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llr. 2D8 Zweites Blatt

Nach der Entscheidung.

Don Dr. C8 e d c r (SeHen), Rmchswirttchafts- mmister a. D., Mitglied des^ei^^e^taga.

In den Abendstunden des letzten Freitag hat der Reichstag mit 314 gegen 127 Stimmen das Reichseisenbahngesetz angenommen, nachdem vorher bereits die Annahme der anderen Gesetze mit einfacher Mehrheit erfolgt toar. Die gleiche einfache Mehrheit hat auch dem Gesetz, das die Londoner Vereinbarungen im Ganzen geneh­migt zugestimmt Die Abstimmung ging in den letzten beiden Wochen ein schweres Ringen zwi­schen den Reichstagsfraktionen und in einzelnen von ihnen voraus, und bis zum letzten Olugenblid war es insbesondere zweifelhaft, ob sich für das Eingangs erwähnte Cisenbahngeseh die dazu not­wendige ^oeidi-ittelmehrheit finden, ob ihm also mindestens ein Teil der deu t s ch n at i onale n Reichstagsfraktion zustimmen werde. Parteien tote die sozialdemokratische und die demo­kratische freilich warenschnell fertig mit dem Wort". So wie die Sozialdemokratie schon xm Wahlkampf den Standpunkt vertreten hatte, das sogenannte Dawesgulachten müsse unter allen Um- standen und äußersten Falls auch ohne jede Än­derung angenommen werden, so hatte sie auch jetzt den Londoner Deschlüssen in ihrer getarnten Presse und in ihrer sonstigen Einstellung vom ersten Tage ab zugestimml, uni) ebenso unentwegt lehnten auf der anderen Seite die Deutschvölkischen und mit ihnen anscheinend zunächst auch die Deutschnationalen jedes Eingehen, jede Prüfung des in London Erreichten uni> der Frage ab, ob nicht doch die politische Gesamtsituatton seine Annahme rechtfertige. 3n der Zentrum s- frak tivn bestanden ebenso wie in der Fraktion der Deutschen Volkspartei bei einzelnen Mitgliedern politische und wirtschaftliche CÖeben* tat Was aber die Verhandlungen in den einzel- nai Fraktionen und vor allem in der Reichstags- fraktron der Deutschen Volkspartei vorteilhaft von dem unterschied, was sich in früheren ähnlichen Fällen hinter den Fraktionstüren abspielte, war die Tatsache, daß nicht etwa von Mann zu Mann oder sogar zwischen einzelnen sogenannten Flü­geln der Partei gerungen wurde, sondern daß sozusagen jeder den Meinungsstreit in sich au szu kämpf en hatte, mit sich ringen mußte, ob er das, was man leider nicht erreicht hat, so hoch anschlagen zu dürfen glaubte, daß er daran das Ganze scheitern lassen konnte. Wer diesen Kampf eiirmal mit sich selbst gekämpft hat, weih, wieviel schwerer er ist und wie stärker er dte Seele belastet als der offene Meinungsstreit mit anderen. Schließlich aber standen in den ent­scheidenden Tagen alle Mitglieder der Fraktton der Deutschen Volkspartei treu und einig zusam­men in der Auffassung, daß man zwar manches, was man erreichen wollte, in London nicht durch- gesetzt bat, daß aber das Erreichte immerhin einen, wenn auch nicht gerade übermäßig festen Doden abgebe, auf dem man die nächsten Jahre weiter bauen könne. Cs kam hinzu die ilebertegung, daß ein Versuch, in erneuten Verhandlungen mit un­seren Kriegsgegnern mehr zu erreichen, minde­stens zeitlich eine starke Verschiebung der Entscheidung bedeutet hätte, dazu aber auch keine starke Aussicht auf sachliche Erfolge bot. Die deutsche Wirschaft und die Rücksichten auf die besetzten Gebiete aber ließen eine baldige Ent­scheidung dringend notwendig erscheinen. Es ist bereits darauf hingewiesen worden, daß die Frak­tion der Deutschen Volkspartei in dieser Frage einig und geschlossen zusammenstand. Es verdient auch hervorgehoben zu werden, daß diese Einig­keit ohne jebe Einwirkung von außen sich voll­zog, so daß z. D. eine in den kritischen Tagen stattgefundene Sitzung des Parteivorstandes nach toertigen Minuten schon geschlossen werden konnte.

Was haben wir nun durch die Londoner Ver­einbarungen und die diese bestätigenden Beschlüsse des Reichstags erreicht? Zunächst die Freilas­sung der in französischen Gefängnissen sitzenden Gefangenen, die Rückkehr der Vertrie­benen, ihre Wiedereinsetzung in Haus und Hof und in ihien Beruf, dazu die Be­freiung von den wirtschaftlichen Zwangsmaßnahmen, wie sie insbesondere im Ruhrgebiet von den alliierten Mächten über die dortige Industrie verhängt worden waren, die DeseitigungderZollschranken, die das besetzte Gebiet vom übrigen Deutschland trennten und schwere wirtschaftliche und politische Gefah­ren mit sich brachten, weiterhin die demnächsttge Rückgabe der im besetzten Gebiet beschlagnahm­ten deutschen Eisenbahnen an die große, dem­nächstige Reichseisenbahngesellschaft und dadurch die betriebliche Wiedervereinigung aller auf deut­schem Gebiet liegenden Eisenbahnstrecken, mit der Rebenwirkung, daß die an diesen Dahnen beschäf­tigten französischen und belgischen

Gieyener Anzeiger (General-Anzeiger flr Vverheffen)

Eisenbahner beseitigt werden und daß an ihrer Stelle demnächst wieder unfere deut­schen Cisenbahnbeamten den Dienst übernehmen, crti>üd) die sofortigeRäumung der in Baden besetzten Gebiete, die Räumung des Landkreises Dort­mund, und der seit 11. Januar vorigen Jahres angeblich aus zöllnerischen Rücksichten besetzten, so­genannten Flaschenhälse, endlich aber das Versprechen, daß auch das Ruhrgebiet mit den Städten Düsseldorf und Duisburg-Ruhrort bis längstens zum 15. August nächsten Jahres ge­räumt fein werden. Das Letztere ist uns allerdings nur von Frankreich und Belgien versprochen, das dahingehende Versprechen ist von England ausdrücklich sanltioniert worden. Wir wollen heute nicht daran zweifeln, daß die beteiligten Regie­rungen ihr Versprechen tatsächlich halten werden,

wird in einer Weise umgestaltet, die wenigstens theoretisch einen starken ausländischen Einfluh möglich macht. Die deutsche Wirtschaft wird zu weiteren Sachleistungen über die im Ver­sailler Vertrag uns aufcrlcgtcn Verpflichtungen hinaus verpflichtet, und endlich hat das Deutsche Reich selbst auch eine gewaltige unmittelbare Lei­stung für die Zukunft auf seine Schultern nehmen nrüssen. Wägt man Vorteile und Rachteile ob­jektiv gegeneinander ab, so wird man nicht über­sehen dürfen, daß die hau pt ch listen Vorteile teils augenblicklich, teils bald wirkend sind, während die Rachteile, die Verpflichtungen, die wxr übernommen haben, ein ganzes Menschenalter auf uns ruhen werden.

So liegt wahrhaftig für niemanden ein An­laß vor, über Erfolge zu triumphieren, und es ist erfreulich, daß sich solche Gefühle weder bei der

Bilderwettbewerb -es GießenerAnzeigers für die besten Lichtbilder aus ganz Oberhessen, sowie aus den Gießen benachbarten preußischen Gebietsteilen. Oie Aufnahmen sollen möglichst bildartig sein.

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Zeder Bewerber kann eine unbeschränkte Zahl von Photographien einreichen. Oie unaufgezogenen Lichtbilder können auch von früheren Aufnahmen stammen, dürfen aber nicht irgendwie öffentlich benutzt sein. Oie Einsendungen sind mit Kennwort und mit der BemerkungBilderwettbewerb des Gießener Anzeigers" versehen an die Redaktion des Gießener Anzeigers zu richten. Kennwort und genaue Angaben über den Gegenstand des Lichtbildes (Ort, Haus, Straße, Schloß, 5iume usw.) sind auf dessen Zftücffcfte anzugeben. Oie genaue Anschrift des Ein­senders ist in geschlossenem Briefe beizufügen, dessen Umschlag das Kennwort trägt. Dev äußerste Gktüesevrmgstevmlu ist der 15. Sevt. d. Ls.

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Verlag und Redaktion des Gießener Anzeigers.

vermögen aber gerade in biefer Frage in den Lon­doner Abmachungen keinen besonderen Erfolg zu sehen, solange nicht die Räumung tatsäch­lich vollzogen ist. Der Kaufpreis, den wir für all das vorstehend Aufgeführte zahlen müs­sen, ist außerordentlich hoch. Unfere Eisenbahnen müssen wir aus der Verwal­tung des Reiches in die Verwaltung einer Ge­sellschaft legen, die, mag man ihre Organisation auch noch so optimistisch beurteilen, nur noch teil­weise deutsch ist und deren rein deutschen Charakter wir nur nach und nach und mit schweren finanziellen Opfern wieder zurückgewinnen kön­nen. Dazu ist diese Eisenbahn zugunsten der Al­liierten mit einer gewaltigen Schuldsumme belastet, die herauszuwirtschaften viel Mühe und manchen Verzicht bedeuten wird. Die deutsche 3 n b u ft r i e hat eine Last von 5 Milliarden Mark auf ihre Schultern nehmen müssen. Die Reichsbank

Regierung, noch in unserer Fraktion nach dem Zustandekommen der Gesetze ausgelöst haben. Wenn wir auf etwas stolz sein dürfen, so ist es darauf, daß die schwere Arbeit, auch die Zustim­mung der Deutschnationalen insbesondere zu dem Zweidrittelmehrheit notwendig machenden Eisenbahngeseh zu gewinnen, im wesentlichen von unserer Fraktion geleistet worden ist, und daß die Anträge, die den Deutschnationa­len die Drücke zur Zustimmung zu jenem Gesetz schlugen, insbesondere auch in der Schuld- frage, die Ramen Dr. Zapf, Dr. Decker (Hessen) und Dr. Curttus von der Deutschen Volkspartei trugen, llnb wenn die Regierung in diesen Ver­handlungen im Reichstag einen Erfolg für sich sieht, so darf auch hier im 3ntereffe der partei­politischen Wahrheit festgestellt werden, daß das günstige Endergebnis durch eine außerordentlich geschickte, weil sehr maßvolle Rede des

Anton Bruckner.

(Zum 100. Geburtstag, 4. September 1924.) Don Dr. Anton Mayer.

Anton Druckner nimmt unter den großen Komponisten eine Sonderstellung ein, weil er plötzlich ohne daß etwas von seinem Schaffen in die ' weitere Oefsentlichkeit gedrungen wäre, als vollendeter Musiker dastand: seine Entwick­lung war unbekannt, und erweckt doch infolge der Eigentümlichkeit seiner Werke bas höchste 3ntereffe. ~ ,

Sein Großvater und sein Vater waren Lehrer in dem kleinen oberösterreichischen Ort Ans- selben gewesen: dort wurde Anton Druckner am 4. September 1824 geboren. Als er zwölf Jähre alt war, starb fein Vater, und der 3unge mußte, so gut es gehen wollte, des Verstorbenen Platz in der Dorfschule und in der Kirche, an der Orgel, ausfütlen. Auch als Meßner fungierte er in diesem altmodisch-vormärzlichen Oesterreich. 3m St. Florianstift erhielt er bis zu feinem 16. Lebensjahre Musikunterricht, wurde dann zur Vorbereitung auf den Lehrerberuf nach Linz geschickt und bekam im 3ahre 1841 die Schul­gehilfenstelle in Winderhag. Er mußte sich vor seinen Vorgesetzten ducken, den geistlichen Herren die Hand küssen, und manche seiner spä­teren Eigentümlichkci'.en erklärt sich vielleicht aus den demütigen Jahren jener Zeit, bet beneru wir an manche klägliche Lehrergestelt aus Dickens Romanen zu denken versucht sind. 1845 besserte sich seine Lage, als er die Lehrerstelle in St. Florian erhielt und nun vor allem Gelegen­heit fand, sich auf der prachtvollen Stistsorgel zu dem Meister des Spieles auszubilden, als der er in kurzer Zeit die Menschen in Erstaunen» sehen sollte. Schon nach wmigen Fahren wurde ex stellvertretender Stiftsorganist, und im 3ahre

1856 gewann er den Wettbewerb zu Linz um die Stelle des Domorganisten. Der Bischof von Linz. Rudi gier, ermöglichte ihm ein mehr­jähriges Studium in Wien, wo er im 3ahre 1861 die Reifeprüfung im kontrapunktischen Spiele fo verblüffend bestand, daß seine Examinatoren meinten daß eigentlich er sie hätte prüfen müssen, älnb nun erst, als Mann von beinahe 40 Fahren, wagt er sich an größere und in die Weite wir­kende Kompositionen, nachdem er sich durch das unaufhörliche 3mprovisieren und Selbstschaffen beim kirchlichen und privaten Orgelspiel einen musikalischen Schatz aufgespcichert hatte, der nun der Bearbeitung harrte. Bis jetzt hatte er auf seine Gemeinde und auf seine Schule gewirkt; in den letzten Fahren war sein Rame in Oester­reich als Organist bekannt geworden: nun drängte es ihn danach, den fertig geprägten Reichtum seiner Musikerseele' weiten Kreisen mitzuteilen, da er sicher toar, kein Stückwerk zu geben, sondern vollendete Kunst mitzuteilen. 1864 wurde seine D-Moll-Messe in Linz, 1865 seine erste Sym­phonie in S-Moll aufgeführt und natürlich erlitt er einen Mißerfolg, der ihn, den Gereiften, um so schmerzlicher treffen mußte. Er hatte die Tannhäuser-Partitur kennen gelernt, und sich be­dingungslos auf Wagners Seite gestellt, ein Wagnis, das er im damaligen Wien als der Hochburg der Wagnergegnerschaft, schwer zu büßen hatte. Denn der maßlos überschätzte Kri­ttler Eduard Hans lick, einer der peinlichsten mufiüilischen Schwäher, der von Mozart genau so wenig verstand wie von dem verhaßten Wagner oder dem geliebten Brahms, herrschte damals bedingungslos und stürzte sich wutentbrannt auf den kühnen Schöpfer von Symphonien, die aller­dings die gewohnten Gleise häufig verließen. Aber auch die Wagnerianer blieben dem Sym­phoniker gegenüber als geschworene Bannerträger

dramatischer Musik mißtrauisch, so daß er za seiner größten Verzweiflung rttrgends festen Fuß als Komponist fassen konnte. Als Theoretiker, Lehrer und Orgelspieler fand er wohl Anerken­nung: 1868 wurde er Hoforganist, 1869 konzertierte er in Frankreich, 1871 in London, und wurde zur grüßtest Wut seines bitteren Feindes Hanslick 1875 zum Lektor an die Wiener Universität berufen.

Trotz aller hämischen, ja gemeinen Angriffe durch die Wiener Kritik die sich durch ihre Stellungnahme gegen Wagner, Bruckner und Hugo Wolff für alle Zeiten blamiert hat schuf Bruckner in aller Stille toetier, bis auch ihm allmählich wachsendes Verständnis die Wege ebnen sollte. Am 11. Februar 1883 wurde seins 'siebente Symphonie zum ersten Male tn der Wiener Philharmonie aufgeführt. Es ist jene Symphonie, deren Adagio den erschütterndsten Gesang auf das Leben eines Helden darstellt, der durch den zwei Tage später erfolgenden Tod Richard Wagners eine besondere Bedeutung in den Augen der Wagner-Verehrer erhielt. Dec akademische Wiener Wagner-Verein nahm sich Bruckners nun mit allen Mitteln an vielleicht in mancher Hinsicht für den Geschmack Bruckners sogar etwas zu viel, und propagierte seine Werke hauptsächlich, bei dem immer noch bestehen­den Widerstreben der Wiener Kritik, in Deutsch- land, wo sich in Levi und Rikisch Dingenten fanden die sich in seine Dienste stellten. Mahler und Äkotte schlossen sich ihnen an, so daß Deutschland den Ruhm für sich in Anspruch nehmen kann, endgülttg Dahn für den größten Symphoniker der modernen Musik gebrochen zu haben, bis endlich auch den Wienern seine Größe aufging. 1891 wurde ihm die Doktorwürde und ein Fahresgehalt verliehen, das den Greis tn die ßage setzte, unabhängig vorn Stundengeben in

4- September (924

Außenministers ötrcfcmannn am letzten Tag der Verhandlungen vorbereitet wurde. 3m übri­gen aber muh man sich heute darüber klar sein, daß die augenblicklichen Vorteile, insbesondere im besetzten Gebiet, die Anerkennung aller Vernünf­tigen finden werden, daß aber leider im unbe­setzten Deutschland und vielleicht in einigen 3ah- ten auch im besetzten Gebiet diese Vorteile wieder vergessen sein werden, und daß man dann wegen der schweren dauernden Lasten vielleicht Steine auf diejenigen werfen wird, die den Gesehen zur Annahme verhalfen.

Das soll uns aber nicht abhalten, mit Genug» tuung auf den Abschluß dieser Verhandlungen zu­rückzublicken. Richt als ob wir uns ettoa ter Vor­gänge in der deutschnationalen Fraktion, die der Endentscheidung vorausgingen, und die zweifellos der deutschnationalen Parteileitung viel Sorgen gemacht und ihr noch manche Sorgen bringen wer­den, freuten: wir sollten und müssen im Gegen­teil anerkennen, daß auch dort die große Mehrheit der Reichstagsabgeordneten in fd)tocrem Ringen sich bemüht hat, den rechten Weg zu finden. Wohl aber freuen wir uns darüber, daß die Annahme der Gesetze unter Mitwirkung der Deutschnationalen und ohne Reichs­tagsauflösung den Weg zur gemein­samen bürgerlichen Arbeit gebahnt, ja uns auf diesem Wege schon ein gutes Stück vorwärts gebracht hat. Die Reichs­tagsauflösung unter der Parolefür oder gegen London" hätte sämtliche bürgerliche Parteien in gemeinsamer Front mit den Sozialdemokraten ge­gen die Deutschnationalen aufmarschieren lassen. Der schmale Spalt zwischen den Deutschnationalen und den Mittelparteien insbesondere würde damit zur breiten Kluft auf gerissen worden sein, über die so rasch nicht hätte wieder eine Drücke geschlagen werden können. Die bevorstehenden preußischen Landtagswahlen hätten sicherlich dann unter der gleich falschen Frontstellung geführt wer­den müssen, wie denn überhaupt die ganze po­litische Entwicklung der nächsten 3ahre erneut in das Zeichen der großen Koalition mit den Sozial­demokraten getreten wäre.

Was das politisch und was es vor allem toirt« schasllich bedeutet hätte, ist jedem Kundigen klar, und insbesondere die wirtschaftlichen Kreise, wie sie im Reichsverband der deutschen 3ndustrie zusammengefaßt sind, zeigten für diese inner­politischen Folgen einer Ablehnung der Dawes» gesehe volles Verständnis, als ich in einer der letzten Sitzungen jenes Verbandes auf sie hin- wies. An einer solchen Entwicklung hätten neben den Sozialdemokraten nur gewisse Kreise der De­mokratie und des Zentrums eine reine Freude ge­habt. Was heute bürgerlich denkt, wird es des­halb begrüßen, daß der Reichstagsausgang allen diesen Hoffnungen der Linken ein Ende gemacht hat. Daß die Deutschnationalen so spät in unsere Front einschwenkten, mag taktisch und parteipoli­tisch ein Fehler gewesen sein. Daß sie es überhaupt noch taten, ist ein Verdienst, und daß sie damit auch eine Verantwortung für die Ausfüh­rung der Gesehe übernommen haben und deshalb auch in verantwortlichen R eg ierungs stel­len bei dieser Ausführung mitarbeiten müs­sen, ist im Fnteresse unserer gesamten inner- wie außenpolitischen Entwicklung außerordentlich zu begrüßen. Ob freillch dem Reichstag unter dieser, an sich notwendigen Entwicklung ein langes Leben beschieden sein wird, ist eine Frage für sich Die Sozialdemokratie, die am letzten Sams­tag die Beratung des Zvllgesetzes durch ihre Obstruktion verhindert hat, obgleich diese Verhandlung der deutschen Regierung das nötige Rüstzeug für die demnächstigen Wirtschaftsver- haiü)lungen mit Frankreich und anderen Staaten geben sollte, hat damit deutlich gezeigt, wessen sie aus parteipolitischen Gründen fähig ist, und daß ihr dabei die Fnteressen der deutschen Wirt­schaft, des deutschen Volkes im allgemeinen und der deutschen Arbeiterschaft im besonderen völlig gleichgültig sind. Es wird notwendig sein, daß sich gegenüber solchen Obstruktivnsversuchen der Linken alle bürgerlichen Parteien zu gemein­samer Abwehr zulammenschließen. Die Aus­sichten für die Reichstagstätigkeit im nächsten Winter sind somit auf Kampf gestimmt. Das soll uns aber' nicht abhalten, mit Genugtuung auj die Arbeit der letzten Wochen, und mit Dank für diejenigen, die sie geleistet haben, zurückzu­blicken.

Tleftle's Rindettnetjl, das gib Seinem Rind, ßafl du es liebl

gesicherten Verhältnissen leben zu fönnen. Aber nicht mehr lange sollte er sich des spät errungenen Ruhmes freuen; die Wassersucht quälte ihn, bis er am 11. Oktober 1896 die Augen schloß. Er wurde seinem Wunsche entsprechend unter der Orgel der Stiftskirche zu St. Florran beigeseht, deren gewaltige Klänge zuerst feiner Meister­schaft sich gefügt hatten.

Die Hauptkerle fernes Werkes bilden dre neun Symphonien und drei Messen: ihnen schließen sich eine Anzahl von Werken für Chor und Orgel an. Der Dogen seiner Kompositronen ist wert- gespannt so weit, daß ihm häufig Unüber­sichtlichkeit und Unklarheit zum Vorwurf gemacht worden ist. Es lebt in feinen Kompositionen etwas von dem Geist hochgewölbter sük^eutscher Darockkirchen, deren einheitlicher Daugedanke dem ungeübten Auge hinter der quellenden Phantasie schmückenden Beiwerkes verschwinden mag. wäh­rend der Verständnisvolle gerade den ungeheuren und schwungvollen, feierlich erhabenen Ernst der T-urchführung bewundert. Und wie sich im Deko­rativen jener Kunst ebenso anmutige und zarte, wie heitere und lichte Elemente finden, stellt auch das Werk Druckners nicht etwa einseitig nur die großartige Seite der musischen Kunst dar; wie bei Schubert finden wir Anklänge an ferne öster­reichische Hermat in fublumerten Ländlerwersen, oder einer gewissen gewollten Derbhert des Tons, die neben der Weltabgewandtheit feiner Kon­zeption auch das 3rdische zu fernem Rechte kom­men lassen.

Er ist lange Zeit einer der großen Unver­standenen gewesen, dem Erfolg erst beschieden wurde, als seine Zeit abgelaufen war. DerRach- toelt bleibt nichts, als seinem Genius die so schmerzlich entbehrte Anerkennung durch liebe­volle Veftenkung in sein Schassen darzubringen.