Einzelbild herunterladen

Er. 65

Erschein» iögsich, miß« Sonn- und Feierlay?, mit derSomstaysbeilage: EießenerFamilienblätter Monatliche Vezuarvreise: 2850*Dlarhunö IbOMork 3rügerlohn,durct dicPost -?OOOMark,auchl)ei9iicht» erscheinen einzelner Hum­mern infolge höherer Gewalt.- I ern sprech. Dnschlüsfe: fürdieSchrift. kitung 112; für Derlag vnd Gefchäflsslelle 51. ilnfchrift für Drahtnach. richten: Anzeiaer Siehrn.

poftscheälonto:

Frankfurt a. DI. 11686.

(Erftes Blatt

175. Jahrgang

Samstag, 17. März 1923

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Dnitf und Verlag: vrvhl'sche Unlverfitälr-Vuch- und Sleindruckerei H. Lange in Gießen. Zchriftleitung und Geschäftsstelle: Zchnlstratze 7.

Annahme von Anzeigen für ölt Tagesnummer bis zumJlad)rnr.tag uoetjet ohnejeöe Verbindlichkeit, preis für 1 mm hohe |ili Anzeigen o 27 mm'Breite örtlich 80 Mk.. auswärts 103911h.; für Rekl ame- Anzeigen van 70 mm Dreiie^OOMh.Dei'Platz. Dor|d)rih 20*/e Aufichlag. Sauptfchriftleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für 'Politik: Aug. Goetz; für Öen übrigen Teil: Ernst Vlumichein; füröen Anzeigenteil: Hans Leck, fämtlich in Dietzen.

Wochenrückblick.

Die wichtigsten Aufgaben der inneren Politik, soweit sie durch Gesetzgebung ihre Er­ledigung finden können, hat der Reichstag in den letzten Tagen gelöst: Das Geldent- w e r t u n g S g e s e tz und das Gesetz über die Wohnungsbauabgabe sind verabschie- bet Wir wollen uns nicht darüber wundern, bah die Gegensätze von Links und Rechts da­bei sehr demonstrativ in die Erscheinung tra­ten; die Steuerfragen waren von jeher die um­strittensten im deutschen Parlament, wenn auch das bekannte Wort des Altmeisters Adolf Wagner, die Deutschen seien unter allen Völ­kern die filzigsten Steuerzahler, durch den Machtspruch der Zeit längst keine Geltung mehr hat. Das wohlgeordnete Staatswesen von Einst, das infolge genau durchgcarbeiteter Organisation zum größten Teil sich selbst un­terhielt, hat einer Auflösung, einer Auspowe­rung durch fremden Zwang Platz gemacht, so daß sich die Staatsbürger längst daran ge­wöhnt haben, dem Zusammenhalt deSUebrig- gebliebenen die größten Opfer zu bringen. Trotzdem hat der sozialdemokratische Redner Dr. Hertz am Freitag im Reichstag unseren äußeren Feinden die Freude bereitet, zu be­haupten. die deutschen Steuern täten ange­sichts der anwachsenden Flut neuen Papier­geldes überhaupt keine Wirkung mehr. Diese Wollust des Riederreihens labte sich auch an Unwahrheiten demagogischer Verhet­zung. Mit großer Schärfe trat dem Sozial­demokraten besonders der Zentrumsredner, Abg. Lange-Hegermann, entgegen, in­dem er ihm sinnwidrige Entstellung von Ar­tikeln und bewußte Unrichtigkeit vorhielt. Aräch der Reichsfinanzmini st er stellte die unbegreiflichen Uebertreibungen des Abg. Hertz richtig. Dieser hatte u. a. erklärt, die Desitzstcuern brächten in Deutschland nur ein Achtel dessen auf, was von den Abzügen an Lohneinkommen einginge. Der Minister verwies demgegenüber auf die Kritik der Finanzsachverständigen in Brüssel, die eine fehlerhafte Ueberspannung der Desitz- steuern in Deutschland festgestellt hätten. 3m Mittelpunkte der Auseinandersetzungen stand aber die sachkundige Rede des Abgeordneten Dr. Helfferich, der tiefer in die Materie ein- drang und nachwies, daß der Lohn heute im allgemeinen 80 Prozent des Reallohns vor dem Kriege betrage, während der Wert des deutschen Aktienbesitzes auf den zehnten Teil des früheren Standes, auf etwa 4 Milliarden Mark, gesunken sei. Der sozialdemokratische Redner Dr. Hertz offenbarte die Schwäche sei­ner Position noch einmal durch gänzlich un­sachliche persönliche Angriffe auf den deutsch­nationalen Redner, so daß dieser schließlich erklärte, auf solch niedriges Niveau der Aus­einandersetzung nicht herabsteigen zu wollen. Der Ernst und die Verantwortung der Stunde waren dem Abgeordneten Dr. Hertz unbewußt geblieben. Sonst hätte er alten Hader ruhen lassen, wenn er etwas wußte, die exakte Rech­nung bei einer solchen Finanzdebatte statt dessen herausgehoben.

Das Geldentwertungsgesetz wurde mit den Sttmmen der bürgerlichen Parteien gegen die Sozialdemokratie angenommen. Das ist be­dauerlich, war aber wohl nicht zu ändern, da die Sozialdemokratie gegen kleinere Abände­rungen der Ausschußbeschlüsse lediglich die Obstruktion durch Fernbleiben fallen ließ, im übrigen aber ihren Agitationsstoff nicht aus der Hand gebc.i wollte. W.r haben die Arbeit des Steuerausschusses des Reichstags bei der Erledigung des Geldentwert'ungSgesetzeS durch einen Aufsatz des Abgeordneten Moldenhauer in Rr. 52 unseres Blattes genau geschildert; es kann bei den zahlreichen Anforderungen, die gegenwärtig an die deutsche Wirtschaft gestellt werden, kaum die Rede davon fein, daß der Besitz zu sehr geschont werde. Dem Auslande hat der Abgeordnete Dr. Stresemann wir­kungsvoll en gegengehalten, daß Industrie und Wirtschaft bereit zu neuen Geldleistungen feien, falls daS Reparationsproblem endlich so angegriffen würde, wie die Sachverstän­digen aller Völker es für richtig halten.

DaS Gesetz über die WohnungSbau- ab ga be bedeutet, um den letzten Arbeiten des Reichstages den Eindruck eines Zurück- weichens der Linken zu rauben, einen Erfolg sozialdemokratischer Auffassungen. Es wurde gegen die Stimmen der Rechtsparteien an­genommen, weil diese für gewisse Zugeständ­nisse und Abgaben an soziale Parteieinrich- ungen, sowie für Gebundenheiten baulicher Neuanlagen von Gewerbe und 3ndusttie an die grundsätzliche Errichtung von Arbeiter­wohnungen keine Verantwortung übernehmen wollten. Die Wohnunqsbauabgabe wurde auf daS Dreißigfache der Friedens miete festgesetzt. Auch in der so wichtigen Förderung der Woh­nungsfrage können entscheidende Fort­schritte erst erreicht werden, wenn Frankreich und England in ihren Forderungen als Sieger

Vernunft annehmen. Alle Energie des deutschen Willens müßte sich also auch aus diesem Grunde gegen die schrankenlose Willkür und Roheit des Besatzungsunfugs richten, der keineswegs nur das Pfand- und Kontrollrecht repräsentiert, sondern die Gegensätze: Herr und Knecht in der gemeinsten und aufreizend­sten Form hervorkehrt.

Wir haben allen Anlaß, solche Gedanken und Notwendigkeiten keinen Augenblick außer acht zu lassen, denn dasGerede von Verhandlungen" will trotz der Kanz­lerrede nicht verstummen. CS erhielt in den letzten Tagen Nahrung von außen, von der Brüsseler Tagung der Franzosen und Belgier, aber auch von gewissen Händen in London und Washington. Man darf nicht sagen, daß Regierung und Volk in Deutsch­land die Winke von außen her gänzlich uni» beachtet lassen oder sie von vornherein ab­wehren sollten. Man muh die Versuche und die Mache des Auslandes nur sehr sorgfältig auf ihren inneren Gehalt und ihre wahre Tendenz prüfen. Das programmatische Ergebnis der Brüsseler Konferenz ist meiner Be­ziehung gewiß bemerkenswert. Insofern näm­lich daraus hervorzugehen scheint, daß die Brüsseler Politiker angesichts der Haltung des belgischen Volkes die französische Tatenlust herabzumindern sich bestreben, kann man viel­leicht von einem Wendepunkt zum Bessern sprechen. Die unmittelbar nach der Tagung veröffentlichten Sätze sprachen auch von Ver­handlungen mit Deutschland, erwähnten zum erstenmal dieRäumung" des RuhrgebieieS und erregten darum in London freundliche Aufmerksamkeit. Wie weit britische Hände beim Schieben der Kulissen ein wenig geholfen haben, bleibe dahingestellt. Aber was haben die Brüsseler Diktatoren uns denn sachlich angeboten? Eine Neuregelung der Repa- rattonen nach ihren Maßstäben, Unter­werf u n g Deutschlands, und dann, nach Er­füllung deutscher Tributpflichten,progres­sive Räumung des RuhrgebteteS". Die übrigen Teile des Programms inter­essierten uns wenig; sie sollten der Welt nur zeigen, daß die ZwangSpvlitik ungeschwächt ihren Fortgang nehme. Poincare hat den Annexionsgedanken in Brüssel zurückstellen müssen. Nach weiteren, noch nicht gettärlen Andeutungen will man Deutschland sogar zu neuen Reparationsvorschlägen auffordern. Wie es auch um diese Taktik im einzelnen bestellt sein mag Deutschland soll aufs Ungewisse hin, und unter Fortdauer des Reitpeitschen­regiments im Ruhrgebiet, Vorschläge machen, um dann, wenn es die Erwartungen der Sklaven­halter nicht erfüllt, von neuem als Schuldiger geschmäht zu werden. Die englische Regierung, deren Sprecher im Unterhaus, Mc.Neill, zur Verdeckung der eigenen Schwäche und Lauheit wieder die dicksten Farben der Deut- schenverleumdung aufgetragen hat, unterstützt anscheinend diesen Plan. D e Meldung, wonach eine große allgemeine Wirtschaftskonferenz eine neue Gesamtsumme der Wiederherstellun­gen festfetzen solle, ist mit Vorsicht aufzuneh­men. Wie die Dinge heute noch liegen, würde Englands Neigung, mit Frankreich um jeden Preis Frieden zu halten, auf deutsche Kosten unerhörte Kompromisse schließen. DaS Kabi­nett Euno wird die Einladung zum Gang aufs Glatteis nur mit einer Reihe wichtiger Vor­bedingungen annehmen können.

Die Gerüchte von einer Vermittlung.

Eine englische Erklärung.

L v n d o n, 17. März. (WTB.) Reuter. Da weiter Gerüchte über eine Vermitt­lungsaktion im Umlauf sind, wird noch­mals festgestellt, daß Großbritannien an seiner Neutralitätspolitik gegenüber der Ruhrfrage festhält und die Auffassung vertritt, daß eine offenbare Lösung darin be­stehen würde, daß Deutschland Frank­reich und Belgien sondiere.

Verhandlungen mit der Bank von England?

Berlin, 16.März. DerLokalanzeiger" will wissen, daß sich der Direktor der Bank von England, Montague Norman, der sich seit einigen Tagen in Paris aufgehalten hat, auf dem Wege nach Berlin befindet.

Die deutsche (Holdanleihe und der Riparatiousansschnft.

Paris, 16.März. (WTB.) Die Repa- rationskommission beschäftigte sich heute vormittag mit der von der deutschen Regierung aufgelegen Goldanleihe. Die französische Delegation beftteitet dem Deutschen Reiche das Recht, eine solche An­leihe aufzulegen, da die Alliierten ein all­gemeines Vorrecht in Deutschland besäßen. Auf Vorschlag des italienischen Delegierten

d'Ameglio wurde die Frage wegen ihres Zu­sammenhanges anderen Fragen dem juristischen Beirat der Reparationskommission überwiesen.

Eine Tagung der englischen Dölkerbundsvereinigung.

London. 16. März. (Wolfs.) 2orb Ro­bert Cecil und daZ 'parlamentgmtglicb der 2Irbei e.txirtei Clyncs hielten giftetn in dem Rat der Völkerbundsvereinigung, in dem fast 1000 Zweigstellen der Vereinigung ver- tr.-ten sind, Reden i b r di» br.rgenb n F agen ikr briiischen Außenpolitik, inLbsfviu.e.e int Zusam­menhang mit der Ruhrbrse-tzung.

Robert Cecil erflärte. er bedauere sehr den Einmarsch ms Ruhrgebiet aus vielen Grün­den, aber bcfon^rs deshalb, toeil er eine starke ms.ionalistifche Erx-gunz in den betroffenten Län­dern hervorgerufen habe. Der erste wesentliche Punkt sei, daß in der einen oder anderen Weise die drei beteiligten Patteien vor die O.»f.ertlich- feit träten, um genau zu erklären, was sic woll-.n. Gr glaube nicht, daß irgendeine verantwortliche Meinung in Frank.eich^.st,_-H-, die eine Annexion wünsche Er könne sich täuschm, ober dies sei s. n: bestimmte An ißt. E. glaub?, laß in F ank- reich in gewissem (Sinne ein tiefes Unbehagen herrsche. Die Repar.ationen seien aber augen­blicklich eine sekunü-äv- Frag?, in Wirklichkeit sei Frankrvich um e ne S <ch.ih.4t besorg'. W.nn man die e großen-wierigteiten beseitigen wolle, so m..f,e man beginnen, Frankreich angemessene S cherheit.-n gegen einen Angriff vcn drutschcr S tie zu ve.fch>ff-en. Irgendein Vv'.lchlag im Völ­ker mn) sei b»er cinyg? Ausw g. svwe t Ga außen in Betracht kommen, nämlich eine allg-mci e Da­von tie, die den Gunk^atz des Artikels 10 dur.'rf rhre. Die D?'e l g ng an bm Ga.anliepakt im Völkerbund müsse allen Ländern in Europa und in der Welt offenstehen, so daß man nicht nur Frankreich gegen Deutschland, fonbem auch Deutschland gegen Frankreich ®a-antien gewähren müsse. In der französischen Presse und auch an einer anderen Stelle sei ein Vorschlag gemacht worden, der der Erwägung wert sei, nämlich, daß, um die Ostgrenze Frankreichs zu schützen, eine entmilitarisierte, neutralisierte Zone zwischen Frankreich und Deutschland be­stehen soll, nicht ein separater Pufferstaat. Er glaube, daß eine solche Neutralisierung vorge­nommen werden könne.

Was die Reparationen betreffe, so glaube er. daß, wenn man erst einmal die störenden Elemente beseitigt habe, die Verhandlungen in sehr kurzer Ze t ene Lösung finden werden. Der erste Schritt rnüß'e fern die Angelegenheit in die Atmosphäre des Völkerbundes zu bringen und sie, wenn eben möglich, an den Völkerbund zu verweisen. Cs wäre wünschenswert und notwendig, daß Deutschland veranlaßt werde, dem Bunde beizutreten.

C l h n e s sührte au5: Die Frage der Sicher­heit habe artt gehört. nur eine Frage der Sicherheit süc Frankreich zu sein. Kein einziges Land fön ne sich aus die Dauer gesichert halten. Diese Frage der Sich-rhrit sei eine Frage der Sicherheit des gesamten Europa und der Welt. Er bedauere ties den Weg, den die Franzosen eingesch'agen hätten. Dieses Verfahren'se scheitern. Sich-rheiten und Reparationen ließen sich nur erreich-n durch die Frage einer größeren gemeinsamen Allianz, insbescn&ere zwischen den größeren Mächten Cu opaS. Er würde gern sehen, daß Schritte unternommen würden, um klarer und endgültiger feine Ansichten zu erklären. An- dcrwsests würde er gern ein? baldige Erklärung Deutschlands sehen, was c3 tun zu formen glaube und zu tun bereit sei.

Eine Entschließung wurde einstim­mig angenommen, in der die Notwendigkeit bekräftigt wurde, den Gedankenkomplex der inter­na tonalen Fragmi, d:r?n M ttelpunkt die Repa- ratirnSfrage bilde, eins^ließlich der Frage der m'.err.at onalen Sicherheiten, sobald wie möglich vor d n Völkerbundsrat oder die Volkerbundsoer» sammlung, trenn möglich mit Unterftütwng Deutschlands und der Vereinigten Staaten, za bringen.

Ladh Asquith im Ruhrgebiet.

Berlin, 16. März. Lady A s g u i t h, die sich gegenwärtig im Ruhrgebiet aufhält, hatte, nach einer Meldung derDostischen Zeitung", eine längere ilntcrrebung mit General Se­gn u 11 e und dem Chef der Ingenieurkommission. Nach den Aeuherungen der Dame hätten diese Herren in unzweifelhaft pessimisti­scher Weise von der Zukunft gesprochen. Aus ihren Worten sei herrr'-^e^anaen. daß sie sich bte Sache doch viel elnfacfer gedacht hätten, u id daß sie sich jetzt vor der scya^ren Aufgabe sähen, den dur ch den Einbruch verursachten wirtschaftlichen Wirrwarr wieder in Ordnung zu bringen. Auch beim Bergarbeiterverband tn Essen war Lady Asquith. Nach den Unterredungen mit den Ge­werkschaftsführern lieh sie sich einen Bergmann holen, der praktisch unter Sag arbeitet und un'er- hielt sich mit ihm etwa eine Stunde über alle Ar­beitsverhältnisse und Zustände auf den Zechen. Auf ihre Frage, warum jetzt die Arbeitnehmer und Arbeitgeber, zwischen denen doch sonst schwere Gegensätze bestanden hätten, in einer Front stän­den, antwortete der Bergmann, in der gegenwär­tigen Zeit gäbe es nur eine Front und die richte sich gegen die Eindringlinge. Der Arbeiter war der Ueberzeugung, daß die Franzosen kaum einen irgendwie rationellen Betrieb auf'den Gru- I den bewerkstelligen könnten.

Die Lage der französischen Schwerindustrie.

Paris. 16. März. (Wolff.) WaS von den großsprecherischen Reden, von den in Fanfaren­tönen gehaltenen Zeitungsartikeln der Regierungs- Presse zu halten ist, darüber klärt heute in ganz überzeugender Weise das Organ der französischen schwer ndustr e,Irurnöe industrielle", di? öffent­liche Meinung tn Frankreich auf, und man m sehr, bedauern, daß dieses Blatt nur eine be­schränkte Zahl von Lesern in der breiten Masse ber Bevölkerung hat. lieber die Lage der fran­zösischen Schwerindustrie schreibt da» Blatt: »Auf den Halden der Ruhr liegen 403 000 Sennen Koks, auf die Frankreich Anspruch hat. Sie würden genügen, um zwei Monate in ge­wissem Grade die Tätigkeit unserer Hochöfen zu fubern, von denen 83 bis 93 Prozent gestoppt fmd. Bis jetzt haben die Deutschen alles getan, um die Abbeförderung za hindern. Die zivangr- weise Arbeitslosigkeit unserer Metall­industrie ist in der Tat eine der besten Waffen, über die sie gegen uns verfügen. Das Blatt be» trachtet dann die Ruhrfrage von folgenden zwei Gesichtspunkten:

1. Seit Beginn der Ruhroperation seien nach Frankreich aus Deutschland nicht mehr als zehn Waggons Koks her.:usgekommen. Die Franzosen haben dadurch bis jetzt etwa 20 Millionen Fran­ken verloren, da die Industrie trohalledem ihre Arbeiter habe beschäftigen wollen. Ausschlag» gebrnd fei aber nicht dieser Verlust, sondern die Tatsache, daß künftig Tausende von französischen Arbeitern zum Feiern gezwungen sein würden, daß der Metallpreis steigen werde wie alle an­deren Preise, und daß gerade die in der Pariser Gegend so zahlreichen Industriezweige von der Aibeitslcsigkeit scharf bedroht würden Das An­steigen der Preise, die Arbeitslosigkeit und dar W.rrwarr. der daraus entstehen würde, sei gerade im gegenwärtigen Augenblick für die Sozialisten wünschenswert.

2. Während die französischen Hochofen still­liegen unb die alliierte Industrie Arbeitslosigkeit und Teuerung herannahen sähe, rühmten sich die Industriellen im nicht besetzten Deutschland, daß sie Kohlenvorräte oder 3m- prrtkvhle für drei Monate hätten. Wenn man das so weiter gehen lasse, müsse die Nuhrbesehung zu einem zwecklosen Unternehmen wer­den. Wenn die Besetzung eine Zwangsmaßnahme fei, so müsse der Zwang wirksamer durchführt trerben; sei de Besetzung feine Zwangsmaßnahme, so habe sie keinen Zweck Man habe jetzt 2'/, Monate im Ruhrgebiet gestanden. Irgendetwas hätte man dabei herausho'.en müssen. Wenn die Regierung jetzt den Beschluß gefaßt habe, die Kchlenhalden zu räumen, so verfüge sie doch sicher über die Mittel dazu, diese Räumung vcrzanc^- men Besitze sie diese Mittel ni-cht, so sei der Entsch' zum Unheil gefaßt worden. Aber da­durch habe die Regierung gegen ihre Pflicht ver­stoßen. Cs sei oft wiederholt worden, daß die Besetzung des Ruhrgebiets von den französischen Industriellen diktiert worden sei. In Wirklicher! seien dese Industriellen beiseite gestoßen worden. Wenn sie heute ihre Stimme erheben, so deshalb, tre'.t es sich nicht m.chr um ihren Gevtnn ober Verlust handelt, sondern um A beitSlosigkeit, Teuerung, soziale W rren und um die nationalen Gefahren, die daraus entstehen würden.

Ein schweres Eisenbahnunglück.

Mörs, 17.März. (WTB.) In der Nähe von Friemersheim hat sich ein schweres Eisenbahnunglück ereignet. Ein Mili­tärtransport stieß auf einen Güter­zug, und zwar mit solcher Wucht, daß sich die Wagen acht Meter übereinander türmten. Mehrere Personen wurden getötet, andere schwer verletzt. Die Unfallstelle wurde abgefperrt, so daß noch keine weiteren Einzelheiten bekanntgeworden sind.

Neue Bluttaten.

DieDeutsche Allgemeine Zeitung" mel­det aus Trier: In einsr Gastwirtschaft in Karthaus 'verlangte am Mittwochabend ein französischer Offizier, der von Marok­kanern begleitet war, die Räumung des Lo­kals, obwohl die Polizeistunde noch nicht ein- getteten war. Als ihm ein Eisenbahner erwiderte, es sei noch nicht Polizeistunde, wurde er von dem Offizier nach vorhergehen­der Mißhandlung mit einer Reitpeitsche er­schossen.

Mü n st e r, 16. März. (WTB.) Am 14. März ist in Recklinghausen in der Nähe der Zeche Blumenthal der Bergmann Hoffmann von den Franzosen e r s ch o s - s e n worden. Einzelheiten fehlen noch.

Heute morgen ist die ZechenanlageHi- bernia" und die ZecheBlumenthal" in Reck­linghausen von französischem Militär besetzt worden. Die Belegschaft ist in einen Protest­streik getreten.

Ans Buer.

Buer, 16. März. (WTB.) In einer neuen Verfügung des Kommandierenden Ge­nerals der 32. Division werden der Bevöl­kerung der Stadt Buer einige Verkehrs­erleichterungen gewährt. So ist ab Sonntag der Straßenverkehr von abends 9 Uhr statt bisher 8 Uhr gesperrt. Auch dür­fen die Kinos und Theater bis abends 8*/e