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Vrvck vnd Verlag: vrühl'fche Unlverfitätr-Vuch' und Steinörtiderti R. Lanze in Gießen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Schnlstrahe 7.

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M. 104

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Erstes Blatt 174- Jahrgang Samstag, 3. Mai: w,

GiehenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhesten

die Arbeiter, die sich von morgen ab weigern, die Ach-tstundenschicht zu verfah-.'en. nicht mehr zur Arbeit zu zu lassen.

Der Barg» und Hüttenmännische Verein teilt mit, daß der Schiedsspruch über die Arbeitszeit im vbers chle sischen Steinkohlenberg­bau, der die bisherige Arbeitszeit für die fol­genden vier Monate festgrlegt, im AeichKarbeits- Ministerium für verbindlich erklärt tocr-, den ist.

gum 75. Geburtstag des Fürsten Bülow.

Berlin. 2. Mai. (WB.) Der Reichs­kanzler sandte an den Fürsten Bülow In Rom, Billa Malta, fvlgerches Telegramm: ®a?r Durch­laucht spreche ich namens der Reichsregierung die aufrichtigsten Glückwünsche zur Vollendung des 75. Lebensjahres. Dankbar gedenkt das deut­sche Volk morgen Ihrer als Staatsmann, der mehr als ein Jahrzehnt die Politik des Reichs mit sicherer Hand geführt hat und selbstlos die schwierig st e Aufgabe der deutschen Diplomatie übernahm, als mehrere Jahre nach dem Ausscheiden Eurer Durchlaucht aus dem Amt das schwerste Geschick unser Vaterland traf. Unerlöschbar bucht die deutsche Geschichte Lchr Wirken. Sie haben als Reichskanzler das deutsche Volt geführt, als es auf der 'Höhe seires Glückes stand. Möge es Eurer Durchlaucht be- schieden sein, noch seinen A u f st i e g aus tiefster Rot zu sehen.

Der preußische Ministerpräsident Braun sandte dein Fürsten Bülow folaendes

Glückwunschtelegramm: $u Ihrem 75. Geburts- tage übersende ich Ihnen. zugleich namens des preußischen Staatsmin.steriums, aufrichtig« Glück­wünsche im Gedenken an Ihre langjährige, ver­dienstvolle Tätigkeit als preußischer Mi­ni st e rp r äs iden t. 1

Die Darmstädter Regierung undGroßhessen".

Darmstadt, 3. Mai. (Priv.-Tel.) Aus die Erwiderung derDarmstädter Zeitung" zur An- klage des früheren preußischen Ministers Heine erwidert der Landtagsabg. Kindt, daß er seine Angaben über die Absicht der Bildung eines G r o ß h e s s e n s" hinter dem Rücken der preu­ßischen Regierung voll und ganz aufrecht- e r halte, da erst durch die Veröffentlichungen Heines diese Tatsache festgestellt wurde, während her Staatspräsident llllrich in der Sitzung des Landtags nur die damaligen unbestimmten Zei­tungsnachrichten zurückwies.

Ein Opfer des Wahlkampfes.

Berlin, 2. Mai. (WTB.) 3n der letzten Rächt wurde in Köpenick der Arbeiter Gädtke, der eine Gruppe junger Männer beim Ankleben von Hakenkreuzzetteln überraschte und deshalb zur Rede stellte, erschossen. Als Täter wurde nunmehr der 24jährige, aus Hannover gebürtige Kaufmann Karl Tepe ermittelt; er gab zu, den verhängnisvollen Schuh abgefeuert zu haben, um Gädtke. der auf ihn eingesprungen sei, von sich abzuwehren.

sagen.

Zu

mge Aussicht auf eine deutsche Befreiung dem Hoch von Versailles.

von

Das Ende der Wahlschlacht.

Dr. Stresemann begründet seine Reparationspolitik. - Reichs­kanzler Dr. Marx appelliert an die Vernunft der Wähler.

Der Rassenkampf in Südafrika.

älnser augenblicklicher Roman »Die Spur des Dschingis-Khcur" hat in unserer Leserschaft leb­haftes Interesse erregt, ohne daß vielleicht die Meisten eine Verwirklichung der dort darg.'legten phantastischen Ideen für möglich gehalten hätten. Ern uns von geschätzter Seite zur Verfügung ge­stellter Brief eines Deutsch-Afrikaners zeigt, daß wenigstens die politischen Seiten unseres Zukunftsromanes drüben in Afrika beginnen, ak­tuell zu werden. Der Brief flammt au8 der Feder eines Mannes, der mehr als 30 Jahre In Trans­vaal lebt und, wenn er auch sein Deutschtum treu bewahrt hat, sich den sicheren politischen Instinkt des Engländers und dessen weiten Blick für große polrt.fchc Zusammenhänge ungeeignet hat. Der Drirsschreiber ist erfüllt von der Sorge um das Schicksal der weißen Rasse In dem immer unmittel­barer drohenden Kampfe mit den Schwarzen und Gelben. Für uns Deutsche besonders interessant erscheint die Rolle, die die Inder neuerdings In Südafrika zu spielen beginnen. Unfer Ge­währsmann schreibt darüber:Wenn man auf­merksam den Bestrebungen der farbigen Rasse nachgeht, muß man zu der einzigen Schlußfolge­rung kommen, daß sie sich nicht mehr mit ihrer bisherigen Rolle begnügen wollen, sondern die gleiche Stufe mit den Weißen anstreben. Daß die Annäherung zwischen Stämmen, ja ganzen Län­dern stattiindet, still, unmerklich aber tvtsicher mit der Spitze gegen den Weißen, ist Tatsache. Wir haben ja hier in Südafrika dafür die beub lichsten Beweise in den Indern. Sie wurden in früheren Jahren als Arbeiter auf den Ratal- fchen Zuckerplantagen eingefüh.ck. Sie haben es aber in kurzer Zeit verstanden, ganz bedeutende Und sehr reiche Handelshäuser aufzuweisen. Das Land ist verpestet von ihnen. Das Aergste ist, daß sie jetzt Gleichberechiigung mit den Weißen fordern, frech und herausfordernd werden, f> daß wir mit ihnen noch große Schwierigkeiten zu er­warten haben werden. Dabei werden sie direkt von Indien unterstützt, aufgereizt und zum Kamps aufgeflachelt. Wir haben z. D. hier eine 3n- fcierin, welche von den Indern (sie kommt soeben von Indien) auf beflaggten und geschmückten Bahnstationen durch Empfänge, Adressen ufw. lebhaft gefeiert wird. Sie hielt unter anderem tn Johannisburg vor tausenden dort wohnhaften Indiern eine große Versammlung ab, in der sie ihren Landsleuten empfahl, nie und nimmer nach­zugeben, bis sie die Gleichberechtigung mit den Weißen erreicht hätten. Sie verkündigt, daß Afrika nicht den Weißen,, sondern den farbigen Rassen gehört, womit sie natürlich unseren schwar­zen Eingeborenen, die ohnedies durch amerikani che Reger, die herüber kommen, schon gegen die Weißen aufgehetzt werden, als Bundesgenossen ein fangen will. Sie stellte der südafri.anifchen bzw. der britischen Regierung folgendes Ulti­matum: entweder Gleichberechtigung der Inder innerhalb des Empire oder Verweigerung btr Gleichberechtigung, worauf dann Indien aus dem Empire ausfcheiden werde. Sie stellte fest, daß sie ganz Indien hinter sich habe."

Der Driefschreiber führt gewiß nicht mit Llnrecht auf diese bed.vhliche Lage innerhalb des britischen Reiches die in der europäischen Politik so scharf zutage tretende gänzliche Hilfs» losigkeit Englands zurück. Man erwartet drüben in Kürze eine kriegerische Auseinandrsetzung zwi­schen England und Frankreich. Der kommende Krieg scheint Tagesgespräch ?u fein. Die Buren, die noch immer mit Deutschland sympathisieren, erörtern, w^che Stellung Deutschland zwischen den beiden Kontrahm.ten einnehmen wird. Man sieht drüben in einer richtigen Stellungnahme in diesem unvermeidlich scheinenden Kriege die ein»

Mn letzter Appell des Reichskanzlers.

Berlin, 2. Mai. (WTB.) Der Reichs- kanzler gewährte dem Vertreter derGermania" eine Untcrreöung, in der er etwa folgendes aus­führte: Das ganze deutsche Volk ist sich im Innersten darüber einig und klar, daß wir nach wie vor unsere gesamte Kraft dafür einsehen müssen, das Werk der Gesundung unserer Wirt­schaft und unserer Finanzen zu schützen, daß alles niedergehalten und abgewehrt werden muß, was die Erhaltung unserer Währung und das Wiederaufleben unserer W rtschaft beeinträchtigt. Das ist nach meiner äleverzeugung der Grund, warum ein sachlicher Wahlkampf so gut wie gar nicht ausgefochten wurde. Mit Bedauern muß ich feststellen, daß kaum je ein Wahllampf in Deutschland innerlich so unwahr und unwahr­haftig, so llein und gehässig gewesen ist wie dieser, der jetzt am 4. Mai seinen Abschluß findet. 3n allen Wahlreden, die gehalten und in allen Wahlartikeln, die geschrieben worden sind, konnte ich auch nicht einmal feststellen, daß dem deutschen Volke eia anderer Weg zur Rettung und in die Freiheit gewiesen worden wäre, als der Weg, den die Reichsregierung pflichtbewußt gegangen ist und den nach meiner tiefsten Tleberzeugung das deutsche Volk weiter gehen muß, wenn es nicht auch das letzte, das ihm geblieben ist, aufs Spiel fetzen wlll.

3n letzter Stunde noch möchte ich das deutsche Volk an seine hohe Pflicht erinnern, am 4. Mai alle kleinen Sonderinteressen, die in der er­schreckend großen Zahl der KreiSwahlvor- schlage einen beschämenden Ausdruck gefun­den haben, zurückzustellen und nur nach den großen Gesichtspunkten, um di« am 4. Mai ge­stritten werden soll, ihre Stimme abzugeben.

Der wählt nicht deutsch, der sich am 4. Mai durch die Aufwertungssrage, den Beamtenabbau oder den Steuerdruck bestimmen läßt: nur der wählt deutsch, der bei feiner Stimmabgabe sich bewußt ist, daß es um die Rettung des Vater­landes und um den Wiederaufstieg unseres Volkes geht. Wer am 4. Mai feine Wahlpflicht nicht erfüllt, handelt wie ein Deserteur, der von der Schlacht feige zurückweicht. Wer am 4. Mai durch seine Schuld nicht wählt, Vergebt sich aufs allerschwerste an seinem Volke und seinem Daterlande und ist nicht wert, ein Deutscher zu sein. Gerade weil die extremen Parteien rechts und links alle ihre Wähler in das Wahllokal treiben werden, darum ist es drin­gend not, daß auch die Mittelparteien, wenn nicht zu 103 Prozent, so doch zu 93 Prozent ver­nünftige Deutsche an die Urne bringen; geschieht das, bann besteht die sichere Gewähr, daß Deutsch­land nicht neuen schweren Erschütterungen aus­gesetzt wird und das Werk der Rettung und der Wiederaufsti.'g unseres Volkes in Ordnung und Ruhe fortgefuhrt werden kann.

Stuttgart, 2. Mai. (WTB.) In einer Wählerversammlung sprach Äeichsminister des Aeußern Dr. Stresemann über die Sachverstän­digengutachten. Das Schwerste darin bilde, daß die Erträgnisse der Reichseisenbahn für die Reparationen hasten und daß hie Reichseisen­bahn eine internationale Gesellschaft werden solle. Man habe in diesem Punkte nach- gegeben, weil man verhindern möchte, daß deutsche Provinzen weiter ausgesaugt würden. Ein wei­terer schwerwiegender Punkt sei die Errichtung der Währungsbank an Stelle der alten Reichsbanb Bisher habe man Deutschland vor­geworfen, daß es nicht zahlen wolle. Dem gegenüber besage das Sachverständigengutachten, daß Deutschland nicht zugemutet werden könne, im Jahre 1924/25 auch nur einen Pfennig #u zahlen. Deutschland müsse ein dreijähriges Moratorium haben und müsse finanziell in Ordnung kommen, ehe es Leistungen übernehme. Damit falle die ganze Ruhrpolitik Poincarös. Die Sachverständigen wollten Deutschland eine internationale Anleihe verschaffen. Die Kreditnot lähme heutzutage das ganze Geschäfts­leben. Wenn uns da durch eine internationale Anleihe Mittel zuflössen, so wäre es in der Lage, in der wir uns befinden, der größte Dummstolz, nicht das Geld zu nehmen, das wir bekommen unten.

England und Amerika müßten finanziell an uns intereflierl werde», denn daraus ent­springe auch das Interesse daran, daß wir

Arbeit hatten.

Was wir vor allem brauchten, sei gerade die Interessiertheit der Länder an unserem Wieder­aufstieg. Andere Mittel sehe er nicht. In den Darlegungen der Sachverständigen sei auch der fundamentale Satz, die Summen, die Deutschland in den einzelnen Jahren zu zahlen habe, ent­hielten in sich alle Verpflichtungen Deutschlands, so daß irgendwelche Orgarrbfotionen, die andere Mächte in Deutschland unterhalten, auf deren Kosten gingen. Das bedeute, daß in Zukunft die Mili nkontrollk ommisf tonen von denMächten bezahlt werden mühten, denen sie angehörten und daß dieReparativnSab- gabe an England wegfiele und daß auch die Besatzungskosten von den besehenden Mäch­ten bezahlt würden. Das französische Voll, das gewohnt sei, von seinen Renten zu leben, werde keine Lust haben, die Desatzungskosten aus seinem Budget aufzubringen. Der Kernpunkt bei der Reuregelung der Dinge fei die Bestimmung be­züglich der Uebertragung der deutschen Guthaben, die nur erfolgen dürfe, wenn da­durch die deutsche Währung und Wirtschaft nicht erschüttert werde. So sehe man hier zum ersten Male den Gedanken:

Ein Land kann nur zahlen, wenn es feine Währung dadurch nicht ruiniert, wenn es einen Exportüberschuß hat.

Diese Bestimmung habe die Regierung als das Wesentliche angesehen. Darin tag auch die Mög­lichkeit, zu einer Verständigung zu kommen Der Minister ging dann auf die politische Seite «des Gutachtens ein. Das Gutachten setze die Wieder­herstellung der deutschen Derwaltungshoh.it vor­aus. Die Ruhr- und Rhttnbahnen müßten wieder uns gehören und das sei wichtig, da mehr als ein Viertel des Sifenbah nüberschusses von den Eisenbahnen stammt, die h e u t e P o i n - car 6 in bet Hand habe. Freilich bekämpfe niemand metjr das Gutachten als die französische Presse. Aber die weltwirtschaftliche interessierten Rationen wenden sich gegen Frankreichs und des­halb müßten wir uns freuen, wenn die >welt-

Die Bergarbeiter lehnen Mehrarbeit ab.

Essen, 2. Mai. (WB.) Der Verband der Dergarb-iter Drntst>la tNJ >er Grwe k e e n christ icher Berg rb ite Deutschlands, tie folm che Bei.ufsvercinigung und v.r Hrr^-Lu rckerfche Ge- Gewerkoerein (Abteilung Bergarbeiter) erlassen einen Aufruf an die Bergarbeiter des Ruhr­reviers, worin erklärt wird, daß der Schieds­spruch betr. ikberarbeit und Manteltarif von den vier Teaa beiferverbän^en abgelehnt werde. Die Ablehnung werde damit b gründet, daß die Einstellung b:r Tergdauunternehmer an i- svzial und arbeiterfeindlich sei. Die Unternehmer im Ruhr berg bau hätten den Schiedsspruch vom 23. April, ter eine Lohnerhöhung um 15 Prozent vorsieht, abgelehnt. Der Schieds­spruch über die Festsetzung der Arbeitszeit un.er Tage hebe die Festsetzung der Arbeitszeit unter und setze eine 8°Stundenschicht unter Tage fest, außerdem dehne er diese Verlängerung der Ar­beitszeit bis zum 1. Rovember aus. Das Mühlen die Bergarbeiter entschieden ablehnen, sie hielten grundsätzlich an der 7stündigen Schicht unter Tage fest. Die für den rheinisch-westfälischen Bergbau gültige Arbeitszeit betrage für Arbeiter an er Sage sieben und für Arbeiter über Tage acht Stunden. Diese Schichtzeit sei für die Dauer eines tariflosen Zustandes maßgebend und müsse eingehalten werden. Reue Verhandlungen fin­den morgen in Hagen statt.

Rach Ablehnung des Schiedsspruchs haben ttuf einer Reihe von Zechenanlagen im Rul>r- bezirk die Belegschaften nach sieben Stunden d i e Ausfahrt erzwungen. Auf anberen Zechen sind die Arbeiter untätig in der Grube verblieben. Der Sechen verband faßte darauf den Beschluß,

wirtschaftlich interessierten Völler uns zu Hilfe kämen. Das Allerwichtigste sei das Selbst- interesse der anderen Völker daran, daß Deutschland nicht zu Grunde gehe und daß Frankreich nicht zu groß werde. Jetzt wolle man Deutschland auf die Beine stellen, weil man es brauche in seiner Konsumkraft. Rachdem wir gerufen haben nach einem Gutachten der Sach­verständigen und nachdem Amerika leinen früheren Standpunkt aufgegeben habe, sich nicht in euro­päische Dinge zu mischen, sei eZ unmöglich ge­wesen, zu dem Sachverständigengutachten Rein

Wäge und wähle!

Am Sonntag soll das souveräne Boll mit dem Stimmzettel in der Hand entscheiden, wem es in Zukunft sein Geschick anvertrauen will. Ein sechswöchentlicher Wahlkampf in einer von außen- wie innenpolitischen Span­nungen übersättigten Zeit hat alle politischen Leidenschaften bis zum Sieden angefachl. 3n Schrift und Wort, mit ungezahlten Flugblät­tern, in täglichen Redeschlachten haben die Parteien um die Seele des Wählers gerungen. Für eine gesunde, innerpolitische Entwicklung ist dieser Wahlkampf gewiß nicht günstig ge­wesen. Parteifanatismus, demagogisch eng­stirnige Wahlpropaganda haben alles dazu getan, daß man sich noch weiter auseinander­redete, als man vor sechs Wochen schon war. Vorhandene Gegensätze sind tief in das Boll hineingetragen, in unverantwortlicher Kurz­sichtigkeit verbreitert und vergiftet. Reue Ge­gensätze sind geschaffen. Alles das zu einer Zeit, wo ein außenpolitisches Ereignis ersten Ranges ein einiges Volk hinter einer mann­haft entschlossenen Regierung erfordert hätte.

Aber gerade die Gutachten der alli­ierten Sachverständigen haben diesen Kampf nur noch verschärft. Die Rotwendigkeit einet Stellungnahme, zu der die außenpolitische Lage die Reichsregierung zwang, nähmen die Parteien der Opposition zum Anlaß, den Ent­schluß des Reichskabinetts in die Wahlpolemik mit einzubeziehen. Die Gutachten selbst wur­den zum Zankapfel der Parteien. Zur Ver­teidigung ihrer Stellungnahme griffen die Mitglieder des Kabinetts, unterstützt von den Regierungsparteien, in den Kampf ein. Was dabei an Entgleisungen, Mißgriffen, Takt­losigkeiten bis zur bewußt verleumderischen Hetze auf allen Seiten geleistet wurde, geht weit über das Maß einer berechtigten Kritik und Abwehr hinaus. Genützt hat diese Art politischen Kampfes allein den Feinden des deutschen Dolkes, sonst niemandem.

Die Reichsregierung selbst hat sich ge- drungen gefühlt, mit einem Aufruf an die Wähler, in den Wahlkampf einzugreifen. Man wird kaum fehl gehen, die Beweggründe zu diesem immerhin im Parlamentarischen Le­ben Deutschlands ungewöhnlichen Schritt in der hefttgen Opposition zu suchen, die die Ant­wort des Kabinetts auf die Sachverständigen­gutachten bei den Deutschnationalen und Völ­kischen gefunden hat. Mag man zu dem poli­tischen Aovum an sich stehen wie man will, in der Wirkung kennzeichnet sich der Ausruf als bedauerlicher Mißgriff, der mit einer er­staunlichen Einseitigkeit für die kommende Re­gierungsbildung TLren zuwirft, die unseres Erachtens allein zu einer Gesundung unseres parlamentarischen Lebens hätten führen kön­nen. Das begeisterte Echo, das der Aufruf im Vorwärts" und seinen sozialistischen Traban­ten gefunden hat, wird wohl auch Herrn Dr. Stresemann nicht ganz angenehm in den Ohren geklungen haben. DerVorwärts" unterschreibt jedes Wort" vieles Aufrufs, schwört erneut zur Fahne Joseph Wirths und bricht schließlich in höchster Ekstase in den al­ten Schlachtruf aus:Der Feind stehl rechts!" Rach den traurigen Erfahrungen, die gerade Herr Dr. Stresemann als Kanzler der Großen Koalition mit den Sozialisten ge­macht hat, möchten wir annehmen, daß diese Folgerungen desVorwärts" auch ihm Über­raschend gekommen sind. Wenn man auch in seinen zahlreichen Wahlreden von denen die Magdeburger ihn wieder als Außenpolitiken großen Formats zeigte nicht immer die gleiche Entschiedenheit gegen links beobachten konnte, mit der er nach rechts seine scharfe Klinge führte, so möchten wir das auf die be­greifliche Verärgerung zurückführen, die eine oft persönlich gehässige Kritik der Rechtsoppo- sitton gerade an seiner Polittk verursacht ha­ben mag. Das durfte aber nicht dazu verleiten, den Wahlkampf mit falscher Front zu führen.

Wenn die Leidenschaften des Kampfes in den kommenden Wochen erst wieder ruhiger Lieberlegung und Besinnung auf dir parla­mentarischen und polttischen Möglichkeiten Platz gemacht haben, wird es für die beiden, zu positiver Mitarbeit am Staatsgeschick ent­schlossenen Rechtsparteien an der Zeit sein, wieder die von den Wellenstürzen des Wahl­kampfes arg mitgenommene Brücke zueinan­der zu schlagen, sich zusammenzufinden in einem Kabinett der nationalen Ar­beit und des wirtschaftlichen Auf- baus. Nach dem Sturz des Kabinetts der Großen Koalition hätte schon der Versuch ge­wagt werden müssen, diesen Weg zu beschrei­ten. Die voraussichtliche Zusammensetzung des neuen Kabinetts wird dieses Zusammengehen der beiden Rechtsparteien über alle kommen­den Meinungsverschiede-ch iten hinweg zwin­gend machen, will man nicht wieder den So­zialisten das Staatsruder überlassen. Eine zu Gunsten der Kommunisten stark geschmückt