Einzelbild herunterladen

Nr. M

Erscheint täglich, außer Sonn- und Feiertags, mit derSamstagsbeilage: GiehenerFamilienb lütter Monallichtvezvarpreise: 34MMark und200Mark Trogerlohn,durch diePost 3600Mark,auchbeiNicht. erscheinen einzelner Num­mern infolge höherer Gewalt.- Fern sprech. Anschlüsse: für dieSchrift. leitung 112; für Verlag und Geschäftsstelle 51. Anschrift für Drahtnach- richten: Anzeiger Sieben.

Postscheckkonto:

Zrankfvrt a. M. 11686.

173. Zayrgang

Zrettag, Mai 1923

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

druck und Verlag: vrühl'sche Univerfitütr-Vuch- und Steindruckerei H. Lange in Gießen. Zchriftleitung und Geschäftsstelle: Schulstrahe 7.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohnejede Verbindlichkeit. Preis für 1 mm höhe für Anzeigen o. 27 mm Breite örtlich 80 Mk., auswärt? 100 Mk.; für R e k l a m e - Anzeigen von 70 mm Breite 400 MK.Bei Platz. Vorschrift 20 °/0 Aufschlag. Hauptschriftleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz; für den übrigen Teil: Ernst Blumschein; für den Anzeigenteü: Hans Beck, sämtlich in Giehen.

Die französische Rachejustiz.

Das Essener Schandurteil.

Essen, 9. Mai. (WTB.) Wie wir hören, sind die gestern in Werden Verurteilten in Automobilen in Richtung nach Düsseldorf ab transportiert worden.

Ein Protest des Kruppsche» Betriebsrates.

Essen, 9. Mai. (WTB) Der Gesamt- Betriebsrat der Firma Friedrich Krupp QI.-®, in Essen hat heute vormittag einstimmig folgenden Protest beschlossen:

Durch das vom französischen Kriegsgericht in Werden am 8. Mai 1923 gefällte Urteil aufs höchste empört, erheben wir v0r aller Welt schärfsten Protest gegen dieses allem Rechtsgefühl hohnsprechenbe Urteil des französischen Militarismus. Der Vorsitzende unseres Aufsichtsrats. Mitglieder unseres Direk­toriums und unser Kollege Müller, der unter Einsetzung seiner ganzen Person am Charsamstag vorbildlich wirkte, sind dem Gewaltspruch zum Opfer gefallen. Dieses Urteil zeigt uns mit aller Deutlichkeit, das) die brutale Faust der Machthaber selbst vor den h e i l i g st e n Rechten der Arbeitnehmer nicht Halt macht. Wir werden uns auch durch dieses Urteil in unserem Kampf um bas Recht der freien Arbeit nicht niederringen lassen. Wir, als die Arbeitnehmerschaft des größten indu­striellen Werkes, wenden uns an das schaffende Volk in aller Welt und rufen dieses auf, mit uns gemeinsam den Kampf zu führen gegen den Militarismus und Imperialismus, gegen Aus­beutung und Unterdrückung.

3n der Rachmiltagssihung hat der Betriebs­rat gegen den Willen der Firma für den kom­menden Freitag einen P r o t e st st r e i k von 11 Uhr vormittags bis 4 Uhr nach­mittags angeseht.

Telegramme des Reichskanzlers und des Ministers v. Rofenberg.

Berlin, 9. Mai. (WTB.) Reichskanzler Cuno richtete an das Direktorium und den Be­triebsrat der F r i e d r. Krupp 21.«®. in Essen folgendes Telegramm:

Der Werdener Spruch kann die Schuld an dem Essener Arbeiterm ord nicht von den der Welt bekannten schuldigen französischen Ge­walthabern verrücken, an deren Stelle nun Krapp und die Mitverurteilten buhen sollen. Daß Un­ternehme!, Beamte und Arbeiter in gleicher Treue dem Recht der freien Arbeit eines freien Volkes dienen, ist eine Gewähr für den Sieg des deutschen Rechtes, sofern wir nur weiter in allen Ständen treu zusammenstehen. In den von dem französischen Militarismus Vergewal­tigten ehrt das deutsche Volk die durch keinen Machtspruch zu beugenden Vorkämpfer des deutschen Wider st andes.

An Krupp von Bohlen-Halbach, Gefängnis Werden, telegraphierte der Reichs­kanzler: Was heute in Werden verkündet wurde, ist eine verächtliche Verhöhnung im Äamen von Recht und Urteil. So tief der Wer- dener Spruch das Volk erniedrigt, das eine solche Beschimpfung echter Treue in seinem Tür­men geschehen lässt, so hoch erhebt er Sie und Ihre Mitverurteilten. Mit mir verneigt sich das deut­sche Volk und der Staat vor denen, die die Treue bis zum Letzten halten. In gleicher Treue werden wir nicht müde werden, daraus Hinzuwicken, dah den Verurteilten alsbald die Freiheit werde.

Der Reichsminister des Auswär­tigen richtete an Krupp von Bohlen and Hal­bach folgendes Telegramm: In der Unbill, die Ihnen widerfährt, muh und wird Sie das stolze Dewuhtsein trösten, dah fremde Willkür Sie in eherne Schicksalsgemeinschaft mit Ihren Arbeitern zufam mensch weiht und so durch Unrecht und Gewalt nichts anderes erreicht, als ein neues Symbol der schön st en Tradition des Hauses Krupp zu schaffen.

Eine Protestnote an die Regierungen.

Berlin, 9. Mai. (WTB.) Die deutschen M i s s i o n e n sind b-xraftragt worden, Ben an ter Ruhrb.setzung nicht beteiligten Regierungen eine Protestnote gegen das Schreckensurteilvon Werdet zu überreichen. Eingangs der Rote wird der Tatbestand der Ereignisse am Karsams­tag kurz geschildert und sodann auf dasÜeb'tein- komm-m hingewiesen, das zw'schen Werkleitung und Arbmtersch7§t im Ruhrgebiet wogm ter 6t- renenzeichen getroffen wurde, um da? Zeichen zur Arbeitsniederlegung zu geben. Dieser B auch sei den Franzosen schon von Anfang an bekannt ge­wesen und werde in diesem Fasle form ausge­beutet. um die einseitige französische Schuld der deutschen Bevölker"ng in die Schuh? zu schieben. Zugleich solle ein Keil zwischen die Arbeit^rlch-vst und ti' Unternehmer getrieben werden. Schließ- sich trefft die Rote daviuf hin. dah eine einge­hende deutsche Untersuchung nicht stottfinden dur.fte und dah die Franzosen die Unterbreitung der Angelegenheit ar? einen i n - ternotiDnalcn Ausschuh her to/* i <rert um dann von einem vartmischen Militär- g-richt d^s schauderhafte Urteil fällen xu lall-m.

n diese D'-'''"'satier»ng der Rillrö^-ölle^ung erbebt die deutsch- Regierung schärfen Protest, zumal Vo'-rmh-n in 'eine 3eit fällt in der Deutschland im beid-rseitigen Interesse bestrebt ist, dent Konflikt ein Ende 'zu machen.

* *

Der Reichspräsident zu den Mainzer Urteilen.

D e r l i n, 9. Mai. (WTB.) DerReichs- Präsident hat an den Reichsverkehrsmini­ster folgendes Schreiben gerichtet:

Das französische Kriegsgericht i n M a i n z verurteilte, wie ich soeben erfahre, unter Ausschluß der Oefsentlichkeit 17 Cisen- bahnbeamte, Gewerkschaftsführer und Ange­stellte des deutschen Eisenbahnerverbandes nach summarischem Massenverfahren zu uner­hört langen Gefängnisstrafen, weil sie ihre Untergebenen und Kollegen aufforderten, den deutschen Gesetzen und dem Diensteid treu zu bleiben. Auch diese Schreckensurteile sind ein Schlag gegen dieWahrheitundGe- r e ch t i g k e i t und sind ein A k t d e S w i l - de st en Terrors, der überall Entrüst­ung und Verachtung Hervorrufen wird gegenüber denen, die die Menschenrechte in brutaler Machtwillkür mit Füßen treten. Der fremde Militarismus wird auch durch diesen Gewaltakt seiner Werkzeuge, der Kriegsge­richte, den Widerstand der deutschen Eisen­bahner nicht brechen, sondern die Reihen derAbwehrnurengerschliehen. Ich bitte Sie, Herr Reichsminister, den betroffe­nen Beamten und Angestellten meine beson­dere Hochachtung für die vorbildliche Daler- landstreue und mannhafte Haltung auszu­sprechen.

Kundgebung im Reichstag.

In der Sitzung des Reichstages vom 9. Mai, mittags 2 Uhr, führte vor Eintritt in die Tages­ordnung Präsident Löbe aus: Meine Damen und Herren! Ihnen allen sind zur Kenntnis ge» kommen

* dir Schreckensurteile,

die gestern abend in Werden und Mainz gegen die Leiter des Kruppschen Betriebes, gegen den Betriebsrat und gegen die Gewerkschafts­führer der Eisenbahner ergangen sind. Landfremde militärische Richter haben den Versuch gemacht, den Mord an den Essener Arbeitern zu verhüllen dadurch dah sie die deutschen Landsleute der Ermordeten zu jahrzehntelangem Kerker verur­teilten. (Lebh. Pfuirufe.) Sie geben sich wohl der kindischen Auffassung hin. dah sie die Augen 6er Welt dadurch zu blenden glauben können, dah sie hinter dem dunklen Vorhang dieses Schreckensshstems das Blut von sich ab­wälzen können, das an ihren Händen klebt und das sie nicht mehr entfernen können. Ich beneide diese Männer um ihr richterliches Gewissen nicht. (Sehr richtig.) Sittlich wollen wir mit ihnen nicht richten: sie haben ihr Urteil selbst zu ver­antworten. Aber ich beklage den Hah, der dadurch zwischen zweiVolkern g e- I ä t wird und der immer tiefer wird, vielleicht, wie der Verteidiger im Prozeß ausgeführt hat. gegen den Willen eines groben Teiles des fran­zösischen Volkes, sicherlich aber mit bewußter Absicht der derzeitigen Machthaber Frankreichs. (Lebhafte Zurufe.) il.rb ich darf im Ramen des Reichstags den Betroffenen, ihnen allen, die im Kerker schmachten, die ihre Heimat üerloven ha­ben und den Hinterbliebenen und Gefallenen sagen: Was Ihr schuldlos leidet, leidet Ihr für Euer Volk, und es wird der Tag kommen, da die Qualen, die Ihr tn den Zeiten der Erniedrigung auf Euch genommen, in den Lettern der Geschichte hell und leuchtend zu Eurem Ruhme erstrahlen werden, während die Grausamkeit Eures Peini­gers verächtlich beiseitegeschoben wird. (Leb­hafter Beifall.) Wenn die Geschichte das Welt­gericht ist, barm könnt Ihr mit Ruhe und Stolz dem UrteU dieses Gerichts entgegen sehen. (Leb­hafter Beifall.) Die Mitglieder brs Hauses hatten diese Worte des Präsidenten stehmd angehört,' Kommunisten waren nicht anwesend.

Reue Schreckensurteile in Düsseldorf.

Düsseldorf, 10. Mai. (WTB) Dor dem französischen Kriegsgericht in Düsseldorf fand am Dienstag und Mittwoch eine Verhandlung statt gegen den Kaufmann Albert Leo Schlageter-Berlin. Kaufmann Hans Sa- dowsky-Essen, Student der Medizi i Albert Decker- Metz, Schlosser ®e)rg Werner-Potsdam. Kauf­mann Georg Zimmermann. Zeichner Brisbing- Essen, Ingenieur Kurl Kulmcmn-Essen. Die An­klage wirft ihnen vor. im März und April 1923 im Ruhrgebiet gesammelte Berichte und Schrift­stücke an deutsche Behörden übermittelt Anschläge gegen Personen der Besähungstruppen Beamte der All retten oder von ihnen abhängige Per­sonen verübt, ferner im März cm der Dahn $üScI-®ffen. im April in Werden-Kettwig vor- wtzllch Bahnkörper durch Sprengstoffe zerstört, beschädigt oder zu beschädigen versucht zu haben. Em weiterer Anllagepunkt betrifft die Erschießung teä Kommunisten und französischen Spitzels Sin­der in Essen. der angeblich von Sadowsky v)r dem Polizeipräsidium in Essen erschossen wrrden fein soll. Die Anklage nimmt an, dah die Sabo­tage-Organisation im Ruhrgebiet mit den Ab- geordneten Wulle und v. Gräfe in Verbin­dung gestanden und von dort Weisungen er­halten hat. Geldliche Unterstützung sei ihnen vom

Grafen Dehssel, der in der Hauptverwaltung von Krupp angestellt sei, gewährt worden. Das Urteil wurde gestern nachmittag gefällt. Es wurden verurteilt: Schlageter wegen angeb­licher Spionage und Sabotage zumTode,Sa- dowskh zu lebenslänglicher Zwangs­arbeit, Decker wegen verbrecherischen Kom­plotts und Spionage zu löIahren Zwangs­arbeit, Werner wegen verbrecherischen Kom­plotts, Spionage und Sabotage zu 20 Jahren Zwangsarbeit, Brisbing wegen Spio­nage zu 5 Jahren Gefängnis, Ku [mann zu 7 Jahren Gefängnis und Zimmer­mann zu 10 Jahren ®'e s ö n g n i s. Gegen Sadowski) wird wegen der angeblichen Erschießung Sinders noch später oerfjanbelt werden.

---- ujaexram»,.

Attentate aus die russische Delegation in Lausanne.

Lausanne, 10. Mai. (WTB.) Heute abend 9.20 Uhr wurde im Hotel Cecil, wo die russische Delegation wohnt, beim Abendessen der russi - sche Bevollmächtigte Worowski durch einen Revolverschuh ins Gen ick er­schossen. Seine Begleiter, der Pressechef Ah­rens und der Sekretär D i w i l k o w s k i wurden ebenfalls durch mehrere Schüsse ver­letzt, Diwilowski ziemlich schwer, Ahrens da­gegen befindet sich außer Lebensgefahr. Der Mörder gehört der Gruppe der sogenannten Schweizer Faczisten an, bie in den letzten Tagen wiederholt Drohungen gegen Worowski und gegen seine Kollegen bei der Delegation aus- stießen und bereits am letzten Sonntagmorgen eine Demarche beim russischen Bevollmächtigten ge­macht hatten, um ihn zum Verlassen der Schweiz zu zwingen. Der Mörder ist Grcrubündener. Er war heute abend ins Hotel gekommen und hatte sich einige Tische von Worowski entfernt zum Abendessen niedergelassen. Als er fertig war, be­stellte er zwei Gläser Schnaps, trank sie eilig aus und gab dann sieben Schüsse auf die drei Her­ren ab.

Der Vertreter des WTB., per sich wenige Minuten nach dem Attentat an das Krankenlager des Herrn Ahrens, der in Berlin Mitarbeiter der russischen Botschaft ist, begab, erhielt von dem Verwundeten folgende Grllärung: Die Alli­ierten, die durch ihre Manöver gegen die rus­sische Deligation Verwirrung in die Geister tru­gen und die Stellung der Delegation erschütterten und Ungewißheit über ihre Haltung in Lausanne verbreiteten, habe eine schwereVerantwor- t u n g an den Ereignissen, denen Worowski zum Opfer gefallen ist. Herr Ahrens protestierte auch in lebhaften Worten gegen die Haltung der hiesi­gen Behörden, die seit dem ersten Tage von den Machenschaften unterrichtet gewesen seien, ohne irgendwelche Schritte dagegen zu ergreifen.

Lausanne, 10. Mai. (WTB) Der Mör­der Worowski stellte sich sofort nach der Tat. Er wurde sogleich verhaftet. Er heißt Conradi, ist 38 Jahre alt und soll in der russischen Armee gedient haben.

Eine scharfe englische Rote an Rußland.

London, 9. Mai. (Wolff.) Reuter mel­det: In der britischen Rote an die Sowjet-Regierung wird diese der ständigen und flagranten Verletzung der Bedingungen des englisch-russischen Handelsabkommens beschuldigt, in dem versprochen wird, von feindseligen Aktionen oder einer derartigen Propaganda Abstand zu nehmen. Es wird auf antienglische Machen­schaften der Sowjetbehörden in Asien, beson­ders in Persien, Afghanistan und Indien, verwiesen. Aus amtlichen russischen Dokumen­ten wird angeführt, welche Summen ausge­geben und welche Pläne betreffend die Un­terstützung der Aufständischen mit Waffen auf­gestellt wurden. Die Einstellung dieser Machenschaften wird gefordert, ferner eine Entschädigung für die gegen britische Unter­tanen begangenen Missetaten und für die Be­schlagnahme britischer Fischerdampfer an der Murmanküste.

Die Rote sagt weiter, es seit Zeit, dah der Sowjettegierung klar gemacht werde, daß sie nicht ungestraft tn willkürlicher Weise ge­gen britische Untertanen und britische Schiffe auftreten dürfe. Es wird außerdem die Zu­rücknahme der beleidigenden Antworten der Sowjetregierung auf die britischen Vorstel­lungen betreffend die Verurteilung von Geist­lichen gefordert. Am Schluß heißt es, wenn die Sowjettegierung sich nicht binnen 1 0 Tagen verpflichtet, diesen Forderungen voll zu entsprechen, werde die britische Regierung es als ausgemacht ansehen, dah die Sowjet­regierung die Aufrechterhaltung der bestehen­den Beziehungen nicht wünscht, und werde sich für nicht mehr gebunden erachten an die Ver­pflichtungen des englisch-russischen Handels­abkommens.

I Ein großer Tag im englischen Unterhaus.

London, 10. Mai. (WTB.) Unterhaus Das Mitglied Lambert fragte den Premier­minister, ob, da die in der Beantwortung der deutschen Reparationsnote verfolgte Politik eine sich erweiternde Meinungsverschie- oenheit zwischen der französischen und der briti­schen Regierung bedeute, er in volle und offene Verhandlungen mit der französischen Regierung treten werde, die Tatsache im Auge haltend, daß, ohne alliierte Solidarität kein dauernder Friede in Europa oder der asiatischen Türkei bestehen könne?

Schahkanzler Baldwin erwiderte, Cferb Curzon habe am 20. April im Oberhaus^ zum Ausdruck gebracht, daß die brittsche Regie­rung sich der Wichtigkeit der Aufrechterhaltung der alliierten Solidarität voll bewußt sei, auf die ihre augenblickliche Politik gegründet sei.

Derjeleh fragte, ob der Minister sagen könne, ob dem Hause die britische Antwort auf die deutsche Rote rechtzeitig für die heutige Debatte zugestellt werden könne? Baldwin er­widerte: Rein: ich glaube nicht, dah die Rote an Deutschland schon abgesandt ist. Kenn- w o r t h y fragte, ob die kürzliche Rote der deut­schen Regierung über die Reparationen der Re­gierung der Vereinigten Staaten überreicht wurde und ob die Regierung beabsichtige. Ansichten mit der amerikanischen Regierung ebenso wie mit der italienischen Regierung auszutauschen? Bald- w in erwiderte, seine Antwort auf den ersten Teil der Frage laute bejahend, auf den letzten Teil verneinend. Die Vereinigten Staaten hätten keinerlei Anspruch an Deutschland für Repara­tionen gestellt, und es seien keinerlei Anzeichen vorhanden gewesen, daß sie zu Rate zu ziehen etwas anderes als eine Quelle der Behinderung für sie sein könnte.

Kennworthy fragte weiter, ob die ameri- kanische Regierung nicht einen Anspruch auf die Kosten für das amerikanische Desahungsheer er­hoben habe. u*b auf jeden Fall: weshalb schalle England eine befreundete Ration aus. die ihm in diesen schwierigen Fragen beistehen könne? Baldwin erwiderte, seiner Erinnerung nach sei der Anspruch, auf den Bezug genommen werde, vollkommen getrennt von der Allgemeinen Frage der Reparationen.

Wedgwood Benn fragte, ob es nicht Tatsache sei. daß der deutsche Vorschlag, die Forderungen der Alliierten einem Schiedsgericht zu unterbreiten, auf einen Rat des Staatssekretärs Hughes zurückzuführen sei. D a d w i n ant­wortete, dies sei ihm nicht bekannt. Green- Wood fragte den Premierminister, ob er bereit sei, im Ramegn der britischen Regierung der deutschen Regierung mitzuteilen, daß, wenn sie bereit sei. die vorgeschlagene Zahlung einer Repa­ration ton 11/2 Milliarden Pfund Sterling auf 2l 2 Milliarden Pfunv zu erhöhen, er willlns sei, die guten Dienste Englands zu verwenden, um Frankreich und Belgien zu überreden, die Ver­handlungen wieder zu eröffnen. Baldwin bat, die Veröffentlichung der Erwiderung der britt- schm Regierung auf die deutsche Rote vorn 2. Mai abzuwarten.

Kennworthy bat um Information be­züglich der Beschlagnahme des briti­schen FischdampsersLord Astor". Evans fragte, ob das britische KriegsschiffHarebell" Befehl erhalten habe, sich nach der russischen Küste zum Schuhe bei britischen Fischerei zu be­geben, und ob der befehlshabende Offizier Anwei­sung erhalten habe,

das Feuer auf russische Schiffe zu eröffnen, die britische Schiffe in exterritorialen Gewässern behelligten. (Lauter Beifall auf der Regierungs­seite.) Mac Reil l erwidert, der britisch; Agent in Moskau sei angewiesen worden, zu un ersuchen, eine Bestätigung des Berichts über die Beschlag­nahme eines brttischen Fischdampfers zu erhalten und die sofortige und bedingungslose Freigabe des Fahrzeuges und seiner Mannschaft sowie die Heimbeförderung der letzteren z«a fordern. Das Kriegsschiff Harebell habe Befehl erhalten, di; Behelligung britischer Schiffe außerhalb der Drei- mttlengrenze zu verhindern, wenn nötig mit Gewalt. (Lauter Beifall auf der Regierungs­seite, auf der Arbeiterseite dagegen zahlreiche Zwischenrufe wie: Roch mehr Krieg? Lans- bury ruft erregt zu den Regierungsbänken: Warum schickt ihr nicht die Proteste nach Reuyork? Ihr seid eine Bande von Feiglingen! Ihr habt AnAst tror Amerika! Hier greift der Sprecher ein.)

Sir John Simon eröffnet im Unterhaus die Saardebatte.

Er lenkt die Aufmerksamkeit des Haases auf einen im Saargebiet verkündeten Erlaß, der, wie er Tagt, die schwersten Strafen für Akte auf­erlegt, die in anderen Ländern entweder über- b<vu4?t nicht strafbar seien oder als unbedeutende Vergehen angesehen würden. Das Saargebiet fei ein dicht bevölkerte Gebiet, das eine fast nur aus Deutschen bestehende Bevölke­rung von 700 000 Menschen umfasse. Es bestehe kein Grün'« z uder Erklärung, daß das Gebiet nicht in jedem Sinne deutsch sei. Die Regierung des Saargebiets sei in die Hände des Völkerbundes gelegt worden. Es sei daher von der größten, Wichtigkeit, dah die britische Regierung ebenso wie alle anderen in Betracht kommenden Regie­rungen zusehen, dah die Gesetze, die für dieses Gebiet gemacht würden, Gesetze seien, die gerecht­fertigt werden konnten. Es sei von grundlegender Bedeutung, dah der Völkerbund in den Augen der Saarbevöllerung nicht in Mihttedit gerate. Simon bezeichnet den am 9. März von der Der- waltungskommission verkündeten Erlaß als einen »äußerst erstaunlichen Mißbrauch