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Nr. 288 Dimes Blatt

Samstag, b. Dezember 192)

Siebener Anzeiger sGeneraf-Anzeiger für Gberhesfen)

poiitit und Dölterpsychologie in der Uriegsschuldfrage.

Ton UTnversitätK-Profesfor

Dr. Fritz 6tiet-6omlo, Köln.

Zwei miteinander eng zusammenhängende Fragen stehen im Vordergrund deS politischem Interesses: die Kriegsschuldnote und die Beto, ligung Deutschlands am V ö l k e r b u n d. LS besteht eine Desahr. ES droht die Falle der durch die letzte Tagung der VölkerbunbSrersammlung in Genf, der diplomatischen offenen und noch mehr geheimen Verhandlungen, Pläne, Srwägunqer. der toidersprecheaden Stimmen im Chor der deut­schen und ausländischen Presse mit einer Ver­wirrung der öffentlichen Meinung über die Ge- samtprcbleme und ihre Einzelheiten zu euren. 3n dem ChavS der manchmal absichtlich zusammengewirb lten Nachrichten, Gesichtspunkte, nationaler und pazifistischer GesühS Momente könnten klarer Blick und sicheres Urteil ver­sinken. ES scheint deshalb der Versuch, die immer dichteren R<bel, die zum Teil auch in ber P artet - küche gebraut werden, zu durchleuchten, wohl angebracht.

Es wird keinen Deutschen geben, der diesen Namen verdient, der nicht von der Unwahr­heit der behaupteten Alleinschuld Deutschlands am Weltkriege über­zeugt wäre. Hierzu tritt ein Wissen von der Unschuld Deutschlands am Ausbruch der Feindseligkeiten. Freilich nur bei einem noch immer geringen Teil der Deutschen, ber.cn die allmählich ftan an gewachsene objektive Forschung über die deutsche WcSlandpolitik von 1870 b S 1914, die diplomatisch einwandfrei fest- gestellten Aktenstücke, die unwiderleglichen Tat­sachen der kritischen Tage und Monate vor Kriegsausbruch bekannt lind. Dicke Deutschen und eine immer wachende Zahl ausländischer Staats­männer, Historiker, Diplomaten, Wah. Hefts eher. Dlhiker und Politiker sind sich mcht im unklaren darüber, das) Deutschland - von allen Seien seit Jahrzehnten in seinem Lebensnerv. ja in seinem Bestehen bedroht - allem äuf e en An­schein zuwider einen Verteidigungs-, keinen Angriffskrieg führte: daß es h c bei vielfach un­tre il chtig üorging, den Gegnm unschähbaie Waffen gegen sich bot, da es nicht vermied, den Schein des Unrechts gegen Belgien und Frank- re'ch auf sich zu laden. Sie haben längst erkannt, dal die wahrhaft Schuldigen, trotz manch Un­glück! cher ®crien und mißz.verslchender Hand- hingen der führenden Männer im kaiserlichen Deutschland, n chl in Berlin, sondern anderSwo sahen: dah Deutschland aus politischen, ftrategi- scheit. seine Ausrüstung betreffenden imd wirt­schaftlichen Gründen allm 21 n la f) und auch den Willen hatte, den Frieden zu wahren und dah eS in den Krieg, tote Lloyd George ein­mal bekannte,hineingeschlrddert" ist, wie die übrigen Staaten auch.

Diese Ueberzeugung und dieses Wtssen und Erkennen ist zwar auf viele Tausende allmähltch übergegangen. 2lber die ungezählten Millionen Menschen rn allen Deutschland im Weltkriege feindlichen Staaten sind noch kaum von diesen geistigen und sittlichen Wandlungen ergriffen Die jahrzehntelange Kriegsvorbereitung durch cme unS nach dem Leben trachtende Propa­ganda, der Lügenfeldzug während deS Krieges und die Hetzereien durch gewisse aus­ländische Mächte, Pressegruppen, hinter denen Pol tck und finanzielles Interesse stehen, haben die Massen geprägt. Wer die heute schon fenauer behtunten Derwüstungen der geistigen Epi emicn in ihren psychologischen und pathologischen Gr- schcrnungeit kennt, wird nur mit schmerzlicher Skepsis den Glauben derer beurteilen, die den Durchbruch der Wah heft bei den arohm Massen schon jetzt oder in Bälde für möglich halsen. Dazu Icmnit noch der jeder Vernunflerwägung uir>u- gängl chc Hab der nationalen Energien jenseits unserer Dren-en, die in Deatschlano ein Hemmnis der 2lusbreitung. eine Bedrohung ihres Aufschwunges oder ihrer, sei es vermeintlichen, sei es wttN chm Rechte auf einen immer gröberen Ante l an Besitz und Geltung in der Welt Rah- rungs- und Ruhmesspielraum scheit. Die Völker­psychologie darf nicht vorüberg Ho t an der Trauer um die Gefallenen und Kri?gsbeschäbigten, an dem Wirrwarr der wirtschaftlichen Verhältnisse auch in den sogenannten Liegerstaaten.

All dieS wird samt und sonder- Deutschland in die Schuhe geschoben. Das bequeme Schlag­wort von des Deutschen Re.ches Schuld wird durch diese Dinge eher tiefer in F.eisch und Blut ge­brannt als ausgetilgt. Ist es doch selbst sür den einzelnen bei einem sittltchei Konllk'. mit eimm anderen schwer und setzt hohÄ moral fches Gefühl vcraus, eine wirklich bestehende Schuld dann a u f sich zu nehmen, nxmt andere ihn freiwilltg aller Fehler freisprechen Rach der mil­lionenfachen Versicherung der F hvec und Staats­männer unserer b Sherigen Gegner sind akee alle Staaten und Volker, die gegen uns kämpf­ten, die reine Unschuld und Deutschland der einzige Sündenbock. Jener Satz, der bei einem Jndividuallonflikt gilt, hat noch vtel mehr Bedeutung bei Dollern und Staaten. De.en LelbsterhaltungS- und Selbstdurchsetzu.'tgstr eb ist allzu bereit, sich, auch bei bewubrer eigene? Schuld, diese auszureden und sie aus einen anderen abzuwalzen. ES ist völ'erpsycho- logisch ganz unwahrscheinlich, dah die grobe Masse der unS feindlichen Völker nicht glauben sollte an die ihnen seit einem Jahrzehnt un­zählige Male eingehämmerte Behauptung, dah Deutschland den Krieg entfesselt habe D.ese ihnen so snmpathische nützliche Legende ist zum starren De standteil ihr.'S seelischen Inhalts geworden. ES wäre vielleicht auch zuviel ver­langt, etwa dem verpönten, in Acht und Dann getanen Gegner zu glauben, wenn er le.ne Un­schuld Verstchert. Es i|t gefährlich, sich toabr- scheinlicherweise der Desa-impfung durch dte eigenen Dollsgenossen auszusetzen, trenn man für Deutschland die Stimme erhebt. Diel zu ver­lockend ist auch die Dorstellung, selbst der Träger vonKultur und Recht" gegen ^Gewalt und Darbarei" zu fein; viel zu kraft pendend, um ste durch eine demFeinde" günstigere ersehen zu wollen.

Dergessen wir doch auch nicht, dah schwere Entscheidungen im Privat-, noch mehr im Dölker- leben nicht, wenigstens nicht in der Regel, durch Dernun f terwäg angen bestimmt werdrn. Hah und Liebe, Zu- und Abneigung. Glaube und Äberglaube, Mihre'-ständnisse und Do-urteile, die ganze Skala gefühlsmäßiger D.d ngtheften und QBirlungcn find' viel mächtiger als nüch­terne Ucbcrlegungen, Sachlichkeit, Recht, Gerech­tigkeit, Dernunst. Wer das nicht einsieht, ver­steht die Dölker und Staaten, versteht ihre Poli­tik niemals Es ist, unbeschadet dieser Wahrheit, eine Sache für s ch, dab bto Bemühungen nie aus- hören bürfen, neben jene irrationalen Faktoren auch den rationalen steigenden Einfluh zu er­kämpfen und dah eine, von schwächlicher natio­naler Delbstrntmannung freie Tendenz auf eine Ausgleichung der Gesühlsg ogensätze, Aufklärung der Irrtümer, Homogenität der Kulturideale ge­richtet sein kann. Es bleibt freilich, zumal bei der Masse die heute, in der Zeit der Demo­kratie, die Weltpolitik irgendwie doch entschei­dend bestimmt beim Uebergewicht deS Ir­rationalen.

Besonders gilt dies. wenn, wie gerade beim Friedens"vertrag von Versailles, auch das hand­greifliche materielle Interesse den sog. Oicgerftaaten das Festhalten an der Kriegsschuld­legende nahelegt. Will man die kettenden Grund­gedanken jenes Vertrages auf einige Schlag­worte bringen, so lauten sie (m der ideologi­schen Zuspitzung der Diktatoren dieses Doku­ments): . Rückfall Elsah-LothringenS an Frank­reich; Ohnmächtigmachung Deutschlands in mili­tärischer, auhenpolitischer und möglichst auch wirt­schaftlicher Bestehung im Interesse vonFrieden, Recht und Fre.heit"; Durchführung des Selbst- verwallungsrechts der QTattonen, so wie es Cie- menccou, Lloyd George und Wilson verstanden haben; Kriegsschadenersah bis zum Weißbluten Deutschlands und Dere.cherung der Sieger; Zer­trümmerung auch der Seegeltung und des Ko­lonialbesitzes. Das wichtigste, wenn nicht ausschliehliche Mittel hierzu war die These v o.n der Alleinschuld Deutsch­lands am Weltkriege. Bricht nun diese These auseinander, so stürzt das Gerüst des Versailler Vertrages zusammen uni) begräbt darunter die vielen hundert Para­graphen deutscher Schande, Knechtung und über- rnenschl.cher Lristungspfticht. Solange die Staats- mäimer und Völker die 2lufrechterhaltung des Versailler Vertrages, so wie er heute ist, wollen, solange toerben sie an der unglücklichen These

festhalten. Deshalb ist die Reaktion auf die Absicht der ReichSregierung, den Kriegsschuld- Paragraphen 231 deS Friedensvertrages von Der- sailleS aufxufünbigen, bei Frankreich. Eng­land und Italien, ja auch bei Amerika eine deutlich ablehnende gewesen.

2lngcsichts dieser Haltung und mit Rücksicht auf die im übrigen durch das Londoner Ab­kommen von Ende August diese- JahreS ein- getretene Entspannung schien für Deutschland eine peinliche Alternative zu entf leben. Ent­weder gab die Reichsregierung von ihrer Ab- lehnung der Schuldlüge keine amtliche Kennt­nis. Sann setzte sie sich dadurch, nachdem nun einmal diese Absicht der Oeftentlichkrit bekannt- gemacht worden war, dem Vorwurf der Feigheit unb ilntoürbigfeit aus Oder aber sie über­mittelte d.e fragliche Rote trotz ber Warnungen und Abmachungen der Grobstaaten und dann schädigte sie die sich anbahnende Dersöhnungs- pol.tck. Diese Alieimaiive ist aber nach Abiauf so mancher Woche feit den Reichstagsbeschlüssen zu dem Londoner Abkommen nach meiner lieber- zeugung nur eine scheinbare. Es ist formal gewiß nicht gleichgültig, ob eine amtliche Rote bei den Großmächten über die Dchuldsrage von Deutschland überreicht wird ober nicht. Aber materiell, b. h. sachlich war unb ist es doch nur nötig, das) die Welt von Deutschlands jetzt besonders starker Haltung, die KriegSschuldlüge für sich em für allemal abzulehnen. Kenntnis erhalten hat. Das ist aber geschehen; das be- toeifca d e Arußerungen der öffentlichen Meinung, der Presse deS Auslandes, vor allem aber jene Warnungen und Abmachungen der Grohstaatm selbst. Wenn also Deutschland von einem for­malen Schritt absah, fo kann sich die Reichs- rcgicrung darauf berufen, dab sie dieS im Inter­esse des Weltfriedens tut, ohne sich grundsätzlich anders bezüglich des Paragraphen 231 des Frie- denSvertrageS einzustellen.

Das sollte genügen, bis eine neue These gefunden wird, auf die sich Sieger und Besiegte einigen könnten. Als eine solche würde mir scheinen eine amtliche Erklärung seitens Deutsch­lands, den Krieg verloren zu haben, eine Anerkennung, deren 2Hanget das Ausland oft gerügt hat. Wenn nun auf diese These des verlorenen Krieges und nicht auf die der Kriegsschuld die finanziellen Leistun­gen Deutschlands gegrünbet werden, so sind alle materiellen Interessen, die etwa die Gegner an ber Aufrechterhaltung deS Paragraphen 231 hat­ten, ausreichend gewahrt. Solange dagegen der Paragraph 231 die Basis der materiellen An­sprüche unserer bisherigen Gegner bleibt, solange ist auf eine Anerkennung der Beseitigung jenes Schuldbekenntnisses bei den Großstaaten nicht zu rechnen. Unser Dorgehen hat bei den immer noch vorhandenen vielen feindlichen Stellen An­lab gegeben und würde es auch später tun, die häufig wiederholte Behauptung zu unterstreichen, dab Deutschland übernommene Verträge einseitig auf heben wolle. Ganz anders dagegen liegt eS, wenn eine neue Formel an trie Stelle deS Paragraphen 231 als Trag­balken für unsere wirtschaftlichen Leistungen ein­gesetzt wird.

Bleibt dann schließlich nur die Frage deS moralischen Wertes der Schuldlegende für unsere Gegner und der moralischen Schmach für Deutschland. Völker psychologische Einsicht sollte uns lehren, dab hier mit den rein äuherlichen M.tteln diplomatischer Handwerkskunst nichts zu erreichen ist. Eine biS zum letzten Grund ehrliche, vollkommen unparteiische Aufklärung, die auf unanfechtbare wissenschaftliche Geschichtsfor­schung sich stützt, mub noch viel mehr als bisher betrieben werden. Das Wichtigste aber wird doch das Fallen aller Landesschranken, die un­unterbrochene gegenseitige Bezie­hung von Wirtschaft und Kultur zu Morgen haben. Immer stärkere Bande müssen die grohen europäischen Dölker auch durch persönlichen Derkehr m Einander verbinden. Dann erst läbt sich in absehbarer Zeit erwarten, dah der Kampf gegen den Paragraph 231 sich leichter führen labt Dielleicht wird er bann auch ganz überflüssig geworden fein.

Der Eintritt Deutschlands in den Völker­bund darf auf keinen Fall den Anlah geben, die Schuldfrage im Sinne eines Kampfes um den Paragraph 231 aufzurollen. Es darf nichts geschehen, was seiner, überhaupt des ganzen

Dersailler FriedeitSvertrages Bekräftigung gleich- käme. Vielleicht bietet lieb aber Gelegenheit, jene neue Formel von der Anerkennung unserer militärischen R ederlage zu dem Zwecke, die Basis unserer finanziellen Pflichten auf sie und nicht auf Paragraph 231 zu stellen, geschickt zu ver­wenden Dah wir der llebennacht erlagen, ist lerne Schande Der Ruhm zahlloser Einzelsiege und der Heldenkraft eineS um fein Dasein ringen­den Volkes wird ohnedies nicht verblassen.

Schöffengericht.

* Gießen, 3. Dez. Der Anstreicher F. Sch. in Gießen hat im Sommer 1923, zur Zeit der stärksten Inflation, von einem arbeitslosen Vetter einen viertel Zentner gestohlenen Kaffee weit unter Preis gekauft und weiterverkauft. Gr will geglaubt haben, der Vetter habe den Kaffee ehrlich erworben, hatte aber mit dieser Ausrede fein Glück. Den gesamten Umständen nach mußte er an- nehmen, daß der Kaffee durch eine strafbare Handlung erlangt war. Daß er diesen Verdacht halte, gibt er selbst zu. Er ist wegen Hehlerei« bereits zweimal bestraft, aber nicht rückfällig im Sinne des Strafgesetzbuchs. Strafe: zwei Monate Gefängnis.

Hinter verschlossenen Türen wurde gegen zwei Dahnbeamte wegen Abtreibungsversuchs und An­stiftung dazu verhandelt. Die Angeklagten wurden trotz ihres Leugnens überführt und erhielten G e - fängnis strafen von einem und zwei Monaten.

Der wegen Rotzucht, Körperverletzung, Röti- gung, Beleidigung usw. vorbestrafte Arbeiter Albert D e c g in Gießen geriet in der Rächt vom 8. auf 9. Rovember d. I. in Gießen mit einem Arbeiter und einem Weichensteller auf der Straß« in Streit, in dessen Verlaus der Arbeiter duvch einen Stich in die Lunge lebensgefährlich verletzt wurde. Der Angeklagte will nicht der Täter sein und lieh für alle Fälle durch seinen Verteidiger geltend nv chen, daß Rotwehr Vorgelegen habe. An seiner Täterschaft ist nach dem Ergebnis der Beweisaufnahme nicht zu zweifeln: ein Zeuge hat das Messer in seiner Hand gesehen und ist, als er ihm in den Arm fallen wollte, selbst an der Hand verletzt worden. Don Rotwehr kann nicht die Rede sein, da ein ernstlicher Angriff nicht vorlag. We­gen der Roheit und Gefährlichkeit der Tat, Die leicht ein Menschenleben hätte vernichten können, und mit Rücksicht aus die Dorstrafen wurde der Angeklagte zu einem Jahr zwei Mona­ten Gefängnis verurteilt.

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Wie Parteien getauft werden

Die F irb'nfrage spielt im diesmaligen Wahl­kampf eine besondere Rolle, und der Kampf wogt zw.scheu Schwarz rotg old und Schwarz- weißrot hin und her. Bereits im Altertum haben posittschc Parteien Farben zu ihrem Merkmal erkoren, und zwar nahm im alten Rom diese Sitte ihren Ausgang von den Farben der Rennfahrer in den Zirkussen, dir in grünen und blauen, in weißen und roten Farben auftraten. Das Publikum schied sich bald in Parteten, dte für die einzelnen Farben eintraten, und da ter Zirkus in der römischen Kaiferzeit eine große politische Bedeutung hatte, so spietten diese Ziriusfarben bald ihre Rolle im Staatsleben. Einmal standen die Grünen, dann wieder die Blauen auf der Seite des Kaisers. Die Bezeich­nungen IrenSchwarzen" unb .Roten" sind uns ja alten bekannt; außerdem gab es noch dte Schwarzgelben" unb bieSchwarzweißen". Alle diese F' rbenausdrücke, die in unserem iroliti- schen Leben noch heute zum Teil Geltung haben, stammen aus ber Paulsk irche in S.anffurt tote ja überhaupt in bem Revoluttonsjahr 1848 viele unserer Parteien zuerst getauft tourben. D.e Bezeichnung ber Parteien nach ben Plätzen, die heute allgemein gang unb gäbe ist, kam in der Pariser Rational Versammlung von 1789 auf Man bemerkte, baß die Mitglieder der Ratronalv-ersammlung, auch nachdem bie Trennung der drei Stäube aufgehoben war, sich in zwei Parteien teilten, unb der Stuhl des Präs.deuten bildete sozusagen die Grenzscheide zwischen ihnen. Run hatten diePatrioten", bie für das We.tertreibeu der Revolution eintra'en, die linke Seite eingenommen, während dte Ver­teidiger des alten Regiments, dieReatNo- näre" sich auf ber rechten Seite zusammenzogen. So erhielten bie Anhänger des Reuen die Be­zeichnung der Linken unb bie Vertreter ces Allen die ber Rechten. Als sich bann auf beiben Seiten noch extremere Richtungen bildeten, wurden die ganz lmks Stehenden als Männer desBerges", die ganz rechts Stehenden als 2lngehörige des ^onpses" benannt. Für die Freunde einer ge­

mäßigten Richtung bildete sich der Begriff der Mitte, desZentrums" heraus.

Oft sind Parteien nach der Kleidung getauft worden. So unterfd)eb man in Schwe­den im 18. Jahrhundert dieHüte" unb bie Mühen", wobei bie Hüte von Frankreich, bie Mützen von England unb Rußland unterstützt wurden. In Holland nannte man im 15. Jahrhunderts die Aristokraten .Hocks", b. h. Angelhaken, unb die DemokratenKabeljaus". Die Hocks trugen eine rote, die Kabeljaus eine graue Mühe, so daß damals mehr im Gegensatz zu ber durch die französische Revelation ei .geführ­ten Bcdeutung des Rots die Konservativen diese 5irbe für sich in Anspruch nahmen. Rach ihrer Kleidung wurden auch im Freiheitskampf der Riederländer bie ..Geusen" getauft, die den Dettelsack zum Abzechen wählten unb sich in schlechtes Mönchstuch Neideten. Dan der Tracht kommt die Bezeichnung der ^R u n d k ö p f e" wäh­rend der engl scheu Revolution her. denn bie Gegner Karls I. trugen, um von den stolzen Pe­rücken ber .Kavaliere" abzustechen, rundgeschnit- tenes kurzes Kopfhaar. Raturgemäß sind diele zufällig aufgetommenen Parteinamen manchmal recht schwer zu erklären. Co kann man bis <auf ben heutigen Tag nicht genau angeben, wie bie Rainen ber beiden Parteien, bie bis zum Auftreten der Arbeiterpartei tu England maßgebend waren, der Tories und Whigs, entstanden sind. Die Tories wurden nach Räuberbanden so beaagnt, bie als Parteigänger König Karls I. Irland ver­wüsteten; man leitet ben Ra men her von dem Ausruf _Taar a ry". d. b. .Komm, o König". In bem Rainen Whig soll ein schottisches Instru­ment Wghi stecken, das die schottischen Dauern beim Austreiben des Viehes spielten; andere Dieder behaupten, das Worr bedeute Jaure Milch" Jedenfalls ist es ein schottischer Spitz­name, der ums Jahr 1630 zuerst auf die Land­kreise angetoeibet und dann im 18. Jahrhundert treu ben Liberalen übernommen wurde.

Die großen Parteien des deutschen Mittelalters, die Ghibellinen und Guelfen. führten ihre Bezeichnung nach ber Burg der Biheustaufen Waiblingen, und nach dem die

Hohenstaufen h a uptsächl ch bekämpsenden Ge­schlecht ber weif scheu Herzöge. Im 14. Jahr­hundert spateleu s:ch bann die Guelfen in Weiße unb Schwarze, die Ghibellinen in Grüne unb Trockne. Der Raine ber französischen Huge­notten wirb von den einen von dem Wort Eugneuots", b. h. Echg:nossen, abgeleitet, da bie Anhänger Calvins ja aus ber Schweiz kamen, ober auch von bem Genfer Hugues, der das Haupt der reformierten Partei war. Auf eine merkwürdige Geschichte blickt die Parteibezeich- mmg der Ultramontanen zurück. Der Aus­druck kommt zuerst in der Musil vor, unb, zwar wurden die uiederländischea Sänger, die sich tm 15. Jahrhundert in Italien sehr hervortaten, Oltramontani genannt

Wahlhumor.

Auch bie ernstesten Dinge haben ihre luftige Sette, unb so fehlt es benn r»uch bei ben Wahlen ntcht' an komischen Dorsallen, von benen hier einige erzählt seien. Bibelfeste Wähler haben nicht nur in ben angrsiächsischen Ländern, sondern auch bei uns ihre Anschauung durch Bibelzi'.ate ausgedrückt So war einmal auf einem Wahl­zettel ausgeschriebenJcsaias 41, Vers 24. Wer neugierig genug war, um die Stelle aufzusuchen, der fand die folgende unzweideutige Erklärung: Siehe Ihr seid aus Richts. und 5uer Tun ist auch aus Richts. unb Euch wählen ist ein Greuel." Ein anberer Wahlzettcl verwies auf Buch Eaher Ders 8 unb bamit auf ben folgenden Spruch: Unb die Sonne ging auf, unb es war Helle, und bie Elenben gewannen und brachten um bie Stolzen." In einem ländlichen Wahlkreis sollte eine große Versammlung stattfinden, für bie mehrere h rvorr ^gen7e Rebner getoonnm toa ei. Das Zentralwahlkomitee Ha ie sich an den Schul­zen bes Dorfes gewendet, er möge alles auf das Mte einrichten. Für würdigen Empfang der Red­ner war auch gesorgt, aber als bie Versammlung beginnen sollte, waren nur bie Redner und die Mitglieder des Komitees zur Stelle. Die aus­wärtigen Herren wunderten sich darüber unb meinten, baö Interesse für die Wahl scheine ja sehr schwach zu sein, ob der Schulze denn nicht

bie Versammlung durch Zeitungen unb Flug­blätter gehörig bekannt gemacht habe. Da aber schüttelte ber Schulze überlegen seinen W-est'alen- schädel unb sagte schmunz^lnb:Ree. nee, bat wollen toi jo grobe nid). Wi heto t de Sake beim- lick Hollen, dornet de Gegners keinen Rüker dovan kriegen sollen.' Ein andermal, auch in Westfalen, sollte ber Versammlungsleiter, ein biederer Land­wirt, ben Kandidaten einführen.Dercrhrte Par­teifreunde," sagte er, »wir haben heute einen hochverehrten Gast in unserer Mitte, ber auS weiter Ferne herbngeeilt ist, um durch die Wucht feiner Beredsamkeit Schuller an Schulter m t uns den Sieg zu erring n. Die Rennung feinrf bloßen Romens hat schon genügt, um b.n Saal bis auf den letzten Platz zu füllen. Deirn wer sollte ihn nicht kennen, den großen ^Parlamentarier, unfe en lieben Abgeordneten . . ." Dan-.r trat eine pein­liche Pause ein, und man hörte, wie der Redner feinem Qlebenmartn angswoll, aber wesi vernehm­lich zuflüsterte:2om Dunneriiel, Hinnerk. tou hell he denn eegentlick itoch." Schlagfertig war die Antwort eines Kanbidaten, dem ein Stören« frieb in ber Versammlung zurief:Ich würde Sie ja wählen, wenn Sie nicht so ein Rarr wären," woraus der andere erwiderte:Dann bin ich jo grabe ber rechte Kan di dal. um Sie im Porlament zu vertreten." Als noch bie Stimm­zettel von ben vor bem Wah lolal stehmden Ver­tretern ber einzelnen Packen verteilt wurden, stellte einmal ein Mitglied des Wahlkomitees einen zuverlässigen, aber nicht grabe sehr schlauen Mann mit einem großen Pak2: Stimmzettel auf. bie er zur Verteilung bringen friste. Als er nach einiger Zeit nachsah. sand er den Zet el er e ler. aber mit leeren Händen dastehend, lieber bie lebhafte Wahlbeteiligung erstau t. fragte er, ob er schon alle Zettel rerteilt habe.Ach, daS hatte ich gar nicht nötig. sagte ber andere zu­frieden.Einer hat sie mir alle auf einmal für drei Mari abgekauft." Recht boshaft war ber Zufall, ber unter rin Wahlplakat mit ber Auf­schrift:' ..Wählt unseren Kandibaten! Wir sind die wahre Partei bes Volkes!" den Anfang einer Variete-Anzeige brachte:Stets wechseln- bes Programm! Es ist zum Totlachen!"