Ur. 296 Swett« Blatt
Nach der Wahl-
Don Walter Lambach, Mitglied der deuischnatl. Reichstagsfraktion.
Da« große Kesseltreiben gegen die Deutsch- nationalen hat mit einem negat-ven Lieg der .Republikaner^ geendigt. Die Deulschn.rtionalen haben ihre Sitze im Reichstage nicht vermindert, sondern sogar noch etwas vermehrt, d. h. angesichts der größeren Wahlbeteiligung: sie haben ihren Denand gehalten. Dasselbe g lt auch von der Deutschen Dolk^partei. dem Zentrum, den Demokraten und der Bayerischen Volk-Partei. Wirklich verloren haben nur die Rationalsozialisten lDöllischen). die Deutsch- sozialen und die Kommunisten. Gewonnen hat die Sozialdemokratie. Sie Hal von den 33 Mandaten, die die verlierenden Parteien abgegeben haben. 31 für sich gewonnen.
Insofern ist also Herrn Ebert- Rechnung richtig gewesen, der ja der einzige Inteveffent an der RetchStagSauflösung war. Die Sozialdemokratie ist wieder die größte Fraktion und ihr Loebe tord voraussichtlich den R ichstagspräsi- dentenfluhl wieder besteigen. DaS Handinhand- arbeiten zwischen dem Reich-Präsidenten und dem Reichstcgspras denten zur g schiften Dorbereitung der Reichspräsidentenw chl im nächsten Frühjahr ist damit sichergestellt. Das iffl ober auch da- einzige Reue, was diese Reichst gstoahl gebracht hat. Sobald man an die Reub ldung einer sesten RegterungSkoalition denlt. muß man feftstellen, daß eigentlich alles beim Alten geblieben ist. Eine LmlSkoalition unter der Führung de- Herrn Josef Wirth und unter Beteiligung der Lozialdemokr.t e. der Demokraten und des Zentrums ist unmöglich, weil ihr die zahlenmäßige Grundlage fehlt. Die große Koalition der breiten, aber in sich allzu gegensätzlichen Mitte, von den Lozialdemo- kraten bcS zur Deutschen DolkSpartei. ift ebenfalls unmöglich, weil in ihr die D e u t f che Dolkspartei in eine so voll gr Abhängigleit von den Lozialdemokraten geraten würde, daß sie sich angesichts der Versprechungen dics.s Wahlkamp seS vor ihren Wählern überhaupt nicht mehr sehen lassen dürfte.
Möglich bleibt nur eine Staatsbürger- Koalition vom Zentrum bis zu den Deutsch- nationalen, sie hätte eine Mehrheit, die so groß wäre, daß sie auch unabhängig von den Uei- neren Parteien, die sich ihr anschlössen, bleiben konnte. Die Demokraten wären zur Bildung dieser Mehrheit noch viel weniger nötig, als sie es im alten Reichstage waren. Der Zusammenbruch der grundsätzlichen Daueropposition der Kommunisten und Rationalsozialisten, den sie sich sehnlichst herbeigewünscht haben, hat ihnen nur geschadet, denn sie haben aufgehört, dos Zünglein an der Wage zu sein. Sie sind jetzt auch parlamentarisch nichts anderes mehr, als eine Rebenabteilung der Sozialdemokratie. Das be- scbeinigt ihnen im 8-Ahr-Abendblatt Dr. P a ch- n i d e, der das Ergebnis der Wahl in dem Sah zufammenfaßt: „Öd spricht einstweilen viel mehr für da- Zustandekommen eines Dürger- blodS, den die Demokraten und Sozialdemokraten um jeden Preis vermeiden wollten. Lind das ist die Lleberraschung, die der 7. Dezember brachte." So ist die Wahl trotz des Wandalsgewinnes der Sozialdemokratie und trotz der voraussichtlichen Eroberung des ReichStagSpräsidentenstuhlS für ihren DertrauenSmann, trotz auch der Zunahme der gesamten Linken um etwa 20 Sitze, eine politische Riederlage ersten Ranges für diejenigen, die durch die Auflösung des Wahlresultats vom 4. Mai hn Intereste der gesamten Demokratie revidieren wostten. Im Reichstag kommt es eben nicht auf absolute Stärke an, sondern jede Partei hat die Macht, die sie im Verhältnis der Gesamtheit aller übrigen Parteien hat.
WaS aber nun? — —
Der Reichspräsident, der sich seit der Wahl zum ersten Reichstag der deutschen Republik im Kampfe gegen die schwarz-weiß-rote Wlllensentw cflimg des deutschen Dolles besir.det, hat eS in diesem dritten Reichstage der deutschen Republik anfänglich etwas leichter. Er kann ruhig den intet rot iona'en par amentarischen Gebräuchen folgen, ohne daß er dabei gezwungen wäre.
Der Eierpannekuche.
Don FranzGro«*).
Kamen da einst ein paar müde Holzhauer, die den ganzen Tag über droben am Herzberg geschafft hatten, bei bitterer Kälte müde und hungrig in das .Lamm" zu Schwarz. Der Lamm- Wirt setzte einem jeden von ihnen ohne ein Wort zu sagen ein Diertelchen .Ordinären" vor. Mit klammen Fingern ergriffen sie das Glas und mit einem .Wurf" wurde es hinter die Binde gegolten. Der Lammwirt sagte: .Es mächt kahld", und einer der anderen, mühsam seine Pfeife mit A.-D.-Reiter stopfend: .Geb' mer dcswege noch c' Känuche." So kam zum zweiten Male der Schnaps auf den Tisch, denn der erwärmte die Seelen.
Rach einer Weile sagte einer zum Wirt: „Christoph, was haste de ze este?"
„Sc kannst Wurst unn aach Eierpannekuche hawwe. Kei Handkäs' sinn net mehr da."
.Ich mag kei' Wurst, geb' mer emal en Parrnekuche."
So bestellte denn der Lammwirt bei seiner Frau in der Küche den Eierkuchen.
Mittlerweile war einer aus Lldenhausen her- eingekommen. Der handelte mit Leinen- und Strumpfwaren, die er in einer Kiepe auf dem Rüden trug. Er galt für einen Llnleid, weil er die Leute .im Pfiff" hatte, daS heißt, sie gerne uzte, ohne selbst aber einen Spatz zu verstehen, und war dazu ein Geizkragen und Knauser, der den Pfennig herumdrehte, ehe er ihn ausgab. Er trug noch einen blauleinenen Kittel, den schon seit seliger Dater getragen hatte. Sein dünnes Llnterzeug schützte ihn nicht gegen die grimmige Kälte. Er fror aber lieber wie ein Schneider, als daß er sich ein wollenes Wams antat, wie solche in seiner Kiepe — für andere Leute stedten. Er wärmte sich die Finger in den Hosentaschen, setzte sich zu den anderen auf die lange Wandbank und sagte: .Duden Awend,
•) Jon dem Verfasser erschien soeben im Derlag Dr. Wolfgang Meyer in Giehen unter dem Titel .Hessewin d" ein Büchlein launiger Anekdoten, aus dem wir mit gütiger Erlaubnis des Verfassers die obige zum Abdruck bringen.
Siebener Anzeiger sSeneral'Anzeiger für Gberheffen)
Dienstag, sh. vezemver 1924
einen Deutschnationalen mit der Regierungsbildung zu betrauen. Aber da- B D ändert sich sofort, wenn der von ihm etwa betraute Führer der größten Partei, nämlich der Lv iaBemvkraiie, sein Kabinett zusammenzustellen b ginnt. Die Links-Koal t on fft unmöglich. die gr:h,' Koa.'i ion muß scheitern, wenn de Dolkspartei sich selbst treu bleibt. Was dann gesch.eht, w rd nur Herr Ebert wissen Wen er aber nach dem Sche.tern des Sozialdemokraten betrauen mag, sei es ein Zen- trumen oder ein Mitglied derDeutsch'n Volks- l a t.-i? b;r K nzle. . de si h el u re i tung. ä i e Mehrheit schufen wlll, wird um Deryand- lungen mit der D e u t s ch na t i o na l en Dolkspartei nicht herum kommen. In diesem Falle wird er gut tun, sich vor der Aufnahme solcher Derhandlungen zuerst einmal beim Reichspräsidenten zu erkundigen, ob dieser bereit ist, gegebenenfalls überhaupt deutschnationale Männer zu Ministern zu ernennen. So lange er Darüber keine restlose Klarheit herbeigesührt hat, dürften Derhandlungen mit den Deutschnationalen zwecklos und deren schärfster Opposition sicher sein. Zweimal sind schon sehr weit gediehene Derhandlungen über eine Regierungsbildung in letzter Stunde an der Gegnerschaft des Reichspräsidenten gescheitert. Er ist aber der Mann, der versassungsmähig die Möglichkeit hat, die Llnterschrift unter die Ernennungsurkunde für irgend einen Minister zu verweigern.
Da es andererseits eine tragsähige Regierung ohne die Deutschnationalen nicht geben wird, werden sich die betreffenden Politiker auch darüber klar werden müssen, ob sie sich einer dauernden Ablehnung der Deutschna tonalen durch den Reichspräs.denten fügen wollen. Die Dorgänge in Frankreich haben bewiesen, daß der geschlossene Wille einer parlamentarischen Mehrheit auch mit dem renitenten Präsldenten einer Republik fertig zu werden vermag.
Türkische Wandlungen.
Don einem gelegentlichen Mitarbeiter wird uns aus Angora geschrieben:
Die deutsche Presse hat, wenn ich von hier aus richtig beurteile, d i e jüngste türkische Regierungskrise mit der nö igen Do s cht behandelt. Ob nun deshalb, weil sie von wichtigeren Dingen in Anspruch genommen ist, oder weil sie das Manöver der neuen Regierungsmänner sogleich durchschaut hat, beeinflußt die Tatsache nicht, daß sie sich von den etwa- trommelnden Ankündigungen der Opposition gegen Kemal nicht hat irre führen lassen. Lins hier war feit den Tagen, an denen das erste Geplänkel der Opposition begann, klar, daß es sich in dem lauten Feldzug gegen den greifen und schwerhörigen Ismet Pascha und gegen Kemal, den Herrn und Gebieter des Ministerpräsidenten, weniger um grundlegende politische Aenderungsabsichten handelt, als um das Vordringen einer in ihrer Ehre gekränkten und seit der Befreiung der Türkei zurüdgesetzten Gruppe.
Kemal Pascha hat bei seinem Aufstieg vergessen. auch seine militärischen und politischen Anhänger und Mitkämpfer mit Sie- geslvrbeeren zu krönen, so daß sch'lleh- lich in den Reihen der Dolkspartei der Verdacht kolportiert wurde, das neue Oberhaupt der Türkei strebe nach der Macht des Sultan- und Kalifen. Ja. man ging sogar soweit, zu sagen, daß Kemal das Kalifat nur zu dem Zweck habe abschaffen lassen, um s i ch selbst an die Spitze der gesamten islamischen Bewegung zu stellen. Die Rainen der Oppositionsführer und neuen Kabinettsmitglicder tun wirklich nichts zur Sache, und auch die letzte Erklärung Feth Deis. des neuen Ministerpräsidenten, zeigt ja, daß die Politik Ismet Paschas — lie- Kemal Paschas — im Prinzip weitergeführt we den soll.
Freilich wird die neue Regierung bet ihrer Arbeit die Punkte ihres oppositionellen Programmes besonders betonen. Zu ihnen gehört die Tendenz „Zurüd nach Konstantino- p e l". Aber cs wird noch manche Wolke über Anatolien hinziehen, bis eine solche Frage auch nur debattiert werden kann. Im Gegenteil, das politische Leben konzentriert sich immer mehr auf Angora, das noch immer die kleine Provinz-
es mächt kahld heut, heut erfriem et’m die Flöh uff dem Leib."
Ser Wirt guckte nicht nach ihm: er sah am Rebentisch und las das Kreisblatt. Er war ein Politiker, der es mit keinem verderben wollte. Am letzten Wahltage hatte er „krank ' zu Bett gelegen und war erst abends nach sechs LIHr tm WirtSzimincr erschienen. Von neun LIHr an, als die Wahlergebnisse einliefen, war er offensichtlich wieder kerngesund. Er aber hatte nicht abgestimmt und es so mit keiner Partei verdorben. „Ich weih, wie rnan's machen muß", dachte er im stillen.
Als er eine Weile gelesen hatte, sagte er: „Ich mein', der Dindemann täts alleweil doch Widder packe: er halt fei' Sach' im Reichsdag doch bisher ganz gut gemacht, da könne die Rational! iwerale nett mit." Einer der Waldarbeiter, der schon sein drittes Glas getrunken hatte und sich wärmer fühlte, entgegnete: „Eich wähl' de' Dindemann nett. Was kaas eich mer bade» voor. So fein die Andifemidde: Das ganze Jahr schelle se uff die Iudde, awer bei de dickste Dauern un de größte Krifcher kommt der Han- nelsmann nett vom Hof un nett aus der ßtobb. Lin in der letzt Gemanderatsfitzung Hummer met Ach un Krach zwa Pennig for die Arweitsstond mehr kriht. Geht mer fort“ Lind spuckte aus.
„Da haste Rechts sagte der Wirt denn er sah, dah es besser war. einzulenken und so fuhr er fort: „Iwwerhaupt mit der Politik is es so e' Sach', jeb Partei hat ebbes Gutes un ebbes Schlechtes. Ich hab' aach schon gelacht über die Äandidaie un über die Abgeordnete. Da kam emal en Kandidat nach Alsfeld un stieg in der Kron ab. Dort stellte er sich dem Krone- toirt vor, der doch im Landtag sitzt en gesunde Menschenverstand hat un wann's gilt, wahrhaftig fei' Dlatt vor de' Mund nimmt Der Kronewirt beguckt sich de' Dorsch. Er sagt be- kcmntlich nett viel, daderfür erkennt er awwer die Leut desto besser an de’ Stiwwel, die fe abends vor ihr Stuwwetür ftdle müsse. So beguckt er aach die Stiwwel von dem angebliche Parteigenosse aus Derlin. Sa war n nun die Abfätz schepp un schief bis dortenaus und die Schusters Rappe hatte grobe Mäuler. Ser Kronewirt sollt mit dem zusamme los sah re und agitiere? Das tat er nu* nett Awer er nahm
stabt mit den unscheinbaren Häuschen ist. Sie Türkei ist allmählich auS dem Stadium der Begeisterung in dad der zähen Alltags- arbeit gekommen, und so ist eS nicht ratsam. Wandlungen, mögen sie m,t noch fo viel Lärm umgeben werden, auf die Goldwage zu legen.
Im Parlamentär schen Leben selbst scheint sich die Zweiparteien-Gliederung anju- bahnen, tote man f.c früher in England und Amerika hatte und auch mit denselben Folgen: die Rlacht gleitet abwechselnd aus der Hand der einen Partei in die der anderen. Kemal Paschas Aufgabe wird es sein, beiden Strömungen gerecht zu werden, ihnen im Innern freiere Hand zu lassen, s.ch selbst aber mehr der Außenpolitik zu widmen. Wie erfolgreich er hierin bisher auch gewesen fein mag. als Militär verfügt er noch nicht über die Geschicklichkeit des Diplomaten. In Parlamentskreisen wurde mir zur Illustrierung deS Diplomaten Kemal vor einigen Tagen das folgende Geschichtchen erzählt: Ge'.egentl ch des Empfanges eines französ schen RegicrungSvertte e S vor einem Jahr lieh er sich dessen Degrützungs- Worte und Anliegen ins Türkische übersetzen, obwohl er selbst besser französisch als deutsch spricht. Als lieberfet;erin fungierte seine hübsche Frau, die kluge und tapfere syrische G:oß- kaufmannstochter. Kurz vor Schluß des 6mp- sanges fragte der Franzose Kemal, warum er mit ihm denn nicht französisch gesprochen habe. Woraus Kemal eito dertc, die fran ösilch- Sprache sei ihm feit der Kriegszeit (!) nicht mehr so geläufig to.e früher. Lind heute? In den nächsten Wochen reift K emal nach Paris und Felh Bei. der Franzosenfreund, proklamiert im S nne Kemals die Rotwendigkeit einer türkisch-französischen Freundschaft.
Aus der Provinz.
Landkreis Gießen.
• Klein-Linden, 16. Dez. In einem von Pfarrer Ackermann veranstalt ten Gemeindeabend sprach d r Hess sche Bauersmann und Schr ftstcller Heinrich R a u m a n n. Sen vielen Zuhör rn wrben diese Stunden lange in Er nnerung l leib n Der Kirchengesang- verein und der Posaunenchor h lfen zum guten Gelingen des Gerne ndeab.nds mit
£ Wieseck. 16. Dez. In einer der letzten Rächte wurden qn der Straße nach Alten-Duseck sechs neu angepflanzte junge Obst- bäumchen in halber Höhe abgebrochen. Eine srlche ruchlose Tat. die von einer grenzenlosen Gesinnungsroheit zeugt, fordert unnachsichtliche Sühne. Hoffentlich gelingt eS recht bald, die Täter festzustellen, damit sie einer jedenfalls recht empfindlichen Strafe zugeführt werden können. Bei dieser Gelegenheit soff nicht versäumt werden, die in Detracht kommenden Stellen auf einen Zustand aufmerksam zu machen, der dringend der Abhilfe bedarf. Was in manchen Rächten von einem Tell der Jugend (und meistens ist es der jugendlichste) an ruhestören- dem Lärm verursacht wird, grenzt manchmal an tierisches Brüllen. Sollte es feine Mittel hiergegen geben? Sollte keine Behörde vorhanden sein, die dem ruhebedürftigen Teil der Einwohnerschaft wenigstens die halbe Rächt ungestörter Erholung verschaffen kann? — Zu dem Vorfall in der hiesigen Kirche, bei dem, tote bereit- berichtet, gelegentlich einer Filmvorführung eine große Anzahl Kinder infolge Einatmens von Kohlenoxydgas ohnmächtig wurden, erfahren wir noch, daß die erkrankten Kinder sämtlich wiederhergestellt find. Sie bedauerliche Angelegenheit ist also ohne üble Folgen abgelaufen, was ja auch im Interesse der Eltern und der veranstaltenden Pertonen zu wünschen war. Don ärztlicher Seite erfahren wir, daß eine andere Llrsache als Kohlengasvergistung nicht In Frage kommen kann, alle festgestellten Symptome deuten darauf hin. Allerdings bleibt jetzt noch die Frage offen, wie es möglich war. daß eine so große Menge Kohlenoryd entweichen konnte, um den großen Raum einer Kirche zu füllen, zumal sich bekanntlich ein Teil des Kohlenoxyd- mit dem Sauerstoff der Luft verbindet und dann unschädlich wird. Hier verdient die Tatsache Beachtung, daß
die Abzug-rohre der rotglühenden Oesen kalt geblieben waren, die Derst opsung also so vollständig sein mußte, daß jeder Durchzug unmöglich war. Eine am Tage nach dem Unglüd abgchaltene Kirchenvorstands- sitzung, die eigens aus dem Anlaß cinberufcn war, beschloß die Ans chassun g zweier neuer Oesen. Aber, wenn nun diese beiden neuen „schwarzen Freunde" ihre Tätigkeit angetreten haben und die Kirchenbesucher mit einer „geruchlosen" wohltuenden Wärme erfreuen, schenkt man hoffentlich auch den Rohren, die nun einmal zu jedem Ofen gehören, die Beachtung. um die Wiederholung eines so bedauerlichen Vorfalls ein für allemal zu verhindern.
II. Lollar. 16. Dez Ein in weitesten Kreisen der Bevölkerung bekannte Persönlichkeit, Dalthaser R u h n . begeht am heutigen Tage in voller körperlicher und geistiger Frische seinen 7 0. Geburtstag. Mit berechtigtem Stolz kann der Jubilar an seinem Lebensabend auf ein arbeit-- und erfolgreiches Leben zurück blicken. Dor nahezu 43 Jahren gründete er unter ganz bescheidenen Verhältnissen sein Zimmer- gcschäft und brachte eS durch unermüdlichen Fleiß auf die achtunggebietende Stufe, auf der wir es heute sehen. Sie einfache, gerechte Art seines Umganges mit seinen Arbeitern und Angestellten wie mit der Bevölkerung und den Geschäftsfreunden sichern ihm die größte Zuneigung und Verehrung
• Beuern 15. Sez. Sonntagabend sprach in unserem Volksbildungsverein Lehrer Müller von hier über das Thema: „Die Tätigkeit der Bakterien in der Ackerkrume und ihre Erhaltung durch zweckmäßige Bearbeitung". An die lehrreichen Ausführungen deS Redners schloß sich eine längere Aussprache, an der sich viele Landwirte beteiligten. Die Aussprache zeig e, wie groß daS Interesse ist, das unsere Landwirte an den neueren Erforschungen in Ihrem Berufszweig haben. Rach Weihnachten wird ein zweiter landwirtschaftlicher Vortrag im Verein geb al en. Sie Iugendgruppe deS Vereins befuchte am Sonntag- nachmi'.ag daSMufeum inGiehen.Es nahmen auch einige ältere Mitglieder an dem Besuch teil. Prosessor Helmke von Giehen hatte in dankenswerter Weise die Führung durch daS Museum übernommen.
ri. L i ch. 15. Sez. Die M ä dche n v e r e i n i- gung unserer Stadt hielt gestern eine Adventsfeier in Gestalt eines Familienabends. Sie Darbietungen der Feier waren auf den Ton gestimmt: „AdventSzeit ist Wartezeit und die Jugend ist deS LebenS Wartezeit, heilige Rüstzeit." Diesem Gedanken wurde Ausdruck gegeben in g meinfamen Liedern, in einem AdoeniS- dcllamatorium. bei dem fünf Sprecherinnen und ein Mädchenchor mitwirkten, in einer längeren Ansprache de« Leiters der Vereinigung. Stiftspfarrer Schorlemmer. und in einem von Stiftsdechant Lenz gesprochenen Schlußwort. Im Mittelpunkt des AbendS stand die Ausführung eines Schauspiel-, daS auS dem Familienleben entnommen war und in Licher Mundart gesprochen wurde. ES verkündete die Wahrheit des DibelworteS: „Gins ist not", und machte durch die frische, natürliche Darbietung der jugendlichen Darstellerinnen und seinem tiefen Sinn großen Eindruck. Die Eintrittsgelder wer- den zum größten Teil für da« Erholungsheim der weiblichen Jugend verwandt, daS sich kürzlich der ständig wachsende Verband der weiblichen Jugend in Hessen im Her rnhag bei Büdingen erworben hat.
i i Vom oberen Horlofftal, 15. Dez. Die Winterfrucht steht im allg me nen gut, jedoch hat daS Korn durch Schneckenfraß schwer gelitten.
Kreis Alsfeld.
□ IlSdorf bei Grünberg, 15. Dez. 2Iu] der Gewerkschaft Gufe IlSdorf, deren Gruben bisher stillstanden, arbeiten jetzt wieder 83 Mann.
Kreis Friedberg.
vw. Butzbach. 15. Dez. In unserer ehrwürdigen St. Markuskirche fand am gestrigen Vorabend eine weihevolle kirchenmusikalische Adventfeier statt. Drei Künstler hn edelsten Sinn des Worte«. Frau Gusti Müller- Armendinger «Sopranistin), Frankfurt a. M.,
dem fei’ Stiwwel und bracht fe zum Schuster Knieriem in die Mainzer Gass: der sollt die Stiwwel in derselwe Rächt noch riestern un besohl'n. Mehr wie ein Stiwwel nahm der nu net un so ging der Kronewirt noch zum Werner Waldeck ans Romröder Tor und gab dem be annere Stiwwel. Da hawwe dann die zwa Alsfelder Schuster in derselwige Rächt Den Berliner an zwei verschißene Stelle gehörig versohlt. Jeder bracht' sei Werk dann am annere frühe Morge dem Kronewirt und der stellt fe dann dem Parteigenoff' toieber vor die Tür. Als der Berliner nu' morgens endlich uffwacht und sei Stiwwel herei'holt, traut er feine Auge nett und glaubt, in Alsfeld toär’n die Kölner Hcinzelmänncher dehcim. Awwer geschämt hat er sich doch, daß er mit verrissene Stiwwel von Berlin uff die AgitationSreif nach Owerhefse ge- fahrn is. denn er hat dem Kronewirt kaum gute Morge sage könne un hat sich sor's Stiwwel- flicke bei niemand nett bedankt. Der Kronewirt hat» bezahlt un hat nachher gedenkt: .Ka' Wun- ner nett, dah der 'Berliner Fortschritt hier nix rechts erreicht, wenn er mit so verrissene Stiwwel zu de’ Leut' uff« Land kommt."
„Sie Berliner möge uns iwwerhaupt vom Hals bleitoe, aach mit ihr'n Waarehäuser un ihr'n Ramschgeschäfte," warf der Lkdenhäuser Hausierer dazwischen.
„Dos könnt der grob baffe", meinte der Waldarbeiter.
„Ro, un wie is es mit dene Drofeffern?" sagte der Lammwirt. — „Die aach! Wißt Ihr noch, wie damals aaner fei' Red schun gedruckt im Blättche gehabt hat un in Berlin hatte se be’ Reichstag scho geschloffe, eher eh — er se hat haale könne? Ich hat der mei Lebtag nett so gelacht, wie damals aach noch hinter seiner Red' geftanne hat. „Starker Beifall rechts und in der Mitte!" Mei' Stimm hab ich em nett wieder getotoe.“
„Gott noch e’nin," sagte der. der den Eier- psannkuchen bestellt hatte, „wo bleibt dann mei Kuchche. ich hab' en Hunger wie en Bär, guck doch emal.“ Schon kam in diesem Augenblick die Wirtin herein und stellte die eiserne Pfanne auf den Tisch, in der auf dem Eierpfannkuchen Messer und Gabel lagen und saftige Speckschei- 6en wohlig dufteten. Aller Augen richteten sich
auf die Pfanne. „Philippi Ghirel" sagte einer, der Lldenhäuser aber, der Knauser, der noch nichts bestellt hatte und der neben Philipp sah, öffnete unterm Tisch sein Taschenmesser und langte sich ein knusperiges Slucklein Speck, al« ob es ihm gehörte. Daraus der Philipp: .Lass' dos sei'." Der Lldenhäuser aber langte sich noch ein Stück. „Ich sag' der, c« werd naut notz", sagte der Philipp, „loff' es sei" und zog die Pfanne am langen Stiel näher an sich heran. Doch der Lldenhäuser langte zum dritten Male nach dem Speck. „61 wo« iS denn luS," sagte Philipp, „ich glaab, dich hat'S. wenn's dir ge- Hirt, magst de'S aach bezoale", nahm die Pfanne beim Griff, drehte sie über de« Mitessers Kops herum und ließ sie auf ihn niedersau'en, daß ihm der wunderbar schone gelbe Eierkuchen übet Ohren und Rase lief. „ES blaut, eS blaut", rief der Lldenhäuser und konnte kaum aus den Augen sehen. „Es blaut nett, nett im geringste," entgegnete Philipp, „un wenn de nett machst, daß bau der Tür hinaus kommst, dann bestell' ich der noch e mal en Kuchche!"
Die Holzhauer und selbst der Wirt lach' ten, daß sich die Dalken bogen. Der andere konnte immer noch nicht aus den Augen sehen. Lieber das Lachen und sein Schimpfen kam die Wirtin herein. „Mit eurem ei'fällige Zeug!" schalt sie. „Ei Gewitter, was is denn lus, ach der scheene, scheene Eierpannekuche. Sau läiwer Gott, dau läitoer Gott, feilt met"8 dann Her meglich halte." So nahm sie den Lldenhäuser am Rockärmel, zog ihn hinaus in die Küche und wusch ihm dort gehörig den Kopf. In der Wirtsstube wurde wettet gelacht. „Der halt uff sei'm Kopp junge Hinket krieht," meinte einer, und ein anderer fügte hinzu: „Se fein gleich aus dem Rest gelaafe.“
Lieber eine Weile kam der Lldenhäuser wieder herein, spuckte aus, legte sein Halstuch um, nahm die Kiepe auf den Rücken und stapfte ohne noch ein Wort zu sagen zur Türe hinaus. —
In Lldenhausen aber darf keiner, der dort hinkommt, etwas von der Eierpfannkuchenge- schichte, die in Schwarz passiert ist, erzählen, sonst riskiert er Schläge.
In diesem Punft sind die Lldenhäuser einig.


