Vlenrtag, 22. April 192$
U4- Jahrgang
Erstes Blatt
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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er unmittelbar das neue Leben feiner Ursprung- Was an kirchlichen Dogmensystemen und an der lichen Menschheit stiften. Endlich beruhigt sich ! vulgaren Aufklärung überlebt, matt und unbefrre-
Dir Besten unter seinen Zeitgenossen haben seine Philosophie nicht nur als Etahlbad empfunden, sondern auch wir einen neuen Schöp- fungstag der Erkenntnis und wie die höhere Stufe des Begriffes „Mensch sein".
alles in der Schöpfung scinerGeschichtsphilosophte, die eigentlich Psychologie der Völker, Kulturen und Seiten ist. Diese Geschichtsphtlosophie aber weih sich als eine gottinmge Religion. Die Welt in ihrer Fülle wird göttliche Einheit, ein Reich der weisesten Güte, Liebe und Schönheit.
Das aber ist Kants Frage und Sorge, ob ein solches Erkennen deS Alls in seiner Einheit und Ganzheit möglich sei, ein Erkennen, wie es dann sein mußte, aus reiner Vernunft. Als der Mann des logischen Gewissens sucht er die Rotwendig leiten der Begriffe im Gesamtgebiet ter menschlichen Erkenntnis. Ruch er ist um das All bemüht, abar nicht um das All der Welt, sondern um das All des Geistes. Auch bei ihm geht es um die Grunde des Lebens, und es fehlt nicht an tragischer Gröhe: den Menschen gilt es zu verstehen als das mit seinem Zuge zum Anendlichen inS Endliche ein geschlossene Wesen. Freilich wenn er nun die Raturwissenschaft in ihren Grundbeg.isfen bestimmt und Har auf ihre Ziele richtet, so ergibt sich, daß die Olatur der Raturwis'entchaft Gott nicht kennt. Auch die Sittlichkeit iit ihrem Grunde leimt Gott nicht. Kant wird der g.o .e Lehrer des eu opä> schen Gedankens von der iy sich selber und in ih.er Freihett begründeten Sittlichkeit. DaS si t° liche Leben freilich kennt und find.t Gott ut dem Glauben, der seine Seele ist, an diese Well als eine Well des Helligen Willens. Das Schö. e endlich ist ein Reich der Freude am reinvn Schauen und an der reinen Gestalt, ein Reich des blohen Scheins, das im Spiel der Einbildungskraft entspringt. Kein Zufall, daß ter Ge-genlatz an der Geschichtsphllosopk-ic zum Ausdruck tommt Das Werk Herders wird im innersten vernicht.t du ch den Rachweis, Last es einmal dem großen Geschichtsseher an einem Begriff der Geschichte fehlt, und Last sodann das große Werk eine dogmatische Metaphysik ohne jede 'Begründung in den tragenden Begriffen ist. Jede Verständigung war ausgeschlossen. ES steht die religiöse Gewitzheit gegen die logische Pünktlichkeit. Im Grunde aber vollendet Kani die Revolution, zu der Herder auf dem Wege ist. Das Ziel der wissenschaftlichen Bildung liegt in der Bereinigung der logischen Bewußtheit mit dem scha u enden Berstehen. Herder ergänzt Kant, der ihm persönlich zum Verhängnis wurde, sachlich in der Well der deutschen Bildung als eine unentbehrliche lebendige Kraft der Ergänzung.
Am Ostermontag erfolgte die Einweihung deS neu geschaffenen Grabmals ImmanvelKants
gründen will. Wir sehen im übrigen den Aus- flieg e nes extremen Rationalismus in Deutschland als eine sehr große Drohung an und als gefährlich für Europa und beklagenswert auch für Deutschland, aber
die Politik der Alliierten tragt zum großen Teil die Verantwortung fär diesen Aufstieg des deutschen Nationalismus.
Macdvnald drang endlich darauf, Deutschlands Wort anzunehmen. Wenn wir aufhören, all Kerkermeister zu handeln, dann können die vor Deu schland g g brnen Bürgschaften angcnvmmer werden. Lahr uns zu Deutschland fagei\. wenn ihi erklärt, daß ihr diese Berichte annehmen werdet dann werden wir euch bet eurem Wort nehmen Wir haben keinerlei 'Vorbereitungen getroffen um irgend einen Verzug auf eurer Seite zu begegnen. Wenn ihr nach dieser feierllchen Verpflichtung in Verzug geratet, dann werden wir unseren Alliierten näher stehen als je und wir werden auf das Ergebnis warten. Aber wir vertrauen euch. si
MacdonaldsAutzenpolitik
London, 19. April. Premierminister Mac- donald erklärte m einer mit Spannung e.warteten Rede auf der Zusammenkunft de älnabhängigen Arbeiterpartei in'Bork, die jetzige Regrerung bestehe nur aus Menscher, sie habe Fehler gemacht und werde weiter Fehler machen. Wenn sie ihr Amt in zwei Woch.n nie^e-legen würde, so würde sie doch der Geschichte^ der Arbeller- bewegung ihren Stempel auf gehäuft haben; die Arbeiterpartei sei seit 3anuar größer geworden nicht an Umfang, aber dem Geist nach Macdonald trat der Auftastung entgegen, dast die A.better- vegierung zwar tm Amt sei, jedoch keine Macht besitze, und sagte, wer an der Macht sei, habe Gelegenheit, und
Gelegenheit bedeute
Habe die Regierung nicht Rußland are tonnt? Werde etwa mit dem Bau te8 Singapore- docks fortgefahren? Der Premiecmmister be* schästiLte sich weiter mit der Reparation-
Unter den persönlichen Schülern Kants in der Heimatstadt war Herder der wichtigste Ihm ist Kant in doppeltem Sinne das eigenlliche getftige Schicksal geworden, er eröffnet ihm in der Jugend die große Well des philosophischen Gedankens und trifft bann später Herders Hauptwerk mit jenem Angriff, der sich als Todesstoß für Herder erwies. Zwei Begabungen — jede in ihrer Weise von der höchsten Art — bildeten hier einen Gegensatz, der immer ausschließlicher herdortrat. Herder hat das Ohr der mitfühlenden und mit» lebenden Liebe und so offenbart sich ihm die Seele im Liede, im Geistus, in einem Volle. Das Verstehen entfaltet sich in einer pädagogischen Sehnsucht nach vollem und ursprünglichem Menschentum und mündet in einen großen W llen der allgemeinen verstehenden, fördernden Menschenliebe. Sein Erkennen möchte ein unmittelbares Schaffen deS Lebens fein. Als ein Bote von Gott möchte
Königsberg, 19. April (Wolffst Die Veranstaltungen zum Gedächtnis des 200. Geburtstag s Imma uel Kants wurden am San st. rg abend durch eine Festsetzung der Ortsgruppe Königsberg der Kantgesellschaft in der Aula des Friedrichskollegiums. die mit den Büsten der b Iben größten Schüler des Kollegiums, Herders und Kants, geschmückt war. eingeleitet. Rach einem Orgelv-rsviel sprach der Vorsitzende der £r sgrupp , Prf Dr Kowalews t» Ä:nig3» berg, vom „Heimatgeist in der Kantischen Philosophie.
Prof. Dr. Otto Schondörffer, ebenfalls aus Kön'gsberg, feierte als zweiter Redner Rudolf Reicke und Emil Arnoldt als Wieder- erw.'cker b:8 3nt r ff s an d:r Phil s.phie Kants.
Der dritte Redner des Abends, Prof. Dr. Artur L i e b e r t, der G schäftsführer der Kant- g sellschaft, hielt einen D)rtrag über „Äant und dir geschichtl che Weliansicht". In dem Kant- jublläum erblicken wir ein mahnendes Symbol, dessen Gehalt den Charakter einer höchst sittlich n Verpflichtung in sich trägt. Hier wird die ti fste Inn'rl.chk it unseres W.srns aufgerufen. In der Gedenkfeier für Kant erfüllen wir eine sittl che Forderung, der wir treu sein müssen, and rnfalls wir der Idee unseres Lebens nicht genügen. Durch dieses Gefühl werben wir bestimmt, im Geiste Kants „Kritik" an uns selbst zu üb n. wenn wir nicht des sfttllchen Rechtsanspruchs unseres Leb.ns verlustig g.hen wollen.
Die große Kant-Gesellschaft
hielt Sonntag vormittag zunächst eine geschäftliche Sitzung ab. Zu CSbcenmttgltebern wurden ernannt der bisherige Kurator der ilniverft ät Halle, Geheimrat Professor Meyer in Halle, Landgerichtsrat War da in Königsberg, Professor Goedeckemeyer in Königsbe g, Professor Groenewegenin Amsterdam. Es fötale bann die Verkündung des Ergebn.ftes der Br. Ludwig Iaffs-Preisaufgabe: ter gestiftete Preis wurde keiner der eingereich.en Arbeiten zuteil, doch wurden die Arbeiten von Dr. Pringsheim in Breslau und Professor Dr. Alfred Dippe in Erfurt ehrend anerkannt. Gegen 12 ftlh-r mittags wurde alsdann in dem bis auf den letzten Platz besetzten großen Saal der Palästra Albertina die öffentliche Festsitzung der KanttGesellschaft durch P ofrssor Dr. Artur Liebert eröffnet, fcer tm Ramen der Geschäftsführung der Kant-Gesell,chaft tie G-- schienrnen toilltDmmen hie') und gleich eitig mft- teilte, bah der am erster Stelle borg fth ne Festredner Seb im at Professor Dr. Vaihinger wegen seines unsicheren Grfundh itszustandes kt- Ler verhindert sei, seine Ansprache über „Staat in der Philosophie der G^enwart" selbst zu halten. In dieser, die daraus von Prof. Liebe.t verlesen wurde, sucht der Reslvr der deutsch n Käntsorscher zu zeigen, wie trotz mancher Abweichungen vom Buchstaben deS Kritizismus d ch dec Geist des groben KonigSberger Denkers alle modernen philosophischen Ber uche direkt ober in- dirett beeinflußt und so for.wi.kt. Die einzelnen philosophischen Hauptshsteme der Gece.ftv.uft w r- den in prägnanten Skizzen vorgeführt und kri.isch beleuchtet.
— Sodann sprach
Dr. Eugen Kühnemann, Professor an der Uni» versität Breslau, über „Kaut und Herdes.
am Dom. Zu der vorangehenden akademischen Ffter hatten sich in dem ehrwürdigen Gotteshause gegen 12 älhr die hier anwesenden Vertreter ber Reichs- und Staatsminifterien und die Mftglleder sämtlicher provinziellen und städtisch:» Behörden und Körperschaften mit den ausländisch n und heimischen Teilnehmern eingefun- d n. lln'er Gl)ckengelaute und Orgelspiel, wäh- " ' ' ' ' ' von den
frage; er erklärte, er sei froh, zu sehen, dah das ganze Land hinter ihm stehe in dec Ansicht, daß der Sachverständigenbericht als Ganzes angenommen werden mühte. Der Bericht enthalte Dinge, die er schätze, und Dinge, die er nicht gern habe, aber wenn er diese oder jene Einzelheiten aufzuwerfen beginnen würba so würden F.ankreich, B.ftgien und Deut.chland dasselbe tun, und man würde sich in genau derselben Lage befinden und genau wieder da fein, wo man angefangen habe.
Hier ist Europas Gelegenheit — ergreift sie sofort und vollständig und bringt Stieben und
Sicherheit für den Kontinent.
Es g-ht aus den Berichten der Sachverständigen llar hervor, daß, wenn man noch zwei Jahre di selb: Politik führt, welche man seit zwei oder drft Jahren betrieben hat, keine Hoffnung auf Sicherheit und Frieden mehr besteht. Ein Eintritt Deutschlands in den Völkerbund würde die Organisation vollenden, auf ber ich gern den künftigen Frieden Europas
Das Kantjubiläum.
Der Festakt der Kantgejellschast in Königsberg. — Einweihung des Kant-Grabmals.
rmb dessen . _ . . -
Plötz n erhoben hatte, zogen die Abordnungen sämtlicher student scher Korporationen mit ihren Fahnen und Dannern in den Dom. Dahinter folgten die Rektoren der auswärttgen älniversi- tät.n und Hochschulen im Ornat, an ihrer Spitze ö:r preußische Kultusminister Doelitz. Staatssekretär Becker und Ministerialrat Professor Richter. Den Schluß des feierlichen Zuges blld.te die Professorenschast der Albcrtusuni-- berf.tät Rachdem die Studentenschaft sich mit ihren Bannern um den Altar gruppiert hatte, sprach Prof. Adolf von Harnack von der wissenschaftlichen Persönlichkett Kants, sodann von seinem Werk und endlich von den Wirkungen dieses Werkes bis zur Gegenwart. Seine ganze Leidenschaft und daher sein Lebenswerk war der Erkenntnis des W'rllichen und der Wahrheit heft gewidmet, so daß man ihn Öen „Heiligen Franziskus der Wissenschaft" nennen darf.
digend war, das schien nun alles beseitigt, waS art der Aufklärung des Zeitalters wahr uno befreiend war, das erschien gerechtfertigt, v. Harnack schloß seine Rede mit einem Hinweis darauf, was Kants eisernes Pflichtgefühl dem niedergeworfenen deutschen Vaterland auch heute bedeuten kann. Als der Redner geendet hatte, verließ der Zug bet Studentenschaft und der Rektoren daä Gotteshaus und begab sich um den Dom herum zu der Gräbst ä 11 e Kants, wo sich die übrigen Festteilnehmer versammelten. Ringsum hatten die Königsberger Schulen mit Fahnen Ausstellung genommen. Oberbürgermeister Lohmeyer dankte dem Schöpfer des jetzigen Grabmals, Prof. Lahrs, für fein Werk. „Edle Emfatt und fülle Größe waren Kants Wesen und Wirken. Scr steht auch heute in schlichten und einfachen Formen dieses Grabmal vor uns. Jedem Beschauer jederzeit zugänglich, Helles Licht kann von allen Seiten hereinfluten. Wir sind stolz darauf, den großen Meister Kant zu den Unfern zählen zu können und darauf, daß von hier aus die Strahlen feines Geistes über die ganze Wett hinaus gegangen find. Cs wird die Spur von feinen Erdentagen nicht untergehen. Und nunmehr übernehme ich als derzeitiger Oberbürgermeister der Stadt diefes Grabmal." Rach diesen Worten öffnete der Oberbürgermeister bk Tür des Säulentempels und legte an der Grabstätte des großen Toten, über der in goldener» Buchstaben nur die Worte stehen: .Immanuel Kant" einen schlichten Kranz nieder. Dann löste sich die Festoersammlung still auf.
Der Reichspräsident zum Kant jublläum-
Berlin, 19. April. (Wolff.) Der Reichs. Präsident richtete anläßlich' der Äantfeier an den Oberbürgermeister der Stadt Königsberg and den Rektor der dortigen Universität folgendes Schreiben:
„3u meinem Bedauern ist e8 mir nicht möglich, der freundlichen Einladung Königsbergs und ber ALbeltunioersität Folge zu leisten, und persönlich an der Äantfetcr teilzuneHmen, huldige aber mit Ihnen dem Gedächtnis des großen Mannes An diesem Gedenktage feiert das deutsche Voll nicht nur den Denker, der in beispielloser geistige' Kraft und vorbildlicher Aufrichtigkeit und Trew der Ar bett ein neues Weltbild errichtete und damtt für alle Völler eine neue Epoche der Denkens begründete,
eS bekennt sich auch zu den uupersieglrchen Quellen seiner eigenen seelrschr» Kraft, die gerade tm Geiste KantS aus tiefstem Grunde strömen.
Kant 'bat die hohen Ideale, die das Leben bestimmen, m das Gebiet ber pe.fönlichen lieber- zeugung versetzt^ er hat den erhabenen Pflicht- b e g r i f f, der sich an die F.e'chett des Menschen richtet, in den Mittelpunkt der Moral gerückt, er hat den hohen Begriff ber Menschenwürde aufgestellt, wonach die Menschen nicht zu bloßen Zwecke anderer auf Kosten ihrer Kuttuv und ihres Menschentums herabgedrückt werden dürfen, und er wies den sicheren Weg zu einem sinnvollen Z u s a m m e n wi r ke n de r Völker und Staaten. Aus den Menschen selber aber hctt er ihr Bestes herausgeholt, weil er ihnen gutes zutraute.
So wurde er In einer für die Kultur Deutschlands wichtigsten Zeit der moralische Gesetzgeber und zugleich jedem einzelnen Deutscher ein Vorbild.
Die deutsche Republik wird mit den besten Kräften des deutschen Geistes verbündet bleiben, solange sie die Kantschc Idee der Freiheit als dw Grundlage und den Antrieb ihres staallichen Lebens anerkennt und sie in der Staatsform zu verwirklichen sucht, die auf dem Gedanken Kants beruht, „was ein Voll nicht selbst über sich beschließen kann, kann auch ein Gesetzgeber nicht über an Voll beschließen". Möge dic Kantfnrr in ber chrwürdtgLn Stadt seines Wirkens den Geist und den Stnn aller Dollsgenossen e.hBen und sw in ihrem Aufstieg aus Zwang und Rot beflügeln und stärken."
Der Japan-Konflikt.
ES sind keine srvhen Osterbotschaften, die auS Rordamerika kommen. Das friedliche Auskommen zwischen den Bereinigten Staaten und Japan, das feit Jahrzehnten durch immer neue KonsliktSanlässe in Frage gestellt ist, erscheint seit einer Woche unhaltbar erschüttert, so erschüttert, daß ängstliche Auhenpolitiker bereits von dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Weltmächten sprechen. Das hat mit seinen Beschlüssen der Kongreß in Washington angerichtet. Das Repräsentantenhaus nahm die neue Einwande- rungSbill, die den japanischen Zusttom künsttg glatt unterbinden will, mit einer erdrückenden Mehrheit von 322 gegen 71 Stimmen an. Der Senat, noch iapsfemdllcher, beschloß die Billigung der Gesetzesvorlage in fast derselben Fassung wie das Repräsentantenhaus. Ja, als die Erörterung der Rassenfrage in der stets sehr aufgeregten amerikanischen Presse sich erhitzte, wiederholte der Senat die Abstimmung. Er beschloß mit 71 gegen 4 Stimmen von neuem die Fernhaltung aller japanischen Einwanderer, wobei besonders fanatische Senatoren ausdrücklich den Wunsch äußerten, daß ihre Aamen auf die Liste der Abstimmenden gesetzt werden. Der Gang der Gesetzgebungsmaschine in den Staaten ist nun derart, dah die Vorlage zuletzt an den Pra- sidenten zur Unterzeichnung gelangt, der dann sein Veto aussprechen kann. Eoolidge wird dies wahrscheinlich nicht tun, trotzdem er und sein rührigster Mitarbeiter, Staatssekretär Hughes, gegen die Anti-Iapan-Paragra- phen sind, weil sie die bedenklichsten politischen Folgen voraussehen, und mit Recht. Aber der Kongreß zu Washington ist nach der Verfassung in der Lage, das Veto des Präsidenten unwirksam zu machen, indem nämlich beide Häuser des Parlaments das Gesetz mit Zweidrittelmehrheit abermals beschließen. Die Zweidrittelmehrheit ist, wie man gesehen hat, reichlich vorhanden, der unbeugsame Wille der Volksvertteter ebenfalls. Das Unheil würde also voraussichtlich durch ein Veto des Präsidenten nicht aufgehalten werden. Man ist dann so weit wie zuvor. Die Welt ist um ' eine Kriegsgefahr reicher. Wie kam eS zu dieser gespannten Lage?
Roch ehe das Repräsentantenhaus an die Beschlußfassung über das Einwanderungsgesetz heranging, hatte Hanihara, der Botschafter Japans in Washington, aus Vorsorge oder im Äebereifer, wie man will, eine Rote an das amerikanische Auswärtige Amt losgebrannt, worin er auf die „schweren Folgen" eines solchen Gesetzes hinwies. War dies schon ein ungewöhnlicher, well etwas eigen- mächtiger Schritt des Botschafters — der selbstbewußte Amerikaner ist in solchen Dingen stark empfindlich, der Deutsche hat in seinem politischen Elend vielleicht das Gefühl dafür verloren — so wuchs die Erregung, als der Wortlaut der Botschafternote bekannt wurde. Es hieß nämlich darin wörllich: „Das amerikanische Einwanderungsgesetz in seiner neuen Form ist eine Maßnahme, die den berechtigten Stoh einer befreundeten Ration beleidigt, einer Ration, die in ihren Bemühungen um die Erahltung freundschaftlicher Beziehungen mit ihrem Volke stets großen Eifer gezeigt hat; schlimmer noch: Die neue Bill wirft die Frage der Vertrauenswürdigkeit der japanischen Regierung auf und zieht damit die Ehrenhaftigkeit der Regierung von Tokio oder doch zum mindesten ihrer Exekution in Zweifel." Um wiederum dies zu verstehen, muh man wissen, daß der japanische Minister des Aeußern, Baron Matsui, mehrmals die Erwartung ausgesprochen hat, daß die Anwendung des QuotenshstemS durch Amerika und des sog. Genttemenabkommens durch Japan die wirksamste Kontrolle der Auswanderung darstellen werde, dah also ein neues Gesetz mit japanfeindlichen Paragraphen überflüssig sei. Es fragt sich also sehr, ob die Regierung von Tokio ihren Washingtoner Gesandten als Sündenbock in die Wüste schicken wird. Denn mit seinen drohenden Bemerkungen hat er eigentlich den Nagel aufden Kopf getroffen.
Die Wirkung des amerikanisch-japanischen Konflikts auf Europa ist auch schon sichtbar. England will angesichts der Spannung im äußersten Osten von neuem prüfen, ob es die Arbeit am Flottenstützpunkt Singapore einstellen soll. Macdonald hat im Tlnterhcms eine neue Abrüstungskonferenz vorgeschlagen. In Paris wird bereits amtlich jede Aeuherung über diesen englischen Plan und über die „allenfallsige Haltung Frankreichs" abgelehnt? Dies alles in dem Augenblick, da der Weltfriede im Punkte der Reparation Auferstehung feiern soll! Will Amerika mit seinem Zapankonflikt ein so schlechtes Beispiel geben?


