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Erster Blatt

175. Jahrgang

Samstag, 50. Jim! 1923

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

Dnirf nitö Verlag: vrkhl'sche Univerfitätr-Vuch' und Steinörudcrd R. Lange in Gießen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Zchulsttaße 7.

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nr. 151

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poftscheälonlo:

Lranksntt o. M. 11686.

Wochenrückblick.

Während sich die Verhandlungen zwischen London und Paris in die Länge ziehen und die deutsche Note vom 7. Juni schon beinahe der Vergessenheit anhcimzusallen droht, hat der politische Brief des Pap­stes die Parteien gestellt und ihnen zugerusen, daß die Entscheidung nicht verschleppt werden könne. Langsam regt sich endlich das Welt­gewissen. Denn wenn wir auch in der Kund­gebung PiuS XL keinen Dannstrahl wider die Verächter der Dölkermoral und Menschen­rechte finden, wenn sie nicht zum Urteil schrei­tet gegen die vielfältigen Verbrechen der Fran­zosen und Belgier in den besetzten Gebieten, so liegt doch in derunparteiischen und wohl­meinenden Stimme" des Papstes eine gründ­liche und offenherzige Mißbilligung der Poin- caröschen Methoden. Das französische Volk ist, wie auch Belgien, in seiner überwiegenden Mehrheit katholisch; im Vatikan muhte also um so mehr die Neigung bestehen, in rein poli­tische Händel und Rechtsauffassungen sich nicht einzumischen. Die Bedeutung des Schrittes liegt darin, daß der Papst erklärt, der Gei st deS Christentums dürfe in dem Repa­rationsproblem nicht auSgeschaltet werden! Cs fei nicht angängig, die Forderungen der Ge­rechtigkeit von denen der Barmherzigkeit zu scheiden. Fürwahr, das ist in der Sache ein scharfes Wort gegen den Pariser Shylock, der auf seinen VertragSfchein pocht und einkassie­ren will nicht mit dem Recht, Mah und der Vernunft eines Gläubigers, sondern mit allen niedrigen Leidenschaften deS Räubers und Vernichters. Das Schreiben Pius XL ist in sei­nem Verzicht auf ein langatmiges Pathos vollkommen eine politische und diplomatische Tat. Kurz und gut erklärt es, dah von Deutsch­land nicht verlangt werden dürfe, was es nicht leisten kann, dah die Gerechtigkeit und Näch­stenliebe keinen anderen Weg wandeln könne als den eines gewissenhaften und vernünfti­gen Schiedsgerichts.

Aber der Papst geht noch etwas weiter. Er hat den Weg, den das Kabinett Pvincars erngeschlagen hat, durch seinen Delegaten Testa gründlich prüfen?:nd erforschen lassen. Indem er nun kein Wort verliert über die ihm ge­meldeten Befunde, regt er nur an, auf die Be­setzung von Gebieten überhaupt zu verzichten, sie durch bessere Bürgschaften zu ersetzen. Das wäre erst wirklicher Friede! Was die Gegen­wart im Westen schaudernd feststellt, ist Krieg in der abscheulichsten Gestalt, Krieg ohne Ende, ohne Sinn.

Man kann sich leicht vorstellen, dah die päpstliche Kundmachung in Frankreich wie eine Bombe einschlagen muhte. In den Pariser Blättern lesen wir darüber nur verlegene oder frivole Ausdeutungen. Man weicht im allge­meinen aus, da man sich aus dem H'.mmel der gefälschten Kreuzzugsstimmung auf das platte und seichte Feld der Anzulänglichkeit gestürzt sieht. Der ehemalige Kardinal Ratti, der am 6. Februar vorigen Jahres zum Papst gewählt wurde, hat den von Frankreich ausgesprengten Ruf seiner Franzosenfreundlichkeit nicht ge­rade bestätigt. Frankreich hat seine aus­ländischen Anhänger überhaupt zu arg auf die Probe gestellt. Schon beim Beginn der Konfe­renz von Genua hatte bekanntlich Pius in einem Schreiben an den dortigen Erzbischof von den Bajonetten gesprochen, die ein schlech­ter Schutzwall gegen die einstigen Feinde seien, wenn der wahre Friede fehle. Am 28. Juni war der Jahrestag der Anterzeich- nung des Versailler Vertrages. Der Papst hat für die Veröffentlichung seines neuen Vermitt­lungsappells vermutlich mit vollem Vorbe­dacht dieses Datum gewählt!

Dem Ruf aus Rom kommt nicht bloh die Bedeutung eines moralischen und politischen Zeugnisses zu. Der Vatikan würde ein so di­rektes Eingreifen in die schwebenden Fragen nicht beschlossen haben, wenn er nicht einer gewissen Wirkung sicher wäre. Er hat nicht nur aus den Notschreien vom Ruhrgebiet die Kon­sequenzen gezogen. Höchstwahrscheinlich gehen seine Absichten Hand in Hand mit England, das ihm einen wirksamen Widerhall seiner Worte in Aussicht gestellt haken dürfte. Herrn Baldwin war diese moralische Stütze seiner Vorstellungen in Paris sicher hoch willkommen. Er wird jetzt vielleicht mit noch gröherer Entschieden­heit auf die Beschleunigung des Verfahrens hindrängen, und das französische Kabinett, ohnehin gewarnt durch die letzten Wahlnieder­lagen des Nationalen Blocks, wird einer festen und bestimmten Sprache des ehemaligen Alli-- ierten gewärtig sein müssen, falls bei seiner Annachgiebigkeit verharrt. Das Kabinett TheuniS, wenn es wieder das Ruder er­greift, wird den neuen Wind, der jetzt weht, kaum unbeachtet lassen, und so dürfen wir hoffen, daß die Würfel demnächst noch ein­mal rollen und der Friede von Grund aus neu geschaffen werde.

Fast zu gleicher Zett haben zum Versail­ler Jahrestag auch die dbersten deutschen Staatsmänner ihre Stimmen vernehmen las­sen: Der Reichskanzler Dr. Cuno in Elber­feld und der bayerische Ministerpräsident Dr. v. Knilling in München. Lückenlos und offenkundig liegen jetzt die deutschen Ver­hältnisse und ihre Willenskräfte vor der Welt, und Poincarä wird nicht mehr wiederholen können, der deutsche Widerstand sei an seinem Ende angelangt. Im Gegenteil, die Stunde der Anklage und Abrechnung hat geschlagen! Die deutschen Regierungen und das deutsche Volk geben sich nicht mit halben Lösungen und faulen Kompromissen zufrieden. In die­sem Sinne verlangte der Lenker der bayeri­schen Politik mit Recht, dah die Reichsregie­rung in der Schuld frage zur Offensive übergehe. Man wird es verstehen und be­grüßen, daß die beiden deutschen Staatsmän­ner jetzt den Zeitpunkt für gekommen erachten, wo zu unserer Bereitwilligkeit, ein Schieds­urteil aunzunehmen, auch das innerste Gefühl Deutschlands zum Ausdruck kommen darf. Die Genannten steuern mit gleicher Kraft einem und demselben Ziele zu. Herr v. Knilling focht nur scheinbar etwas temperamentvoller. Er setzte unter das letzte amtliche Angebot Deutschlands die unerläßlichen Vorbedingun­gen, die sicherlich auch der Reichskanzler in vollem Umfange vertreten wird, wenn Ver­handlungen zustande kommen. Es ist selbst­verständlich, dah Frankreich alle seine bru­talen Maßnahmen, seine Ausweisungen und seine Arteilsprüche, rückgängig zu machen hat, wenn eine Einigung auf neuer Basis versucht werden soll. Dr. Cuno brauchte sich nicht jetzt schon in Einzelheiten zu verlieren; es ge­nügte uns, dah er uns sagte, nicht einen Tag ruhten seine Bemühungen. Man solle daran denken, dah die Auhenpolitik nicht auf der Straße gemacht werden kann. Seine Aus­führungen waren von einer erfreulichen Zu- verftcht durchweht. Im Hinblick auf des Pap­stes Vermittlungsversuch liegt ihm daran, offen zu sagen, dah eine schnelle, end­gültige Befreiung vom fremden Druck sittliche Pflicht ist".

Zur Richtschnur deutschen Denkens im Volke ging durch beide Reden die Mah­nung, allen Parteihader und Zwiespalt zu- rücktteten zu lassen gegenüber dem auhenpoli- tischen Ziel der Befreiung.

tischen Ziel der Befreiung. Dieser Grundsatz ist bei allen Einsichtsvollen auf der Linken wie auf der Rechten bereits stark verwurzelt. Die Frankfurter Zeitung" ,warf dem bayerischen Ministerpräsidenten vor, dah er in seiner Rede zahlreiche Streitfragen der inneren Polink Bayerns übergangen habe; wir finden es ganz in der Ordnung, dah Hcrr v. Knilling den Geist der Mäßigung auf beiden Seiten pre­digte, denn es klingt uns noch die Aeußerung jenes französischen Politikers ins Ohr, der jüngst erklärte, Frankreich h.äbe eZ nicht nö­tig, Deutschland in zwei Teile zu trennen, dies werde von ihm selbst bei der Behandlung sei­ner inneren Angelegenheiten gründlicher be­sorgt . . .

Der Reichskanzler in Bremen.

Brem en, 29. 3uni. (Wolff) Der Reichs- kanzle r ist heute nachmittag ii Begleitung deZ Staatssekretärs Hamm, von Elbersel) kommend, zu kurzem Besuch hier ei igetrosfe.i. Am 2 Ahr felgte der ReichZka i?,Ier einer Einladung des Se­nats zu einem Frühstück in engem Kreise.

Rach dem F.ühstück begab sich der Reichs­kanzler mit dem Wiederaufbuumimste.- Albert und dem Staatssekretär Hamm nach der Han­delskammer zu ei '.er Arssorache. D>r Vize­präsident Rodewald begrüße den Reichs­kanzler namens der Bremer Kaufmannschift, in­dem er ihm dafür dankte, daß er eZ trotz der Sar­gen und Lasten möglich machte, einige Stunden in Bremen zu weilen. B.e.nrn habe sich dank des Gemeinsiims seiner Bürger durch alle früheren Schwierigkeiten durchgerungen. Der Gedanke der Reichseinheit habe in Bremen tiefe Wurzeln g>- schlagen. Der Wiede: aufstier sei nur aus der Wirischaft heraus denkbar und es müsse fir den S'aat selbst abträglich sein, wem durch staatliche Maßnahmen die Wir schäft auf die D ruer in ihrer Eiitwickelung gehindert werde. Zur Linderung der Devisenno risbesondere sei die E r l e i ch t e r u n g der Ausfuhr das einzige wirksame OKitlel. Die hanseatischen Kaufleute und Industrien seien auf ausländische, amerikanische, englische und hol- ländischie Kreül e angewiesen. Jede Erschütterung des Vertrauens müsse schwere Folgen nach sich ziehen. Die Stärke Bremens beruhe nicht so sehr auf seinem Reichtum, der oft überschätzt werde, als auf dem Vertrauen in feine geschäftliche Tüch­tigkeit und Ehrenhaftigkeit seiner Kaufma.mfchnft.

Reichskanzler Cuno dankte filr die Be­grüßung in der heimatlichen hanseatischen Lust Bremens und hob hervor, daß er dieselbe Luft fester Entschlossenheit eben in den letzten Tagen in Elberfeld, wie auch in anderen Orten der Westmark geatmet habe. Dieselbe Treue zu Heimat und Reich, dieselbe Gesinnung sei ihm besonders | eindrucksvoll auch von den Vertretern der bei der Eisenbahn, im Bergbau und in der Industrie I

beschäftigten Arbeiter und Beamten, wie aus den Kreisen der Wirtschaft entgeg-.mgetreten. Er gab der begründeten Aeberzeuoung Ausdruck, daß diese Front fest bleiben und auch noch Schwereres zu ertragen wissen werde, solange es not 1sei; denn jeder Mann und jede Frau in den Grenzgebieten wüßte nach den bitteren Erfahrungen des Jahres 1918, was einem vorzeitigen Nieder­legen. der Waffe des passiven Abwehr­kampfes an Leiden für das besetzte Gebiet und das ganze Vaterland folgen wür)e. <5n tief er davon überzeugt sei, bafj auf die Dauer Deutsch­land nur bei sorglichster Beachtung der Lebens- bedürfaisse und der inneren Gesche der Wirtschaft gedeihen könne, ebenso entschieden müsse aber jetzt die politische Erkeanttrs folgen und sei bis zum guten Ausgang des Abwehrkampfes aufrecht» zuerhalten und allem ante, en voran zu stellen. Er verstehe sehr wohl, daß Maßnahmen, wie die Devisenverordnung in den Kreisen der Wirtschaft hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Nützlichkeit angezweifelt werde. Er verstehe das Drängen nach rascherem Abbau der Ausfuhr­kontrolle und ähnlicher Maßnahmen. I?ht aber komme es darauf an, die Zuversicht des Volkes auf den Staat aufrachtzuerhaltea und den Willen des Staates zu erreichen, sich unter allen Amstäinden und gegen alle Gefahren, sei es auch gegen die Wirtschaft, zu behaupten unn-d dm brei en Massen das Leben zu ermöglichen. Darum müsse die Wirtschaft für diese Zeit der Not auch Maßnahmen auf sich nehmen u^nd voll begreifen, dir für regelmäßige Zeiten schädlich ersch.i en könnten. Der Kanzler leitete daraus das Recht ab, an die ganze Wirt­schaft die Forderung zu steller, die getroffenen Maßnahme c nicht nur zu bra ch en, sondern aus dieser politischen Aeberzeagung heraus auch mit Leben und Wirksamkeit zu erfüllen. Er besprach auch die Er n ä h ru n g s f rag e, für die die Aussichten nicht ungünstig lägen, de L o h n - frage, die so geordnet werden müsse, daß den Lohnempfängern auch in Zei'en sinkender Mark das Auskommen ermöglicht bleibe, die Wäh - r u n g s f r a g e, die der Regierung die Pflicht auserlege, dafür zu sorgen, daß nicht auf den Sturz der Qltarf eine Erschütterung der sozialen Ordnung und eine Erschütterung des Staates folge. Er legte dar. wie die 'Regierung für die Bedürfnisse und Bed ängnisse der Wirtschaft volles Verständnis hab.' und schloß mit der Auf- sorderung, eben deshalb der Regiennnng Ver­trauen en^negenzubiingen und ihr die Erfüllung ihrer polnischen Pflichten nach Kräften zu er­leichtern.

Der Kanzler boende'e seine Ausführungen mit einem Ausblick auf eine bessere Zukunft, In welcher der ha.statische und insonderheit der b emische Anten.o.'hmungSgeist, der jetzt schon so viel zur Anterstühung der deutschen Wirtschaft leiste, sich frei entfalten könne und Deutschland wieder gleichberechtigt w'e jedes andere ebe.r- bärtiqe Glied sich in die große W-eltwirttschaft frei und Wirkungskräftig etnfuge.i werde.

Bremen, 29. Zu. i. (WTB.» Der Empfang in der Handelskammer sand um 7,45 Ahr abends fern Ende. Am 8.30 Ahr reifte der Reichskanzler nach Hamburg weiter.

Eine neue Hetzrede PoinearSs im Senat.

Paris, 29. Zuni. (WTD.) Der Senat hat heute mit der Beratung der Kredite für die Ruhrbesetzung begrünen. Nach dein Derichterstatter' B e r c n g e t, der für die Be­willigung der Kredit.' eintrat, ergriff Minister­präsident Poincar 6 das Wort und erklärte, l-ei der Ruhröesetzung hasie es sich nur darum gehandelt, Garantien gegen die gewollte Zah­lungsunfähigkeit D.utschlands zu ne')men. Wenn man politische oder feindliche Aostch.en gehabt hatte, würde man das Maintal besetzt haben, um Deutschland in zwei Stücke zu zer­reißen. Man habe aber nur einen wirt­schaftlichen Druck aulüden »vollen; deshalb sei man in die Schlagader Deutschlands ein- ged.mng m. in dm Kassen sch rank des wider- spmstigen Schn daers. Im weheren Verlause seiner Rede erklärte Pon.are, der passive Widerstand Deutschlands sei in Wnck- lichkeit aktiv, verbrecherisch und hinterlistig. (!) Angesichts dessen sei es no.wendig gewestn. strenge Zwangsmaßnahmen zu ergreifen. Das sieareiche Frankreich werde seinen Willen dem Besiegten aufzwingcn. der feine Niederlage nicht aner­kennen wolle. Auf den deutschen Widerstand habe Frankreich mit einer Art Blockade geant­wortet, die aber in keiner Weise (!) die Ernäh­rung des Ruhrgebietes bedrohe. Das Einver­ständnis zwischen General D e g v u 11 e und T i - a r d sei vollkommen. Deshalb habe man auch alle Zwangsmaßnahmen gegen die preußi­schen Beamten ergreifen können und sie seien in der Zahl von 1 6 000 ausge­wiesen worden Die deutsche Regierung könne den Widerstand jetzt nur noch durch Geld- ve teilung an die Beamten, Arbeiter und In­dustriellen fortsetzen; sie erschwere dadurch aber von Tag zu Dag ihre finanzielle Lage. Deutschland warte jetzt auf ein Wun­der. das aber nicht kommen wolle. Es hoffe immer noch auf eine Intervention der Verbün­deten Frankreichs und erwarte sein Heil von der Entmutigung und Zermürbung Frankreichs. Darin .täusche es sich aber. Frankreich wolle, daß der Versailler Vertrag ausgeführt werde. In Brüssel sei be­schlossen worden, die deutschen Vorschläge nicht eher zu prüfen, bevor der Widerstand Deutsch­lands erngeftdU sei und man werde Deutsch­

land tnur nach Maßgabe seiner Zahlungen räumen. Frankreich habe keine Annerionsgedankeii und weise aufs Entschiedenste jede Anklage des Im­perialismus zurück. Wir wollen das R u h r - gebiet nicht konfiszieren, werden es aber behalten, bis Deutschland seine Schulden bezahlt hat. Die letzten deutschen Vorschläge sind nicht ernst und verdienen feine Beachtung. Wa m wir die Ruhr aufgebetr würden würde Deutschland glauben, daß es seine Re­vanche erlangt und' uns eine Erniedrigung zu­gefügt hat. liniere Soldaten werden das Werk der Gerechtigkeit und des Friedens vollenden Noch einmal mehr werden sie sich dadurch um das Vaterland verdient machen.

Nach Schluß der Debatte wurden die Ruhr­kredite von den anwesenden 293 Senatoren ein­stimmig angenommen.

Senator Börenger führte u. a. folgen­des aus: Die deutschePropagandaistbis zum Vatikan vorgedrungen, der heute wünscht, dah die Taten, die Deutschland began­gen hat, in Vergessenheit geraten. Das läßt uns über die Wirksamkeit unserer diplomatischen Ver­tretung beim Vatikan zweifeln. Nach dem Krnege wie während des Krieges müssen wir gegen tu deutsche Propaganda ankämpfen. Die Kommission fordert deshalb auf, einmütig die verlangten Kre­dite zu bewilligen.

Senator Ienouvrieri stimmte den Er­klärungen Poinearös zu.

Senator Francois Albert jedoch ging auf den

päpstlichen Brief

ein, der ganz den deutschen Vorschlag annehme. Er würde dieses Dokument als einen frommen Einfall, als eine Art Bergpredigt auffasstn. wenn er nicht die stets befolgte Politik des Vatikans l-eftätigen würde. Während des Krieges habe Staatssekretär Gaspari in die Karten Deutsch­lands gespielt, er habe verloren. Auf Wunsch des Erzbischofs von Köln sei Msgre. Testa nach dem Ruhrgebiet gegangen. Er könne sich denken, welchen Eindruck der päpstliche Brief in Berlin hervorgerufen habe. Aber er möchte auch gerne wissen, welchen Eindruck er bei dem bel­gischen Nachbarn gemacht habe (Poin- care ruft dazwischen: Gar keinen! und ein Senator fügt hinzu: Wie bei unsl). Sena­tor Albert fragt Poincare: (3r habe die Gefahr der sozialistischen Intermationale gekennzeichnet; welche Haltung werde er gegenüber der katho­lt s ch en weißen Internationale ein» nehmen? Poinca r6 antwortete:Ich kenne nur Frankreich und die Republik!"

Dann werde ich Ihnen, so erklärte Albert, die Frage stellen, ob sie nach ihrer letzten Rede den Brief des Papstes als einen neuen Erfolg des Botschafters beim Vatikan auffnlLn? Auf diese Frage ist, wie aus dem Havasbericht her­vorgeht, eine Antwort nicht erteilt worden.

Ein Bcschlnst

der französischen Kammer.

P a r i S, 30. Juni. (WTB.) In der N a ch 1- sitzung der Kammer, die bis gegen 2 Ahr dauerte, beschloß die Kammer mit 410 gegen 168 Stimmen, das Budget für 1923 auch dem folgenden Budget für 192 4 zu Grunde zu legen. Poin- car6 selbst trat für dieses Provisorium ein. Er erklärte, was das Parlament während des Krieges getan habe, könne es auch jetzt tun. Poincare griff zweimal in die Aussprache ein. Die Opposition führten Andre Lefevre und Herrtot.

Sieben Todesurteile in Mainz.

Paris, 30. Iuiri. (WTD.) Nach einer Ha- vasmeldung ausMainz hat gestern morgen vor dem französische Kriegsgericht der Prozeß gegen die Mitglieder deS Hannseatischen Frei- k o r p s wegen verschiedener, ihnen zur Last ge­legter Sabotageakte stattgefunden. Die An» geflagten hatten zunächst geleugnet und erLärt, der Befehl sei ihnen von Augsburg von einem Dr. Frank, der der Sozialdemokratischen Partei angehöre und der die Gruppe Hans Frecko leitete, zugegangen. Das Kriegsgericht ver­urteilte sieben Angeklagte zum Tode; sie heißen Sasse, Maurer, Grube, Hahme, Schneider, Freier und Frey. Ein weiterer Angeklagter namens Lauth wurde zu lebens­länglichem Zuchthaus verurteilt und ein neunter Angeklagter namens K ö g l e r zu fünf Jahren Gefängnis. Nach demEcho de Paris" sind die Angeklagten bei der Verkündung des Arteils zusammen gebrochen.

Die französischen (Vewnkkakte.

H a g e n, 29. Juni. (WTB.) Die F r a n zosen haben gestern in Starke von etwa 300 Mann Hohensyburgbei Ha;en besetzt und am Denkmal Kaiser Wilhelms I. die Trikvloregehißt.

Dortmund, 29. Juni. (WTB.) Einer Blättermeldung zufolge wurde der Stadt Dortmund von dem Kommandierenden Ge­neral der Rheinarmee als Genugtuung für die erschossenen zwei französischen Adjutan­ten eine Strafe von zwei Milliarden Mark auferlegt. Auf diesen Bettag soll das bei der Stadtkaffe und der Reichsbank am