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Dienstag, 10. Juni 1924

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesfen)

llr. 134 sweues Blatt

Frankreichs fernöstliche Machenschaften.

Don Dr. Ernst Frank -Berlin.

Wir haben uns leider schon wieder viel zu sehr daran gewöhnt, den fernen Osten als ein für uns nicht nur in geographischer, sondern auch in politischer Beziehung fernes Gebiet anzusehen. And doch arbeitet die französische Politik auch hier gegen uns, sucht sie uns auch hier alle Wege zu verlegen, die für uns ir­gendwelche politischen und wirtschaftlichen Aussichten eröffnen könnten. Klar genug geht das wieder aus den neuerlichen französischen Amtrieben in China und Japan hervor. Denn von keiner anderen Macht als von Frankreich wurde der Vorstoß der Mächte gegen das russisch-chinesische Abkommen in Szene gesetzt, das dadurch zu Fall gebracht wurde. Was die französische Politik dazu veranlaßte, war nicht nur die Sorge um die Zukunft der ost- chinesischen Bahn, an der ja französisches Ka­pital seit 1896 stark mitinteressiert ist, sondern es sollte damit eine für Frankreich uner­wünschte politische und wirtschaftliche Kon­stellation, wie sie sich aus den geopolitischen Zusammenhängen und der Auswirkung des Rapallovertrages zwischen Deutschland, Ruß­land, China infolge einer russisch-chinesischen Aussöhnung ergeben konnte, gleich in ihrem ersten Entstehen erstickt werden. Die Barriere, die Rußland von China trennt, soll aufrecht erhalten werden, so liegt es im französischen Interesse, denn dadurch wird nicht nur Sow­jetruhland, das Frankreich ja immer noch nicht anerkannt hat, in seinem Drange nach Osten gehemmt, sondern auch ein stärkeres wirtschaft­liches Zusammenrücken zwischen Deutschland und China wird verhindert.

Roch intensiver arbeitet Frankreich in Japan gegen uns, was ja seine leicht erklär- llchen Gründe darin findet, daß die französische Politik sich in dieser Großmacht eines Freun­des versichern will, der ihr bei den zu erwar­tenden Reparationsverhandlungen beistehen soll. Ein gewisses Glück ist Frankreich hierbei zu Hilfe gekommen. Denn einmal hat das am 27. Dezember v. I. erfolgte Attentat auf den Kronprinzen Hirohito eine volle Abwendung Japans von Rußland gebracht. Das Kabinett des Admirals Pamamoto, dessen Innenmini­ster Gow sich mit aller Kraft für eine japa­nisch-russische Annäherung eingesetzt hatte, mußte zurücktreten, da das Attentat mit bol­schewistischen Amtrieben in engen Zusammen­hang gebracht wurde. Dann aber setzte auch im Laufe des Frühjahrs in den Bereinigten Staaten wieder eine stärkere antijapanische Stimmung inbezug auf die japanische Ein­wanderung ein, die zu den bekannten Zwischenfällen führte. Bedeutet die Abwen­dung Japans von-Rußland schon eine Hin­wendung zu Frankreich, so wurde diese An­näherung der beiden Mächte noch durch das brüsk ablehnende Verhalten der amerikani­schen Anion in der Einwandererfrage nur noch beschleunigt. Frankreich sah also, ohne daß es selbst viel zu tun brauchte» das Mi- kadoreich auf seine Seite gedrängt, und zwar in einem Augenblick, in dem ihm diese Freund­schaft wieder einmal größte Dienste erweisen konnte. Es hat denn auch nichts unterlassen, um das eine Anlehnung suchende Japan fester an sich zu knüpfen. Eine japanische Militär­mission ist in Paris mit großen Ehrest emp­fangen worden, dem Drängen Japans auf Er­neuerung des Handelsvertrages zeigte man sich in Paris neuerdings entgegenkommender, der Gouverneur von Indochina wurde zu be­sonderen Besprechungen nach Tokio entsandt. Kein Wunder, daß in der Presse hier und da bereits Gerüchte von einem direkten franzö­sisch-japanischen Bündnis auftauchten; und

wenn auch die Dementierungen in dieser Rich­tung, wie sie mit besonderem Fleiß von ja­panischer Seite erfolgten, formell richtig sein mögen, so doch eben nur formell; an der Tat- äche besynderer Bindungen zwischen Paris und Tokio wird ein Zweifel nicht mehr be- tehen können. Auch das Verhältnis Japans zu Rumänien, dem französischen Vasallenstaat an der russischen Südwestgrenze, scheint auf Betreiben der Pariser Politik ein besonders reundschaftliches während der letzten Monate geworden zu sein; wie sehr auch wir davon be­troffen werden, wird am besten durch die Tat- ache beleuchtet, daß der vor kurzem aus Bu­karest in die Heinzat zurückgekehrte japanische Botschafter es war, der eine Deutschenhetze durch die japanische Presse in Szene setzte.

Den Erfolg der französischen Machen­schaften und Amtriebe werden wir, wie schon gesagt, bei den bevorstehenden Reparations- Verhandlungen zu fühlen bekommen. Die Er­fahrungen der früheren Jahre sind hier weg­weisend genug; erinnert sei nur an das Ver­halten der japanischen Delegation aus der Genuakvnferenz, da der Besuch des Marschall Zvffre in Tokio vorhergegangen war, und wei­ter an die bereitwillige Anterstützung, die der japanische Botschafter Frankreich in der ober- schlesischen Frage lieh. Daß Japan jetzt seinem französischen Freunde ähnliche Dienste zu lei­sten bereit ist, läßt bereits die Antwort ver­muten, welche die japanische Regierung auf den Bericht der Sachverständigen gegeben hat. Hat man in Tokio noch im August 1923 es ab­gelehnt, sich mit der Reparationsfrage zu be­fassen, weil sie Japan nicht interessiere und weil man mit eigenen Sorgen genug zu tun habe, so will man jetzt mit dabei sein, obwohl infolge des ErdbebenunglückS die Sorgen im eigenen Lande noch größer geworden sind. Sieht man diese Antwort im Zusammenhänge mit den französisch-japanischen Verhandlun­gen an und das muß man ja, dann hat man des Rätsels Lösung, zugleich aber weiß man auch, in welchem Sinne sich Japan bei den Reparationsverhandlungen zu betätigen vorhat.

Es ist nun recht bedauerlich und kaum eine geschickte Politik unsererseits zu nennen, daß wir im Februar d. I. unseren Botschafter aus Tokio abberiefen und bisher für einen Ersatz noch immer nicht Sorge getragen haben. Wir haben gerade in Japan infolge unserer son­stigen überaus guten wirtschaftlichen und kul­turellen Beziehungen doch genügend Möglich­keiten, hier auch politisch zu unseren Gun­sten tätig zu sein. Die französisch-japanische Freundschaft ruht zudem doch kaum auf allzu natürlichen Grundlagen, da beide Mächte sich gegenseitig nicht viel sein können. Die Zukunft Japans wird angewiesen sein auf eine Rücken­deckung durch Rußland und Deutschland, und so hilft Japan selbst sich um diese Zukunft be­trügen, wenn es der französischen Machtpoli- ttk gegen uns seine Anterstützung gewährt. Aber es fehlt eben an einer aktiven Politik un­sererseits, die hier möglich ist, und die zäh und entschlossen im fernen Osten Frankreich entgegenarbeitet, um auch dort Rhein, Ruhr und Saar verteidigen zu helfen. Amsomehr wird immer und immer wieder die Forderung in dieser Richtung unseren verantwortlichen Leitern gegenüber zu betonen sein, und es wäre zu wünschen, daß durch eine baldige Besetzung des Tokioer Botschafterpostens mit einer diplomatisch gewandten Persönlichkeit wenigstens ein Anfang gemacht würde.

Zweierlei Matz beim Beamtenabbau in Hessen.

Die Beamten und Lehrer brachten die ersten Opfer zur'Gesundung der Finanzen des Staates, indem sie sich mit der kärglichen Hälfte des Ge­haltes begnügten und sich der eisernen Abbau­

verordnung fügten, eine Maßnahme, die keine Rücksicht auf die sozialen und menschlichen Ver­hältnisse der Betroffenen nehmen konnte und sich über alle erworbenen Beamtenrechte hinwegsehen mußte. Man fetzte als selbstverständlich voraus, daß alle Beamtenkategorien gleichmäßig vom Ab­bau betroffen wurden. Doch zum Erstaunen und Befremden mußte man die Erfahrung machen, daß die Anwendung sich fast nur auf die unteren Stellen erstreckte und vor den oberen geradezu halt machte.

Am auffälligsten zeigte sich dies beim Lehrer­abbau. Mit Anruhe und wachsender Erbitterung erwartete man den Abbau von einigen der höch-- ten Stellen im Bildungsamt. Leider geschah vor­erst nichts, und zwar wohl deshalb nicht, weil gewisse Kreise der Regierung aus begreiflichen Gründen kein Interesse daran hatten Der ent­täuschten Lehrerschaft blieb nur noch eine Hoff­nung^ die Abbaukommission, eine durch den Land­tag geschaffene Anterkommission, die sich aus Vertretern aller Parteien ^rekrutierte Die Re­gierung gewährte dieser Parlamentarismen Kom­mission nur eine gutachtliche Befugnis, die letzte Entscheidung behielt sich das Gesamtministerium vor. Man ließ sich dabei sicherlich von dem Ge­danken leiten, die Verantwortung für den Ab­bau auf eine breitere Basis zu stellen, indem man durch die Art ihrer Konstruktion jede Partei in dieser Körperschaft zu Wort kommen ließ.

Ansere letzte Hoffnung wurde nicht getäuscht, da, wie verlautet, die Anterkommisfion endlich Gelegenheit fand, Stellung zu nehmen zu dem Abbau des Landesamts für das Bildungswesen. Aus Verlauf und Ergebnis dieser Beratung ist klar zu erkennen, welche Parteien einen Abbau in den gehobenen Stellen nicht wünschten Wäh­rend der Vertreter der Sozialdemotratir Zuge­ständnisse machte, stimmte der demokratische gegen jeden Abbau der oberen Stellen. Die Abbau­anträge der Deutschen Volkspartei wurden an­genommen von den Vertretern der Rechtsparteien und des Zentrums. Die Beschlüsse, die in demo­kratischen Kreisen größte Bestürzung hervorriefen, sind, wie verlautet, folgende:

1. Es soll je ein Referent für das höhere Schulwesen und für das Vollsschulwesen in der Weise auf den Inhaber gesetzt werden, daß beim Ausscheiden des ältesten der einen Abteilung gleichzeitig auch der älteste der anderen mit- ausscheiden muß.

2. Ein juristischer Oberregierungsrat ist so­fort abzubauen.

3. Tie Stelle des Beraters für Werkunter­richt ist sofort abzubauen.

4. Die Stelle des Direktors für Volksbildung und Jugendwohlfahrt wird auf den Inhaber ge­setzt.

Es ist, gelinde ausgedrückt, als höchst merk­würdig zu bezeichnen, daß die demokrati che Par­tei. die sich wenige Lage vor der Wahl im parteilosen" Organ des Landeslehrervereins, im Schulboten für Hessen, als die Schulpartei be­zeichnete, es für recht häll, daß unten abgebaut wird und oben nicht, oder sollte man sich aus anderen Erwägungen heraus, die aber nichts mit demokratischer Gleichheit gemein haben, g gen den Abbau gewisser Stellen, des Inhabers zuliebe, entschieden, also mehr persönliche als sachliche Gründe mitgespielt haben.

Wir geben uns der bestimmten Hoffnung hin, daß das Gesamtministerium bei der letzten Entscheidung sich nicht von solchen Motiven leiten läßt, sondern sich gebunden erachtet, durch den Beschluß der parlamentarischen Aoba stommi'sivn Wir sind der festen lleberzeugung daß das - en­trann im Gesamlministe ium die elbe Ansicht ver­tritt, wie in der Abbtukommistion und damit sich zum Sprecher der großen Meh.zahl der Lehrer­schaft macht. Da jede Regierung sowohl als auch jede Partei die Gerech igkeit als vierte Richt­linie haben müssen, kann unseres Erachtens die letzte Entscheidung in der Abbauvero dnung nur so fallen weil unten rück,ich slos abgebaut wor­den ist, so muh aus Gerechtigkeit heraus auch oben abgebaut werden.

Preistreiberei - Strafsachen.

Rachdem die Amstellung der Wirtschaft auf die Golbmärkrechnung im Wesentlichen erfolgt und eine gewisse Stetigkeit in den wirtschaftlichen Ter- hältnisieu eingetrcten ist, ist bei Strafsachen wegen n o t w i r t s cha f t l i ch er Straftaten aus der Zeit vor der Stabilisierung der Mark das öffentliche Interesse an der Verfol­gung derartiger zeitlich zurückliegender Straftaten imi> der Durchführung der schwebenden Verfahren vielfach nur noch gering. Auch werden, vom Standpunkt der inzwischen völlig veränderten wirtschaftlichen Lage betrachtet, die Folgen der Tat häufig unbedeutend erschienen, auch wird die Schuld des Täters im Hinblick auf die zur Zeit der Tat herrschende Anklarheit und Ansicherheit

in wirtschaftlichen Dingen oft nicht als schwer bewertet werden können. Im Hinblick auf diese Amstände und zur Vermeidung langwieriger unö im Endergebnisse in aufzuwendender Mühe und Zeit nicht mehr lohnender Prozesse sind die ©traf* Verfolgungsbehörden zur sorgfältigen Prüfung der Frage angewiesen worden, inwieweit es ange­bracht erscheint, aus Grund des § 23 der Ver­ordnung über Gerichtsverfassung und Strafrechts­pflege vom 4. Januar 1924 von der Erhebung der öffentlichen.Klage abzusehrn, oder die Ein­stellung des Verfahrens bei dem Gerichte zu beantragen. Soweit dagegen diese besonderen Ge­sichtspunkte nicht Platz greifen, oder die Straf­taten nicht geringfügig lind, sollen die anhängigen Verfahren mit möglichster Vtschleunigung tat­kräftig durchgeführt werden.

Für die Behandlung von Preistrei­berei-Strafsachen aus der Zeit nach dec Stabilisierung derMark hat der p r e u« ßische Iustizminister Richtlinien aufge­stellt, aus denen die wichtigsten nachstehend auf- geführt werden mögen:

1. 'Bei der Frage, ob Preiswucher vorliegt, ist regelmäßig in erster Linie zu prüfen, ob für die B§rre eine ordnungsmäßige Marktlage besteht und der Marktpreis eingehrlten ist. Ist dieH der Fall, dann liegt Preiswucher nicht vor. Ist jedoch der ordnungsmäßige Marktpreis überschritten, dann ist der Verdacht des Preiswuchers begrün­det und auf Äer Grundlage der individuellen Gestehungskosten zu prüfen, ob lrotzdent der ge­forderte Preis einen übermäßigen Gewinn nicht enthält.

Als Marktpreis kommen in erster Linie die unter anitlid)er Mitwirkung betanntgemachten Börsen- und Marktpreise in Betracht. Dabei ist zu beachten, daß es jeweils auf die für die Verteilungsstufe des Veräußerers (ob Er­zeuger, Groß- oder Kleinhändler) geltende Markt­lage ankommt. Landwirte, die ihre Erzeugnisse auf dem Wechenmarkte unmittelbar an Ver­braucher absetzen und damit die Mühen und Kosten des Absatzes ihrer Erzeugnisse überneh« men, werden dabei der Verteilungsstufe des Klein­handels gleichzustellen sein und die für den Klein- .handel geltenden Marktpreise berechnen dürfen.

Bei Votierung von Preisen für einzelne Wa­ren durch sog. Rotierungskommisfionen, die z. B. entweder den Preisprüfungsstellen an­gegliedert oder für das Gebiet des Lebensmittel­großhandels durch den Reichsverband des deut­schen Rahrungsmittel-Großhandels vielfach ein­gerichtet worden sind, können diese Rotie - ru ngspreise den Marktpreisen gleich- gestellt werden, falls durch die Mitwirkung amtlicher Stellung die Gewähr für eilte Wahrung der öffentlichen Belege, insbesondere auch der Interessen der Verbraucher, gegeben ist. Bei der Anerkennung sog. Verbandspreise ist daran fest­zuhalten, da ßes nicht angängig ist, die Preis­bildung auf die schwächsten vorhandenen Betriebe deshalb abzustellen, um auch gegenüber einem Sinken des Bedarfs schlechthin alle Betriebe er­halten zu tonnen.

2. Soweit eine Rotmarktlage besteht, sowie auf Warengebieten, für die es wegen ihrer Eigenart eine Marktlage nicht gibt, sind auch künftig die individuellen Gestehungskosten des einzelnen Verkäufers bei der Prüfung der Qlnge» messenheit des Preises zugrunde zu legen. Bei der Berechnung des angemellenen- Preises auf dieser Grundlage sind die gesamten Ver­hältnisse zu berücksichtigen, insbesondere auch die Verschlechterung oder Besserung der Kauf­kraft des Geldes in der Zeit zwischen Einkauf oder Herstellung der Ware und ihrer Veräuße­rung. Die Frage der Berücksichtigung der Geld­entwertung ist jedoch infolge der eingetrete­nen Stabilisierung der Mark mehr und mehr in den Hintergrund gct eten, zumal Händler und Erzeuger durchweg nr Preisgestaltung in Gvldmark übergegangen sind. Deshalb ist auch die Berechtigung zu Geldentwertungszu­schlägen enthalten, ebenso auch für Zuschläge zum Ausgleich verschiedener unproduktiver, dis Warenpreise belastender Ankosten, die durch den Amtausch der wertunbeständigen Mark in wert­beständige Zahlungsmittel früher regelm:hig er­wachsen sind. Damit sind jetzt die Voraussetzungen für eine einfache und llare Preisberechnung ge-

Wer regelmäßig die Zahnpasta

gebraucht, sein Gebiß bis ins hohe Alter weiß und gesund erhalten.

Die Bantiger.

Roman von Hermann Stegemann.

23 Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)

Da trat Giovanni, der mitten auf der Straße im Lichtkegel gestanden und Lenz zu diesem hals- brechenden Ausweichen gezwungen hatte, dicht an den Wagen hwan und legte die naßkalte Hand auf des Baumeisters drohend geballte Faust.

Ich wußte kein anderes Mittel, um Sie zu warnen. Die Erdarbeiter sind im Ausstand. Heute mittag haben die Zimmerleute die Arbeit einge­stellt und um fünf Ahr sind die Maurer weg­geblieben. Es ist irgendeine Weisung von Wol- senziel gekommen, wir wissen nicht was, aber seit sechs Ahr werden auch die Pumpen und die Maschinen nicht mehr bedient. Die Ingenieure sind eingesprungen, aber das Wasser drückt und die Streikposten verlangen, daß wir alles stehen und liegen lassen, bis der Lohnstreik erledigt ist."

And ganz dicht heranttetend, raunte er, daß nur Lenz ihn verstehen konnte:

Ich habe zwei Karren Wegschieben müssen, die Schloßzufahrt war gesperrt."

Als er verstummte, herrschte eine Zeitlang tiefes Schweigen, nur Bvonnens unterdrücktes Schluchzen störte die Stille.

Da lachte der Baumeister plötzlich laut auf. Es war ein wildes, befreiendes Cadien, und Decke und Mantel abschüttelnd,' kroch er, immer noch kurze, grimmige Kchlstöhe ausstohend, aus dem an der Böschung klebenden Wagen. Er tappte auf die Straße und ries, inbem er beide Fäuste hob und ins dunkle Tal schüttelte:

O iTn verdammten Kerle, ihr Grasbeißer, ihr dummen Toren! Meint ihr, ich laß alles hocken wegen lausigem Geld! Sie haben mir den Kredit verweigert, in dem auch euer Lohn steckt, und euer Bericht war schneller als mein Wagen, aber ihr habt nicht daran gedacht, daß ich eher aus meinem Sack zahle, als daß ich das Werk ersaufen lasse. Ich kämpf' nicht gegen euch! Gegen die andern geht's und mit dem Berg kämpf' ich und ihr steht morgen zur Arbeit, so wahr ich der Bantiger bin, denn ich kann jetzt keinen Streik brauchen!"

Gr rief'S in die regenschwere Rächt, und fein Ausbruch bannte seine Kinder und Giovanni Pomctta so, daß keines sich regte, bis er geendet hatte und mit veränderter Stimme, ganz ruhig und sachlich, die Weiterfahrt ordnete.

Der Wagen war so gut wie unversehrt. Lenz brachte ihn nach einigen vergeblichen Versuchen wieder auf die Fahrbahn.

Einsteigen, Pometta!" befahl der Baumei­ster kurz und nahm seinen alten Sih wieder ein.

Pometta zögerte. Da öffnete Ens den Schlag und streckte die Hand nach ihm. Er saß noch nicht, als der Wagen schon in Schutz kam. Pvonne lehnte vor Aufregung zitternd in der Ecke, Ens saß aufgerichtet, und Giovanni faßte ihre Hände und hielt sie fest.

Sie konnten sich nicht sehen, denn das Ver­deck drückte schwarze Schatten auf sie herab, ober Pometta erkannte doch den blassen Amrih ihres Gesichtes, wenn er sich vornüberneigle. SXinn und wann tauchten ihre Züge im Widerschein des Lichtes flüchtig vor ihm auf, der Mund, die Augen, ein Flechtenstreif ihrer Haare, weiter

nichts. Aber er hielt ihre Hände, drückte scheu und keck seine Knie an die ihren, und die Welle des Blutes floh von ihm zu ihr und kam drängend zurück.

Kein Licht grüßte den Wagen.

An der letzten Kehre, dicht vor der Ein­biegung in den Schloßweg, riß Lenz den Wagen in scharsem Dogen herum. Zwei goröerfarren lagen übereinandergestürzt halbwegs in der Fahr­bahn. Da umfaßte Agnes Bantiger den Kopf des jungen Mannes mit beiden Händen und küßte ihn auf den Mund.

Kurz darauf hielt das Automobil vir der Schlotziampe.

Der Baumeister ging, ohne sich umzusehen, in das Direktivnszimmer. Lorenz und Giivanni folgten ihm auf dem Fuße.

Bvonne und Ens fliegen die Treppen hinauf, und als Ens auf die Terrasse hinaustrat, sah sie im Tal die Bogenlampen aufzucken und die ver­ödete Arbeitsstätte mit gespenstischen Schlaglich­tern überfluteten. Drüben in den Geschäftsräumen, schrillte das Telephon, war Kommen und Gehen, und unten im Hof stand daS Automobil fahr­bereit und wartete auf den Vater.

In dieser Rächt schlug Gottfried Bantiger seine größte Schlacht. Er brachte den ganzen Baukonzern in Bewegung, fuhr nach Eggstetten in die große Arbeiterversammlung und erreichte, daß die Ausständigen sich bereit erklärten, am Rachmittag des andern Tages die Rotstandsar­beiten im Tunnel wieder aufzunehmen.

Als er am ftühen Morgen unausgeruht den Wagen bestieg, um nach Runs zu fahren, wo sich die Bauleitung, die Sinaiuleute, die Ver­treter der Arbeiterschaft und der Reaierunas-

lvmmissar zur Konferenz vereinigen sollten, fah ihm niemand die durchwachte Rächt an. Rur Ens las in feinen hart über den Schädel gespann­ten Adern und dem rötlichen Schein feiner Augen­winkel und schmiegte sich beim Abschied enger an ihn als sonst.

Schaffet!" rief er seinem Sohne zu, ehe das Auto anfprang, und Lorenz Bantiger hob die Hand wie zum Schwur.

Lauter Zuruf flog um den Wagen, als er durch streikende Arbeiter stob und im Dunst der Ferne verschwand.

Was schrieen sie?" fragte Vvvnne ängstlich.

Lorenz lächelte und antwortete, indem er Ens mit spürendem Blick streifte:

Es waren Pomettas Leute und die tiefen .Evoiva il padrvne!'"

Da wandte Ens sich mit einem trotzigen Auf­werfen des Kopfes ab und ging ins Haus.

Am Rachmittag begannen die Pumpen zu arbeiten. In braunem Schwall schoß das Wasser aus den Röhren. Die Betonmischmaschinen rassel­ten, die Seiltrommeln fnarrten und aus dem Innern des Berges dröhnte das Aufschlagen der Ramme. Aber alles klang dünn und lustlos, unb die Arbeiter gingen widerwillig ans Werk.

Ein Glück, daß toir ins trockene Gestein ge­kommen sind, ehe der Streik ausbrach," sagte Lenz am Abend zu den 3ngeiycuren.

Riernand antwortete.

Er .hatte keine Antwort erwartet, denn er wußte, daß nichts gewonnen war, wenn die Ar­beit nicht binnen vierundzwanzig Stunden auf bei ganzen Strecke in vollem ilmfanfl wieder ausgenommen wurde.

(Fortsetzung folgt)