Nr. U8
Erscheint täglich, außer Lonn- und Feiertag,, mit derSamrtagsbeilage: GiehenerFamilienblätter Monatliche veiuarpreise: 3400Mark und 200Mark Trägerlohn,durch dieDost 3600Mark,auchbeiNlcht- erscheinen einzelner Nummern infolge höherer Gewalt.— Fernsprech. Anschlüsse: für dieSchrift- leilung 112; für Verlag und Geschäftsstelle 61. Anschrift für Drahtnachrichten: Anzeiger Kietzen, postscheäfonto:
Frankfurt a. M. 11686.
Mittwoch. 23. Mai 1923
General-Anzeiger für Oberhessen
Druck und Verlag: vrühl'sche Universitäts-Such- und Steindruckerei H. Lange in Gießen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Schulstrahe 7-
Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohnejede Verbindlichkeit. Sreir für 1 mm höhe für nzeigen o. 27 mm Breite örtl. 100 Mk.. auswärts 125MK.. fürReklamer Anzeigen von 70 mm Breite 500 MK.Bei Platz« Vorschrift 20 °/0 Aufs chlag. Hauptschristleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz; für den übrigen Teil. Ernst Blumschein; für den Anzeigenteil: Hans Leck, sämtlich in Gießen.
113. Jahrgang
GietzenerAnMger
Daldwin, der neue englische Ministerpräsident.
London, 22. QEal (WTB.) Havas meldet: Schatzkanzler Stanley Baldwin hat den Posten des Premierministers angenommen.
London, 22. Mai. (WTB.) Der König ist heute mittag in London eingetroffen, ebenso Curzon. Donar Lato hatte mitgeteilt, daß er beabsichtige, Parlamentsmitglied für Mittel- Glasgow zu bleiben, obwohl er es nicht für wahrscheinlich halte, daft er den Sitzungen beiwohnen könne.
Sir Stanley Daldwin konnte sich bisher nur alS tüchtiger Fachminister zeigen Als politischer Führer einer Regierungspartei hatte er zuviel Vordermänner, um aufzufallen. Gr ist bedeutend jünger und entwialungsfähiger als Curzon und besitzt das moderne Verständnis für die Röte der Arbeiterschaft und des Mittelstandes, also für Kreise, die auch in England die konservative Partei umwerben muh, um nicht zu verkalken. Daldwin hat vor Curzon den Vorteil, dah er Llnterhausmitglied ist, also mit den führenden Gruppen der derzeitigen Opposition, mit der Arbeiterpartei in ständiger Fühlung bleiden kann. Curzon thront in den Wolken des Oberhauses. Die Arbeiter haben dort keinen Vertreter.
Richt ungeschickt hat Sir Daldwin soeben in seinem Wahlkreise eine programmatische Rede über die Dedeutung eines „völligen Friedens in Europa" gehalten. Das Geheimnis sei dieWieder- herstellung des Handels. Der allgemeine Welthandel könne aber erst dann wieder ausgenommen werden, wenn das Repavationsproblem zwischen den Deutschen und den Alliierten erfolgt sei. Ein /luges Wort! Aber Daldwin sprach auch von den entsetzlichen Schwierigkeiten innerhalb der Entente. Traut sich Daldwin die Herkulesaufgabe zu, die Hydra der französischen Ansprüche und Machenschaften zu bekämpfen? Dann wäre er auch vom deutschen Standpunkt aus willkommen.
*
Reuter meldet, dah Sir Robert Hvrne, der in Lloyd Georges Kabinett Schahkanzler war, unter Daldwin dasselbe Amt wieder übernehmen toetbe.
„Evening Standard" zufolge verlautet, dah keine groben Veränderungen in der Zusammen» sehung des Kabinetts eintreten weichen. Curzon sei, wie es heiht, bereit, das Amt des Auhen» m i n i st e r s weiterzuführen. In gut unterrichteten u monistischen Kreisen werde mitgeteilt, dah Daldwin eine riesige Anhängerschaft in der City habe. Weiter verlautet, dah sich Sir Robert Herne auf Ersuchen Daldwins bereit erklärt habe, Schahkanzler zu werden. Wahrscheinlich werde die Zusammenkunft der unionistischen Partei am Dienstag oder Mittwoch nächster Woche statt- finden. Wie die Blätter melden, wird Daldwin zugleich Premierminister und Führer des Hinterhauses sein.
Eine Rede Baldwins.
London, 21. Mai. (Wolfs.) Schahkanzler Stanley Daldwin wies in einer in seinem Wahlkreise gehaltenen Rede auf die Bedeutung eines völligen Friedens in Europa im Zusammenhang mit der Wiederherstellung des Handel« hin. Er sagte, man sei innerhalb metz- barer Entfernung von einem Frieden im nahen Osten angelangt. Der Fortschritt könne natürlich nur langsam sein, aber man hoffe jetzt den Frieden zu erhalten, auf den man so lange gewartet habe. Dies könne direkt in nicht ferner Zeit zu einer Wiederaufnahme des Handels mit der Levante und in Asien führen, der für England von grobem Ruhen sein müsse. Innerhalb der letzten Monate habe Oesterreich, unterstützt von den Fi- nanzräten des Völkerbundes, einen ehrlichen und ernsten Versuch unternommen, feine Finanzen in Ordnung zu bringen imb seine Währung zu stabilisieren. Del dieser Anstrengung habe England Oesterreich Llnterstühung gewährt. In einem ver- hältniSmähig kurzen Zeitraum forme man hoffen, dah Oesterreich in einen Zustand finanzieller Stabilisierung gelangen werde, der bcn Handel in Mitteleuropa in beträchtlichem Mähe fördern würde. Ungern mache jetzt seine ersten Anstrengungen in derselben Richtung. Der Völkerbund werde zweifellos Ungarn Helsen, fein Programm auf dieselbe Weise zu lösen. Wahrscheinlich würde eine Unterstützung von England geleistet werden, auf diese Weise könne man hoffen, dah in naher Zukunft ein grober Dlock im Mittelpunkte Europas den internationalen Handel mit Westeuropa wieder auf nehmen werde. Daldwin fuhr fort, es könne keine allgemeine Aufnahme des Handels geben, bev.or eine völlige Lösung des Reparationsproblems zwischen den Deutschen und den Alliierten erfolgt sei. Es bestehe natürlich eine Lage von entsetzlicher Schwierigkeit durch die wirklichen Meinungsverschiedenheiten zwischen Frankreich und Belgien auf der einen und Groft.- britnirnien auf der anderen Seite. Man müsse jetzt auf weitere Mitteilungen von Deutschland warten, die wie gehofft werde, etwas enthalten würden, was eine Vereinbarung zwischen den Alliiertes zustande bringen und schließlich zu einer Regelung führen werde. Die augenblickliche Lage könne nicht unbeschränkt fortdauern, ohne in schädlicher CEreife auf die davon berührten Rationen zurückzuwirken
Die französische Schießerei in Mannheim.
Rian n beim, 22. Mai. (Wolff.) Die Polizei- direktion veröffentlicht das Ergebnis der amtlichen Untersuchung über dieE chieherei der französischen Wache an der Reckarbrucke am 18. Mai und in der Rächt vom 18. zum 19. Mar. Aus dem Bericht über die Erschießung des Polizeiwachlmcisters Traub am 18. Mai geht hervor, dah der tödliche Schuh von einem französischen Soldaten, der Traub nachgelaufen war, aus einer Entfernung von nur 10 bis 12 Metern auf diesen abgegeben wurde.
Der zweite Bericht beweist, dah die Franzosen in der darauffolgenden Rächt zu wiederholten Malen das bereits eingestellte Feuer auf die friedliche Bevölkerung aufs neue eröffneten. Die amtliche Darstellung lautet: Kurz vor 12 Uhr nachts eröffnete die französische Wache auf der nördlichen Seite der Friedrichsbrücke auf die Umgebung der Wache, auf das linke Reckarufer und besonders auf die Friedrichsbrücke ein regelrechtesIn- fanteriefeuer. Auf der Brücke herrschte um diese Zeit noch reger Verkehr. Die gerade auf der Drücke befindlichen Passanten flüchteten, nachdem sie zunächst hinter den eisernen Pfeilern Schuh gesucht hatten, auf die linke Reckarseite zurück. AlS einige Minuten Ruhe eingetreten war, versuchten Fuhgänger erneut über die Drücke zu kommen. Als sie in der Mitte der Drücke annlangten, wurden sie wiedermitlebhaftemGe wehrfeuer empfangen. Wieder flüchtete die Rle-.ige zurück und suchte Deckung auf dem linken Ufer. Gegen 12 Uhr 10 Minuten tarn dann ein Straften- bahnwagen der Linie 16, der nach dem Depot in der Reckarstadt fahren sollte, an der Haltestelle Friedrichsbrücke an. Die Passanten drängten sich nun in grofter Zahl in den Wagen, in der Meinung, auf diese Weise sicher über die Drücke gelangen zu können. Das Schieben hatte inzwischen vollkommen aufgehört. Auf Drängen der Insassen fuhr der Führer mit dem vollbesetzten Wagen ab. Etwa am anderen Ende der Drücke angekommen, setzte das wilde Schieften wieder ein. Ein französischer Soldat lief, nach einwandfreier Zeugenaussage, dem Wagen nach und feuerte von hinten i n den Wagen Hinern. Dre Insassen warfen sich auf den Boden. Zwer Fahrgäste wurden schwer verletzt, ein Fuhgänger, der zu Beginn der Sch<ehercien auf dem andern Reckarufer weilte, wurde leicht verletzt. Ueber die Veranlassung und den Beginn der Schiebereien lauten die Aussagen verschieden. Ein Zeuge behauptet, kurz vor 12 Uhr fei In der Dreitestrafte vor K 1, etwa einen halben Kilometer von der französischen Wache entfernt, em Revo-verschuh ge'allen. Daraufhin hätten die Franzosen mit der Schiefterer artgefangen. Ern anderer Zeuge, der gegenüber der französischenWache stand und leicht verletzt wurde, gibt an, die Franzosen hätten ohne ersichtlichen Grund das Feuer eröffnet. Ein dritter Zeuge behauptet, die französischen Posten seien von einem Passanten bedroht worden. Dec amtliche Dericht zieht aus obigen Tatsachen folgenden Schluß: Wie bei der Erschiehung des Polizeiwachtmeisters Traub wurde auch hier in geradezu verbrecherischer Weise auf Menschen gefeuert. Kein Wort ist scharf genug, um dieses Treiben zu verurteilen und auch von dieser Stelle muh gegen das sinnlose Wüten gegenüber der friedlichen Bürgerschaft schärfster Protest eingelegt werden.
Trauerfeier für den ermordeten Polizeiwachtincister.
Mannheim, 22. Mai. (WTB.) Für den als Opfer seiner Pflicht verstorbenen Polizeiwachtmeister Karl Traub fand heute nachmittag hier eine ergreifende Trauerfeier statt. In dem gewaltigen Hose des alten kurfürstlichen Schlosses, den eine vieltausendköpfige Menge füllte, war der Sarg des Erschossenen auf einem Katafalk auf gebahrt, auf den umflorte Fahnen in den Reichs- und Landesfarben niederhingen. Rach einleitenden Chorälen der Feuerwehrmusikkapelle und des Gesangvereins der Polizeibeamten nahm Pfarrer Schäfer die Einsegnung der Leiche vor. Sodann sprach in Vertretung des badischen Staatspräsidenten der Landeskommissar Hebting, für die Stadtgemeinde Mannheim Bürgermeister Ritter, aufterdem verschiedene Vertreter von Berufs- und Standesvereinigungen. Auch die Kameraden einer ungenannten besetzten Stadt liehen letzte Glühe entbieten. Sodann bewegte sich der stattliche Trauerzug nach dem Bahnhof, von wo aus die Leiche nach Ettlingen, dec Heimat des Erfchossenen, überführt wurde.
Die weiteren Gewaltftreiche.
Berlin .22. Mai. Rach Dlättermeldungen besetzten die Franzosen heute vormittag das Hauptpostamt in Gelsenkirchen and verlangtem von dessen Leitung, dah ihnen Anschlüsse und Leitungen zur Verügung gestellt würden. Diese Forderung wurde abge'.ehnt. Dis Franzosen requirierten die Telephv'.rapparat-r.
In Wanne rückte am Pfingstmontagabend ein Infanterieregiment ein. das in vier Schulen und einigen Sälen untergebracht wurde. Ferner wurde eine gröbere Anzahl von Privatquartieren verlangt. Wattenscheid erhielt zwei Bataillone des 40. Infanterie-Regiments, das direkt aus Frankreich kommt. Ern weiteres Datalllon rückte in die kleineren Gemeinden des Amtes Wattenscheid ein.
Neue Gefängnisstrafen.
Bottrop, 21. Mai. (WTB.) Das Mili» tärpolizeigericht verurteilte heute den Ingenieur bei den Rütgerswerken in Aasel, Karl Krieger, wegen angeblicher Beleidigung der französischen Armee und wegen des Befehls, einem
Aussprache über die Ruhrpolitik in ber französischen Kammer
Paris, 22. Mai. (WTB) Die heute nach- mft^a beginnende Kammerdebatte wird sich mit d«^Mommis>i)nsbericht über die Ruhrkredite be- IcknWgen. Der Bericht beziffert die Ausgaben für die Zivilmission auf 8 650 000 Frank, die Vorschüsse an die Eisenbahnregie auf 82 Millionen, d.e militärischen Besatzungskosten auf 61 Millionen Frank. Die Gesamtausgaben stellen sich also auf 145650000 Frank. Ihnen stehen Einnahmen in Hohe von 102 Millionen gegenüber.
Paris 22 Mai. (WTB) Die Kammer Begann heute nachmittag bei vollbesetztem Hause und unter grchem Andrang auf den Tribünen die Beratung dec von der Regierung angeforderten Kredite für die Operationen an der Ruhr. Für die Debatte, die die feit Wochen erwartete Aussprache über die Ruhr- und Reparationspolitik der französischen Regierung bringen wird, sind bereits mehr als 20 Redner eingeschrieben. Man rechnet damit, dah sie die Sitzungen bis Ende der Woche ausfüllen wird.
Rach Ciledigung einiger dringlicher Vorlagen ergreift als Erster der Abg.
Louis Dubois
der ehemalige Präsident der Reparationskom- missicn, das Wort. Er führte aus, Deutschland sei den ihm im Vertrag von Versailles auferlegten Verpflichtungen niemals nachgekommen. Die gering iügigen Zahlungen und Restitutionen, die es geleistet habe, seien erfolgt unter dem Drucke der Gewalt und erst nach Ueberwindung grober Schwierigkeiten. Bereits am 30. Juni 1920 habe sich die Reparationskommission gezwungen gesehen, die erste vorsätzliche Richterfüllung Deutschlands bei den Kvhlenlieferungen fcftzuftellen. Dreioder viermal habe die Kommission in der Folgezeit Verfehlungen Deutschlands zur Kenntnis der alliierten Regierungen gelangen lassen. We.m diese auch nicht sofort von den ihnen zustehendsn Zwangsmitteln Gebrauch gemacht hatten, so hätten sie sich damit keineswegs der Rechte begeben, die ihnen der Friedensvertrag an die Hand gegeben habe, um Deutschland zur Erfüllung feiner Verpflichtungen au zwingen. Der Redner geht sodann sehr ausführlich auf die Geschichte der Reparationskonfer.'nzen in den Jahren 1921 und 1922 ein. Bereits auf der Konferenz in London, die zur Festsetzung -es deutschen Zahlungsplanes geführt habe, habe Deutschland so offenkundige Beweise seines bösen Willens gegeben, haft die Gesamtheit der alliierten Delegationen darüber aufs äufterfte entrüstet gewesen sei. An Stelle der 132 Milliarden, die damals als Gesamtbetrag der deutschen Schuld festgesetzt worden seien, habe es die deutsche Regierung gewagt, einen Betrag von 30 Milliarden, also noch nicht einmal ein Viertel der alliierten; Forderungen, anzubieten. Unter diesen älmständen findet es der Redner unbegreiflich, dah in gewissen politischen Kreisen des Auslandes die Ablehnung der letzten deutschen Vorschläge durch Frankreich Befremden erregte.
Die Sitzung ist um 4 älhr auf eine Viertelstunde unterbrochen worden. Rach der Pause fährt Louis Dubois fort. Ec hebt die Bedeutung der von der Reparationskommission geleisteten Arbeiten hervor. Die Reparationskommission, deren sich
gewisse Alliierte
so gerne entledigen möchten, habe die deutsche Schuld erst nach Anhörung der Deutschen und von 32 Sachverständigen in 23 Sitzungen von durchschnittlich vier Stunden Dauer auf 132 Milliarden festgesetzt. Dubois glaubt sodann der Kammer den Beweis liefern zu muffen, daft die Reparations- kommisfion nichts versäumt habe, Deutschland zur Erfüllung feiner Verpflichtungen heranzuziehen. Er spielt auf gewisseSchwierigkeiten an, die die Reparationskommission dabei von feiten gewisser alliierten Regierungen gesunden habe und erwähnt, daft kurz vor der Konferenz von Cannes der englische Delegierte in der Reparationskommission ihn darauf au.merksam gemacht habe, dah von London her neue Schwierigkeiten zu erwarten seien. In Cannes sei infolge der Demission des KabinettsDnand alles in der Schwebe geblieben. Lloyd George habe damals die Gewährung eines Moratoriums an Deutschland angeregt, aber die Reparationskvm- mission, die bereits im Dezember 1921 ein darauf gerichtetes deutsches Ersuchen mit einem Ultimatum beantwortet habe, habe sich von ihrer ursprüng
lichen Haltung nicht abbringen lassen. Der Redner gibt sodann eine ziffernmäftige Aufstellung der Leistungen, die Deutschland bis zum 31. Dezember 1922 getätigt hat. Die von ihm angeführten Zahlen stehen jedoch im Widerspruch zu Den heute von der Reparationskornmission veröffentlichten Ziffern. Dubois behauptet, Frankreich habe nach Abzug der Okkupationskosten nur 143,6 Millionen Gold- mark erhalten. Da es seinerseits Deutschland auf Grund des Abkommens von Spa 180 Millionen vorgefchcsfen habe, habe es 35 Millionen Mark mehr bezahlt als es von Deutschland erhallen Hube. Ein Zwischenruf des Abg. Daudet, das fei die Schuld des Kabinetts Driand, das dafür vor dem Staatsgerichtshof zur Verantwortung gezogen werden müsse, gibt Anlaft zu lärmenden Unterbrechungen Dubois'.
Dubois, der nach dem Havasbericht seit einiger Zeit Anzeichen von Ermüdung zeigt, fährt fort, man könne demnach sagen, Daft Frankreich von Deutschland so gut wie gar nichts erhalten habe. (Heiterkeit und ironische Zwischenrufe auf der Linken, die den Redner in Erregung bringen.) Frankreich, fährt Dubois fort, habe nicht nur Deutschland, sondern, auch einigen seiner Alliierten gegenüber genügend Beweise seiner Geduld gegeben. Es sei vollkommen ht feinem Recht gewesen, als es sich zu den Sanktionen entschlossen habe, zu denen die verbrecherische und wortbrüchige Haltung Deutschlands Veranlassung geicren habe, auch wenn es ohne Zustimmung sämtlicher Alliierten zur Beschlagnahme von Pfändern geschritten sei. Die französische Regierung habe damit nicht nur ihre Pflicht gegenüber dem eigenen Land, sondern auch gegenüber der ganzen Welt erfüllt. Das verbrecherische Deutschland müsse zum mindesten einen kleinen Teil der Verpflichtung:,i erfüllen, die ihm der Vertrag von Versailles auf erlegt habe. Die Annahme der von der Regierung geforderten Kredite müsse Deutschland zeigen, daft Frankreich nun am Ende seiner Geduld und entschlossen sei, das Pfand, in dessen Besitz es sich gesetzt habe, zu behalten, bis es bezahlt sei.
Abg. Magaine beginnt mit längeren Ausführungen über btt Frage, welche materiellen Resultate die Besetzung der Ruhr haben könne. Er weist nach, daft der Betrieb des Eisenbahnnetzes im Ruhrgebiet durch die französisch-belgische Regie praktisch unmöglich sei. Deutschland habe im Ruhrgebiet allein 65 000 Eisenbahnbedienstete gehabt. Wenn man bedenke, daft die französische Rordbahn nur 55 000 Beamte beschäftige, so könne man sich keinen Illusionen über die Ergebnisse des Bahnbetriebs an der Ruhr hingeben. Im Gegensatz zu den offiziellen Kundgebungen schätzt der Redner die H ö ch st m e n g e der Kohlen, die die Okkupationsbehörden aus dem Ruhrgebiet abfahren. könnten, auf 20 000 Tonnen täglich. Mar- gaine gibt der Hoffnung Ausdruck, daft die französische Regierung die Kammer über ihre wahren Absichten unterrichten wird und sich nicht wieder hinter irgendwelchen »diplomatischen Rotwendigleiten" verschanzen werde.
fßoincare:
Sie werden von mir hoffentlich nicht erwarten, daft ich diese Absichten auf diesem Wege zur Kenntnis Deutschlands bringe?
QU ar gaine forlfahrend: Was das Lund wissen wolle, sei, daft dem Krieg endlich ein Ende gemacht werde, derart, daft Frankreich sich wieder der friedlichen Arbeit widmen könne, sobald es bezahlt sei und seine Sicherheit gefunden habe. Eine Anspielung des Redners auf einen von dem Präsidenten der Finanzkommission, Dariac, erstatteten Geheimbericht beantwortet Poin- care dahin, Dariac sei niemals von der Regierung mit irgendeiner Mission betraut worden. Er wolle dies vor allem zur Kenntnis Deutschlands bringen. Dariac erklärt, sein Bericht habe keinerlei Geheimnisse enthalten und sei sowohl an die Mitglieder der Finanzkommission wie an diejenigen Der Armeekommission und der Kommission für auswärtige Angelegenheiten verteilt worden. QKatgaine schlieftt seine Ausführungen mit der Forderung, daft die Regierung sich eingehend darüber äuftere, was sie zu tun gedenke.
Die Fortsetzung der Debatte wird daraufhin auf Donnerstag vertagt.
Arbeiter der Rütgerswerke, der sich den Franzosen zur Qkrfügung gestellt hatte, keinen elektrischen Strom zu liefern, zu ach t Monaten Gefängnis und zu einer Million Mark Geldstrafe, ferner wurden verurteilt der Bergmann Helduser aus Herne wegen Paftvergehenß zu fünf Tagen Gefängnis, die SHW'ftr D l e ck m a n n aus Haghorst und Lockner aus Ickern wegen Delei- digung und Bedrohung französischer Soldaten zu sechs Monaten Gefängnis und 500 000 Mark Geldstrafe.
Die Franzosen in der Badischen Anilin- und Sodafabrik.
Ludwigshafen, 22. Mai.(Wolfs.)In derBadischenAnilin-undSodasa- b r i k sind die von den Franzosen eingestellten Arbeiter ununterbrochen von morgens 4 Uhr bis abends 7 Ahr in verschiedenen Schichten damit beschäftigt, die beschlagnahmten Farbstoffe abzuführen. Hauptsächlich wird das Alizarin - Lager stark abgebaut. Obwohl den Franzosen nach dem Versailler Ver
trag nur das Recht zusteht, 25 Prozent in Anspruch zu nehmen, holen sie bedeutend größere Mengen. — Die drei am Vesetzungstage als Geiseln festgenvmmenen Direktoren werden immer no chim Hauptgebäude der Firma fest- gehalten.
Unerhörte Zumutungen an die
Trierer Stadtverwaltung.
T r i e r, 22. QHai. (WTB ) Rachdern der erste Versuch der Srneetsleute, sich des Elektrizitätswerkes zu bemächtigen, mit einem fläglicften Mißerfolg geendet yat, griff während dec Pfingstfeiertage die Besahungsbe- Hörde ein. Es wurde an die Stadt das Ansinnen gefteHt, das Direktorium des Elektrizitätswerkes vom Dienst zu entheben und einstweilen zwei Beamte des Werkes. Schneider und Weiß, die sich den Putschisten angeschlossen hatten, mit der Leitung des Werkes zu betrauen. Das Ansinnen wurde dem Vertreter der Stadt durch den Obersten Coch et, den hiesigen Oberbelegi eri-.-n der Interalliierten Rheinlanokommission als Befehl


