Hr. 28Z Drittes ölatt
Glehener Anzeiger (vencral'Anzetger für Vberhe^en)
Bei den Mormonen.
Aus den 6rmnerungen eines Heirngskehrton. Don Dr. Friedrich A Whnefen.
MS ich die Mormonen-Hauptstndt Sait Bäte City vor längeren Jahren besuchte, fiel Mir die Sauberkeit und Heuhett der Stabt be- Ionders angenehm auf. Sie gehört heute noch zu den schönsten kleineren Staalshauplstäbten der ^Bereinigten Staaten. Die breiten Strafen find von Alleen schöner Bäume eingefäumt, die streng quadratisch ausgelegten Häuseruevierle lengli'ch BtockS) oft so lang, daß man die Straßenbahn benutzen muh. um zwei oder drei Blocks weiter au gelangen Sin wahrer Prachtbau von toctßcm Marmor, ragt derMorrnonentempelin den blauen Himmel hinein. Leider dürfen rhir gewöhnliche Sterbliche und selbst Mormonen der niederen ®rabe nur von außen anstaunen: denn nur der Mormone höheren Ranges darf das Heiligtum betreten. In dem, wie der Dollsrnund mit Recht oder Unrecht behauptet, die substantiellen Freuden des Mormonentums in allen Ecken und Enden bildlich zum Ausdruck kommen.
Während nur wenige m die Geheimnisse des Temwels embnngen dürfen, steht der Besuch deS .XanemaTel»" jedem frei. Dieses Tabernakel ist ein umfangreicher ovaler Bau, äußerlich und innerlich von grosser Ginfachheit. Gr dient für GebetSversammlungen und sonstige Zusammenkünfte der Gemeinde. Das grobe Gcwäude hat eine geradezu fabelhafte Akustik. Ich stand auf einer Valerie und erblickte unten auf der anderen Seite zwei Herneir, die miteinander sprachen. Erschreckt drehte ich mich um, denn ich hörte und verstand jedes Wort des Gesprächs an der Wand — hinter meinem Rücken. Als bei einer späteren Chorprobe die Orgel gefbtelt wurde, entging mir auch nicht das leiseste Pianiffimo des prachtvollen Instruments.
Am nächsten Sonntag morgen wohnte ich einer Gebetsversammlung im Tabernakel bei, und eS fies mir der herrische Ton auf, in welchem die Aeltesten ihre Gemeinde anrebeten. 3a, dvc Mormoneickirche fordert bl.ndeö Gehorchen oder aber sie exkommuni.ziert das widerhaarige Mitglied einfach. Während der Handlung wurden Drotwürsel und Wasser in groben silbernen Dechern herumgereichl. der Wein und andere a^rhollsche Getränke sind auch in der Mormonen-
c ver-pönt. Die ganze Affäre machte auf mich keinen sehr günstigen (Andruck. Gs schien, als ob die langatmigen Reden mehr für die einfachen Mormonen berechnet waren, die sich zu der Handlung in ganzen Scharen cingcfunben hatten und ihrer Meldung nach erst vor nicht allzu langen Zeit in ländlichen Distrikten Guropas „bekehrt" unb nach Utah hmübergebracht worden waren.
lieber die Diele hen der Mormonen sind Bände geschrieben unb noch mehr Worte gemacht toorben. Tatsache ist jedenfalls, bah der Begründer der Sekte. Brlgham QJouitg, eine sehr grobe Familie von Gattinnen unb deren Rach- wuchs befab. Heute noch liegen in Salt Lake City in mehreren Schaufenstern böser Gentiles gar drollige Abbildungen der ehelichen Beziehungen des Propheten, die der Mormone in seinem eigenen Reich einfach unbeachtet lät Sie tun bet Herrschaft des Mormonentums im Staate Ul ab keinen Abbruch.
Der Glaube der Mormonen bedingt die Polygamie auf Gr den. Denn die Männer, Frauen unb Kinder, bie uxr mit unfern sterblichen Augen wahrnehmen, sind nach ihrem Glauben nur ein kleiner Teil der Bewohner unseres Planeten Uns umschweben Millionen von uickörperiich.m Geistern. deren einziges Bestreben es ist, geboren zu werben. Sie treiben Mann unb Frau in bie Ehe hinein. Wehe den armen Geistern, denen es nicht gelingt, geboren zu werben, ehe ber täglich erwartete .Jüngste Tag" here.nbricht! Sin Leben tn tiefster Finsternis ist bi6 in alle Ewigkeit das Los dieser ©tieffinber des Herrn.
Anders ber Geist, ber als Mensch hienieden seine Probefahrt bestehen bars, und der es sich währeno dieser Zeit angelegen sein läßt, möglichst viele gefangene Geisler freizusetzen, indem er ihnen einen fieifd>lid)cn Wohnort gibt und sich zu diesem Zwecke nicht mit einer, sondern mit mehreren Frauen vermählt Gr gehört nach seinem Tode nicht nur zu den in die himmlische., Heer
scharen Berufenen, sondern auch zu den Auserwählten des Herrn. Und zwar fällt in dem Mormonenhimmel ber Körper nicht vom Geiste ab. Rein, in strahlender Schönheit, die Sinne erhöht, geschärft, stolzen Ganges, hocherhobenen Hauptes, von dessen Stirn ber Abglanz ewiger Seligkeit weithin leuchtet, wandelt er einher, m der M.tte feiner Frauen, seiner Rachkoinmen- schaft, bis sie auf Millionen unb Abermillivr.en herrlicher Kinder angewachien ist. Dann ist ber Augenblick ber höchsten Seligkeit des also gesegneten Balers gekommen. Zum Gotte verklärt, wandert er inmitten seiner Millionen von Aach- kommen auf den zahlreichen Planeten, die das Weltall durchlaufen, em her, um hier als Herr und König in alle Ewigkeiten uberirbische Herrlichkeit und Freuden zu genieben.
Aber auch für die Gattinnen der Mormonen ist die Polygamie für deren Verklärung absolute Bedingung, und ihr höchster Ehrgeiz besieht darin, dereinst neben dem Geliebten als Königinnen auf dem ihm zugewieienen Sterne zu herrschen. 6ine phantastische Entwickln sigsthearie, die für das irdische und das himmlische Leben des Mormonen die Polygamie zur ersten Religions- bvktrin erhebt.
Seit Brigham QJoung im 3ahre 1847 in Utah seine polygame Theokratie gründete, befinden sich die .Heiligen des jüngsten Tages" in fortwährendem Konflikt mit den Gesetzen der Dereinigten Staaten. Sporadische Versuche, gegen bie ehelich so vielseitigen Mitbürger von Utah vorzugchen, verl efen resullatlos. Arn Anfang ber achtziger 3ahre des vergangenen Iahrhun- berts raffte sich ber Kongreh zu einer Attacke gegen bie Mormonen auf, die sich zu einem zehnjährigen Kriege entwickelte. M-.m ging in ben Kamps mit bem festen Borsatz hinein, ent- weder bie Bielweibeiei ober aber bie ganze Mormonenkirche zu vernichten. Den „Heiligen" in Utah war aber bisher mit einem einfachen gesetzlichen Verfahren nicht beizukommen gewesen. Der Kongreh beschloh deshalb, mit ber Annahme bes „ Edmund-Law" prakt schere Wege einzuschlagen. Das b-fagte Gesetz erklärte nämüch schon äußere Anzeichen vielehelicher Beziehungen für strafbar.
3n jener Zeit wurde auf bie Polygamisten eine wahre Hetziagb ausgeführt. Aber noh immer war bie „Kirche" nicht willens, nachzugedm. Da bisinlorponerte sie der Kongreß im Jahre 1887 unb konfiszierte ihre sämtlich«, Immobilien, deren Wert sich schon bamals auf etliche Millionen belief.
Der Fiühling des JahreS 1893 fand infolge solcher Maßregeln bie Jesus-Christus-Kirche ber Heiligen bes Jüngsten Tages zerschmettert unb demoralisiert am Boden liegen. Unter solchen Umständen sahen die Mormonen ein. dah bas Märtyrertum auch seine rmpraktische Seite habe.
So erklärte benn zunächst im Oktober 1890 bet bamalige Mormonenpräsident Wllfvrd Woodruff bei Gelegenheit der regelmäßigen halbjährlichen Kirchenkonferenz. bah bie Mormonen gewillt seien, bie Dielehe aufzugeben. Das Manifest Woodruffs rief im ganzen Lande einen günstigen Eindruck hervor.
Beweise der Vergebung, bes Wohlwollens, stellten sich sehr halb ein. Die Bunbesgerichte ignorierten ihre frühere Verfügung unb naturalisierten torcbei mormonische Einwanberer. Es bereitete bem bamaftgm Präsidenten der Bereinigten Staaten, Benjamin Harrison, besonderes Deo- gnügen, die ein gekerkert en Heiligen wieder auf freien Fuh zu setzen, indem er zu ihren Gunsten eine Amnestie ersieh. Wenige Monate später gab ihnen der Kongreh ihr bewegliches und unbewegliches Detmögen wieder zurück.
Aber was die Kirche vor allem wünschte, war die Aufnahme Utahs in den Staatenbund ber grvhen norbamerikanischen Republik. F nfzlg Jahre lang hatte bie Mormonenkirche gelitten, weil Utah nur ein Territorium unb lein souveräner Staat war Solange biese Situation sort- bauertc, würbe das Land von Washington aus regiert
Die rote Kaschgar.
Roman von Fedor von Zvbeltih.
10. Fortsetzung. <Rachdruck verboten )
„Unsinn," gab sie zurück. „Sprach mir nicht wieder von beinern sogenannten Fatum. Die Mey- dings zimmern sich ihr Schick'al allein. So tat ich es so hanble auch bu. Ich stanb seelisch vor bem Zusammenbruch, du materiell. Aber ich bin gratsteifiq geblieben, unb ich bente, auch bu wirst dich wiedersinden. Gewih, es ist ein Unterschied, auf eigener Scholle zu sitzen oder fremdes (^rt zu verwalten. Immerhin vergiß nicht, dah du durch den Berlust von Karittei, auch einen Packen Röte losgeworben bist. Du bi, wieder ein fre.er Mann — und weiht bu schon heute, wie^ deine Zukunft sich noch einmal gestalten kann?"
„Ich denke nur an bie Gegenwart, Lere"
„&ie ist bie Grundlage für bie Zukunft. Also mit wir nehmen die Einladung zur Hochzeit Herharts an. Wo soll sie stattfinden? In Hchwichelbe natürlich, ba Theda noch an das Bett gefesselt ist."
„Ja, m Schwichelde. Aber ich höre, man will Theba nach Groh-Ponar schaffen, sobald sie transportfähig ist Da ist sie besser untergebracht, hat Waldllrft unb Stille. In Schwichelde stört sie der Lärm ber Werke."
„Begreiflich . . Mexe neigte zustimmenb ben Kopf. Besinnliches glitt wieder über ihr Gesicht . . . „Da habe auch ich bie arme Kleine Näher, fuhr sie fort. „Ich hoffe, mich ihrer annehmen zu können. Du wirst sie vermutlich häufiger sehen. Sei lieb zu ihr."
„Ich habe keinen Grund zum Gegenteil," erwiderte er harmlos „Ich kann sie nur b-dauern. Adbio Lexe. Ich möchte mich auf die Strümpfe pichen, ich revidiere gern vor Anbruch der Rächt noch einmal die Ställe."
„Leb' wohl, lieber Junge. Wirf jebe 5r- ntneruitg an Vergangenes Über Bo b. Tu deine Pflicht in Groh-Ponar — bas brauch ich dir nicht erst zu sagen —, aber ich rate dir auch, dich an den Ontel möglichst herzlich aiyu schließen __ unb bann dringt darauf, dringt beide darauf, friß bie Theda baß) zu euch kommt."
Die Blicke der Geschwister kreuzten sich. Und ba las Hellmut etwas im Auge Alexes, was ihn stutzig machte. Es war wie eine Zusammenfassung ihres Ge<amtwesens^ rückffichtslose S ergte, Auswirkung letzter Kräfte, Abenteucerlust. .auch ein lackzender Hang zu verwegenem RanLfpiel mit allen Listen weiblicher Verschlagenheit Roch verstand er sie nicht völlig, es war nur ein vages Ahnen in ihm, warum sie fo lebhaft eine beschleunigte Ueberfübmng Thedas nach Groh- Ponar wünschte. Und das trieb ihm auf einmal ungestüm das Blut in das Gericht
Es beschäftigte ihn auch wahrend ber Rückfahrt durch ben tiefer iintenben Abend. Er kannte jo feine Schwester und hatte Bewunderung für bie Großzügigkeit ihrer Qtatur. ihr rasches Sch- finben in ungewohnte Lebenslagen, ihre tief- bnngenbe Regsamkeit. Sie hatte sich wahrl^iig die Wesenburg erobert, im besten S.nne erobert, nicht mit Wurfgeschossen aus Stein und Eiken wie vor Hunderten von Jahren Herzogin 3utta bie Storrige, sondern mit geistig m Las en, mit ihrem llugen Kopf, ihrer bei beiden Tätigkeit. Run war sie ba oben allmächtig, und sicher, sie gab bie Zügel so leicht nicht mehr aus der Hand. Sie hatte eine fast unbsfchränk e Selbständigkeit, und bei den reichen Einkünften der Stifts Herrschaft konnte sie ihre Souveränität auch mit fürft- lichem Glanz um leiden.
Hellmut bewunderte sie — das war immer so gewesen, schon in ihren Kinderjah en war itzrn bie jüngere Schwester mit der frechen Stärke ihres Intellekts wie eine Art Führerin erschle-- nen. Heuf aber mischte sich eine eigentümlich ängstliche Scheu in sein Empfinden. Dah sie Ger- hart Hora verachten, daß fte ihn Hafen konnte, begriff er. Heber die zertretenen Blüten einer ersten Liebe jagt immer der Sturm. Ab e noch Unklares beutete über den Haß hinaus auf rächendes Wünfchen. Was wünschte und was wollte sie? Was konnte sie von der Anwesenheit Thebas in Groh-Ponar erhoffen? Gerhart war dann taufend Meilen weit van feiner Frau entfernt Meere und Lande lagen zwischen i~r und ihm.' Hielt 2llexe es für möglich, die Trennung mit dem Härtewlllen ber Wi bervergeltu.-g aas- zunützen? Für möglich. Gerhart das junge Weib entfremden? . . . Verrückter Godmcke! — und
Run besaß Utah längst Anspruch auf Erhebung jum souveränen Staat Doch hatte der Kongreß h.Shec eine solche Beförderung rundweg abgeschlagen. Aachbein man jedoch m Sait Lake Eily das heilige Versprechen gegeben halte, in die Konstitution Utahs Paragraphen einzii- führen, auf Giund deren die Trennung von Kirche und Staat und das Auf geben ber Vielehe garantiert wurde, erfüllte im Jahre 1895 endlich der Kongreß den Herzenswunsch der Heiligen des Jüngsten Tages und erhob bad Territorium Utah zum Staate Utah.
Seitdem hat die Mormonenkirche gewonnenes Spiel: denn als souveräner Staat besitzt Utah bei der Präsidentenwahl zehn Glektoral-Stimmen, die ihm unter Umständen eine ausschlaggebende Stellung sichern. Bisher hat noch jeder Präsident ber Vereinigten Staaten versprechen müssen, baß seiner politischen Partei keinerlei gegen irgenb- welche mormonische Institutionen gerichtete Gesetze mehr entsteigen unb nach Utah nur solche Bundes beamte geschickt werden dürfen, die den Mormonen passen.
Die Herrschaft der Mormonen erstreckt sich übrigens nicht etwa nur auf ben Staat Utah, auch in Aevaba, Idaho, Rew Mexiko, ja fogar in Colorado, Cal.fomia. Montana. Oregon unb Int Staate Washington b fin.'cn sich zahlreiche Mor- monentoloni n. und die Kirche hofft, durch bereit stetig. Verstärkung bald den ganzen Westen und schließlich von dort aus ganz Amerika eiiiuehmen und beherrschen zu können Selbstverständlich handelt es f>ch dabei vorläufig nur um eine mehr ober weniger lobenswerte Abficht. Tatsache ist jedenfalls, daß bie Herrschaften in Utah alle gegen ihre polygamen Tenbenzeu gerichte.en Angriffe einfach ignorieren, und daß es in den» Vereinigten Staaten wenigstens einen Staat gibt, in dem der Bundeskonstitution zuwider nicht das Volk, sondern eine Kirche regiert.
Der Haarmann - Prozeß.
Gestern Begann, wie schon gemeldet, in Hannover der Prozeß gegen ben Massenmörder Hcxrr- mann unb seinen Helfershelfer Grans. Angesichts ber Debeutung, die dieser Prozeß schon allein dadurch gewinnt, daß ein so vielfacher Mörder — die Anklage (egt Haarmamr 27 Morde zur Last — in Deutschland wenigslens noch nie vor den Richtern gestanden hat, erscheint es angebracht, sich noch einmal alle die Ereignisse, bie vor mehr als einem halben Jahr sich in Hannover abspielten unb die Bevölkerung in große Erregung versetzten, ins Gedächtnis zuruckzu rufen.
Fritz Haarmann wurde am 25. Oft ober 1897 in Hannover geboren, wo er auch die Bürgerschule besuchte. Er war ein sehr schlechter Schüler unb tourbo bereits konfirmiert, als er erst die vierte Klasse erreicht hatte. Sein Vater war ursprünglich Lokomotivführer, nach seiner Heirat -- die sieben Jahre ältere Mutter hatte eine Zi- garrenfabrif — war er ohne eigentlichen Beruf unb soll viel getrunken haben. Der junge Haar- mann machte zum erstenmal im Alter von 18 Jahren Bekanntschaft mit bem Richter. Er war bes Sittlichkeitsverbrechens nach § 175 des StGB, angeklagt. Er wurde zur Untersuchung seines Geisteszustandes in eine Irrenanstalt gebracht und schließlich auf Grund be8 § 51 des StGB, freigelassen Aus der Anstalt entwich er, lebte kurze Zeit in der Schweiz, und wurde bann Soldat. Dor Ablauf seiner Dienstzeit entließ man ihn jedoch unter Zubilligung einer Rente wieder.
Einen festen Berus hat Haarmann nie gehabt. In den Jahren 1905 bis 1913 bestrafte man ihn neunmal wegen Diebstahls, außerdem wogen Betrugs Versuchs, Körperverletzung unb Beleidigung. Eine längere Zuchthausstrafe war im Jahre 1918 beendet, in diese Zeit fallen wohl auch seine ersten Morde. Auch im Jahre 1918 bis zu seiner Verhaftung im Juni b. Is. beschäftigte er wiederholt die Polizei. So fand schon 1918 eine Untersuchung gegen ihn statt, weil zwei junge Leute verschwunden waren, die man zuletzt mit ihm gefeßen hatte. Man mußte ihn damals wegen Mangel an Beweisen f verlassen, heute hat Haarmann eingestanden, daß er einen der jungen Leute bestimmt umgebracht hat. So war er in ber Verbrecherwelt Hannovers eine beBamxte Erscheinung, unb auch jeder Polizei-
in starker Wallung wehrender Gesinnung warf Hellmut ben Kopf zurück und ließ bie Peitsche über bas Dickfell bes Braunen pfeifen. Der Dvaune quiekte wie ein Jette weinendes Kind, quirlte mit bem Haarschwanz unb warf Erdbrocken hinter bie Hufe. Er fid, verängstigt durch den Hieb, in schaufelnden Galopp, unb Hellmut straffte bie Leinen nicht. Auch feine Gedanken galoppierten. in weite Fernen unb in ein DunQl hinein, so dunkel wie die tiefer über ben Herbstduft ber Felber sich breitende Rächt . . .
Ebenso dunkel war es im Zimmer ber Aeb- tiff in geblieben. Alere hatte nicht bas elektrische Licht entzünbet, sie faß in dem Ehorstuhl auf dem erhöhten Erkerplatz und starrte durch die Fenster in bas draußen immer mehr sich verdichtende Schwarz, ©je gedachte vergangener Tage und fühlte in ihrem Herzen überwunden geglaubte Bitterkeit neu steigen Es war der alte Kampf, der icit Erschaffung der Welt das Wei ö beweg e, wenn dec Geliebte ihm untreu geworden wa : der alle Kampf zwischen der Liebe, Die nicht verjähren wollte, und einem sinnenden Haß. dec noch keine Triebtraft hatte. Es war auch ein Ausfragen ihrcs Herzens, ein Verhör ihrer selbst — es kam unwillkürlich, unb sie ärgerte sich über Zkb Rach^ prüstürbe, bas so zwecklos war. Sie war froh, daß bie Gedanken rillen, als das Dröhnen des großen Gongs im Treppenhause durch das Schloß klang. Es war das Zeichen für die hochwc-rdigen Damen, daß in einer halben Stunde das Abendessen auf getragen werde. Da hatte man noch 3eit sich umzukleiden. und heute waren ein paar Beamte zu Tifch geloben: der Rendant, bec Oberin pekwr, der Forstmeister, auch der Bürgermeister von unten und einige andere. Die Aebtif in h ell darauf, die Beamte.rschaft bei Gelegenheit im Schloß zu bewirten und ihrer Huld zu versrcherm.
Sie erhob sich, ein Dehnen verjagte die Glreb- müdigkeit, sie ftieg aus dem Erker, drehte die Beleuchtung an und n.ngclte ihrer Zofe.
Bor bem großen, aus Holz erbauten Bet- haute der Brüdergemeinde zu Kapptet ch verteilten sich die Andächtigen, kehrten zurück zu ihren Gewerken, gingen wieder an ihre Feldarbeit oder suchten die Chorhäuser auf, um die Kirchenklei-
grtttag, 5. vezemder 1924
beamte bannte Haarmann. Der Potizei leistete er verschiedentlich Dtenste dadurch, daß er ihr Rachcichten aus der Verbrecherwelt ,tu trug. Es muß aber ausdrücklich festgestellt werden, baß bie Polizei ihn nicht als Spitzel gebraucht hat, und daß er nie einen Ausweis ber befaß.
3m Mai b. 3S wurden in der Leine Leichen» teile gefunden, drei Tage später schon inicbcr, ebenso im Juni, so bah man auf Verbrechen schließen mußte. Unter den Verdächtigen befand sich auch Haarmann. Am 1. Juli gelang durch Zufall die Ucberjübrung. Die Mutter eines seiner Opfer erkannte luimlid) bei dem So Im seiner früheren Wirtin ehren Rock ihves vermißten Sohnes Damit war HaarmnnnS Schuld erwiesen, unb schon in ben nächsten Tagen formten ihm weitere Morde nach^ewieten werden, bti b.em bie Zahl die schreckliche Höhe non 27 erreichte Ob sie damit erschöpft ist. wird sich nie feststellen lassen, da Haarmaim selber sie nicht genau femit Die hannoversche Bevölkerung geriet damals tn große Erregung, war es doch auch sehr ausfällig, baß eine derartige Anzahl Morde, bie zum Teil Jahre zurücklagen, aus geführt ux*rben fonaten. ohne baß bie Polizei ober auch bie Mitbewohnei' irgenb etwas davon bemerft hatten. Das ist em-
durch die Wohngelegenheit Ha manns zu erklären, sodann muß aber auch sest- qestellt werben, daß er außerordentlich raffiniert und vvrfichtig & u Werke gegangen ist. Wie er die jungen Leute umgebracht bot, ist noch nicht geklärt, die Aussage Haarmanns zu diesem Punkt ist außerordentlich zweifelhaft. Er behauptet nämlich, daß er sie In der Erregung erwürgt oder ihnen die Kehle burchgebissen habe, ober baß sie erstickt feien Diese Aussage erscheint jeboch lmglaubwürdig, benn es ist kaum anzunebmen, daß er seine Opfer alle ohne Gegenuvhr ermorden sonnte. Ec will durch biete Darstellung wahrscheinlitz erreichen, daß er sie ohne Vorsatz unb Lieberlegung um» gebracht hat, damit ber Tatbestand des Mordes nicht gegeben ist Auf der anderen Seite schildert er sehr eingehend, wie er seine Opfer dann zerstückelt ba' Bekanntlich wurde Haarmaim Mitte August für mehrere Wochen nach Göttingen zur Llmerfuchung feines Geisieszustainbes geschickt. Das von Geheimrat Prof. Di'. Schulze erstattete Gutachten geht aber dahin, bah Haarmann nicht für den Schutz des § 51 des StGB in Frag« kommt, sondern daß er fürfeineTotenvoll verantwortlich ist.
Richt recht geklärt if< einstweilen auch die andere Frage, warum Haarmann gemordet hat. Gr lebte in sehr schlechten finanziellen Verhältnissen und verkaufte die Kleider der G» morbeten, um za Gelbe zu kommen. Aber daß die Rot allein das Moftv seiner Taten gewesen ist, erscheint nicht glaubwürdig. Diese Si-Kje gewinnt ein anderes Aussehen durch seinen Helfers- helsec und Freund Grans, der bekanntlich bei De ihilfe zum Morbe anaefk>gt ist GranS ist ein noch junger Mann, der Haarmann im Jahre 1919 kennen lernte und halb einen großen Einfluß auf ihn gewann. Haarmorün hat ihn außerorbentlich belastet unb behauptet, daß Grans ihm wiederholt junge Leute zu geführt habe, Deren Zeug er gerne haben wollte H rarmann hat bisse Leute oft toteber fortgeschickt, sie auch tagelang bei sich behalten, bis Grans bann energisch darauf gedrungen habe, in ben Besitz ber Kleiber zu kommen. Erst bann habe er sie ermordet.
Haarmann gibt damit selber etwas zu, was er vorher stets geleugnet hat. nämlich baß er zum mindesten in diesen Fällen mit aller Lieberlegung zu Werke gegangen ist. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die Frage nach Mord in einer ganzen Reihe von Fällen zweifellos bejaht weiden muß und daß damit Die Menschheit von dieser Bestie bald befreit werden wird.
Ans dem -lmtsverkündiftungsblatt.
• Das Amtsverkündigungsblatt Ur. 8 3 enthält: Landtagswahl 1924 Heuorb* nung des Vermessungswesens. — Ausbau der Hartigstraße in Hungen. — Feldtreceinigung Stangenrod. — Djenstnachrichten.
• Das Amtsverkündigungsblati Hr. 84 bringt die Wahlvorschläge zur ReichS- tagswahl am 7. Dezember zur öfseMlichen Kenntnis.
düng mit bem Werktagsanzug zu vertauschen. Zumal bie Frauen unb Mädchen beeilten sich, meist zu zweien oder in Gruppen, nach Hause zu tommen. Ein Wegstück, bie breite Dorfstraße hinab, hielten sie zusammen, . bann floß alles auseinander, und man fah an den Bändern und Schleifen ihrer hübfchcn, eng um den Kopf sich schließenden Häubchen, wohin fie sich wenden mußten: die mit den weißen Schleifen zum Chor- Haufe der Witwen, bie mit ben blauen Schleifen zu dem der verehelichten Geschwister, die mit ben roten Bändern zum Heim der lebigen Schwestern. Es gab freilich im Herrnhuterdorfe auch noch Privathäu^er, einstöckig wie die übrigm, doch bei aller Prunklofigkeit einen verfeinerten Geschmack nicht entbehrend, und einer Meter kleinen, auf der Berglehne gelegenen Villen wandte Schwester Frcyr sich zu, ben schmalen Mädchenkcpf geneigt, noch ganz erfüllt von den legendarisch an klingenden Erfahrungen und Abenteuern Im Lande der Käftern, von denen Bruder Dcrotheus Fiedler im Bethause erzählt hatte. Lind da sie an die eigentümlich bezwingende Erscherrung dieses Mannes dachte, fach sie iha auf einmal dicht an ihrer Seite, den breitgekcempten Filzhut in der Hand, un dhörte ihn mit ferner klangschönen Stimme fragen:
„Darf ich Sie begleiten, Schwester Freye? Lind würden Sie mir wohl eine kurze Linterredung vergönnen? In Gegenwart Ihrer Frau Mutter oder auch allein, ganz nach Ihrem Wunsche."
Röte strich über Ihre Wangen, sie wußte, was ber Bruder wollte, und kannte auch schon ihre Antwort, aber sie durfte ihm die Ditte nicht versagen
„Die Mutter hat heute ihren schlechten Sag. Bruder Dorotheus,' ecw.derie sie „'le hat wenig geschlafen, und ich hörte im Hebens immer, wie fie im Halbtraum phantasiene — es sind immer bie alten traurigen Geschichten, die fre rn der Erinnerung plagen. Wir wollen sie nicht behelligen. Aber ich stehe Ihnen trotzdem gern zur Verfügung — wir können im Ga tcnhaus mit» einander sprechen, wenn es Ihnen recht ist."
Mir ist alles recht.' entgegnete der Missionar "„ich bin schon glücklich über Ihre Bereitwilligkeit, mich anhören zu wollen."
(Fortsetzung folgte


