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Nr. {36

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Erster Blatt

113. lZayrgang

Mittwoch, 15. Zunl 1923

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

tfna und Verlag: vrühl'sche UniverfitSts-vuch- und Steindruüerei rr. Lange in Gießen. Zchristleitnng und Geschäftsstelle: Schulstrahe 7.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohnejede Verbindlichkeit Preis für 1 mm höhe für Anzeigen v 27 mm Breite örtL 120 Mk., auswärts 150 Mk.: für Rekl ame- Anzeigen von 70 mm Breite 600 Mk.Bei Platz- Vorschrift 20 °/0 Aufschlag. Hauptschriftleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz; für den übrigen Teil: Ernst Blumschein; fürden Anzeigentetl: Hans Beck, sämtlich in Gießen

Das Experiment von Sofia«

3n den Aufregungen des Ruhrkrieges. in den 3tnmgen und Wirrungen des Reparativirspro- blemS ist der bulgarische Umsturz leider zu wenig beachtet worden. Unb doch verlangt das Experiment von Sofia die größte Aufmerksam­keit. Es bedeutet nicht mehr und nicht weniger als den Zusammenbruch einer durch Dikta­tur unb Terror bisher krampfhat aufrechterchal» lenen Erfüllungspolitik. Ter ton der neuen Regierung Z a n k o f f vertriebene Minister­präsident Stambuliski hotte es übernom­men mit Hilfe einer übermächtig gewordenen Partei, den Kleinbauern, die städtisch: Br^ölke- rung, die Intelligenz, das Militär und die Ar- bei:er niederzuhalten und in einem stillen Dünd- -nis mit dem jugoslawischen Erbfeind den Diktat- fricten von AeuillY auf Kosten der nationalen Lelensbedürfnisse Bulgariens durch-usehen. Aach Abschluß des serbisch-bulgarischen Vertrages von Aisch betrieb Stambuliski unerbittlich die Ver­folgung der mazedonischen Organisation. Seine Orangegarden zogen nach Küstendil und Aevro- kvp, um gegen ihre mazedonischen Brüder in einem m^-derischrn Bürgerkrieg zu kämpfen.

Die Aischer Vereinbarungen hatten Mazedo- men mit Haut and Haar den Serben ausgeliefert. Stambuliski war gebunden, die bewaffnete Macht Bulgariens für serbische Interessen gegen jene Mazedonier aufzubieten, deren Dache fünf Jahr­zehnte lang von jeder bulgarischen Regierung und von dem ganzen bulgarischen Volke als die eigene vertreten worden war, für eine Sache, für die Bulgarien Krieg geführt, unendliche Men- fchenopfer gebracht und ost seine ganze staatliche Existenz eingesetzt hatte. Unter StambullZkiS Ge­waltherrschaft war das bulgarische Volk nahe daran, seine geschichtliche Vergangenheit aufzu­geben, seine nationalen Ideale an den Aagel zu hängen und einem trockenen Materialismus zu verfallen.

Stambuliskis Politik wurde auch in Ita­lien mit Sorge verfolgt. Man fagte sich dort: Gelingt es Serbien, mit bulgarischer Hilfe die mazedcnifche 3rrebcnta niederzukämpfen, so ist den ^roßserbifchen Bestrebungen in Kroatien. Sla­wonien, Montenegro nichts mehr im 'Dege, und die Sehnsucht Belgrads. Oberalbanien in Besitz zu nehmen, wird wieder lebendig und zur grtben Gefahr.

Die Dauern hatten ein Gesetz zustande ge­bracht, wonach kein Professor und kein Rechts­anwalt Abgeordneter werden konnte. Jedes Mit­glied eines freien Berufs galt als unnütz und wurde entsprechend mißhandelt. Stambuliski hatte sich vor mehr als Jahresfrist in der Aähe feines Heimatortes Slawowiha inmitten der Weinberge ein turmactiges Haus bauen lassen, indem er sich von 50 Gendarmen unb einer Kompagnie Militär, die ihm besonders ergeben war, beschützen lieh. Die meisten Minister ratssitzungen sanden in Sla­wowiha statt. Aach Sofia begab sich der Diktator nur im Panzerautomobil, beglei­tet von vier bis an dir Zähne bewaffneten Feldjägern. Die Zustände wurden immer unhalt­barer. Gebrochen konnte die Gewaltherrschaft nur Lurch die Milnärparter werden. Diese unternahm es auch. In l'/2 Stunden war das Kabinett 6tarn- buliski. das 20 Jahre regieren wollte, erledigt. Die klügste Tat dieser kühnen »Reaktion" war aber, Latz sie nicht Kommandeure und Generale in die neue Regierung setzte, sondern gemäßigte Profes­soren unb angefefene Zivilisten. Eine Anzahl Mit­glieder des Kabinetts Zankoff (Smlloff, Moloff und Todoroff) sind, was bezeichnend für den Um- fchwung ist, ausgesprochene Anhänger Radvsla- wows und des Exkönigs Ferdinand. Damit ist aber nicht etwa die Gefahr eines bulgarischen Bürgerkriegs oder eines neuen Dalkankrieges her- aufbeschworen. Die neue Regierung will den in­neren und äußeren Frieden.

Sofia .12. Juni. (Wolff.) Bulgarische Tele» graphen-Agentur. Ein von der neuen Regierung verbreitetes Manifest geißelt die Mißbräuche, die Gewalt unb die Korruptionsherrschaft des alten Kabinetts Stambulijski, das dank einer in der Geschichte Bulgariens nie dagewesenen ge­walttätigen Wahlbeeinflussung zweimal zur Re­gierung gelangt fei unter Bloßstellung der Abge­ordneten des Landes vor dem Ausland. Die Re­gierung erklärt, den allgemeinen Frieden im Auge zu haben, das Ansehen der Großmächte und der Aachbarn respektieren sowie den Ver­trag von Aeuillh loyal durchführen zu wol­len. Bulgarien sei jedem kriegerischen Abenteuer abgeneigt.

Paris. 12. Juni. (WTB.) Aach einer Havas-Meldung aus Belgrad beschäftigte sich die südslawische Regier-ung mit der Tatsache der Einberufung ehemaliger Offiziere, die aktiv in der bulgarischen Armee ge­dient haben. Diese Offiziere seien entsprechend dem Vertrage von Aeuilly aus dem Heeresdienst entlassen gewesen. Der südslawischen Regierung falle auf, daß entgegen den Bestimmungen des Friedensvertrages, dessen Durchführung das ser­bische Kabinett mit unbeugsamer Entschlossenheit verlange, die Einberufung neuer Re- ser veklassen in Bulgarien angelündigt werde. Die Sage werde als ernst betrachtet.

Eine Besprechung des Reichs­kanzlers mit der hessischen

Regierung.

Darmstadt, 12. Juni. (WTB.) Reichs­kanzler Dr. Cuno traf heute mittag in Beglei­tung des Reichswirtschaftsministers Dr. Becker in Ou gen beim an der Bergstraße zur Be­sprechung mit der hessischen Landesregierung und Vertretern des politischen und wirtschaftlichen Lebens des gelamLen hessischen Landes ein. Die

Aussprache brachte den einmüttgen Willen der gesamten Bevölkerung zum Ausdruck, den Ab­wehr kampfbiszum gutenEndedurch- z u f ü b r e n und die Verklammerung von be­setztem und unbesetztem Gebiet, von Aord- und Sülcheutschland, wie sie das Land Hessen darstellt, noch Inniger unb fester zu gestalten. Auch hier tr-urue einmütig festgestellt, daß. in der Frage der Zugehörigkeit der besetzten Gebiete zum Deich unb zu den Ländern es keineKompro misse unb keine Konzessionen gebe.

Berlin. 12. (Juni. (Wolff.) Den Vernehmen nach beabsichtigt te: Reichskanzler, der heute nach Berlin zurückgereist ist, gemeinschaftlich mit dem Reiche sminister des Innern die F.age des Deamt^nvertretungsgesehes mit den Führern al er politisch:n Parteien zu besprochen. Die Aach ächt, daß die Besprechung lediglich mit der Dürre.lichen Arbeitsgemeinschaft abgehalten werden solle, ist unzutreffend.

Eine deutsche Protestnote wegen der Einführung der französischen

Währung im Saargebiet.

Berlin. 12. Juni. (WTB.) Die deutsch? Regie nmg hat an die Regierungskommission des Saargebiets folgende Protestnote ge­richtet:

Die Regierungskommission des Saargebiets erließ am 18. Mai eine Verordnung, durch dir die französische Währung als alleiniges ge'etzlich?s Zahlungsmittel im Saargebiet einge­führt wird. Die deutsch? Regierung legte ihren Standpunkt zur F.age de? Währung im Saar- gebiet bereits in ihrem Scheiben vom 18. April 1921 dar anläßlich der Verordnung der Regie­rungskommission vom 16. März 1921 über die Erhebung aller Gebühren in Eisenbahn-, Post-, Tc.egraphen- und Telephon>rrkehr und die Zah­lung aller Gehälter und Löhne der Beamten der Post- unb Telegraphenverw-altung in Foankew Sie kann angesichts der neuen Verordnung der Rcg'eungskonrnrission vom 18. Mai nur auf die Ausführungen ihres damaligen Schreibens ter» wei'en. War schon die Verordnung vom 16. März 1921 mit dem §32 zu Artikel 45 bis 50 des Versailler Vertrags nicht zu ver­einbaren, so stellt die neue Verordnung eine " vch schwerere Verletzung dieser Dcw- tragsbeftimmung bar. Die Re-gierungskommisfton nimmt zu Unrecht im Eingang der Verordniurg vom 18. Mai auf §32 Absatz 2 der erwähnten Anlage Te*ug. Der Absatz 2 des § 32 räumt nur dem französischen Staat ein Sonderrecht ein. sich bei Käufen, Zahlungen. Verträgen über die Aus­beutung der Kohlengruben und ihrer Reben» anlagen französischen Geldes zu bedienen. Es ist nicht ersichtlich, wie die Regierungskommisfion. die nach kem System des Versailler Vertrags von der Grulenverwallung des frawösischm Staates scharf gesonkert ist, aus diesem Absatz Rechte für sich herle'tten will. Maßgebend ist vielmehr der Absatz 1 des § 32. der eindeutig zum Ausdruck bringt, daß der F.ank im Saargeäiet neben der geglichen Währung lediglich die Stellung eines geduldeten Umlaufgeldes einnehmen soll. Die deutsche Regierung erhebt gegen die Verordnung Vom 18. Mai mit allem Aachdruck Ein­spruch und verlangt ihre Aufhebung. Eine Abschrift dieser Aote ließ die deutsche Re­gierung dem Völkerbund zugehen.

Eine weitere Protestnote.

Berlin. 12. Juni (WTB.) Den Regie­rungen von Paris. London und Brüssel wurde eine weitere P r ot e ft n o t e über dir Aus­weisung von 1 663 Beamten mit ihren Familien aus dem besetzten rheinischen Gebiet übergeben.

Der französische Terror im Ruhrgebiet.

Neue Morde.

^Mecklinghausen, 12. Juni. (WTB.) al«>er Recklinghausen haben die F.an;o>n gestern abend dm Belagerungszustand verfängt, den sie durch düstesten Terror durchzusetzen ver­suchten. Trotz des Versprechens an den von der Stadt beauftragten Rechtsanwalt, daß wegen ter Kurze der Zett der Bekanntgabe der Sperre an tie Bevölkerung die Bestimmungen für die erste Tracht nicht so scharf gehandhabt würden, setzte um 9 Uhr abends seitens der französischen Sol­daten eine wilde und regellose Schieße­rei gegen erleuchtete Fen st er und BaIkone und auf den Straßen befind­liche Personen ein. Bei dieser Schießerei wurde ein 18jähriger junger Mann namens Karl Müller, der von Dortmund kam und von der Verkehrssperre nichts wußte, so schwer verletzt, daß er kurz daraus starb, Urber weitere Opfer der Schießereien, mit benen zu rechnen ist, liegt bisher noch kein: Aachricht vor. Gestern abend ist auch angeblich wegen einer Beschießung französischer Posten Über den Amtsbezirk W a n n e eine Verkehrssperre verhängt worden. Etwa 120 Perionen, die in Unkenntnis ter Verkehrssperre nach 9 Uhr abends auf den Straßen angetrvfsen wurden, sind bis heute morgen auf dem Schulhof in Hast behalten wor­den. Auch über Herne ist der verschärfte Be­lagerungszustand verhängt worden. Aach 9 Uhr abends angetroffene Personen wurden schwer miß­handelt.

Recklinghausen, 12. Juni. (WTB.) Dem Vernehmen nach ist der Belagerungszustand über Recklinghausen verhängt worden, well in der Aacht zum 11.6. zwischen dem Bahnhof und tem Bahnhofshotel ein französischer Posten erschossen sein soll. Personen, die

fich während der Sperrzeit auf den Straßen sehen lassen, werden beschossen.

Münster. 12. Juni. (WTB.) In Gel­senkirchen-Schalke ist die Zeche Cvn- f o l i d a t i o n von den Franzosen beseht wor- k-en. In Oberhausen wurden in der letzten Aacht Sprengungen vorgenommen. Aäheres ist nicht bekannt.

W ü l f f r a t h. 12. Juni. (WTB.) General D e g o u 11 e hat der Stadt Wülffrath, weil am 14.4. auf einen fra.rzösischen Posten Schüsse abgegeben sein sollen, eine Strafe von 20 Millionen Mark auferlegt. Falls die Summe nicht in acht Tagen gezahlt worden ist, sollen Geiseln festgenommen werden.

* * *

Berlin, 12. Juni. Wie die Blätter aus Dortmund melden, ist dir Mordtat in der Sonn­tagnacht b'.sher noch nicht aufgeklärt. Wie ver­lautet, sollen von den 5camofzn zwei Damen verhaftet worden sein, Die in die Angelegen» he'.t verwickelt sein sollen. Di: beiden erschos­senen Feldwebel iraren n.cht in Dortmund stationiert, sondern brachten den Sonntagalend in Dortmunder De r g nüg u n g s lo kalen zu. Der Schießerei sei ein Strit zwischen Zivilisten und ben beiden Franzosen voran Zgegangm, an dem auch die beiden verhafteten Damen beteiligt gewesen fein sollen.

Dortmund, 12. Juni. (WTB.) Gestern abend ist ein ehemaliger Schahpv.izeibcamtcr keim Tleberschreiten des Bahndamms erschossen färben. Aach den vorliegenden Meldungen ist die Aacht zum 12. Juni verhältnismäßig ruhig ver­laufen.

Dortmund, 12. Juni (WTB) Aach den bisheii ei F.ststeltungen haben die Besät» zungstruppen die Verhängung des Belage­rungszustandes zu schweren Ausschrei­tungen unb Rachetaten gegen die fried­lich: Bevölkerung benutzt, die an dem Tod der beiten franzosis^n Soldaten völlig unbeteiligt ist. Es ist bi s h e r noch n ich t a u f g e f l ä r t, auf welche Weise die beiden französi- ßchsn Unter off igiere erschossen wur­den. Es konnte auch nicht bewiesen werden, daß die Täter überhaupt D«ttsche sind. Die Stadt­verwaltung tat alses, um den Befehl betreffend die Verhängung der Straßensperre so schnell wie möglich der Bevölkerung bekannt zu geben. Aach Gage der Dinge konnte aber derjenige Teil der Drdölle.ung nicht mehr unterrichtet werden, der den Sonntag zu einem Erholungsausflug in die Umgebung von Dortmund beruht hatte. Die Be- sabungstruppen hatten am Sonntag aber vor allem die Zugänge zur Stabt durch stärkere Postieruncen abgesperrt und jeden, der ohne Aus­weis anretroffen wurde, fLstgehalten. Bei der Festnahire und während der Inhaftierung wurde eine große Zahl Männer unb Frauen, wie aus Zeugenaussagen hervorgeht, von französischen Of­fizieren und Soldaten schwer mißhandelt. Ins- besonie.e spielte bei den Mißhandlungen die Reitpeitsche der Franzosen wieder eine große Rolle. An ten verkehrsreichsten Punkten der Stadt triefen die Soldaten die Einwohner vor sich her. Datei kam es ebenfalls zu Mißhand­lungen. Ein Augenzeuge erklärte, daß ein französischer Offizier mit zwei Re­volver schüssen einen alten Mann tö­tete unb auf zwei weitere Personen schoß. In welche: Weise die Franzosen vor- gcgangei sind, ergibt sich aus der Tatsache, daß ein deutscher Arzt, der sich in Ausübung seines Berufes in ein Krankenhaus begeben wollte, niedergeschossen wurde. Das bru­tale Vorgehen der französischen Besahungstrap- pen dauert an. Gestern wirden der Arzt Guelpe und ein Polizeibeamter von .französischen Truppen erschossen.

Die französische Verdrehung.

Paris, 12. Juni. (WTB) Aach einer Havas- Meldung aus Düsseldorf soll in der A a ch t z u m 11. Juni ein? französische Patrouille von deutsch en Z i v il iste n, die sich trotz des Derkehrsverbots auf den Straßen von Dortmund aufgehalten hätten, bedroht worden sein. Di? Soldaten haben nach der Darstellung der Agentur nach den üblichen Aufforderungen auf die Deut­schen gefeuert, die sich geweigert hätten, aus- einanbev zu gehen. Es seien sechs Personen getötet und drei verletzt worden. Don beiderseitigen Schüssen, über die die Morgen­blätter berichteten, ist nicht mehr die Rede.

Cine nene Verkehrssperre.

Frankfurt a. M.. 12. Juni. (Wolff.) Von morgen mittag 12 Uhr ist nach einer amt­lichen Mitteilung jeglicher Verkehr mit Kraft­fahrzeugen svvxe mit Krafträdern vorn unbesetzten ins besetzte Gebiet von den Franzosen verboten worden. Von heute abend 9 bis 5 Uhr früh ist bis auf weiteres jeglicher Nachtverkehr ver­boten worden.

Verschärfter Belagerungszustand in Höchst.

Höchst a. M, 12. Juni. (Wolff.) Infolge Weigerung der Stadt Höchst, dir offenen Bahn­übergänge bewachen zu lassen und für das Herab- lassen der Schranken auf den militärischen Bahn­strecken Sorge zu tragen (Verordnung Ar. 162 der Rheinlandkommission) ist vom hiesigen fran­zösischen Kreisdelegierten über bie gesamte Gemeinde Höchst der verschärfte Be° lagerungszu stand verhängt worden, unb zwar ist auf Befehl der Besahungsorgane von morgen, Mittwoch, den 13. Juni, 12 Uhr mittags, bis auf weiteres in der ganzen Gemarkung der Gemeinde Höchst jeglicher Verkehr, auch zu Fuß^ strengstens untersagt zwischen 9 Uhr abends und 5 Uhr früh. Verboten ist der Verkehr mit Last­

kraftwagen, Autos, Motorrädern. Rädern mit Hilfsmotoren und gewöhnlichen Fahrrädern bei Tag unb bei Aacht. Dem Bürgermeister ist angedroht worden, daß er vor ein Kriegs­gericht gestellt werde.

Don der Stadtverwaltung sind zur Aufrecht­erhaltung von Ruhe und Ordnung beson­dere Maßnahmen getroffen worden. Die Geschäftsinhaber wurden ausgefvrdert. in diesen Tagen keinerlei Preiserhöhung vorAUnehmen, außerdem ist eine Rationierung der Abgabe von Lebensmitteln erfolgt, von Lebensmitteln darf nur je ein Pfund, Oel nur viertelliterweise ab­gegeben werden.

H och he i m a. M., 12. Juni. (Wolff.) Unter der Begründung von Sabotage an der Eisenbahn­strecke HochheimKastel in der Aahr des Bahn­hofs Hochheim ist in der Gemarkung Hochheim der Äachtverkehr von i/29 Uhr abends bis 5 Uhr früh verboten worden. Der Derkrhr mit Motorfahrzeugen u.ib Fahrrädern ist Tag und Aacht verboten.

Die englisch-französische Spannung.

London, 13. Juni. (WB.) Die in den Er­örterungen zwischen Großbritan­nien und Frankreich über die Reparations­und Ruhrfrage entstandene schwierige Lage bildet nach wie vor das Hauptthrma der Blätter. Wie verlautet, hat das britrsche Kabinett ge­stern abend keine enbgülttge Entschei­dung bezüglich des deutschen Memorandums und der Derstellunge-n der ftanzosische:, Regierung ge­faßt. Dlättermeldungen zufolge wird die Hoff­nung auf eine Dereinbarung zwischen England und Frankreich, die die Absendung einer gemeinsamen Antwort an Deutschland eiM2gliche.r würde, nicht aufgegeben.Evening-Standard" zufolge sollen die britischen Bemühungen auf einen Ruhr- Waffenstillstand auf folgender Grundlage hinzrelen: Deutschland müsse den passiven Wider­st and einstellen, wenn Frankreich seinerseits bie Art feiner Ruhrbesetzung abänbert Daily Mall" zufolge soll ein hervorragender Diplomat ge­äußert haben: Ein Purckt ist jetzt erreicht worden, wo die britische Ansicht sich behaupten müsse. Poin- care kenne jetzt die britischen Pläne. Wenn eine gemeinsame Abwehr nicht möglich sein solle, so bleibe nur noch die Separataktion übrig. Der politische Berichterstatter desManchester Guar­dian" gebt sogar so wert, zu erklären, daß die britische Regierung in den Der Handlungen bezüg­lich des deutschen Memorandums einem Bruch mit Frankreich nahe sei. Die britische Re­gierung erkennt an, daß die Einstellung des pas­siven Widerstankes im Ruhrgebiet außerhalb der Macht der deutschen Regierung hege.

Eine belgische Erklärung.

Brüssel. 12. Juni. (WB.) In der Kammer erllärte her Minister des Aeußern, I a s p a r, bei der Beratung des Haushalts seines Ministeriums: Wir sind in das Ruhrgebiet einmarschiert, um Reparationen zu erhalten, und werdenaus ihme r st hinausgehe n, wennwirsiebe» kommen haben. Die Annahme einer An­maßung seitens Frankreichs und Belgiens ist nicht statthift. Wir wollen die Ausführung des Der- sailler Dertrigs, der unsere Schuhwehr ist. Wir haben bereits ein Ergebnis erzielt, nämlich, daß Deutschland versucht, einen Meinungsaustausch an« zuspinnen. Wir wollen mit den Alliierten spre­chen, mit Deutschland aber nicht vor Einstellung des passiven Widerstandes.

Die russische Antwortnote an England.

Moskau, 12. Juni. (WTB.) Der Dolls- kommissar für Auswärtiges, Tschitscherin, hat an die englische Regierung eineAote gerichtet, die die Russische Telegraphen-Agentur wie folgt wiedergibt:

In Beantwortung des Memorandums der britischen Regierung vom 29. Mai stellt die Sowjeti-egierung als Ergebnis des bisheriges Austausches von Memoranden fest, daß bezüglich der vier Streitfragen, nämlich: 1. des Wainstein- schrn Briefes, 2. der Fischfangfrage, 3. der Ent- sck-ädigung für die Repressalien gegen zwei eng­lische Agenten, 4. des Prinzips der Aichlein- mischung, einer Verständigung zwischen ben beiden Regierungen nichts mehr im Wege steht. Hinsichtlich der Propaganda­frage. die im britischen Memorandum als die wichtigste bezeichnet wird, ist die Sowjetregierung bereit, die den von der britischen Regierung vor- geschlagenen^ neuen erweiterten OSortlaut ent­sprechende Stelle des englisch-russischen Handels­abkommens als Grundlage für die gegen» fettigen Verpflichtungen anzunehmen. Die Sow­jetregierung wünscht ben Charakter dieser Gegenseitigkeit genauer zu fassen, und zwar in dem Sinne, daß die yafünftige Unterstützung allen monarchistischen und Weißgardistischen sowie über­haupt allen feindlichen, gegen die Sowjetrepublik und ihrer Verbündeten gerichteten Treibens durch die britische Regierung oder die Regierungen ihrer Dominions, Kolonien, Protektorate usw. ausge­schlossen wird. Die Sowjetregierung bedauert ferner, daß trotz ihrer beispiellosen Aageftänb- nisse bie britische Regierung von ihrem Ulti­matum nicht nur keinen Abstand genommen, sondern die früheren Sore eräugen noch aus­gedehnt hat und neue aufstellt und damit die russische öffentliche Meinung zu der Schluß- folgermng zwingt, daß die Zugeständnisse der einen Seite nur die Ansprüche der anderen steigern. So liegt in der wiederholten For­derung der Abberufung von verantwortftchä,