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SranTfurt a. M. 11686.

173. Jahrgang

Donnerstag, 17. Mai 1923

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhesfen

Vrvck mid Verlag: vrühl'sche Univerfitütr-Vuch- unö Zteinüruckerei H. Lange in Gießen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Schnlstrahe 7.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohnejede Verbindlichkeit. Preis für 1 mm höhe für Anzeigen v. 27 mm Breite Srtl. 100 Mk., auswärts 125 Mk.,-für Reklame Anzeigen von 70 mit Breite 500 MK.Bei Platz. Vorschrift 20"/. Aufschlag. Hauptschriftleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz; für den übrißen Teil: Ernst Blumschein, für den Anzeigenteil: Hans Beck, sämtlich in Dietzen.

Loucheur über den Ruhrkrieg I und die deutsche Leistungs­fähigkeit.

Dari-, 17. Mat. (WTB.) Der ehemalige Minister Loucheur dunerte sich gestern abenb in einer öffentlichen Rede in Vincennes in einer von dem republikanischen Komitee anberaumten Versammlung über die toirtschaftliche Lage Frank­reichs. <3r sprach von dem Versailler Vertrag und seine Ausführung and sagte u. a.: Wir konnten rn den '^ertrag eine Reparationsziffer nicht ein­schreiben lassen. Sie muhte begrenzt bleiben durch de Zahlungsfähigkeit Deutschlands. Wenn man wollte, daß Deutschland seine Ver­pflichtungen erfülle, hätte man ihm die Welt­märkte offen halten müssen. Aber Deutschland sei durch seine Inflationspolitik f a st ruiniert Gs habe dadurch der Welt beweisen wollen, daß es picht zahlen könne. Seit einem Jahre führe es fast nichts mehr aus. Trotzdem aber wolle Frankreich bezahlt fein. Als die Ruhr- desehung vollzogen wurde, mar ich kein Anhänger dieser Aktion. Ich habe wohl gedacht, daß man zu Zwangsmaßnahmen tommen müsse, aber ich habe sie Im Einverständnis mit allen Alliierten ge- wünscht. Die Deutschen hegen die Hoffnung. die Welt den Einmarsch mißbillige". werde. Deutschland hat auch geglaubt, daß sich Meinungs­verschiedenheiten zwischen den Franzosen die An­hänger der Ruhrbesehung waren, und denen, die Gegner der Besetzung sind, ergeben würden. Deutschland muß sich für besiegt erklären, denn Frankreich ist entschlossen, bis ans bittere Ende zu gehen. Richt ein Franzose, der die- sesRamenswürdig ist, kanndieRäu» mung des Ruhrgebiets vor der An­erkennung der Rechte Frankreichs billigen. Irgend jemand muß eingreisen, um es Deutschland zu ermöglichen, seine Ver­pflichtungen zu erfüllen. Das ist nur mög­lich durch eine internationale Anlerhe. Amerika, das reserviert bleibt, macht eine ernste Krise durch. Das Gold ist ein Reichtum, aber nur unter der Bedingung, daß man sich feiner bedient. Für Amerika gibt es nur ein einziges Mittel, sein Gold zu verleihen. Loucheur erinnerte dann noch daran, daß die von Frankreich verlangte Summe vernünslig sei. Jeder Gedanke der Annektion des Ruhrgebiets liege Frankreich fern. Die Besetzung öiefeS Ge­biets sei kein Zweck, sondern ein Mittel, denn wenn die Besetzung bis jetzt scheinbar auch kein Ergebnis habe, so habe sie doch die feste Entschlossenheit Frank echs gezcigt. bezahlt zu werden. Die Besetzung des Ruhrgebiets sei auch eine Garantie und die Besetzung dürfe nur in dem Maße aufgegeben werden, in dem Deutschland seine Verpflichtungen erfülle Eine internationale Anleihe konneDeutschland dieMög- lichleit znm Produzieren und Exportieren ne- trab-cu, damit es in den Stand gefetzt werde, die Reparationen zu bezahlen. Schließ'ich sp ach Lou- dtevr noch Von der Sicherheit Frankreichs. Da der amerikanisch-englische Pakt nicht zustande gekommen sei, mühten Maßnahmen auf den lin­ken Rheinufer getroffen werden. Keine Annek­tionen ! Damit würde man den Fehler Dism ircks wieder begehen, der Elsah-Lothringen annektiert habe. Sin besonderes Statut für die Rheinprovinz sei aber notwendig. Man müsse sie der Herrschaft Preußens entziehen, denn Preußen bedeute den Krieg. Außerdem m'ste ei >e internationale Organisation zurK ontrolleder Eisenbahnen auf dem linken Rhein- user geschaffen werden Frankreich wolle nur sein Recht, aber es wolle auch den Frieden ge­winnen.

Der Personenverkehr von und nach Antwerpen eingestellt.

Brüssel, 17. Mai. (WTB.) Der gesamte Personenverkehr nach und von Ant­werpen ist eingestellt worden. Die inter­nationalen Züge DarisAmsterdam und Amster­dam-Paris werben in Antwerpen festgehalten.

Der französische Terror.

Wegen Richtbezahlung einer der Stadt aufer- legten Geldbuße von zehn Millionen M-->rk wur­den m Dortmund Bürgermeister Fischer und Stadtbaurat Koertgen verhaftet.

Im Eastroper Militärgesängnis sind wei­ter eingeliefert worden: zwei Dureaubeamte und vier Arbeiter. Vom Kriegsgericht in Wit­ten wurden verurteilt: vier Arbeiter aus Witten wegen Schmuggeleien zu je einer Million Geld­strafe und je zwei Monaten Gefängnis, ein Gast­wirt und ein Maurer zu je 503 000 Mark Geld­strafe, weil sie ihre Brieftauben nicht angemeldet hatten, und ein Bahnbeamter zu einem Jahr Ge­fängnis unö einer Million Geldstrafe.

Kleber Lennep und Mengede wurde der verschärfte Belagerungszustand verfängt.

Düsseldorf, 16. Mai. (WTB.) Heute vor­mittag haben die Franzosen abermals bei zwei Zweigstellen der Düsseldorfer Erwerbslosen­fürsorge die Kissen beschlagnahmt. In den Kaffen b" anden 15) 25 bis 3) Millionen.

Gelsenkirchen, 16. Mai. (WB.) Beim Oberbürgermeister erschienen gestern drei fran­zösische Offiziere und 20 Mann und teilten ihm mit, daß auch Gelsenkirchen nunmehr eine dauernde Besatzung er halten werde, und zwar würden d r e i D a t a i l l o n e in die Stadt gelegt werden, von denen eines auf dem Flugplatz, das andere im Stadtteil Bismarck und das dritte in der Mitte der Stadt in der Rähe des Hauptbahnhofs unter­gebracht werden solle.

Eine auhenpolitische Aussprache im Reichstag.

Eine Zugentgleisung.

Berlin. 16. Mai. (WTB.) Wie aus Ko- blenz gemeldet wird, entgleiste in Lützel bei Koblenz ein französischer Personen­zug und liegt neben den Schienen.

Bonar Law in Paris.

Paris. 16. Mai. (WTB.) Havas meldet: Der englische Ministerpräsident Bonar Law ist heute vormittag 10 Uhr in strengstem Inkognito in Paris angekommen. Er wünscht, den völligen privaten Charakter seiner Reise in Paris zu wahren und wird jeden offiziellen Besuch vermeiden. Bonar Law hält sich einige Tage in Paris auf, reift aber nicht unmittelbar nach London weiter. Das nächste Ziel sei noch unbekannt.

Mussolini und der deutsche Botschafter in Rom.

Rom. 16. Mai. (Wolff.) Zu Ehren Mussolinis hat gestern der deutsche Botschafter ein diplomatisches Essen ge­geben. an welchem der Generaldirektor im Mi­nisterium des Auswärtigen, Senator ßonta« rini. der amerikanische und der eng­lische Botschafter sowie andere Persönlich­keiten teilnahmen.

England und Nuhland.

London. 16. Mai. (WTB) Rach Anhörung des größten Teils der gestrigen Hnterhaus- debatte erklärte Krassin in iln'erre&ungen mit Pressevertretern, er habe gestern ein Schreiben an das Foreign Office gesandt. Es sei ursprünglich nicht seine Absicht gernelen, um eine Unterredung nachzusuchen. Jetzt hoffe er jedoch, daß eine Zu­sammenkunft stattsinden werde. Die russi'che Regierung wolle keineswegs einen Bruch des russischen Handelsabkommens. Sie wünsch? alle strittigen Fragen auf der Grundlage der Gegen­seitigkeit zu erörtern. Aus einer Konferenz zwi­schen politischen Vertretern Großbritanniens und Rußlands könne die Frage der Propaganda ge­klärt werden.

In der gestrigen Debatte über die englisch- russischen Beziehungen erklärte Mac R e i l l außer dem bereits Gemeldeten noch, die Re­gierung beabsichtige nicht, das Handels­abkommen aufzuheben, sondern sie wünsche im Gegenteil, daß seine Bestimmungen befolgt würden.

Die Debatte im Unterhaus.

London, 15. Mai. (WTB) Im Verlauf der IlnterhauZdebatte über die russische Antwortnote drückte Lloyd George seine Befriedigung über die Mitteilungen Mac Reills aus. Gr sagte, es sei sehr klug, diese Frage in Ruhe zu erörtern. Was die 5-ugc der Propaganda betreffe, so habe Russ­land bis zum Jahre 1901 große Summen sei-en Geheimdienst auZgegeben. um eine Propa' an' a Im Osten gegen britische Interessen durchzuführen. Man rede von einer revolutionären und einer zaristischen Regierung, es bestanden indessen in Wirklichkeit keine grundlegenden älnterschiede zwi­schen dem Zarismus und dem Bolschewismus. Tschitscherin sei auch ein Revolutionär im ge­wöhnlichen Sinne des Wortes. Unter Heiterkeit des Hauses erklärte Lloyd George, Tschitscherin fei ein ebenso großer Aristokrat wie Cu -rn. Dsr größte Teil der ruffischen Beamten hätte seine Ausbildung unter dem früheren Regime geno's n. und der Russe komme znm Vorschein, allmählich werde sich der Bolschewismus wieder zum russi­schen Imperialismus entwickeln. Die Russen machten Propaganda im Ramen d^s Friedens und der Brüderlichkeit, jetzt stehe man dem alten Rußland gegenüber, vor dem er sich immer gefürchtet habe Man dürfe jedoch feinen Fehler begehen und glauben, es fei Bolschewismus.

Lloyd George bat die Regierung, jetzt, da sie diesen klugen Schritt unternommen habe, vollen Ruhen daraus zu ziehen. Er wies auf die augenblicklich sehr ernste Lage der Welt hin, in der man feine Streichhölzer fallen lassen bürfe. Seit 1914 Ratten Ultimata einen schlech­ten Klang. Dieses Wort habe die größte Katastrophe ter menschlichen Geschichte herbci- geführt. Er hoffe, dies werde nicht wieder ge­schehen. Wenn man den russischen Handelsver­treter wegschicken und alle Verbindungen mit Rußland abschneiden würde, so würde die dortige Revolution auf sich selbst zurückgeworfen werden und würde auf ihre früheren Mittel zurück- greisen. Glaube das Haus nicht, daß Männer in Ruf;'and vorhanden seien die lieber eine heaus- fcrdernde Antwort von feiten der britischen Re­gierung gehabt hät en? Das Ergebnis würde sein, daß jene Männer triumphieren

Asquith, der nach Lloyd George sprach, schloß sich nachdrücklich den Ausführungen des Dor-redners an. Er sagte, es wäre nicht klug, den einzigen Faden einer freundschaftlichen Ver­bindung, der zwischen England und Rußland im gegenwärtigen Augenblick bestehe, ab zu schnei­den. Es bedeute eine große Erleichterung für das Unterhaus, und werde es auch für ibie Dessentlichkeit bedeuten, zu wissen, daß de- Bestich Krassins vielleicht benutzt werden könne, um in diesen Fragen zu einer gemeinsamen Verein­barung zu gelangen.

Kennworthy erklärte, das Haus müsse aus einer Erklärung seitens der Regierung be­stehen, daß, was auch immer das Ergebnis der ilnterrebung zwischen Curzon und Krassin sein werde, die älnterhandlungen nicht abge­brochen, sondern über die festgesetzte Zeit hinaus fortgesetzt würden, um dem Haus Gelegenheit zu bieten, seine Ansicht darüber auszusprechen.

356. Sitzung, vormittags IP/j älhr.

Berlin, 16. Mai 1923.

Sin von allen Parteien eingebrachter Gesetz­entwurf über die Abfindung von Witwen in der älnfallversicherung wird debatte- los in allen drei Lesungen angenommen. Danach soll den Witwen, die eine Zulage zur Witwen­rente bezogen haben, im Falle der Wiederver­heiratung eine Abfindung von des Jahres- Verdienstes zugestcmden werden, nach dem die Zu­lage errechnet war.

Rach kurzer Aussprache wird sodann der Gesetzentwurf über den Verkehr mit u n - edelen Metallen, Perlen und Edel­steinen in zweiter Lesung genehmigt Es handelt sich hier um die Einführung einer Konzessions- Pflicht und um ein Verbot des Erwerbs solcher Gegenstände von Jugendlichen. Das Reichsent- lastungsgeseh, das Liquidationsschädengeseh und das Reichsausgleichsgeseh werden in zweiter Lesung genehmigt.

Es folgt die dritte Beratung des Etats des Auswärtigen Amtes, des Reichskanzlers und des Reichspräsidenten.

Abg. Müller-Franken (6.):

Der Rotenwechsel hat keine Befrie­digung geschaffen. Im Gegenteil, der Ter­ror im alt» und neu besetzten Gebiet hat wesentlich zugenommen. Wir haben die harten Kriegsgerichtsurteile von Werden und Mainz erlebt, die ein Hohn auf jede Gerechtigkeit sind. (Beifall.) In Frankreich und Belgien sollte man endlich einsehen, daß durch den oerftärE.en Terror eine Befriedigung der europäischen Ver­hältnisse nicht erreicht werden kann. In den Ant­wortnoten auf die deutsche Rote ist das einzig Erfreuliche, daß sie nicht den Weg verschütten, der zu erfolgreichen Verhandlungen führen kann und schließliche auch führen maß. Die belgisch-fran­zösische Rote verlangt von Deutschland die Ein­stellung des passiven Widerstandes. Selbst die französische Regierung sollte endlich cin'ehen, daß der passive Widerstand an her Ruhr ni ht von Cer. deutschen Regierung kommandiert, sondern aus dem eigenen Willen der Bevölkerung geboren ist. (Lebhafte Zustimmung.) Wäre es anders, dann wäre dieser passive Widerstand schon längst unter dem französischen Terror zufarnmengebrochen. Wir haben es nicht verstanden, daß in der deutschen Rote so viel von dem passiven Widerstand ge­redet wurde, den sollte man doch allein der Be­völkerung überlassen. Redner wendet sich dann gegen die Behauptung, die Sozialdemokraten hüllen die Rote beeinflußt, und fährt dann fort: Wir haben tatsächlich die Rote erst aus der Presse fonnengel^rnl innere Politik muß bei so wichtigen außerpolitischen Fragen überhaupt vollbommen außer Betracht bleiben. Wir müsse'' mehr Wert auf die Schaffung von Garantien für unser Angebot legen. (Graf Westarp (Dntl.) ruft hier dazwischen:Es ist doch nichts da!") Man sollte doch hier nicht etwas glauben machen wollen, was uns fein Mensch im Ausland glaubt Wer die Entschuldung der Landwirtschaft beob­achtet hat, der weiß,' daß doch noch einiges da ist. wenn es gilt, eine endgültige Lösung zu treffen, wenn es gilt, das Ruhrgebiet zu be­freien und am Rhein geordnete Verhältnisse zu schaffen. Für diesen Fall dürfen überhaupt keine materiellen Opfer gescheut werden, so groß sie nur aufgebracht werden können. (Beifall links und in der Mitte.) Es zeigt sich aus den englischen Antworten, daß die Ziffern nicht so toeit aus» einander geben, daß nicht bei gegenseitigem ernsten Verhand'ungswilb.n ein Weg des ©ntgegenfom- mens 1 vorhanden wäre. Im Rahmen des deutschen Angebotes muß der Wiederaufbau der verwüste­ten französischen Gebiete erreicht werden Eine Lösung läßt sich nur finden, wenn wir substan- iriirrte Garantien bieten Die dcutsche Rote läßt leider in diesem Punkte Konkretes vermissen. In das Gebiet dieser Garantien würden die jetzt sr.ilich noch nicht twrhandenen Eisenbahnüber- schässe gehören, vielleicht auch die Einnahmen des Vranr.twrinmonopols. Vor allem aber brauchen wir konkrete Garantien von Landwirtschaft. In­dustrie, Danken und Handri Wenn den Vrichz- kanz'er Privatbriese von Führ en der Wirtschaft in diesem Sinne hat, so genügt das nicht. Wir müssen jetzt schon gesetzgeberische Schritte j,ur Er­reichung dieser Garantien vvrbereiten. Die Par­teien, in denen die Führer der Wirtschaft sitzen, sollten jetzt schon erklären, daß sie daran arbeiten wollen. Auch eine Verständigung über die Koks- liefeiung wird gesucht werden müssen. Rur eine tri tschastliche Annäherung wird zur Entspannung führen. Wir müssen den Plänen begegnen, die auf eine Beschlagnahme unserer Eisenbahnen aus­gehen. Darum sollten wir auch konkretere Vor­schläge für politische Sicherungen machen, dann wird Frankveich zeigen müssen, ob es wirklich ökrnomisch<e und nicht annexionistische Ziele ver­folgt. Wir wollen nich, wie Oesterreich, unter die Kontrolle der Entente geraten. Der Redner dankt der rheinischen Bevölkerung für ihre Treue und, dafür, daß sie sich nicht durch 2Ebenteure® und Dynamitattentäter zu unbesonnenen Schritten verleiten läßt. Wir sind überzeugt, daß die Re­gierung mit solchen Abenteurern nichts zu tun hat. Wenn Frankreich den Weg der Verständi- S beschreiten will, dann wird die Zahl der nch-.schreier immer kleiner werden unö immer großer die Zahl derer, die uns durch Arbeit ni>s dem Jammer herausführen wollen, in den uns der Krieg gebracht hat. (Beifall.)

Abg. Dr. Leicht (Vahr. Dpt.):

Im Ramen deS Zentrums, der Deutsch.Volks- Partei, der Demokr. Partei und der Dayr. Volks- parici habe ich folgende Erllärung abzugeben: Der gegenwärtige Augenblick erschrint unS als verfrüht, zu den auf das deutsche Angebot ein­gegangenen Antworten hn Reichstag Stellung zu nehmen. Wir werden uns deshalb an der parlamentarischen Aussprache nicht beteiligen. Wir sprechen aber die vertrauensvolle Erwartung aus, daß die Reichsregierung den Weg gehen wird, der in dieser für unser Volk und Vaterland so wichtigen Entscheidung notwendig ist. (Beifall bei den Mittelparteien.)

Abg. Hergt (Dtschntl.):

So sehr wir wünschen, daß die ange* knüpften Fäden nicht obreifkzn, so sehen wir doch jetzt, wo alle Antworten vor lie­gen, feine Möglichkeit, den Faden fortzuspinnen. Die Schwierigkeiten liegen ja nicht bei uns. Eng- laird hat durch die Rede Curzons die moralische Verpflichtung übernommen, nunmehr auch durchzu­führen. was auf sein Betreiben eingeleitet wurde. Poincare verlangt bündige Angebote. Unter fei­nen älmständen darf dabei die deutsche Wirtschaft geschädigt werden. Rur etwaige äleberschüsse kön­nen für die Reparationszahlungen rn Frage kom­men. Außerdem haben sich die Verhältnisse so ge­ändert, daß im April nicht mehr möglich war, was noch im Januar geboten werden konnte Englands Forderung von rund 50 Milliarden Goldmark war basiert auf dem Ianuarstand; unser Angebot be­ruht auf den augenblicklichen Verhältnissen. Somit besteht kein großer Unterschied zwischen unserem Angebot und Englands Wünschen, und England hat sich selbst desavouiert, wenn es jetzt einen schroff ablehnenden Standpunkt etnnlmmt In feiner früheren Rede hat sich Lord Curzon aus­drücklich moralisch auf unsere Seite gestellt und sich gegen jeden Versuch einer Zerstückelung Deutschlands gewandt. In der Rote Hingt es an­ders. Der Ruhreinfall wird hier als eine voll­zogene Tatsache angesehen. In diesem Punkte kann es aber für uns fern Paktieren geben. Was den passiven Widerstand anbelangt, so sind wir im Gegensatz zu Müller-Franken der Ansicht, daß die Regierung allerdings die Pflicht hatte, sich aus­drücklich zu ihm zu bekennen. Sind wir alle einig in der Fortführung des passiven Widerstandes, dann müssen wir darin übereinstimmen, dieses auch dem Auslande gegenüber entschieden zu be'onen. England ist also auch in diesem Punkte umgefallen. Den Forderungen Poincares gegenüber sind toir allerdings nicht der Ansicht, daß noch nicht alle Türen zugeschlagen seien. Höchstens können wir durch das kaudinische Joch gehen. Wir können schon, um den Glauben an die deutsche Ehrlichkeit nicht zu erschüttern, über unser letztes Angebot gar nicht hmausgehen. Wir müssen den ungebro­chenen Widerstand ausrcch erhalten. TS5;V über un­sere ursprünglichen Hoffnungen hinaus hat sich dieser Widerstand bewähr!. Der Wille zum Wider­stand ist heute mindestens so stark tote vorher und hinzugekommen ist noch die Erbitterung über Die französischen Gewaltakte. Meine F-aktion ist zu allen Opfern bereit, um eine Lösung zu finden. Wir stehen hinter der Regierung, solange die Re­gierung die Abwehrregierung ist und bleibt. (Bei­fall rechts.)

Reichsminister des Aeußeren §rhr. v. Rosen­berg:

Zu meinem lebhaften Bedauern muh ich es mir versagen, den Herren Q3o-r ebnem, die sich auf das Gebiet der außenpolitischen Debatte begeben hoben, im gegen'arirtige-n Augenblick auf d'eses Gcbiek zu folgen. Wie d.m Hohen Hause bekannt ist. ist nach der französischm und belgi­schen Antwort, die englische und die italienische Antwort auf unsere Rote vom 8. Mai am letzten Sonntag eingetroffen und gestern abend haben wir die Rote der japanischen Re^mrung erhallen. Die Re'.chsregierung ist mit Ernst und Sorgfalt, die der Wichtigkeit des Gegenstandes entsprechen, in die Prüfung dieser Antworten eingetreten. Die Prü­fung ist noch nicht abgeschlossen. Bevor dies der F.ril ist. würde es den Intereffen des Landes rov dersprcchen, vom Reg erun^stisch ®rFlärangen zur Gesamtlage unserer auswärtigen Politik oder zu den s:e beherrschenden Spezialfragen abzugeben. Ich bitte aber das Hohe Haus überzeugt zu sein, dc.ß die Regierung sich der auf ihr lastenden Der- antiDorUmq bewußt und nur von dem einen Be­streben erfüllt ist, den Weg zu gehen, den ihr nach Pflicht und äleberzeugung das Interesse von Volk und Vaterland, das Interesse der Gesamtheit vor- schreibt. (Beifall.)

Rach der Erllärung des Außenministers Der* lasten die meisten Abgeordneten den Saal. Rur zwölf Abgeordnete hören den kommunistischen Redner art

Abg. ÄDenen (Komm): Wir stehen unmit­telbar vor der Gefahr eines neuen Krieges. Eng­land hat sich In seiner letzten Rote der Front gegen Deutschland angeschlossen. Rußland, der natürliche Verbündete Deutschlands, wird jetzt von allen ta= pitalistisch-saszistischen Staaten bedroht, die der letzten Station des Proletariats dasselbe Schicksal bereiten möchten. Die Regrerung und die bürger­lichen Parteien haben nur Mut, wenn es gegen deutsche Proletarier geht. Sie wollen nur einen möglichst hohen Preis für den Verkauf des deut­schen Ruhrgebiets an Frankreich. Hochverräteri­sche Zechendirektoren wollen heute schon die deut­schen Arbeiter zwingen, für die Franzosen zu ar­beiten. Die Kommunisten sind die einzigen im