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Erscheint täglich, außer Sonn» und Feiertags, mit berSamstaqsbcilage: GießenerFamilienblätter Monatliche vezua.rpreise: 3400Mark und 200Mark Trägerlohn,durw diePost 3600Ularh,and) bciJlid)!» erscheinen einzelner Num­mern infolge höherer Gewalt.- Fernsprech. Anschlüsse: fürdieSchrift. leitung 112; für Verlag und Geschäftsstelle 51. Anschrift für Drahtnach­richten: rlmeigerSiehen.

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Erstes Blatt

173. Jahrgang

Dienstag, 8. Mai 1923

GiehenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummcr bis zum Nachmittag vorher ohnejede Verbindlichkeit. Preis für 1 mm Höhe für Anzeigeuo. 27 mm Breite örtlich 80 Mk., auswärts 100MK.; für Reklame- Anzeigen von 70 mm Breite 400 MK.Bei Platz- Vorschrift 20Aufschlag. Hauptschristleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz; für den übrigen Teil: Ernst Blumschein; für den

vrr-S und Verlag: vrühl'sche Univerfitätr-Vuch- und Steindruckerei H. Lange in Gießen. Schristleitung und Geschäftsstelle: Zchulstrahe 7.

Anzeigenteil: Hans Beck, sämtlich in Gießen.

Die Antworten.

Die französische Antwort auf das deutsche Reparationsangedot hat, so schreibt uns ein Ber­liner Mitarbeiter, im deutschen Publikum viel­fach Bitterkeit hervorgerufen, und auch die Börse beurteilte die Gage zunächst sehr ungünstig. 3n den politisch führend«: Kreisen Deutschlands war man aber von vornherein nicht geneigt, sich der pessimistischen Ansicht anzupassen. Der Gang, den die Ding« dann genommen haben, bestärkt die deutsche Regierung in ihrer etwas hoftnungs- volleren Auffassung. Poincarö hatte offenbar vor, eine brutal ablehnende Antwort zu geben, die sich im Ton und .Etil auf dem Niveau seiner letzten Kriegerdenkmalsreden bewegen sollte. Er hat dies picht getan. Er ist in ziemlich lang­atmigen Erklärungen auf jede Einzelheit der deut­schen Note eingegangen. Diese älmständlichkeit, die, nebenbei gesagt, zu leicht widerlegbaren Irr­tümern und Mißverständnissen führte, ist zweifel­los die Folge des belgischen Einflusses gewesen, der unbedingt ein genaues Eingehen auf alle deut- schm Vorschläge wünschte, und in der nachhinken­den belgischen Note wird man wohl auch weitere Abschwächungen finden. jedenfalls hält die nationale französische Presse Herrn sPcincarö recht unwillig vor, daß sein jupiterdonner eigentlich keine kategorische Ab­lehnung der deutschenZumutungen", sondern die, wenn auch versteckte Bereitwilligkeit zu - Ver­handlungen enthalte. Gerade dies ist aber auch die Meinung an deutsch-amtlicher Stelle. Beson­ders der auffallend ausführlich Teil der Poin- car^fchen Note, der auf die finanziellen Vor­schläge der deutschen Regierung eingeht (diese allerdings vollständig verkennt und verdreht), scheint eine weitere Auseinandersetzung zu suchen. Trotz der bei Pvincarö ja gewohnten Vorwürfe, daß Deutschland stets gegen den Versailler Ver­trag revoltiere und die Revanche suche, werden in der stxlnzösischen Note die beiden Forderungen Deutschlands: Aufrechterhaltung des passiven Widerstandes und Räumung des Ruhr­gebiets nicht so unerbittlich feindselig zurück­gewiesen, daß man nicht das Gefühl haben formte: Wenn die deutschen Vertreter endlich wieder ein­mal den Gläubigern Deutschlands Aug in Auge an einem Verhandlungstisch gegenübersiYen, dann wird sich alles finden. Läßt die französische Mili­tärmacht im Ruhrgebiet unter dem versöhnlichen Einfluß der beginnenden Verhandlungen von dem unsinnigen Austreten ab, so läßt der passive Widerstand auf deutscher Seite ganz von selber nach. Hat man bei den Verhandlungen erst ein­mal einen Zahlungsmodus und überhaupt die Tür zur Verständigung gefunden, so wird man sich über die Räumung der besetzten Gebiete viel schneller einig werden, als es heute scheint.

Pvincare gibt sich in seinen Ausführungen den Anschein, als hak« er den Auftrag erhalten, die belgische Antwort vorwegzunehmen Aber in dieser Bemühung verrät, sich gerade die doppelte Vaterschaft in der französischen Note. Pvincare war durch belgische Sonderwünsche in der vollen Entfaltung seines deutschfeindlichen Temperaments gehindert. Mehr noch. Pvincare antwortete im Schatten des englischen Unwillens! Nicht dem eigenen Triebe folgend, mußte Sie Pariser Regierungspresse vor der französischen Antwort verkünden, Pvincare werde eine weitere Aus­sprachenicht verhindern und nicht entmutigen". Auf Grund wiederholter englischer Bitten mußte sich Pvincare ferner entschließen, die Absendung seiner Antwort nach Berlin um einen Tag binauszuschieben. Am Donnerstag wird Curzon hn Unterhaus« sprechen. Wenn es auch nur ein freundschaftlicher Stotz mit wattierter Dvxerfaust sein dürfte, für den deutschen Stand­punkt genügt es, daß Pvincare damit in di« Arena der Verhandlungen gestoßen wird, wo er schließlich doch Farbe bekennen mutz.

Die Gleichartigkeit der belgischen Note.

Berlin. 7. Mai. Wie die Blätter melden, traf der offizielle Text der Pariser Note heute morgen in Berlin ein. Der deutsche Geschäfts­träger in Brüssel teilte mit, daß der ihm über­geben« Text der belgischen Note dein der franzö­sischen 2lntwort g l e i ch a r t i g sei. Auf drahtliche Llebermittelung der belgischen Note wurde d^halb verzichtet. Es wird erst nach dem Eintreffen des brieflich übermittelten Textes festgestellt werden, ob die belgische Note von der französischen irgend­welche Abweichungen zeigt.

Den Blättern zufolge trifft der Reichs - k a n z l e r , der einen kurzen Erhvlungsurla-ib ver­brachte. aus Freudenstadt morgen in Berlin ein.

Die Festigkeit des Kabinetts Cuno.

Berlin, 7. Mai. (WTD.) Zu der tn einem Teil der französischen Presse enthaltenen Dar­stellung. wonach in Deutschland eine Regie- rungskrisis unvermeidlich sei. stellt das Or­gan der Deutschen Volkspartei,Die Zeit", f*ft: Sämtliche Parteien der deutschen Volksvertretung sind darin mit der Regierung einverstanden, daß wir den passiven Widerstand nicht aufgeben dür­fen und daß wir jebe Vergewaltigung durch ein Diktat unbedingt ablehnen müssen. Es liegt also nicht der geringste Grund vor. an einen Regie-- rungswcchkel zu denken. Es ist auch keineswegs in Aussicht genommen, an dem Bestand des Kabinetts Cuno irgendetwas zu änSern. Das Kabinett Cuno stützt sich auf eine parlamentarische Einheitsfront, in die all« Parteien von den Deutschnationalen bis einschlietzlich der Sozial­demokraten einbegriffen sind«

Berliner Presseftimmen.

Berlin, 7. Mai Die Antwort, die P o i n - c a r e namens Frankreichs und Belgiens auf die deutschen Reparativnsvorschläge erteilte, wird von den Blättern eine reine Propagandaschrist genannt, die in jeder Zeil« Sie Absicht vertrete, auf die östentliche Meinung der Welt zu wirken Die Forderung Poincares nach Ausgabe des passiven Widerstandes im Ruhrgebiet wird von der gesamten Presse als unerfüllbar bezeichnet.

Der .Berliner Lokalanzeiger" be­tont, datz der französische Einbruch in das Ruhr­gebiet nicht nur den Vertrag von Versailles, son- Sem auch das Völkerrecht verletzt habe unS datz deshalb Deutschland das Recht und die Pflicht habe, den passiven Widerstand sortzusehen

DieGermania" schreibt, der passive Wi­derstand ist der Ausdruck des Volkswi.leas, und wenn, wie Pvincare behauptet, die biScn Ein­bruchsmächte sofort die Zusammenarbeit zwischen den deutschen Industr eilen. 3ngeni uren und Ar­beitern und den Verbündeten wünschen, so wäre die Vorbedingung, baß, sie den Willen der De- völlerung respektieren. Die Debatte über mög­liche Modalitäten dieses Widerstandes könnte also nur im völligen Einverständnis mit der Ruhr- bevolkerung geführt werden

DasBerliner Tageblatt" fordert so­gar eine Verstärkung des passiven Widerstandes. Die bewundernswürdig« Auhrbe^ölle.ung müsse noch mehr als bisher auf allgemeine tatkräftige Linierstühung zählen können, und das sei gerade dann nötig, wenn man zu Verhandlungen kommen wolle. Von dieser Ansicht vermögen uns weder Drohungen noch freunSliche Ermahnungen abzu­bringen.

DerVorwärts" sagt: Das ganze deutsche Volk erblickt in der Besetzung des Ruhrgebietes ein Verbrechen wider das Völkerrecht, ein mitten nn Frieden verübtes gewalttätiges Llnrecht, das so rasch wie möglich wieder beseitigt werden muß. Sollte die srcrnzösische Note besagen, datz die Ver­handlungen erst beginnen sollen, wenn sich der letzte Deutsche den Befehlen der wiSer recht! ich en Gewalthaber willig füge, s o wären Ver­handlungen überhaupt niemals mög- l i ch. Da aber Verhandlungen notwendig sind, wird ein Weg gefunden werden müssen, um Siese Schwierigkeit zu beseitigen.

Englischer Kabinettsrat.

London, 7. Mai. (WTD.) Heute vormittag fand unter dem Vorsitz Lord Curzons in der Downing Street eine Kabinettssitzung statt, in der, dem Vernehmen nau). die deutsche Note, die französisch-belgische Antwort sowie Sie Ant­wort der britischen Regierung erwogen wurden. Reuter erfährt von gutunterrichteler Seite, daß die britische Regierung wahrscheinlich beschließen werde, dem Beispiel Frankreichs zu folgen und ein« separate Note an die Seutsche Regie­rung zu senden. Des« Note werde zwar klar- macyen. daß das deutsche Angebot unbefriedigend und unzulänglich sei, jedoch trohbrm nicht in der Art einer glatten Ablehnung abgefaßt fein, son­dern versuchen, die Wiedereröffnung von Ver­handlungen zwischen Deutschland und den Alliier­ten zur Regelung der augenblicklichen unbefriebi- genSen Lage möglich zu machen.

Wie verlautet, wird die brittfche Antwort auf das deutsche Reparationsangebot etwa Mitte der Woche abgesandt werden. Das deutsche An­gebot 4pir£> in britischen Kreisen als derAus­gangspunkt für Verhandlungen", je­doch nicht alsV«r Handlungsgrundlage" angesehen. Die italienische Ansicht ist, wie angenommen wird, die gleiche. Nach britischer Ansicht bedeutet die französische Antwortnote an Deutschland kein Zuschlägen der Tür. Es wird von britischer ©eite der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß Deutschland die Antwortnoten Englands und Italiens abwartet und dann den Alliierten ein a bgeändertes Angebot unterbreitet.

Das englische Urteil über das französische Vorgehen.

London, 7. Mai. (Priv.-Tel.) Die Press« gibt ihrer Enttäuschung über die geson­derte Ablehnung des deutschen Angebotes durch Frankreich und Belgien offen Ausdruck. Es wird betont, daß England an den Repara­tionen in gleichem Maß« interessiert ist wie Frankreich und Belgien.

DieTime s" schreibt, Frankreich und Del- Sen verschärften durch ihre unabhängig« ntwvrt auf die deutsche Reparationsnote die bereits zwischen den Alliierten bestehende schwiertge Lage noch. Vom ersten Augenblick der Ruhrbesehung ab sei es vollkommen klar gemacht worden, daß England dadurch, daß es sich ab­seits hält, weder sein Recht auf Reparations­zahlungen noch fein Interesse an der Zahlungs­methode aufgegeben habe. Die deutsche Note sei an die Westmächte gerichtet gewesen. Wie hätte die alliierte Einigkeit ohne vorherige Be­ratung aufrechterhalten bleiben können? Da das deutsche Angebot auf den Wink Lord Curzons hin erfolgt sei, könne Großbritannien es nicht vollkommen ignorieren, und sei gezwungen, ein« 2Irt von Antwort zu geben. Es würde vorgezogen haben, gemeinsam mit Frankreich und mit fernen anderen Alliierten zu antworten, die deut­sche Note sei ungeschickt und ungenügend sowie in herausfordernden Worten und Fragezeichen ge­halten. Sie Fönne jedoch zu einer Stufe für eine Regelung gemacht werden Deutschland habe angeboten, die ganze Frage seiner Gesamt-- Verpflichtungen einem unparteiischen Tri­bunal zu unterbreiten, Sies sei wenigstens ein Zeichen b_nn Aufrichtigkeit gewesen, und wenn dieses Tribunal aus den alliierten Hauptmächten bestehen solle, so werde auch Sie gesamte Macht

der öffentlichen Meinung in England für di« Teilnahme eines deutschen Vertreters an diesen Erörterungen emtreten. Man könne a ich hoffen, daß Amerika in dieser Frage bereit fein würde, von neuem eineassoziierte Macht" zu werden. Staatssekretär H i g h e s selbst habe den Gedanken der Verweisung an ein derartiges Tribunal gutgeheißen, es sei klar genug, daß ganz Europa, vor allem Frankreich, ungeheuren Amerika interessiert sei. Die deutschen Fi- Vorteil aus diesem Plan ziehen würde, an dem n a n z e n würden jeden Tag verzweifelter. Keine Stabilisierung könne stattfinden ohne. Rückkehr zu normalen Verhältnissen und ohne ein Mora­torium.

Neue Taten der Gewalt und Roheit.

Köln, 7. Mai. (Wolff.) Die Franzo­sen fordern, daß der Wald beiderseits der Strecke Jünkerath-Call auf 40 Me­ter abgeholzt werden soll.

Münster. 7. Mai. (WTD) Der Wächter Krhzostaniat der Rheinisch-Westfälischm Eisen- und Drahtwerke in Aplerbeck-SüS ist gestern nach! von einem f ranzosi schen Po­st e n durch einen Da achschu ß schwer ver­letzt worden.

Der Postdirektor Zu rh off in Witten wurde auf Grund der Verordnung Ses Generals, De- goutte zu zwei Monaten Gefängnis verur­teilt.

Arn 6. Mai wurde in Delbert ehr Mädchen namens Martha Döhme durch drei fran­zösisch? Soldaten Überfällen und verge­waltigt

3n Winz bei Hattingen wurde am 5. Mai der Amtsgerichtsrat Dr. Weltzer verhaftet und in das Gefängnis von Kastrap eingeliefert

Die Mafsenanstreibuiig der deutschen Eisenbahner.

K r e f e l d , 7. Mai. (WTD.) Die in ©re- feld-OpPum von der Austreibung betroffenen 181 Eisenbahnerfamilien find' sämt­lich in Wohnungen untergebracht worden. Das lUebernachtungsgebäude in Hohenbodberg, in dem zur Zeit 50 ledige Eisenbahner und" 10 Familien wohnen, war bis Sonnabend 10 Uhr zu räumen. Der Konsumverein und der Kan­tinenwirt müssen ebenfalls, und zwar bis morgen vormittag, räumen. Diese Nacht durfte niemand mehr im Llebernachtunasaebäude schlafen.

Der Defehl, der in Troisdorf 35 aus ihren Wohnungen ausgewiesenen Familien be­kanntgegeben wurde, lautet: D e französisch?Regie der Eisenbahnen gibt den Befehl. daß Sie heute nachmittag um 5 hr ihre Wohnung verlassen. Sie müssen 1. alle Ihre Möbel hinterlassen (alle Möbel, Dettdecken und Te'twäsch?, alle Eß­schüsseln. alle Küchenge'chirre. alle elelt i chen Ein­richtungen usw ), 2. nur die privaten Efsekten und Geschenke mitnehmen. 3 die Schlüssel in den Türen stecken lassen. Jede Zuwiderhandlung wird streng bestraft.

3n Altenkirchen gehen zur Zeit Masfenausweisungen von Eisenbah­nerfamilien vor sich. 600 bis 700 Personen dürften betroffen sein. 3n Linz sind 30 aus Gerolstein stammende Eisenbahner mir rund 180 Personen angekommen, die nach Asbach weiterbefördert werden sollen. In D o n n fin­den in allen Stadtteilen Massenverdrän­gungen von Eisenbahnerfamilien aus ihren Wohnungen durch französische Truppenabtei­lungen statt.

Köln. 8. Mai. (WTD.) Wie derKöln. Zeitung" aus Trier gemeldet wird, haben die F anzvsen in dem benachbarten Ehrung fünfzig Eisenbahnerfamilien austhren Woh- n ungen (sowohl Privat- wie Dienstwohnungen) vertrieben, ohne daß ihnen Sie geringste Möglichkeit gelassen wurde, irgendetwas von ihrer Habe mitzunehmen. Die Frist zum Verlassen der Wohnungen betrug 10 Minuten.

Wie Frankreich die Verbrechen seiner Soldatensühnt".

Berlin, 8. Mai. Der französische Orts­kommandant von Horst-Emscher hat, wie die Blätter melden, dem Amtmann der Gemeinde mitgeteilt, daß er auf dessen Anzeige zwei französische Soldaten, die in betrun­kenem Zustand drei Arbeiter und drei kacho- lische Geistliche nachts unter Bedrohung mit dem Revolver ihres Geldes be­raubt hatten, mit 15TagenGefänqnis bestraft habe.

Wiederum französische Soldaten aus unbesetztem Gebiet.

Mannheim, 7. Mai. (Wolff.) Zwei französischeSoldaten, die heute nach­mittag in der Breitenftraße angetrvffen wur­den (also wiederum im Stadtinnern auf unbe­setztem Gebiet), sind von zwei Pvlizeibeam- ten fest genommen und nach der Polizei­wache G 6 verbracht worden. Bon dort wur­den die beiden Franzosen nach der Polizei- direktivn verbracht, von wo sie nach einem Verhör in das besetzte Gebiet abgeschoben wurden. Etwa 10 Minuten nach der Fest­nahme der beiden Franzosen erschien ein französischer Offizier mit sechs be­

waffneten Soldaten auf der Wache G 6 und forderte die Freigabe der französischen Soldaten. Er gab sich mit der Erklärung, daß die Verhafteten der Polizeidirektion vorge­führt und alsdann nach dem besetzten Gebiet verbracht worden seien, zufrieden und zog mit seiner Mannschaft wieder ab.

Hus dem Reiche.

Strafverfahren gegen Kommuniftische Abgeordnete.

3m preußischen Landtag kam «4 gestern wiederum zu großen Kommunisten­skandalen. die nur damit erledigt werden konnten, daß das Präsidium mehrere Abgeordnete durch Polizei aus dem Saale bringen ließ.

/Berlin, 7 Mai. (WB.) Das Pvliz et- präsidium teilt mit: Als am Montag mittag der kommunistische Abgeordnete Paul H v f f m a n n im Auftrage des Landtagspräsiden­ten von Polizeibeamten zwangsweise aus "dem Sitzungssaale des Abgevrdne en Hauses entfernt wurde, leisteten andere kommunistische AbgeorSuete den in Ausführung ihres Amtes befiichlichen Po- lizeikeamten Widerstand und ergingen sich in wüsten Beschimpfungen der Beamten. Gegen die betreffenden auf frischer Tat ergriffenen 2Ibgg S ch o l e m, Sobotka und Fi au Wolff- st e i n wurden sofort Strafverfahren wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt und öffent­licher Beleidigung eingeleitet. Die verfassungs­mäßig gewährleistete Immunität steht der Einlei­tung des Verfahrens nicht im Wege, da es sich um die Ergreifung auf frischer Tat handelt. Von der Verhaftung der Abgeordneten wurde Abstand genommen. Nach kurier polizeilicher Vernehmung und Anhörung von Zeugen wurden die Abgeord­neten wieder auf freien Fuß gesetzt.

Der Prozeß gegen die Kruppschen Direktoren.

Dritter Tag.

Werden, 7. Mai. (Wolff) Erst kurz nach 8>/z -Ufyr vormittags begannen Sie Verhandlungen des dritten Prozeßtages, als Zeugen wurden der Privatsekretär Krupp v. Dihelns, Schüppner, die Dureauvorsteher der Privatbureaus, di« Direk­toren O e ft e r l e n und Haß sowie der Botew- meister Gräulich vernommen, deren Aussagen nichts Neues bieten Schüppner bestätigt, daß Krupp v. Dohlen sich in feiner Korrespondenz, Sie ganz durch die Hände des Zeugen gegangen fei, sich nie­mals in Angelegenheiten des Direktoriums ge­mischt habe. Haß wußte von einer Vereinbarung, im Falle der Desehung die Sirenen ziehen zu las­sen, bis zum 31. März nichts. Es sei ihm aber trotzdem nicht verwunderlich gewesen, als das Si­renengeheul ertönte, da im ganzen Ruhrgebiet den Arbeitern bekannt gewesen sei, daß i*n Falle einer Desehung zwecks Niederleg ng dec A beit die Si­renen gezogen mürben. Gräulich kommt in feiner Aussage darauf zu sprechen, daß er am Ostersonn­abend Morgen den mit Personalangelegenheiten betrauten Direktor Klopferbei Krupp von Doh­len gemeldet hatte. Der Staatsanwalt legt anschei­nend großen Wert darauf, darüber, was bei diesem Besuch besprochen wurde, näheres zu Horen von Krupp-Halbach erklärt, daß er Klopfer be­auftragt habe, ihm durch den ältesten katholischen Geistlichen tn Essen, Monsignore Euskirchen, eine Unterredung mit dem damals in Essen weilenden päpstlichen Delegaten Mns. Testa zu erwirken.

Der Arbeiter Zimmermann bezeugte, daß sich im Laufe der Demonstration am 31. März auch auf den hinter der Mttohalle vorbeiiühren- ben Schienen der durch das ganz« Kravpsch« Werk führenden Schmalspurbahn sich allmählich einige unter Dampf stehende Lokomotiven ansammelten und Nicht weiterfahren konnten, weil die demvn- ftrierenbe Menge die Gleise versperrte. Der Werk- Photograph CEB egmann macht« aus eigener Ini­tiative drei Aufnahmen von den Demonstrationen, zwei vor und eine etwa 3 biß 5 Minuten nach der Katastrophe, während di« Meng« ausein- anderstob. Es sei ihm nicht eingefallen, etwa die Menge aufzufordem. Gesten zu machen. Als man ihn mit seinem Apparat habe am Fenster erschei­nen sehen, habe man ihm zugewinkt und zugerufen. Lieberhaupt sei di« Meng« in keiner Weis« erregt ober drohend gewesen; die Stimmung sei eher humoristisch gewesen. Auch hätten vor der Kata­strophe bereits verschiedene Leute, denen die Sache anscheinend zu langweilig geworden sei, den Platz wieder verlassen. Die Menge sei schön wieder dünner geworden. Wegmann habe auch ganz genau di« Vorgänge vor der Eröffnung des Feuers durch die Franzosen beobachtet. Die fran­zösischen Truppen hätten schon vom Eingang der Autohall« aus gefeuert. Bei der ersten Salve sei bereits ein junger Wann heruntergestürzt, der auf dem Dache gegenüber faß; er sei zu Tode getroffen worden. Sofort hab« die Menge zu lüchten begonnen, und & habe sich eine Gasse jebilbet, während die Franzosen, die nun aus- chwärmten, das Feuer aussehten.

Der Abteilungsdirktor Dipl.-Ing. Müller beobachtete, wie von der durch die Katastrophe er­regten Meng« ein belgischer Motorradfahrer vom Rade gerissen und angegriffen wurde. Er nahm den verwundeten Radfahrer sofort tn sein 'Bureau, wusch ihm die Wunde aus und ließ ihn ord­nungsmäßig verbinden und durch das Kruppsche Krankenauto ins Krankenhaus schäften. Am 12 Ußr mittags wurde der Prozeß auf nachmit­tags 2 Ahr vertagt.

Um 2 llßr 15 Min. wird die Sitzung wieder aufgenommen. Der Leiter der Arbeiter cum ah me- stelle Meuner, der stets die Personalpapiere