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Nr. 59 Zweites Blatt maaMWHnuwnmsanKMMBsaMUMi

Samstag, 10. März 1925

Gießener Anzeiger (Genera!-Anzeiger für Tberheffen)

Die französisch-belgische Deeinträchrigung desEisenbahn- verkehrs.

Don einem hochstehenden Elfenbahn-Fach- marrn, der die Verhältnisse im besetzten Gebiet genau kennt, wir) uns geschrieben:

Wenn man jetzt auf den Eisenbahnen des westlichen Deutschlands r-risen must (denn ohne eine dringende Notwendig leit wird dort z. 3- kein Mensch reifen), wenn man ein Geschäft betreibt und im westlichen Deutschland Gäter verfraa- en oder empfangen must, so treten einem in vielen Fällen derartige Schwierigkeiten und älnregel- mästigkeiten entgegen, dast der nicht vvll!tänd:g Eingeweihte leicht nachdenklich werden kann und sich die Frage stellt, wie es möglich ist, dast die Besetzung des Ruhrgebietes so weitgehende Fol­gen für den Betrieb der Eisenbahnen mit sich bringt. Sollte es nicht bei richtiger Bewertung der 3ntereffen der Gesamtheit doch möglich fein, den Ei enbahnbrtrieb in vollkommener W ise auf­recht ^erhalten? Dazu kommt, daß die Franzosen steif und feit behaupten, die deutschen Eilenbahrer streikten", sie brächten durch den Streik das Volk in Ernährungsschwierigkri en. und solche ge­wissenlose Menschen dürften deshalb kein Gehalt und keinen Lohn erhalten. Sie, die Franzosen, würden die Auszahlung von Geld an solche .streikend e" deutsche Cifenbahnbedien tcte nach Kräften verhindern. O, edle Menschenfreunde! ES ist unser Gegner, der das Jagt! In Wirk­lichkeit wollen die Franzosen dem deut­schen Eisenbahner fein Geld nicht ju- kommen lassen, damit er durch Hunger gezwungen zu ihnen kommt und für sie ar­beitet. Aber das wird den Franzosen nicht ge­lingen.

Der Einbruch in das Ruhrgebiet sollte von den Franzosen und Belgiern militärisch offenbar genau so wie im Kriege gesichert wer­den, obschon der Einbruch nach Angabe der gegnerischen Regierungen nur eine durchaus friedliche" Maßnahme darstellt. Die Fran­zosen und Belgier bemühen sich daher, die Gang­barkeit der rücHiegenöen Etappenlinien und die Versorgung des Einbruchheeres mit den nötigen Ve pflegunqssto'sen usw. sicher ustcl en Da man sich offenbar schon seit Jahren mit dem Ge­danken an Maßnahmen trug, die eine solche Sicherstellung notwendig machen konnten so hatte man in den letzten Jahren eine Menge französi­schen und belgischen Eisenbahnper oaals auf den deutschen Dahnen des besetzten Gebietes, in den Stellwerken, auf den Lokomotive i usw. aus» aebildet. Mit Beginn des Ruhreinbruches wur­den die Hauptbahnen des altbesehten Gebietes und die Hauptlinien, die von den Ländern der Gegner zur Ruhr führen, stark von Truppen bef yt, und aust.rdem wurde eine Menge fremden Eisenbahnpersonals diesen Linien zucesührt, das sich auf den Stationen und zum Teil in den Diensträumen aufhielt, offenbar um ja fernen und zuzugreisen, falls das deutsche Personal den Wünschen der fremden Mächte nicht mehr folgen wollte, oder besser folgen konnte.

Wir hatten den Gegnern ja ganz deutlich ge­sagt: Kohlen und Koks, sowie sonstige Repara­tionen werden nach dem Ruhreinfall nicht mehr gefahren. Es ist ganz klar, dast durch die starke Bewachung der Bahnen durch Posten mit reichlicher, scharfer Munition eine große Beunruhigung tu das deutsche Personal ge­tragen wuroe, die soweit ging, dast bei zu lästiger Ausstellung der bewaffneten Truppen der Dteust verweigert wurde. Das kann man vollständig ver­stehen, wenn man berücksichtigt, dast dl? deutschen Eisenbahner, sehr im Widerstreit mit ih em guten deutschen Empfinden, die vielen französischen und belgischen, für den Ruhreinfall bestimm en Trup­penzüge, die als vorläufiges Reiseziel K a l s ch e u- e r n, Reust usw. meldeten, sicher durchgeführt hatten, weil die deutsche Regierung auch formell sich m keiner Weise mit den Be­st immungn des Rh inlrnb blommens in W i de r- sprach setzen wollte »nd die Durchführung dieser Füge im altbesehten Gebiete angeoröne: [alte so­weit für sie das Ruhrgeoiet nicht als Ziel angegeben war.

Auf solchen Bahnhöfen, die von den deut­schen Eisenbahnern verlassen toareh, weil d i e Aufstellung der Posten den Betrieb unmöglich machte, oder weil die fr em&en Eisenbahner direkt in den Betrieb ein­gegriffen hatten, versuchte das fremde Per­sonal den Betrieb zu Übernehmen. Die frem­den Eifenbahner fuhren z. D. aus einer von ihnen besetzten deutschen Zuganfangstation mit einem Pcrsonenzug nach Stationen und ©tredea, die noch vollständig deutsch und im Betriebe waren. Ein solcher Zug wurde natürlich nicht a b ge­rn e l b e t, Signa le^wurden nicht beach -

t e t, und andere Züge dieser Strecken wurden aus das höchste gefährdet. Bei Militärzügen wurde zum Teil so verfahren, dast man auf der Loko­motive dem beut! ien Perw ial zwei fremde Be­gleiter mitgab. Aus der nächsten Station wurde das deutscye Personal von der Loko­motive vertrieben, und das fremde Per­sonal fuhr weiter unter Vernachlässigung jeder Sicherung. Trotzdem sich bei den deutschen Be­triebsbeamten das innerste Empfinden ge ,en dieses Verfahren sträubte, da sie, ihrer Erziehung ent­sprechend, die Sicherheit des Betriebes obeuansiel- len, wurden die verantwortlichen Stellen der Geg­ner auf die ülnzuläsligbeit der beschr ebenen Ein­griffe und dieGefährdungvon Menschen­leben und Material aufmerksam gemacht, und so versucht, einen geordnet en deutschen Betrieb weiterzuführen. Erst als diese Schrille keinen Erfolg hatten, wurden solche Strecken, die noch im Betreib waren, aber wegen der Gefähr­dung von dem deutschen Personal nicht weiter be* trhben werden konnten,von Amts wegen" stillgelegt. Das ist also kein Streik! Die Franzosen und Belgier haben das deutsche Personal von den Strecken ver­drängt! Hierbei ist hervorzuheben, dast nach dem Rheinlandabkommen die glatte Durchführung des Betriebes der deutschen Verwaltung obliegt und dast die Rotwendigkeit einer Requi­sition oder einer Militarisierung der Dahnen mit der vertragswidrigen Ruhrbesetzung von den Fran­zosen und Belgiern nicht begründet werden kann.

Die Franzosen haben bis jetzt nicht gezeigt, dast sie auch nur annähernd in der Lage sind, die mustergültigen Einrichtungen der deutschen Dah­nen zu gebrauchen und dast sie eiten Rotbetrieb einrich'.en können, der den Verhältn.s en des Lan­des auch nur in etwa entspricht. D.e technische Ausbildung des fremden Personals reicht offen­bar auch nicht aus, um die verwickelten Einrich­tungen unserer Bahnhöfe, insbesondere der Siche­rungseinrichtungen. zu bedienen und so den Be­trieb auf den Strecken leistungsfähig zu gestalten. Dazu bedarf es jahrelanger Einarbeitung. Man tritt deshalb immer wieder mit Drohungen und Versprechungen an das deutsche Personal heran und versucht es zur Weiter­arbeit unter französischem Oberbefehl zu be­wegen. Aber das deutsche Personal bleibt stark und treu deutsch!

Wv die Franzosen Züge für den öffentlichen Verkehr zu fahren versuchen, werden diese von dem deutschen Publikum, bis auf ganz vereinzelte Fälle, nicht benutzt: es verbietet sich das auch schon wegen der unsicheren Betriebsweise. Be­zeichnend ist es, dast die M i t f a h r t mit solchen französischen, sogenanntenwilden" Zügen stellenweise von der unterschrift­lichen Verpflichtungserklärung, für d i e Rheinische Republik zu wirken, abhängig gemacht wird. Eine Haftpflicht wird von den Franzosen natürlich nicht übernommen. Auch im Güterverkehr ist der Erfolg der Fran­zosen austerordentlich gering. Don glaubwürdiger Seite wird mitgeteilt, dast die Franzosen, um den geringen Erfolg der Abfuhr von Brennstoffen nach Frankreich zu verdecken, aus dem 6a ar­ge b i e t mit Kohlen belaßene Wagen unter falscher Dezettelung nämlich als Ruhrkohle nach Frankreich abfahren.

Wenn man sich die durch die beschriebenen Störungen betroffenen Strecken ansieht, so findet man, Last nicht nur innerdeutscher Verkehr, son­dern namentlich wichtiger großer Durch­gangsverkehr betroffen wird. Linien wie KölnBerlin, KölnHamburg, HollandBafel (rechte und linke Rheinseite), KoblenzTrier- Paris, MainzParis werden derart behindert, daß sie zum großen Teil gar nicht b e - trieben werden können. Rur wenige Züge können über nicht betroffene Strecken umgeleitet werden. Das bezieht sich auf Personen- und Schnellzüge.

Die Güterzugbildung ist auf den hierfür vor­geschriebenen Stationen zum großen Teil nicht möglich, und soweit Hilfswege in der Beförderung eingeschlagen werden können, sind diese schwierig und mit erheblichem Zeitverlust verbunden. Un* erhörte Mehrkosten entstehen. Der Rückgang des Verkehrs bringt einen riesigen Ausfall an Ein­nahmen mit sich, ilnö wenn man dabei bedenkt, wieviel, oder besser, wie wenig Koks und Kohlen die Franzosen und Belgier aus dem Ruhrgebiet herausgeholt haben (die Ausbeute feit der Besetzung ist ganz geringfügig), w i e groß dagegen die Desahungskosten sind, wie sehr die gesamte Wirtschaft, nicht nur in Deutschland, leidet, wie sehr dabei die besten Deutschen, und nicht zum wenigsten die pflichttreuen Eisenbahner, geschunden werden, so hat man fast das Gefühl, in einem Tollhaus zu sitzen.

Der Eisenbahner im besetzten Gebiet steht bei dem aufgezwungenen Abwehrkampfe in vor­derster Linie. Er muß sich von den fremden Be­drückern schinden und von Haus und Hof ver­treiben lassen. Dort aber, w o einer feinem Wi rkungskreise auf diese Weise ent­zogen wird, tritt sofort ein anderer wieder ein. Treudeutsch wird der Eisen­bahner seine Pflicht tun und aushalten, zumal er weiß, daß alle feine deutschen Brüder und Schwestern mit ihm eines Sinnes sind und ihm mit Rat und Tat helfen, wo sie nur können.

Deutscher Reichstag.

Sitzung, 2 Ülhr.

Berlin, 9. März 1923.

Die zweite Beratung des Gesetzentwurfes über die Berücksichtigung der Geldent­wertung in den Steuersätzen wird fort­gesetzt bei § 2. der die Körperschaftssteuer betrifft.

Abg. Dx. Helfferich (Dntl) beantragt, die Gesellschaften mit beschränkter Haftung, die bisher von der Kapitalertragssteuer befre.t waren, auch von der zur Ablösung dieser Steuer dienen­den Erhöhung der Kbroerschaftssteuer freizulassen.

Eia Regierungsvertreter äußert Be­denken gegen den 21 urag.

Abg. Dr. Hertz (S.) wendet sich gleichfalls gegen den Antrag.

Der Antrag Helfferich wird gegen die Stim­men der Srzialdemokraten und Kommunisten an­genommen. Mit dieser Aenderung kommt § 2 zur Annahme.

Es folgen die § 3, 3 A und 4, die von der Vermögenssteuer, der Zwangsanleihe und der Erbschaftssteuer handeln.

Abg. Soll mann (Soz) beantragt für den Taris d r Cßermögencfteuer die Wie er Herstellung der 2teflierung8Dotlage, bei der die S afidang mit 1 vom Tausend bei 500 000 Mk. beginnt uns mit 10 vom Tausend bei mehr als 20 Millionen endet, während in der Ausschustfafsung die Staffelung bei 1 500 000 Mk. beginnt und mit mehr als 60 Millionen Mark endet. Diese Auseingnderziehung des Tarifs bedeute eine unge.echte Bevorzugung des Besitzes gegenüber den Lohncmpfäng rn, die im Dezember 8t Prozent des gesamten Aufkom­mens der Einkommensteuer aufgebracht hätter und im Februar gar 94 Prozent. Wenn ferner die Zwangsanleihe jetzt erst 8 Papiermilllarden ein- gebracht habe, sei es geradezu unverantwortlich, wenn der Ausschuß auch hierfür den Taris zu­gunsten des Des tzes aufeinander e-.ogen habe. Zur Erbsaftssteuer verlangt der Redner ebenfalls Wiederherstellung der Reg erungsvorlag? gegen­über den Milderungsbeschlassen des Ausschusses. Würden diese Anträge abgelehnt, könne die So­zialdemokratie dem ganzen Gesetz nicht zustimmen.

2lbg. Helfferich (Dntl.) behauptet, daß der Ausschuß mit seinen Beschlüßen keineswegs den Besitz bevorzugen, sondern einfach den in der Lchnsteuw g eilenden Entwertungssaktor auch für die Desihsteuern anwenden woll e.

Abg. Keinath (Dem.) erklärt, der wach­sende Anteil der Lohnsteuer an der gesamten SteuereiTrnahme beweise nur, daß dar Einkommen aus dem Vermögen gegenüber dem Einkommen aus der Arbeit xurüdgegangen sei. Die Behaup­tung, daß die Ausschußanträge den Besitz bevor­zugen, sei nachweisbar falsch.

Abg. Konen (K.) lehnt sich an die sozia­listischen Anträge an und fordert die Regierung auf, zur Vermurung der Desiysteuem Stellung zu nehmen.

In namentlicher Abstimmung werden die so- zialistischen QInträge zur Vermögenssteuer mit 183 gegen 145 Stimmen abgelehnt und die Llus­schußanträge angenommen. Die sozialistischen An­träge zur Zwangsanleihe werden mit 185 gegen 149 Stimmen, die zur Erbschaftssteuer mit 192 gegen 148 Stimmen abgelehnt und die Ausschuß- faf ung angenommen. Ebenso werden die weiteren Bestimmungen zum Renn- und Lotteregesey, zum Wech'elstempelge eh, zur Ka'sttalverkehrssteuer, zur Aktienanteilsteuer und zur Dersiche.'ungssteier debattelos m der Ausschußfass ung angenommen.

Runmehr stehen die im Art. 2 enthaltenen Dewertungsvorschriften zur Beratung.

Abg. Dr. Hertz (S.) bedauert, daß die bürgerlichen Parteien im Ausschuß gegenüber den sozialistischen Anträgen keine Verständigung gezeigt hätten. Die Vorschriften seien bedenklich, weil sie davon ausgingen, den Sachwertbesitzern die Renten zu erhalten, während alle anderen Staatsbürger und das Reich selbst ber Geldent­wertung zum Opfer fallen. Im Gegensatz zum Reichskanzler, dec vom Besitz Opfer fordere, gingen die Dewertungsvorschriften davon aus. den Desih zu schonen. Die Warenvorräte wür­den beispielsweise viel zu niedrig angerechnet. Seine Partei beantrage Einschätzung nach dem

Marktpreis mit Abzug von 25 Prozent. Auch die Abnützung würde viel zu hoch berechnet. Er beantrage nur ein Zehntel der vom Ausschuß beschlossenen Sätze. Er beantragt ferner, daß die Wertpapiere oder die ausländischen Zahlungs­mittel njd)t als Gegenstand der Betriebsver­mögen gelten und nach dem Äauftverte am Bilanz tage zu bewerten seien Der Redner wendet sich sodann gegen die Begünstigung der Land­wirte im Erbschastssteuergesetz und gegen die ilngerecßtigfeit in der Einschätzung der Wert­papiere bei der ZwangSanleihe und bei der V.r- mögenssteuer, wobei beispielsweise eine Hapag» Aktie, die 31 000 Mark koste, nur mit 1241 Mark bewertet werde, und eine Mannesmann-Aktie statt mit 65 000 Mark nur mit 5500 Mark.

Abg. Dr. H e l s s e r i ch (Dlnl ) bemerkt, daß die Berechnungen des Vorredners von ganz fal- feben Voraussetzungen ausgehen. Wenn die land­wirtschaftlichen Grundstücke nach dem heutigen Ankaufswerle besteuert werden sollen, wurde das die Expropriation der Landwirtschaft bedeuten. Auch die sozialistische Berechnung der Industrie- gewinne stimme nicht.

Ministerialdirektor P o p i h kündigt 2lend> rungen der Dc Wertungsrichtlinien des Ministe­riums an, durch di? die einzelnen Mißverständ­nisse. die auch beim Abg. Herz Vorgelegen hätten, beseitigt werden sollen.

Abg. Heidemann (K.) bemerkt, daß durch die vielfach nachgiebige und falsche Steuerpolitik der Regierung die Aktion zur Stabilisierung der Mark durchkreuzt werde.

Schließlich werden die sozialistischen Anträge zu den Bewertungsvorschriften mit den Stimmen aller bürgerlichen Parteien abgeleßnt

Vor ter Abstimmung über den Paragraphen selbst erklärt der 2lbg. Müller- Franken (S ), daß die OTbleßnung der sozialistischen Anträge die Sozialdemokratie zwinge, die politische Über­antwortung für diese Beschlüsse abzulehnen. Fer­ner bezweifelt er die Beschlußfähigkeit des Hauses. Inzwischen haben alle Abgeordneten der Linken den Saal verlassen. Bei der 2lbstimmung werden nur 170 Stimmen abgegeben und somit steht die Beschlu^nnsä^ i^kelt des Hauses fest. Um die zwri'e besang der Dorlag: doch noch heut: za beendigen, se-,.t der Prälident die näcbice Sitzung für 7 asthr abends an. Schluß 6/2 älhr.

Sitzung des Reichstags vom 9. März, 7 Uhr abends.

Zur Geschäftsordnung gibt der Abg. Konen (Komm.) eine Erklärung ao, in der er dazu anf- fordeat, den Kampf gegen den bürgerlichen Steuer­block aus dem Parlament hinaus in die Betriebe zu tragen und beantragt die Absetzung der Steuer­gesetze von der Tagesordnung.

Abg. Helfferich (D.schntl) verwahrt sich gegen die Auffassung, als ob die bürgerlichen Par­teien für eine D günfllgung tet auelä bstchen Zah­lungsmittel seren. Sie verträten nicht die Inter­essen des Besitzes, sondern die des Reiches. Rach dem Schritt der Sozialdemokraten beantrage er Vertagung der Sitzung.

Der Antrag Helfferich wird angenommen. Rach längerer Geschäslsordnungsdebatte über den Termin ber nächsten Sitzung wird ein Zentrums­antrag, die morgige Sitzung aussallen zu lassen, mit 148 gegen 104 Stimmen angenommen.

Der P räsiden t beruft sodann em: dritte Sitzung für zehn Minuten später an. In dieser Sitzung wird in erster und zweiter Berat tng debattelos der Initiativantrag angenommen, der bestimmt, daß der Verlust an Dollarschayanwei- sungen. die von Aktiengesellschaften als Tlnlage gesetzlicher Reservefonds besonders gesucht werden, im Reservefonds bis zu einer gewißen Höhe gut­geschrieben toerden können.

Der sofortigen Vornahme der dritten Lesung wird von den Kommunisten widersprochen.

Gegen 8 älhr vertagt sich das Haus auf Mtntag nachmittag 2 ilj)r (3. Lesung des Ini­tiativantrags, Wohnungsbauabgabe, Fortfey ing der 2. Lesung des Steuergeldentwertungsgesetzes.)

Handel

Die Dollarschatzanweisungen deS Deutschen Deichs

werden in einem Augenblick zur Zeichnung auf­gelegt, der für Deutschlands Zukunft von höchster Bedeutung ist. Es gilt darum, die ig der P r i - vatwirtschaft vorhandenen, entbehrllchen fremden Zahlungsmittel zum Besten der Gesamtheit zu konzentrieren und die Grundlagen der Aktion, mit denen einem wei­teren Steigen der auswärtigen Wechselkurse Ein­halt geboten und eine nachhaltige Beeinflussung der gesamten Preise ausgeübt werden kann, zu kräftigen.

Entsprechend dem Verwendungszweck der An­leihe werden als Einzahlung nur Devisen ange-

Unter dem Hreiheittbcmm.

Roman von Clara Diebin.

ßO. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)

Ich werd ntt mehr besser. Versprach, jetzt soll bald Versprach fein!" Die Kranke beharrte mit Eigensinn. Dies Mädchen war so gut zu ihr. Pflegte sie wie ein Engel, dem wollte sie nun, ehe fie schied, noch ein Liebes tun.Morgen za Mittag, wenn sie all' daheim sind, dann kommt an mein Bett. Der Vatter soll kommen, der Hubert, der Rikla. ilnb du mit dem Martin, ihr sollt hier- stehen, bidyt hier bei mir ich will deine Hand in feine Hand legen ich segne euch"

OKaiia weinte laut Das Herz sch.en zu zucken in ihrer Brust: ach wenn's doch in Stücke ging, sie nrederstürzte, tot auf der Stelle! Sie konnte und konnte es doch nicht sagen, was ihr Vater für einer war, and daß auch sie nun za schlecht war, um ihre Hand in die des Martin zu legen. Was sollte sie nur tun, um die Frau absu bringen?

Morgen is Versprach" wiederholte die Kranke hartnäckig.

Sonntag. Wartet noch bis auf den Sonn­tag," fließ Maria heraus. Was der Sonntag anders machen sollte, das wußte sie freilich picht: aber es war noch ein AuIschab, und fie klammerte sich daran.

Warum dann bis Sonntag?" Die Kranke erregte sich

Ich will üvch mit meinem Vatter sprechen.

Ah so freilich! Bist en gute Tochter." Die Frau beruhigte sich

Tief senkte Maria den Kops, sie fühlte die Hand der Frau über die ihre streicheln. Sine

.................. rjtta gute Tochter! Sie biß die Zähne auseinander, sie hätte sonst laut herausla-chm müssen in Hohn und Pein. Aber Gott sei Dank, noch war es nicht Scnntag I Wenn ihr bis dahin kein anderer Aus­weg sich zeigte, dann mußte sie die hier, die ihr lieb war wie eine Mutter, doch einer anderen Hand über lassen: sie selber mußte dann fliehen. Wohin, darüber dachte fie keinen Auge.ablick nach. Dumpf war es in ihrem Kopf, und dumpf blieb es. Wie geschlagen ging sie umher.

Der Müller fühlte ihre Riedergedrücktheit, und sie tat ihm wohl in der seinen Er sah darin lauter- Trauer um seine Frau. Ach ja, wenn die Maria seiner Kranken helfen könnte, die täte es mit dem eigenen Herzblut aber was sie nicht konnte, das konnte virlleicht ihr Vater! Das fiel ihm plötzlich ein. Der Schmied oben in Krinkhof war bckannt als Wunderdoktor. Hätte man den vielleicht schon eher geholt! In seiner Rot klam­merte er sich an diesen Gedanken wie an eine Rettung. Als er davon sprach, den Krinkhoser holen zu lassen, sah ihn Maria fassungslos an: Was. ihren Vater an dieses Bett? Hans Dast von Krinkhof in dieses Haus?! Sie konnte sich nicht mehr helfen, sie brach in ein Lachen aus. Sie entsetzte sich über ihr eigenes Lachen, es klang ihr gräßlich

Dem Müller mochte es anders geklungen haben.Warum hast du mir bat nit längst ge­raten, wenn du weißt, bat dein Vatter helfen kann?" Er setzte all seine Hoffnung auf den Wundermann. Es war doch nicht umsonst, baß bie Leute den holen ließen so weit hin, der halle geheime Mittel, von denen kein gelernter Doktor was wußte.

Als Martin den Schmied von Krinkhof ins Zimmer w.es, war tuemanb darin alS de Müller.

Er saß am Dell, den Rücken gegen die Stube, hielt die Hand seiner Frau und sah sie unoer- wandt an. Die Kranke war seit einer Stunde sehr unruhig, sie stöhnte in einem fort.

In bu dunkle Ecke gedrückt, zwischen Wand und Dell, ganz vorn kattunenen Vorhang ver­borgen. ftanb Maria. Sie wagte kaum zu atmen; si: wollte nicht wissen lassen, daß sie hier ftanb. Durch einen Spalt des Bettvorhangs beobachtete fie ihren Vater. So ehrbar war seine Miene! ilnb schön war sein Gesicht! Das sah Maria beut zum erstenmal. ilnb es regte sich leise eine Hoff­nung in ihr: am Ende war er doch nicht schlecht warum auch wäre er das? Reich war er noch nicht geworden, die Hütte war und blieb ärmlich Daß man auch schlecht sein kann, aus sich selber heraus, daß ein äußerer Anlaß nur den Anstoß gibt, nicht aber der Grund ist. baß ein dunkler Instinkt, der gleich:, den das Raubtier besitzt, auch bei Menschen treibt, das ahnte fie nicht. Ihr Blick brannte auf dem ruhigen ernsthaften Männergesi-cht und suchte das zu durchdringen.

Der Schnied verzog keine Miene. Er legte das Ohr an die Brust der Kranken, klopfte da mit gekrümmtem Finger und hor-chte lange; dann richtete er sich auf und stand nach denkend. Die Augen blickten schwarz aus dem gelblich-blassen Gericht. Er sprach kein Wort.

Könnt Ihr helfen?" sprach angstvoll der Müller: das Stöhnen feiner Frau nahm ihm schier den Verstand.Wird sie bald Ruh kriegen?"

Sie kriegt bald Ruh," sprach feierlich der Wunderdoktor. Er zog ein Fläschchen heraus, schüttelte das und hielt's gegen das ..Licht.

Ah, das kannte Maria, das gebrauchte er auch bei erkranktem Diehl

Don den gelben starkriechenden Tropfen

Pfefferminz. Melisse und Daldrian träufelte er auf die keuchende CB ruft, rieb dann, rieb lange und sprach murmelnd unverständliche Worte dabei.

Der Müller machte große Augen ja, ja, das tat gut. schon ging der Atem gelinder!

Er drückte dem Wunderdoktor banfenb die Hand. Aber Marias brennender Blick haftete fest auf dem Mann, der da stand mit der Miene des Arztes. Schstnheiligkeit, Lüge, Betrug! Er wußte ja ganz genau. baß es hierfür kein Kraut mehr gab Der Tod war im Zimmer. Unb ihre Augen, dunkel wie die des Mannes, sahen den Va­ter so entsetzensvoll an. als sei der selber der Tob.

Der Müller legte die Stirn auf den Dettrand; nun bie Frau still ruhte, fühlte er erst, wie zer­brochen er selber war.

Den Augenblick benutzte der Krinkhoser. Sein Kcpf fuhr herum, seine Blick stöberten in all« Ecken. Run ging er leise zum Fenster, besah den Verschluß des Ladens, und mm ging er zur Tür, bie nebenan jur Schlafkammer ber Söhne führte. Er schob sie vorsichtig auf, guckte flüchtig hinein, zog sie bann wieder zu und sah nach dem Riegel.

Maria stockte der Atem: Waium tat er das? Sie sah ihn durch? Zimmer schleichen, leise wie auf Strümpfen und flink wie einen huschenden Schatten.

Als der Müller den Kops wieder hob, stand der Krinkhofer auch wieder am Bette.Sie wird schlafen. Die ganze Rächt," sagte er.Legt Euch nur auch hin. Es braucht keiner zu wachen." Er ging zum Fenster und fließ das auf.Laßt das offen. Wie soll Cure Kranke Lust triegen, wenn Ihr das jufperrt Er hob mahnend den Finger: Also, laßt auf!"

(Fortsetzung folgt)