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Zweites Blatt

Gletzener Anzeiger (General-Anzeiger für tvberhessen)

Mittwoch, |6. Jun |924

Danziger Fragen.

Don Dr. Käthe Schirm acher.

Danzig ist ein Brennpunkt europäischer, ja internationaler Politik und verdient dauernde Aufmerksamkeit. DieFreie Stadt" hat sich durch alle Klippen einer Währungsreform hindurch- gesteuert und große wirtschaftliche Tüchtigkeit be­wiesen. Es ist ein kleiner Staat von 364 380 Ein­wohnern (162 083 Männer, 189 657 Frauen), die Vermehrung seit Oktober 1919 betrug 2,1 d. Sy Die Landbevölkerung nahm ab, die Stadtbevölle- rung zu, und zwar durch Zuzug vom Lande die wahlberechtigte Bevölkerung betrug am 19. November 1923 rund 200 000 Seelen; stärkste Parteien sind die Deutschnationalen, sie haben von den 120 Mandaten des Dotkstags 29, die Mehrheitssozialisten 28, ZZentrum 14; die Polen verloren 2 Mandate (von 7 auf 5), eine höchst bedeutsame Tatsache, da sie Danzig doch eine polnische Stadt nennen. Die gleiche Abfuhr er­litten sie übrigens in Ostpreußen, wo sie weder in Masuren, noch Stuhni, noch Allenstein voxm- kommen. Ostpreußen gab 1920 in den Abstim­mungsgebieten 97,50 v. H. deutsche Stimmen ab, bei den letzten Reichstagswahlen 97,45 v. Sy Die Polen aber behaupten, die Abstimmung von 1920 sei durch deutschen Terrorgefälscht". Die Polen behaupten" immer. Das weiß man auch in Danzig. Man kann sagen: die danzig-polnischen Beziehungen bilden einen verwickelten, verhed­derten, versizten Wollstrang, den der Völker­bund von Zeit zu Zeit durchhaut. Einmal be­kommt Danzig den Hieb und Po en die Wolle, einmal umge^hrt. Bei der Frage des pol­nischen Munitionslagers mitten im Danziger Hafen y>g Danzig den kürzeren; das schöne, Danzig zunächstgelegene Seebad, Westerplatte, wird den Polen zur Sprengstofflagerung über­liefert. die schönen Anlagen abgeholzt, den Dan­zigern der billigste Ausflug gesperrt. Den Danziger Hafen verwaltet die Stadt nicht selb­ständig, sondern erduldet einen Hasenausschuh (aus Deutschen und Polen, unter inem Schwei­zer Vorsitzenden), der hohe Tagegelder für seine Mitglieder braucht, seine Finanzen aber nicht zur Blüte bringen, die Verwaltung der Weichsel nicht regeln kann und gegen dessen Entscheidungen (der Vorsitzende gibt den Ausschlag) beide Teile dauernd den zur Zeit englischen Böllerbunds­kommissar Mac Donnel anrufcn Der gleiche Kampf spielt sich um die Danziger Eisenbahnen ab, ole Polen besitzt und verwaltet. Beamte, Aufschriften, Bekanntmachungen sollen, da Dan­zig 96,4 v. H. deutsche Bevöllerung hat, deutsch sein. Polen versucht jetzt, zweisprachige Beamte einzuführen, als Vorstufe für einsprachfg-pvlnische und um wieder so und so viel Deutsche brotlos zu machen. Derweil sitzen, unte. Leitung des Herrn Mac Donnelk; der Danziger Senatspräsi­dent und derdiplomatische Vertreter der Re­publik Polen", Herr Henryk Straßburger, am Verhandlungstisch und schließen Abkommen, die die Zahl der danzig-polnischen Streitpunkte äuf den Völkerbundstagungen in Eens verringern fot* len. Sie sind darin glücklicher als det Hafen- ausschuß. So wurde vereinbart daß Danzig selb­ständige Teilnahme an der internationalen Etsen- bahnkonferenz zusteht; daß Danzig auch beim Abschluß von Handelsverträgen mit Polen nicht wie eine polnische Provinz", sondern als selbstän­diger Staat zu behandeln ist, und daß die Dan­ziger Behörden ihren Staatsangehörigen eigene Danziger Pässe in deutscher Sprache auszustellen berechtigt sind. All diese Schwierigkeiten ent­stehen daraus, daß Polen die auswärtige Ver­tretung Danzigs zugesprochen ist, dadurch ist der Danziger Bürger in Polen schutzlos, da er ja keinen Danziger Konsul, sondern nur polnische Behörden gegen ihre eigenen Heb ergriffe anrusen kann.

Auch wirtschaftlich trachtet Polen Danzig nach dem Leben, sobald dies sich national zur Wehr setzt. Der polnische Senatspräsident Toarnpizhnstt fordert Danzigs wirtschaftliche Verrufserklärung: nichts mehr über den Danziger Hafen, alles über Stettin und Königsberg, bis der große pol­nische Hafen, Gedingen, im geraubten Westprea- ßen, fertig ist. So werde mandie halsstarrig en Danziger" klein' kriegen und fte Polen einver­leiben. Hiergegen erheben sich nun dre Polen in Danzig und erklären:Danzig den Danzigern", wozu sie sich auch rechnen. Es sei auch unratsam, Danzig Polen einzuverleibcn, denn das Dan­ziger Deutschtum würde als ..das kulturellste Element Polens" sofort die Führung der natio­nalen Minderheiten übernehmen und dasangeb­liche Danziger Unrecht innerstaatlich wie im Aus­lande sehr schlecht Wicken".

Während das Danziger Schiff auf außen­politischen Wellen schaukelt, wird an Bord strenge Ordnung gehalten. Dec erste Guldenhaushalts­plan ist aufgestellt und befindet sich im Gleich'-

gewicht. Etwa 900 Beamte sindabgebaut", die Steuerleistung beträgt 74,11 Gulden auf den Kopf (Sozialverwaltung 24,13, Schulverwaltung 23,63, l innere Verwaltung 14,89, der Rest, 11 Gulden, auf die anderen Verwaltungszweige), die Geld­knappheit ist eine Gefahr, die geplanten Aende- rungen des (polnischen) Zolltarifs, der Danzig mitumklammert, bedrohten Danzigs ganzes Wirt­schaftsleben, die derzeitige Ausfuhr betrug (1923) 7,1 Millionen Doppelzentner (von 11,7 Gesamt­eigenhandel), die Handelsbilanz ist also aktiv. Eingeführt werden vor allem Lebensrnittel (aus Amerika), ausgeführt Holz und Zucker (nach Eng­land und Dänemark). Lebhaftes Interesse widmet gerade England dein Danziger Handel, was die Baltisch-skandinavische Handelsrundschau" be­weist, die zwar in Kopenhagen erscheint aber aus englisch und auch England den größten Raum gibt. Sie beginnt mit einer Karte des 1919 zerfetzten Europas und gibt gute Rachrich­ten über den zertrümmerten Osten, wo manche Handelsverschiebung eingetreten ist so geht die estländische Butter jetzt aus Balutagründen nach Deutschland, auch über Hamburg nach Böh­men, die Braunschweiger Gemüsekonservenfirmen haben ihren Anbau zum Teil in das Danziger Werder (Weichselniederung) verlegt und ihre Ausfuhrfabriken in den Danziger Freihafen. Be­sonders bemerkenswert ist, daß der Hauptaktio­när und Direktor der italienischen Dancä Corn- merciale, Herr Töglih in Warschau. Polen einen Kredit von 400 Millionen Lire zu 81,1 t>. H. besorgt hat, anscheinend gegen italienische Beteili­gung am Rybniker Kohlenrevier, das bis 1921 unser war! Den Gedinger Hafen allein mit pol­nischen Ingenieuren zu bauen, hat man ver­zichtet, doch sollen nur polnische Maschinen ge­braucht und der Hafen in fünf Jahren für ein­einhalb Millionen Goldfranken fertig geftelU wer­den. Rach fünf Jahren fragen wir wieder an. Die starke Rahrungsmitteleinfuhr treibt die Dan­ziger Landwirtschaft zu äußerster Anstrengung, weil Danzig weiß, daß Polen zur Erzwingung politischer Vorteile die Seeeinfuhr durch Kampf­zölle zu sperren durchaus fähig ist and seine eigenen Grenzen ja schon oft gesperrt hat. So scheint Polen der Goliath, der aber unterlag. Und auch Polen, das danach strebt, alle Oststaaten gegen uns zu vereinen, hat soeben mit Schmerz erfahren, daß Estland und Lettland Warschau verließen, um sich in Kowno mit Litauen gegen Polen zu verständigen. Das ist «rach eine Danziger Frage.

Das Italien der Fascisten.

Streiflichter von Carl Fries.

Was uns in Italien jetzt zuerst auf fällt, ist die große Pünktlichkeit der Eisenbahnen. Komntt man eine Minute zu spat auf den Bahnhof, so ist der Zna schon aus der Halle! Das ist M u s s v l 1 n i ' Man.muß das unum­wunden anerkennen, Uno auch sonst macht sich sein Regime Vvrte.lhask bemerkbar. ES wird gearbeitet. Die Berichte aus den Kam­mern zeigen den regen Betrieb der Reform­arbeit, und wenn es auch zu heftigen, ja stür­mischen Debatten kommt, und die Sozialisten ihre Ansprüche nicht genügend berücksichtigt finden, so steht doch fest, daß Mussolini alle Zweige der Verwaltung, das Schulwesen, die Finanzwirtschaft, den Verkehr, die Steuern, einer grundlegenden Bearbeitung unterzieht, als gälte -rs, einen völligen Reubau aufzufüh­ren. ES kommt Zug und Ordnung in das früher recht modrige Staatswesen hinein.

Man hat überall den Eindruck der Wohl­habenheit und Behäbigkeit. An der Peripherie von Rom, besonders in der Gegend von San Paolo, erheben sich bedeutende Industrie­bauten; im Rorden hat sich eine ganze Villen­kolonie entwickelt. Der ehemals so wüste Gär­ten Borghese ist ein wahres Schaustück ge­worden. CaföS, Goldfischteiche mit umgeben­den Bosketts, Reit- und Fahrwege, wo sich Sonntags die elegante Welt trifft, und präch­tige Denkmäler, unter denen der Cberleinsche Goethe sich ganz gut ausnimmt, ergeben einen Komplex, der jeden weltstädtischen Ver­gleich aushält. Und an der Via della Regina gibt es jetzt Neubauten und Villen, deren Pracht an Mosaiken und Rialtobögen ihres­gleichen sucht. Ganz neue Straßenzüge ent­stehen und es wird eifrig gebaut. Die einst so

öde Gegend am Ponte Milvio strotzt von Ele­ganz! Das ist der gewonnene Krieg.

Merkwürdig der Wandel der Zeiten! Der Dichter Alfini fühlte sich In Berlin durch den auffallenden Militarismus abgestohen. Lauter Soldaten! Natürlich, Preußen! Jetzt fühlt der Preuße sich befremdet, wenn er in Italien überall und überall Soldaten sieht. Im Frühjahr kamen auf dem Bahnhof in Rom täglich die unabsehbaren Züge der Neu­ausgehobenen an; in dem kleinen ©irgend ver- chwanden lange Züge junger Burschen in der Kaserne. Die Offiziere spielen eine große Rolle und werden stark hofiert. Die ganze Armee ist offiziell fascistisch.

Aber auch die Zivilverwaltung un­terliegt dem scharfen Blick des Fascio. In je­dem Cisenbahnzug erscheint eine Kontrolle der Schwarzhemden, die alle Reisenden mustern, im übrigen aber gegen die Fremden überaus liebenswürdig sind. In den neuen Gebieten, besonders im Trient, ist die Kontrolle sehr scharf, und wer irgend wider den Stachel löckt, kann über die Grenze transportiert wer­den. Mussolini ist von unermüdlicher Rührig­keit. Er hat ganz Sizilien bereist, in jeder Stadt Ansprachen gehalten, in Rom den Geogra- phenkongreß eröffnet, Pen Vertrag mit De- nesch abgeschlossen, mit Frankreich und Eng­land anläßlich deö Königsbesuches in London die Beziehungen verdichtet und geklärt, und ist von unglaublicher Arbeitskraft.

Der FasciSmus wirkt auch stark propa­gandistisch. In Florenz fielen mir die vie­len sinnfälligen Plakate auf, die in drastischen Bildern mit Unterschriften das nationale Pro­gramm verkünden. Mussolini steht da etwa mit auf fordernder Geste, und darunter lieft man: A me!u, oder in einem Doppelbild wird erst der allgemeine Ruin dargestellt, den der Dolcevismo" mit sich bringen würde, während nebenan blühende Erntefelder als Wirkungen des Fascio erscheinen. Auch die Presse ist vorwiegend regierungsfreundlich, so der Cvrriere d'Italia und der prv- industtielle Messaggerv, während der Sozialismus und der Kommunismus eine ziemlich kleinlaute Rolle spielen. Cs gibt frei­lich Leute, die den jetzigen Zustand für einen konstruierten halten und von stark oppo­sitionellen ilnterftrömungen reden. Vorder­hand erscheint aber der nationale Neubau fest­gefügt und man kann nicht leugnen, daß viele Symptome der inneren Gesundung und Konso­lidierung direkt auf ihn zurückzuführen sind.

Daß die geistigen Interessen nicht zu kurz kommen, zeigen die vielen Kongresse und wissenschaftlichen Veranstaltungen. Die Geo­graphen, dje Chemiker, die Philosophen haben getagt, z. T. mit Heranziehung des Auslan­des. Die Presse blüht auf. Ein Symptom ist etwa die ZeitschriftScientia", die, von Eu- geniv R i g n a n o in Mailand herausgegeben, bei rein wissenschaftlichem Inhalt wirklich ganz international geleitet wird. Ihre Abonnenten finden sich in ganz Europa, Amerika, Süd­afrika, Indien, Australien, Japan, Neusee­land usw., ein auch im Sinne der Völkerver­ständigung sehr willkommenes Unternehmen.

Die Literatur setzt viele neue Triebe an, d'Annunzio gilt als Heros, neben dem be­sonders San Benelli als Dramatiker geschätzt wird. SeinGastmahl der Toren" und die Maske des Brutus" haben gewaltige Büh­nenerfolge gehabt, während die rellamehaft angepriesenen Romane des Guido daVe- rona einem durchschnittlichen Lesebedürfnis genügen.

In der bildenden Kunst zeigte der Bionnale im Palazzo delle belle arte, daß man durchaus nicht auf verwelkten Lorbeeren eingeschlafen ist; guter Impressionismus war überall zu sehen. Die wirklich Modernen,

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Dielebende Fettung".

In den von der Kultur noch so wenig be­rührten Grenzgebieten des russischen Riesenreiches ist die Kunst des Lesens nur den allerwenigsten geläufig. Die Sowjetleute sahen sich daher, um dort ihre Anschauungen zu verbreiten, dazu ge­zwungen, neue oder vielmehr uralte Mittel der Rachrichtenverbreitung aufzunehmen, und so schufen sie dielebende Zeitung". Swen He­di n, der in seinem soeben bei F. A. Brockhaus erscheinenden BuchVon Peking nach Moskau in seiner anschaulich spannenden Weise eine Auto­fahrt durch die Mongolei und eine Glsenbahnrei^ nach Moskau und Petersburg schildert gibt auch einen Bericht von dieser originellen Form der Unterhaltung, der er an der äußersten Grenze des russischen Sibirien, in Werchne 11 bin fr, bei­wohnte. Angekündigt war an allen Hauserecken sowie an den Zeitung^ und Zignrettenklosken: Schiwaja GazetaDw!gticl":>Dre lebende Zeitung Der Motor".Als wir ins Theater kämm, war der Saal bis zum letzten Platz voll, aber für uns wurden Stühle ganz vorn an der Bühne besorgt, schreibt der berühmte Weltreisende.Der Vor­hang wurde zur Seite gezogen. Mitten auf der Bühne stand ein länglicher Tisch mit grauer Decke; an seiner hinteren Längsseite sahen einige Herren, dem Publikum zugewendet. Sie stellten die SchrM- leitung der lebenden Zeitung bar. Der Schrift­leiter Abramowitsch erhob sich und verkündete, die erste Notiz in der Nummer der lebenden Zeitung enthalte die Mitteilung von der Ankunft des schwedischen Reisenden in Werchne lldrnst. Aus diesem Grunde fand er sich veranlaßt, mir zu Ehren eine freundliche Rede zu halten. Hieraus wurde der Inhalt dieser wunderbaren mündlichen

Veröffentlichung in einer Reihe von Artikeln auf­gerollt die von verschiedenen Verfassern vorgetra- aen würden. Einige waren ernsten, andere scherz­haften Inhalts. Zuerst erhielt Genosse Schegurow das Wort. Gr war früher offenbar Arbeiter ge­wesen und spielte jetzt eine Rolle in der Pf lege der städtischen Angelegenheiten. Sein Leitartikel war von antireligiöser Tendenz. Er enthielt eine in scherzhaftem Ton gehaltene, recht mangelhaft zustande gelommene Kritik derSchopfungsgeschichte im ersten Buch Moses. Aber er hatte einen gr oßen Fehler- er war nicht witzig. Das Publikum amü­sierte sich nur mäßig, und das Lachen war schwach. Die Heberschrift des nächsten Artikels wurde von Abramowitsch vvrgelesen; sie lautete:Irrtum und Vergeßlichkeit", eine Studie darüber wie die Men­schen durch das Leben taumeln und tapsen Das Wort wurde bann dem Sekretär desLeb^iden Kalenders" erteilt. In rech' lustiger und scherz­hafter Weise las er eine Satire ub-r den -Novem­ber" vor. Er geißelte den November 1923, der ge­rate zu Ende gegangen war, und der geg n alegu.e Sitte mit Unmassen von Schnee und allzu schnei­dender Kälte angefahren gekommen war. Die Aerztin Galperowa hielt einen sehr langen Vor­trag überHygiene". Sie war die be te von der ganzen Gesellschaft. Ihre Rete toar tiefernst. Mit Kraft und Ueberzeugung hob sie: hervor, wie wüte tig es für die Zukunft und das Gluck eines Volkes ist, Selbstbeherrschung zu zeigen und seinen Kör­per gesund und rein zu halten. Sie gab kluge und verständige Ratschläge rein praktischer Art. Alle hörten aufmerksam zu. Aach ihr tr-at ein Ar­beiter auf und sprach über das Thema: .Wie d e Monarchisten im Ausland leben . Wieso er eigent­lich darüber Bescheid wußte, ging aus seiner Rete nicht hervor Seine Quellen waren wahrscheinlich

ebenso trübe wie die ter Monarchisten im Aus­land, wenn sie davon sprechen, wie die Dolsche- wikis in Rußland leben. Natürlich schimpfen bette Teile ganz fürchterlich aufeinander. Gin anderer Arbeiter wurde aufgerufen und bellagte sich in längerer Ausführung über den tiefen Stand der Allgemeinbildung in Werchne lldinfk, und wie wichtig es daher sei, daß man Nutzen und Lehre aus dem Wissen ziehe, das durch dieLebende Zeitung" verbreitet werte. Zuletzt dellamierte ein Mann Verse, die er vermutlich selbst gedichtet hatte, und ein anderer tischte eine Anekdote von dem schrecklichen Schicksal eines Krokodils auf. Die Vorlesung dauerte rund 4 Stunden, wurde aber dreimal von einer Musikkapelle unterbrochen, einem Dutzend junger Qeute, die mit Gefühl und Wohl- llang auch Balalaiken, Mandolinen und 'Gitarren spielten. Freien Eintritt zurLebenden Zeitung" haben nur die Mitglieder ter Gewerkschaften. Das Publikum bestand also aus Arbeitern, zum größten Teil jungen Männern und Frauen. Im späteren Teil der Vorstellung schien man müde geworden zu sein; denn da wurde geplaudert und gelacht, |fo daß sich der Redner oft nicht Gehör verschaf­fen konnte. Da erhob sich ter Schriftleiter, schlug mit dem Hammer auf den Tisch und drohte damit, die Zeitung ganz und gar nteterzulegen, wenn die Abonnenten sich nicht in Schranken halten könn­ten. Im übrigen ging alles ebenso anständig zu wie Im feinsten Theater in Stockholm."

Hat der fliegende Holländer gelebt?

Die Sage vom fliegenden Holländer, die In unserer Dichtung zuerst von Heine so wirkungs­voll verwendet wurde und dann in Richard Wag­ners Over unsterblich fortlebt, hat in ihrem Ur-

die sich dort Futuristen nennen, halten sich ab­seits. Sie sind im Circolo artistivo zu finden. Besonders P r a m p o l i n i, ein junger Drei­ßiger von einnehmendem Weltmannstum, gibt als Herausgeber desNoi" den Ton an und führt die aufstrebende Generation. Alles in allem kann man sagen, das junge Italien ist auf gutem Wege, und wenn jetzt der Geburts­tag Garibaldis gefeiert wurde, so stimmt zwar nicht alles zwischen den alten Rothemden und den heutigen Schwarzhemden, aber im ganzen würde der Alte von Marsala mit den Enkeln seiner Kampf- und Siegesgefährten doch zu­frieden sein.

Turnen, Sport und Spiel«

Turngau Hessen (D. T.)

-v- Das 51. Gauturnfest hatte ter Turn­verein Biedenkopf für lohten Sonntag vor­züglich vorbereitet. Als die Sonne nm Samstag zur Rüste ging, wurde das Fest mit einem feier­lich-erhebenden Akt auf dem altehrwürdigen Marktplatz eingeleitet. In schwungvoller Aus­sprache legte der 1. Gauvertreter Ar:har Pfeif- fer (Wetzlar) dar, welche Aufgaben für deut­sches Volkstum iinL Vaterland den Turnvereinen gerate in der heutigen Zeit erwachsen. Unter Dorantritt der Musik entwickelte sich dann aus den Massen ter Bürger und Gäste, die andachtsvoll der Feier beigewohnt hatten, ein langer, fröhlicher Zug nach dem Festplah, der im Lahntal zu Füßen tes Städtchens in zweckvoller Anlage Raum ge­nug bot für Turnen und Festesfreude. Auf dem hohen Podium wurde nun von den Besten des Gaues der Kampf um-die Gaumei st er­schuft e n an den Geräten ausgetragen. Die hervorragenden Leistungen ernteten den reichen Beifall der dichtgedrängten Zu schauer menge; 'Otto T e x t o r . T. u. Sp -V. Marburg, warte Gau- meifler an Reck und Barren, Karl Schmidt, von demselben Verein, Gaumeister am Pferd. Ein Jelten schönes Bild boten zum Schluß die Nachtfreiübungen einer Turnerriege tes T. u. Sp.- D. Butzbach unter Leitung des 1. Turnwarts Paul Bönig.

Sonntag früh 5 Uhr setzte unter Choralmusik und Döllerschießen das große Wecken ein. Rund 350 Turner in 18 Riegen traten unter ter um­sichtigen und energischen Leitung des Gauober- turnwarts Wilh. Will (Gießen) mit frohem Turnerlied in die Bahn. Der wohldurchorgani­sierte Turnplan lief bei prächtigem Wetter glatt und reibungslos ab. Am Nachmittag führte ein farbenfroher Festzug in fröhlicher Ordnung Tur­ner und Festgäste durch die Straßen. In dem Ehrenwagen der obersten Gauleitung warte auch ter bekannte alte Turner Ludwig Unverzagt (jetzt in Butzbach) mitgefahren, der als junger Bäckergeselle einstGießener Turnergeist" nach Diedeickops verpflanzt und dadurch ten damals 1878) jungen Derein zu raschem Emporblühen ge­bracht hatte, wie die Festschrift dankbar verzeichnet. Nach den allgemeinen Freiübungen, die nach Musikbegleitung ausgesührt vorzüglich llappten, füllten die Vorführungen von 40 Musterriegen als Schau- und Werbeturnen den Nachmittag in anregender Weise aus. Montag vormittag schloß ter turnerische Teil tes Festes mit einem Alters­turnen in zwei Gruppen ab.

Nachstehend geben wir einen Auszug aus ter Siegerliste.

Oberstufe. A. Zwölfkampf: Ehren» fteger Otto Textor, T. u. Sp. V. Marburg und Karl Reuter, Tv. 1846 Gießen. 1. Sieg Mar.in Weih, Tv. Dornassenheim, 2. Hch. Keller, Tv. Burgsolms, 3. Hch. Leinenweber, Tv. Treis a. d. Lda., 5. Hermann Hofmann, Tv. Hungen, 7. Karl Kehler, Tv. Grohen-Linten, 8: Hch. Rabenau, Tv. Treis a. d. Lda., 13. Karl Kehr, Tv. Treis a. d. Lda. B. Neu nkampft 1. Sieg Otto Textur, T. u. Sp. V. Marburg, 2. Karl Reuter, Tv. 1846 Gießen, 3. Karl Schmidt, T. u. Sp. V. Marburg, 11. Hermann Hofmann, Tv. Hungen und Hch. ßeinetoeber, Tv. Treis a d. Lda., 13. Hch. Rabenau, Tv. Treis a. d. Lda., 15. Karl Kehr, Tv. Treis a. d. Lda., 16. Karl Keßler, Tv. Grohen-Linten.

Mittelstufe: 1. Sieg Paul Götsch, T.u. Sp. D. Marburg, 2. Ludw. Malkomeslus, Mtv. Giehen, 3. Peter Iung, Tv. Schotten, 4. Kurt Walter, Tv. Treis a. d. Lda., 10. Balth Amend, Tv. Treis a. d. Lda., 11. Willi Gartenschläger, Tv. 1846 Gießen, 18. Karl Iunk, Tv. '1846 Giehen, 19. Otto Kreuder, Tv. Grünberg, 21. Gg. Hof­mann, Mtv. Giehen und Karl Bücking. Tv. 1846 Giehen, 23. Arthur Heichelheim, Tv. 1846 Gießen.

Unterstufe: 1. Sieg Kuno Knorsch, Se» mlnar-Tv. Frankenberg, 2. Hch. Dvlz, Tv. Lich, 3. Alfred Eckhardt, Tv. Nidda, 4. Ehr. Volz,

sprung etwas so Geheimnisvolles wie die Gestalt selbst, die in ihrem Mittelpunkt steht. Vielfach bereits haben Gelehrte den Ursprüngen dieser Ge­schichte nachgeforscht, die von einem holländischen Seemann berichtet, der wegen einer Gottesläste­rung dazu verurteilt wurde, ohne Schlaf die Meere zu befahren, nie einen Hasen oder eine Ankerstelle zu finden, allen, die ihn erblickten, Unheil zu bringen und beim Iüngsten Gericht vom Teufel geholt zu werten. Ein englischer Sagenforscher D. G. Lockhardt hat sich nun ter Aufgabe unter­zogen, zu ergrünten, ob ter fliegende Holländer wirklich gelebt hat. Er ist aber nach eingehenden Untersuchungen zu dem Ergebnis gekommen, das keine bestimmte Gestalt für die Sage in Betracht kommt. Im 17. Iahrhuntert taucht in Holland die Geschichte zuerst auf, und sie stimmt ziemlich überein mit ter Erzählung von einem Seefahrer Rambvut van Dam, der auf einer Fahrt nach Amerika verschwand und von dem man im Wasser furchtbare Gotteslästerungen gehört haben wollte. Aber vor diesemfliegenden Holländer" gab es schon viele andere gottlose Seefahrer, denen ähn­lich schlimme Dinge nachgesagt wurden. Die Sage ist In ganz ähnlicher Fassung über die weite Wett verbreitet. Da gibt es die Geschichte von dem Ge­spensterschiff, das baltische Sagen nach ter Ostsee versetzen, von dem mit Leichen bemannten Sklaven­schiff und von dem von Skeletten bevölkerten Toten­schiff. Es gibt sogar auch eine Gespensterdschunke, die nach chinesischen Sagen in den Gewässern des Himmlischen Reiches ihr Unwesen treibt. Grau­sige Ereignisse, wie sie in der Seefahrt ter Ver­gangenheit nicht selten waren, führten In den ver­schiedensten Ländern zu der Erfindung solcher Ge­schichten und Gestalten, deren berühmteste ter fliegende Holländer geworden ist