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m.m

Drittes Blatt

GiehenerAnzetger (General-Anzeiger für Gderheffen)

Samstag, 5. Mat 1924

Staat und Sozialismus.

Von Dr. Trust Horneffer, a. o. Professor der Philosophie an der ilniDerfität ©teßen.*)

Der deutsche Staat tarn infolge der Niederlage tm Weltkriege nur deshalb zu Fall, weil er schon seit Jahrzehnten von innen her durch die revo­lutionäre Haltung unserer breiten Volksmassen unter wühl! worden war. Das steht außer Frage. 3n dieser Weise von außen und innen gepackt und in drangvolle Mitte genommen, wurde unser Staat zerdrückt. Wahrlich, das alte Preußen- Deutschland kann auf dieses Ende stolz sein, kann auf Grund dieses Schicksals einen erhabenen unb rühmreichen Stolz auch noch im Untergang fühlen. Derrn das Aufgebot der ganzen Welt war er­forderlich, um diesen Staat zu zerschlagen in der Lat ein glänzendes Zeugnis für die einzrge Kunst der Baumeister, die diesen Staat einst er­richtet hatten. Die Kraft der Welt mußte cherbei- gcrufen werden, um diesen selsen'harten Staat zu zermalmen die 'höchste Anerkennung und Aus­zeichnung, welche ihm angedeihen konnte. Eine unvergleichliche Verantwortung hat die soziale Revolution übernommen, als sie diesen Staat langsam aber stetig zersetzte. 3n feiner Weise iwar es ein Musterstaat, ein wrnrderbares Kunstwerk des Menschengeistes, das damit niedergestreckt wurde. Ob unsere revolutionären Kräfte wvhl fühlten, welche Verantwortung sie mit der Zer­störung dieses großartigen Staatsgebildes auf sich luden? Und we'he, wenn sie die hohe, tfaum trag­bare Verantwortung einer fo ungeheuren Unter­nehmung nicht empfunden haben! Das rächende Schicksal rückt heran. Das deutsch? Doll besinnt! sich langsam, zieht die Zerstörer des gesunkenen Staates zur Rechenschaft. Es wälzt ihnen gleich­sam nachträglich die Verantwortung für diese Tat vor die Füße. Können die Träger der Revolution diese Prüfung bestehen?

Mit atemloser Spannung mußte man ab­warten, ob die Sozialdenrokratie, die das Erbe des kaiserlichen Reiches antrat, den Weg zu schöpferi­scher staatlicher Kraft finden, ihre revolutionäre Vergangenheit überwinden und hinter sich lassen werde. Wie schwer und selten es ist, daß, revo­lutionäre Mächte sich aus ihrem revolutionärem Charakter emporarbeiten, aus dem Gerste der Zer­störung zur Kraft gestaltenden Schaffens den Uebergang finden, habe ich angedeutet Wie stellte sich die revolutionäre Demokratie in Deutschland zu dieser Ausgabe? Fünf lange Jahre hat sie Zeit gehabt, diese Umbildung in ihrem Charakter und in ihrem Verhalten vorzunehmen. Sie hat mancherlei Ansätze gemacht, hat hin und wieder einen Anlauf genommen, um eine staatsschöpfe­rische und staatserhaltende Macht zu werden. 3m ganzen aber hat sie sich von ihrer revolutto-^ nären Vergangenheit nicht befreien können. Diese hängt ihr unabst reif bar an. Sie wollte das eine und das andere, nämlich einen neuen Staat auf- richten und doch zugleich die alte revolutionäre Methode des Klasseickampfes, die sie enrporgetra- gen hatte, nicht von sich, tun. Sie wollte sich nicht von dem radikalen Kommunismus, der ihr nachrückte, in der Schärfe des Klassenkampfes übertrumpfen lassen. 3mmer lugte sie nach diesem Erben und Nachfolger ihrer eigenen revolutio­nären Arbeit und Vergangenheit hinüber. Das bannte ihren Blick in eine falsche Richtung. Da­durch vermochte sie den positiven Aufgaben, die ihr durch den Sieg über den alten Staat zu­gefallen waren, nicht gerecht zu werden. Sie er­strebte etwas Unmögliches und Unvereinbares, nämlich den Klassenkampf fortzusetzen und zugleich einen Staat zu gründen und auszugestalten!. Klassenkampf aber und Staat sind unüberbrück­bare Gegensätze. Der Klassenkainpf ist ein treff­liches Werkzeug der Staats Zerstörung, aber nicht des Staats a u f b a u e s und der Staats- b i l d u n g. Denn der Staat steht über den Klassen, er ist die Einheit der mannigfaltigen! Glieder und Gruppen im Vollstum. Wer den Klassenkampf predigt, ist für staatsmännisches Wirken in hohem Sinne verloren. Aus diesem inneren Widerspruche leitet fid), das eigentüm­liche Schwanken der Sozialdemokratie seit Aus­bruch der Revolution her. Sie hat mit chiesem un=

) Obigen kurzen Auszug aus dem Schluß­kapitel des neuen Werkes des bekannten Staats- philosophenDrei Wege Ideen zur deutschen Politik" (R. Oldenbourg, München) schicken wir einer eingehenden Würdigung voraus, weil wir gerade diesen Ausführungen eines dem Partei­getriebe sich bewußt fernhaltenden Politikers für die morgen zu fällende Entscheidung die größte Bedeutung beimessen.

Landwirtschaft und Gartenbau.

Kochsalz und Futterkalk für Milchkühe.

GS ist ja bekannt, daß nicht allein für Kühe, bzw. Milchkühe, die Beifütterung genannter Stoffe vorteilhaft ist, sondern für alle anderen Haus­tiere auch, namentlich zum Aufbau des Körpers für Jungtiere. Es jst aber nicht allgemein be­kannt, daß für Milchkühe die Gaben nur dann vorteilhaft zur Regelung bzw. Besserung der Ver­dauung und Mllchergiebigteit sind, wenn sie prä­zisiert, d. h. in bestimmten Mengen verabreicht werden. Nach Gutdünken diese Stoffe zu geben, ist verkehrt, ja oft schädlich. Die beste Verdau­ung und größte Milchergiebigkett findet bei einer täglichen Gabe von 25 Gramm Kochsalz für eine Milchkuh statt. Steigert man diese Dosis etwa bis zur doppelten Quantität, so tritt eine Ver­minderung der Milchsekretion, vermehrte Wasser­aufnahme und leicht Durchfall ein. Was die Kalkgabe anbelangt, so ist diese nur am vorteil­haftesten bei einer täglichen Gabe von 15 Gramm für eine Milchkuh. Wird sie bis zur doppelten oder dreisachn Menge gesteigert, so tritt eben­falls ein Rückgang in der Milch ein. Dann aber ist die Verwendung dieses Stoffes meiner An­sicht nach am nötigsten, wenn das Rauhfutter (Heu) arm an phosphorscmrem Kall ist. Bei reichlicher Schrotfütterung und gutem Heu ist eine Kalkgabe (phosphorsaurer Kall) unnötig. Zum Schluß bemerke ich, daß 15 Gramm gleich einem abgestrichenen Eßlöffel voll zu bewerten sind. Dieses gilt vom Kochsalz. Dom phosphorsauren Kalk, der nur in gereinigter Form zu geben ist, kann eine 3Dee mehr verabreicht werden.

Tierarzt Ehlers. Soltau i. H.

Kolik bei Pferden und ihre Bekämpfung.

Erne häufig auftretende Erkrankung derPferde ist die Kolik. Ihre Merkmale sind unverkennbar: Das Pferd ist aufgebläht, scharrt mit den Füßen, wirft sich häufig hin, wälzt sich ist unruhig und frißt nichts. In einem solchen Falle muß man vor allen Dingen verhindern, daß sich das Pferd aus dem Rücken wälzt, da dann leicht eine Darm­verschlingung eintreten kann und das Pferd dann meistens geschlachtet werde,, muß.

Gin altes Mittel, das selten seinen Zweck ver­fehlt, ist G 1 a u b e r s a 1 z. Man nehme ein halbes Pfund Glaubersalz, löse es in eine Weinflasche ge- kochten heißen Wassers auf und gebe es dem Pferd ein, aber nicht zu heiß. Dann mache man ein Klistier mit lauwarmem Seifen wasser. Wenn das nicht hilft, gebe man nach einer Stunde noch einmal ein halbes Pfund Glaubersalz, toenn die Anfälle sehr schlimm sind, schon nach einer halben Stunde. Dazu reite oder fahre man das Pferd, daß es in Schweiß gerät.

Das Glaubersalz kann auch pulverisiert in Weizenmehl-Kügelchen eingegeben werden. Man drehe aus Wasser und Weizenmehl flehte Kugeln von der Größe einer halben Männerfaust und ver­teile das halbe Pfund Glaubersalz auf ca. 56 Mehllugeln. Diese werden dem Tier ganz hinten in den Schlund gesteckt, so daß es schlucken maß.

Schrebergärtners Arbeiten im Mai.

Der Frühling, trotzdem er in diesem Jahre fo lange auf sich warten ließ, ist da. Alles neu macht der Mai! Im Obstgarten schwellen

die Blütenknospen. Bei manchen Sorten stehen sie dicht vor dem Ausspringen. Da ist jetzt aus­giebige Bewässerung dringend notwendig, um den Fruchtansatz zu fördern. Namenttich auf etwas hochgelegenen, leicht abtroctnenben Böden ist sol­ches ganz unerläßlich, wlll man nicht zur Zeit der Ernte arg enttäuscht werden. Auch zur wei­teren Entwicklung der Früchte ist viel Wasser erforderlich, so daß eine öftere Zufuhr von Wasser während des ganzen Sommers nur von Virtcil ist. Auch neugepslanzte Bäume sind wiederholt zu wässern. Das Pfropfen bzw. Umprvpfen wird fortgesetzt. Da in der ersten Hälfte des Monats noch in der Regel wiederholt Nachtfröste auf­treten, sind frühblühende Spalierbäume, besonders Pfirsiche und Aprikosen, durch Behängen mit Säcken, Matten ober dergleichen zu schützen. Beim Weinstock ist das Anheften der Reben zu beenden. Die stärksten jungen Triebe wähle man zu Frucht­reben aus, die schwächeren werden entfernt bzw. gekappt. Die Fruchtruten der Himbeeren sind anzubinden. Erdbeeren erfordern ausgiebige Be­wässerung. ihn den Boden vor dem zu raschen Aus trocknen zu schützen, belege man denselben mit Stroh, Lohe oder bergt Während der Obstblüte treibt der Apfelblütenstecher sein Wersen. Man suche ihn mit allen Mitteln zu bekämpfen, ebenso, wie die Raupe des Ringelspinners, die sich an dem jungen Laube gütlich tut. Auch Blattläuse, Blutläuse und Schildläuse sind nach Möglichkeit von den Bäumen sernzuhalten.

Im Gemüsegarten beginnt die Haupt­saat- und Pflanzzeit. Was der Witterung wegen im April nicht getan werden konnte, wird jetzt ungesäumt nachgeholt. Don manchen Aussaaten des April wird jetzt eine zweite vorgenommen, wie z. B. von Erbsen, Karotten, Radies, Spinat usw. Nur fo sichert man sich ehren fortlaufenden Ertrag dieser Gemüse. Die verschiedenen Kohl­arien, Salat, Sellerie, Porree, Tomaten, Zwie­beln, Schalotten werden jetzt gepflanzt. Bohnen legt man in der ersten Hälfte des Monats. Mit Gurken unb Kürbis wartet man besser bis nach den drei Eisheiligen, ba der geringste Nachtfrost diese zarten Gewächse 'unweigerlich vernichten würde. Späte Kartoffeln sind, soweit noch nicht geschehen, möglichst bald in die Erde zu bringen. Bei allen Samen wende man tunlichst die Reihen­saat an und säe sie dünn, daß ein Verziehen später möglichst unterbleiben kann. So reicht man mit knappem Vorrat sehr weit. Die ersten Erbsen werden behäufelt bzw. mit Reisig besteckt. Alles jlntraut ist schon möglichst im Entstehen zu be­kämpfen.

Fragekasten.

Frage 16: Aus meinem vergrößerten Garten soll ein Teil der ilnEoften durch Gemüseverkauf gedeckt werden. Was ist am einträglichsten für den Markt? 1

Antwort: Wir taten Ihnen zum Massen­anbau von Buschbohnen und Erbsen. Lohnender Absatz ist hierfür immer vorhanden, und was etwa nicht grün geerntet werden kann, läßt man reif werden undoertauft es in trockenem Zustande. Von Bohnen hat sich hierfür besonders HrnrrchS weiße fadenlose, von Erbsen Buchs bäum Schnabel, 30 Zentimeter hoch werdend, bewährt.

Übler Mundgeruch

wirkt abstoßend. Häßlich gefärbte Zähne entstellen bai schönste Antlitz. Beide Übel werden sofort tn vollkonnnen unschädlicher Weise beseitigt durch Zahnpaste Chlorodont.

klaren Schwanken kostbare, imtoieberbring 1 iche Jahre verstreichen lassen.

Es schien, als ob endlich die revolutionäre Partei, welche den alten Staat gestürzt hatte und seitdem aus einem unklaren Schwanken nicht her­ausgelangt war, den entscheidenden Durchbruch unb Uebergang zu staatsbildender Kraft unb Arbeit finden würde. Allerdings nur unter einem namenlosen Druck, was schon bedenklich war. Denn nur die freiwillig aus innerer Reber» zeugung hervorgehenden Handlungen pflegen Be­stand au haben. Was aus einer Zwangslage her- ajggequält wird, zeigt meist keine Dauer und Folgerichtigkeit. Die Franzosen waren ins Ruhr­gebiet eingebrochen, hatten dort eine grauenvolle Gewaltherrschaft ausgerichtet, hatten damit den furchtbaren Vernichtungsschlag gegen die deutsche Wirtschaft geführt. Der mutvoll und begeistert aufgenommene Widerstand mußte, m die Länge grzc gen, das Mnglücf qualvoll vergrößern. Die Not stieg aufs höchste. In diesem unheimlichen Augenblick entschloß sich endlich die Sozialdemo­kratie mit den übrigen Dollsteilen gemeinsam, auch mit jenen Schichten zusammen, die das wirt­schaftliche Unternehmertum, den vielgeschmähten Kaprtalismus zu vertreten im Rufe stehen, eine einheitliche Regierung zu bilden. In biefem schwe­ren, feit dem Kriegsende schwersten Augenblick tatlos beiseite zu stehen, glaubte die Sozial­demokratie nicht verantworten zu können. Sie trat tn die Koalition ein, und einen kurzen Augen­blick ging es wie ein Aufatmen durch die Natron: nun werde endlich die verbundene Kraft der ver° schudenen Volksschichten, durch die eiserne Rot zusammengeschmredet, den deutschen Staat aus dieser Not 'heraussteuern und em neues, gefestigtes Staatswesen aufbauen. Aber der Fluch der Ver- gangen'ßeit wer immer nur verneinen und.zer­stören muß, auf dem ruht ein bunfler .Fluch brach von neuem über die sozialistische Partei 'herein. Sie schreckte vor ihrem eigenen Mut zu­rück. Sie gab ein wahrhaft erschütterndes Schau­spiel inneren Zwiespaltes unb innerer Ohnmacht. Sie ist eingetielen in die Koalition unb ausge­treten und wieder emgetreten unb wieder aus­getreten. Wahrlich, smnfälliger konnte sie ihre Haltlosigkeit nicht offenbaren. Durch diese ziel­lose Schwäche bat die revolutionäre Partei für irnmir ihre Unfähigkeit bewiesen, den revolutio­nären Charakter abzustreifen und sich zu einer staatsbildenden Kraft emporzuringen. Unb so wiederholt sich hier das oft erlebte Schauspiel, das ich soeben beschrieb, nämlich daß die Revolu­tionen so tief entt-lrschen, weil die revolutionären Mächte nicht den Weg zur schöpferischen Lebens­anschauung und Staatsgestaltung finden können.

Dieser Dorgang im deutschen Staatsleben muß nun sehr bedeutsame Folgen und Auswirkungen 'haben. Nun geht notwendig die geschichtliche Aus­gabe auf die vechtsste'henden Kräfte, die diel Träger der Ueberlieferung sind, über. Nun müssen diese das Staatssteuer ergreifen, die Neuordnung und den Umbau des Staates ausführen die Aufgabe, welche die Revolutionäre wegen ihrer negativen Haltung versäumten, ihrerseits vollbringen. Jetzt, denke ich, wird man erkennen, wie entscheidend die jüngsten politischen Dorgänge gewesen sind, die den geschichtlichen Verzicht der revolutionären Partei an der Zukunftsgestaltung des deutschen Staates bedeuten. Seit der Revolution ist dieses Ereignis in der inneren Politik das folgenschwerste. Hetzt muß die Nation die Antwort auf .die Revo­lution geben. Jetzt tritt die Rückwirkung ein wider den Ansturm auf den überkommenen Staat. Was wir bisher erlebten, war der erste Akt 'der Revo­lution. Jetzt beginnt der zweite Akt. Auf jede Revolution folgt eine Reaktion. Diese Reaktion ist bei uns mächtig tm Anzuge, erobert immer weitere Kreise. Nachdem die Revolutionäre ihren Beruf verfehlt haben, ihrer geschichtlichen Sendung untreu geworden sind, fällt nunmehr unausbleib­lich ihre Aufgabe den Gegnern zu, welche sich rüsten sie abzulösen und die Macht im Staate wieder an sich zu reißen. >

Nur eins ist zu bedenken, für eins ist Sorge zu tragen und das ist nunmehr die große Verantwortung der rechtsstehenden politischen Kräfte in unserem Voll daß sie, wenn sie die verlorene Macht wieder gewinnen, dann auch, wirklich das tun und ausführen, was die Revo­lutionäre ihnen als ungelöste Aufgabe überlassen 'Haben, nämlich den Neubau und Ausbau deS Staates in verjüngtem Geist zu vollziehen, nach Zielen und Ideen, die der Gegenwart und.ihrem Wesen Genüge leisten. Andernfalls laden sie eine noch größere Schuld auf sich als die Nevolutio- näre, welche den alten Staat zerschlugen und keine.» Ersah, keine befriedigende Nachfolgerschaft für den zertrümmerten Staat zu schaffen mußten.

Verlangt die guten

CALMON

Hanfa-Gununiabfatze

Sonntag-Abend.

Don F. R e h n e l t.

Am Gartenhaus am Waldessaum Dlühn blau die ersten Veilchen. Aus einer Bank am Kirschenbaum Träum gern ich dann ein Weilchen Wenn in dem abendstillen Wald Von fernerer ein Lied verhallt. In feierlichem Schweigen «Sich leis die Wipfel neigen.

Wenn dann der Sonnenuntergang Die Flur in Purpur taucht, Wird voll das Herz mit heißem Dank älnd von den Lippen haucht Ein still Gebet, es steigt empor Vereint zu hohem vollem Chor Don allen, die empfunden Tief solche Feierstunden.

Wohnungskultur.

Don Will Rinne-Varel.

Am Campanile Givttos in Florenz firtb neben den sieben Sakramenten die Wissenschaften unb Künste symbolisch dargestellt. Ein schöner Beweis, daß im Mittelalter bei aller Angst um das Seelenheil die Ehrfurcht vor den Denkern unb Dichtern und Künstlern lebendig war. Trotz aller kirchlichen Einengungen war eben der Wille zur Schönheit zu mächtig, nicht unterdrückbar das Stieben, durch den Sieg der Freude das Leben zu vergolden. In der Einrichtung der Häuslich­keit vor allem erhielt dieses Wollen klarsten Aus­druck, fand die schillernde Fläche des Lebens frohe Beachtung, gestaltete der schönheitsempsindende Mensch die Umtoett zum richtigen Rahmen für feine Persönlichkeit.

Die hoffnungsvollen Ansätze zur Wohnungs­kultur, die sich in unferem Volke als Ausdruck ästhetischer Sehnsucht zeigten, sind leider durch den Sturm des Krieges, durch die Unruhe der Nachkriegstage und besonders durch die Hatz der Inflationszeit in ihrer Entwicklung gehemmt, toenn nicht gar vernichtet worden. Nur klare Erkenntnis des Notwendigen und Möglichen und zielbewußte Arbeit tonnen die Freude am schö­nen Raum wieder zum allgemeinen Volksgut wer­den (assen.

Schöne Gegenstände fassen sich nicht nach- ahmen, sie lassen sich nur schaffen. Schassen für jeden Stand, seiner Art und seinem Zweck ent­sprechend. Diese Selbstverständlichkeit ist in den letzten Jahrzehnten nur zu oft vergessen unb durch marktschreierische Reklame verdunkelt worden. Die Industrie warf Massenartikel auf den Markt, versuchte schlecht und billig nachzumachen, was nur gut unb teuer entstehen kann. Es waren Fälschungen, die das Wohlbehagen störten, weil sie minderwertigem Material den Schein des Wertvotterr aufbrücken wollten, die den Geschmack verletzten, weil sie durch Dutzendware ehrliche Meisterarbeit zu verdrängen beabsichtigten.

Wer sich neu einrichtet, sollte Größe und Form der wichtigsten Möbel mit seiner Persön­lichkeit in Einklang bringen. Sein Charakter, seine Beschäftigung, selbst seine äußere Erscheinung muß mit den Dingen seiner Umgebung unb seines täglichen Gebrauchs harmonieren. Sie gehören zu seiner äußeren Person wie die Kenntnisse zu seinem inneren Wesen. Ohne diese Einheit vvir Persönlichkeit unb Sache streuen die Dinge Freud­losigkeit um sich, stören die stillselige Zufrieden­heit, das bescheidene Behaglichsein, die beide aus geschmackvoller Harmonie des Lebens entspringen. Die Märchenbich ter und die Kinder haben nur zu recht: nichts ist unbeseelt, und die Stimmung beschaulicher Htunden hängt in stärkerem Maße

von den Gesichtern ab, mit denen uns der Haus­rat betrachtet, als der moderne Mensch es wahr­haben tojll.

Neid und Sucht, vor anderen zu glänzen, ließen Surrogate entstehen. Wer damit vorlieb nimmt, täuscht sich selbst, indem er anderen etwa» dorspiegeln will. Don solchem Irrtum müssen wir uns wieder befreien. Nur Echtes sollte in unseren Räumen Platz finden. Für jeden Gegen­stand eignet sich ein Material am besten, nur durch Verwendung dieses Stoffes ist künstlerische Wahrheit auszudrücken. Sobald das charatteri- stssche Aussehen eines Stoffes künstlich hervor­gerufen wird, sobald sich ein Ding maskiert, um einen vornehmeren Eindruck zu machen, wird es ein Mittel der Blendung. Für einen Menschen von Geschmack und Kultur kann es darum nur heißen: Weg mit dem Täuschungsstil unb seiner falschen Pracht, seiner fasschen Gemütlichkeit, feiner falschen Vornehmheit, seiner verlogenen Billigkeit.

Halte auf Treue und gewissenhafte Aus­führung, auf Vollendung unb Wohlgefälligkeit", mahnt Ruskin. Unb gerade die liebevolle Arbeit an den Möbeln, die verständnisvolle Formung in geistiger Muße und die kunstgewerbliche Mei» flerbeßanblung des Materials zu vorbedachtem Zweck, ist unerläßliche Voraussetzung für das Schaffen einer Häuslichkeit voll Schönheit unb Wärme und Zufriedenheit und Behaglichkeit. Diese Sorgfalt tm kleinsten ist das Kennzeichen des ernstlich arbeitenden Meisters, der jedem Dinge Leben gibt, weil er aus lebensvoller Schöpferkraft schifft.

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Emil ©edel f.

Emil ßedcl ist vor einigen Tagen in feiner badischen Heimat einem schweren Leiden erlegen, das ihn schon feit längerer Zeit seiner Arbeit ent­zogen hatte. Mit ihm verliert die deutsche Rechts­

wissenschaft einen ihrer ausgezeichnetsten Ver­treter Seckel, ein geborener Heidelberger, hatte sich im Jahre 1895, einunbbreißig Jahre alt, in Berlin als Privatdozent habilitiert, unb war dann, im Gegenteil zu der regelmäßigen Derufs- laufbahn deutscher Gelehrter, als Lehrer unb For­scher ausschließlich in Berlin tätig, wo er 1898 zum außerordentlichen, 1901 zum orbentlichen Professor ernannt wurde. Sein Feld war das römische Recht unb dessen Entwicklung im Mittelalter, daneben das kanonische Recht. Er verfügte über ein Wissen von außerordentlichem Umfang und eine lebendige Anschauung nicht nur der Rechts­kultur, sondern der gesamten geistigen Entwick­lung und der wirtschaftlichen Zusammenhänge. Aber es ist auffällig, daß dieser ungewöhnliche Kopf so gut tme nichts in zusammenhängender Darstellung verössentlicht hat. Merkwürdige Hem­mungen müssen das verhindert haben. Er arbeitete langsam. Das Produtt seiner Arbeit war voll­endet. Eine große Reihe von Ginzelabhanblungen hat er zu Sammelwerken, Lexiken und Festschriften beigefteuert, die bekannte Ausgabe der Institu­tionen des Gajus mit Kübler zusammen geschaffen, bas Kirchenrecht feines Schwiegervaters Hin- schius neu bearbeitet. Seine 1911 veröffentlichte Arbeit Über dieDistinctiones glossatorum" ver­wertet die zahlreichen Funde seiner Handschriften­forschung, unb über die Rechtssammlungen (Kapi­tularien) des Denedictus Levita unb die Pseudo- isidorische Dekretalien hat er eindringliche Unter­suchungen angestellt. Im Hahre 1912 wählte ihn die Berliner Akademie der Wissenschaften zu ihrem Mitglied, der von Juristen damals nur Heinrich Brunner angehörte. 1920 war er Rektor der Berliner Hniberfttät. Eine unvergleichliche Beherrschung eines wichtigen Gebietes der Rechts entwicklung wird mit ihm zu Grabe ge­tragen.