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Erster Blatt

K4- Jahrgang

Montag, 4- August 1924

SWnerNmeiger

General-Anzeiger für Gberhefsen

vnttk «Ad Verlag: vrühl'sche Univerfitätr-Vuch- und Steinöruderei R. Lange in Gießen. Zchriftleitung und Geschäftsstelle: Zchulstrahe 7.

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Nr. W

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Der Beginn derBerhandlungen mit Deutschland

An bem Sag«, an dem vor 10 Jahren die KriogSerllär-ung Englands an Deutschland er» erfolgte, begeben sich die Vertreter des Deut­schen Reiches nach London, um mit den Delegier- ten unserer Kriegsgegner, wie der derzeitige bri­tische Ministerpräsident in feinem Einladungs­schreiben erklärt, die besten Methoden für die Inkraftsetzung des DaweSberichts zu erörtern. Man kann alsv vhne ein Aebermaß ton Phantasie aufzuwenden von dem Beginne der end­lichen Friedens Verhandlungen sprechen Denn was als solche in den 5l/2 Jahren seit Beendi­gung des großen Krieges der Welt und uns dar- S-stellt wurde, waren Zerrbilder und be- uhte Täuschungsversuche. ilnb wie sehr auch die Beratung des Sachverständigenberichtes in den vergangenen 20 Tagen Gefahr lief, in das Fahr­wasser der zahllosen vvrhergegangenen Konfe- ferenzen zu geraten, hat ihr Verlauf bewiesen. Er hat mit einer vorläufigen Einigung der Vertreter der Alliierten auf die Berichte der drei eingesetzten Ausschüsse geendet Die Ernigungsfvrmel. die nicht alle strittigen Punkte umfaßt, ist amtlich m>ch nicht bekanntgegeben worden. Was zur Kenntnis der Oefsentlichkeit kam, erscheint wie wir am Samstag berichten konnten der deut­schen Regierung als Grundlage zu Verhand­lungen geeignet. And was strittig ist, wie die Frage der Beibehaltung französisch-belgischer Eisenbahner, wird sie ebenso ablehnen, wie sie in bezug auf die wirtschaftliche Räumuung des Ruhrgebiets frühere Termine und in bezug auf die Frage der Sachlieferungen und der Darüber­weisungen Wiederherstellung der Frankreich zu­liebe abgeünderten klaren Bestimmungen des Dawesberichts fordern wird. Der Reichsauhen- -mallster Stresemann hat diese Haltung und Stellungnahme der Reichsregierung noch einmal tn seinem Organ, derZeit", unterstreichen lassen. Die größten Schwierigkeiten wird die deutsche Delegation bei der außerhalb der eigentlichen Konferenz erfolgenden Besprechung der Frage der militärischen Räumung des Ruhrgebiets und der Räumung der vertragswidrig be­setzten deutschen Gebietsteile haben. Ihre Hal­tung gegenüber dem Kuhhandel, den Franzosen und Belgier in öiefer Frage sichtbar einleiten wollen, ist bedingt durch Wirtschafilichr, moralische und juristisch« Gründ«. Die deutschen Staatsmänner vertreten hier nicht nur die In­teressen der Ration, sie kämpfen nicht nur für den deutschen Ehrenstandpunkt, sondern auch für die Interessen der Anlllhezeichner und jene am«- rikanisch->englischen Kreise, die so laut erklärt ha­ben, daß ohne völlige Abkehr von den Methoden Poincares auch die Besprechungen der Londoner Konferenz problematisch und wertlos sind. Richt nur das deutsche Volr muh deshalb erwarten, daß seine Vertreter von ihrem in einer Kabinettssihung am Samstag nochmals festgelegten Standpunkt nicht abweichen.

So tritt die Macdonald-Konferenz in ihr entscheidendes Stadium. Richt an Deutschland wird es lieget, ob diese Entscheidung den Beginn der Maßnahmen darstellt, die Europa endlich den Frieden und zwar einen annehmbaren Frieden geben wird. Sondern Frankreich, dessen Ver­treter auch in London wieder sinnloseste Prestige- Politik zu treiben versuchen, trägt die Derantwor- tung und hält den Schlüssel zu dem Tore des Friedens in seiner Hand.

Macdonalds Einladung.

Berlin. 2. Aug. (WTD.) Amtlich. Die Einladung der de itfchen Regierung zur Teilnahme an der Londoner Konferenz ist heute einge­gangen. Sie ist von dem britischen Herrn Ministerpräsidenten dem deutschen Bot­schafter in London am Rachmittag übermittelst worden und telegraphisch am Abend in Berlin eingetroffen. Das Schreiben des britischen Herrn Ministerpräsidenten lautet in de ltscher Aeber- setzung wie folgt:

Als Präsident der jetzt in London ver­sammelten interalliierten Konferenz habe ich die Ehre, Eure Exzellenz za ersuchen, der deut­schen Regierung eine Einlad rng zu übermitteln, Vertreter zu ernennen, u m mit de r Kon­ferenz die besten Methoden für die Inkraftsetzung des Dawesberichts vom 9. April 1924 zu erörtern, den die alliierten Regierungen ihrerseits als ganzes angenommen haben und der von der deutschen Regierung in ihrem Schreiben an die Repara­tionskommission vom 16. April angenommen worden ist. i

Ich wäre dankbar, wenn Eure Exzellenz mir sobald als möglich die Ramen der deutschen Vertreter und den Zeitpunkt ihrer Ankunft mit­teilen würden, di«, wie ich hoffe, nicht später als Montag, den 4. August, erfolgen wird.

gez.: Macdonald."

Die deutsche Regierung hat die Einladung angenommen. Di« deutsche Delegation wird heute vormittag von Berlin abreisen.

Die deutsche Delegation.

Berlin, 2. Aug. (Wolff.) Die deutsche De­legation für die Londoner Konferenz seht sich wie folgt zusammen: Reichskanzler Dr. Marx, Reichsminister des Aeußern Dr. Stresemann, Reichsfinanzminister Dr. Luther, Generalkom­missar der Delegation: Ministerialdirektor von Schu b<r r t, dreizehn Vertreter der deutschen De» hörden und Dureaupersonal.

Erklärungen Herriots.

Pari s, 3. Aug. Ministerpräsident Hernot erklärte dem Londoner Korrespondenten desPe­tit Parisien" in einem Interview, die Verständi­gung auf der Konferenz sei Macdonald zu verdanken. Die Zukunft werd« beweisen, daß die gefaßten Beschlüsse nicht allein den Interessen Großbritanniens entsprechen, sondern geeignet seien, die Sache des Friedens überhaupt mächtig zu fördern. Jetzt müsse Deutschland seine Aufgabe begreifen. Frankreich habe keinen Kuhhandel getrieben, sondern es habe aus eigenem Antriebe eine der Gerechtigkeit entsprechende Auffassung entwickelt, gegründet auf jenen Begriff des schiedsgerichtlichen Der- fahrens, der den Londoner Beschlüssen zugrunde liege und der künftig berufen zu sein scheine, alle diplomatischen Abmachungen zu beherrschen. Er möchte glauben, daß der moralische Gewinn, der sich für Frankreich und die ganze Welt aus diesem Entschluß ergeben werde, die materiellen Vorteile noch überbieten werde, die die Londoner Konferenz ihnen verschaffe.

Vorbereitungen für dre Besprechung mit den deutschen

Vertretern.

Paris, 4. Aug. H a v a s berichtet aus London: Die sechs Delegationsführer treten heute vormittag um 10 Ähr im Downing Street zu einer Sitzung zusammen. Macdonald habe seine Kollegen ersucht, das Verfahren fest­zusehen, das während des zweiten Telles der Konferenz in Anwesenheit der Deutschen be­folgt werden soll. Er hätte die Absicht, vorzw-, schlagen, daß namentlich die Repko sofort mit den Deutschen die Debatte über die in ihr Zuständigkeitsbereich fallenden Fragen aufnehme unter dem Vorbehalt, daß inzwischen England, Frankreich und Deutschland eine Verständi­gung über die wirtschaftliche Räu­mung des Ruhrgebiets erzielen. Rach der gleichen Quelle wird mit der Möglichkeit gerechnet, daß am Rachmittag vor Eintreffen der Deutschen eine Sitzung stattfindet. Man rechnet mit der Rotwendigkeit, vorher ein Ein­verständnis der Alliierten in der Frage der von Belgien und Frankreich zu treffenden Aufsichts­maßnahmen auf den rheinischen Eisen­bahnen herzustellen.

Morgan auf dem Wege nach London.

Paris, 3. August. (WTD.) Der ameri­kanische Bankier Pierpont Morgan ist gestern in Cherbourg eingetroffen. Er wird morgen vormittag in London sein.

Die Haltung der Pariser Presse.

Paris, 3. Aug. In den Betrachtungen der Morgenpresse nimmt die Berufung der Vertreter Deutschlands mindestens den gleichen Raum ein. wie der Gegenstand der interalliierten Verständigung selber.

Der Sonderberichterstatter desQuott- dien" schreibt, Herriot gelang es, den Sach­verständigenplan, den Poincars ohne Vorbe­halt annehmen muhte, zu verbessern und nur ihm konnte es gelingen. Wenn Frankreich zu- künfttg Barzahlungen und Sachlieferungen er­halte, werde es nicht vergessen dürfen, dah es dies zum großen Teil den Bemühungen seiner Vertreter auf der Londoner Konferenz verdanke.

Der Sonderberichterstatter desPetit Journal" schreibt, Frankreich schenkte der Kon­ferenz den Plan der allgemeinen Verständi­gung. Viele Delegierte gäben jetzt zu, dah sie Frankreich großes Anrecht getan hätten als sie ihm mihttauten.

DerFigaro" schreibt, Herriot erklärte, dah er sich glücklich schätze, die Verständigung erzielt zu wissen. Man müsse aber nach dieser ersten Phase der Konferenz feststellen, daß die Interessen Frankreichs überall in letzter Linie von dem Arteil amerikanischer oder neuttaler Schiedsrichter abhängig seien.

DerInttansigeant" sucht das Resultat der Londoner Konferenz, soweit es sich um das Abkommen der Alliierten untereinander han­delt, so zu bewerten, dah er erklärt, es habe sich darum gehandelt, ob Herriot 10 geben werde um 10 zu erhalten. In Wirklichkeit habe er aber 18 gegeben, um 2 zu erhalten.

Hughes in Berlin.

Berlin, 3. Aug. (Wolff.) Der amerikanische Staatssekretär Hughes ist mit seiner Gemahlin heute morgen 7 Ahr auf dem Dcchnhvf Friedrich­straße eingetroffen. Botschaftsrat Robbins ton der hiesigen amerikanischen Botschaft und Le- gationsrat Erdrnannsdorffer vom Auswär­tigen Amt waren bis Köln entgegengefahren. In Berlin wurden sie durch den amerikanischen Bot­schafter, Houghtion. zahlreiche Herren der Bot­

schaft, sowie durch mehrere Herren des Auswär­tigen Amtes empfangen. Staatssekretär Frhr. v. M a l h a n überreichte nach einigen Degrühungs- worten Frau Hughes einen prächtigen Blumen­strauß. Auf dem Bahnsteig und vor dem Bahn­hofsgebäude hatte sich trotz der frühen Morgen­stunde eine zahlreiche Menschenmenge eingefunden.

Staatssekretär Hughes stattete weiter in Begleitung des Botschafters Haught on dem Reichspräsiden t en einen Besuch ab. Am IV2 Ahr fand zu Ehren des Staatssekretärs beim Reichspräsidenten ein Frühstück statt, woran auch der amerikanische Botschafter, der Reichskanzler, die Reichsnllnister und führende Persönlichkeiten des deutschen Wirtschaftslebens mit ihren Damen teilnahmen.

Berlin, 4. Aug. Rach dem gestrigen Früh­stück beim Reichspräsidenten wurde zu Ehren des Staatssekretärs Hughes der Kaffee im Park des Präsidentenpalais eingenommen und hier die zwanglose Anterredung fortgesetzt, die schon bei Tisch sehr lebhaft gewesen war. Staatssekretär Hughes hatte bei dieser Gelegenheit sehr ein­gehende Unterhaltung en mit dem Reichskanzler Dr. Marx und mit Dr. Stresemann. Am Abend fand tn der ame­rikanischen Botschaft ein Empfang statt, zu dem zahlreiche hervorragende Mitglieder der deutschen politischen und wirtschaftlichen Welt eingeladen waren. Hughes bleibt heute noch in Berlin und wird auch Potsdam* besuchen. Am Abend fährt er nach Bremen, von wo er direkt nach Amerika zurückfährt. Für heute vormittag ist ein Emp­fang der Vertreter der Presse durch Staatssekretär Hughes in der amerikanischen Bot­schaft angesagt worden.

Charles Evans Hughes, der heut« 62 Jahre alt ist, ist der Sohr eines nach Amerika eingewanderten englischen Pfarrers. Bis zu fei­nem 43. Jahre war er nichts mehr als ein ange­sehener und viel beschäftigter Anwalt. In jener Zeit hat er auch bereits Europa kennengelernt. Als er aber in dem Riefenpro^ gegen die drei großen Lebensversicherungsgesellschaften in Reu- York als Anwalt des Reuyorker Staaitsparlamcnts mit rücksichtsloser Entschiedenheit die unerhörte Mißwirtschaft aufdeckte, die in diesen großen Be­trieben herrschte, wurde er mit einem Schlage zum berühmten Manne der größten Stadt Ame­rikas. Durch die Reinigung dieses Augiasstalles hatte er sich die Anwartschaft auf den Gouver­neurposten des Staates Reuhork erworben. Am 1. Januar 1907 übernahm er das wichtige Amt. Vier Jahre lang führte er rücksichtslos und un- beeinflußbar den Kampf gegen die Parteimaschi- nenpvlitik, die im Kapitol ton Albany zur Herr­schaft gelangt war. Im Jahre 1910 wurde Hughes durch Tast zum Oberbundesrichter ernannt und damit Inhaber eines Amtes, das eine Festigkeit des Charakters vvraussetzt, die über jeden Zweifel erhaben ist.

Bei den nationalen Wahlen vom Jahre 1912 trug ihm die republikanische Partei, um ihre Spaltung za verhüten, die Kandidatur an. Er lehnte sie ab. Aber im Jahre 1916, in;den kriti­schen Wahlen als Gegner Wilsons, nahm er sie an. Am ein Haar wär« Hughes Präsident ge­worden. Aber Wilson blieb, und Hughes wurde unter Harding Außenminister. Als solcher und mit den Vollmachten des jetzigen Präsidenten Coolidge versehen, kam Hughes zur Londoner Konferenz. ®ie Beteiligung an europäischen Iuristcnkongrefsen dient nur der Verschleiering der politischen Aufgabe. Als Politiker beobachtet und wirtt Hughes arch in Berlin. Bei den Prä­sidentschaftswahlen im Rovember 1916 haben die Deutschamerikaner, wie man sich vielleicht noch erinnert, für Hughes gestimmt, und zwar nicht, wie das Märchen lautete, aus Haß gegen Wilson, der sie verleumdet hatte, sondern weil sie Hughes im Gegensatz »zu Wilson für einen Charakter halten, der, wenn er von Selbst bestimmungs­recht, Friede ohne Sieg und sonstigen ^Punk­ten sprächt, dies auch alles wirklich so meint

Die Witzblätter zeichneten ihn als Sphinx. Persönliche.Gegner verschrien ihn alsEisberg", den kaltherzigen Verstandesmenschen, der schwer oder gar nicht zugänglich sei. Als Politiker hat er schon lange den Ehren-SpitznamenDer Schein­werfer" CSfje Searchlight). Er gilt als der Mann der durchdringenden Vernunft, der sich nur um Tatsachen kümmert und diplomatische Spiegelfech­tereien nicht gelten läßt. Auf seine starke Ini­tiative war es zurückzuführen, daß Amerika sich vom Jahre 1920 ab vollständig von Europa zurück­zog. In allen Fragen, die eine Wiederannäherung der Vereinigten Staaten an Europa betrafen, hat er mehr oder weniger entscheidend eingegriffen.

Immer und immer wieder war es Staats­sekretär Hughes, der den europäischen Regierungen in hochpolitischen Kundgebungen entgegenhielt, sie mühten ein« rücksichtslose Aen de- rung ihrer Politik eintrete n lassen, ehe Amettka wieder an den Geschicken Europas tellnehmen forme. Der Gedanke der internationalen Abrüstungskonferenz stammt von ihm und obwohl er als rücksichtsloser Dekämpfer des Völkerbundsgedankens gilt, hat er es niemals abgelehnt, die Autorität des Völker­bundes in der Frage einer energischen internatio­nalen Abrüstung zu betonen. Wenn schließlich jetzt der Anfang gemacht wird, die amerikanische Politik wiever mit den europäischen Gescheh­nissen in Verbindung zu bringen, so ist das gleich­falls auf den Einfluß desselben amerikanischen Staatssekretär Hughes zurückzuführen, der im Jahre 1920 die Zurückziehung Amerikas von den europäischen Angelegenheiten veranlaßt«.

Dringende wirtschasts- und mittelstandspolitische Zeitfragen lieberLondon" zur inneren Wirtschaftspoli­tik Schutz dem ehrbaren Selbständigen Hemmnisse für höchste Leistung Achtstun­dentag Kapitalwucher Struerrücksichts- losigkeit Reste der Zwangswirtschaft Di«

Die Regierung als Kronzeuge.

Don Senator a. D. Dey t hien , M. d. R.

Cs unterliegt keinem Zweifel, daß unser Dosis- und Staatsinteresse vor allem anderen di« Regelung der wichtigen außenpolitischen Frage erfordert. Von ihr hängt es ab, ob wir innen- und wirtschaftspolitisch eine Dauer versprechend« Gesundung anbahnen können. So wird es auch als, verständlich betrachtet werden, daß die ReichH- rcgicrung im Kampfe um die bestmöglichste Aus­wirkung der Sachverständigengutachten den drän­genden Problemen der Innenpolitik nicht mit jener Aktivität sich widmen kann, welche viele dieser Rot- und Sorgenkomplexe erfordern. Wir sind es gewohnt, aus den einzelnen bedrohten De- rufsschichtcn Aebertreibungen in den Kauf zu nehmen, aber es ist nicht zuviel gesagt, loenn man den vorherrschenden Grundton in den besten Wirtschaftsschichten als so sorgenvoll bezeichnet, wie er seit dem Kriege niemals war. Wenn es auch als ein Akt ausgleichender Gerechtigkeit empfunden werden maq, daß diese Periode mit den leichtfertigen Gründungen aus der Schieber­zeit aufräumt, so faßt das Schicksal, und daneben eine unrichtige Wirtschafts- und Steuerpolitik, nun auch den Fleißigen und Ehrbaren, dessei, gute Schaffensart wir uns nach bester Möglichkeit erhalten müssen. Gar zuviel von diesem Volks­tum ist schon dadurch gänzlich verkümmert, daß sein in treuer langjähriger Arbeit erworbenes Spar^apitak vurch den Währungsverfall unter­gegangen ist, und es bedeutet für Reich, Länder und Gemeinden, die sich von ihren Schulden befreit glauben, keine innere Erleichterung, wenn Lloyd George sie glücklich preist, weil sie 200 Milliarden Goldmark Schulden kos geworden seien. Am diese Riesensumme hat die Gewalt­politik der Feinde den deutschen Fleiß und -Rechtlichkeitssinn betrogen. Wer jetzt einen Aus­blick in unsere wirtschaftliche Zukunft tun will, kann im ganzen nur Mutmaßungen äußern. Rach dem neuen, hoffentlich ehrenvoll erreichbaren Aus­gleich mit unseren Feinden wird sicher eine innen­politische Entspannung und wirtschaftliche De- lebung eintreten. Die Befreiung der Ruhr, die Rückkehr der Gefangenen und Ausgewiesenen, die Wiederaufrichtung der Reichs- und Staatssou­veränität in den abgeschnürten Gebieten wird seelisch erlösend und ökonomisch antreibend wirken. Es ist die gute nicht hoch genug zu bewerten dH Eigenart der deutschen schaffenden Selbständig­keit, daß eigentlich schon das Fühlen des Beginns einer besseren Zeit alle Köpfe und Arme zur neuen höchsten Leistung antreibt, wenn diese Kräfte nicht die Befürchtung hegen müssen, jeden Versuch zur neuen selbstverantwortlichen Betätigung durch wirtschaftsfeindliche Maßnah­men der Regierung unterbunden zu sehen, und hier sei mir gestattet, auf die wichtigste dieser Hemmungen hinzuweisen.

Zunächst ist der Begriff höchste Ar-, beitsteistung unvereinbar mit der gesetz­lichen Drosselung der Arbeitszeit. Gewiß, durch das Arbeitszeitgesetz ist das Dogma vom Achiirunventag durchbrochen, aber doch nur scheinbar. Di« fortwährenden Kämpfe zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern um die Arbeits­zeit zeigen das Anhaltbare des Zustandes. Was nützt dir Institution des Schlichters, wenn, nach­dem die Arbeitgeberschaft zur Annahme des Schlichtungsspruchs nach starker innerer ileber« Windung bereit ist, eure verhetzt« Arbeiterschaft dies« gesetzliche Lösung ablehnt. Di« Auswirkung des Dawes-Gutachtens steht dieser Behand­lung der ArbeitSfrag« kraß feindlich gegen&üer. Deshalb prüften wir mehr als bisher dazu kom­men, uns gesetzgeberisch von diesen Arbeitszeit- und Lohnkämpfen fern zu halten. Sodann wirkt der akute Zu st and der wirtschaftlichen Blutleere in Kürze ruinierend. Der rasend teuere Kredit macht neben den Arbeitszlltschwie- rigleiten unsere Wirtschaft leistungsunfähig. Wenn das Arbeitsprodukt mit einem Kreditzins von 5 und mehr Prozent pro Monat belastet wird, wie soll da der innere Markt, geschweige denn das Ausland unsere Erzeugnisse aufnehmen. Den Ar- fachen des hohen Zinses müßte mehr als es geschieht, nachgegangen werden. Es scheint, als ob hier die Antiwucher-Exekutive, die gegen den Kleinen" so aktiv fein konnte, versagt, aber so einfach ist diese Frage auch nicht zu lösen. Das Dantivesen ist vornehmlich auf teueren auslän­discher Kredit angewiesen, weil das innere deutsche Kapital, soweit es noch vorhanden ist, selbst die Wege sucht, auf denen der größte Vorteil sprießt. Zudem wirkt das WortKein Mensch zahlt" auf viele in dem Sinne übel, daß sie an die Be­zahlung ihrer Verpflichtungen zuletzt denken. Alles das wird anders, wenn das Ausland uns nach Wiederkehr des Vertrauens Goldkredite zu er­träglichen Zinsen gibt, und diese Lösung steht, wenn in London französische Verblendung nicht im letzten Augenblick das ganze Verhandlungs- Porzellan zerschlägt vor der Tür. Es wird aber auch höchste Zeit, Denn dieser Zustand der Um» kehrung aller Grundsätze räumt mit dem ReP gerade der ehrbaren mittleren Selbständigkeit aus

Was soll man dazu sagen, daß die S t e u e r behörden mit einer Rücksichtslosigkeit, die zu dem überhollen Schlendrian in zu schroffem Gegensatz steht, bei der Steuereintreibung dem kleinen und mittleren Betrieb das Letzte zu seiner