bronnens „K a - ta launische Schlacht", beide Werke von Intendant Weichert selbst inszeniert. — Als nachträgliche Feier von G6"ethes 175. Geburtstag wird eine Festspielwoche geplant, die neben Iphigenie, Tassv und Die natürliche Tochter, eine völlige Reugestaltung des Faust-Dramas, ebenfalls unter Regie von Intendant Weichert, bringen soll.
Wirtschaft.
Die Krediterleichterungen der Reichs- bank.
Zu den Erleichterungen, die die Reichs- bank für das Wechselankaufsgeschäft, wie bereits befianntgeg.'ben, beschlossen hat, wird noch folgendes mitgctrilt:
Wenn die Reichsbank in Zukunft das Kredit- bedüifiiis der Wirtschaft wieder in größerem Umfange soll befriedig?n können, muß demnächst verlangt werden, daß der Wechsel wieder mehr als bisher nicht nur Kredit-, sondern auch Zahlung s m il te 1 f u n kt ion e n aasubt. Die Reichsbank kann in der Regel die Wechsel nicht direkt vom Aussteller ankaufen, vielmehr muffen die Aussteller wieder dazu übergehen, sie an ihre eigenen Lieferanten weiter in Zahlung zu geben, so daß. sie, ehe sie schließlich zur Dank gelangen, tunlichst eine größere Zahl von Häniten passiert haben. Dies ist der Sinn der Vorschrift, daß künftighin nur noch Handelswechs el mit drei Unterschriften ohne weiteres angekauft werden dürfen. Der Bereitwilligkeit der Reichsbank, mehr als bisher zu diskontteren, muß gegenüberstehen die größere Bereitwilligkeit der Schuldner, Wechsel zu akzeptieren oder za girieren, unb bie größere Bereitwilligkeit der Gläubiger, solche Papiere in Zahlung 41 nehmen. Je mehr Unterschriften auf einem Wechsel stehen, um so besser wird feine Qualität, um so leichter wird er von der Reichsbank hereingenommen werden, um so weniger werden die Wechselinhaber mit Zurückweisung seitens der Reichsbank zu rechnen haben, unb diese Erleichterung wird sich im gesamten Kreditverkchr geltend machen. Die Verbesserung der Sicherheit der Wechsel durchs Vermehrung der für sie hastenden Unterschriften ist auch um so notwendiger, als durch die Entwicklung der letzten Jahre die Geschäftsvermögen selbst unb damit die in ihnen gegebenen Haftunter- I lagen sich verringert haben. Es ist selbstverständlich, baß die Weitergabe von Kundenwechseln I nicht in allen Fällen möglich ist, baß vielmehr ein
Der Grotzvezier und die Mücke.
Skizze von Hella Hofmann-Wien.
Die^e Geschichte erzähl'.e Omar, ber Märchen- dichter, den auf horchenden Freunbeir: „Es leb: e einst ein junger Kalif, der von serne.n Vater ein großes Reich geerbt hatte. Seine Schatzkammern flössen über von Gold unb Edelfte.nen, unzählig waren die herrlichen Pferde, die er besah und gröber noch als ihre Menge ttxtr dre Zahl der Tänzerinnen und schönen Mädchen, bie er in seine Umgebung zog. Der junge Kalif verstand es. seinen Reichtum zwar nicht weise, jedoch angenehm zu nützen. Er versagte sich selbst teuren Wunsch unb hatte die lästigen Geldgeschäfte einem feiner ernten Fr. und. den er zum Großvezier ernannte, ar.Derire.uL
Eines Tages kamen s ine irei en Berater zu ihm und sagten: „Herr, dein Großvezier hat sich ein herrliches Haus erbaut!1 „Mag e cö in Freuden bewohnen!" antnrr.etc der Kam unb gab den Auftrag, für feinen eigenen Gebrauch drei neue Paläste zu erbauen.
Wieder tarnen bie Welfen und flüsterten: „Hoher Kalif, d.i : Greßv.-ziei hit s.ane. Frau ein prächtiges Diadem geschenkt!' „Möge es ihre etirn hell überstrahlen, daß bie Schotten den Sorge keinen Platz auf ihe sinken'1 memte cer Herrscher, „ich aber will jeder von meinen tauk'iib Frauen ein Diadem schenken, tote er es Ieiner einzigen Frau taufte!"
Sie tarnen zum dritten Male und sagten „Dein Großvezier, dem du vertraust, ist 1 Be- trüget. Er ist ein reicher Mann geworden in deinen Diensten. Es wäre Zeit, seine Rechnungen zu überprüfen!"
Aber der Kalis war jung, unb bu txxv lidtcn lockten ihn mehr als die Rechnungsbacher. Er ließ die Weisen reden und ging zu seiner Licblingssklavin.
So vergingen die Jahre, und aus dem jungen, fröhlichen Kalifen wurde ein älterer^ gricfjgrä= Ntiger Herr. Die Freude an den Tänzen der Odalisken schlief langsam ein, unb er begann mißtrauisch zu treiben. Als er wieder einmal des Rachts nicht schlafen konnte, erinnerte er sich der Verdächtigungen, die einst die weisen Berater gegen den Großvezier ausgesprochen hatten. Eine
schlaflose Rächt bringt, wie die Aerfte wissen, der Gesundh.it Schaden. Diesmal war es aber mehr die Gesundheit des Grohveziers als die des Kalifen, der sie schadete. Der Herrscher tat, was ihm bisher nie eingefallen war Er prüfte die Rechnnngsbücher. In den Aufzeichnungen der letzten Jahre sand er fast nichts zu tadel 1. Wohl schien ihm manchmal eine Ausgabe sehr hoch, doch handelte es sich nie um große Summen Beruhigt legte er die Bücher fort und versuchte eiirzuschkafen. Aber noch immer wollte sich der Schlummer nicht auf sein Lager nieder lassen. Da stand der Kalif abermals auf und ließ die Rechnungsbücher aus den ersten Jahren feiner Regierung bringen. Her fand er vieles, das fein spärlich gewordenes Haupthaar zu Berge steigen ließ. Kein Zweifel konnte mchr bestehen: Die Anschuldigungen der Weisen waren berechtigt gewesen. In den ersten Jahren seiner Regierung waren die Kosten des Hofhaltes zehnmal groß wie in den letzten. Daß er selbst in letzter Zeit wenig Ausgaben gemacht hotte, konnte nicht allein der Grund fein. Er wußte, daß sein Großvesie. einer der Reichsten im Lande war. Rur durch Betrug und Diebstahl war er es geworden.
Er ließ die weisen Berater wecken unb zu sich berufen. Auch der Schreiber des Kalifen, ein armer, geringer Mann, den keiner schätzte, erschien. Der Kalif sagte: „Mein Großvezier ist ein Dieb. In den.-festen Jahren war er bis auf ganz unbedeutende Kleinigkeiten ehrlich, aber im Anfang hat er mich betrogen. Wie soll ich den Dertrauensbruch bestrafen?"
Die Berater zermarterten sich die weisen Köpfe, um die ärgste Strafe zu finben. Sie alle waren empört und wütend, denn keinem vv' ihn.n hatte seine Stellung bei Hofe sv gute Gelegenheit geboten, sich Geld zu schaffen.
Rur ber Schreiber wagte es zu lagen: „Laß alles vergessen fein. Herr! Du sagst selbst, daß er in den letzten Jahren ehrlich war. Tue. als wüßtest bu weiter nichts von den alten Betrügereien. Ich b reife dich glücklich. Kalif, weil bu zu jenen gehörst, die man bestehlen kann. Es ist besser, 'bestohlen zu werden, als selbst erst stehlen zu müssen, um sich Geld zu schaffen."
Da riefen die Weißen verächtlich: „Sv kann auch nur ein Schreiber reden!"
Der erzürnte Kalif fand die ärgste Strafe für den Betrüger: Inmitten eines stehenden, versumpften Wassers lag ein kleines Stück Land, bas man nur bie Mückeninsel nannte. Dort war die Luft schwarz von kleinen Mücken, die sich gierig auf jeden Menschen stürzten, der die Insel betrat. „Man nehme dem Großvezier bie Kleider fort!" befahl der Herrscher, „unb binde ihn nackt an einen Baum der Mückeninsel! Sort mögen die Mücken das Blut aus seinem Leibe saugen, wie er das Gold aus meiner Schatzkammer gesaugt hat!"
Sv geschah es und der Kalif ernannte auf ber Stelle einen seiner weben Berater zumGrvh- vezier. Aber er war nicht zufrieden mit ihm, denn die Rechnungen stiegen. Einen der Ratgeber nach dem orderen ernannte er zum Groh- vezier. aber die Rechnungen wurden immer höher, die Kosten der Hofhaltung immer größer. Fast so groß waren, wie sie zur Zeit seiner ersten Rcgierungsjahre, obwohl die Odalisken an seinem Hofe so selten geworden waren. Der Herrscher konnte den Grund der riesigen Ausgaben nicht entdecken. Rächtekang saß er über den Rechnungen und kannte sich nicht aus, denn er war lange nicht so klug wie die Weifen, die sie geschrieben hatten. Endlich nahm er sich vor. den alten betrügerischen Großvezier aufzusuchen, dec sich in Geldgeschäften austannte.
Er begab sich in Gesellschaft seines Schrribers auf die Mückeninsel. Man führte ihn zu der Stelle, wo der Betrüger gee'selt stand, doch der Kalif tonnte ihn kaum sehen, denn jede Stelle seines Körpers war mit Mücken bedeckt, bie rund unb bick waren von feinem Blute
Da erfaßte Mitleid das Herz bes Herrschers, und er wollte mit eigener Hand die Mücken, bie den Leib des einstigen Fr mürbes bedeckten, fori- jagen Doch der schrie entsetzt auf. „Tu es nicht, hoher Kalis! Jage die Mücken nicht fort, benn sie sind satt und vollges»gen mit meinem Blute. Wenn bu sie aber fortjagft, werden neue Mücken kvmmen unb sich hungrig auf mich slür-ea. Dann werbe ich dieselben Qualen nochmals leiben müssen, bie ich erduldete, bis sich die Mücken, die bu' auf meinem Körper siehst, gesättigt hatten. Sie tun mir nicht mehr viel, denn sie sind übersatt. nur manchmal naschen sie noch ein wenig von meinem Blute, aber es ist leicht zu ertragen!"
Teil derselben aus den verschiedensten Gründen diskontiert werden muß Es wird indessen möglich sein, den Wechsel in rocht großem Umfange als Zahlungsmittel zu vernvenben und hierdurch die Ausnutzung des Reichsbankkredite > za beschränken. Bezüglich ber Laufzeit ber Wech- s e l wäre zu sagen, daß die 90täg ige Frist nur da zugestanden werden soll, wo der Pro- duklionsgang oder Umschlag diese Zsit wirllich erfordert. In erster Linie würde das für die Industrie gelten Doch wird hier, wie namentlich auch im Ambe!, sehr oft auch eine kürzere Frist genügen. Die Zulassung von Bankakzepten bedeutet gegen den bisherigen Zustand eine Aon- derung, die nur allmählich und mit großer Vorsicht durchgeführt werden kann. Die Verwendung dieses Kredites zur Erlangung von Mitteln für feste Anlagen, für Erweiterungen ber Betrieb« usw., kommt nicht in F.age. ES kann sich nur am bie Befriedigung jeweils vorübergehenden Geldbedarfes handeln. Bei der Vorsicht, mit der diese Frage bis zur Wiedergewinnung fetterer, namentlich auch ziffernmäßigerer Grundlagen za behandeln ist. muß barauf gehalten werden, daß die Beteiligten jeweils vorher über das Ausmaß dieser Kredite mit der Reichs bank Fühlung nehmen. Selbstverständlich kann daS Bankakzept auch zur Bezahlung von Warenbezügen benäht werden, indem eS von dem Aussteller dem Liefe- ranken in Zahlung gegeben wird
• Höchster 5 a r b toc r le 21.-0. norm. Meister, Lucius and Brüning in Höchst a. M In der H.-V. wieS der Auftichts- ratsvorsihende darauf hin, daß ber Geschäftsbericht für 1923 sehr wenig positives enthalte. Die Gvldbilanz werde voraussichtlich kaum vor Ende des Jahres oorgclegt werde 1 können. Anhaltspunkte für die kommende Goldbilanz habe man noch nicht. Die umlaufenden Gerüchte unb Angaben über das voraussichtliche Zusammen- legungSvcrhältnis entbehrten jeder Grundlage. Der 2lbschluh für 1923 wurde genehmigt.
* Phönix 21.-®. für Berg bau und Hüttenbelrieb in Hörde. 2Iu« Berwal- tungskreisen wird der „Kölnischen Zeitung" zu den verschiedenen Rachrichten über die Umwandlung des in Holland aufgenommenen Kredites und die vorgesehmr Zusammenlegung des Aktienkapitals folgendes mitgeteilt: Bon dem hollän- dischen 10-Millioneiu-GuIden-Krebit, te1 gegen Hinterlegung der 300 Mill. Mk neuen Aktien in holländische Treuhänder chaf t ausgenommen wurde, ist bisher ein Teil für dringende Erneue rungsbauten in Anspruch genommen. Der Kredit ist in letzter Zeit weder abgelöst worden, noch ist in der Hinterlegung der 2lltien eine Aenderung eingetreten. An den bekannten Voraussetzungen für diesen Kredit hat sich gar nichts geändert. Es ist aber nicht ausgeschlossen, d.ch bei eint re-
UND ZURÜCK
21. BIS 27. SEPTEMBER 1924
805 ab Giessen an 621
838 J B.-Nauheim | 559
919 an Frankfurt ab 512 "•
Da wurde ber Kalis nachdenklich. In seiner Ratlosigkeit fragte er den Schreiber: „Du bist zwar nur ein geringer Mairn an meinem Hofe, vielleicht erleuchtet aber der Himmel gerade jetzt deine Stirne: so sage du mir, was ich tun soll, damit meine Rechnungen wieder kleiner werden!"
Und der Schreiber antwortete: „Ich sagte es dir schon früher, Herr. Rimm den alten Großvezier wieder in Gnaden auf. Er ha seine Sünden gebüßt. Bist du an dem Beispiel der Mücken nicht klug geworden? Weiht bu jetzt, warum die neuen Groh Veziere mehr Gelb brauchen als der alte? Der alte war eine vvllgesogene Mücke, ein reicher Mann. Er hatte es nicht mehr notwendig, das Gold aus deinen <5 ix1 ^fammern zu trinken. Er stiehlt nicht mehr, vielleicht nascht er manchmal ein wenig, doch das ist leicht zu ertragen . . . Aber es kostet viel Blut und viel Gold, Herr, bis eine hungrige Mücke satt und ein armer Großvezier reich geworden ist!"
„Sv willst bu damit sagen, daß alle Groh- Veziere stehlen müssen?" brauste der Herrscher auf, ..hättest bu es vielleicht auch getan, wenn ich dich zum Grohvezier gemacht hätte?!"
Da lächelte ber andere Hoher Herr, ich bin ein anständiger Mensch, deshalb habe ich es auch bis zu deinem geringsten Schreiber gebracht . . Menschen wie mich macht man nicht zum Großvezier!"
Und der Kalif befolgte den Rat. Er selbst loste die Fesseln des Gebundenen und machte ihn wieder zum Großvezier. Und die Rechnungen wurden immer kleiner und der Kalis immer zu
friedener . . .
Der Märchenerzähler hatte geendigt abe- die Zuhörer dankten ih.n nicht, wie sonst, mit überschwänglichem Lobe. Alle hatten die Köpfe gesenkt und lächelten gezwun'en. Endlich sagt: einer verlegen: „Ich habe deine Geschichte nicht ganz verstanden, Omar. Vielleicht, weil sie in längst vergangenen Zeiten spielt, denn heute kommt Aeh.nliches doch nicht mehr ver. Welche Lehre, welche Moral aber sollen wir aus dieser Ge
schichte ziehen?" r,,,,
Da antwortete Omar: „In dieser Ge'chichte, v Freunde, steckt keine Moral, denn sie ist wahr. Und wahre Geschichten sind fepen moralisch--


