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Nr. 248 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger sllr Gverhessen)Dienstag. 21. Oktober (92|

Wer war Iswolski?

Gründer des Balkanbundes Schöpfer der Entente Haupturheber des Weltkrieges.

Don Friedrich Stiebe.')

Der Herausgeber der neuen Dolu- mentenpublikation des Auswärtigen Amtes, der Vorttagcnde Oegation^rat im Auswattigen Amt Dr Friedrich Stiebe, stellt in den nachfolgenden Ausführungen die Gestalt Jswotstis d ssen ve.hangn:s- volles Wftcken durch dos neue Ällen- wett vor allem auf gehellt werden soll, in den für das Verständnis des Lcse.s notwendigen zeitgeschichtlichen Zusam­menhang. Diese Darlegungen werden, in erweiterter Form, das Einleitungskapiiel des Ergänzungsbandes bilden, den der Herausgeber unter dem TitelFswol.kl und der Weltkrieg" zusammen mit den Dokumentenbänden am 23 Oktober bei der Deutschen Verlagsgesellschaft für Politik und Geschichte in Berlin W 8 veröffentlichen wird.

DDG. Alexander Petrowitsch Iswolski wurde im Jahre 1856 geboren. Ürber sein Leben, ferne Entwicklung und vor allem seine politiiche Tätigkeit vor 1911, das heißt vor seiner Ernen­nung zum russischen Botschafter in Paris, wissen wir verhältnismäßig wenig.

Iswolski war Schüler des Kaiserlichen Ly­zeums in Petersburg und trat mit 19 Fahren in den Dienst des russischen Auswärtigen Amtes ein. Drei Fahre später wurde er als Sekretär einer internationalen Kommission nach Philipps- poli gesandt, wo er zuerst mit den Problemen des nahen Orients in Berührung kam. Hierauf bekleidete er diplomatische Posten in Bukarest und Washington. Fn ziemlich jungen Fahren erhielt er den Auftrag, sein Land beim Vatikan zu vertreten, wo er sechs Fahre blieb und besonders gute Beziehungen zum Kardinal Rampolla an» knüpfte. Später war er Gesandter in Belgrad, München, Tolio und Kopenhagen. 3m Jahre 1906 wurde er zum russischen Außen­minister ernannt.

Fswolski war ein überzeugter Anhänger jener Richtung in der russischen Politik, die das Heil ihres Landes im Zusammengehen mit den Westmäch 1 en, Großbritannien und Frankreich, erblickten. Dementsprechend war er als Vertreter des Zarenreiches in Tokio nach seinen eigenen Worten gegen jede Verschärfung des Gegensatzes zu Fopan, und er zog sich durch diese Haltung sogar die Ungnade seines Monarchen zu, der sich unter dem Einfluß von Dszobrazow und der Admirale Abaza und Alexeiew zum Kriege gegen Japan entschloß. Gegen Ende des Russ.sch-Fapa- nischen Feldzuges tauchte in Petersburg vorüber- ss^end der Plan auf, Fswolski zum Botschafter *n Berli n zu ernennen, der jedoch nicht ver- wircklicht wurde. Auch seine Entsendung zu den Friedensverhandlungen nach Portsmouth kam nicht zustande, und zwar weil er selbst sich dagegen erklärte. Jedenfalls gewann der Diplo­mat, der von den Unternehmungen im fernen Osten abgeraten hatte und durch den unglücklichen Ausgang des Krieges recht behielt, wieder an Ansehen, und das war der Grund, warum ihm im Mai 1906 die Geschäfte des Außenministe­riums übertragen wurden.

Kurz vorher, d. h. im März, begab er sich nach PariS, wo er mit drei anderen russischen Diplomaten, dem Botschafter in London. Graf Benckendorff, dem Botschafter in Parts, Relidow, und dem Botschafter in Rom, Mu­ra w i e w, zusammentraf. Unter den vier Poli­tikern fand ein Gedankenaustausch über das Pro­gramm statt, dem Rußland folgen müsse und das der neue russische Außenminister dann bei seinem Amtsantritt seinem Kaiser unterbreitete. Jswvlsti bezeichnet es selbst als das Programm,dessen weitere Entwicklung zu dem unter der Bezeichnung Triple-Entente bekannten System führte."

Ueber die einzelnen Erwägungen, die zu diesem Kurs führten, schreibt er nach einer gründ­lichen Verurteilung des 1905 zuDjörkö zwischen Kaiser Wilhelm II. und Zar Nikolaus II. abge­schlossenen, aber nachher nicht ratifizierten deutsch-russischen B.ü ndnisve r tra­ge s ausführlich in seinen Memoiren. Am Schluß wird die Besprechung der vier Diplomaten in Paris wieder erwähnt und festgestellt:Wir

)Ter Diplomatische Schriftwechsel Is­wolskis 19111914. Aus den Geheimakten der Russischen Staatsarchive. Im Auftrage des Deutschen Auswärtigen Aintes in deutscher Ueber» tragung herausgegeben von Friedrich Stieve. Deutsche Verlagsgesellschaft für Politik und Ge­schichte in Berlin.

waren zu dem einstimmigen Schluß gelangt, daß die Außenpolitik Rußlands weiterhin auf der un° erschüttert.chen Grundlage re.n?8 Bündnisses mit Frankreich beruhen müsse, daß aber dieses Bündnis durch Abkommen mit Eng­land und Japan geftärtt werden solle.'

Die wiederg g-ebenen Worte sind deshalb von Bedeutung, weil sie den für das Schicks al unseres Weltteiles entscheidenden Augenblict schildern, in dem das russische Reich sein Gesicht dem fernen Osten ab- und Eu­ropa zuwandte, in dem sein Drang zum Meere nicht mehr an der Küste des Stillen Ozeans, sondern im Westen nach Befriedigung strebte Und der Vollstrecker dieser historischen Wendung des grvßslaw schen Imperialismus war niemand anberiJ als Alexander Iswolski.

Sehe bald machte sich eine notwendige Folge des neuen Petersburger Kurses bcme Eb r: Das gute Verhältnis zu Oesterreich das besonders hinsichtlich des Balkans jahrelang bestanden hatte, fing an, sich zu lockern. Auch hier spüren wir Iswolskis Hand. Als in Mazedonien die zwischen Rußland und der Donaumonarchie ver­einbarten juttstischen Reformen durchgeführt wer­den sollten, erklärte er plötzlich, alle Groß­mächte müßten herangezogen werden, und im Ver­lauf der weiteren Verhandlungen wurde es kla.er, daß er auch in diesem Punkte mit England Zusammengehen wollte. Ganz langsam begann schon jene verhängnisvolle Kluft, die ganz Eu­ropa in zwei scharf voneinander geschiedene Lager, nämlich in das der Entente und in das der Mittelmächte trennen sollte.

Diese Kluft entstand aber erst richtig und in ihrer ganzen bedrohlichen Tiefe, als Iswolski vorschnell von der defensiven Seite seines Pro­grammes: der Ueberwindung bisheriger Wider­sprüche zu England, zur offensiven überging und eine Lösung der Meerengenfrage im russischen Sinne m Angriff nahm.

Fswolski versuchte zuerst auf dem Wege der Verhandlungen mit den Großmächten eine für fein Land günstAe Lösung dieser Frage herbeizuführen. Dieser Versuch mißglückte. Gab es nun kein anderes Mittel, diese Lösung dennoch herbeizu­führen? Das war die Lieberlegung, die sich logischerweise aus der erlebten Ablehnung ergab.

Es ist angesichts des Mangels an zuver­lässigem Aktenmaterial aus jener Zeit natürlich ganz unmöglich, die Gedankengänge Fswolskis im einzelnen zu verfolgen. Immerhin geben u.as einige Umstände auffchluß'.'eiche Fingerzeige und Anlässe zu ganz bestimmten Vermutungen.

Es sind vor allem drei Dinge, die un erc Auf­merksamkeit verdienen. Kurz nach der Annexion Bosniens und der Herzegowina hielt der russische Außenminister in der Duma eine Rede, in der er den Balkan st aaten den Rat erteilte, sich zu einem Bunde zusammenzuschließen Gleich daraus machte er sich die grobserbische Forderung zu eigen, Oesterreich-Llngarn müsse aus der Balkan-Halbinsel verdrän gt werden. Lind im Dezember 1909 wurde zwischen Bulgarien und Rußland ein G eheim- l Der trag geschlossen, dessen fünfter Artitel fest- | stellte,daß die Verwirklichung der hohen Fdeale der slawischen Völker auf der Balkan-Halbinsel, | die dem Herzen Rußlands so nahestehen, nur! nach einem günstigen Ausg ang des Kampfes Rußlands mit Deutschland und Oesterreich-Ungarn möglich ist". Wenn damit nach dem unmittelbaren Zusammen­hang des Textes auch zunächst der diploma­tische Kamps gemeint war, so zeigen uns diese Worte doch sehr genau, in ttxldjer Richtung sich die Gedankengänge Fswolskis bewegten.

Fetzt bereitete er, wenn man so sagen darf, eine große Lösung der Meerengenfrage vor, nachdem die Reine mißlungen war. Diese Lösung sollte auf dem Wege über die Balkanstaaten die russische Vorherr-schaft in der Südostecke Europas und daran an schließend die Gewalt über d,e Meerengen bringen. Daß Konstantinopel immer die goldene Frucht blieb, nach der Iswolski letzten Endes seine Hand ausstreckte, geht schon aus den am 24. Oktober 1909 zu Racco - n i g i mit Italien getroffenen Vereinbarun­gen hervor, kraft freren Ftcll en Wohlwollen de Haltung versprach, wenn das Zarenreich die Meerengen ausrollen wolle, während letzteres f ch mit einem Vorgehen Roms gegen Tri­polis einverstanden erklärte.

Der großen Lösung auf die der russische Auhenm nister und mit ihm die russische Politik infolge der diplomatischen Niederlage anläßlich der bosnischen Krise verfiel, standen als direktes Hindernis die Türkei selbst, Oesterreich-

Ungarn, und letzten Endes auch der Freund beider Länder, Deutschland, entgegen. Es hat Augenblicke bei Fswolski gegeben - einige An­zeichen sprechen dafür, wo er die Möglichleit erwog, bic deutsche Politik von Wien abzuziehen, was die Erreichung des von ihm gesteckten Zieles natürlich ganz bedeutend er­leichtert hätte. Da jedoch derartige Bemühungen erfolglos bleiben mußten, wurde Deutsch­land als der stärkste Teil des Blockes, der Fs­wolskis Absichten im Wege stand, zugleich, je fester die erwähnte große Lösung ins Auge gefaßt wurde, mehr und mehr geradezu der Hebelpunkt zur Durchführung des ganzen Planes. Von diesem Gesichtspunkte aus wurde die Entente mit England und Frank­reich von immer aktuellerer Bedeutung, weil s e am ersten die Möglichkeit einer Beseitigung des mitteleuropäischen Bollwerkes in sich schloß. Das waren zweifellos die politischen Erwägungen, die von dem verhängnisvollen Zusammenschluß der russischen Meerengenwünsche. der englischen Einkreisangstattik gegen -Deutschland und der fran­zösischen Revanchelust im Hinblick auf Elsaß- Lothringen führten. Drei sriettensgefährdende Fak­toren vereinigten sich und richteten ihre Spitze gegen das Herz des europäischen Kontinents.

Wir sehen oben, daß Fswolski während der bosnischen Krise in London und Paris für fein Verlangen nach den Dardanellen taube Oh:en fand. Die Ablehnung ging letzten Endes von England aus. das eine Erhaltung der Türkei, vor allem in Kleinasien, wegen feiner eigenen asiatischen Lebensintereffen wünschen mußte. Frankreich sekundierte d.m britischen Bundesgenossen, obwohl es nicht direkt engagiert erschien. War es nun nicht logisch von russischer Se.te im Hinblick auf die geschilderte große Lösung der Meerengenfrage, gerade in ''Baris mit der Ar­beit zu beginnen, um den Widerstand der Bundes­genossen gegen den Vorstoß des Zarenreiches nach den Dardanellen von d.m schwächeren Punkte dieses Widerstandes aus zu überwinden? Konnte man nicht hoffen, durch eine Entfachung der französischen Revanchegefühle gegen Deutschland jene Beseitigung des Mittel­blockes in Europa zu erreichen, der. wie wir oben sehen, das eigentliche Hindernis auf dem Marsch nach Konstantinopel war? Erg bt sich diese Konsequenz nicht logisch aus dem, was wir bisher an der Hand einzelner Tatsachen festzustellen vermochten?

Fswolski ging nach seinem Rücktritt als Außenminister, der am 28. September 1910 er­folgte. als russischer Botschafter nach Paris. Ein Franzose, Ernest Fadet. hat kürz­lich in derHumanste" einen Bries veröffent­licht, der im Hinblick hierauf einen wertvollen Aufschluß enthält. Denn hier lesen wir:

Er (Fswolski) erschien mir sofort mit seinem wirklichen Gesicht, das erst später offen­bar wurde, darauf brennend, die franko- russ ische Allianz zu ändern und ihren ursprünglichen Charakter zu entstellen: aus einem rein defensiven Vertrag eine 21 n » grif fsmaf chine zu machen. Herr Fswolski war als Vertreter seines Landes hierhergekom- men, um den französischen Boden zu sondieren und jene Rolle zu spielen, die ihm als Bot­schafter am Herzen tag. Ein alter Kandidat für denselben Posten hatte mich auf die möglichen Absichten aufmerksam gemacht, die die Wahl eines anderen Schauplatzes für die Tätigkeit Derbarg. Hat mir doch Gras Murawiew, der später in Rom gestorben ist, nach einem reichlichen Frühstück im Hotel Maurice anrer» traut: Um die heilsame Krisis auszu­lösen, um die europäische Politik zum Punkte d^s Bruches zu führen, ist es wirkungsvoller, i n P a ri s als in St. Peters­burg zu arbeiten.

Dieses Zeugnis ist eine Bestätigung der von uns ausgesprochenen Vermutungen. Die heil­same Krisis, der Druchpunkt der europäischen Po­litik, das war die Zertrümmerung der großen Schranke: Deutschland, Oester» reich-Un garn und Türkei, die den Weg nach Konstantinopel versperrte. Und zu ihr ge­langte man am besten über Paris, weil sich von dort aus der Ansturm gegen den lebens­kräftigsten Teil der Schranke, gegen Deutsch» land mobilisieren ließ.

Entsprechen unsere Annahmen, entsprechen die Aussagen Murawiews und Judets der Wirklich­keit? Hierauf geben die Papiere Fswolskis selbst aus seiner Zeit als Pariser Botschafter des Zarenreiches Aufschluß, die uns in großer Fülle und chronologischer Reihenfolge Vorlieben. Lassen wir sie sprechen, so werden wir einen Blick in die Dunkelkammer des großen Problems der Ent­stehung des Weltkrieges tun.

Wirtschaft.

Neuwahlen und Wirtschaftsleben in England.

Don Roh Hopkins, §crauSgcbcr des Cconomist", London.

Ein politischer Sturm heiligster Art hat Eng­land zu einem Jeitpunkte erlaßt, in welchem man hoffte, daß das Land der so sehnsüchtig erwarteten Wiederbelebung seiner Wirtschaft und der Hebung seiner industriellen Unternehmungslust entgegen­geben würde. Wenn auch diese Ho,fnungen infolge des Vorhandenseins mancher unbekannter, weil auswärtigen Ein süssen unterworfener Faktoren zum Teil aus unsicheren Füßen standen, so rechnete man doch im allgemeinen mit einer günstigen Ent­wicklung in nächst er ^kunft. Statt dessen werden Reuwahlen mit all ihren Unruhen und Aufregun­gen über das Land hereinbrechen, und die Un- sicherl)eit der politischen Entwicklung wird auch das industrielle Leben des Landes, dessen Geld­wesen und Handel in einem ungünstigen Sinne beeinflussen. Die allernächste Zukunft des Landes muß daher unter einem ganz neuen Gesichtswinkel betrachtet werden.

Gehen wir von dem schärfsten, well am leichte- len reagierenden Barometer des Wirtschifts- lebens, der Effektenbörse, aus. Sie hat bis­her auf die bevorstehenden Ereignisse nur mit einer geringen Flaute, die auf den Rückgang der Um­sätze zurückzuführen ist, reagiert. Bei den zahl­reichen unkontrollierbaren Gerüchten, dem Wulst von alarmierenden Rachrichten und dem Meer von Unklarheiten, die mit einem Wahlfeldzug nun ein­mal hergebrachter Weise verbunden sind, muß man mit einem Fortbestehen dieser abflauenden Ten­denz, ja mit deren Verschärfung rechnen. Trotzdem sind hinreichend Gründe für die Hoffnung vorhan­den, daß die kommenden Neuwahlen sich am Londoner Geldmärkte nicht in dem Maße aus» wirken werden, als die vor etwa einem Fahre gleichfalls stattfindenden Wahlen.

Eine Benachteiligung der Dent s chl an d- anleihe war aus diesem Grunde nicht zu be­fürchten. Die gegenwärtige politische Krise hat eben weder das große Publikum noch die Börse mit der gleichen Ueberraschung getroffen, wie Mr. Baldwins plötzlicher Appel an das Land im November 1923. Damals befand sich Baldwin In sehr starker Position mit einer sicheren Parla­mentsmehrheit hinter sich. Seine plötzliche Absicht, diese konservative Mehrhe': aufs Spiel zu setzen und sie wie es sich später herausstellte, sogar einer Laune zu opfern löste damals im ganzen Lande und nicht zuletzt bei der Börse äußerstes Er­staunen aus, das sich in einer scharfen Reaktion der Effektenkurse bemerkbar machte. Fn diesem Jahre (1924) erwarteten wir die Neuwahlen aller- dings nicht so ftüh, wie sie wirklich eingetreteiH sind, doch war die politische Stellung der Arbeiter­regierung von jeher reichlich unsicher, so daß Ge­rüchte von Neuwahlen sich bereits seit einigen Monaten in der öffentlichen Diskussion breit mach­ten. Der Faktor einer besonders plötzlich herein- brechenden Ueberraschung, der Wirtschaftsleben und Geldmarkt scharf beeinflussen könnte, ist daher nicht vorhanden.

In zweifacher Richtung ist außerdem die gegenwärtige Situation bezüglich ihres Einflusses auf die finanzielle und wirtschaftliche Lage des Landes grundverschieden von derjenigen im vori­gen Jahre. Damals bedeutete die kommende Ar- Deitenegierung für viele Leute eine vollkommene, sehr gefürchtete Umwälzung. Heute ist das Land mit ber Politik und den Ansichten der Arbeiter­regierung vollkommen vertraut, und selbst in den Kreisen, die in ihrem poli.ischen Glaubm sb^ennt- nis eine natürliche Feindschaft gegen die Aroeiter- regierung hegen, hat die Bekanntschaft mit deren Ansichten viel dazu beigetragen, den feindlichen Gefühlen die Schärfe zu nehmen. Die Frage, ob in der nächsten Zeit eine grundlegende Aenderung in dem Steuersystem Großbritanniens ein treten wird, bildet daher nicht den, Mittelpunkt der Erörte­rungen. Diese Frage veranlaßte bekanntlich im vorigen Jahre die Geschäftswelt zu einer starken Zurückhaltung und wirkte sich in einer ungünstigen Entwicklung der Effektenbörse aus. In diesem Jahr (1924) werden zwei der bestehenden drei politischen Parteien sicherlich an dem bestehenden Steuersystem festhalten, während die dritte sich nicht weiter verpflichten will als vielleicht zu einem verstärkten Schutz bestimmter Industrien, die durch die jüngsten politischen und wirtschaftlichen Vor­gänge in Europa in eine besonders gefährliche Lage gekommen sind.

Der Einftuß des politischen Kampfes auf das Wirtschaftsleben Englands wird sich ferner in die­sem Jahre kaum in so heftigem Maße auswirken als im vorigen Fahre: auch die Warenmärkte scheinen zur Zeit in weit gefestigterer Lage zu fein, um den ungünstigen Einflüssen politischer Gescheh­nisse widerstehen zu können. Der Valutamarkt

Seltsame Hlitterwochen.

Roman von Arnold Fredericks.

25. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Grace war absichtlich früher von Ver a.lles fortgefahren, überzeugt, daß die Räuber sich nicht vor frühestens acht ilfjr auf den Weg machen würden. In dieser Annahme hat e sie recht ge­habt. Der Wagen der Entführer fuhr augenblick­lich etwa zwei Meilen hinter ihr Paris zu: die Insassen sahen überall nach Stapleton aus.

Der Präsekt war in ängstlicher Spannung. Jeden Augenblick glaubte er das bl ne Licht von einem der zahlreichen vorbeisah.enden Wc»' gen aufblitzen zu sehen. Wenn er kam, folUen seine Leute aufspringen und den andere i Wa e.i rasch durch Ab chiehen ihrer mit Schrot gclad ne r Karabiner auf die Räder zum Stehen bringen Seine Leute würden dann mit Hilfe des Wagen­führers die Insa sen des anderen WagenZ übe » wältigen, bevor sie zur Erfüllung ih..c Dün ch e gelangten. Im Wagen hofften sie, das Kind zu finden.

Der Plan war gut aus-gedacht, leider getan i er jedoch nicht Den Grund tannte der Präfekt nicht, aber keiner der Wagen, die an ibn v r- beifuhren, gab ein baues ichtzeichen. Fn l en schienen friedliche Automobilisten zu sitzen, lie Paris und seine Vergnügungsstätten möglichst rasch zu erreichen suchten.

War seine Verkleidung durch chaut worden? Er konnte es nicht glauben. Er fuhr sehr ärger­lich zur Präfektur zurück und wunderte sich, wie­so die Sache nicht geklappt hatte.

Grace erwartete ihn mit r.cug:crigcm Lächeln.

Hier ist das Geld," sagte sie und legte das Päckchen auf seinen SchreibtischHaben Sie die Leute erwischt?"

Nein." Der Präfekt warf sich auf seinen Stuhl.Sie gaben kein Zeichen."

Aber wie kommt das?" Das Vers»gen ihres Planes war sehr ärgerlich

Ich kann mir nur ciren Grund denken Die Burschen müssen auf irgendeine Art S.apletons Wagen erkannt haben, als sie sich ihm näherten an einem Zeichen vermutlich, das ich nicht geben konnte."

Aber in den Anweisungen, d.e ich Stap­leton brachte, war von feinem Zeichen die Rede. Er gab keines, als wir uns ihm näherten."

Fiel Ihnen irgendetwas Be anderes an der Erscheinung sein.eS Wagens auf ctaxeS, was es diesen Burschen erleichtert hätte, ihn auch in der Dunkelheit bestimmt zu erkennen?"

Grace überlegte einen Augenblick, dann machte sie ein bestürztes Gesicht.Eines fiel mir auf, als Stapletons Wagen auf uns zukam und ich bin außer mir darüber, daß mir dessen Bedeu­tung nicht gleich klar wurde."

Was war es?"

Der el. ktri'che Scheinwe fer auf m iner Seile leuchtete _feb.- schlecht. Tatsächlich scher ec nahezu erloschen zu fein. Der andere leuchtete strahlend."

Ter Präfekt sprang auf.

QKon Tieu," rief er aus.Natürlich. Das ist so einfach, als dc»h zwei und zwei vier sind!"

Aber wer?°

Francois. Der Bursche ist an d.r Sache beteiligt. Er bchauptet, ge chlafen zu haben, als der Knabe gestohlen wurde. Er führte den Wa­

gen, der Sie nach Ihrer Verschleppung zurück­brachte. Er stahl, verkleidet, die Zigaretten­schachtel. Er stellt die Scheinwerfer so, daß die Räuber nicht nur sicher sind, das Zeichen dem richtigen Wagen zu g.ben, soirdem daß alles in Ordnung ist daß Stapleton keine Detektive oder Polizisten im Wagen versteckt hat. Daran dachte ich nicht. Dies ist alles völllg klar. Glau­ben Sie mir, mein Kind, wäre jemand bei Stap­leton gewesen, so hätten beide Lampen gleich strahlend geleuchtet, wie die meinen. Sie gaben mir das Zeichen nicht, weil ihren die Lampen nicht anzeigten, daß alles in Ordnung war."

Grace sah rasch auf.Wenn das stimmt," sagte sie.so wußte Francois, daß Stapleton das Geld in den falschen Wagen geworfen Hal. Zweifellos und gleichzeitig wußten es auch seine Genossen. Natürlich wurde das Kind nicht ab= geliefert. Wir sind soweit wie vorher."

Sie werden Fvanyois sofort verhaften, nehme ich an?"

Nein, es hat keinen Zweck. Wenn wir ihn frei lassen, können wir manches erfahren. Setzen wir ihr ahne bestimmten Beweis gegen ihn fest, so erreichen wir gar nichts."

Was wollen Sie dann tun?"

Sie bringen Stapleton das Geld fofort zu­rück. Wenn Sie wollen, können Sie ihn sagen, wie Sie dazu kamen. Er wird natürlich wütend sein, aber er muß verstehen, daß die Gefangen­nahme dieser Verbrecher für die Stadt Paris so wichtig ist, wie de Auffindung feines Sohnes. Wir haben unser Bestes getan und es mißlang. Wir müssen von vorne anfangen."

Richard war am Versailler Tor," bemerkte Grace.Er versuchte, meinen Wagen anzuhalten."

Ja. Ich fah ihn. Er kommt gleich hierher." Dann muß ich gehen." sagte die jung? Frau; erregt sich erh.bend.Es wäre sehr fatal, wenn er mich hier finden würde."

Ein Klopfen an der Türe war hörbar. Der Präfekt stand auf und sah vor ichtig bi naus, dann wandle er sich mit schelmischem Lächeln an Grace und flüsterte:FH. Mann ist im Vorzimmer."

Aber wo soll ich hin?"

Warten Sie hier drin!" Lefevre öffnete die Tür. die zu seinem Privatkabinett führte.Eie können alles deutlich hören Nach dem, was Sie mir Erzählten, wäre ich nicht erstaunt, wenn er auf Ihrer sofortigen Verhaftung bestehen würde."

Ich bin nicht aufrichtig ihm gegenüber! Armer Richard, ich fürchte, er kann mir dies alles nie verzeihen!"

ilrrfinn! Säe sind für den sehr lobenswerten Versuch angestellt, Stapletons Kind aufzufinden. Ebenso er. Ihr Ziel ist dasselbe. Nur er hielt mit bezeichnendem Lächeln ein wenig inne von meinem Standpunkt aus wäre es mir lieber, wenn die Auffindung des Jungen dec Pariser Polizei, das heißt Ihnen, die Sie zur Zeit ihr angehören, zuzuschreiben wäre!"

Richard Duvall betrat die Diensträume des Präfekten ein wenig beklommen. Der Raum, der ihm von früher her vertraut war, crinreite ihn naturgemäß an Grace, mit der er sich in Ge­danken tatsächlich die letzten paar Tage fortwäh­rend beschäftigt hatte Hier, in diesem Raume, hatte sie ih-ii zum ersten Male ihre Liebe ge­standen während der aufregenden Verfolgung Victor Girards und der Million Franken. Er sah sich in der vertrauten -Umgebung um.

iFo.tietzung folgt)