Einzelbild herunterladen

Nr. 92

Erscheint täglich, außer Sonn» und Feiertags, mit derSamstogsbeilage: Gießener Familienblätter Monatliche Sezvarprelfe: 3400 Mark un ö 200Mark Trägerlohn,durch dieDost 360OMark,auchbeiNicht, erscheinen einzelner Num­mern infolge höherer Gewalt.- Fernsprech. Anschlüsse: fürdieSchrift» leitung 112; für Verlag und Geschäftsstelle 51. Anschrift für Drahtnach. richten: Lnzeiaer Stehen.

poftschecttonto: 5ranftvrt a. M. 11686.

Erster Blatt

175. Jahrgang

8rettag, 20. April 1923

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhesten

vruck und Verlag: vrühl'sche UniverfitÄr-Vuch' und Steinöruderei H. Lange in Sietzen. Zchriftleitung und Geschäftsstelle: Zchulftratze 7.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohnejede Verbindlichkeit. Preis für 1 mm Höhe für Anzeigenv. 27 mm Breite örtlich 80 Mk., auswärts 100 Mk.; für Reklame- Anzeigen von 70 mm Breite 400 MK.Bei Platz­vorschrift 20-/gAuf,chlag Hauptschristleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz; für den übrigen Teil: Ernst Blumschein; für de n Anzeigente,l: Hans Beck, sämtlich in Dietzen.

Der Notenwechsel mit PoincarL über die Essener Bluttaten.

'Berlin, 19. Avril. (WTB.) Die f ran- höfische Regierung beantwortete den deut­schen Protest vom 4. April gegen das am Öfter» samstag von den französischen Truppen auf den Kruppschen Werken in Essen ungerichtete Blutbad mit folgender, an den deutschen Ge­schäftsträger in Paris gerichteten Rote vom 18. April:

Ihr Schreiben vom 4. April, womit Sie mir Bemerkungen Ihrer Regierung über die Zwi­schenfälle mitteilen, die sich am 31. März in Essen abgespielt haben, enthält unrichtige Behauptun­gen, zu deren Berichtigung ich mich nach sehr genauen Feststellungen der von mir angeordneten Untersuchung für verpflichtet halte. Zunächst muft festgestellt werden, d.ift die Automobilhalle der Kruppschen Werke nicht in der Mitte des Fabrik­gebäudes, sondern sich am Rande einer Strafte befindet. Die Besetzung der Halle durch eine fran­zösische Abteilung, die mit der Requisition der Automobile Beauftragt war, konnte deshalb die Tätigkeit der Arbeiter in keiner Weise stören. Der Offizier, der die Abteilung befehligte, teilte überdies sofort nach seinem Eintreffen, also um 7 Uhr morgens, den Zweck seines Auftrages dem Chef der Automobilhalle mit. Cs konnte deshalb fern Zweifel über den Grund seiner Anwesenheit bestehen, die von den Arbeitern überhaupt nicht bemerkt worden wäre, wenn sie ihnen nicht signa­lisiert worden wäre. Erst um 9 Uhr traten die Sirenen infolge der Besprechungen zwischen Oem Betriebsrat und der Werkleitung in Tätigkeit, wodurch die Arbeiter genötigt wurden, die Werk­stätten zu verlassen und sich um die Automobil- Halle zu sammeln. Die Menge beobachtete zuerst eine verhältnismäftig ruhige Haltung; jedoch traten Redner auf, die Ansprachen hielten und die Menge gegen den Offizier und die von ihm befehligte Abteilung aufreizten. Aus diese Auf­reizungen, für welche die Werkleitung verantwortlich ist, muft die feindselige Hal­tung zurückgeführt werden, die von der Menge der Arbeiter in immer zunehmendem Mafte ein­genommen wurde. Die Arbeiter schwangen Spazier st öcke und Revolver (!) und be­gannen Steine und Koksstücke auf die fran­zösischen Soldaten niederhageln zu lassen. Der Offizier wurde sogar an der Hand ge­troffen. Andererseits begab sich ein Teil der Aufwiegler hinter das Gebäude, um die französische Abteilung rückwärts zu fassen, während eine Lokomotive an die äufterz Mauer herangeführt und Dampf st röme in die Halle geleitet wurden, um die Desatzungsabteilung zu verbrühen. Der Offizier verlor trotz der sehr kritischen Gage, in der er sich befand, keinen Augenblick seine Kaltblütigkeit, obwohl er von allen Seiten umringt und bedroht war, über­wältigt zu werden. Der Offizier veranlaßte die vorschriftsmäßigen Warnungen in deutscher Sprache. Als diese Warnungen ohne Wirkung blieben, lieft er zwei Schüsse in die Decke geben. Dann erst befahl der Offizier eine Salve, wobei er absichtlich als Zielpunkt den oberen Rand der Einfahrt der gegenüberliegenden Mauer angab. Dadurch wurde es möglich, die Zahl der Opfer auf das Aeufterste zu beschränken. Die Abteilung konnte sich alsdann in guter Ordnung zurückziehen. Ich füge hinzu, duft die Augenzeugen die Richtig­keit der Tatsachen, wie ich mich beehrt habe, sie vorstehend wiederzugeben, bestätigten. Diese Dar- stellung scheint keinen Zweifel über die 2lbsicht der Werkleitung und einiger Parteigänger be­stehen zu lassen, aus Anlast der völlig nor-» malen Requisitionsmaßnahme einen Zwischenfall hc .Beizuführen, für den sie die Der- anttoortung tragen muh.

Genehmigen Sie usw. gez.: Poincarö.

Die deutsche Antwort.

Die Reichsregierung Beauftragte den deutschen Geschäftsträger in Paris, die vorstehende ftanzö- sische Rote Ivie folgt zu beantworten:

Die deutsche Regierung stellt mit Genugtuung fest, daft die französische Regierung, die bisher die deutschen Proteste gegen das Vorgehen ihrer Truppen im Ruhrgebiet unbeantwortet gelassen hat, sich jetzt veranlaßt sieht, zu den blutigen Er­eignissen, die sich am Ostersamstag in Essen ab­gespielt haben, amtlich Stellung zu nehmen. Die Ausführungen der ftanzösischm Antwortnote können jedoch nicht als zutreffend anerkannt wer­den. Die der deutschen Regierung inzwischen noch §ugegangenen Rachrichten bestätigten die Dar­stellung der deutschen Rote vom 4. April in allen Punkten, auf die es für die Beurteilung des Sach­verhalts ankommt, als richtig. Das gilt insbe- sondere von den Gerichtsprotokollen über die eid­liche Vernehmung von mehreren Arbeitern und Angestellten der- Kruppschen Werke, die Augen­zeugen der Vorfälle gewesen sind.

-Die deutsche Regierung ist Bereit, Beglau­bigte Abschriften dieser Derne!hmungs° protokolle der französischen Regierung zur Ver­fügung zu stellen, falls auch diese ihr Beweis- material herausgibt. ihn jedoch ohne jede Ver­zögerung zu der von beiden Teilen anzuerkennen- den Feststellung des Tatbestandes zu gelangen, schlägt die deutsche Regierung die Sin- feftungetnerinternationaten Unter-, s u chu ngskommissivn vor, die gemäß Bem Haager Abkommen von 1907 das beider­seitige Deweismaterial zu prüfen und auch alle sonstigen für den Zwischenfall in Betracht kom­menden Taffragen aufzuklären Ahütte. Obwohl die deutsche Regierung den Antrag auf Einsetzung einer solchen Kvmniissivn anläßlich zweier früherer Verfälle im Ruhrgebiet vergeblich gestellt hat, erwartet sie, daft sich die französische Regierung jetzt einem internationalem Untersuchungsver-

faftren nicht entziehen wird. Die französische Re- I gierung wird nicht behaupten wollen, daß der Zwischenfall von Essen seine einwandfreie Auf- | Härung in dem kriegsgerichtlichen Verfahren fin­den könnte, wie es anscheinend gegen die noch immer in Haft befindlichen drei Mitglieder der Direktion der Kruppschen Werke durchgeführt werden soll. Da es sich um die Frage handelt, ob die Schuld an dem Zwischenfall Bei den auf deutscher Seite Beteiligten Personen cder bei den französischen Desahungstruppen liegt, würde ein aus Angehörigen dieser Truppen ge­bildetes Kriegsgericht zugleich Partei und Richter sein.

Der Aufruhr in Mülheim.

Mülheim a. d. Ru hr, 19. April. (WTD.) Die Erwerbslosen zogen vormittags wieder vor das Rathaus, das sie umringt halten. Die Be­amten sind dort eingeschloffen. In den Straßen der inneren Stadt, die von den Aufständischen beseht wird, wird ständig geschoffen. Auch auf das Rathaus fielen Schüsse, mich auf das Zimmer, in dem sich der Oberbürgermeister Dr. Gemke befand. Ganze Stadtteile sind von dem Verkehr mit der inneren Stadt abgeschnitten. Wie die Demonstranten in den Besitz der Waffen gekom­men sind, ist noch unaufgeklärt.

Mül.heim (Ruhr). 19. April. (WTD.) Kommunisten, Syndikalist enundVer- brechergesindel haben die Innenstadt von Mülheim beseht und die Stadt- ausgänge verbarrikatiert Das Rat­haus Legt unter dem Gewehrfeuer der Auf- ständischen, welche Waffenhandlungen geplündert haben. Der Regierungspräsident hat angenrbnet, daß Schutzpolizei von Duisburg nach Mülheim entsandt wird.

Elberfeld, 20. April. (WTD.) Um 7.20 Uhr gestern abend war die Gage in Mülheim schwer bedroht. Die Innenstadt ist vollkommen in den Händen von Kommunisten, Syndikalisten und Verbrechern. Es wird lebhaft geschossen. Der Re­gierungspräsident hat angeordnet, daft 100 Mann Schutzpolizei sofort von Duisburg nach Mülheim gezogen werden. Die französische De - sahungsbehörde in Düsseldorf hat sich roch nicht über die nachgesuchte Erlaubnis schlüssig gemacht. Falls die 100 Mann Verstärkungspolizei von den Franzosen nicht nach Mülheim durch­gelassen werden sollten, fällt die ganze Verant­wortung für alle Folgen auf die Franzosen.

Der französische General Denvignes hat sich zu dem französischen General Simon be­geben und von diesem zu dem Korpskommandanten nach Dredeneh. Wahrscheinlich wollen die Fran­zosen die Schutzpolizei nach Mülheim hereinlassen, nachdem sie sich über die gefährliche Gage klar geworden sind.

Mülheim, 20. April. (WTD.) Der von den Kommunisten proklamierte Generalstreik ist m i ft (un gen. Es wird in allen Werken ge­arbeitet.

Köln. 20. April. (WTD.) Wie dieKöln. Volksztg " über die Vorgänge in Mülheim noch meldet, kam es in den gestrigen Mittagsstunden infolge von Ausschreitungen des Pöbels zu z a hl- reichenStraßenkämpfen. Zur Abwehr der Aufrührer bildete sich unter der Geltung der wenigen Polizeibeamten, die nicht ausgewiesen sind, ein Selbstschutz. Die Ruhestörer haben aus Automobilen und sonstigen Fahrzeugen, die sie auf der Strafte anhielten, Barrikaden errichtet. Von beiden Seilen wurde mit alten Schrot- und Jagdflinten geschossen. Rach der Köln Volksztg." sammelt sich auch in Re ck - linghausen zahlreiches lichtscheues Gesindel aus dem besetzten und unbesetzten Gebiet an.

*

Münster, 19. April. (Wolff.) In Essen sammelte sich heute morgen vor dem Rathause eine Anzahl Arbeitsloser an, welche Unter« stützung verlangte. Da dis Polizei von den Fran­zosen aufgelöst ist, hatte sich die Feuerwehr zum Schutz des Rathauses eingefunden. Dis jetzt ist die Ruhe nicht gestört worden. >

Die Gewalttaten.

Ludwigshafen, 19. April- (WB) Die Franzosen Heften heute auf der linken Rhein- brückenseite in Gudwigs Hafen die von Mann­heim kommenden deutschen Eisenbahner eingehend untersuchen, anscheinend auf größere Geldbeträge, da sie Gehalts» und Lohnzahlungen vermuten. Bei einem tÄsenbahner, der von Gudwigshafen nach Mannheim ging, wur­den 90 000 Mk. beschlagnahmt.

Für die unerhörte Behandlung der Eisenbahner in der Pfalz durch die Franzo­sen ist folgender Fall ein gutes Beispiel: Ein Be­amter in Kaiserslautern, In dessen Wohnung ein französischer Kriminalbeamter vergeblich die Aus­lieferung des Gehalts verlangt hatte, war auf das Polizeimilitärgericht bestellt worden. Dort wurde ihm, als er bestritt, sein Gehalt erhalten zu haben, von einem französischen Kriminalbeamten in Zi­vil zweimal mit der Hand heftig ins Gesicht ge­schlagen. Rach wiederhofter Behauptung, sein Geld noch nicht erhalten zu haben, wurde er nach einem anderen Miliiärbureau gebracht und erhielt dort, nachdem er bei seiner Behauptung blieb, von einem französischen Kriminalbeamten drei kräftige Hiebe. Darauf wurde er aufgefordert, das Gell» zu Hause zu holen. Cs wurde ihm ungeraten, über d i e Schläge zu schweigen, da man es andernfalls doch erfahren und sich rächen würde.

Ausqewicsen.

fpd. H ö ch st a. M., 19. April. Der bei der Frankfurter Reichsbahndirektion beschäftigte

Eisenbahn-Oberinfpekwr Koch von hier wurde mit feiner Familie auSgewiesen. Der Fall ist um so bemerkenswerter, als die Frist der Aus­weisung auf nur zwei Lage beschrankt wurde.

FranzösischeBildung".

Eine deutsche Firma der hiesigen Gegend hatte, so schreibt dasDarmst. Tgbl.", vor einiger Zeit an eine deutsche Firma, mit der sie bisher in Geschäftsverbindung gestanden hatte, folgendes Schreiben gerichtet: Ihr Schreiben vom 23. März:

Wir verstehen nicht, wie Sie uns zumuten können, von Ihnen zu kaufen, solange Ihre Gandsleute das Ruhrgebiet beseht halten. Da die ftanzösischen Berichte feststellen, daft keine Kohle mehr das Ruhrgebiet nach hier verläftt, sondern schon grofte Mengen nach Frankreich transportiert werden, so halten wir es für rich­tiger, daft Sie das Rohglyzerin im eigenen Gande mit Ruhrkohle destillieren, da die französische Kohle ja sehr knapp fein soll. gez. Unterschrift.

Folgende Antwort ging darauf em (in fran­zösischem Text):

Marseille, den 3. April 1923. 27, Rue de la Darse.

Meine Herren I

Wir sind im Besitze Ihres Schreibens vom 28. pto.

Ihre Denkungsweise wird sich niemals ändern, die Peitsche wäre das einzigste Mittel,' Sie zur Vernunft zu bringen. Wenn unsere Truppen heute an der Ruhr stehen, so ist allein die deutsche Unredlichkeit, deren Zeuge die ganze Welt ist, daran schuld. . . . Richt damit zufrieden, Falsch­münzer gewesen zu sein und den größten Schur­kenstreich aller Zeiten begangen zu haben, haben Sie überdies noch die Keckheit, den Kops wieder hochzuhalten! Ich bedauere, nicht mächtiger in Frankreich zu fein, um Sie so zu züchtigen, wie Sie es verdienen,Schmuhsinkenbande"!!!

Die unkorrekte Art und Welse, wie Sie sich 1870 benommen haben, als Sie Sieger waren, muft Ihnen beweisen, daß wir etwas mehrGent- lemen" als Ihre schmutzige Rasse sind, und daß wir ein wenig besser gehandelt haben, als Ihre Väter uns gegenüber,Saubande" . . .

Es ist wirklich bedauerlich, daß man uns, als Sie im September 1918Knock-out" waren, ver­hindert hat, Ihnen das Maul vollzustopsen. . . . Sie würden etwas weniger anmaftenB fein, Schweinebande l!l. Raymond Radisson.

Französische Hotelpächter in Essen.

D e r [ i n, 20. April. Den Morgenblättern zu­folge ist das Essener HotelHandels- hof", das der Stadt Essen gehört, an einen Franzosen verpachtet worden. Der Ver­trag mit der französischen Behörde lautet bis zum Ende der Besetzung. Der Pächter desHandels- Hofes" erklärte einem ausländischen Korresponden­ten, daft er die Pachtzeit auf ungefähr 3 0 Jahre schätze. Die Restaurationsräume im HotelKaiser Hof" und imParkhotel" find für die Dauer von sechs Jahren zur Ver­pachtung von den französischen Behörden aus­geschrieben worden. Auch das Restaurant im Essener Hauptbahnhof soll von den Franzosen ver­pachtet werden.

Die Verkehrslaqe.

Frankfurt a. M., 18. April. (Wolff.) Die Reichsbahndirektion teilt mit: Die Bahn­strecken Dietz Friedrichssegen und Diez Hohenstein sind infolge Eingriffs der Franzosen außer Betrieb. Der Ver­kehr von Limburg (L.) nach dem Rhein wird über den Westerwald aufrechterhalten. Zu diesem Zwecke verkehrt vom 1. April d. Is. ab ein neuer Zug 3855 Limburg ab 12.50 mittags, in S iershahn 1.11 nachmittags W. E. Z. und in Sayn 2.38 nachmittags W. E. Z.'

Ritts gegen Deutschlands Vergewaltigung.

Frankfurt a. M., 18. April. (Wolff.) ES war geplant, während der Frankfurter Frühjahrsmesse einige führende Persönlichkei­ten, die sich in den Dienst der internationalen Völkerverständigung gestellt haben, in Frank­furt sprechen lassen. Verkehrsschwierigkeiten und der Umstand, daft mehrere der nach Frankfurt gebetenen Herren aus persönlichen Gründen verhindert waren, zu erscheinen, lie­ßen das Meeting nicht zustande kommen. Der bekannte italienische Staatsmann und Poli­tiker R i t t i hatte für den Fall, daß die Ver­sammlung hätte zusammentreten können, eine Kundgebung gesandt, in der es u. a. heißt:

Der Vertrag von Versailles hat bestimmt, daß die Deutschen erklären mußten, sie und ihre Verbündeten allein seien für den Krieg verantwortlich. Diese Erklärung ist in den in­ternationalen Verträgen etwas Neues und durchaus Lächerliches, denn welchen Wert kann die Erklärung von Besiegten haben? Lloyd George selbst hat in aller Aufrichtig­keit anerkannt, daß die Verantwortlichkeit für den Krieg, in verschiedenem Maße, ein wenig auf allen lastet. Aber wenn die Verantwor­tung für den Krieg nur zum Teil auf die Deut­schen fällt, so fällt die Verantwortlichkeit für den Frieden allein auf den Sieger.

Vier Jahre des Friedens haben mehl Ruinen, mehr Elend und mehr Unordnung gebracht als die vier Jahre des Krieges. Die Entente hat alle ihre feierlichen Versprechungen verletzt, hat alle ihre Verpflichtungen mißachtet und zuletzt die Ver- ttäge selbst gebrochen. Sie begnügte sich nicht mit dem Mißgriff an der Saar, sie beging das Verbrechen an Oberschlesien, und jetzt muft der Einbruch in das Ruhrgebiet bezeugen, daft die siegreiche Plutokratie, die Deutschland vorwarf, daß es nach der Herrschaft über Kohle und Eisen und nach der militärischen Hege­monie über Europa sttebe, jetzt selbst das Ziel zu verwirllichen suche, das sie der Absicht dei deutschen Großindustrie und Militärkaste zu­schrieb.

Heute kann das ausgehungerte, gequälte und in seinem innersten Leben bedrohte deutsche Volk vor der ganzen Welt stolz sein Recht hinausschreien. Heute haben weder Franzosen noch Belgier das Recht, Deutsch­land irgendeinen Akt, irgendeine Tat oder Ab­sicht vorzuwerfen, nachdem es seine Kraft wie­dergefunden hat im Kampfe des Widerstan­des mitten unter den Gewalttaten und Ver­brechen seiner Besieger.

Ich habe alle Akten der internationalen Konferenzen lesen können, ich habe vielen die­ser Konferenzen persönlich beigewohnt, ich habe alle Friedensdokumente geprüft, ich kenne die handelnden Personen des Dramas und habe mich überzeugt, daß die ausgeübte Ge­walt nicht darauf gerichtet ist, eine Politik der Reparationen zu befolgen, sondern einfach und einzig darauf, das deutsche Volkzuerdrücken,seineEin hei tzu brechen und es aller seiner Hilfs­mittel zu berauben.

Heute bin ich überzeugt, daß Europa we­der Frieden noch Frecheit noch Wohlstand ha­ben wird, wennderverderblichenRe- parativnSpolitik kein Ende ge­macht wird und wenn die schwersten Irr­tümer der Friedensverträge nicht beseittgt wer­den. Solange Deutschland und die anderen be­siegten Länder nicht ihre vollständige Auto­nomie erhalten haben und solange noch ein einziger Soldat der Entente auf ihrem Boden weilt, solange werden wir von Irrung zu Irrung, von Gewalttat zu Gewalttat, von Schuld zu Schuld, von Verbrechen zu Ver­brechen gelangen.

Als alter Freund Frankreichs, der wünscht, daß zwischen Deutschland und Frankreich auf dem Fuß vollkommener Gleichheit Beziehun­gen der Herzlichkeit und Freundschaft herge- stellt werden, und daß beide Völker zusammen, jedes nach seiner nationalen Eigenart, zum Fortschritt der Menschheit bettragen, gehörte ich zu jenen, die den Sturz des deutschen Mili­tarismus wünschten und voraussahen, aber jetzt kann ich nichtohne Schaudern die Vergewaltigung DeutschlandSmit ansehen.

Es ist nicht möglich, daß Deutschland, das noch immer das kultivierteste Land Europas ist und dem wir alle, Männer des Denkens und Forschens, einen so großen Teil unserer Kennt­nisse verdanken, zugrunde geht. Sein Unter­gang wäre auch der Untergang von ganz Eu­ropa und wäre der Beginn einer Reihe von Kriegen und Revolutionen. Arbeiten wir alle an dem Werk des Friedens, auch wenn wir den Vorurteilen der Gewaltpolitik ttotzen müssen. Der Friede aber verlangt vor allem das Ende der Reparattonspolitik.

Der Bericht der englischen Arbeiterabordnung aus dem Ruhrgebiet.

Loudon, 18. April. (Wolff.) Gestern abenö wurde, wie bereits kurz gemeldet, der vom 3. AvrU datierte Bericht der aus den Parlamentsmitglie­dern Adarnson, Tom Shaw und Charles Buxton sowie dem Drlgadegeneral Thomson bestehenden Arbeiterdelegation über ihren Besuch im Ruhrgebiet von 21. bis 27. März veröffent­licht. Der Bericht stellt fest, daft das Geschäfts­leben im Ruhrgebiet stillsteht. General Degoutte habe die Lage richtig als Blockade bezeichnet. Auch die brlffsche Zone im Rheinland sei umzingelt. Unter diesen Umständen sei die Gage der briti­schen Kaufleute unmöglich geworden; ihre Ge­schäftsoperationen seien gelähmt durch die Rot­wendigkeit. den Franzosen einerseits die Ausfuhr­lizenz au bezahlen und andererseits durch die Tat­sache, daft, wenn diese Gizenz bezahlt werde, die deutschen Arbeiter sich weigern, ihre Wagen zu befördern. Die allgemeine Ansicht scheine dahin zu gehen, daft die Industrie um die Hälfte zurück­gegangen ist. Don einem Gebensmittelmangel sei nichts sichtbar. Die Gebensmittelpreise hätten Rei- gung gezeigt zu fallen. Dies könne zurückzuführen fein auf die Anstrengungen der deutschen Re- gierung, das Ruhrgebiet gut versorgt za halten.

Tatsächlich bestehe Grund zu der Annahme, daß die Arbeiter das mächttgste Element des Widerstandes gegen die widerrechtliche Aneignung