Einzelbild herunterladen

m. 126

Erscheint täglich, außer Sonn, und Feiertags, mit derSamstagsbeilage: GiehenerFamilienblätter Monotlichevezuaspreise: 4500 Mark und250Mark Trägerlohn,durch dicPost 4750Mark,auch beiNicht« erscheinen einzelner Hum­mern infolge höherer Gewalt.- Fernspreck. Anschlüsse: fürdieSchrift. leitung 112; für Verlag und Geschäftsstelle 51. Anschrift für Drahtnach. richten: Anzeiger Stehen.

postscheälonto:

Zrantfurl o. M. 11686.

Mtag, 1. Zlmi 1923

173. Jahrgang

GichenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oderhessen

Vrvck und Verlag: vruhl'sche Universitäts-Such- und Steindruckerei R. Lange in Gießen. Zchriftleitung und Geschäftsstelle: Schulstrahe 7.

Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohnejede Verbindlichkeit. Preis für 1 mm höhe für Anzeigenv.27 mm Breite örtl. 120 Mk., auswärts 150MK.; fÜrReklame- Anzeigen von 70 mm Breite SOOMK.Dei Platz. Vorschrift 20°/, Ausschlag. Hauptschriftleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz; für den übrigen Teil: Ernst Blumschein; für den Anzeigenteil: Hans Beck, sämtlich in Gietzen.

Neue Stimmen in England.

London, 31. Mai (WTD.) Die heutige öffentliche Schlußsitzung des nationalen und liberalen Verbandes in Buxton be­fähle sich u. a. mit der DesehungdesRuhr- g e b i e t e s. Lady Donhom Carter, die T o ch- ter Asquiths und Präsidentin des nationalen und liberalen Verbandes für Frauen, brachte eine Entschliessung ein, die die Besetzung des Rudr- gebietes verurteilt und die Lethargie und an­scheinende Impotenz der britischen Regierung an­gesichts dieser ernsten Bedrohung der Interessen der Ration sehr bedauert. Lady Bonhain Carter erklärte: Wir alle sympathisieren mit den franzö­sischen Bedürfnissen und teilen die französischen Befürchtungen. Wir trauern und mißbilligen je­doch die französische Methode. Frankrerchhat die menschliche Vatur vergess n. Welche Vorteile hat es, dr< deutschen Rüstungen herabzusehen, wenn man in jedem deutschen Herzen ein Arsenal erbaut? (Beifall.) Die Entschließung wurde gegen nur eine Stimme an­genommen.

Eine wichtige Aenhernng derTimes".

London, 31. Mai. (Wolff.) DieTimes" fordert in einemDie oberste Frage" überschrie­benen Leitartikel die baldigste Regelung der Re­parationsfrage als Ziel der britischer Politik, da keine Zeit zu verlieren sei. Die fortschreitende Ver­schlechterung in der wirtschaftlichen Lage Deutsch- londs sei jetzt jedem Auge offenkundig; selbst französische Beobachter geständen die Besorgnis ein, die sie früher nicht empfunden hätten; es werde nicht wieder erklärt, daß Deutschlands Geldknappheit mit seiner wirtschaftlichen Lage nichts zu tun habe. Die rasche Entwertung der deutschen Währung habe zu politischen end sozia­len älnruhen geführt, die möglicherweise von an­steckender Art fein könnten. Die Besetzung des R u h r g e b i e t s sei endgültig schädlich für die wirtschaftlichen Interessen Englands, weil sie durch die Desorganisisrung der deutschen In­dustrie zu der Desorganisierung der internationa­len Industrie führe. Frankreich müsse um dir Fortsetzung seines abenteuerlichen. Experiments zu rechtfertigen, zeigen, welche Vorteile es ihm ge­bracht habe. Es liege im Interesse der Welt im allgemeinen und dem Europas im besonderen, daß die britische Regierung bereit fei, s o - bald tote möglich einzugreifen, um eine Regelung zu fördern. Man sei sehr dafür, daß die Frage zunächst zur Entscheidung an das Welttribunal verwiesen werde. Deutschland habe durch seine Aktion den Argwohn veranlagt, daß es ferne Verpflichtungen zu umgehen wünsche; Deutschland könne diesen Argwohn beseitigen, indem es in klaren Worten ohne Einschränkung das in seiner letzten Rote gemachte Angebot wiederhole, die Frage zur Entscheidung an einen .internationalen Ausschuß von Sachverständigen zu überweisen. Die Ver­schlechterung der deutschen Wirtschaftslage in den letzten Monaten sei so schnell gewesen, duft ein Moratorium im Wesen, wenn nicht in der Form, an Deutschland gewährt werden müsse, da­mit Deutschland Zeit und Gelegenheit habe, seine Finanzen auszugleichon. Es sei möglich, daß eine Regelung auf einer Grundlage, die die internatio­nale Kommission vielleicht anempfehle, erzielt werke, welche die Erwartungen Frankreichs aber enttäuschen würde. Diese Enttäuschung sei nicht zu umgehen. Man müsse den Gedanken an Garantien und produktive Pfänder aufgeben. Die äleborwachung der Verpflichtungen D.utsch- lands scheine dir beste Garantie zu bieten, auf die die Gläubiger Deutschlands kommen könnten. Das englische Eingreifen in Äie

Verhältnisse des Saargebiets.

Paris, 1. Juni. (WTD.) DasEcho dr Paris" schreibt, der Generalsekretär des Völker- Lundrs. Sir Eric Drummond, habe dem fran­zösischen Ministerium mitgeteilt, daß der eng­lische Vorschlag, eine Enquetekorn- misssion einzusehen. die die Tätigkeit der Re- gierungskommission des Saargebietes prüfen solle, bereits auf die Tagesordnung der am 25. Juni stattfindenden Tagung des Völkerbundes gesetzt worden sei.

Die französische Regierung werde Unverzüglich in London und Genf za verstehen geben, daß sie ihre Zustim­mung zu einer derartigen Prozedur nicht geben könne. Die Ordonnanz der Re­gierungskommission vom 7. März sei vielleicht mit einer gewissen älngeschicklichkeit abgefaßt wor­den, aber zweifellos werde sie durch eine mit mehr Klarheit abgefaßte ersetzt werden. Jeden­falls könne aber kein Zweifel darüber bestrlen, daß die bis jetzt verfolgte Politik im Saargebiet fortgesetzt werde. Die ungehinderte Aus­beutung der Saargruben müsse Frank­reich sichergestellt werden. Man werde vielleicht in den Akten der cberschlesischen Mstimmungs- kcmmisswn Entscheidungen finden, die sich nicht wesentlich von den Texten unterscheiden, die im Saargebiet erlassen worden seien. Das Mini­sterium Baldwin debütiere sehr schlecht, was die englisch-französischen Ange­legenheiten anbelange. Der Antritt Lord Robert Cecils und Mac Kennas habe schon schlechte Aus­sichten angekündigt. Wenn der Premierminister ihnen gestatte, auf dem Gebiete der Außenpolitik, vb es sich um den Völkerbund oder die Repara- tionskvmmifsion handle, nach ihrem Gutdünken zu manöverieren, sei es dann nötig, auch nur den einfachen Schein einer Entente aufrechtzue. halten?

Paris, 31. Mai. (WTD.) DerTemps" wendet sich in seinem Leitartikel gegen die Ab­sicht der englischen Regierung, beim Dölkerbunds- xat eine Enquete für di e Verwaltung

des Saargebiets zu verlangen. Rach seiner Ansicht sei im Friedensvertrag von Versailles in keiner Weise gesagt, daß der Völkerbund eine Enquete über die Verwaltung des Saargebiets, also über die Handlungen der Regierungskom- mission veranstalten könne, die den Völkerbund in Saarbrücken vertritt.

Die Besprechungen des Reichs­kanzlers.

Berlin, 31. Oltoi. (WTB.) Die Besprech­ungen des Reichskanzlers mit den Par­teiführern nahmen heute ihren Fortgang. Der Reichskanzler empfing im Lau,e des Tages Vertreter der verschiedene i Parteien des Reichs­tags zu Einzelbesprechu rgen und orien­tierte sie über die Lag», die der Klärung soweit entgegengesührt ist, d. mit dem Abschluß der Vorarbeiten für die deutsche Antwort zu Anfang nächster Woche zu rechnen ist.

Berlin, 1. Juni. Die Berliner Morgen­blätter melden: Die in verschiedenen ausländi­schen Zeitungen erschienenen Mitteilungen über den Inhalt der neuen deutschen Repara- tionsnote sind leere Kombinationen. Schon aus der Tatsache allein, das) die entschei­denden Beratungen über die Rote erst am Anfang der kommenden Woche stattfinden sollen, geht hervor, das) Form und Inhalt der deutschen Rote noch keineswegs feststehen.

Berlin, 1. Juni. Das Präsidium des Reichsverbandes der deutschen In­dustrie gab gestern nachmittag vor Vertretern der Presse nochmals eine Darstellung über die ^Beweggründe, die es zu seinem Schreiben an die Reichsregierung veranlasst hätten. Es wurde be­tont, daß dieses Schriftstück nur als ein G u t - achter der Kreise gelten solle, die der Reichs- verbänd vertrete. Mit besonderem Rachdruck wurde nochmals vor der Antastung der deurschen Wirtschastssubstanz für Reparationszwecke ge­warnt. Im Augenblick sei die deutsche Wirtschaft auch ohne Reparationen nicht tragfähig. Um sie aber wieder gesund zu machen, seien zwei Voraus­setzungen notwendig: die Erhöhung derPro- duktivität und die Beseitigung des außenpolitischen Druckes. Die deutsche Wirtschaft würde zugrunde geben, wenn sie ent­weder deutsche Substanz direkt an das Ausland abliefern würde oder wenn man sich dazu ent­schlösse, die deutsche Zollhoheit durch das Aus­land einschränken zu lassen.

Die Frage der Verpfändungen der Eisenbahnen.

Berlin, 31. Mai. (WTB.) Nachdem in der inländischen und ausländischen Presse die Frage der Verpfändung der Eisen- bahnen Gegenstand der verschiedenartigsten Erörterungen geworden ist, hielt es der Reichsverkehrsminister für nölig, auch die Stellungnahme der berufenen Ver­tretungen der Beamten- und Arbeiterschaft zu dem in Frage stehenden Problem herbeizufüh­ren, da namrgemäfz auch die Belange ides Per­sonals dadurch berührt werden. Dement­sprechend ist mit dem bei der Reichsbahnver­waltung bestehenden Organisationsausschuß in einer außerordentlichen Sitzung am 31. Mai nachmittags im Reichsverkehrsministerium diese Frage dahin besprochen worden, daß die Eisenbahnen grundsätzlich wie bisher als Reichsbetrieb weiter erhalten bleiben sollen.

Berlin, 31. Mai. (Wolff.) Der erweiterte Vorstand der Reichsgewerkschaft deut­scher Eisenbahnbeamter und -an­wär t e r, Berlin-Schöneberg, die über 250 000 Mitglieder umfaßt, hat bei der Tagung am 29. und 30. Mai int Abgeordnetenhaus in Berlin Ent­schließungen gefaßt, die folge-, cdes besagen: 1. Der erweiterte Vorstand der Aeichsge'werkschaft ent­nimmt aus dem Schreiben des Präsidiums des Reichsverbandes der Deutschen Industrie an L-en Reichskanzler vom 25. Mai, daß als Pfand- objekt für die Sicherung der Reparationszahlungen die Reichs- und Staatsbetriebe nach privatwirt- schaftlichen Grundsätzen regenerierI d. h daß auf die Privatisierur j der Staaisetsen- bahn hingewirkt werden soll. Ec ist Willens, einem solchen Vorhaben mit allen Mitteln und unter Aufbietung aller gewerk­schaftlichen Kräfte zu begegnen. Er wird auch irgendeine Zerreißung des deutschen Reichseisenbahnnetzes niemals zulassen. Andererseits ist er bereit, an der Hebung cer Wirtschaftlichkeit der Reichscrenbah i m.tjuarbei­ten, soweit dadurch nicht die wohlerworbenen Rechte der Eisenbahnerschaft gefährdet werden. 2. Der erweiterte Vorstand der Rcichsgewerkschaft stellt die heldenhafte Haltung der Ci'enbahnbeam- ten im Ruhrkampf fest und spricht die Erwartung aus, daß die Regierung alles tut, um die Für- sorgemahnahmen für diese Bedrängten auszu- bauen, und alles unterläßt, was geeignet ist, Lurch innere Maßnahmen die Lage der Eisenbahner noch weiter zu erschweren. Mit Trauer und Entrüstung erfahren wir jeden Tag von neuem, daß die so­genannte Kulturnation deutsch: Beamte als Ver­brecher behandelt, nur weil sie ihre Pflicht tun. Gegen diesen Terror und gegen die Vergewalti­gung aller Rechtsbegriffe erhebt der erweiterte Vorstand der Reichsgewerlschaft schärfsten und feierlichen Protest. Er versichert, wenn die Für- sorgemaßnahmen der Regierung nicht mehr aus- reichen sollten, auch materiell alle Kosten zu tragen bis zur äußersten Grenze der gewerkschaftlichen Leistungsfähigkeit. 3. Der erweiterte Vorstand der Reichsgewerkschast lehnt nach tote vor die Ent­

lassung von Beamten, Hilfsbeamten und Diätaren trotz der bereits gefaßten Anträge des Reichs­tages ab.

Neue GreueltaLen der Franzosen.

(Schilderung eines Augenzeugen.)

Am gestrigen Mittwoch trafen aus den Orten Conz-Karthaus bei Trier etwa 300 Ausge » wiesene in Gießen ein, die auf Bahnhof Gießen durch den Präsidenten der Reichsbahn- direktion Trier, Herrn Lohse, begrüßt wurden. Alle Ausgewiesenen wurden vor ihrem Abttans- port in ihrer Wohnung einzeln befragt, ob sie die Arbeit für die französische Regie aufiiehmen woll­ten. Ein glattesRein" war die deutsche Ant­wort aller. Hieraus wurden sie mit ihren Frauen und Kindern zusammengetrielen und wie eine Herde Schafe in den auf Bahnhof Conz bereit» stehenden Zug eingeladen. Unter den Vertrie­benen befand sich auch emsiebenTagealtes Kind. Da die Muttei mit Rücksicht auf das kaum geborene Kind und ihren eigenen Gesund­heitszustand den weiten Transport fürchtete, hatte sie den französischen Offizier gebeten, noch einige Tage bleiben zu dürfen, was dieser jedoch schroff ablehnte. Auf wiederholtes Bitten lieh sich dann der Vertreter der Kulturnation dazu herbei, der armen bedauernswerten Frau das Bleiben unter folgenden Bedingungen zu gestatten: Sie selbst habe mit ihrem Kinde sofort ihr Bett zu verlassen und sich in ein in einem Schulsaal bereitgestelltes Bett zu legen. An der Ausweitung des Maniies und der anderen Kindern ließe stich jedoch nichts ändern. Der Vater lehnte natürlich diese noch härtere Bedingung ab. nahm seine arme Frau unter den Arm, und das kleine Kind in eine Decke gehüllt, stiegen sie mit den anderen Leidensgenossen in den Zug ein.

Als dann der Zug zur Abfahrt bereit stand, hatten sich verschiedene Männer des Ortes auf den in der Rähe des Bahnhofs auf einem Hügel liegenden Kirchhof, von dem man den ganzen Zug übersehen konnte, aufgestellt, um den Dahin­ziehenden zum Abschied em Mcsellied zu fingen. Kaum gewahrte der unten im Bahnhof stehende französische Ortskommandant dies, da erteilte er den um den Bahnhof stehenden Spahls i den Befehl, die Leute zu zerstreuen. Im rasenden Salopp, so daß der Turban des an der Spitze reitenden Offiziers in dem Geäste eines Baumes hängen blieb, sausten dann die wilden Horden den Hügel hinan, zerstampften mit den Hufen der Pferde die geschmückten Grä­ber und beschädigten die Kreuze, hinter denen die harmlosen Sänger, die ihren armen Brüdern die Abschiedsstunde etwas erleichtern wollten, Schuh gesucht hatten. Rachdem sich die beängstig­ten Leute zurückgezogen hatten, ritten die Spahis wieder ab zum Bahnhof. Der in feinem Garten stehende Pa stör des Ortes, der seinen armen Pfarrkindern noch ein letztes Lebewohl zuwinken wollte, wurde ebenfalls von zwei Spahis mit Gewalt ins Haus gejagt.

Das War das letzte Schauspiel, das die wil­den Horden den QSertriebenen mit auf den Weg gaben.

* . *

Gelsenkirchen, 31. Oltoi. (WTB ) Die Franzosen nahmen auf der Zeche ®raf Bismarck, auf der schon feit einiger Zeit Kontrollposten ausgestellt waren nunmehr größere Ein­griffe in das Kokslager vor und be­gannen mit dem Abtransport des Koks. Gleich­zeitig besetzten sieden Hafen der Zeche. Alle Lokomotiven des Hcste.cbetriches und große Bestände wertvoller Hölzer wurden beschlag­nahmt. Die Belegschaft trat aufs neue in einen Proteststreik ein.

Berlin, 31. Mai. (WTB.) Von Mitte Fe­bruar bis Ende Mai wurden von den französi­schen und belgischen Desahungsbehörden über 12 7 Milliarden Mark gewaltsam be­schlagnahmt. Der ganze Betrag mit Aus­nahme von wenig mehr als eineinhalo Milliarden entfällt auf die Tätigkeit der Franzosen. Die größten Beträge fielen ihnen in den Reichsbank- get äuben von Essen und Koblenz, bei der Ergrei­fung einer für die Reichsbank stelle in Worms be­stimmten Sendung und bei der Wegnahme eines Transportes der Reichsbankbaupt.'asse aus dem Schnellzug BerlinKöln in die Hände.

Mainz, 31. Mai. (Wolff.) Das franzö­sische Militärpolizeigericht verurteilte den 2. Vorsitzenden der Ortsgruppe Worms des Deutschnationalen Handlangsgehilfenverbandes, Kaufmann Karl Schmitz, unter der Anklage der Beleidigung der Besatzungstruppen, der Auf­reizung t.r Bevölkerung des besetzten Gebietes zum passiven Widerstand gegen die Anordnung en der Besayungsorgane und des Besitzes bzw. der Perbreitungsabsicht bezüglich der im besetzten Ge­biet verbotenen Druckschriften und Zeitungen zu einer Gesa'mtgefängnis strafe von P/2 Jahren und 150 000 Mark Geldstrafe.

Landau, 31. Mat. (WTB.) Vom hie­sigen Kriegsgericht wurden die vor zwei Wochen von den Franzosen aus unbekannten Gründen in Mannheim festgenommenen Poli­zeibeamten abgeurleilt. Wachtmeister Der­be r i ch erhielt fünf Monate Gefäng- n i s und 50 000 Mk. Geldstrafe, Wachtmeister Münch zwei Monate Gefängnis und ebenfalls 50 000 Mk. Geldstrafe.

Berlin, 31. Mai. (Wolff.) Am 3. März wurde der Schrankenwärter Franz Herold aus Altenessen von französischen Soldaten ohne er- I sichtlichen Grund erschossen. Aas den von den amtlichen Stellen angestellten Ermittlungen ergibt sich, daß Herold von französischen Sol­

daten f oft genommen wurde, nachdem er seine Winterhude ausgesucht hatte, um dort befindliche Sachen zu holen. Hinter dem Schlackxnberg der ZecheElise" gaben die Franzosen mehrer* Schüsse auf Herold ab, wodurch dieser tödlich getroffen wurde. Die Einschußöffnungen befinden sich auf dem Rücken. Die Leiche touroe dann den deutschen Behörden übergeben. Sine Aufklärung über den Sachverhalt wurde von den Franzosen nicht gegeben.

Ausweisungen bei den Höchster Farbwerken.

Höchst a. M., 31. Mai. (WTD.) Heute früh sind 14 leitende Persönlichkeiten, der Höchster Farbwerke, Direktoren und Prokuristen, von den Franzosen ausgewiesen worden. Infolge dieser Maßnahme sind ^ic Werke in eine sehr schwierige Lage geraten, und die Fortführung des Betriebes ist in Frage gestellt.

Zcitnngsverbote.

Paris, 31. Mai. (WTD.) Wie HavaS aus Düsseldorf berichtet, ist nach dem Ver­bot derDüsseldorferRachrichten" für acht Tage nunmehr auch dieRhei­nisch-Westfälische Zeitung" bis zum 25. Juni verboten worden.

Das Ende der Unruhen im Huhrgebiet.

Dortmund, 31. Mai. (WTB.) Die Dortmunder Polizei verhaftete in einem Daubureau in der Güntherstrahe 8 0 Kom­munisten, darunter eine Anzahl Führer bei letzten Unruhen. Die Kommunisten waren meist mit Revolvern bewaffnet.

3m Landkreis Dortmund ist alles ruhig bis auf Zeche Germania II. Auf dieser wurde der Haupträdelsführer Lehrhagen nicht wieder eingestellt. Infolgedessen versammelte sich die Delegschaft heute morgen und beschloß, in den Ausstand zu treten. Die bereits einge­fahrenen Bergarbeiter wurden wieder heraus­geholt. Dann zog die Delegschaft geschlossen nach dem Schacht 1 und überflutete den Zechenplatz. Es gelang der zu Hilfe gerufenen Polizei, den Zechenplatz wieder freizumachen.

Auch in H ö r d e ist alles ruhig. In W i t - te n ist der größte Teil der 'Zechenarbeiter wie­der eingefahren. In Gelsenkirchen herrscht bis auf kleine Zwischenfälle Ruhe. Die Ordnung wird von der Ordnungspolizei mit roten Armbinden aufrechterhalten. Es besteht Hoffnung, daß die Arbeit wieder ausgenom­men wird.

Die Bergung

der versenkten deutschen Flotte.

London, 1. Juni. (WTD.) Auf Grund einer mit der Admiralität getroffenen Verein­barung beginnt demnächst die Bergung eines großen Teiles der deutschen Flotte, die 1918 in Scapa Flow ver­senkt worden ist. Rach einer Blättermeldung handelt es sich um die Torpedoboote, die nach erfolgter Hebung abgebrochen werden sollen. Käufer sind Industrielle aus Glasgow.

Ans dem Reiche.

Em Urteil des Staatsgerichtshofes.

Leipzig, 31. Mai. (WTD.) Der Staatsge- richtshvf verurteilte den früheren Hcmptgeschäfts- sührer des Deutschvölkischen Trutz - undTruhbundes, AlfredRoth in Der- gefcorf bei Hamburg, wegen öffentlicher Belei­digung des verstorbenen Reichsmi­nisters Rathenau zu 500000 Mark Geldstrafe. an deren Stelle im Falle der Un- einbringlichkeit 100 Soge Gefängnis treten, und zur Tragung der Kosten des Verfahrens. Der Re'chsregierung wurde die Publikationsbefagnis in derPommerschen Tagespost", derOstfeezei­tung" und demVolksboten" in Stettin zuge- sprcchen.

Aus Hessen.

Sin Gesetz über die Altersgrenze der Staats» beamten

hat der Finanzminister dem Landtag dorgelegt. § 1 lautet: Staatsbeamte treten mit dem auf die Vollendung des 68. Lebensjahres zunächst folgen­den 1. April oder 1. Oktober kraft Gesetzes in den Ruhestand. Rach § 3 findet dieses Gesetz aus die Minister keine Anwendung. In der Be^ gründung wird auf den Beschluß des Landtags hingewiesen, schon zum 1» April 1922 ein Gesetz oorzulegen, das der äleberalierung der Beamten­schaft entgegenwirkt, AnsteÜungsmöglichkeiien für die Stellenanwärter schafft und den Deamten- körper durch frische Kräfte verjüngt. Die Vorlage verzögerte sich, da man auf eine Regelung durch ein Gesetz über die Dienstaltersgrenze rechnete. Mit der alsbaldigen Vorlage eines solchen Ge­setzes ist aber beim Reich nicht zu rechnen. In ter hessischen Vorlage wurden im allgemeinen die Bestimmungen des preußischen Gesetzes übernom­men, doch wurde die Dienstaltersgrenze auf das 6 8. Lebensjahr hinaufgesetzt. Auch auf Richter finden die Bestimmungen Anwendung.

Weitere LMdtazsdorlagen.

Dem Landtag ist ferner eine Anzahl Vor­lagen zugegangen, die u. a. die Behandlung der Beamten bei einer etwaigen Einschrän-