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Deutscher Reichstag.

Berlin, 5. Mai, 2 Ahr nachm.

Der Gesetzentwurf über die Festsetzung eines Mindestbetrags des Grundkapitals von Aktien- und K o m ma n d i tg e se l l s cha f - ten auf die Summe von fünf Millionen Mark wird in allen drei Lesungen debattelos genehmigt, ebenso der Entwurf betreffend die Aenderuna des Genvssenschaftsgesehes dahin, daß den Wirtschaftsgenossenschaften der Anschluß an andere Genossenschaften erleichtert wird. Des­gleichen wird der Gesetzentwurf über die A-npassung der Dienstgelderstrafe an die Geldentwertung in zweiter und dritter Lesung angenommen. Sodann wird die Einzelberatung deS Haushalts des Reichsarbeitsministeriums fvrt- gesetzt.

Beim Kapitel Sozialversicherung ver- fcmgt der Abg. Uebel (S.) eine stärkere Sen- tvalisatton des Krankenkassenwesens. Der berufs- ständige Aufbau der Kassen sei durch die Enttvick- funfl längst überholt. Mit den vielen leistungs­schwachen Kassenbetrieben und Ersatzkrankenkassen ntiisse endlich Schluß gemacht werden.

Abg. Esser ($-) unterstützt die Ausschuß­entschließung, die eine gesetzliche Regelung der Ausbildung Jugendlicher fordert, lehnt dagegen die Einbeziehung der Lehrlinge in Tarifverträge und die Bezahlung der Fvrtbildungsschulzeit durch den Arbeitgeber ab, welche beiden Forderungen ebenfalls in der Ausschuhentschließung enthalten sind.

Aba. Frau Dohm-Schuch (S.) protestiert gegen diese Haltung des Zentrums, welche die Lehrlingszüchterei fördere unb der Heranbildung eines guten Rachwuchses für das Handwerk keinen Dienst erweise. Uebrigens stehe die Haltung des Zentrums im schroffen Gegmsah zu den Forde­rungen der Jugendorganisationen des Zentrums.

Abg. Thiel (B. Bp.) lehnt die Ausschuß- entfchLießung aE>; die Berufsausbildung könne nicht schematisch erfolgen.

Rach kurzer weiterer Debatte wird die Aus- schußentschließung zum Lehrlingswesen gemäß dem Zentrumsantcag in der Weise erledigt, daß die Forderung nach gesetzlicher Regelung der Berufs­ausbildung angenommen wird, während die übri­gen Forderungen auf Einbeziehung der Lehrlinge in die Tarifverträge und auf Bezahlung der Fort- bkldungsschulzeit an den Sozialpolitischen Aus­schuß verwiesen wird.

Der Beitrag zum Internationalen Arbeits­amt in Genf ist von der Regierung auf 74 Mil­lionen Mark festgesetzt worden, .der Ausschuß hat diese Ziffer auf 50 Millionen gekürzt. Abg. Schlicke iKomm.) begründet einen Antrag auf WiÄ>erherstellung der Regierungsvorlage.

Abg. Stegerwald (Ztr.) unterstützt den Antrag, verlangt aber, daß das Arbeitsamt mehr Gleichberechtigung auch für Deutschland auf­bringe.

Abg. Lambach (Dittl.) beantragt völlige Streichung dieses Postens.

Abg. Thiel (D. Bpt.) wünscht die Herbei­führung einer Aussprache zwischen bem Minister und verschiedenen Reichstagsausschüfsen über die Frage des Internationalen Arbeitscnnts und stimnrt den Ausschuhbeschlüfsen zu.

Unter Ablehnung der übrigen Anträge wird sodann der sozialdemokratische Antrag auf Wiederherstellung der Regierungsvorlage ange­nommen.

Eine von dem Abg. Dreh (Soz.) begründete Entschließung, die eine Entschädigung für Ar­beiter verlangt, die infolge von Betriebsgefahren, Derufskrankheiten usw. besonders gefährdet sind, wird nach zu stimmenden Erklärungen der Abgg. Mvldenhauer (D. Dpt.) und Tremmel (Ztr.) angenommen.

Montag nachmittag 2 Ahr Weiterberatung und Qlntrag wegen Auflösung der Deutfchvölkischen Freiheitspartei. Schluß 1/26 Ahr.

Derlin, 5. Mai. (WTB.) Der Aeltesten» rot des Reichstags hat heute folgendes beschlossen: Am Montag soll die 'Beratung des Haushalts des Reichsarbeitsministeriums zu Ende geführt werden. Vielleicht soll auch noch der Antrag der Deutschvöllischen Freiheitspartei wegen der Verletzung der Immunität ihrer Mit­glieder erledigt werden. Am Dienstag und Mitt­woch soll die zweite Lesung des Etats mit der Beratung des Finanzministeriums zum Abschluß gebracht werden. Hierbei soll die Interpellation der bürgerlichen Parteien über den Marksturz zur Sprache kommen. Rach dem Himmelfahrtstage be- ghmt die dritte Lesung des Etats, hierbei wird verhandelt werden über die Interpellation betr. das Verbot der Deutschvölkischen Freiheitspartei.

Die Pfingstferien sind vorläufig auf die Zeit vom 17. Mai bis 5. Juni festgesetzt.

* * *

Das Moselhaus.

Roman von Luise Schulze-Brück.

K. Fortsetzung. (Aachdruck verboten.)

Eva sprang eifrig auf. Ihr Sammlerherz regte sich.Lassen Sie uns gehen! And wie himmlisch mag's sich da gewohnt haben."

Arnolds lachte.Vielleicht nicht ganz so himmlisch, wie Sie sich's denken. Drei Stämme der Eltze wohnten in der Durg. Da heißt's unter anderem in den alten Hausgesehen i Wer seines Bruders Weib blutig schlägt oder seines Bruders Kind ein Aug> ausschlägt, der soll die Durg meiden ein Jahr lang. Jetzt freilich ist sie die Stätte manchen Idylls. Denn der jetzige Graf Eltz hat sechs Töchter, und alle haben ihre Flrtter- wochen hier verlebt."

Eva lächelte ein wenig melancholischtDas Idyll als Vorspiel des Lebensdramas."

Dürgermeister Arnolds sah sie aufmerksam an. Sie hatten nun schon so manche Stunde zusammen verlebt, aber niemals hatte sie eine Andeutung gemacht über ihre Erlebnisse, über ihren Schicksals­gang Er hatte eigentlich immer gedacht, diese so mädchenhaft aussehenüe junge Frau habe auf ihrem Weg nicht viel nach rechts und links geschaut.

Er sagte etwas Derartiges. Frau Eva zog die Stirn ein wenig kraus. Aber sie wurde einer Antwort überhoben, denn nun traten sie in den Durghof ein, und wieder umfing sie der Märchen­zauber, jetzt viele Jahrhunderte hinwegwischend und zurückversetzend in die Tage, da hier ein stolzes und hartes GeschlE haustet die Ritter von Eltz-Kempenich und Elh°Rübenach mit ihren Sip­

pen da die ausgetretenen Steinplatten der Höfe und die Stufen der Treppe, wie der Doden der Halle dröhnten vom klirrenden Stampfen Gewappneter, da die sittige Hausfrau im Durg- gärtlein Raute pflanzte und Heilkraut für Hieb- und Stichwunden, da sie in der Kemenate zur Laute sang und unter den Mägden in der Spinn­stube unb am Webstuhl hantierte. In ber Küche unter dem gewaltigen Herbmantel lagen große Duchercklöhe. Da war fern Tops, kein Tiegel, der nicht schon seit Jahrhunderten aus dem Fleck stand. And in den gewölbten Sälen, wie in den kleinen heimliche. Gemächern glaubte sie ein Klirren von Rüstungen zu hören, ein Schleifen schwerer Frauenkleider.

In den Schlafzimmern machte der Durgvvgt aus die Dehänge und Dezüge ber mächtigen Kastenbetten aufmerksam. Schwerer Dlau druck war's, wie man ihn jetzt noch am Rhein zur Dauernkleidung benutzt.

Christian Reidhardt Aßmussen griff den stör- rigen rauhen Stoff mit spitzen Fingern an und markierte einen heftigen Schauder.In solchem Dette schlafen! Mit solchen Stoffen bedeckt! Man müßte darin Träume haben vo.n entsetzlichen 'Mar­tern, von Folter und Geißel."

Dürgermeister Arrwlds lachte.Anter solchen Stoffen! Es gibt keinen wundervolleren Schlaf, als,den in solchem Dauernbett nach einem stram­men Iagdtag. Oder nach einem Manövertag, wo man sechs, acht Stunden im Sturzacker vorwärts gestapft ist. Oder nach einem rechtschaffenen Arbeitstag in der Weinlese, wenn es zu Ende drangt, wenn jede Stunde, die man erspart, ein unberechenbarer Gewinn ist. Träume hat man da frellich keine, man schläft, schläft wie ein Toter!"

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Dienstag, 8. Mai 1923

Derlin, 7.Mai 1923.

Die Sitzung wurde um 2 Ahr mittags er­öffnet. Ein Antrag des Abg. Deythien (Dt. Vp.) auf Vorlegung eines Gesetzentwurfes, betr. Anpassung von Fachanträgen an die veränderten Verhältnisse, wird angenommen.

Cs_ folgt die zweite 'Beratung des Antrages v. Gräfe (Deutschvölkische Frei^itspartei), wo­nach die Abgeordneten der Deutschvölki­schen Freiheitspartei durch die Maß­nahmen des Berliner Polizeipräsidenten in der Ausübung des Abgeordnetenberufes beeinträch­tigt werden.

Abg. Brodaus (Dem.) als Berichterstatter begründet den Antrag des Ausschusses, der den Antrag der Deutschvölkischen Freiheitspartei als erledigt erflärt.

Abg. Warmuth (Dn ): Durch die Ver­fassung ist der Schuh eines Abgeordneten unter allen Amständen gewährleistet. Daher ist der Antrag Gräfe berechtigt. Dazu kommt der Ein­griff in die persönliche Freiheit. Es ist ein An­fug, ein Airding, den 'Begriff der Immunität und der persönlichen Freiheit von der Laune des Polizeipräsidenten abhängig zu machen.

Abg. Wulle (Deutschvölkisch) betont die Bedeutung des Eingriffes selbst für den Parlamen­tarismus. Der Abgeordnete müsse mit seinen Wäh­lern in ständiger Fühlungnahme stehen. Dazu brauche er das Bureau. Wir haben gegen die Schließung protestiert und schließlich nach langem Feilschen uns damit abgefunben, den Betrieb auf fünf Räume zu beschränken. Aber es ist nicht mit der Würde eines Abgeordneten in Einklang zu bringen, wenn Leute, die ihn besuchen wollen, von Kriminalbeamten angehalten und nach dem Polizei­präsidium geschafft werden. Wer das billigt, sieht in unserem Freistaat einen Polizeistaat. (Gelächter links.)

Abg. v. Gräfe (Deutschvölkische Freiheits­partei) beantragt namentliche Abstimmung über den Antrag des Ausschusses.

Abg. Dittman n (Soz.)' Als seinerzeit die Mittel- und Linksparteien wiederholt in Anträ­gen den verstärkten Schuh der Immunität der Ab­geordneten forderten, sind diese völlig am Wider­stande der Rechtsparteien gescheitert. So wurde im Jahre 1875 das sozialdemokratische Parteibureau durch den Minister Koller geschlossen u.tb ben Ab­geordneten das Betreten verboten. Der sozialdemo­kratische Abgeordnete Hasselmann wurde 1897 wochenlang wegen seines überhaupt nicht zum Ab­druck gekommenen Artikels in Haft gehalten. Heute ist nur noch das Bureau ber Freiheitspartei beschlagnahmt. Den Abgeordneten ist nichts ge­schehen. Die Deutfchvölkischen wollen lediglich auf dem Amwege über die Immunität die Aushebung der Schließung der Partei erreichen. Das heißt über das Ziel hinausschießen. Deshalb treten wir für den Antrag des Ausschusses ein.

Abg. Bell (Zentr.) gibt namens seiner Partei die Erklärung ab, daß sie dem Ausschuß- antrage zustimme. Sie vermöge auch in dem Vor­gehen eine verfassungswidrige Beschränkung der persönlichen Freiheit nicht zu erblicken. Sollte der Staatsgerichtshof allerdings zu einer anderen Auffassung kommen und das .Vorgehen des preußischen Iimenministers nicht billigen, wäre die Sachlage eine andere. (Heiterkeit links.)

Abg. Dr. Kahl (Dt. Vpt.) protesttert gegen die Behauptung des Abg. Dittmann, daß die Rechte stets gegen die Wünsche auf erweiterten Schuh ber Immunität eingetreten fei. Seine Par­tei er erinnere nur an Bennigsen und Mi­quel fei stets für die Immunität eingetreten und .habe stets nur Auswüchse bekämpft: aber man könne die damalige Zeit doch nicht mit der jetzigen vergleichen. Er könne die Linke nicht ver­stehen, wenn sie an ber Immunität rütteln lasse. Er sei gegen ben Ausschußantrag und warne davor, die Sach? vom innerparteipolitischen Standpunkte ^u betrachten. Rach seinen Ansicht habe das Polizeipräsidium nicht das Recht zu seinem Vorgehen gehabt. Angenommen, daß es nur das ausführende Organ war, das Vorgehen war kleinlich und wirkungslos, denn die Fort­führung ber Geschäfte könne dadurch nicht ge­hindert werden. Das Ansehen des Reichstags könne nur gefördert werden, wenn der Antrag abgelehnt werde.

Abg. Remmele (K.) erklärt, in der an­genehmen Lage zu sein, mit Wulle übereinzu­stimmen. Die Eingriffe in die kommunistische Parteizentrale feien ein Gegenstück zu diesem Falle. Der Abg. Braß fei damals auch von der Polizei vergewaltigt worden. Dis heute habe der Geschäftsordnungsausschuß noch nichts getan, weil angeblich die Akten immer noch nicht da feien. Der Redner stimmt jeder Erweiterung der Immu­nität zu.

Abg. Koen en (K.) beantragt, die Abstim­mung bis morgen aufzuschieben, und richtet dabei heftige Angriffe gegen die Parteisozialisten. Der

Reichstag müsse Stellung nehmen zu den Vor­gängen im Landtag.

Der Anttag K o e n e n wird abgelehnt.

Es folgt bie Weiterberatung des Etats des Reichsarbeitsministeriums

Abg. Frau Toni Sender (6.): Die In- landlöhne bilden nur einen Bruchteil der im Ausland bezahlten Löhne. Die Industrie kann somit die Löhne nicht dafür verantwortlich machen, wenn sie mit dem Ausland nicht mehr lontucrie- ren farm. Es müssen anderswo die Ursachen ge­sucht werden. Run verlangt die Industrie von ben Arbeitern vermehrte Leistungen, und zwar in einem Augenblick, wo bie Arbeitslosigkeit ftänbig wächst. Die Rednerin begründet bann einen Antrag auf automatische Anpassung der Erwerbslosenunterstützung an die Lohnerhöhun­gen. Kündigungen und Entlassungen in "Betrieben mit über zehn Arbeitnehmern sollten überhaupt zur Zeit nicht erfolgen dürfen.

Abg. Anbr6 (Ztr.): In der Frage der Jugendbewegung kann man vollkommen damit einverstanden fein, daß bas Reich eingreift, soweit es feine Mittel zulasfen. Aber das ganz« Iugendprobleiy kann nicht durch Gesetze gelöst werden, am allerwenigsten von denen, die klug reden, selbst aber keine Kinder haben Industrie und Landwirtschaft sind in der Produktion weit zurückgeblieben. Eine Mehrproduktion ist nur durch Zusammenhalten von Kapital und Arbeit zu er­zielen. (Proteste links.)

Abg. Frau Schröder (Soz.) verlangt Schutz für die durch die erhöhte Tabaksteuer brotlos gewordenen Tabakarbeiter.

Abg. Malzahn (Komm.) beantragt die automatische Anpassung der Unterstützungssätze für Erwerbslose an die Fabriklöhne.

Aba. Simon-Franken (Soz.) verlangt energische Maßnahmen gegen die Häute- und Lederschieber.

Die Entschließung betreffend das gesetzliche Wiedereinstettungsrecht der wegen des Ruhrein­bruchs enttaffenen Arbeiter und Angestellten wird an den Ausschuß zu rückverwiesen. Die anderen Entschließungen werden angenommen.

Die namentliche Abstimmung über ben Ausschußantrag, welcher verneint, daß durch das Vorgehen des Berliner Polizeipräsidenten gegen bie deuts chvölkischen Abgeord­neten eine Beeinträchtigung des Abgeordneten- beruses erfolgt sei, ergibt die Annahme des Ausschußantrages mit 203 gegen 116 Stimmen.

Die Beratung des Etats des Reichsarbeits­ministeriums wird sogaim im einzelnen fortgesetzt.

Abg. Frau Sender (Soz.) verlangt schleu­nige Durchführung des in der Verfassung verheiße­nen Mitbestimmungsrechtes der Betriebsräte in den Fragen der Produktion, vor allem in den Aussichtsräten.

Abg. D i ß m a n n (Soz.) kritisiert verschiedene Entscheidungen von Schlichtungsausschüssen.

Reichsarbeitsminister Dr.B r auns hält einen größeren Einfluß ber Betriebsräte in den Kon­zernen nur für möglich nach Fertigstellung des Kartellgefehes. Der Minister wendet sich scharf gegen solche Sprüche von Schlichtungsa.usschüssen, In denen ein Lohnabbau verfügt toitb. Die Schwie­rigkeiten, bie ben Betriebsräten m den Aufsichts- täten entstehen, formten nur durch eine gesetzliche Regelung behoben werden. Der Reallvhn ber ge­lernten Arbeiter fei gegenüber ber Vorkriegszeit gesunken. Das Reichsarbettsministerium habe in dieser Hinsicht seinen Einfluß eingesetzt. Die Mo­nate März und April mußten aber auf die Stabili­sierung der Mark eine gewrffe Rücksicht nehmen. Jetzt sei jedoch eine neue Entwickelung eingetteten.

Abg. Dr. F i ck (Dem.) wünscht ehrliche Durch­führung des Betriebsrätegesetzes, ebenso wendet sich Abg. Thiel (D. Vp.) gegen jede Umgebung des Betriebsrätegesetzes.

Rach weiterer Aussprache werden die einzel­nen Abschnitte des Etats angenommen.

Rächste Sitzung Dienstag 2 Uhr. Gesetz betr. Versammlungsschuh.

Hessischer Landtag.

47. Sitzung.

(Schluß.)

St. Darmstadt 4. Mai.

Abg. Kindt (Dtschntl.): Ich kann mich kurz fassen, weil der Kollege Dingeldey auch unsere Weltanschauungen hier vertreten hat. (Hört! Hört!) Was wir wollen, ist einzig, daß die Theaterleitung von der politischen Bevormundung frcigemacht wird. Auch die Personalpolttik des Herrn Hartung ist zu beanstanden. Heute noch wissen zwei Künstler nicht, ob ihr Vertrag er­neuert wird oder nicht. Wir wünschen hier mehr soziales Verständnis. Wir wollen die Summen für das Theater nicht streichen. Aber es ist nicht

notwendig, daß man auf einer Seite knausert« auf der anderen Seite Summen zum Fenster hin­auswirft.

Abg S t u r m f c l s (Soz. >: Den Vertrag mit Herrn Hartung kenne ich nicht 2Ibcr ich halte cs für töricht anzunehmen, daß er eine partei­politisch: Bindung enthält Man verlangt einer­seits mehr Klassiker, anderseits mehr moderne Dichter Es wurde schon daraus hingewiesen, daß dieStürme" vdh Unruh mit die besten Kassen- erfolge hatte. Ist es nicht ein gutes Zeichen für den Geschmack, wenn dieses Stück ohne darüber zu streiten, ob es wirklich das literarisch und künstlerisch wertvollste wa. heute mehr Kassen- erfotge hatte, als es z. D. früher mit Filmzauber", Lustige Witwe" usw. der Fall war? Wenn man die Klasfikerauffühiungen mit denen von früher vergleicht, kommt bie derzeitige Spielplangestal­tung durchaus gut dabei weg. Wir sind der Mei­nung. daß bei" gegenwärtige Leiter das Theater auf ein hohes künstlerisches Riveau gebracht Hal, dafür gebührt ihm Dank. Auch unsere Zustim- mung zu diesem Kapitel ist der Ausdruck des Vertrauens für ben Leiter.

Finanzminister Henrich: Der Kem ber An- Maste liegt auf politischem Gebiet. Es ist aber durch nichts bewiesen, daß die Theaterleitung ihre vaterländisch? Pflicht vernachlässigt, noch we­niger, daß sie durch Vertrag auf eine bestimmte politische Sichtung verpflichtet sei. Das ist schon um deswegen nicht wahr, weil es einen schrift­lichen Vertrag überhaupt nicht gibt. (Hort! hört!) 3d> bin durchaus nicht mit allem einverstanbm, toaö Hartung bringt, aber ich bin überzeugt, daß das, was er tut, nur aus künstlerischen Gesichts­punkten geschieht. Wenn das Haus wünscht, daß die Theaterkommission anders zusammengesetzt toeiben soll, habe ich nichts dagegen, auch nicht, wenn das Theater einem anderen Ministerium unterstellt werden soll. Ob bie Verhandlungen da­durch gefördert werden, bleibt dahingestellt.

Aog. W Ü n z e r (D. Vp.) weist es zurück, daß für seine Partei politische Gründe maßgebend waren. Es besteht kein Zweifel, baß bas Theater parteipolitisch eingestellt ist. Das beweist schon allein bie starke Verleid igungsaktion, ber Linken. Wir wollen ein Theater, bas den Geschmack ver­edelt, das unsere Jugend im wahren Sinne vater­ländisch erzieht. Ich möchte nunmehr die Theaterwünsche vertreten, bie aus Ober- Hess e n zu uns kommen. Herr 6 teingoe t ter in Gießen wirkt durchaus gut in künstlerischer unb sozialer Beziehung. In letzterer mehr als das Lanbestheater.

Das Gießener Theater leidet schwer unter finanziellen Schwierigkeiten. Die Regierung sollte die Bedeutung dieses Theaters nicht verkennen. Hierzu kommt, daß das Gießener Ensemble im Sommer in Bau beim spielt. Ich bitte, den Zuschuß für das Gießener Theater nicht zu geling zu bemessen. Eia anderer Wunsch der Gießener geht dahin, daß wieder wie früher Opernvorstellungen der Landesoper in Gießen statffinden. Wo ein ernster Wille ist, muß sich das auch heute in bie Tat umsehen lassen, zu­mal Oberhessen boch auch einen großen Zuschuß zum Landestheater zahlt. Zum dritten möchte ich auf die Musikwochen in Rheinhessen verweisen, die das Lanbestheater-Orchester veranstaltete. Ich bitte, diese Musikwochen auch in Ober- Hessen zu veranstalten. Dadurch wird auch bei der oberhessischen Bevölkerung das Verständnis für die Aufgaben des Landestheaters oertteft.

Finanzminister Henrich. Es ist bereits eine Opemvorstellung für nächste Woche in Gießen vorgesehen. Der Zuschuß für das GießenerTheater ist auf 5 Millionen festgesetzt. Die Anregun­gen bezüglich ber Konzerte werden sorgfältig ge­prüft werben. Den Vorwurf des unsozialen Ver­haltens muh ich zurückweisen.

Damit schließt die Besprechung. Die Abstim­mung wird ausgesetzt. Rächste Sitzung Dienstag. i/210 Uhr. Schluß gegen 2 Uhr.

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Berlin, 7. Mai. Börsen st immungs» bild. Die französische Antwortnote gab natürlich Anlaß zu starker Beunruhigung, die zunächst in erheblichen Steigerungen der Devisenkurse zum Ausdruck gelangte. 3m Zusammenhang hiermit schritt die Spekulation zu Käufen in Industrie- papieren, unb bie Kursbewegung gestattete sich ungleichmäßig, da weitere Kreise Zurückhaltung beobachteten und ihr Urteil über die Folgen der Rote von der Ausiiahpie bei unserer Regierung und bei den übrigen ausländischen Mächten ab­hängig machen. Recht bedeutende Steigerungen erfuhren ziemlich durchgängig bie Werte des Montanmarktes, in erster Reihe Bochumer Guß, Deutsch-Luxemburger, Essener Steinlohlen, Ilse Bergbau, Phönix und ferner sämtliche oberschle- sffche Hüttenwerte. Von Elekttizitätspapieren

Christian Reidhardt Aßmussen zuckte leicht die Achsel und machte seine berühmte abwehrende Handbewegung.Wir sind eben anders organi­siert. Die hier hausten, schliefen ja wohl auch ben animalischen Schlaf, von dem Sie eben reden."

Anders organisiert?" Arnolds reckte sich auf und sah den anderen an.Ja, bas finb wir."

Frau Eva stand in ber tiefen Fensternische und schaute hinaus in ben grünen Bergwald. Da drüben erhob sich auf steilem FÄskegel Truh-Elh, das Felsennest, das der streitbare Kurfürst Bal­duin vor vielen hundert Jahren erbaut hatte, um die stolze Eltz zu belagern und zu Fall zu bringen. Rur noch karge Trümmer waren übrig geblieben. Aber Eva baute sie sich wieder auf. Sie sah die Mauern besetzt von geipappneten Mannen, hörte das Sausen Ser Steintugeln und ben Knall ber Arkebusen: sah, wie bie Belagerer gegen Wall und Brücke ansprengten unter gellenbem Horn- geschmetter.

Da stand Aßmussen neben ihr. Seine Hand mit dem Pharaonenring wies gegen die Berg­wand:Da sehen Sie! Das ist enorm. Die köst­liche falbe Ruance in dem banalen Grün."

Evas Auge folgte dem zeigenden Finger. Eine Lücke war da in der grünen, lebendigen Wand. Ein Brand oder ein Schädling hatte sein Zer­störungswerk (getan. Rostrot, fahlgelb unb braun waren bie Wipfel gefärbt, ein seltsames Symbol bes Todes mitten im üppigen Leben. Das sah er, dies eine, dies Kranke, Tote.Enorm," wieder­holte er,unglaublich reizvoll!"

Frau Eda sah ihn ungeduldig an. Sah, fühlte er denn hier nichts anderes? Stiegen vor ihm in diesem Hause, daS wie durch einen unerklär­lichen Zauber aus längst geschwundenen Jahr­

hunderten in die lebendige Gegenwart gestellt erschien, nicht die Geister derer auf, die hier hausten? Fühlte er nicht, daß das Band, das die Lebenden mit jenen vor da ich, sich hier fester knüpfte, so fest, daß sie es fast körperlich empfand? Kaum! Er stand noch immer und sah auf die falbe kranke Waldstelle. Seine Hand strich über sein Haar, ganz bewußt, sie fühlte es, daß es bewußt war, und sie fühlte, daß es für ihn auch an dieser Stelle, in diesem Augenblick nur eins gab, worauf sich fein intensives Interesse sammelte. Unb das eine war Christian Reidhardt Aßmussen, ber große Moberne, ber an allem nichts sah, nichts empfanb als ben vermorschenden Baumfleck mitten imbanalen Grün".

7.

Cs wurde sehr warm. Die Iulihitze brütete über dem Moseltal, fruchtbare Regen gingen nieder, ein warmer Brodern schien aufzusteigen aus den Wiesen und Aeckern des schmalen Vor­landes. In schier unerschöpflicher Pracht blühten die Rosen, in den Gärten reiften Erdbeeren und Kirschen. In den Weinbergen arbeiteten bie Winzer, hackten und gruben Tag um Tag, vom grauen Morgen bis in die Rächt hinein.

Im Moselhause war es still geworden. Frau Mercedes Wellsheim war abgereist mit mächtigen Koffern unb Taschen, bie jungen Mäbchen waren davongeflogen wie Sommervögel, die auseinander­flattern. Auch Elisabeth Arnolds war für kurze Zeit verreist, zu Verwandten, die sie alljährlich besuchte. Ihr Vater hatte sie dorthin gebracht, wie ebenfalls alljährlich, und war nach ein paar Tagen allein zurückgekommen. Sie wurde nun bald wieder zurückerwartet.

(Fortsetzung folgt)