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Nr. 65 Zweites Blatt

Die Wohnungsbauabgabe.

Don Dr. M a r e tz k y, M. d. R.

Die Wohnungsnot in Deutschland nimmt elne immer bedrohlichere Gestalt an. Die Zahl der rvohnungslosen Familien wird auf l/22 Millionen geschäht, und der jährlich neu hin­zukommende Bedarf an Wohnungen beträgt etwa 200250 000.

Dem steht gegenüber, daß die private Wirtschaft unter dem Zwange der Entwick­lung, die auf dem Gebiet oeS Wohnungs­wesens seit dem Kriege vor sich gegangen ist, nicht mehr die Möglichkeit hat, neue Woh­nungen zu bauen. Die Mieten haben nicht die Höhe, um das in einem Neubau angelegte Ka­pital zu verzinsen. Nur wenn die Miete etwa den dreitausendfachen Betrag der Friedens­miete erreichen würde, wäre eine neue Bau­tätigkeit In der freien Wirtschaft möglich. CS kann keinem Zweifel unterliegen, daß eine derartige Mietsteigerung undurchführbar ist, sie würde fast der Gesamtheit des Volles die Wohnmöglichkeit nehmen oder zum mindesten unerträghd) erschweren.

Daher bleibt nur der zweite Weg, den Wohnungsbau mit Hilfe staatlicher Zuschüsse vorzunehmen. Die staatlichen Zuschüsse-können aber nicht ohne Deckung bleiben, wenn nicht auch auf diesem Gebiet eine bedrohliche Defi­zitwirtschaft einreißen soll, die ten Zusammen­bruch der Staatsfinanzen ungemein beschleu­nigen würde. Daher hat sich die Mehrheit des Reichstages entschlossen, die staatlichen Zu­schüsse für den Wohnungsbau durch eine Woh­nungsbauabgabe in Höhe des 30sachen Betra­ges der Friedensmiete aufzubringen. So schwer diese Belastung den einzelnen und ins­besondere den Mittelstand trifft, so ist doch zu bedenken, daß ohne diese Maßnahmen das Llnheil der Wohnungsnot ungehemmt über uns zusammenbrechen würde, und daß ferner das Baugewerbe mit feinen zahlreichen Ne­bengewerben zum Erliegen kommen müßte. In Zeiten eines so schweren wirtschaftlichen Druckes, wie wir ihn jetzt durch­leben, wäre es doppelt unverantwort­lich, das allgemeine wirtschaftliche Leben durch eine Stillegung der Bautätigkeit noch mehr zu erschüttern. Außerdem ist aber auch zu berücksichtigen, daß die Mieter in den alten Wohnungen gegenüber den Millionen Woh­nungsloser insofern gesetzlichen Schutz genie­ßen, als ihre Mietverträge unkündbar sind, und sie auf diese Weise vor dem Ansturm der Wohnungssuchenden geschützt sind. Wenn aber der Staat die Wohnungslosen durch gesetz­lichen Zwang von dem vorhandenen Wvh- nungSbestand fernhält, ist es auf der anderen Seite gerecht, daß die privilegierten Inhaber dieser alten Wohnungen sich an der Kosten­aufbringung für die Schaffung neuer Woh­nungen beteiligen. Es gibt nur zwei Lösungen der Wohnungsnot; entweder es wird die Zwangswirtschaft im Wohnungswesen besei­tigt, die freie Miete wieder eingeführt und damit der Wohnungsbau in freier Wirtschaft ermöglicht, oder der Staat gibt die Geldmittel für den Neubau von Wohnungen und deckt die aufgewandlen Beträge durch eine Abgabe auf die gesetzlich niedrig gehaltenen Mieten. Es kann keine Frage sein, daß der letztere Weg im Interesse der breiten Volksschichten der allein gangbare ist.

Ungeachtet dieser von ihr geteilten grund­sätzlichen Auffassung hat die Deutsche Dolks- partei gleichwohl die Wohnungsbauabgabe abgelehnt. Sie hat sich (an der Seite der Deutschnationalen) zu dieser Stellungnahme genötigt gesehen, weil die Mehrheit des Reichstages in das Gesetz eine Bestimmung ausgenommen hat, die geeignet ist, unseren selbständigen gewerblichen Mittelstand schwer zu schädigen. ES sollen nämlich aus der Ab­gabe Unterstützungen an Organisationen ge­zahlt werden, von denen behauptet wird, daß sie den Kleinwohnungsbau fördern und ver­billigen. Da im Rahmen dieser Bestimmung vor allem auch eine geldliche Zuschußleistung an die sogenannten sozialen Bauhüt­ten ins Auge gefaßt ist, und diese sozialen Bauhütten gegen das private Gewerbe den schärfsten Kampf führen, hat die Deutsche

Unter dem Aeiheittbcmm.

Roman von Clara D i e b i

66. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Ob es etwas nützen würde? Verzweifelt fuhr sich Adami durch die Dolle; es war nicht der Puder allein, der ihr dunkles Brarn ein wenig Heller schimmern machte, einzelne graue Faden zogen sich schon dem noch jungen Mann durchs

Was gestern vormittag als noch unbeglaubigte Kunde nach Lutzerath hinaus gelangt mar, das bestätigte im Laus des Mittags der älteste Sohn aus der llcßmüßle selbst. Zu Bertrich (arteten sie nun das Sterbeglöcklein für seine Mutter und fernen Vater zugleich Der Hubert, sonst em harter Zunge, weinte, als er erzählte, wie der Vater durchs offene Fenster erschossen worden war, am Lotenbett der Mutter. Dann aber flammte er aus im Triumph, er vergaß ganz seinen doppelten Schmerz: er und der Nikla, sie hatten es den Räubern ordentlich heimgezahlt. Der Martin oben in ferner Kammer beim Taubensch.ag hatte nichts gehört schade! aber es war auch ohne ihn gegangen. Er hatte den einen Räuber ge­troffen; die beiden anderen waren leider ent­kommen, jenseits im Waldgestrüpp. Nun war der lote Räuber heut morgen angeschwemmt Wor­ten unterm Brückenbogen zu Bertrich; das wllo- stürzende Wasser hatte ihn von Felsstufe zu Fels­stufe geschleudert, an einem Zacken war er zuletzt hängengeb.leben. Zur völligen Llnkenntlichleit war sein K?pf zerschmettert, die Eingeweide hingen bem Halunken zum Baach heraus.

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)

Dolkspartei es als unannehmbar angesehen, diese sozialisierten Betriebe, die bereits durch die Gewerkschaften finanziell in der stärksten Weise gestützt sind, auch noch Lurch Zuführung von Steuerbeträgen der Algememheit vordem Cinzelgewcrbe zu bevorzugen. Da es sich hier um eine grundsätzliche Frage, eine Teilmaß­nahme zur Sozialisierung unseres Wirtschafts­lebens handelt, und diese Frage insbesondere von der Sozialdemokratischen Partei mit dem Gesetz verquickt wurde, sah sich die Fraktion der Deutschen Dolkspartei genötigt, das ganze Gesetz abzulehnen. Das Gesetz wurde gegen die Deutschnationalen, die Deutsche Dolks­partei und die Kommunisten sowie einzelne Abgeordnete der Mittelparteien am Mittwoch vom Reichstag angenommen.

Deutscher Reichstag.

321. Sitzung, nachmittags 2 älhr.

Berlin, 16. März 1923.

In dritter Beratung wird der Ge'etzentwurf über Gebühren für Arbeitsbücher an­genommen, wonach für verlorene oder vernichtete Arbeitsbücher bei Ausstellung reuet eine Ge­bühr bis zur Höhe der doppelten Selbstkosten erhoben werden kann. Ein kommunistischer An- Antrag auf kostenlose Ausstellung wurde ab­gelehnt. In blätter Lesung wird ter von dem Abg. Dr. Stresemann (D. Vpt.) und Ge­nossen eingebrachte Gesetzentwurf angenommen, wo iach für die Weine des Iahrganges 1 922 die ZuckerungSfrist bis zum 30. Iuni ausgedehnt wird. Es wird zunächst eine Reihe kleiner Verlagen erledigt, darunter der Gesetz­entwurf, der nach den AussckMstanträgen die älnterstützungssahe für Sozialrent­ner und ihre Hinterbl.e e ten vervierfacht und im besetzten Gebiet verfünffacht.

Es folgt die zweite Beratung des Kohlen­steuer g e s e tz e s. Nach der Vorlage soll die 40prvzentige Kohlensteuer bis zum 31. März 1924 verlängert werden. Ter Finanzminister wird nach den Ausschußbeschlüssen ermächllgt, nach An­hörung des Reichskohlenrats mit Zustimmung des Reichsrats und eines Re'chstagsausschusses den Steuersatz zu erhöbe i oder zu vermindern. Eine Ermäßigung muß danach erfolgen, wenn sie durch den Reichsrat verlangt wird und ein Reichs­tagsausschuß zustimmt. In meh-erea Entschlie­ßungen ersucht der Ausschuß die Regierung a) eine Nachprüfung der Steuersätze durch ten Reichs- kc'hlcnrat vornehmen zu lassen, b) den gemein­nützigen chai-ilabiven und kirchlichen Anstalten so­wie den minderbemittelten Vvlkskreisen den Bezug von Hausbrandkrhle für den kommenden Win er zu Verbilligen. Ferner wird die Erwartung aus- gesprochen, daß die gestundeten Kvhlensteuer- beträge sofort eingezogen werden.

Einem Wunsch des Ausschußberichterstatters Abg. Dr. Leopold (Dtschntl.) entsprechend er­klärte Reichsfinanzminister Dr. Hermes: Die Reichsregierung wird sich wirtschaftlichen Notwen­digkeiten nicht verschließen und ist bereit, einen Beschluß des Reichskohlenrats auf Ermäßigung der Steuersätze als Grundlage für ihre Entschlie­ßung zu verwerten. Ich gehe über diese schon im Ausschuß abgegebene Erklärung noch einen Schritt hinaus und sage, die Reichs reg ierung ist bereit, ihrerseits auf Grund des Paragraphen 11 (der die Ermächtigung des Reichssinanzministers enthält) die Initiative zu einer noch festzusehenden Ermäßi­gung der Kohlensteuer zu etgrvijen (Beifall rechts), allerdings unter der Voraussetzung, daß auch der Bergbau seinerseits bereit fein wird, in gleicher Weise an der Senkung des Kohlenpreises mitzuwirken (Beifall links), wie eS die Reichs­regierung zu tun entschlossen ist.

In der Aussprache verlangt Abg. G i r b i g (Soz.) Maßnahmen zur Sicherstellung der bei den Händlern vorhandenen Kohlenbestände für bie Verbraucher und spricht sich aus außenpolitischen Gründen für die Aufrechterhaltung und gegen ?me Ermäßigung der Kohlensteuer aus, während Abg. Koenen (Komm.) die vollständige Beseitigung der Kohlensteuer fordert.

In der Abstimmung wird der grundlegende Paragraph 1, der die Steuervervflichmng fest­stellt, mit 395 gegen 8 Stimmen bei einer Stimm­enthaltung angenommen. D:e nächsten Paragra­phen werden in der Ausschußsallung angenommen. Abgelehnt wird ein Antrag der Linken auf fo- ftrtige Einziehung der gestundeten Kohlensteuer, ebenso ein kommunistischer Antrag, welcher Haus­brandkohlen für die minderbemittelte Bevölke­rung und die Kohlen für Krankenhäuser und andere gemeinnützige Anstalten steuerfrei lassen will. Auch Paragraph 10, der die Höhe der Koh- lenfleuer auf 40 Prozent des Wertes festsetzt, wird nach eingehender Debatte angenommen. Abge­

lehnt wird ein kommunistischer Antrag, für HauS- brandkvhlen die Kohlensteuer um 10 Prozent herabzusetzrn, ebenso ein Antrag Gothein (Dem.), d.e Zuständ.gkeit des Reichstagsausschtsses zur Bed ngung für Aenderungen des Steuersatzes zu machen. Der Rest der Vorlage wird in der Aus- schutzfassung angenommen. Die von den Kommu­nisten zu dm einzelnen Paragraphen begründeten Abänderunasantrage werden abgelehnt. Ohne weitere Debatte w.rd darauf die Vorlage auch in dritter Lesung nach den Beschlüssen der zweiten Lesung angenommen.

Um 3/4 Z Uhr vertagt sich das Haus auf Dienstag, 2 Uhr nachmittags: Kleinere Vorlagen, Haushalt des Reichspost Ministeriums.

gur Frage des Preisabbaues.

Von der Preisprüfungsstelle für die Provinz Oberhesfen wird uns ge­schrieben:

Nach langen, erfolgreichen Bemühungen ist es den Organen der Reichs Verwaltung gelungen, in Verbindung mit der Reichsbank u id den son­stigen maßg b ichen Wiitscha t fakto e i des Reiches eine wesentliche Verbesserung irn Wert­stand der inländisch n Zahluug!rn t el gegenüber dem Ausland durchzusetzen und damit eine be­trächtliche Herabsetzung der Preise sowohl der vom Ausland eingeführten Roh- und Hilfsstofse, wie auch der Halo- und Fertigfabrikate, die mit ihrer Hilfe hergestellt werden. In den Kreisen der Geschäftswelt hat man sich gegenüber dieser Er­scheinung zunächst vielfach sehr zurückhaltend ge­zeigt, teils unter dem Hinweis darauf, daß die hohen Löhne, Frachten und sonstigen Geschäfts­unkosten einen wirklichen Preisabbau unmöglich machten, teils mit Rücksicht darauf, daß man an den Bestand dieser Preisgestaltung nicht recht glauben toellte auf Grund früherer Ersahrungen, daß der zeitweilig absinlende Kursstand der aus­ländischen Währung bald durch starken Auflauf von Rohmaterialien im Ausland wiederum einer steigenden PreiStendenz Platz machen werde.

Gegenüber diesen Einwendungen muß heute betont werden, daß es der Reichsregierung bis jetzt gelungen ist, die Bewertung der ausländischen Zahlungsmittel auf den angestrebten Kursstand feit mehr alS Monatsfrist zu halten, und e3 muß zu gleicher Zeit daraus hingewiesen werden, daß die Reichsreg erung die Der.icherung abgibt, daß neue Steige ungen der Dran sportiv sten usw., auch neue Steigerungen der Drotprcise, sowie der Preise für künstliche Düngemittel nicht zu erwarten sind, im Gegenteil, daß in absehbarer Zeit mit einer Herabsetzung der Düngemittelpreise, sowie auch der Preise für sonstige Rohmate­rialien zu rechnen ist.

Unter diesen Umständen kann wohl zum ersten Male feit der noch kaum überwundenen KriegS- not von einer Stabilisierung der Wäh­rung gesprochen werden, und es wird daher die Aufgabe sein, unser gesamtes Wirtschaftsleben, besonders auch die Preise für Gegenstände des täglichen Bedarfs, diesen Verhältnissen anzupassen.

Es ist nicht zu verkennen, daß die gesamte Handelswelt und auch die Erzeuger in dieser Rich­tung mit manchen Schwierigkeiten zu rechnen haben, und es ist deshalb auch nicht zu erwarten, daß dieser Preisabbau etwa in der Weise er­folgt, baß sämtliche Preise für in- und aus­ländische Erzeugnisse in kurzer Zeit dem Wert der heutigen Geldoerhältnisse angrpaßt find. Es muß dagegen unter allen Umständen verlangt werden, daß sowohl die Erzeuger, wie auch der Groß- und Kleinhandel, den herrschenden Ver­hältnissen des Geldmarktes insoweit Rechnung tragen, als sie der steigenden Markbewertung bei ihrer Preisbemessung der Produkte dieselbe Rück­sicht zukommen lassen, wie sie sie der fallenden Markbewertung in früherer Zeit haben zuteil werden lassen.

Diese Bewertung der steigenden Kaufkraft der inländischen Zahlungsmittel wird am ein­fachsten in der Weise erreicht, daß bei vor­handenen Vorräten, die zu verschiedenen Preisen bezogen wurden, unter Berücksichtigung der Vor­ratsmenge ein Durchschnittsvreis gebildet wird, der etwa dem Mittel aus den älteren und den neuen Warenpreisen entsprechen soll. Diese Kallulativn wird den Handel, besonders auh den Kleinhandel, vor dem oft nicht unberechtigten Vorwurf schützen, daß er seine Preise willkürlich festseye und sie wird auf der andern Seite die Möglichkeit geben, jeder weiteren Entwicklung der Preise Rechnung zu tragen.

Die deutsche Bevölkerung hat ein Recht dar­auf, zu sehen, daß auch in den Kreisen der Er­zeuger und des Handels dieser langsam an­steigenden günstigeren Gestaltung ihres Dermö- genswertes Rechnung getragen wird, und sie wird es dankbar begrüßen, wenn sowohl die Geschäfts-

Adami atmete tief. Einer weniger! Aber es blieben der ileb?Itäter noch viel zu viele übrig. Dor allem, wo steckte der Bückler selber?

Der junge Heßmüller schwor darauf, der Bückler selber war nicht dabei gewesen Zwei Den den Kcrlen waren kurz von Statur, kurz und gedrungen, der Bückler war groß und doch wieder nicht so groß wie der dritte von ihnen. Der war ein richtiger Mordskerl, groß wie ein Riese, das hatte er ganz deutlich gesehen

Adami ging, begleitet von seinem Sekretär, mit dem jungen Ueßmüner zur Mühle hinab. Da war ganz Bertrich am Vormittag zusammen­gelaufen; jetzt aber lag die Mühle bereits wieder still, so ruhig und friedlich als sei es gar nicht möglich daß die Nacht zuvor hier Mord. Kampf und Blutvergießen gewesen seien. Adami betrat mit einem leisen Gefühl des Grauens den Hof. Als er zuletzt hier gewesen war, da hatte er das hübsche Mädchen gesehen mit dem eigentümlich ernsten Gesicht und der plötzlichen Wortkargheit, die Tochter des Hans Bast Nikolai von Krinkhof. Hetzt war fein Mensch auf dem Hof, nur der Hund [ag in der Hundehütte auf Stroh. Er bellte aber nicht, schlug nicht einmal an.

.Den haken sie auch erschossen," sagte betrübt der Hubert, bückte sich und schob dem toten Hund noch das Stroh besser unter den Kopf zurecht.

Eie tarnen ins Haus. Eine seltsame Stille. Der zweite Sohn faß in der Küche und putzte an feinem Gewehr. Der Richter sah sich die Kammer an und das Fensterchrn, aus der die Brüder die Räuber beschossen hatten. Dann traten sie In die Wohnstube. Kerzen brannten, ein Duft von Wech- rauch mischte sich mit dem von Tannengrün. Dom Ehebett war der Kattunvorhang ein wenig

zur Seite geschoben; wie so oft wahrend der Krankheit der Müllerin, faß auch jetzt Maria am Bett. Aber statt der einen, lag nun noch ein zweiter barm; sie hatten den toten Müller neben feine Frau gebettet Seite an Seite lagen sie, ihre Körper berührten sich Ihre Totenstarre hatte nichts Schreckliches, sie waren beide so sanft aus dem Leben geschieden, daß kein Kampf ihre Züge verändert hatte. Maria hatte sie liebreich mit Grün umsteckt. Sie hatte alles getan, was man Toten noch Liebes erweisen kann, jetzt aber fühlte sie, mit ihrer Kraft war's zu Ende.

Wo warst du?" Damit hatte man sie hier gestern morgen empfangen. Lag irgendein Miß­trauen in dem Fragen von Hubert und Nikla? 3n der Frage des Martin sicherlich nicht. Er stürzte auf sie zu, er riß sie an sich als sie bleich stumm und verwirrt in der Tür stehen blieb. Was war hier vorgegangen? Alles, was sie be­fürchtet hatte ach und viel Schlimmeres noch! Sie brach förmlich zusammen. In leidenschaft­lichem Weinen lag sie vyrm Bett, ihre Hände ver­zweifelt ringend. Hubert und Niklas stahlen sich hinaus: der beruhigend zuzusprechen, das war des Martin Sache. Aber eine treue Seele war sie doch sie schien die Mutter wirklich sehr zu betrauern. Warum war sie nur so plötzlich ver­schwunden gewesen?

Maria mußte eine Lüge sagen. Stockend nur kam ihr die von den Lippen: sie war hinaufge­laufen nach Krinkhof, um für die Kranke noch ein­mal von den Tropfen zu holen es war spät ge­worden und dunkel, sie fiel über einen Stein und schlug sich die Stirn der Dater hatte sie durchaus nicht mehr hirruntergehen lassen wollen. Sie glaubten eS ihr.

Samstag, jk. März (925

wett, wie auch das Handwerk und die Erzeuge« durch entsprechende Kalkulationen d efen Verhält­nissen Rechnung tragen. Ganz besonders muß davor gewarnt werden, innerhalb kürzerer Zeil zu wechselnden, oft recht stark abweichenden Preisen die verschiedenen Waren anzubieten, eine Er­scheinung. die namentlich in den Kreisen unseres Kleingewerbetreibenden und des Kleinhandels oft zu beobachten ist und die dann stets zu gewissen berechtigten Klagen und Beschwerden der Ver­braucher führt

Es muß ganz besonders auch dem Handwerk anS Herz gelegt werden, daß es bei seiner Kalku­lation die steigende Kaufkraft der in­ländischen Zahlungsmittel berück­sichtigt und daß es demgemäß eine aus D u id solcher Kalktilationen durchgeführte Preis­ermäßigung eintreten laßt. Die Hessische Handwerkskammer In Darmstadt hat sich ebenso wie die Preisprüfungssteltt Oberhessen und die Kreis- und städt. Preisprüfungsstellen in der Provinz bereit erklärt, in allen den Fillen, in denen die Kalkulation schwierig erscheint, zur Unterftüßung, ganz besonders auch der Leineien Handwerker, solche Kalkulationen durchzusühren.

Schließlich sei noch darauf hingewiesen, daß seitens der Preisprüfung jstelle 0. erbe f m, sowie auch der Kreis- und städt Preisprüfungsstellen der Prvvenz in absehbarer Zeit in ausgedehnter Weise eine Uebermacßung der Märkte und Derkäufe Platz greift, daß hierbei von den Verkäufern die Vorlage einer solchen Kalku­lation verlangt werden und in allen den Fällen eine scharfe ülntersuchung hinsichtlich Wucher und Preistreiberei eintreten wird, in denen der Nach­weis für eine kalkulatorische Nachprüfung der früheren Derkaufspreiie nicht erbracht wird Ties'S Vorgehen der Preisprüfungsstellen soll weder eine Bevormundung des Handels, noch einen polizeilichen Spionagedienst gepen die Geschäfts­welt darstellen, es soll vielmehr nur ein Hchuh der Verbraucher gegenüber ungerechtfer.igten For­derungen mancher Handels- und Erzeugerkreise gewährt werden, wie er in den Zeiten der wirt­schaftlichen Unsicherheit in einem geordneten Staatswesen unentbehrlich ist.

Die Verbraucher werden wiederholt darauf aufmerffam gemacht, daß am Sitze jedes Kreis- amtes und in allen größeren Städten der Pro­vinz Oberhesfen Preisprüsungsste len bestehen, die ausdrücklich angewiesen sind, alle oorlommenden Beschwerden wegen vermuteten oder nachweis- baren Preiswuchers und Kettenhandels auf das eingehendste zu untersuchen und in Fällen vor­handener Gesetzesübertretungen gegen die Schul­digen mlt aller Strenge vorzugehen.

Die Bevölkerung wird gebeten, alle An­zeigen oder Beschwerden an diesen Stellen anzu­bringen, oder sie direkt an die Preisprüfungsstelle der Provinz Oberhesfen in Gießen, Bismarck- ftraße 14 1, zur KennrniS zu geben.

Aus Stabt und Land.

Gießen, den 17. März' 1923.

Die Benutzunq von Schulraumcn durch Vereine usw.

Das Landesamt für das Bildungswesen hat den Schulvorständen die folgende, in der jetzigen Ze t besonders bemerkenswerte Der.ügung zugehen lassen:

Nach Artikel 50 Absatz III Ziffer 1 steht den Schulvorständen die Aufsicht über die Schul­gebäude und das Schulinvmtar, sow e die Sorge für d.e ordnungsmäß ge Einrichtung und Ausstattung der Schulräume zu. Hieraas ergibt sich besonders für das Verhälttiis zum Rechte des Eigentümers (der politischen ober kirchlichen Gemeinde, einer Stiftung usw.), wenn Schulräume für andere Zwecke als solche der Schule verwendet werden sollen und dem Schulvorstand nicht aus einem besonderen RechtSgrund (Vertrag, Stiftung und dergleichen) ein unbeschränktes Derfügungsrecht über die Schulräume zusteht. das Folgende:

1.IBeber können die Eigentümer ohne Zu­stimmung der Schulvorstände, noch die Schalvor­stände ohne Zustimmung der Eigentümer Schul- räume für andere Zwecke als solche der Schule freigeben.

2. Die Schulvorstände haben bei ihren Ent­schließungen darüber, ob Schulräume z i anderen als Schulz wecken freigegeben werden sollen, die Interessen der Schule zu wahren. Dies seht für jeden Fall der Inanspruch rahme die eingehende Prüfung voraus, ob durch die Freigabe für die Schulräume und das darin vorhandene Inventar Nachteile oder für den Schulbetrieb Störungen zu befürchten find. Es wird sich in den meisten Fällen empfehlen, die Zustimmung nur unter dem Vorbehalt jederzeitigen Widerrufs zu erteilen und von diesem Vorbehalt Gebrauch zu machen, sobald es sich herausstellt. daß die Inanspruch-

Oh, diese Lüge! Sie brannte ihre Lippen, diese Lippen, die, auch so oft, so oft lügen mußten, wenn sie nicht schweigen durften! Konnte sie denn, durfte sie denn die Wahrheit sagen? Daß der Mann da oben sie eingesperrt hatte in feinen Schrank; die geheime Tür, hinter der sie die Wand geschlagen mit ihren Händen, mit ihren Nägeln gekratzt, die sie mit ihren Schreien erschüttert, ihr erst wieder aufgetan hatte am Morgen. Ohne ein Wort war sie an ihm vor beigegangen; sie hatte ihn nicht mehr angesehen.

»Wein' nit fo arg, bat der Martin,wein' doch nit so!" Es war ihm schrecklich. sie so ver­zweifelt zu sehen. Sein Schmerz um d,e Eltern war groß sollte ihr Schmerz denn noch größer fein? Beirr ff en stand er. Er nahm ihre Hand: Kannste mir nit sagen, Daria, was dich noch eso toetnen macht?"

Sie schüttelte den Kopf: nein, sie konnte nicht. Aber ihre Tränen versiegten. Sie erschrak. Wenn der Martin nun etwas ahnen würde?! Sie mußte sich besser zusammennehmen. älnd sie raffte sich auf, trocknete ihr Gesicht ab und preßte die tzippen zusammen, damit kein Schrei ihrer inneren Qual sich ihnen entringe.

Alles, was der Tag an Pflichten erforderte, tat sie; jetzt war's getan, und nun faß s e neben dem Bett, und unten am Fußende faß der Mamin, und sie waren beide ganz stumm. Unb doch kreisten beider Gedanken um denselben Punkt.

Es ist etwas mit ihrem Vater hatten sie miteinander gcftittien, kam sie deshalb am Abend nicht gleich zurück? Wente sie barum noch so viel Hk iger? Aber warum erzählt sie es mir nicht? Darüber grübelte Martin.

(Fortsetzung folgt)