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Mittwoch, 6. Zuni 1923
Erstes Blatt
173. Jahrgang
GichenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
vnlck und Verlag: vrühl'sche Univerfitüt§-Such- und Zteindruckerei R. Lange in Siehen. Schriftleitung und Gefchäftrstelle: Schulstratze 7.
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Das neue Angebot.
2m Donnerstag vormittag werden die deutschen Gesandten in London, Paris, Rom und Brüssel den alliierten Regierungen das neue Re- paraticnsangebot überreichen. Gleichzeitig erfolgt die Veröffentlichung. Vorläufig ist also die deut- sche Rote noch „Staatsgeheimnis". Aber es ist unmöglich, eine diplomatische Kundgebung wochenlang mit Dutzenden von Sachverständigen, Interessenten und Wirtscha'tssührern du.chzusprechen, sie dann einigen hundert Parlamentariern bekannt zu geben, ohne dafi das Siegel der Der- schwiegenheits ich lodert. Die deutsche Rote wird denn auch schon seit einigen Tagen im ganzen Ausland, besonders in England mit einer Ausführlichkeit behandelt, als sei sie schon vom Wolff- bureau hecausgegeben. Soll man in der deutschen Oesfentlichkeit den Uneingeweihten spielen?
Also, ganz vertraulich: Dr. Cunos Ergänzungsnote wut ihre neuen finanziellen Vorschläge aus Annuitätenzahlungen auf, vermeidet es aber, eine bestimmte Geldsumme zu nennen. Sie bringt ausführliche Einzelheiten in der Zahlungs- Weise und deutliche Abänderungen der ersten Rote, geht aber dabei von dem Gedanken aus, dafi eine Erfüllung des neuen Angebots nur möglich ist. wenn sowohl die Jahresraten als auch dre G e» samtschuld an der Wirtschaftslage Deutschlands nachgeprüft und zwar nicht einmal, sondern wiederholt, und nicht von einer parteilichen Instanz, sondern von einem möglichst paritätisch zusammengesetzten internationalen Gremium, in dem Deutschland mitvertreten ist. Dadurch allein können neue Meinungsversch iedenheiten innerhalb der Entente und neue Repressalien gegen Deutschland verhindert werden.
Das Äernftüd des deutschen Memorandums bilden gründliche Auseinandersetzungen über das Garantieangebot. Dabei wird genau unterschieden zwisck^n staatlichen und privaten Garantien. Als private Garantien hat die Reichsregierung nicht einfach die freiwilligen Angebote der Industrie, der Landwirtschaft, der Banken übernommen, sondern sie formuliert die Vorschläge in der Rote aus eigener Verantwortlichkeit her aus. Die gesetzliche Festlegung der privaten Garantien ist der innerpolitischen Arbeit überlassen.
Safi das Kabinett Cuno die Gesamtziffer des Angebots nicht verändert hat, war es der Klugheit und seiner Würde — das einzige, was einer Regierung in so trauriger Gage übrig bleibt — schuldig. Hatte sie statt der früheren 30 Milliarden jetzt vielleicht 35 Milliarden nennen sollen? Dann stände das erste Angebot unter dem Verdachte der älnausrichtigkeit, und auch die neue Ziffer erschiene nicht als ehrlich, da die deutsch? Regierung gleichzeitig darauf Hinweisen muh, dafi ihre Zahlungsfähigkeit seit dem ersten Angebot durch den verstärkten Ruhrkrieg und die drei- bis vierfach entwertete Währung tatsächlich bedeutend geringer geworden ist. Wie man auch die Zahlenschraube des Reparationsproblems bin- und herdreht, die Endsumme wie die Zahres- raten bannen gar nif*1 mehr nein guten Willen Deutschlands, auch nicht von den weiteren Sank- tionsd-ohungen Franlrtths. sondern einfach von dem Mafi der wirtschaftlichen Freiheit ab, das man künftig dem deutschen Schuldner gibt und worüber sich die Alliierten zu allererst einmal in ihrem eigenen Kreise einigen müssen.
In dieser Richtung ist in ben letzten Tagen auf feiten Englands offenbar manches geschehen. Die englischen Reparationsfachvarständi- ccn, low vhl privat hinzugezogE als auch die amtlich berufenen Fach' ule der verschiedenen britischen Minislcrien haben ein neues Programm, das System Baldwin ausgestellt. Welche B'stand- tcilc des alten Dorar-Law-Programms dabei aufreit erhalten wurden, das dürste man bereits aus den Erklärungen heraushören. die der Aufien- minister Lord Curzon au Einladung des Füh- rers der Opposition, Lord Grey. Mittwoch nachmittag im Oberhaus abgibt. Au her dem hat man durch die aufsehenerregende Unterregung des Mi- niflerpräsidettrn Baldwin mit Philippe Mi11et als Vertreter des .Petit Parisi: r" erfahren, das) tz-e Londoi er Regierung en'schlofsen ist, das Problem der FriedenSsicherung zwischen Frankreich und Deutschland gleichzeitig mit den neuen Reparation ibesprechung en zu bebandeln.
Dcr Gedanke Revaratronsproblcm und ©icfr* ungefragt ru trennen, ist also aufgegeoen. Eine qicfie Rolle spielen in der ösfeeitlichtin Diskussion in England zur Zeit die Dorsch «sage d^s Generals Spears,^ eines der tüchtigsten Milltärfachverständigen. über eine Entmilitarisierung der Rheinbarriere. Wenn auch diese Vorschläge auf deutscher Seite ftarfei rjänirr. begegnen werden, so ist doch die Tatsache ,u prüften Last die Regierung Baldwin die Svcarsschen ©efcanlengänge zur Aus-teilung eines Sich ntngsplanes benutzt und Last Lord Robert Cecil für die am Dienstag in Gens begonnene Rutsch' Tagung des Dölkerbundsrates cnrtspre- chmde Abrüstung^ erschlüge mitnehmen konnte.
- —k- ......... ...
Die Briiffe'er Kanssrenz.
Paris 6 Juni. (WLDst Ministerpräsident B o i n c a r 6 b«t sich in Begleitung der Minister d e L a st e-r y, L e T r c c g u e r und ernrger sachverständiger nach rSüffel begeben. Aus der 3-aaesordnring der heule begonnenen Konferenz ittf en die belgischen Borfchl ?ge zum Reparations- Problem Dann sollen versch.edene Vorichlage ge- Srüft werden, die der Verstärkung der 3 ruermafina firnen Im Rufirge e gebe \ u b namentlich den Zweck haben, Attentaten gegen die Vesatzrrngstruppen ein Ende zu machen. Auch über Ae endgültige Organlsierung des Zollshstems^uber die Frage einer neuen Wahrung sowre über Mab-
Der Verfall der Mark.
Die Ursachen für das Scheitern der Stützungsaktion.
Bankier Löb ist ferner der Auffassung, das) ein Bestand von 83 Mill. Goldmark in Devisen bei der Berliner Handelsgesellschaft und der Kommerz- und Privatbank nicht nur nicht übcrmäfitg
Berlin, 6. Huni. Der Reichstazsaussch-ah zur Tlntersuchug der Vorgänge, die zum Fehlschlagen der Markstühungkakt on geführt haben, ist am Dienstag zu einer öffentlichen Satzung zu- fammengetreten. Vor E.ntritt in die Tagesordnung teilte der Dor-sitzende mit, Last der Ausschuß in der Zwischenzeit zwei nichtöffentliche Sitzungen abgehalten habe. In diesen habe sich jedoch her- ausgestellt, dafi in der ganzen Angelegenheit nichts das Licht der Oeste.ttllch'-'it zu scheuen habe. Der Bankier Loeb, der als banttechnischer Berater bei der Stützungsaktion mitgewirkt hat, erklärte bann, die Sachverständigen hätten sich von Anfang an in vollem Cinversta.rd rtts mit den gu» stärrdigen Stellen ter Reich sb.mk und des Reichs- fincmzminrsteriums auf den Standpunkt gestellt, tx'rfi. der Versuch, den Markrurs auf einem relativ günstigen Rioeau zu halten,
nur für eine gewisse Zeit Aussicht auf Erfolg fiätte. Es bestand äkbereinftimmung darüber, dafi die Hergabe von Devisenbeständ-^ zur Stützung ter Mark begleitet sein m'ifiie von dem Bestreben, den (Selbmarft unter Druk zu halten, das he.fit vom Standpunkt der Reichwank aus, bei der Diskontierung von Wechseln sich grob-' Beschränkung aufzuerlegen, und vom Standpunkt des Reiches aus, die finanzielle Änterstühuna des Widerstandes an der Ruhr nach Möglichkeit so zu handhaben, dafi dabei nicht allzu grofie Marksummen flüssig werden konnten. Diese Gesichtspunkte hoben ungefähr während der ersten zwei Monate eine ganz außergewöhnlich starke Wirkung ausgcübt, die soweit ging, dafi während dieser Monate im allgemeinen nicht nur keine Hamsterung von Devisen stattsand, sondern während des Monats Februar unter dem enormen Druck der Geldknappheit Devisen von weiten Kreisen der Wirtschaft zwangsweise abgegeben werden mufiten. Mit dem Mifierfolg der Schatzanweisungsanleihe begann das Vertrauen in die Möglichkeit einer langen Ausdehnung der Stützungsaktion ins Schwanken zu kommen, mit der Wirkung, daß diejenigen, die nicht aus reinen Zins gründen sich der Devisen entledigt hatten, anfingen, sich Devisen wieder ;u beschaffen. Man fing sodann aitrb wieder an sich in normaler Weise für die Bedürfnisse der nächsten Zeit zu versorgen. Dies war eine ziemlich natürliche Reaktion auf die künstliche Zurück- drängung des Devisenbedarfs im Februar und März. Der Devisenbedarf wurde vorn, 28, März an dauernd stärker und erreichte schließlich d n Punkt, wo es der Reichsbank nicht mehr möglich erschien, ihn auf der bisherigen Kursbasis zu halten.
Staatssekretär Bergmann schlofi sich den Ausführungen des Gutachters an.
Staatskommissar an der Börse Geh.-Rat Lippert erklärte, nach der Rede des Aufien- ministers von Rosenberg vom 16. April habe die Schwächung der Mark an den Börsen von Amsterdam und London sich drei stärker gezeigt als in Berlin.
Der Einbruch der Stützungsaktion habe also vom Ausland seinen Ausgang genommen.
Dann erst sei das Inland nervös geworden und habe versuch:, wieder Devisen zu kaufen.
ReichsbankprLsir-e.it Havenstein glaubt mit zwei Milllarren Golcmart die Devisenbestände wäh'. sch. i.lich sehr stark zu überschätzen. ZweiMil- liarten Goltmark feien bei einem Dollarstand von 75 000 36 Billionen Papiermark. Der gesamte Geldumlauf betrage nur 7lz> Billion, also nur ein Fünftel dieser Zahl. Die Kreditoren der deutschen Privatbanlen feien zur Zelt etwa drei Billionen. Ein Devisenbestand von zwei Milliarden würde also das zwölffache der gesamten Kreditoren der deutschen Bankwelt sein. Seit Mitte Juni 1920 bis ficute sei ein Passivsaldo der Handelsbilanz von ettra stzchs Millia kea Goll mark eingetreten. Zur Abdeckung dieses Passiosatdos müfite untere Kreditfähigkeit im Ausland stark angespannt werden. Es lo unten also aus der Ausfuhr keine flar« len Reserven an Devisen angesanr.nekt werden. Auf den Hinweis des Abg. S ck> m i d t (Sog.), dafi die Banken ihren Besitz an Devisen auf ungefähr drei Milliarden geschätzt hätten, erwidert Präsident Havenstein, dafi auf dem groben Kreis von Bankvertretern, die sich zu einer Besprechung zu- sannnengefunden hatten, nur ein einziger Deitreter diese Summe für möglich gehalten habe, dafi dagegen alle anderen sich ganz entschieden dagegen gewandt hätten.
giofi, wie der Abg. Schmidt behauptet hatte, sondern sogar bedauerlich klein sei. Er schätze den gesamten 'Devisen- und Rotenbestano in Deutschland auf höchstens Milliarden Goldmark, darunter- 500 Mill. Mark in Roten.
Abg Schmidt (Soz.) fragt den Reichs- bankpräsidrnten Havenstein, ob es zutreffe, dafi die von der Reichsbank gewährten Kredite auf dem Devisenmarkt verwendet worden seien. Präsident Havenstein erwidert, es könne kein Zweifel darüber fein, dafi Devisen gekauft werden könnten aus den von der Reichsbank zur Verfügung ge= stellten Krcd ten Wenn aber der Meinung Ausdruck gegeben worden sei, dafi die Wechie'kredite der Reichsbank wiederum zu Deoifenk.iusen verwandt worden seien, so könne man diese Frage verneinen. Als Vorleugungsmittel gegen eine derartige Verwendung ter Kredite habe man eine schürfe Kreditdsschränkung einer Diskonte.Höhung vorgezvgrn.
Der Ausschufi beschließt dann, dafi ihm die Ramen der Firmen mitgeteilt werden sollen, gegen die gemäß der Devisenverordwing üorgegangen worden ist. Auf die Frage des QI>g Helfferich (Sntl). ob es möglich gewesen wäre, ffion früher ein: S ützu giait o < ein u eiten, ant o le Ban ter Löb, dal) er der festen Lieberzeugung >ei. da - vor der Reeeiang der Reparationsfrage der Versuch, die Mark dauernd zu ftabilif^ en, zur vollkommenen Erfolglosigkeit verurteilt ist.
Reichsbankpräsident Havenstein erinnert daran, dafi die Altion, die man Mitte Juni bis Ende Juli 1922 unternommen habe, die Dollarkurse zwar etwaö habe ermäßigen können, dafi aber nachher der Dollar mit gewaltigem Schwung in die Höhe gestiegen sei. Der Reichsbankpräsident schätzt die Verschuldung Deutschlands, abgesehen von denReparationslasten auf rund 3/< Gold- Milliarden. Das Ausland verfüge über 10 Proz. des deutschen Aktienbesitzes. Das mache etwa 800 Gk>'dmittionen aus. Der Verkauf deutschen Grundbesitzes an 2luskänder werde -auf 5—600 Goldmillionen eingeschäht. Er ist der Meinung, dafi eine dauernde Stützungsaktion für die Reichsbank völlig unmöglich sei. Die Länge der Aktion lasse sich überhaupt nicht übersehen.
Der Abg. Froelich (K.) richtete dann an die Regierungsvertreter die Frage, ob in der Tat die Rücksicht auf die Wünsche der Expo r t i n d u st r i e zu einer weiteren Senkung des Dollars beigetragen hab', worauf Staatssekrttär Trendelenburg erklärte, dafi das Rerchs- wirtschaftsministerium niemals auf die Reichsbank dahin eingewirkt habe, dafi auf die Wünsche der Exportindustrir bei der Rormierung der Dol- larfutfc Rücksicht genommen werden möge. Diese Mitteilung ergänzte Staatssekretär Schröder dahin, dafi an das Finanzministerium keinerlei diesbezügliche Anträge der Exportindustrie gelangt feien.
ReichLbonkprä ident Havenstein bestritt, dafi die Spekulation von der bevorstehenden Intervention der Reichsbank vorzeitig Kenntnis erhalten habe.
Zum Schluffe schnitt Froelich die Frage der Kreditgewährung durch die Reichsbank an. Ha- venstein äußerte darüber folgendes: Die Einführung von G o l d k o n t e n bei der Reichsbank ist nach allen Richtungen einfach unmöglich. Die Goldkonten lassen sich nicht trennen von der Gewährung von Goldkrediten. Diese haben keinen Sinn, wenn man nicht in Gold abrechnet. Jeder einzelne würde sich der Entwertung des Geldes cintziehen, indem er ein Goldkonto bei der Reichsbank oder bei einer Privatbank nimmt. Die Gammen könnten ganz außerordentlich hoch werden, |o dafi die notwendige Deckung der Banken an Devisen ganz geaxiltig werden müsste. Eine solche Deckung ist aber eine wirtschaftliche älnMöglichkeit. A ifierdem müfite das Wechsel- und las Dankge^etz geändert werden. Der Ansturm auf die Devisen würde ungeheuerlich werden, und die ganze Wirtschaft würde auf dem Rücken der Reichsbank fpek'.'liercn. — Ans eine Frage Helffe- richs bei'ätigteRcichebankvräfidentHavenst'.ir zum Schluß, daß die Reichsbank der privaten Wirtschaft, wenn man das Gesamtsaldv ziehe, Geld schuldig sei. — Am Mittwoch wird die Erörterung der Frage der Kreditgewährung in einer neuen öffcntlich-en Sitzung fortgeführt werden.
nahmen zur Sicherstellung der Ernährung der besetzten Gebiete soll gesprochen werden, sowie endlich über die Entwicklung der französisch-belgrschen Eisenbahnregie und über tne Verteilung der beschlagnahmten Kohlen- und Koksvorräte.
Ein siebenjähriger Knabe ermordet.
Elberfeld, 6. Juni. Eine neue Destialttat der französischen Soldateska wird aus Düsseldorf gemeldet. Sie wird erst in das richtige Licht gesetzt, wenn man sie mit dem oft rührenden Verhältnis vergleicht, das unsere deutschen Soldaten mit der französischen und belgischen Jugend in Feindesland verband.
In einer Seitenstrafie im Düsseldorfer Hafenviertel wurde der siebenjährige Knabe Hanz Herbes von einem französischen Soldaten erschossen, der bei feiner Verhaftung angab, von dem Kinde beleidigt worden zu fein. Die Er- fdjiefiung spielte sich folgendermafien ab: Herbes spielte mit einem zwei Jahve älteren gleichnamigen Vetter und seinem elfjährigen Freunde Emil Siebert bei der Wirtschaft Lamswarp, die sich in dem Hause befindet, in dem das Kartoss<ll- magazin der Stadt Düsseldorf untergebracht ist. Das Magazin ist jetzt von den F-vanzosen beschlagnahmt und dient als Aufbewahrungsort für die Fouragemittel der Rheinarmer. In dem Magazin befinden sich an der Strafienflucht zwei Torausgänge und zwei vergitterte Fenster. Französische Soldaten waren mit dem Aufladen von Stroh beschäftigt. Hinter dem einen vergitterten Fenster liegt eine Kammer, die als Wachstube dient, und m der ein Bett steht. Drei Kinder kamen nun beim Spielen in die Rähe dieses Fensters. Sie bemerkten auf dem Bett einen Soldat-rn, bem sie im Scherz zuriefen: „Monsieur, nicht Brot?" Der Soldat rief: „Alles weg!" Die Kinder machten aber nochmals denselben Zuruf. Darauf stand der Soldat vom Bett auf, nahm ein Ge wehr von der Wand und stellte sich in die Tvremfahrt. Aach Aussage des älteren Knaben hat er dann an dem Gewehr hantiert, angelegt und geschossen. Der auf eine Entfernung von drei Metern abgegebene Schuß traf den kleinen Herbes an der linken Schläfe und riß den ganzen Hinterkopf weg. Der Täter wurde von dem wachthabenden älnterofsizier verhaftet. Die Aussage des Soldaten, ihm sei das Geaehr „zufällig" iosgegangen, wird durch Die Aiissage der mit dem Getöteten spielenden Kinder widerlegt.
Die französische Eisenbahn-Reyie
Essen, 6. Juni. (WTD.) Von der einzigen ncch bestehenden Bahnlinie Dergeborbeck—Al:ea- cssen—Dortmund sind am Dienstag durch die Franzosen alle Stationen beseht und mit Tanks und Maschinengcweb. en gesichert worden. Damit ist das ganze Industriegebiet von Herne bis Dnislurg und Düsseldorf auf den Verkehr mit den Straßenbahnen angewiesen. Die Strecke Herne — Rauxel — Mengede — Dortmund soll von den Franzosen militarisiert werden. Rach in Münster vorliegenden Meldun- aen besteht französischeseits die Absicht, die Rordstrecke nur bis Recklinghausen-Ost und die Südstrecke nur noch bis Steele-Rord in Betrieb zu lassen. Die französische F ldunterkornmisfion hat der deiitschen Reichsbabndirektion in Essen mitgcteilt, daß die Strecke Ratingen-Ost—Steele- Rord deutscherseits wieder in Betrieb genommen werden kann unter der Bedingung, daß die Leitung in den Händen der französisch,.-.! Regie- rungsbeamten liegt und die Einnahmen in die französisch-belgische Kasse fließen; Das Schrei den wird nicht beantwortet werden.
Die neue Besetzung gilt offenb.tr der Ausbeutung der Halde.bestände dec Zechen Hibernia, Zollverein. Rhein-Elbe, Dc-hlharsei, Ernestine, Evternberg, Helene usw. Die Eisenbahner von Allenessen und wahrsche'niich auch der übrigen Bahnhöfe wurden diesmal von den Franzosen nicht fortgctDicfea. sondern mußten sich in Reih und CMieb aufftenen und ihren Ramen sowie ihre angeben, wobei im Falle unrich
tiger Angabe mit sch'verer S.Lra;e gedroht wurde.
Rach einer MeVung aus Mai nz ist in der Ver'ehrssperre Mcstnz—Ti :gen ab Dienstagabend insofern eine Aeiide.ung cingetreteij, o'5 der Verkehr für Fufigänger uid Pferdefuhrwerke während der R.'-cht wieder gestattet ist. Für Krastsahrzeuge jeder Art sowie auch für Fahrräder mit und ohne Motor bieibt die Strecke M.'iinz—Dingen von 9 Ähr abends bis 5 ttthr früh gesperrt. Im Bereich des Brückenwvfes Kehl und den Abschnitt Offenburg tritt ab Donnerstag durch Einführung eines Pafiabstem- pelung u ib Beschränkung der Einreiseerlaubnis eine weitere Erschwerung des Verkehrs ein.
französische Propaganda.
Köln, 6. Juni. (WTD.) Die völlige Er- fDiglofigf.it der französischen „2Iu t ärungearb:it“ im Ruhr gebiet veranlafit die Pariser Regierung, mit einer neuen Propagandazeitung ihr Heil zu versuchen. Zu ihrer Leitung hat man aus Paris den Direktor des Pariser ..Oourrat of i ist" Drunaud nach Düsseldorf entsandt. Zur Sicherung der technischen Herste.lang des Dlattes hat man sich der Druckerei des ..Düsseldorfer Tageblattes" bemächtigt, um dort die Herausgabe der neuen Zeitung in deutscher Sprache zu bewirken. Die Zeitung wird im Umfange von 4 Seiten erscheinen un) das bisher herausgegebene Blatt „Rachrichtendienst" ersetzen. Der Erfolg bei der deutschen Bevölkerung wird schwerlich großartiger sein als der des famosen „Rachrichtendienstes".
Die Teuerung.
Berlin, 6. Juni. Die katastrophale Mark- verschl'echterung der letzten Tage bat im ganzen Reichsgebiet zu lebhafter Beunruhigung unter den Kreisen der Arbeitnehmer geführt, die bedauerlicherweise an verschiedenen Or.en, vermutlich auch unter der Wirkung kommunistischer Hetze zu Streiks geführt haben. Ein Streik der Belegschaften der Werkstätten und des Kraftwerkes der Berliner Hoch- und Unter« g rundbahn, der den gesamten Verkehr der Dahnen ftillegte, konnte am gleichen Tage beigelegt werden. Dagegen ist in einem Teil des Kreises Reuhaldensleben ein Landarbeiterstreik ausgebrochen. Die Rotarbeiten werden noch besorgt, jedoch werden die Hauptarbeiten beim Zuckerrübenbau verweigert. Die Technische Rothilfe ist bereitgestellt. In L e i p- z i g kam es erneut zu Demonstrationen, an denen sich zum größten Teil halbwüchsige Burschen be
teiligten. Die Polizei mutte wiederholt gegen die Demonstranten einschceiten.
Im oberschlesischen Industriegebiet kam es anläfilich der neuen Teuerungswelle ebenfalls zu Streiks unter den Bergarbeitern, Me allarbeitern und Tvansportarbellern. Die Streikenden veranstalteten in Druthen einen Demonstrationszug und verlangten vom Oberbürgermeister die Auszahlung der Löhne unter Zugrundelegung der Go'dwährang, sowie e n? einmalige Aurgleichszahluna. Von den Gewerkschaften selbst wird der Ausbruch des Streiks nicht gebilligt. Sie ersuchen die Arbeiterschaft, sich wilden Streiks zu widersetzen.
In Berlin veranstaltete die Sozialdemokratische Partei eine Reihe von Versammlungen, die sich mit der durch dir Entwertung der Mc-rk her- vorgerufenen Teuerung beschäftigten. In allen Versammlungen wurde eine Resolution angenommen, die von der Reichsregierung


