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Mies Blatt

Samstag, 22. März 1924

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesser.)

Die auswärtige Politik

der

des neuen Kurses.

Don Dr. Gustav Rvlvff, ord. Professor Geschichte an der Universität Gießen. )

I.

Dertvcruen m den deutsch-russischen Beziehungen auffcmmen lassen wollten, und der Kaiser be­merkt Lazu,Ruhland will, wir sollen ihm auf der Ballanhalbinsel durchs irgend eine noch so unscheinbare Einmischuttg Gelegenheit geben, sich über uns zu beschweren, und mit einem Schein von Berechtigung dann Wer uns Friedensstörer und heimtückische Verräter herfallen; indem es sich noch dazu mit der Gloriole moralischen Rech­tes und getränkten Vertrauens umgeben will." Im übrigen war das Vertrauen auf die Wider­standskraft der russischen Regierung gegenüber den chauvinistischen panslawistischen Strömungen nicht größer als früher unter Bismarck, und das; von dem Thronerben eine Wendung zum 'Bessern nicht zu erwarten fei, führte der Botschafter ©roif Schweinitz überzeugend aus (1890): er leb.' in einer Umgebung,die nicht von des Gedantens Blässe angekränkelt", aber in ihrer absoluten Mittelmäßigkeit klug genug sei,alle, die kluger sind als sie, fernzulmlten". Don England urteilc man allgemein, insbesondere in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre, daß es in jeder europäischen Krisis eine Festlamdsmacht zur Vertretung der englischen Interessen zu veranlassen strebe, um bei einem etwa ausbrechenden Konflikt sich ent­weder ganz fernzuhalten oder feinem Heiser feine äkn ter stütz ung teuer zu verkaufen. Der englischen Regierung blieb diese Anschauung nicht ver­borgen. Als z. B. einmal der deutsche General­konsul in Kairo, Graf Metternich, sich Kitchener, dem Kommandeur der englischen Truppen in Aegyvten, über die Möglichkeit unter­hielt (März 1896), den in Abessinien l>edrängten Italienern Hilfe zu bringen und dabei zügle'.ch zur Festigung .er eitglischeir Herrsct-ast im , \V tal beizutragen, meinte Kitchener, die London *c Regierung werde sich dazu nicht entschließen. Metternicherwiderte mit der brüsken Offen t'-eit, welche im Verkehr mit Engländern mitunter an­gebracht ist, der englische Giaubenssa.;, daß man einem Freunde in der Rot unter keinen Um­ständen hÄsen dürfe, scheine so weit zu gehen, daß der Engländer lieber selbst Schaden litte, als einem andern beizuspringen". Lord Salis­bury beklagte sich gelegentlich über dies Miß-- trauen gegen seine Politik, konnte aber nicht leugnen, daß er mit Rücksicht auf Parlament und öffentliche Meinung eine Verpflichtung auf die Zukunft nicht übernehmen könne.

Dies Bestreben, sich gegen die beiden egoisti­schen Grohmächte die Selbständigkeit zu wahren, bvachte den Reichskanzler Caprivi gleich beim Amtsantritt zu dem oft umstrittenen Entschluß, den Rückversicherungsvertrag von 1887, der 1890 ablief, nicht zu erneuern. Er verpflichtete beide Mächte zur wohlwollenden Neutralität, wenn Deutschland, von Frankreich und Rußland von Oesterreich angegriffen wurde. Der Vertrag, dem Bismarck mit Rücksicht auf die Abhängigkeit der russischen Regierung vom Panslawismus nur relative Bedeutung zugemessen hatte, hatte das Räherrücken zwischen Rußland und Frankreich nicht verhindern können, Bismarck wvllle ihn aber doch erneuern, weil er darin ein Mittel sah, die russische Regierung zu beeinflussen. Die neue Regierung fand dagegen, daß der Vertrag Ruhland einseitig begünstige, da es, durch ihn vor jeder Bedrohung des isolierten Oesterreich gesichert, seine Rüstungen im Westen und Sud­westen ungestört habe fördern können. Einen ent­sprechenden Vorteil hatte Deutschland von dem Vertrage nicht, and mit dem Geist des Drei­bundes schien sich dieses geheime Abkommen nicht zu vertragen, zumal es außer jener Bestimmung noch die Anerkennung des russischen vorwaltenden Einflusses in Bulgarien unb in den Dardanellen enthielt, womit sich Oesterreich nie einverstanden erklärt hätte. Die deutsche öffentliche Meinung, die durch eine Indiskretion Rußlands oder durch einen anderen Zufall, etwa durch eine Aeuh-e- rung des Fürsten Bismarck, davon erfahren konnte, würde nie die Vereinbarkeit des Geheim- vertvags mit den Verpflichtungen gegen Oester­reich verstehen, sagte Caprivi:Das Prestige, das Fürst Bismarck in Bezug auf auswärtige Politik sowohl im eigenen Lande als auch bei allen fremden Mächten hatte, würde es ihm vielleicht ermöglicht haben, die Vereinbarkeit der verschiedenen von uns eingegangenen Verpflich­tungen der öffentlichen Meinung in Europa plau­sibel zu machen. Rach dem Ausscheiden des Für­sten Bismarck kann mit dieser Möglichkeit nicht weiter gerechnet werdem" cklnd ein solches Sonder- abkommen lege eine Mine unter den Dreibund, die Rußland alleTage zünden kann". Rußland hatte es in der Hand, durch den Bruch des Geheimnisses das tiefste Mißtrauen zwischen Deutschland und seinen Dreibundsgenoffen her- vvrzurufen; durch die Drohung mit einer solchen Indiskretion hätte also Rußland stets einen ge­waltigen Druck auf Deutschland ausüben können. So ging die Regierung von einer nüchternen und ohne Zweifel zutreffenden Einschätzung der per­sönlichen wie sachlichen Verhältnisse aus, und eine Verschlechterung der Lage ist durch das Aufhören des Verttags nicht eingetreten.

Eine andere viel kritisierte Handlung des neuen Kurses unmittelbar nach Bismarcks Rück­

Der Nückverfichermtgsve-trag. DerHelgo- landvertrag.

Den ersten sechs Bänden der großen Allen- Publikation, die oie Zeit des Fürsten D i s m a r ck behandelten, sind verhältnismäßig schnell sechs weitere gefolgt, die nicht gang das erste Jahr­zehnt nach dem Rücktritt Bismarcks die Kanzler­schaft Caprivis und den Hauptteil der Kanz­lerschaft Hohenlohes umfassen. Die äußere Foran ist dieselbe wie der früheren Bande. Der Stoff wird in eine Anzahl Kapitel zerlegt und innerhalb der Kapitel werden die Allenstücke, vorwiegend Erlasse des Auswärttgen Amtes an die Botschafter und Berichte der auswärtigen Vertreter, in chronologischer Reihenfolge abge­druckt. Natürlich war .es nicht möglich, Stück für Stück zu bringen, es mußte eine Auswahl aus dem Riesen stoff getroffen werden, und man wird, toenn man sich tiefer in «bie Allen versenkt, oft aus Lücken stoßen, aber das ist ein Nachteil, den jede derartige Veröffentlichung mit sich bringt. Mit Hilfe äüerer Publikationen, auf die die Herausgeber dankenswerter Weise aufmerksam machen, ist es möglich, sich ein Bild von den; Beziehungen Deutschlands zu den Großmächten zu entwerfen^ wer tiefer graben will, muß eben die übrigen in den Archiven ruhenden Akten heran- ziehen. Dem Titel kann freilich der Inhalt nicht geregt werden: die Politik Deutschlands ist wohl zu erkennen, keineswegs aber immer die der übrigen Mächte. Dazu reicht weder das vor­liegende, noch das ungedruckte deutsche Material allein aus.

Don der ersten Serie unterscheidet sich die neue auf den ersten Blick in einem charakteri­stischen Punkte. In den ersten Bänden fesselte das Hauptinteresse die alles überragende Persön­lichkeit Bismarcks, die Lektüre feiner Korrespon- .denz mit dem Kaiser und den Botschaftern ge­währte zugleich einen politischen und ästhetischen Genuß Solche den Leser in derselben Weise zu­gleich anziehende und beherrschende Darlegungen fehlen in dieser Zeit, aber es fehlt nicht an vortrefflich geschriebenen Aktenstücken, die aus­gezeichnete Kenntnisse, vortreffliche Beobachtungs­gabe, selbständige politische Gedanken unb wert­volle Rückblicke enthalten. Vor allem seien da erwähnt die Berichte des Grafen Paul Hah- f e l d t aus London, die, nach Inhall und Form Äzeichnet, den besonderen Vorzug haben, dgß en bie Tätigkeit des bedeutendsten damaligen Staatsmannes, des Marquis Salisbury, ge­schildert wird. Hahfeldt und Salisbury waren einander ebenbürtig, kannten sich durch langjäh­rigen Verkehr genau unb hegten persönliche Sym­pathie für einander, so daß ihre Beziehungen einen besonderen freundschaftlichen Charakter trugen. UeberauS anziehend ist es daher zu be­obachten, wie sich die beiden Männer bn poli­tischen Gespräch gegenübertreten, wie sie bald mit­einander ringen, um die Anschauungen des an­dern kennen zu lernen und zu überwinden, bald sich schnell durch kurze Andeutungen, ja durch bloße Blicke zu verständigen vermögen.

Es braucht kaum besonders betont zu wer­den, daß der UmtrebS der auswärtigen Geschäfte mit dem allmählichen Hineinwachsen Deutschlands in die Weltpolitik beträchtlich zunahm, aber wie zu Bismarcks Zeit standen die europäischen Ver­hältnisse im Vordergrund des Interesses, insbe­sondere die Notwendigkeit, dem deutschen Reich Sicherheit gegen die französische Angriffslust zu schaffen. Es war schon dem Fürsten Bismarck nicht gelungen und war jetzt noch weniger mög­lich, die Verbindung zwischen Frankreich unb Kußland zu vereiteln, es galt daher die euro­päische Lage so zu gestalten, daß sich für beide Mächte ein Angriff verbot oder mindestens Ruß­land seinen Vorteil in der Aufrechterhaltung des Friedens erblickte. Daneben werden die Be­ziehungen zu England stetig wichtiger; zwischen Den beiden Weltmächten Rußland und England mußte sich Deutschland in seiner Selbständigkeit behaupten, wenn es -eine Großmacht bleiben wollte. Beide Mächte, von einander durch viele Gegen­sätze in Asien und im Orient getrennt, hatten ba£ natürliche Bestreben, sich Deutschlands in irgend einer Weise für ihre Zwecke zu bedienen, ohne dafür entsprechende Gegenleistungen zu ge­währen. In Deutschland hegt man darüber keinen Zweifel: in Rußland, schreibt Gras Po urtales aus Petersburg (1890), gäbe es Kreise, die kein

*) Die große Politik der Europäischen Kabi­nette 18711914. Sammlung der diplomatischen Akten des Auswärtigen Mntes. Im Auftrage des Auswärtigen Amtes herausgegeben von Jo­hannes Lepsius, Albrecht Mendelssohn Bartholdy, Friedrich Thimme. Bd. 712. 1923. Berlin, Deutsche Verlagsgesellschaft für Politik und Ge­schichte.

tritt ist der Vertrag mit England über Helgo­land unb ©anfibar. Er stellt eine Sorte setzung oder Wiederaufnahme von Besprechungen dar, die Fürst Bismarck bereits mit Salisbury begonnen hatte, und hat ungefähr zu dem Re­sultat geführt, das man in Deutschland von An­fang an erstrebt hatte. Die Hauptsache für Deutschland war der Erwerb von Helgoland, dessen Besitz, schrieb der Staatsfekretär Mar­schall v. Bieberstein anHatzseldt,für uns von größter Bedeutung und toeitau^ der wich­tigste Gegenstand bei der ganzen jetzt schweben- den Verhandlung ist. Seine Majestät teile die An­sicht des Herrn Reichskanzlers, daß ohne Helgo­land der Rvrbostseekanal keine Bedeutung für unsere Flotte hat." In England hatte man da­gegen eine so hohe Vorstellung von der Bedeu­tung des Fellennestes nicht. Es wurde im Kabi­nett wohl geltend gemacht, daß die Insel in einem Kriege mit Deutschland, der doch nicht für alle Zukunft ausgeschlossen sei, einen Stützpunkt für die englische Flotte bilden könne, aber, schreibt

Hatz selb t, die wirklic^n Bedenken, bte in Eng­land hätten aufsteigen müsien, seien den Mini­stern nicht gekommen:Die Besorgnis nämlich, daß der Uebergang der Insel in deutschen Be­sitz vielleicht die Mißstimmung der Franzosen gegen England wesentlich erhöhen wird, scheint nicht erkannt ober doch nicht zur Erörterung ge­langt zu sein. Ebensowenig bat bas englische Kabinett sich klar gemacht, welchen Wert Helgo­land mit Rücksicht auf den Ostseekanal für uns hat. unb ich habe es selbstverständlich auf das sorgfältigste vermieden, diese Erkenntnis aufkom- men zu lassen." Die internationale Wirkung des Vertrags war günstig. Frankreich fühlte sich ent­täuscht, weil es, wie der Botschafter Gras Münster berichtete, auf Verfeindung zwischen England und Deutschland wegen der vstafrikw nischen Gegensätze unb infolgedessen auf eine französisch-englische Verständigung gerechnet hatte. Daß der militärische Wert Helgolands in Deutsch­land nicht überschätzt worden ist, hat bet Welt­krieg zur Genüge bewiesen.

Landwirtschaft und Gartenbau.

Achtet aus den Drahtwurm.

Wo die Drahtwürmer, die Larven der Schnell­käfer, im Ackerboden sind, werden sie von dem gesäten Getreide abgelenft, wenn zur Zell der Keimung zwischen ben Reihen in gleichen Entfernungen Stucke von Kartoffeln oder O e l k u ch e n, etwas tn ben Erbboben ein­gedrückt, ausgelegt werben. Rach einigen Tagen, wenn die Insekten sich in die Köder hinelngezogen haben, sind diese zur Vernichtung ber Schüblinge zu sammeln. Das Auslegen kann von Reihe zu Reihe mehrere Tage lang fortgesetzt werben. Jedenfalls empfiehlt sich diese Maßregel dort, wo begründete Gefahr des Dvahtwurmsraßes vor­liegt. Diese darf wegen ber mehrjährigen Larven­dauer des Drahtwurms vermutet werden auf Feldern, wo sich der Fraß schon im vorigem Jahre gezeigt hat. Die Larven wachsen nämlich sehr langsam unb brauchen oft bis. 5 Jahre zu ihrer Entwicklung.

Aus einer Domäne in älngarisch-Altenburg, wo Kartoffelstücke zum Köbern von Draht­würmern gebraucht wurden, waren diese durch unb burch von ben Drahtwürmern zerfressen, unb in ihrer Nähe befanben sich ebenfalls viele bieser Schädlinge, die, wahrscheinlich vom Köder ange­lockt, auf dem Wege dahin waren. Man zählte in manchen Kartoffelstücken nicht weniger als 35 Löcher, unb diese waren bei ber Entnahme aus bem Boden{die Stelle, wo die Köder lagen, war mit einem 0,6 bis 1 cm hohen Rohrstöckchen be­zeichnet mit je einem Drahtwurm ungefüllt.

Die benutzten Kartoffelstücke brauchen nur gereinigt zu werben, worauf sie abermals zum Kobern verwendet werden Sinnen. Die vorhandene Drahtwurmgefahr kann man auch vorher feststellen durch eine Drahtwurmprobe. Zu diesem Zweck lege man kurz vor der Bestellung des Planes an einigen über das Feld verteilten Stellen solche Kartoffelstücke aus. Findet man nach einigen Tagen die Köder erheblich mit Drahtwürmern besetzt, barm liegt Gefahr vor.

Aufbesserung schwacher Wintersaaten.

Die Ursache schwacher Wintersaaten, beson­ders beim empfindlicheren Weiten, tonnen rasche unb abnorme Witterungsumschlage tm Frühjahre sein. Wo srch berartig in Mitleibenschast gezo­gene Saaten zeigen, muß eine zweckmäßige Be­handlung bei eintretenber wärmerer Witterung unvvrzüglich vorgenommen werden. Empfehlens­wert ist, zunächst den Boden bei feucht- warmem Wetter aufzueggen. Man be­sitzt hierin ein ausgezeichnetes Mittel, am zu dünn stehende Saaten noch zu einer kräfti­geren Bestockung za verhelfen. Durch bas Aus eggen erfolgt nämlich gewissermaßen eine Be­häufelung ber schwachen Pflänzchen, b h die vom Fl ost auf gezogenen und zum Teil bloß hegenden Wurzeln werden wieder mit Erbe bebeeft unb können darin sich weiter entwickeln. Bei nassen Böden bricht außerdem die Egge die über den CS intet entstandene harte Kruste, unb Licht unb Luft, Wärme und Feuchtigkeit vermögen thron kräftigenden Einfluß auf die Pflanzen zur Gel­tung zu bringen. Man befürchte nicht, daß barch die Eggarbeit viele Pflanzen ausgerissen wer­den und schließlich doch zugrunde gehen: nur sehr wenige dürften entwurzelt werben, toomit aber auch noch keineswegs gesagt ist, baß biese nicht wieder in dem jetzt gelockerten Erreich zu- rechtsinden unb gedeihen können. Eine an und für sich gesunde Pflanze stirbt nicht so leicht, sondern besitzt einen zähen Lebensmut, ber sie befähigt, von neuemfesten Fuß" za fassen, wenn bie örtlichen Verhältnisse nur irgenbtoie dazu angetan sind. Wie außerordentlich vorteilhaft der Einfluß bes Eggens auf bie Saaten ist, wirb man sehr halb wahrnehmen. Man benutzt zur Arbeit eine Egge mit eisernen Zinken, sie bars

aber nicht zu schwer sein. Erweist ber Boden sich fest und stark verllustet, so wirb man natür­lich kräftiger eggen müssen, als auf lockerem. Don Ruhen ist es, leichtere Bobenarten, sobald nach bem Eggen bie Erbe gut abgetrocknet ist, mit ber Ringelwalze zu behandeln, da bies den Pslanzenwurzeln einen festeren Hall im Boden verleiht.

Durch Düngemittel mit rascher Wirkung lassen sich bann die schwachen Pflänzchen weiter träftigen. Wohl in jeder Wirtschaft steht hierzu Jauche zur Verfügung, bie besonders nach bem Aufeggen ben Saaten vorirefflich bekommt, noch dazu, wenn man sie bei feuchter Witterung aus- sährt. Don künstlichen Düngemttteln übt bie schnellste unb sicherste Wirkung ber Chiles al - peter (Natronsalpeter) aus. Man streut davon 20 bis 40 Psunb je Morgen recht fein unb gleich­mäßig aus, aber nur bei s euch twarmer, nach« zu trockener Witterung, am besten, wenn es sich machen läßt, vor einem Regen. Unzweckmäßig ist es, zu viel Salpeter zu geben, well man bann womöglich mit Lagerfrucht zu rechnen hat. Chile­salpeter' macht sich weniger burch Körnerbildung als durch vermehrte Stroherzeugung geltenb.

Werden die schwachen Wintersaaten in ber mitgeteilten Weise sorgfältig behanbell, so bleibt in den meisten Fällen der erhoffte gute Erfolg nicht aus. Bei stark ausgewrnterlen Saaten würde bie Mühe indessen kaum zum Ziele führen, man hätte zu befürchten, baß später zu große Leerstellen auf bem Acker erscheinen. Es ist darum notwendig, sich die Saaten vor ber Arbeit recht genau anzusehchi unb zu prüfen, ob diese sich wirklich noch lohnt. Hat man Lein rechtes Zutrauen, so tut man entschieden richtiger, den be­treffenden Ackerschlag umzubrechen unb neu zo besäen. Oswald Junger.

gur Bekämpfung der Wühlmaus

Die Wühlmaus ist einer ber schlimmsten Schädlinge, deren Bekämpfung häufig ziemlich Schwierigkeiten bereitet. Hm in ber Frage ber Bekämpfung weiter zu kommen, haben Dr. P Kott Hof von der 2drstall für Pflanzenschutz unb Samenuntersuchung an ber Landwirtschaft-- Cammer in Münster unb Obstbau Inspektor Len­ders von der Obstbautnspektion für Büren und Paderborn eingehende Hntersuchungen angestellt. Rach ihrem Bericht tn berLandwirtschaftlichen Zeitung für Westfalen unb Lippe" wurden von neueren Mitteln angewendet: Tetrastn, Maushim, Sokial-Kuchen, Shruplatwerge mit Dariumkar- bonat und Arsen. Besonders gute Erfahrungen sind mit Sokial-Kuchen gemacht worden. In einem Dersuchsgarten konnte durch- wieberhvlles Aus­legen der Kuchen in den Löchern eine dauernde Beseitigung der Wühlmäuse erzielt werden.Das Präparat hat," so schreiben die Verfasser,den Vorzug, daß es nur für Mäuse, nicht aber für andere Tiere giftig ist." Dauernde Erfolge bei ber Wühlmausbekämpfung sind jedoch nur bei gemein­samem Vorgehen aller Grundstückbesitzer zu er­zielen.

Fragekasten.

Frage 8. Ich habe eine sonnige, nach Süd- osten gelegene Hauswand, Giebelseite, von 12 m Breite. Welche Obstsorten eignen sich am besten dazu, um sie gewinnbringend auszunützen?

Antwort: Pflanzen Sie zwei Pfirsich­bäume in ben Sorten Amsden unb Große Mig­non. Diese beiben Ctoume bedecken später bie ganze Wandfläche, toenn sie von vornherein rich tig gepflanzt unb behandelt werden. Dazu gehört, baß bie Pslanzgruben wenigstens einen Meier groß ausgehvben unb ber Boden durch Beimen­gen von reichlich Kompost und etwas Kalfichutt verbessert wird unb bie Spalierlatten auf 25 cm Weite angebracht werden, fo baß- man die jungen Triebe bequem anheften kann.

Das jüngste Königreich.

Die staatsrechtlrchen Verhältnrsse Islanos sind seit ein paar Jahren geändert. Island war ursprünglich dänische Kolonie, wurde bann als Provinz Dänemark einverleibt und ist feit De­zember 1918 selbstänbig unb nur noch durch Personalunion mit dem Dänenreiche verbunden. Sein König ist gleichzeitig König von Dänemark. Imälniversum" macht Dr. Adrian Mohr aus Reykjavik einige interessante Mitteilungen über dieses junge Königreich, über bas man im all­gemein nicht sehr viel weih.

Ist Island ein wirklich, selbständiges Reich? Man könnte glauben, seine junge Anabhängtg^tt sei nur politische Formsache, während es wiri- schastlich und kulturell doch noch immer nur däni­scheDependance" sei. Run, wer ins Land kommt, muß sich schnellstens davon überzeugen, daß dieses Heine Island durchaus eine Welt für sich, eine Welt von starker völkischer Eigenart ist. Es hat seine Sprache für sich, seinen Dolkscharaller für sich unb steht in einer volkswirtschaftlichen Lage, die wohl ohne Beispiel ist.

Die Sprache ist bas Alt-, um nicht zu sagen: llrgermanische. Sie ist von grauer Vorzeit her so unverfälscht unb unverändert erhalten, bah jeder Islänber dieEdda" versteht unb lesen Tarrn. Unb noch bie heutigen Isländer sind ängst­lich bemüht, dieses alte Sprachgut rein zu be­wahren. so schwer sie sich auch das Leben damit

machen. Denn da niemand sonst in ber Welt ihre Sprache versteht unb ihre Dolkszahl zu dein ist, um für eine eigene große Literatur ober von ätebersehungen fremder Geist es werke ben genügen­den Untergrund abzuheben, so müssen alle Is­länder erst eine ber großen Kultursprachen lernen, wenn sie mit ber übrigen Menschheit Geschäfts­verkehr pflegen ober an ben geistigen Kultur­gütern Anteil haben wollen. Unb dies wollen sie durchaus. Sie machen jeden Kulturforifchrttt mit; halte niemand sie für Eskimos ober bessere Walfisch- unb Pelzjäger!

2n der Wahl der Kullursprachen haben sie keinen schlechten Griff getan: sie bevorzugen bie deutsche Sprache. Richt nur weil bie deutsche (in erster Linie die wissenschaftliche) Literatur reichhaltig wie keine andere ist, sondern auch aus dem Gefühl echter Freundschaft für das deutsche Volk. Wie hochdeutsche Kultur in Island geachtet wirb, mag unter anberem bie Tatsache erhellen, baß als einziges großes fremdes Literaturwerk EcethesFaust" tn isländische Sprache über­tragen ist. Dre Uebersetzung ist aus Staatsmitteln geschaffen worden; sie ist ein Werk des Dichters Bjarni Ionsson fra Vogt, des begeistertsten Freundes, ben Deutschland in Island besitzt.

Die Grundzüge des isländischen Vvlkscharak- ters sind neben einem starken Bildungstriebe und - ber Liebe zur schönen Literatur basEvangelium" vcn ber völkischen Zusammengehörigkeit und ber alles ausgleichenben Vaterlandsliebe. In Island

könnte man sogar die (an Zahl nicht geringen) Drlschewikcii" Chauvinisten nennen. Für ben Isländer gibt es nichts Schöneres in ber Welt als sein Lanb. und in der Frembe plagt ihn zehrendes Heimweh bis an fein Lebensende. Sein Stolz ist, wenn auch ber Landfremde sich für ferne schöne Insel unb ihre unvergleichliche Rattir be­geistert und das tut jeder, ber je seinen Fuß auf dieses schöne Land setzte.

Verschrien ist es im Auslande als kalt, stürme­reich. halb Wüste, halb Krater- unb Gletscher- gebiet. gewiß, etwas Wahres ist hieran, unb doch ist bieses Eiland mit den hohen Bergen, ben saf­tigen Gras- unb Moostälern, der schäumenden See. ben enblofen Sommertagen unb ben geheim­nisvollen, langen, norblichtzaubervollen Rächten unbeschreiblich schön! Fast jeder kennt ben an­dern unb dessen Vorfahren. Ist doch feit tausend Jahren über jeden Isländer, jeden Eingewander- ten, über Krnd und Kindeskind sorgsam Buch ge­führt worben. Man hat sich hier gegenseitig nicht aus ben Augen verloren wie in anberen Ländern. Alles betrachtet sich hier wie Glieder ein unb berfelben großen Familie. So gibt es unter ben echten" Isländern auch keine Famlliemiamen. Familiennamen trennen ein Volk in mehrere, in viele Familien, die Isländer alle zusammen aber wollen nur eine Familie sein. Man hat hier nur Dcrnamen unb nennt sich zum Unter­schieb von Stammesvettern nur nochSohn des Ion" oderTochter des Gisli". Selbst verhei­

ratete grauen nehmen nicht amtlich den Namen ihres Gatten an.

Ist Island ein reiches Land? Nun feine Fischgründe fmb bte ergiebigsten ber Welt: das weiß jedes Kind. Auch große Kohlenlager birgt bet Doben, Spat unb Doppelspat, unerschöpfliche Schweselguellen; und bie isländischen Wasserfälle, also bie weiße Kohle, sind bie größten Europas unb werden nur von drei ober vier anderen in Amerika unb Afrika übertroffen. Aber ber Ab­bau der Kohle kann etnfttoeilen nicht gewinn­bringend gemacht werden, und bie weiße Kohle ist so lange wertlos, als bie Technik nicht Stark­strom drahtlos versenden kann. Die Land wirt­schaft muß sich in ber Hauptsache auf Schafzucht beschränken, denn ©etreibe gedeiht nicht (wie auch Wälder fast unbekannt sinh). So liefert Island seinen Bewohnern an Qebenöbebarf nur Fleisch. Fisch und Schafwolle bte aber fast restlos ins Ausland verkauft wird, da Island selber nur eine etnztge Spinnerei hat.

Das junge Köntgretch befindet sich fomtt in ber eigenartigen Lage, daß es fast alles, was zum Leben gehört, im ; udlanbe kaufen maß. Natür­lich kann Island nur kaufen, wenn man ihm selber zuvor feine eigenen Produkte (Frischfisch Salzfisch. Klippfisch. Wolle, Fleisch. Pferde) ab- gekauft hat. Es ist daher leicht einzusehen. baß das junge Königreich seine wirischas tllchen Gorgen hat unb mehr als jedes andere Land darauf sehän muß. seine Handelsbilanz aktiv zu erhalten.