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Tietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhessen)

den, die gesamten Wohlfahrtsausgaben auf die stärkeren Schultern des Reiches und des Staates gar legen. Vieles, was wir in unserem vorigen Artikel dei der Erörterung der Schul- rvstenfrage gesagt haben, trifft auch hier voll­inhaltlich zu. Die Rotverhältnisse, unter denen wir leben, drücken immer schwerer auf die ein­zelne Gemeinde, unter dem Drucke dieser Rot muh wohl mancher Fall der Hilfsbedürftigkeit ganz anders behandelt werden, als wenn das Amt

Besitze reicherer Mittel wäre und dann- groh- zügiger helfen könnte. Der Staat kann hier zweifel­los ober mehr tun. als die einzelne Gemeinde. Dah der Staat, obwohl er auch seine Schwierig­keiten hat, noch immer verhältnismähig sehr leistungsfähig ist, konnte man dieser Tage erst lesen, als durch die Presse mitgeteilt wurde, welche Sicherheiten für die zur Zeichnung auf­gelegten zwei hessischen Staatsanleihen vorhanden sind. Da wurde u. a. gesagt:Der Staat hat heute keine eigenen Anlefaeichuiden mehr, da die'e seinerzeit sämtlich vom Reich beim Niedergang der Eisenbahn auf dieses übernommen worben sind. Lediglich schwebende Schulden sind vorhanden, die jetzt im Verhältnis zum Vermögen und den laufen­den Einkünften des Staates nur einen ganz ge­rinnen Umfang haben. Die letzte abgeschlossene Iahrssabrech iung des Staates, diejenige für 1921, zeigt einen Ueberschuh von mehreren Milliarden Mark, und auch die Rechnung für 1922 wird trotz der starken Steigerung aller Ausgaben infolge der Geldentwertung noch verhältnismähig günstig abfchliehen. Das werbmde Staatsvermogen be­steht in erster Linie aus 75 000 Hektar Waldungen, die für dieses Hahr einen Erttag von mindestens 20 Milliarden Mark erwarten lassen, dazu kommt landwirtschafllicher Grundbesitz von insgesamt 13 500 Hektar, größtenteils verpachtet, und zwar neuerdings nach dem Raturalsystem: der Ertrag hieraus ist auf nahezu 2 Milliarden Mark anzu- naHmen." Hierzu kommen dann noch die S'.euer- anteile- des Staates und seine sonstigen Einnah­men auf anderen Gebieten. Die Gemeinden sollten unter Hinweis auf die bessere Leistungsfähigkeit des Sfaates doch einmal gemeinsam an dielen herantreten mit dem Ersuchen, den heutigen Gc- meindeanteil an den Wohlsahrtslasten auch noch auf die Staatsrechnung zu übernehmen. Eine sehr starke Entlastung der Gemeindefinanzen wäre auf diesem Wege sicherlich zu erreichen. Der Staat seinerseits könnte ja auf irgendeine Weise sich Deckung verschaffen, die es vielleicht gestalten würde, auch d i e Kreise zur Tragung der Kosten mit heranzuziehen, die heute den Lasten der Wohl­fahrtspflege noch ganz fernstehen oder nur ganz bescheidenes auf diesem Gebiete leisten.

Das Arbeitsamt mit einer Belastung der Stadt in Höhe von rund V/2. heute wohl 2 Mil­lionen Mark, das Wohnungs- und Miet­einigungsamt mit einem Zuschuherfordernis von rund 3 300 000 Mark, heute wohl mindestens 4 Millionen, und die Pr e i s p r ü f u n g s sie ll e mit rund 400 000 Mark sind Einrichtungen, die wert sind, bei dieser Betrachtung auch farz mit angeführt zu werden. Alle erfüllen Funktionen, die nicht allein im Interesse der Stadt Gießen liegen, sondern zu einem sehr erheblichen Teil auch darüber hinaus)eutung haben und dort Ruhen bringen. Sollte es unmöglich sein, für diese Einrichtungen wenigstens einen ansehnlichen Zuschuß aus der Staatskasse zu erhalten? Viel­leicht ist diese Frage bedeutsam genug, einmal näher geprüft zu weichen.

Der Appell an den Staat, mit seinen großer en Hilfsmitteln stärker als bisher für die Aufgaben einzutreten, die ihm eigentlich näher liegen als den Gemeinden, kann natürlich nicht der Weisheit letzter Schluh sein. Jede Gemeinde muh vielmehr so weit wie möglich von sich aus darauf bedacht sein, dah ihre Finanzen durch eigene Bemühungen gebessert werden. Reben weiser Beschränkung hinsichtlich der In­angriffnahme neuer Projekte muh vor allem äuherste Sparsamkeit auf allen Ge­bieten der städtischen Verwaltung und Betriebs­wirtschaft geübt werden. Der neue Haushalts­plan für 1923/24 dürfte ohnehin noch mit Ziffern aufwarten, die die heutigen weit übertreffen wer­den. Unsere Mitbürger können überzeugt sein, dah unsere Stadtverwaltung ständig bestrebt ist, dem Sparerfordemis nach jeder Richtung hin gerecht zu werden. Zu wünschen wäre nur. dah man dieses Bestreben der Verwaltung überall

anerkennt und unterstützt. Rur durch gemein­same Ansttengungen von Bürgerschaft und Ver­waltung kann unsere Stadt über diese schwere Rot­zeit glücklich hinwögkvmmen.

Jur Preisberechnung des elektrischen Stromes durch die Stadt.

Ein Mitglied der Giehener Stadtverordneten­versammlung hat wiederholt Anträge bei der Stadtverwaltung dahingehend gestellt, man möge die Preiserhöhungen für elektrischen Strom nicht mehr rückwirkend festsetzen, sondern vom Tage der Bekanntmachung ab, da sonst her gesamte Mittelstand, besonders aber auch eine grohe Zahl der Zimmecvermieter, er­hebliche Einbuhen erleiden müssen. Auf eine er­neute Anfrage hin ist folgende ablehnende Ant­wort der Stadtverwaltung erteilt worden, die in ihrer Begründung für jene Kreise eine gewisse Klarstellung gibt. Sie lautet:

Auf Ihre vor kurzem gestellte Anfrage wegen rückwirkender Berechnung der Strompreise gestatte ich mir ergebenft folgendes auszusühren:

Inrechtlicher Beziehung sei zunächst dar­auf hingewiesen, dah das städtische Clektrizitäts- Werl durch Bekanntmachung vom 25. Februar 1922 (Giehener Anzeiger" vom 27. Februar 1922) dar­auf hingewiesen hat, dah die Strompreise am Ende jeden Monats für den abgelaufenen Monat veröffentlicht werden, weil die Höhe des Strom­preises sich nach der Höhe der Kohlenpreise frei Elektrizitätswerk im abgelaufenen Monat bemesse. Es war daher jeder Strombezieher rechtzeitig über die neue Art der Berechnung und die damit verbundene Aenderung der Lieferungsbedingungen unterrichtet, so dah er bei der Ausführung von Arbeiten und Lieferungen auf diesen ungewissen Faktor Rücksicht nehmen konnte, ganz abgesehen davon, dah mit Ausnahme von Einzelfällen die Kosten des Strombezuges neben den sonstigen Unkosten eine verschwindende Rolle spielen.

In sachlicher Beziehung ist darauf hin­zuweisen, dah das städtische Elektrizitätswerk zur Versorgung seiner Stromabnehmer nicht nur Strom selbst erzeugt, sondern dah es den über­wiegenden Teil von der Ueberlandanlage der Provinz Oberhessen, sowie von den Eisenwerken Buderus in Wetzlar bezieht. Beide Stromliefe­ranten stellen jeweils am Ende eines Monats den Strompreis in Rechnung, der sich für den abgelaufenen Monat nach Maßgabe der jeweils geltenden Kohlenpreise unter Berücksichtigung eines bestimmten Vervielfachung^faktors (Kohlen- und Bettiebsklausel) ergibt. Infolge dieser Ver­hältnisse ist das städtische Elektrizitätswerk ge­zwungen, eine rückwirkende Berechnung des Strompreises auch ohne Rücksicht auf die Preisgestaltung des von ihm selbst erzeugten Stromes vorzunehmen. Eine vorläufige Tra­gung der erhöhten Stromkosten durch die Stadt Giehen und ihr Aufschlag auf die für den fol­genden Monat zu erhebenden Strompreise kann aus folgenden Gründen nicht in Frage kommen:

Bei der Riedrighaltung der Strompreise dem Friedenspreis von 45 Pf. steht ein Preis ab 1. März von 1000 Mk. gegenüber, so dah die Steigerung wesentlich niebrfaer ist, als bei fast allen anderen Preisen ist es der Stadt Giehen nicht möglich gewesen, entsprechende Kapi­talien anzusammeln, um derartige Beträge, die viele Millionen ausmachen, vorlagsweise zu be­zahlen und erst vier bis sechs Wochen später ein­zuziehen. Das städtische Ekektrizitätswerk wäre gezwungen, einen Bankkredit in Anspruch zu neh­men, der erhebliche Kosten verursachen und damit verteuernd auf die Strompreise wirken würde. Ferner aber ist die Stadt Giehen durch einen im Zähre 1912 mit der Provinz Oberhessen abge­schlossenen Vertrag verpflichtet, bei den Strom- preisen (wenigstens soweit das Ueberlandgebiet in Frage kommt) nicht über deren Sähe hinauszu­gehen. Die Folge davon ist. dah das städtische Elektrizitätswerk auch gar nicht berechtigt und in der Lage ist, die durch Erhöhung der Strompreise von Buderus und der Provinz Oberhessen für den abgelaufenen Monat entstandenen Mehr­beträge durch Aufschlag auf die Strompreise im nächsten Monat hereinzubringen, da dann natur­gemäß die von der Ueberlandanlage der Provinz festgesetzten Stromverbrauchspreise überschritten

Samstag, 7. April (923

werden müßten. Solange nicht die beiden Strom­lieferanten der Stadt Gießen von der rückwirken­den Erhebung der erhöhten Strompreise absehen, kann auch die Stadt Gießen nicht daraus ver­zichten. wenn sie nicht Ausfälle in Höhe von vielen Millionen erleiden will.

Aus diesen Gesichtspunkten heraus ist es leider nicht möglich, der Anregung, von einer rückwirkenden Strompreiserhöhung abzusehen. Folge zu geben. Unterschrift."

Die Reichsjugendgesetze.

Zu den Artikeln von Herrn Professor Dl Mittecmaier über die Reichsjugendgesetze (Rr. 76 und 77) schreibt uns Herr Pfarrer D. Schlosser, bis vor kurzem der Vorsitzende der von dem Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge (früherfür Armenpflege und Wohltätigkeit") eingefeztenKommission für reichs- gesetzliche Regelung der öffentlichen Iugendfüc- sorge, die für diese Gesetze sehr erfolgreiche Vor- arbeit getan und auf deren Abfassung bis zuletzt starken Cinfluh geübt hat:

Ueber das große Interesse, das Sie schon früher der wichtigen Frage der Iugendfürsorge entgegengebracht und auch jetzt wieder durch diese Artikel betätigt haben, habe ich mich sehr gefre.it. Es ist von Qlnfang an in unterer Kommission kein Zweifel gewesen, daß Geseke und öfsenlliche Ein­richtungen der Iugendfürsorge nur dann den rechten Erfolg haben können, wenn sie von der verständnisvollen Teilnahme aller Kreise des Volkes getragen werden. Dazu zu erwecken sind jene Artikel vortrefflich geeignet. Daneben besteht aber bas Bedürfnis der Heranziehung und Heranbildung eines Stammes von wirllichen Mitarbeitern, beamteten und ehrenamtlichen. Dazu bedarf es unter anderem bcc Einführung in diese Gesetze durch einen ausführlichen Kommentar. Es sind darum deren schon längst mehrere von berufenster Seite in der Bearbeitung. Als erster erscheint vor der Oesfentlichkeit der von den Herren Dr Blaum, Oberbürgermeister in Hanau. Professor Dr. Riebesell. Direktor der öffent­lichen Iugendfürsorge in Hamburg, und Ober- regierungsrat Dr. Storck in Lübeck verf aßte (Reichs-Iugendwohlfahrtsgesetz vom 9. Iuli 1922, herauLgegeben von Dr. Blaum, Dr. Riebesell und Dr Storck. Verlag von I Bensheimer, Mann­heim. Berlin. Leipzig. 237 S). Die Verfasser sind sämtlich in der Iugendfürsorge bewährte Herren, die auch als Vertreter ihrer Länder an der Be­ratung des Gesetzes im Reichsrat beteiligt waren. Dr. Blaum war außerdem von An­fang an Mitglied jener Kommission und ist der Verfasser des Württembergischen Iugend- amts°GeseneS von 1919. Rur, wer ein solche ein- dringende Vertrautheit mit der C-ustehung des Gesetzes, das vielfach aus Kompromissen zwischen widerstreitenden Ansichten und Bestrebungen er­wachsen ist, besitzt, ist zu einer solchen Arbeit be­rufen. Rach einer trefflichen Einleitung, in bei Dr. Blaum einen UeberbticE über Wesen und Aufgaben und bisherige Entwicklung der Iugend­fürsorge sowie über den verwickelten Werdegang des Gesetzes gibt, folgt der ausführliche Kommen­tar. in dem unter dem Text Sah für Sah be-s sprvchen wird. Da jedem der fünf Abschnitte noch eine besondere einführende Einleitung voran­geschickt ist, in der auch auf die einschlägige Literatur verwiesen wird, so wird wohl kaum eine schwierige Frage unerörtert geblieben sein. Be­sonders wertvoll werden den Praktikern wohl die im Anhang beigefügte Mustersahung für ein Ingendamt, und vor allem auch die zahlreiche^, sämtlich aus der Praxis erwachsenen Formulare sein Alles in allem kann das in handlicher Aus- gäbe sehr nett ausgestattete Werk nur allen, die eine Ausgabe in der öffentlichen Iugendfürsorge übernehmen, als ein sehr brauchbares Hilfsmittel empfohlen werden.

«"Zahnpasta selbst zubereiten!'Wl

Zahnpasten bestehen aus einer Pulvermischunff, welche mit Glyzerin vermischt ist. Dieses ent­behrliche Glyzerin und die Metall tube verteuern die Pasta ungemein. Wenn Sie die nasse Zahn­bürste in Dr. Bahr* ZahnpulverNo. 23 eintauchen, so bereiten Sie sich selbst frische aromatische Zahnpasta, welche die Zähne blen­dend weiß erhält und nur >/« *o teuer ist Man verlange ausdrücklich:Xr. 28, Kreuz-Drog., Bahnhofstr. 57, Germania-Drog. S\ibel. 24.)jD

and lauter geworben, za laut. Wieder ertönte die Glocke des Präsidenten. Der Angellagte erhob sich, der Richter setzte sich das Barett auf. Atem­lose Stille. Hans Bast Rikolai war zum Tode verurteilt worden.----

Ob der auch so ruhig und anbewegt helle bei seiner Hinrichtung fein würde wie gestern und und all die Tage bei der Verhandlung? Das fragte sich heute ganz Koblenz. Der stumme Mann, dieser Mensch wie ein Rätsel, hatte die Reugier erregt Durch die Gefangnismaaern sickerte nichts, aber die Verteidiger, die den zum Tode Verurteilten in aller Frühe, eine Stande vor der Hinrichtung noch besuchten, wußten, daß er die Rächt ganz leidlich verbracht hatte. Er beklagte sich nur, daß die Eisen, die man ihm. wie es üblich war, in der letzten Rächt um die Füße geschlossen hatte und am den Hals, ihm unbequem gewesen wären. Sie hatten gedrückt, und er hatte auch nicht gut gelegen deshalb. Aber wahrhaft ärgerlich war es ihm, daß sein poi^ellanener Pfeifenkopf, aus dem der Tabak so besonders gut schmeckte, za Boden gefallen ind zerbrochen war. Diesen Pfeisenkopf beflagte er laut und weniger wortkarg, als man's sonst an ihm gewohnt war. Er beschrieb ihn ganz aus­führlich mit all seinen Vorzügen.

Der junge Advokat erinnerte sich, eine ähn­liche Pfeife zu besitzen, gefällig eilte er nach Hause in die Löhrstraße und holte sie. Er schenkte sie dem Verurteilten und ein Paket Tabak dazu. Hans Bast bedankte sich sehr erfreut, er drückte dem jungen Herrn mehrmals die Hand:Merci, merci! Es stieg wie lebendige Röte dabei in sein Marmorgesicht und seine kalte Stimme wurde herzlicher, wärmer. Run wußte man docy, dieser verstockte Verbrecher, dieser Block von Stein, war auch ein Mensch.

(Schluß folgt.)

zösischen Oftizier umgebracht, den armen Handels­mann und den Besitzer der Mühle natürlich auch, ilnb Gott weiß wen noch! Gerüchte flogen durch die Stadt, grausige Geschichten; die Kinder fürch­teten sich, abends zu Bett zu gehen. Auf der Galerie im großen Dallsaal wisperte es, tuschelte, raunte, aufgeregte Menschen steckten die Köpfe zusammen: Hatte man je so etwas gehört, war's möglich, zehn Menschen hatte der totgemacht? Seine eigenen drei Frauen umgebracht und noch seine Tochter dazu. Der reine Blaubart! Sein Dari war nicht umsonst, wie bei jenem im Mär­chen, so blauschwarz und unheimlich gewesen. Unb gelb das Gesicht, die Augen wie Kohlen. Ein Mensch, wie ein böser Geist, wie ein dunkles Rätsel. Warum gestand der Mann nicht? Des Mordes an dem Franzosen war er doch glatt überfuhrt, aber er gab ihn noch immer nicht zu. Rein, nein, und sonst kein Wort.

Der Verteidiger des Angellag ten, ein aller berühmter Advokat und ein junger, der dadurch berühmt zu werden hoffte, machten viele Worte, sie redeten stundenlang, gewandt uni) glänzend. Die Augen halb? e schlossen saß der Angeklagte da hörte er zu? Man wußte das nicht: es sah aus, als ginge ihn alles nichts an. Rur als der Präsi­dent ihn fragte:Wie kommt das denn, daß Sein Haus der Sammelplatz aller Halunken gewesen ist?" sagte er schlagfertig:Rll alle sind bei mir eingekehrt. Euch, Citoyen College, hab' ich nie drin gesehn."

Eine unerhörte Frechheit roar das! Ein heim­liches Lachen ging durchs Publik am: aber es uxiren auch viele entrüstet. Der Angeklagte hatte die Augen groß aufgemacht und den Kopf nach dem Präsidenten gedreht. Der gebot Ruhe. Das heimliche Lachen a>ar ein lautes geworden, da­zwischen Zischen und Ausrufe:cklnverschänlll" An den Galgen mit dem Kerl!Die Guillotine

ist noch zu gut für den! Es war eine große ilnrube. Der Vorsitzende selber hatte die Ruhe verloren, er wurde nervös: Wenn das Publikum sich nicht still verhielt, mußte er den Saal räu­men lassen!

Fünf Tage hatte die Verhandlung gedauert. Sie war eine OuaL Die Hochsommer Hitze war unerträglich, die Luft im überfüllten Saal von vielen schwitzenden Menschen verbraucht. Der Präsident und die Beisitzer, die Advokaten und die Geschworenen hatten hochrote Köpfe, Damen fielen in Ohnmacht. Rur dem Angeklagten schien es nicht zuviel zu fein.

Man hatte die großen, bis zum Boden reichenden Fenster des Saals, dem Rhein zu, geöffnet Erne falle Sommersonne goß herein. Hans Bast wandte sich ganz nach dem Fenster hin, eine Welle von Luft flutete ihm über die Stirn, er erschauerte leicht. Eben hatten ihn die Ge­schworenen des Mordes an Mangel freigesprochen. 2fach die Schuldftage am Tode des Müllers ver­neinten sie jetzt

Ein Murmeln ging durch den ©aal, ein er­stauntes:Ach?" ilnb es schwoll an, schwoll immer mehr an, wurde zum Brausen. Der Präsi­dent rührte die Glocke, einmal, zweimal, dreimal: Ruhe!" Menschen waren aufgesprungen, standen auf den Zehen, machten dir Hälse lang, hingen mit halbem Leib über die Brüstung der Galerie: Herr Gott, sie würden ihn doch nicht auch des Mordes an dem Franzosen freisprechen?!

Hans Bast sah noch immer zum Fenster hinaus: Ah, die Sonne, die satte, und der spie­gelnde Rhein, und der Ehrenbreitstein, der stolze Felsen jenserr? des Sttomes! Er trank das goldene Bild mit seinen Augen.

Run die dritte Anklage! Der Sprach der Geschworenen lautete auf schuldig. Wieder Brau­sen im Raum. Deistimmendes Flüstern war lauter

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Zweites Blatt

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(Rachdruck verboten.)

92. Fortsetzung.

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Streiflichter auf die städtische Finanzpolitik.

III. (Schluß)').

Starke Passivposten der städtischen Detriebs- rechnung stellen die Straßenunterhaltung und die S trabenrein igung ifar. Für die Strahen- unterhaltung ist nach dem Rechnungsstand vom 1. Dezember v. I eine jährliche Zubuße von rund 133/< Millionen Mart zu leisten. So schwer diese Last auch ist, man wird sich mit iHv doch abfmden müssen, denn Möglichkeiten zur fühlbaren Herabminderung des Zuschusses sind nicht vorhanden, zum andern aber wollen wir doch nicht auf den guten Zustand unserer Straßm verzichten. Anders liegen die Verhältnisse bei der Strahenreinigung. für die man am 1. Dezember v. I- den jährlichen Zuschuß auf rund 17^2 Millionen Mark berechnet hatte: mittler­weile simd jedoch neben gesteigerten Sachkosten auch neue Lohnerhöhungen eingetreten, so daß wir am Ende des Rechnungsjahres wohl von der zwanzigsten Zuschuhmillion nicht allzu weit ent­fernt gewesen fein werden. Auf Vorschlag der Stadtverwaltung ist zwar schon vor einiger Zeit eine neue Gebührenordnung mit wesentlich höhe­ren Sätzen durch Beschluß der Stadtverordneten- Dersammlung angenommen worden, bis jetzt konnte diese Ordnung aber nicht in Kraft gesetzt werden, da sich Widerstände in Gestalt eines Ein­spruchs von Hausbesiherseite geltend machten. Die Einspruchserheber beanstanden vor allem den Derteilungsplan der Gebühren und daneben noch einige Punkte, über die man wohl nicht allzu schwer sich verständigen könnte. Hoffentlich gelingt es, über den Hauptstreitpunkt recht bald einen Ausgleich zu erzielen, damit die neue Ordnung im Interesfe der städtischen Finanzen in möglichst kurzer Zeit in Kraft gesetzt werden kann. Wenn man sich vergegenwärtigt, daß gerade in der heutigen schweren Zeit die kommunalen Finanzen die größtmöglichste Fürsorge aller Bürger er­fordern, wenn nicht das Gemeinwesen in noch größere Qlot geraten fall, so kann eine Verständi­gung nicht allzu schwer werden.

Sehr erhebliche Aufwendungen sind für die öffentlichen Anlagen vorgesehen. Am 1. Dezember rechnete man dafür einen Zuschuß von rund 2 850 000 Mk. Es ist erfreulich, daß man in dieser Rotzeit dem gärtnerischen Schmuck unserer Stadt so liebeoolle Sorgfalt widmet, jeder Bürger sollte aber auch dafür forgen, daß diese Arbeit und Geldaus Wendung gebührend gewürdigt wird. Die Bewahrung der Anlagen vor Beschädigungen ode. gar Zerstörungen sollte jeder Mitbürger als seine ureigenste Angelegenheit ansehem.

Ernstliche Beachtung wird man auch einmal dem Titel Feuerlöschanstalten zuwenden müssen. Rach dem Stande vom 1. Dezember waren hierfür rund 2 600 000 Mk. zuzusch eßen. Mittler­weile wird jedoch der Marsch nach oben recht kräftige Fortschrttte gemacht haben. Es wäre doch mal zu prüfen, ob man nicht durch eine ander«; Organisation unseres Feuersicherheilldienstes den Vorteil, den wir heute besitzen, wesentlich billiger sicherstellen kann. An Beispielen nach dieser Richtung hin fehlt es in den benachbarten Städten ja nicht. Der Zwang zum Sparen erfordert daß man auch bei dieser städtischen Einrichtung auf die weitestgehende Beschränkung der Aus­gaben sinnt, wobei es natürlich ganz selbstverständ­lich ist, dah dadurch der Feuersicherheitsdienst nicht im geringsten beeinträchtigt werden darf.

Für die Wohlfahrtspflege hat die Stadt nach der Dezemberberechnung rund 25V3 Millionen Mark, nach dem heutigen Stand der Dinge aber sicherlich noch viel mehr aufzuwenden. Das Reich und der Staat beteiligen sich natürlich in recht florier Weise an den Kosten der sozialen Fürsorgearbeit, aber der obengenannte Betrag bleibt doch allein zu Lasten der Stadt stehen. Es wäre zu prüfen, ob bei dieser Kostenrechnung nicht auch eine Besserung zugunsten der städtischen Finanzen möglich tixire. Wir denken natürlich durchaus nicht an eine Beschränkung der Wohl­fahrtsausgaben, im Gegenteil sind wir der Aus­fassung, daß hier in Zukunft sicherlich noch mehr als bisher zu tun sein wird. Aber wir meinen, es sollte doch, genau so wie wir es hinsichtlich der Schullosten Vorschlägen, auch mal versucht wer-

*) Teil I in Rr. 69, Teil II in Rr. 76.

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Das war eine Spannung unter dem mächtigen Tonnengewölbe des Dallsaals! So sehr hatte vormals selbst das Herz eines verliebten Fräuleins dem erwählten Iunker, der sie zum Tanz führen sollte, nicht entgegengellopft, wie das Her-z der Menge jetzt klopfte. War das em verstockter Sünder! Kemer war je abgeurteilt worden, der so dreist, so falt die Geschworenen ins Auge gefaßt hätte. Jeden einzelnen von ihnen besah er sich ganz genau, nicht gerade frech, aber doch so, als wolle er begutachten: Bist du auch fähig, mir recht das Urteil zu sprechen c

Schon so ein alter Mann! Sein Haar war weih, und vor kurzem sollte fein Bart doch noch pechschwarz gewesen sein. Ieht waren' nur bie Augen schwarz. Es graufte die Frauen: schwarz wie die Rächt, älnd wieviel Schrecrliches hatten die schon gesehen! Plut, Blut. Da war der Iohannes Dücller, der zu Mainz mit seiner Bande des Endurteils harrte, doch einer, den man bedauern konnte. Wie gut geartet war der! Leute die es genau wußten, erzählt^, daß er ganz Heller sei. well er noch irnm^ hoffte, be= Äigt zu werden. Er hatte ia auch offen ohne Rückhalt bekannt, von Nch und seiner Bande wahrhellsgemäß alles ausgesagt. Run durfte er ab und zu seinen Knaben sehen, man brachte ihm den ins Gefängnis. Er spielte mit semem Hanres- chenKuckuck". Ach, ein liebevoller afater! Alle Frauen waren gerührt, wenn sie sich dieses Bild aU$ Wie anders war der hier! Roch elje dfa An­klagen verlesen wurden, sprach der Zuschauer­raum ihn schonschuldig": Er hatte den ftaw

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