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Erster Blatt Jahrgang $om$k

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhesten

gespielt, sondern der heutige Expräsidsnt paßte den Männern um Herriot einfach um deswillen nicht, weil er, wie sie betonen, den Rahmen seiner konstitutionellen Befugnisse überschrrtten, dabei die Pflicht zur ^Inparteilichkett des Prä­sidenten verletzt und deutlich unterstrichen habe, daß er sich lediglich als Exponent des bloc na­tional betrachte. An die Stelle dieses Mannes hat der Rationalkongreß in Versailles gestern den bisherigen Senatspräsidenten Gaston Dou - meraue gesetzt. Wir brauchen wohl nicht nach besonders Hervorzuheben, daß diese Rrubesehang der Präsidentschaft ein Systemwechsel an der Spitze des französischen Staates ist; eine Gegenüber­stellung in knappen Worten sagt alles zur Ge­nüge: Millerand, der Bannerträger des nationa­len Blocks, Doumergue, der Mann des Links­blocks, der in scharfer Gegnerschaft dem nationalen Block gegenübersteht. Die Reuorientirrung wird ihren weiteren Ausdruck in der Besetzung des Ministerpräsidentenpostens sinden. Rach Poincarö. den wir nicht weiter zu charakterisieren brauchen, dürste tot EduardHerriot, der entschiedene Gegner Pvincarös, die Leitung der französischen Politik cm treten. Daß grobe Teile der Welt und insbesondere Deutschland und unser österreichisches Brudervolk das Abtreten Millerands und Poin- car^s und ihres Anhangs von der Macht als eine «Erleichterung für die gesamte politische Lage an- j sehen, ist aanz natürlich, denn diese Herrschaften hatten in der Polittk ein Terrorsystem eingeführt, das ganz besonders schwer auf uns lastete, das aber auch anderen Völkern, selbst den eigenen Freunden Frankreichs, reichlich bedrückend war. Ebenso begreiflich ist, daß man an die Männer des neuen Kurses mancherlei Hoffnungen knüpft, auch in Deutschland. Diese Hoffnungen dürfen aber nicht so hoch geschraubt werden, dah sie auf Er­wartung der Preisgabe von Fun damental tz en der französischen Politik hinausgehen. Wer das annimmt, wird zweifellos eine große Enttäuschung erleben, denn ein Franzose ist immer in erster Linie Franzose, mag er nun politisch in der Jacke des nationalen Blocks, oder im Gewände des Linksblock-Mannes aufttelen. Am besten wird es jedenfalls sein, wenn wir in unseren Hoffnungen recht bescheiden sind und vor allem einmal die Taten der neuen Männer abwarten. Das muh vorläufig unser Grundsatz auch dem neuen Frank­reich gegenüber sein. Von dieser einzig richtigen Linie dürfen uns auch so angenehme Verheihun- gen nicht abbringen, wie wir sie amDonnerstag als Erklärungen Herriots aus London berichtet be­kamen, der einem englischen Zeitungsmann mit- keilte, er sei dafür, mit Deutschland näher zusam- I menzurücken, und er werde sein Bestes tun, um eine Entspannung in Frankreichs Beziehungen mit Deutschland herbeizuführen. Ruhr, Rhein und Pfalz und alles, was damit zusammenhängt,- I

e Prüfsteine für einen besseren fran- I zoslschen Willen sein, als wir ihn bisher kennen- I gelernt haben. Unser Volk ist bislang in seinen Hoffnungen genug enttäuscht worden, teils durch eigene Schuld, weil es zu vertrauensselig war, teils aber aucy durch schnöden Wortbruch, in dem ge­rade Frankreich das denkbar größte Mah er­reicht hat.

Mit besonderen Hoffnungen begleitet man aber anscheinend in der angelsächsischen Welt den politischen Flaggenwechsel Frankreichs. Mac- ^.n a ld der bisher nur einige wohlgesehte -Briefe über die Reparationsfrage an Poinca-s schreiben konnte, sonst aber noch keine Geleg"-.- yeit batte, dem Verhältnis zwischen Frankreich Und Deutschland ein anderes Aussehen zu gebet wird jetzt anscheinend aktiver. Rach einer Lon-

Dlättermeldung bestrebt er sich, ,.d^ deut­sche Regierung von der Notwendigkeit ernes sofortigen Antrags um Aufnahme in den Völkerbund zu überzeugen," .....um eine

allgemeine Befriedung in Europa zustande zu Dringen." Es ist jetzt nicht das erste Mal, dah ^ondon mit derartigen Aufforderungen an uns ^rantritt bisher sind aber alle Bemühungen ehr schnellan dem Widerspruch Frankreichs ge- cheitert. Macdvnald glaubt offenbar jetzt nicht mehr an eine Pariser Widersetzlichkeit. Er muh sich aber auch darüber klar sein, das) Deutschland picht vorbehaltlos in diesen Völkerbund eint e en kann und will, mit dem wir bisher nur schlimme Crsahrungen gemacht haben. Völlige Gleichbe­rechtigung mit den anderen Rationen im Völker­bund, gerechtes und vertragsrnähiges Regime im Saargebiet, wirksamer Schutz der deutschen Min­derheiten in Polen und Oberschlei ien, das sind I so einige Grundfragen, die vor dem deutschen

5U unserer Zufriedenheit geregelt fein I < müssen, Danzig und Memel sind zwei weitere : Punkte, an denen wir nicht teilnahmslos vorüber- <

Paris, 13. Juni. (WB.) Der Senatsprä­sident Doumergue eröffnete kurz nach 2 Uhr den Rattonalkongreh zur Vornahme der Wahl de ^Präsidenten der Republik. Sie Abstimmung, die sofort begann, war um 4,05 Lihr beendet. Das offizielle Wahlergebnis ist folgen­des: 860 abgegebene Stimmen, absolute Mehrheit also 431 Stimmen. Davon erhielt

Senatspräsident Doumergue

515 Stimmen, Painlev6 309 und der kommu­nistische Kandidat C a m e l i n a t 21 Stimmen, während 8 Stimmen zersplittert waren. Hiernach ist Doumergue zum Präsidenten der Republik gewählt. Kammerpräsident P a i n - lev6 war der erste, der sich dem neuen Prä­sidenten vorstellte. Painleve und Doumer­gue umarmten sich unter dem Beifall der An­wesenden. Hierauf erfolgte die Einführung des Präsidenten in sein Amt durch den Ministerpräsidenten Francois Marsal.

Rach der Installierung des Präsidenten der Republik zog eine Kompagnie Genietruppen in der Gallerte auf, die der Präsident durchschritt. Dor dem Kongrehgebäude hatten ebenfalls Trup­pen Aufstellung genommen, in dem Augenblick, in dem der Präsident erschien, die Honneurs er­wiesen und die Fahne senkten. Der neugewählte Präsident nahm an der Seite dcs Minister-Präsi­denten in einem Auto Platz, dem weitere Autos mit den übrigen Ministern folgten.

Die offizielle Ankündigung seiner Wahl wurde I Doumergue vom Vizepräsidenten des Senats. Dienvenu-Martin und vom Minislerp ä- sidenten Marsal selbst mitgeteilt. Der Ver­kündigung wohnten sämtliche Minister und die Mitglieder des Bureaus des Kongresses bei. Vizepräsident

Senator Dienvenu-Martin hielt folgende Ansprache: .Das Bureau der Ra- | ttonalversammlung entbietet Ihnen seine herz- 1 lichen Glückwünsche zu Ihrer Erhebung zur höch­sten Würde des Staates, die gerechte Krönung einer langen parlamentarischen Laufbahn, in der Sie dem Daterlande und der Republik hervor­ragende Dienste geleistet haben. Ihre Vergangen­heit ist uns eine Gewähr, dah Ihre Tätig keil während der Präsidentschaft in den Grenzen Ihrer durch die Verfassung festgelegten AmtSbeftignisse sich halten wird, und daß Sie sie gemäß dem Willen des Landes, wie er sich frei und durch die Stimme seiner Vertreter kundgibt, ausüben werden.

Hierauf ergriff

Ministerpräsident Francois Marsal das Wort. Er sagte: Herr Präsident, indem ich Ihnen die authentische Atte übergebe, in der die Rationalversammlung Sie zur höchsten'Würde des Landes beruft, habe ich im Ramen des Minister- rats die Ehre, Ihnen die Rechte, Prärogativen und Pflichten zu Übertragen, die mir vorüber­gehend durch die Verfassung zugefallen waren. Die Rationalversammlung hat Ihnen einen ekla­tanten Vertrauensbeweis gegeben. Die langjäh­rigen wohlbekannten Dienste, die Sie Frankreich und der Republik erwiesen haben, finden heute ihre gerechte Belohnung. Ihre Erfahrungen. Ihre Menschen- und Sachkunde, Ihre Klugheit, Ihr Tlrteil, die sie nacheinander im Parlament, in der Regierung und im Vorsitz des Senats geltend machten, sind für die Republik eine zuverlässige Gewähr für die Zukunft. Ihre Erfahrung in gro­ßen nationalen Fragen, die Sie in der Regierung d>ie auch im Laufe der Ihnen übertragenen Mini­sterien erworben haben, wird von dem größten Nutzen sein in der jetzigen Stunde, wo diese Pro­

gehen fömten. Will oder kann man uns in diesen Dingen vor der Antragstelluna nicht Besrie- digung gewähren, dann mag der Völkerbund unsertwegen getrost noch eine Weile das bleiben, was er bisher schon war, ein Verein der Welt­krieggewinner zur Vertretung ihrer Siegerinter­essen. In Amerika verfolgt man in der mut­maßlich fteundlicheren pvliiischen Luft andere Wege, auf denen man gute Resultate für Europa und natürlich auch für sich selbst zu erzielen hofft. Auf dem r^oublikanischen Konvent hat man zu den bevorstehenden amerikanischen Präsident­schaftswahlen Evvlidge für die Präsidentschaft und Dawes für den Vizepräfidentenp..sttn no­miniert und weiter beftimmt,daß die Vereinig en Staaten in der Lösung der großen internationalen Probleme mitarbeiten sollen, ohne jedoch ihre Selbständigkeit Preiszug eben." Mit tiefem Beschluß bringt die z. Zt. stärkste Partei in den Vereinig­ten Staaten zum Ausdruck, daß die frühere, strikt ablehnende Haltung Amerikas gegenüber den europäischen Fragen nunmehr der Vergangen» heit angehört, Europa wird also damit rechnen können, daß die reichen amerikanischen Hilss- quellen ihm künftig nicht mehr hermetisch ver­schlossen fein werden, auch wenn Amerika es von sich weist, in die Streichung der inter­alliierten Schulden einzuwilligen. 3m Zusammen­hang mit dem amerikanischen StimmungSum- schwung, der natürlich nicht erst von der repu­blikanischen Konventstagung ausgegangen ist, son­dern dort nur eine eindrucksvolle Bekräftigung erfahren hat, ist der Deutschen Golddiskontbank von einem amerikanischen Syndikat, das 34 Ban­ken in den Wirtschaftszentren der Vereinigten Staaten umfaßt, ein Kredit von 25 Millionen Dollars aewährt worden. Es handelt sich um einen Rediskontkredit, der der deutschen Bank

bleme besonders akut auftreten. Die Interessen ber Republik werden einem wohlverdienten Re­publikaner übertragen, der es verstehen wird, sie zu verteidigen.

Präsident Doumergue

anttoortete wie folgt: Meine Herren Präsidenten! Ich bin tief gerührt von der Ehre, die die Ra- tionalversammlung mir durch die Berufung zur Präsidentschaft der Republik erweist, lief gerührt auch von den Worten, die Sie an mich gerichtet haben. Wie ich 30 Jahre politischen Lebens ge­treulich meinen unwandelbaren Ideen, meiner Liebe zu Frankreich, meiner republikanischen und demo­kratischen Gesinnung mich gewidmet habe, so werde ich auch im Dienste der Republik und der Demo­kratie diese Gesinnung betätigen. In dem hohen Amte, zu dem ich berufen worden bin, hoffe ich, das Vertrauen nichtzu enttäuschen, das die Rationalversammlung in mich gesetzt hat. Um dieses Vertrauen zu rechtfertigen, dessen können Sie sicher fein, wird niemand getreuer als ich die Verfassung respektieren (lebh. Beifall) und niemand entschiedener als ich über den Parteien stehen, damit ich zwischen ihnen der unparteiische Schiedsrichter fein kann, und dah niemand mehr als ich sich von dem W i l- len des Parlaments, des Ausdrucks der politischen Souveränität, leiten lassen wird. Ich bitte Sie, mir ganz Ihr Vertrauen zu erhalten. Mein Vertrauen haben Sie ganz. Ich bin der Ueberzeugung, daß wir durch dieses gegenseitige Vertrauen an der Lösung der ernsten Probleme der jetzigen Stunde zusammenarbeiten und in naher Zukunft unserem Lande, dessen Stern nie verblei­chen und dessen Kraft unversehrbar bleiben wird trotz der vielen Wunden, die es erhalten hat, die Möglichkeit geben können, an seinem Wohlstände und an seinem Fortschritt zu arbeiten in Ruhe und Frieden.

Der Empfang in Paris.

Der neugewählte Präsident der Republik hat Versailles im Auto verlassen und ist 6,45 Uhr abends in Paris eingetroffen. Bei seiner An­kunft wurde er an der Porte Dauphin vom Platzkommandanten von Paris, General Charpy, im Ramen der Garnison begrüßt. Das Präsident- schaftsauto nahm sodann, von zwei Dragoner­schwadronen mit Fahnen eskortiert, den Weg zum Ely fee. Die Musik spielte und es wurden die vorgefchriebenen 21 Kanonenschüsse gelöst.

> Der Kabinettswechsel.

Ministerpräsident Marsal hat unmittelbar nach der Zeremonie in Versailles dem neuge­wählten Präsidenten Doumergue die De­mission deö Kabinetts eingereicht. Der Präsident hat sie angenommen und das Kabinett gebeten, zunächst die lausenden Angelegenheiten weiter zu erledigen.

Präsident Doumergue wird bereits Sams­tag vormittag seine Bemühungen zur Lösung der Ministerkrise beginnen. Um 10 älhr empfängt er den stellvertretenden Vorsitzenden des Senats DienvenuMartin, eine Viertelstunde später den Kammerpräsidenten Painleve und um 11,30 älhr wird^Herrio t ins Elysee berufen werden.

Die Aufnahme in der Pariser Presse.

DerOttatin schreibt zur Wahl des Präsi­denten der Republik: Die französische Republik, die in die Jahre komme, gewinne auch an Erfah­rung. Als sie gestern ihren Präsidenten wählte, habe sie sich erinnert an die Vergangenheit, daß alle die Präsidenten, die sie aus dem Senat

geholt habe, bis zum Ende ihres Mandats im 2Imt geblieben seien, während alle die, die aus der Kammer entnommen seien, unterwegs die Opfer eines unbegreiflichen Geschicks geworden feien. Sie habe also gestern einen Senator ge- toalnt, einen guten Republikaner, einen braven Mann, der in hohem Grade die beiden Eigen­schaften besitze, die Frankreich vielleicht die teuer­sten feien, Gewichtigkeit und Urteil.

DasIournöe industrielle" schreibt: Es ist nötig, dah Doumergue, Herriot und Painleve in ihren heutigen Besprechungen keine Zeit verstreichen lassen, ihren republikani­schen rechtgläubigen Grad miteinander zu ver­gleichen, sondern dah sie die erste Möglichkeit in Erwägung ziehen werden, um praktische Reformen SU verwirklichen, die das Land erwartet. Zu dieser wirtschaftlichen und finanziellen Reorganisation und Aufbauaufgabe ruft das Land die neuen Qttanner, die die Geschicke Frankreichs leiten sollen. Mögen sie rasch an die Arbeit gehen.

TasEcho de Paris" schreibt: Die Wahl Doumergues im ersten Wahlgang sei eine Revanche der französischen öffentlichen Meinung gegen den seltsamen und leidenschaftliche i Ehr­geiz und die wüsten Begehrlichkeiten des Kartells der Linken. Seine Führer hätten bereits die ab­soluten Herren zu sein und über den Gesetzen und der Verfassung zu stehen geglaubt. Tie Unver­schämtheit und die ®ier ihrer Klienten hätten alles verlangt, die Posten, die Ehre und den Profit, in erster Linie den Profit. Da nun ihr Gewalt st reich gegen Millerand gelungen sei, hätten sie den Anspruch erhoben, dem Elysee ih.en eige­nen Kandidaten aufzuzwingen. Die Rationalver- sammlung habe mit Rein geantwortet.

DasI o u r n a I schreibt, die Rationalver­sammlung habe den am 11. Mai von den Wäh­lern zum Ausdruck gebrachten Wunsch bekräftigt, daß die ßeiter der neuen Regierung sich nach links orientieren. Aber eine Anzahl Parlamen­tarier, die sich gegen Millerand ausgesprochen hätten, hätten ihn durch einen unparteiischen Mann ersetzen wollen, der den Beweis seiner Unparteilichkeit bei der Leitung des Senats er­bracht hätte. In außenpolitischer Hinsicht habe die Mehrheit der Senatoren und der Abg-oorl neto ihren Willen bekundet, die Rechte Frankreichs aus dem Versailler Vertrag zu erhalten, sie haben es abgelehnt, die dem versagenden Deutschland gegen­über getroffenen Gesetze zu desavouieren.

DasPetit Journal" schreibt: Pa in. leve wäre ein Präsident gewesen, dessen Ruf wohl als Gelehrter die ganze Welt umfaßt und der es sich zu seiner Ehre gemacht hätte, neben dem Studium der höchsten Kulturfragen, auch die ernsten Probleme des heutigen Lebens zu kennen. Doumergue sein ein Mann, den die Dienste, die er seit 30 Jahren dem öffentlichen Leben erwie­sen hätte, in den Vordergrund gerückt hätten und dessen Bescheidenheit heute ihre Belohnung er­halte. Doumergue sei der Erwählte der Republik wie Painleve es gewesen wäre. Es wäre ebenso unrichtig wie ungerecht, bei der Abstimmung von dem Einfuß der Rechten zu sprechen. Durch die Wahl Doumergues habe die Rationalversammlung die Tradition, den Präsidenten dem Senat zu ent­nehmen, wieder aufgenommen, wie zur Zett ßou- bets und Falliöres.

DiePetit Parisien" schreibt: Es seien vielleicht mehr die Umstände als gewisse Mani­pulationen gewesen, die Millerand mehr den Stempel eines Führers einer ganz bestimmten Po­litik als eines Schiedsrichters zwischen den ver- schiedenen Arten der Politik aufgedrückt hätten, um bie man sich im Parlament leidenschaftlich ' ge° stritten hätte. In Versailles habe gestern der Kon-

I chrliebenden Menschen von selbst versteht. Daß natürlich auch die Ausgewiesenen ohne Aus­nahme wieder in ihre Heimat zugelassen werden müssen, bedarf keiner Begründung. Die Regierung Marx-Stresemann arbeitet mit Energie auf die befriedigende Lösung dieser Angelegenheiten hin und sie bemüht sich zur Zeit weiter feffr ange­strengt um die Behebung unserer wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Der Weg dazu kann nur über die Annahme des Sachverständigengutachtens in der Form gehen, wie Marx und Stresemann sie vor wenigen Tagen im Reichstage vorgezeichnet Haben Dieser Weg wird den berechtigten deutschen Be­langen gerecht, er läuft keineswegs auf eine Ka­pitulation vor dem Ausland hinaus, sondern macht da. wo das Sachverständigengutachten Grund zu Vorbehalten gibt, diese in unzcveideutr- aer und erschöpfender Werse geltend. Sehr ein­drucksvoll ist dieser Standpunkt herausgearbeitet in der großen Reichstagsrede des Außenministers Stresemann. in der er sich mit seinen Kritikern auseinandersetzt. Wer diese Rede im Wortlaut Heft und kritisch durchdenkt, muß ebenso wie der Minister zu dem Schluß kommen, daß das A and O unserer Politik jetzt nur in der Annahme des Gutachtens, wöhlgemertt aber nicht in der unbe­sehenen, liegt. Zur Stärkung der Position unserer Vertreter bei den Verhandlungen mit der Gegen - leite, die nun sehr schnell in Gang kommen dürften, ist es jetzt vaterländische Pflicht, sich ungeachtet aller Parteiunterschiede hinter die Regierung zu stellen, damit für unser Volk und Vaterland das denkbar günstigste Ergebnis erzielt cverden kann Dann werden wir von uns sagen können, daß mir diesmal das Gebot der Stunde erkannt 'und ihm zur rechten Zeit pflichtgemäß entsprochen haben

Nur die Taten gelten!

Der politische Umschwung in Frankreich dem als erstes, selbstverständliches Opfer das Kabinett PoincarS verfiel, hat in dieser Woche den Teil­haber dieser Üblen Firma, den Präsidenten M i l- lerand, mit aut Strecke gebracht. Es axir ein harter Kamps, den die neue Kammermehrheit bis zur Erreichung ihres Zieles zu führen hatte denn Millerand, der sozialistische Renegat, klebte gar fest an seinem Amt, das er zur Fortführung seiner persönlichen Politik, wenn auch unter einigen; Verbrämungen nach außen hin zu benutzen ge­dachte. Den Beweis für diese Absicht Millerands kann man aus seiner Kundgebung an seine Mit­bürgen mit der er seine Amtstätigkeit abschloh, deutlich genug feststellen. Die Kammermehrheit, der Block der Linken, wollte mit diesem Manne aber nichts mehr zu tun haben, sie hat ihm, nach-- bem er nicht freiwlllig abtrat, in knappster Form bie kalte Schulter gezeigt und darauf hat der All- xuzähe dann endlich die Konsequenzen gezogen. Bei dieser Stellungnahme der Kammermehrheit hat nicht etwa die Rücksicht auf uns eine Rolle

gestattet, Wechsel von Handel und Industrie bis zur Höhe von 100 Millionen Goldmark bei der beteiligten amerikanischen Bankengruppe unter­zubringen. Wie unser Berliner Mitarbeiter von besonderer Seite erfährt, ist diese amerikanische Hilfe ohne irgendwelche besondere oder gar drückende Verpflichtungen gewährt worden. An der Börse hat die Kreditgewährung einen guten Eindruck gemacht, man verspricht sich davon eine Entspannung auf dem Geldmarkt, die allerdings dringend notwendig ist. Das amerikanische Inter­esse an unserem Ergehen ist natürlich sehr dan­kenswert, man darf dabei aber doch nicht außer acht lassen, daß hierbei nicht etwa ausschließlich philanthropische Gesichtspunkte, sondern sehr reale wirtschaftliche Erwägungen letzten Endes bestim­mend gewesen sind, denn die amerikanische Wirt­schaft braucht eine aufnahmefähige deutsche Wirt­schaft und Bevölkerung ebensosehr, wie wir auf die Amerikaner angewiesen sind.

Zu einer Besserung der politischen Gesamt­lage müssen natürlich auch wir unseren Anteil beisteuein, sofern wir sehen, daß unsere jetzigen Gegenspieler es aufrichtiger meinen als ihre Vor­gänger. Die von den Belgiern angeblich beab­sichtigte Freilassung der politischen Gefangenen in der belgischen Zone wird von der Gegenseite zwar als eine Gunst gepriesen nach unserer Auf­fassung aber ist diese Maßnahme nur eine glatte Selbstverständlichkeit, die schon lange hätte zur Tat werden müssen. Auch die Rückführung der politischen Rhein- und Ruhrgefangenen aus fran­zösischen Kolonialgefängnissen in Gefängnisse im besetzten Gebiet genügt un« durchaus nicht. Wir verlangen vielmehr, daß diese Männer alsbald freigelassen, werden, denn ehrenrührige Taten ha- xii. wo yaiivxn |ug UM . ben sie nicht begangen, sondern sie sind nur für der der deutschen Bank | ihr Vaterland eingetreten, wie sich das für jeden

Doumergue Präsident derRepublikFrankreich Die Bemühungen zur Bildung der neuen Regierung. - Englisch-belgische Hoffnungen auf Herriot.