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Samstag, 26. Ütat 1923

173. Jahrgang

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Annahme osn Anzeigen für die Tages nummer bis zam Nachmittag vorher ohnejede Derdindlichtzeit. Preis für 1 mm höhe für Anzeigen«». 27 mm Breite BrtL 100 Mk., auswärts 125Mk.;fürReklame' Anzeigen von 70 mm Breite 500 Mk.Bei Platz- Vorschrift 20°/, Aufschlag. Hauptschristleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz; für den übrigen Teil: Ernst Blumschein; für den Anzeigenteil: Hans Beck, sämtlich in Dießen.

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Sreithirt e. m. 1168t.

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Vrvck mißVerla-: vrühl'sche UniverfilSts-Such- und $teinörnderei R. Lange in Siehrn. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Schnlstrahe L

Wochenrückblick.

PvlncarSS RücktrittSgesuch, noch bevor bte Kammer ihr abschließende« Urteil iiber die «Ruhrpolitik gefällt hat, muhte natür­lich In der Welt erhebliches Aufsehen machen und lveithtn Ausrufe der Erleichterung auS- lösen. Was hinter den Kulissen der französi­schen Volksvertretung und des Senates, der durch seinen gestern gemeldeten Beschluß das Kabinett so arg bloßstellte, im einzelnen vor sich gegangen ist, entzieht sich noch dem Blick. Wir dürfen aber die Schlußfolgerung bereits ziehen, daß der Stern des gottlosen Dationalistenanwalts auch in Frankreich mehr und mehr verblaßt. Trug und Wahn hielten bisher die strebenden Kräfte der Franzosen noch zusammen. Wäre das Kabinett Cuno im Laufe des viermonatigen «RuhrkriegeS zusain- mengeknickt, hätte die letzte Avte Curzons die ausrechte Haltung des deutschen Volkes zu- sammengeworsen, so wäre der skrupellose Maulheld fest und sicher im Sattel geblieben. Jetzt aber ist er, so sehr er dem Roh die Sporen gibt, kein stolzer «Reiter mehr. Er erinnert an den nächtlichen Gespensterritt, der am ersten Morgenlicht wie mürber Zunder zerfiel und über Gräbern endigte . . .

Der Präsident Miller and wird auch nicht das Gefühl eines Erfolges haben, wenn Poincars auf seine Bitte mir. im Amte bleibt, chatt« er das Rücktrittsgesuch angenommen, so wäre das Urteil der «Welt darin einig ge­wesen, daß die Gewaltpolitik an der Ruhr sichtbar ihr Fiasko erlebt habe. Herr Mille­rand ist selbst ein tteibender Rationalist, der ein so plötzliches und unsanftes Ende seines Günstlinge noch zu verhindern allen Anlaß hat. Vielleicht nimmt sich Deutschland die neuen Herrenworte PoincareS aus der letzten Kammersitzung zu Herzen; vielleicht wird der Wink Cunos mit dem weißen Fähnchen der Unterwerfung doch noch endlich sichtbar; dann wäre das Rennen gewonnen, der Hell) ge­rettet. Wenn das deutsche Kabinett selbst im Widerspruch der ßinfcn verlinkt wenn die Trennung der Geister in Deutschland gelingt wenn wenigstens der deutsche Dachbar durch eine verbesserte Auflage seiner Angebote seine Aengstlichkeit und Schwäche verrät . . . Der Senatsbeschluh, der die Zuständigkeit für die Hochverratsprozesse gegen die angeklagten Kommunisten ablehnte, wurde jedoch mit der ansehnlichen Mehrheit von 30 Stimmen gefaßt, trotzdem Herr Poincarö am Tage vorher mit gewohnter Bündigkeit erklärt hatte, eine solche Absttmmung, bit er als Mißtrauensvotum be­trachte, werde ihn zum «Rücftritt veranlassen. Ein großer Teil der franzsischen Presse be­scheinigt ihm offen, daß er eine derbe Ohr­feige erhalten habe. Handelt es sich um das Verfahren gegen die Kommunisten allein, die vor dem Einzug der Truppen ins Ruhrgebiet dvn eine vaterlandsverräterische Propaganda versucht haben sollen, oder ist nicht das ganze, hastige, unbesonnene patriotische Gewaltsystem selber von dem Entscheid des Senates mit­getroffen? Das Werdener Urteil gegen die Kruppschen Direktoren entsprach, wie die zahl­losen anderen Stteiche französischer Justiz, ebenfalls den Diktaten der Regierungspolitik, und das Ansehen des französischen Rechts ist bis ins Innerste besudelt. Der Senat hat sich in die ihm zugewiesene Rolle nicht fügen wollen, wahrscheinlich, weil ihm ob der grau­sigen Komödien im Busen heimlich bang ge­worden war. Herr Pvincare kann diese Männer, deren Gewissen sich gegen seine Zu­mutungen gesttäubt haben, nicht,ins Gefängnis stecken lassen, obgleich sogar seine Rücktritts- drvhung keinen Eindruck auf sie gemacht hat. Man kann sich nicht gut denken, daß durch ein neues Vertrauensvotum des Senats die Scherben der politischen Zustizpflege des * eisernen Rechthabers reinlich könn­ten hinweggeschafft werden. Auch in der Kammer hat der Wurm der Oppvsitton schon nachhaltig gewirkt, wenn auch im allgemeinen aus begreiflichen Gründen das Dekorum noch gewahrt wurde. PoincareS Rede, über die wir gestern berichteten, war mit ihrer ewigen und starrsinnigen Abkehr von Tatsachen, Ge- rechttgkeit und Menschlichkeit weniger erleuch­tend als verfinsternd und beleidigend für die Gemüter, die nach Klarheit unö vernünftiger Losung neigen. Den furchtbaren Schauplatz der Taten hat die Welt zu deutlich vor sich, als daß so überspannte Advokatenhoffahrt die be­absichtigte Wirkung durchsetzen könnte! Die edlen Leidenschaften", die der Wucherer für Frankreich an seinem Volle rühmt, stellen sich in den getretenen deutschen Landstrichen der Welt rnxh täglich von neuem vor.

Wenn Pvincare herüberschrie, er werde bte für Deutschland unvermeidliche Stunde des Nachgebens durch neue Zwangsmaßnahmen beschleunigen, so sehen wir diesen heranstürmenden Reiter, der die ^üael und die Steigbügel verloren hat, mit verringertem Entsetzen an. Er konnte unsinnige

Anklagen wiederholen, aber keine Erfolge sei­ner Politik vorweisen. «Machen wir die letzten Hoffnungen Millerands zuschanden! Nichts wäre in diesem Augenblick verkehrter, als die deutsche Regierung zu gefügigen An­geboten zu drängen. Wir sehen das letzte grobe Mittel der Franzosen in der Unterstützung je­ner kommunistischenHundertschaften", die in Dortmund und Gelsenkirchen den staatlichen Zerfall erftreben. Die Lohnforderungen der Bergarbeiter, die dem Aufruhr zu Grunde lie­gen, müssen gerechten Sinnes geprüft und nach Möglichkeit erfüllt werden; dann wird der ge­sunde Sinn der gesamten deutschen Bevölke­rung desto leichter die Umgarnung durch den äußeren Feind erkennen und durchhauen. Zn diesem schweren Kampfe gilt es immer wie­der die Augen zu erheben, damit wir nicht nur die eigenen Nöte, sondern auch diejenigen der Gegner sehen. DaS übrige müssen Beharr­lichkeit und Vaterlandsliebe verrichten in ge­einigter und sicherer Front.

Der neue Führer der englischen Regie­rung, Herr Stanley Baldwin, wird wohl ebenfalls mit hochgezogenen Augenbrauen das Sttaucheln seines Pariser Kollegen beobach­tet haben. Er hatte ihn alsbald telegraphisch des Wunsches herzlichen Einvernehmens ver­sichert. aber er wäre sicher nicht untröstlich, wenn Poincar« zu den Exministern versam­melt würde. Wir haben uns von England auch weiterhin eine Politik vorsichtiger Geduld und Nachgiebigkeit gegenüber Frankreich zu ver­sprechen, wenn man sich auch nicht recht vor­stellen kann, daß britische Staatsmänner den Zusammenbruch des deutschen Widerstandes lieber sehen würden als den Mißerfolg der französischen Unruhestifter, den man diesen in England ja immer vorausgesagt hat. Die eng­lische Polittk der langen Dank macht auch ihre Krisen durch. «Baldwin hat, wie es heißt, das «Bestreben, Die Grundlagen seines Kabi­netts durch «Versöhnung der beiden konser­vativen Flügel zu festigen. Er wird nicht deutschunfreundlicher regieren können als fein Vorgänger «Sonar Law, zumal der Außen- Minister Lord Curzon im Amte bleibt. Ein kleiner Schock könnte der englischen Politik nichts schaden, damit sie das bisherige Phlegma ablegt und die Lage neu bedenkt. Lloyd George hat der neuen Regierung eine rührigere Opposition in Aussicht gestellt. W-aS die letzten Pariser Ereignisse nicht ganz be­sorgt haben, könnten kluge, aber willensfeste deutsche Anregungen vielleicht bewerkstelli­gen helfen. Deutschland ist gerade im gegen­wärtigen Augenblick der Welt ein offenes, deutliches und entschiedenes Wort schuldig. Es muß sich zeigen, ob Cuno und «Rosenberg wirk­liche Staatsmänner von eigenem Gewichte sind und das Volk muß erweisen, daß es solche Staatsmänner ersehnt und verdient.

Die französische Kabinetskrise.

Paris, 25. Mai. (WTD.) Der Präsi­dent der «Republik reift heute abend auf etwa zehn Tage in die Provinz und nach Elfaß-Lothringen. Es ist ein außerordentlicher Ministerrat einberufen worden, der vorher um 7.30 Ahr stattfinden soll.

Iuftizminister Cvlrat soll, wie Havas mitteilt, am 27. Mai in Desanyon mit dem Präsidenten der Republik zusammentreffen und ihn während seines Aufenthaltes in Elsaß- Lothringen begleiten. Dem Iuftizminister unterstehen bekanntlich die elsässischen und und die lothringischen Angelegenheiten.

Paris, 25. Mai. (WTD.) Wie HavaS berichtet, wird der deutsche kvmmunisttsche Ab­geordnete H ö 11 e i n noch so lange in der Untersuchungshaft behalten werden, bis der Minister des 3nnem einen Ausweisungsbefehl gegen ihn erlassen hat.

Paris, 24. Mai. (Wolff.) DasOeutore schreibt, Pvincar6 habe dem Senat gesagt: Wählt zwischen mir und der Zufttz! Der Se.nt habe die Zuftiz gewählt. Er habe außerdem auch Herrn Poincarö behalten nach einer Heinen Komödie, über die niemand sich täusche, und die nur dazu ge­dient habe, eine Haltung der Regierung zu unter­streichen, von der das Dlat sagen möchte, daß sie nur lächerlich sei.

Der sozialistischeP v p u l a i r«« urteilt, daß durch die gestern rasch beendete Krisis das Prestige Poincar^s nicht gehoben worden sei. Das Blatt ist davon überzeugt, daß Pvincare nun in keinem Falle mehr im Namen Frankreichs sprechen und es in den Augen des Auslandes vertreten Tonnte.

Das GewerkschaftsblattPeuble" sagt, bad Ministerium Porncare-Colra.-Daudet habe vom Senat eine Ohrfeige erhalten, daß es das Gleichgewicht verloren habe und es nicht wieder- finden werde. «Man habe es nicht mehr mit Poin- care allein zu tun. Auch Millerand habe sich in die Angelegenheit gemischt, llmso schlimmer für Pvincare, umso schlimmer für Mille.and;denn man könne d.7ch nicht annehmen, daß die französische Oeffcntlichkeit die Heldentaten des sonderbaren Politikers vergessen habe, der sich vom Sozialis­mus in den nationalen Mock binemganaufert habe.

Andre Tardieu schreibt im »Echo Na­tional". Pvincare hätte in den Wandelgängen des Senats etttärt, daß eine llnzuständigkeitserklä- tung des Staats^richtshofs ihm als eine ausge­sprochene «Verweigerung des Vertrauens erscheinen würde. Entsprechend triefen von zahlreichen Se­natoren gehörten Erttärungen habe Pvincare dem Präsidenten der Republik feine Demission zwar nicht eingereicht. aber a n g e b v t en. Der Präsident habe sie abgelehnt. Es scheine also, daß die Konsequenzen des vom Senat gefaßten Be° schlusses sich auf diese platonische Geste beschrän­ken würden. Es sei klar, daß in einem solchen Falle Clemenceau, toeirn ihm gegenüber der Staats­gerichtshof sich geweigert hätte, (Laillaur abzu- urieiten, dabei nicht stehen geblieben, sondern tat­sächlich zurückgetreten wäre. Auch Con­stants und Waldeck-Rousseau hätten so gehandelt. Die Entschlossenheit sei aber bei derartigen An­lässen eine Sache des Charatters und beä Tem­peraments.

DieC re «Rondelle" sagt: Niemals hat eine Negierung von einer als Staats­hübschere Ohrfeige bekommen, als die, mit gerichtshof vereinigten «Versammlung eine der gestern der Staalsgerichtshvf Herrn Poin- care bedachte. Der Senat, der nicht spaßt, wenn feine Würde in Frage kommt, hat nicht zugelassen, daß eine Anklage, die sich allein auf Presse und Politik stützt, ihm überwiesen wird. Er hat die BezeichnungAttentat gegen die innere und äußere Sicherheit des Staats" für übertrieben gehalten und der Regierung kundgegeben, daß er nicht plumpen politischen Kombinattonen dienstbar sein will. Das Pre- sttge PoincareS sei schwer getroffen und feine moralische Autorität scheine stark kvmprvmi- ttert.

Paris, 25. Mai. (WTD.) Iuftizminister Cvlrat konferierte heute vormittag mit Pvincare über die Folgen des Se- natsbeschlusses. Die Rechtsbeistände im Justizministerium sind mit der Frage beschäf­tigt, welche Konsequenzen die Absttmmung im Senat nach sich ziehen müsse. Hierüber soll im Ministerrat heute abend endgülttg «Be­schluß gefaßt werden. Inzwischen ist beschlossen worden, die noch in Hast befindlichen Kommu­nisten, also auch den deutschen Abg. Hllein, aus der Haft zu entlassen. Der Iustiz- minister hat bekanntgegeben, daß er be­reits gestern dem Ministerpräsidenten seine Demission überreicht habe und daß er nur weiter bereit sein werde, dem Kabinett anzu­gehören, wenn ihm gestattet werde, eine Ge­setzesvorlage einzubringen, durch die eine Ab­änderung der Zusammensetzung des Staats­gerichtshofes erreicht wird.

Das französische Gewaltregiment.

Paris, 25. Mai. (WTD.) Nach einer Havaömeldung aus Koblenz hat die Inter­alliierte Rheinlandkommission im Einvernehmen mit General Degvutte be­schlossen, in Sabotagefällen die Re­quisition des nötigen Personals und Ma­terials für die Wiederherstellung der zer­störten Eisenbahnkörper, Dkockanlagen und bergl. zu gestatten. In der «Begründung er­klärt Havas, die Wiederherstettungsarbetten seien eine neue Art Sankttonen, deren Kosten zu Lasten der deutschen Verwaltung fielen, da die Zerstörungen vorsätzlich von deutscher Seite begangen würden.

M ü n ft e r, 26. Mai. (WTD.) Heber den Stadtkreis Hattingen wurde vom 22. «Mai bis auf weiteres für die Zeit von 8 Ayr abends bis 5 Llhr morgens angeblich wegen Anschlags fron- zcsenfeindlicher Plakate die Straßensperre verhängt.

Am 23. «Mai raubten die Franzosen in der Whnung des Generaldirektrs Kasten der Dcrgwerks-A.-G. Saalbusch in Rottenhau­sen, der eine im Krupp-Prozeß ihm auferlegte Geldstrafe nicht bezahlt hatte, drei Zimmer voll­ständig aus. Aus anderen Zimmern nahmen sie die wertvollsten Gegenstände fort

Die Ausweisungen.

Wiesbaden, 25. «Mai. («WTD.) Ausge­wiesen wurden hier zwei Postinspektoren, drei Oberboftfefrctäre, drei Postsekretäre und ein Rech- mrrgsrat, sowie sechs Obertefegraphenfekre^ äre, ferner der Vorsitzende des Karte'ls der christlichen ©etoerff(haften, Stadtverordneter Grim Regio- rungs- und Forsttat Mayer und ein Polizeiwacht­meister aus Sonnenberg.

Ludwigshafen, 25. Mai. (WTD.) Aus dem Direktionsbezirt Ludwigshafen wur­den von den Franzosen am 24. Mai 49 verheiratete Eisenbahner mit Frauen und 67 Kindern aus- gewiesen. Die Möbel wurden beschlag­nahmt.

Die Franzosen verlangen von den deutschen Lleberläufern zehn- bis zwölfstündige Arbeitszeit. Pension wurde mündlich zugrsichert. Die Heber» läufer werden nicht in ihrer alten Stellung ver­wendet. sondern mit niedrigeren SHenftieiftungen beauftragt, z. D. Lokomotivführer als Schlosser ober zur Verwendung im Rangierdienst; bei guter Fichrung wird Einteilung im Sttecfendienst zu­gesichert.

Die Hinrichtung Schlageters.

Paris, 25. «Mai. (WTD.) HavaS meldet aus Düsseldorf, daß das Gnadengesuch SchlageterS, der vom Kriegsgericht in Düssel- dors zum Tode verurteilt worden ist, verworfen wurde. Die Hinrichtung wird am 26. Mai bei Tagesgrauen vollzogen werden.

französische Justiz.

Düsseldorf, 2b. Mai. (WTD.) Dv. Düsseldorfer Nachrichten" melden: Am 14. «Mai verurteilte das französische Kriegs­gericht in Hattingen zwei französische Soldaten zu 20 Jahren Zwangs­arbeit und Ausstoßung aus dem Heere, well sie mit Gewalt Diebstähle an deutschen Personen, Hausfriedensbruch und Sachbeschä­digung in den Wohnungen von Deutschen ausgeübt und eine deutsche Frau vergewal­tigt Hatten. Das Revisiottsgericht hat das Mrteil aufgehoben und die Sache an das Kriegsgericht zu Castrop wegen eines Formfehlers zurückverwiesen.

lieber das neueste Bluturteil aus Mainz gegen den Schrankenwärter Noll aus Gonsenheim, der von dem fraiuöfl- scheu Kriegsgericht zu zwölf Zähren Ge­fängnis verurtellt worden ist, erfahren wir folgende Einzelheiten:

Nach der allgemeinen Einstellung des De° triebes im besetzten Teil des Direktivnsbezirks Mainz wurde auf der Strecke GonsenheimAl- zey- Psiffligheim von der Reichsbahndirektton der Zugverkehr wieder ausgenommen, der nach kurzem «Deslehen wiederum durch «Deschung der Stationen, «Wegnahme der Kassen und Verjagung des Personals von den Franzosen stillgelegt wurde. Nunmehr nahmen die Franzosen selbst den De- trieb ungeregelt auf, ohne auch nur im geringster» für feine Sicherheit, vor allem auf den Dahnüber- gangen zu sorgen. Infolgedessen überfuhr aus einem UeberiDeg bei Gonsenheim ein Zug ein mit Personen besetztes Auto, wobei mehrere Personen getötet wurden. Der Schrankenwärter Noll wurde von den Franzosen für triefen Unfall verantwort­lich gemacht, obwohl er nach dem oben beschriebe­nen Sachverhalt gar nicht mehr in der Lage war, den Unfall zu verhüten, weil er ja von sei­nem Posten vertrieben war.

Ein weiterer Kommentar zum »Gerechttgkeits- fhm der Franzosen ist überflüssig.

Ein Streik in Düsseldorf.

Düsseldorf, 25. «Mai. (WTD.) Gestern nachmittag sind die Arbeiter der st ä d t i s ch e n Gas- und Etektrizitäts we rke in den A u s st a n d getreten. Infolgedessen muhte der Strahenbahnveckehr eingestellt werden. Am Abend war die Stadt ohne «Deleuchtung.

Die Streikbewegung im Ruhrgebiet.

Dortmund, 25. Mai. (WTD.) Im Amts­bezirk Langendreer streiken seit heute sämt­liche Zechenanlagen. In Hörde wurden gestern eine Anzahl Zechen im Anschluß an eine Versamm­lung auf dem Phönixweri von auswärtigen, meist jugendlichen Elementen stillgelegt. Zu größeren Unruhen kam es nicht. Es streiken hier heute morgen die Arbeiter auf den meisten Zechen. Aus sämtlichen Zechen fanden Delegschastsversammlmr- gen statt. In Dochum traten heute zwei weitere Zechen in den Ausstand. In Wattenscheid-Stadt erzwangen gestern nachmittag radaulustige J3le* mente in einer Reihe von Geschäften Preisherab­setzungen. vor allem für Lebensmittel. In diesem CBesir-f stehen zwei Zechen im (Streif. In Witten zogen gestern abend im Anschluß an eine Ver­sammlung kommunistische Trupps zum Wittener Gußstahlwerk und erzwangen hier die Still­legung einzelner Teilbetriebe. Heute morgen wurde überall gearbeitet, außer auf der Zeche Franziska, wo die «Delegschaften aus Furcht vor Terror nicht eingefahren sind.

In Gelsenkirchen sand heute vormittag 11 Uhr eine Versammlung statt. Die Gewerk­schaften verhandeln zur Zeit untereinander über die «Bildung einer ou5 ihren Reihen zusammen­zusetzenden Sich-^rheitswehr. In Herne ist es bis jetzt ruhig geblieben. Es wird nicht ge­streikt. In «Buer kam es gestern abend zu An- sammlun-gen und Demonstrationszügen auf den Straßen. Zwischenfälle ereigneten sich nicht. In Essen wird überall gearbeitet. In Remsch ei d traten gestern nachmittag auch die Arbeiter der Mannesmaim-«Werke in den Streik. Im Laufe des heutigen Tages finden «Verhandlungen statt Im Landkreise .Hamm ist die «Belegschaft bei Zeche Sachsen heute morgen nicht eingefahren. Es ist mit einer Ausdehcrung des Streiks zu rechnen. In Recklinghausen ist bis jetzt alles ruhig.

E s s e n , 26. Mai. (WTD.) Hier ist es gestern nachmittag zu Plünderungen auf dem Marktplatz gekommen. Der Selbstschutz mußte einschreiten und den Platz mit der Waffe räumen.

Essen, 26. «Mai. (WTD.) In Bochum sind heute morgen alle Geschäfte und Wirtschaften geschlossen. In Rott- hausen hat sich der Selbstschutz aufgelöst.

Im Lanh-kreis Dortmund haben die K)m« munisten heute die Zeche Preußen I bei Lünen be­setzt. Dei der Säubc-rung der Anlagen durch die Polizei hatten die Aufruhrer 5 Schwerverletzte Im Bezirk Lünen wurden heute 30 Haupttw delsführer der Llufständischen feftgenommen.

Bochum, 26. Mai. (WTD.) 3m D )chu» mer Bezirk streiken 31 Zechenanla­gen und 15 Metallbetriebe mit insgesamt 60000 Arbeitern.