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Nr. Jj3 Swettes Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Mittwoch, 26. Juli (922

Die große politische Aussprache im hessischen Landtag.

21. Sitzung.

St. Darmstadt, 25. Juli 1922.

Am Regierungstische: Minister des Innern von Brentano, Wirtschaftsminister Raab.

Vizepräsident Soherr eröffnet die Sitzung um 8 Uhr 45 Min. Das Haus setzt die politisch? Aussprache zum Voranschlag fort.

Abg. Dr. Werner (Deutschnatl.):

Es ist im Laufe der Debatte vielfach die Rede gewesen von einer gespannten und ver­gifteten Atmosphäre. Es ist richtig, daß die Atmosphäre gespannt ist, aber wir wehren uns mit aller Entschiedenheit gegen die Unterstellung, als seien wir schuld oder allein schuld. Heiß- sporne gibt es links wie rechts, in allen Par­teien. Redner wirft dann einen Rückblick auf die Ereignisse und die politische und wirtschaft­liche Entwicklung der letzten Jahre einschließlich des Krieges. Cs muh einmal festgestellt werden, dah nicht die Rechte schuld ist an den Fehlern, die während des Krieges gemacht wurden, an dem Verpassen der einzigen geeigneten Friedens­möglichkeit 1916 mit Ruhland, an der Errichtung des Königreichs Polen u. dgl. m. Auch den Valutasturz und die bedrohliche Wirtschaftsent­wicklung darf man nicht der Rechten in die Schuhe schieben. Ich erinnere daran, dah auch Roske anerkannt hat, dah ohne die Offiziere 1919 die Republik verloren gewesen wäre- auch die Studenten unserer Universitäten und Hoch­schulen haben sich um die Republik verdient ge­macht. Wir stehen auf dem Boden der ver- fassungsmähigen Entwicklung und wir lehnen alle Gewalt, alle Diktatur der Straße usw. ab. Das viel zitierte Schmählied auf die Juden steht auf dem bekannten Sauherdenton der Leipziger Volkszeitung. Die rote Presse liebt erfahrungs- gemäh solche Dinge. Ich verstehe nicht, warum man nicht alsbald, als man dieses Lied, das angeblich irgendwo in der Eisenbahn gesungen worden ist, hörte, den Sänger feststellen lieh und der Polizei übergab. Wenn Sie nicht mit anderen Waffen gegen uns kämpfen können als mit d'esem Hol schweri, dann stecken Sie den Kampf doch besser auf. Redner erinnert daran, wie links­stehende Pressestimmen unbequeme politische Führer mit den fürchterlichsten Schimpfnamen be­legen. Dah heute noch das Blatt des Herrn Abg. Kaul sprechen kann von gemeiner Husllz, von Rechtsbeugung i. a. m. Bisher ist tn Hessen nur einem Amtsgerichtsrat Rechtsbeugung nach­gewiesen und das war ein 'Mehrheitssozialist, der gleiche, der auch die Haftentlassung des Herrn von Helmolt verfügte. Die Frcih.it tm alten Rechtsstaat ist doch wohl nicht so beschränkt ge­wesen. wie man es heute hinzustellcn behebt. Man durfte früher mehr sagen als heute. Die greifen auch die Universität an. Ich kann das begreifen von Ihrem Standpunkt. Die Univer- sitäten waren auch vor 100 Jahren die Träger und Verfechter der Freiheit im vaterländischen Sinne. Sie können gegen die Studenten sagen und schreiben was Sie wollen, Sie werden eins nicht aus der Welt schaffen können, dah unsere Studenten auf Grund ihrer Erziehung ein hoher und wert- gehender Idealismus beseelt, sich aufzuvpfern füt große vaterländische Ziele. Die Studenten sind auch gekommen zur Verteidigung und zum Schutze des Staates, als man sie rief, obwohl dieser Staat Republik geworden war. Sie, meine Herren, verlangen in Wort und Schrift, dah man sich in die Seele des Arbeitenden einfühlen solle. Wir verlangen nichts anderes: Achtung vor der ehr­lichen Gesinnung Andersdenkender. Lassen Sie die Bekämpfung der anders Denkenden in dieser Weise, die Beschimpfung der alten Reichsfarben alsschwarz-weih-rote Schmach". Lassen Sie die maßlose Bekämpfung der Bauern, die unserm Voll durch Jahre zum Durchhalten geholfen haben, dann wird die Atmosphäre entspannt werden. Es ist herrlich weit gekommen, wenn hier im Hause von der- Regierung gesagt werden konnte, der kommunist s^e Marltplatzrcdner f i nicht schärfer gewesen als der Reichskanzler, der sagte, der Feind steht rechts. Redner wendet sich dann scharf gegen die Gesetze zum Schuhe der Republik, die sicher die Spannung erheblich verschärfen werden und eines Tages schwer auf ihre Schöpfer zurück- fallen werden. Er protestiert dagegen, das Haken­kreuz, das Zeichen einer aufwärts strebenden geistig-sittlichen Bewegung, auf eine Stufe zu stellen mit dem jüdischen Sowjetstern. Sowjet 2 Millionen Menschen hingerichtet I Wir protestieren auch gegen die Verbote der antisemi­tischen Vereinigungen. Wenn diese Verbote des Schuh- und Truhbundes usw. aufrecht erhalten taben, Hern toir auch die Auflösung des «F1 Ougendvundes, der jüdischen und kathvlifchen Vereinigungen gleicher Art. Wir pro­

testieren dagegen, dah sich die Gewerkschaften Befehlsgewalt anmahen in der Politik, jetzt auch in der Kunst usw. Wohin sollen wir kommen, wenn das so weiter geht? DieDarmstädter Zeitung" ist ein Ding an sich Die Antwort des Herrn Staatspräsidenten auf unsere Anfrage kann nicht genügen. Es handelt sich nicht darum, dah es ein Stimmungsbild Ivar, sondern darum, dah in diesem Stimmungsbild faustdicke Lügen stan­den. (Sehr richtig! rechts.) Der Redner kommt dann auf die Vorgänge in Darmstadt zu sprechen und verliest eine Reihe von Presse­stimmen der Linksparteien, besonders des Darmstädter sozialdemokratischen Organs, das in unglaublicher Weise ge­hetzt habe, mehr wie je ein kommunistisches Organ in Deutschland. Es ist auch nicht zu ver­stehen, wie der Herr Finawminister sagen konnte, man hätte nicht voraussehen können, dah es zu Gewalttätigkeiten komme. Er scheint nicht gesehen zu haben, dah Plakate mit blutigen Btzilen, Galgen und andere schöne Darstellungen imZuge mitgeführt wurden Der Redner erörtert dann die Vorgänge in Osthofen, in Butzbach, in Giehen usw. und stellt besonders die Darstellung der letzteren durch Herrn Kiel richtig. Lebhafte Heiter­keit erregt die Geschichte von einem Butzbacher Demokraten und dem blauen Auge, das die­sem die Demonstranten geschlagen haben und das dann eine politische Tteu Orientierung des Betrof­fenen verursachte

Was diepvlitischenMorde betrifft, so hat es diese immer gegeben und wird es immer geben. Ich erinnere an Ausführungen des Zentrums­führers Windthorst und des Abg. Bebel, die glei- chermahen im Reichstage -ausführten, dah politische Morde sich nie werden verhindern lassen, dah es aber grundfalsch ist, mit solchen Morden eine poli­tische Partei, ganz gleich welcher Art, in Ver­bindung zu bringen. Ich erinnere auch daran, dah die Sozialdemokraten Adler noch heute stolz den ihren nennen. Seine Tat war also den Sozialisten sympathisch. Auch in dem sozialistischen Kalender Scholle" werden Dombenattentate gegen Polizei­oberste in Ruhland verherrlicht als Freiheitstaten. Die sozialistische Presse sollte vermeiden, Schiller für sich in Anspruch zu nehmen, sie macht dabei schlechte Geschäfte. Schiller und Goethe sagen Ihnen bittere Wahrheiten. Wir haben stets den politischen Mord verurteilt und verabscheut, die sozialistische Presse aber hat ihn oft verteidigt, besonders das Darmstädter und Franksurter Or­gan. Redner zählt dann eine' grohe Reihe von Morden an Rechtspolitikern auf. Er wendet sich dann gegen den Abg. Reiber, der ausführte, früher haben die Rechtsparteien die Herrschaft im Reiche gehabt: das ist nie der Fall gewesen, und wenn Herr Reibw politisch älter wäre, mühte er wissen, dah wir früher unter einem Ausnahmegesetz zu­gunsten der Huden gestanden haben, das der demo­kratische Abg. Gutfleisch und der Finanzminister Gnauth geschaffen haben. Es ist auch nicht richtig, dah wir byzantinisch sind. Rur sind wir nicht so, dah wir den Fürsten nur so lange die Treue hal­ten als sie da sind, und wenn sie gestürzt sind, ihnen den Eselstritt geben. Wie sinnlos noch die sogenannte Reinigung der Schulbücher ist, das be­weist Redner durch Verlesen vom Aufsätzen aus einer Reihe von Werken von Schiller, Goethe, Wagner, Kant, Fichte und vor allem Dr. Strecker, in dessen Gedichten die Fürsten ver­herrlicht werden und der 1922 noch eine be­arbeitete Fichte-Ausgabe herausgab, in 8er Fichte fest stellt, dah das Hudentum, auf gebaut auf den Hah ganzer Geschlechter, verschwinden müsse. (Hört, hört!) Auch Heine müsse aus den Schul­büchern verschwinden, der demVolke" bittere Wahrheit sagt. Wir wenden uns gegen die Aenderungen des Deamtengesetzes: wir wenden uns dagegen, dah bei unbeschwltenen Bürgern Haussuchungen abge'fjaltcn werden: wir wenden uns gegen jede Beugung der Staatsgewalt vor den drohenden Diktaturgelüsten. Wir bekämpfen scharf den Wucher und das Schiebertum: ich erinnere daran, dah ich schon lange im Reichstage die Verfolgung und standrechtliche Erschiehung aus Grund der Reichsgesehe für Wucherer gefordert habe. Wirverlangen einedurchaus un­politische Polizei, die jeden Staatsbürger schützt und gegen jeden Putsch einschreitet. Wir wünschen keine Rebenregierung der Gewerk­schaften, wir wünschen aber auch keine Aus­weisungprominenter Renitenten", wie sie der Abgeordnete Reiber als Demokrat so liebens­würdig gefordert hat. Herr Reiber hat erklärt, er wäre mit der Ausweisung Ludendorffs ein­verstanden. Hätten Sie auch der Ausweisung dieses Mannes zugestimmt, als er uns von den Russen befreite? Wir werden die demokratische DanDarkeit nicht vergessen. (Sehr gut!) Wir

sind dafür zu haben, dah wir uns gemeinsam einen zur Arbeit fürs Vaterland: ater glauben Sie nicht, dah Sie unsere Ueberzeugang irgendwie unterdrücken können. Gedanken sind frei! Richt vogelfrei, und wir werden uns unsere Gedanken­freiheit zu erkämpfen wissen. Der Redner schließt mit dem Wortlaut eines Telegramms, das der Abg. Köhler einmal einem Freunde ins Gefäng­nis sandte, des oberhessischen Verschens-

-Und sperrt man uns ein in finsteren Kerker, Das alles sind nur vergebliche Werke, Denn unsere Gedanken zerreißen die Schranken, Die Mauern entzwei. Die Gedanken sind frei!

(Lebhaftes Bravo!)

Abg. Knoll (Ztr.)

geht zunächst auf den Voranschlag näher ein. Auch seine Partei hätte gewünscht, dah der Vor­anschlag rechtzeitiger fertiggestellt worden wäre. Viele Petitionen muhten dadurch ohne Berück­sichtigung bleiben. Doch sei im Finanzausschuh beschlossen, diese Eingaben durch einen Dreier­ausschuh in erster Linie zu bearbeiten und wieder vorzulegen. An einen Abbau der Gehälter sei noch nicht zu denken, denn die Beamten hinken noch immer mit ihren Einnahmen hinter der Teue­rung her. Die Ausgaben des Etats sind erheb­lich gestiegen. Bei den Kapiteln für kulturelle Zwecke konnten keine Striche vorgenommen wer­den. Die höheren Schulen auf dem Lande dürfen nicht eingeschränkt werden. Wir halten unter allen Umständen an der christlichen Volksschule fest. Wir legen Gewicht auf die Erziehung einer Generation nach christlichen Grundsätzen. Die Ver­fassung der 10 Gebote muh wieder einmal zur Geltung kommen. Mit Bedenken verfolgen wir das zunehmende Defizit des Landestheaters. Wir sind natürlich für jede Unterftütjung und För­derung der Kunst, wir fordern aber dann auch, dah man nicht Kitsch mit Kunst

vermischt. - Die Rotlage der Kleinrentner ist groh. Es ist richtig, dah viele dieser

Leute Jidj nicht um öffentliche Unterstützung

bewerben. Das liegt an der mangelhaften

Organisation unseres Armenwesens. Wir ver­langen, dah unser Armenunterstühungswesen um­gewandelt wird in großzügige Wohlfahrtseinrich­tungen. Redner äußert im weiteren eine große Reihe von Wünschen zum Etat. Er bemängelt, daß die Arbeiter und Angestellten keine öffentliche Berufsverlretung haben, fordert mehr demokra­tischen Geist in der Verwaltung. Die Pachten für staatliche Grundstücke müssen den heutigen Verhältnissen angepasst werden. Erhebliche Mehr­einnahmen brachte die Forstverwaltung. Den Fvrstbeamten gebührt Dank für die musterhafte Bewirtschaftung. Mit den Holzversteigerungen des Abg. Ebner können wir un(? allerdings nicht einverstanden erklären. (Erregte Zwischenrufe des Abg. Ebner. Glocke des Präsidenten.) Die meisten Steine hat der Abg. Kindt tn den Zen­trumsgarten geworfen. Wenn er demReichskanzler Vorwürfe darüber macht, dah er sagte, der Feind steht rechts, so vergaß Abg. Kindt dabei die Situation, die diesen Ausspruch veranlaßte. Dr. Wirth hat nie gesagt, daß der Feind nur rechts steht. Er bekämpft jeden Feind der Republik. Heden Terror verurteilen wir auf das Schärfste, wir verlangen volle Freiheit für jeden Staatsbürger, aber wir verlangen sie auch für uns und besonders für unsere Arbeiter. Die christ­liche Arbeiterschaft lehnt keinen großen wirt­schaftlichen Streik ab, sie streikt aber nicht aus politischen Gründen. Wirtschaftlichen Streik lehnt sie nur ab, wo die gesamten Lebensinter­essen des deutschen Vvckes auf dem Spiele stehen. Wenn Herr Kiel religiöse Prozessionen mit politischen Dem)nstrationen in einen Topf wirft, so beweist er mit, daß er nicht das ge­ringste Verständnis für das Seelenleben und in­nere Empfinden des Volkes hat. Zu den -Darm­städter Vorgängen stehen wir auf dem Biden der Regierungserklärung and zi der Angelegen­heit Helmolt auf dem Boden der Erklärung des Hustizministers. Eine Vorbereitung der Koalition mit der Deutschen Volkspartei haben wir angestrebt, um die Verantwortung auf breitere Schultern za legen. Herr Abg. Ebner hat die Re­gierung angegriffen and gesagt, die Regierang habe nichts getan. Für Lenin hat er die Ent­schuldig ing gehabt, daß er nicht Regen and Son­nenschein in der Hand habe, unserr Regierang kann auch nicht gegen Rat Urgewalten an kämpfen. (Abg. Ebner macht fortgesetzt Zwischenrufe. Präsident So Herr ersucht ihm, das za anter- lassen. Ebner unterbrechend, besteht auf sein Recht zu Zwischenrufen. Präsident So Herr: Sie haben zu schweigen, wenn der Präsident spricht. Sie haben zwar erklärt, dah Sie als Kommunist parlamentarische Ordnung nicht ler­nen werden, ich muh Sie aber dringend ersuchen, das doch zu tan. Ebner: Drava!) Redner schließt mit der Mahnung za gemeinsamem Za- i ammenari) eiten.

Die Mlomeen m mos.

Roman von Ernst Scheitel.

19. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)

Allerdings." sagte Perzelius ohne sich ge­kränkt zu fühlen,das Ganze ist eine Wahrschein­lichkeitsrechnung. Ich füge lediglich die einzelnen Faktoren in die Gesamtformel ein und ziehe das Fcyit. Etwas andres bleibt uns Menschen nacht übrig. Aber dieses Fazit ist augenblicklich nicht ungünstig für uns. Die Entdeckung der drei Toten ist mit vielmehr ein Unterpfand dafür, daß wir uns auf der richtigen Fährte befinden. Wir sind jetzt durchaus berechtigt, auf diese eine Karie alles zu setzen. Unb wir müssen uns freien, dah uns das Schicksal diese Möglichkeit gewährt hat. Man geht sicherer, wenn man eine einzige deutliche Spar verfolgen kann, als wenn man so und so vielen undeutlichen nachlaifen muß, ehe man die rechte findet."

Es blieb Eduard nichts übrig, als den Worten des Doktors zu vertrauen, wenn er auch dessen Gedankengang noch nicht zu durchblicken vermochte. Dennoch nagte die Ungewißheit an ihm und er ertrug es nicht, die Zeit mit ihm unverständ­lichen Maßnahmen zu vergeiden, wo jrde Minute kostbar war und man von jeder Stunde mit dem Gefühl Abschied nahm: wieder eine Stunde von den drei Wochen verflossen und dem Ziele noch nicht näher.

Er hatte sich dem Doktor blindlings zur Ver­fügung gestellt, denn er selbst war ja völlig ratlos, was zu unternehmen sei. Er bat n in Perzeli is, ihn aufzuklären, inwiefern er in den drei Leichen eine Bestätigung seiner Vermutung erkenne

Ich habe schon gestern abend gegen den Huden Verdacht geschöpft," begann Perzelius, und ich habe nur deshalb in jener Kaschemme solange ausgehalten. Roch ehe Hechiel den Hehud an unfern Tisch getreten war, hatte ich aus seiner lebhaften Debatte mit den Bootsleuten geschlossen, daß er ein Unternehmen vorhatte, zu welchem nicht leicht ein Schiffsknecht zu bewegen war. Denn sicherlich ist der Hude unter der Hafenbevölkerung bekannt, unb es schien mir, bah man aus irgendwelchem Grunde nicht gerne mit ihm zusammenarbeitete. Was konnte das für ein Grund sein? Etwa dah er einen zu ge­ringen Lohn gäbe? Aber dem widersprach die recht anständige Summe, die er den Leuten bot. Soviel hatte ich schon verstanden. Also was war es dann? Ich zerbrach mir den Kopf hin und her, und wenn der Mann sich nicht selbst an uns gewendet hätte, würde ich die Initiative ergriffen haben. Dazu erschien mir die Sache wich­tig genug. Run erinnern Sie sich, daß er uns erzählte, er handle mit Tierhäuten. Warum feilt? er da seine Leute besser bezahlen, als wenn c etwa Mehlsäcke transportierte? Auf die'eTie häute fiel zunächst mein Verdaut. Klarheit hier­über konnte ich mir nur verschaffen, indem ich mitfuhr. Schon aus diesem Grunde habe ich sein Anerbieten ohne weiteres angenommen, trotz des damit verbundenen Zeitverlustes. Als ich aber weiter horte, daß die Fahrt nach Ober­ägypten gehen sollte, tröstete ich mich sogar über das Opfer an Zeit, denn wie ich Ihnen schon auseinarchergeseht habe, glaube ich sicher, daß sich der Räuber der Baronesse nach Oberäghpten gewendet Hot."

Warum Sie das annehmen, haben Sie nur

allerdings noch nicht gesagt," warf Eduard em.

Ach ja," erwiderte der Doktor,das isl einfach. Wie ich Ihnen schon erzählte, bin ich im Lauf der Hohre zu der festen Ueberze ig ing gelangt, daß hier in Aegypten eine geheime Kultgesellschaft mit einer Unzahl von Helfers­helfern besteht, und ich glaube sicher zi sem, daß das Zentrum dieser ausgedehnten Genossen­schaft sich in Oberägypten befindet. Ich müßte mich sehr täuschen, wenn nicht Kom Ombo, das antike Ombos, der Mittelpunkt all dieser Greuel wäre."

Dies zugegeben," entgegnete Eduard,weiß ich immer noch nicht, wie Sie diese drei Leichen damit in Beziehung bringen und wieso Ihr Ver­dacht gerade auf die mir unbekannte Trümmer- ftätte von Ombos fällt."

Der Doktor fuhr also weiter:Daß die drei Mädchen unten in Ab usir geschlachtet worden seien, halte ich für ausgeschlossen. Ich sehe, wie gesagt, in jenem unterirdischen Raum den wir besuchten, nur einen Kultbaa zweiter Ordnung, 'n einem solchen werden ober keine Opfer ge° acht. Das geschieht nur an Orten mit alters- . tauer Tradition. Ombos aber war vorzeiten der gewaltigste Stützpunkt des ägyptischen Datans- kullus. Dah nun diese drei ermordeten Mädchen gerade nach Oberägypten verfrachtet werden, ist mir nur ein Beweis auf das Exempel. Sicher ist in Kom Ombo ein großes Kultsest in Vorberei­tung. Deshalb glaube ich auch bestimmt, daß die Baronesse uns schon voraus ist auf der Reise nach Ombos. Wenn wir Glück gehabt hätten, könnten wir in Sakkara gerade noch mit ihr zusammengetroffen sein. Es hat sich sicher nur um wenige Stunden gehandelt "

Abg. Scholz (Disch. Dp.):

Das Herz jedes Patrioten krampft sich zusam­men bei der Frage, wie konnten wir, wie tonnte das deutsche Volk von so stolzer Höhe so tief stürzen? Die Antwort auf diese Frage gibt die Geschichte. Die Uneinigkeit, der Parieizwist der deutschen Stämme sind schuld. Der bisherige Ver­lauf der Debatte, besonders die Ausführungen der Linken, lassen nicht hoffen, dah das so bald anders wird. Cs ist ein tief tragisches Schicksal des deut­schen Volkes. Der Internationalismus unb bet Pazifismus des Deutschen unterscheiden sich wesentlich von denen anderer Völker. Der deutsche Pazifismus ist bereit, fein Vaterland zu opfern, der englische versteht den ewigen Frieden so, daß England die Welt beherrscht. Daß der Internatio­nalismus versagt hat im Kriege, weih jedes Kind Auf die Rede des kommunistischen Abg. Ebner näher einzugehen, muh ich mir versagen. Bedauer­lich war die Hehpredigt des Abg. Kaul. Daß der Klassenkampfgedanke noch programmatisch weiter besteht, bestätigt soeben derSehr richtig!"-Zwi° schenruf der Linken. (Abg. Schildbach: Das ist geschichtliche Rotwendigkeit! Höri, hört!) Der Klassenkampfgedanke zeitigt den Klassenhaß. So stehen sich ständig deutsche Volksgenossen als feind­liche Brüder gegenüber. Unverständlich ist es, wie die Sozialdemokratie so empfindlich geworden ist, sie war doch sicher nicht sehr zurückhaltend in der Bekämpfung des alten Obrigkeitsstaates. Die Delpsche Zeichnung einer Arbeiterpsyche kann nur auf den sozialistischen, nicht auf den Ar­beiter schlechthin zielen, für den zu sprechen der Abg. Delp kaum berechtigt ist. Arbeiter sind in großen Scharen auch tn unseren Reihen. Die Zeich­nung des alten Staates durch den Abg. Delp war ebenso einseitig. Seine Einrichtungen, seine Ar­beiterfürsorge, sein Beamtentum, seine Rechts­pflege waren als musterhaft anerkannt vvn der ganzen Welt. Heute noch hat der König von Spa­nien das alte deutsche Heer dem seinen als Muster hingestellt. Die Aufstiegsmöglichkeiten im alten Beamtenstaat waren für tüchtige Berufsbeamten besser als heute, wo parteipolitische Rücksichten maßgebend sind. Unverständlich ist auch die Schaf­fung von Ausnahmegesetzen durch die Sozialdemo- tratie, die früher doch Ausnahmegesetze so scharf bekämpfte. (Zwischenruf links: Sie haben doch auch zugestimmt! Abg. Scholz: Sie wissen aber, mit welchen Bedenken, der Abg. Bomemann hat sie eingehend dargelegt. Gerade Sie sollten anerkennen, welches Opfer wir damit gebracht haben. Sehr gut! rechts.)

Es ist meine heilige Ueberzeugung, und ich erwähne das alles in der Hoffnung, daß es manchen veranlassen könnte zur Prüfung des eigenen Vorurteils, sch windet nicht der K l a s senkampf aus unserem politischen und wirt­schaftlichen Leben, so sind wir verloren. (Sehr richtig!) Der Abg Kaul hat sich beklagt über die Radelstichpolitik von Seite der Rechnen. Dah er aber selbst eine sckhr empfindliche kränkende Radelst ichpolitik führt, scheint er gar nicht zu merken. Der Redner belegt das an Hand der Rede Kauls, die er in vielen Teilen zerpflückt. Auch die Rede des Abg. Delp zeugte davon Es zeigte sich auch bei diesen Reden die bedenk­liche Wirkung der Feststellung des Reichskanzlers ,,'Ser Feind stsht rechts!". Was die Darmstädter Vorgänge betrifft, so stehen wir geschlossen hinter unseren Führern Osann und Dingeldey, die ihnen zugefügte Schmach empfinden wir als jedem von uns zugesügt. Wir sprechen auch dein Abg. Dr. Becke r-Hessen, der hier schon angegriffen wurde, unser vollstes Vertrauen aus. Wir sind stolz, einen Mann von solcher Sachkeimtnis und solcher Lau­terkeit des Charakters unseren Führer zu nennen. (Schr richtig! rechts.) Das Offizierkorps muh gegen die Qlngriffe in Schuh genommen werden. Es hat seine volle Schuldigkeit getan. Die Ge­schichte wird das einst feststellen. (Sehr wahr! Widerspruch, Unruhe.) Die Regierungserklä­rung zu den Darmstädter Vorgängen genügt nicht. Meine Fraktion hat dazu folgendes zu erklären:

Die Erklärung des Gesamtministeriums vom 19. Huli, nach welcher es gerechtfertigt gef mben wird, daß der Polizeischutz am 27. Hum aif dienotwendige Mmdestzahl" bcschräNkc wurd", kann die Deutsche Vvlkspariei in keiner Weise befriedigen.

Der Aufruf imVolksfreund" zur Mobil­machung, die der Regierung zugegangenen War­nungen, insbesondere die verschiedentlich nach­drücklichst vertretene Auffassung der höheren und mittleren Polizeiorgane, daß der von dem Mini­sterium reduzierte Schuh nicht g.müge, mußte den verantwortlichen Ministern die Ueberzeugung bringen, dah der von ihnen in Aussicht ge­nommene Polizeischuh nicht stark genug sei.

Das Ereignis selbst hat ja auch auf das schlagendste bewiesen, dah die Ansicht des Mi­nisteriums völlig unrichtig war am, daß der Polizeischuh nach jeder Richtung versagt hat. Stundenlang haben die Verbrechen gegen Leib

O Gott es ist nicht auszudenken," rief Eduard gequält,jetzt, hier könnte ich sie in meinen Arm halten . . .

Das ja gerade nicht," fiel Perzelius trocken ein,wir hätten sogar strengstes Inkognito wahren müssen."

Sie wollen mich nur peinigen," sagte Eduard vorwurfsvoll,wie können Sie wissen,' wann Silly eingeschifft wurde?"

Ich habe Gründe, anzunehmen, daß unfet Hude dazu beauftragt war und dah man ihm tn letzter Stunde diesen Auftrag entzogen hat. Ich wüßte nicht, warum er sich sonst heute mittag so hätte ausregen sollen. Vielleicht fährt fein Kahn den Leuten zu langsam. Das Opfer mutz doch noch sorgfältig präpariert werden und zwar an Ort und Stelle."

Und was werden sie mit ihr tun, bevor wir sie retten können?" stöhnte Eduard.

Sie wird gehalten wie ein heiliges Tier," sagte der Doktor ernst,sie wird dem Gotte gleichgeachtet und ist unverletzlich bis zum Tagr der Opferung."

In Eduard trar. >fte sich alles zusammen. Würden sie diesen Tag noch erreichen und würde es ihnen gelingen, den Feinden ihre Deute zu entreißen? Eine unerträgfiche Erregung bemäch­tigte sich seiner.Vorwärts . . . vorwärts . . war die Empfindung, welche seine ganze Seele ausfüllte. Und bas Schiff glitt so langsam da­hin, wie ein schwerer, schwarzer Strunk, der gleich­gültig über die Wellen treibt. Halb ohnmächtig überließ er schließlich Perzelius das Steuer, um in einen mit wirren Traumen beladenen Schlcst zu sinken.

(Fortsetzung folgt)