Nr. 12 Zweites Blatt Giehener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Samstag, 25. Alärz 1922
Deutscher Reichstag.
195. Sitzung. 121,2 Ufrr.
Berlin, 24. März 1922.
Auf eine Anfrage des Abg. Weih (Sem.), die
die Net der Presse behandelt und angesichts der wahnsinnigen Papierpreise durchgreifende Mahnahmen verlangt, wird regierungsseitig geantwortet, die Not der Presse sei im allgemeinen aus dir Geldentwertung und aus die ungünstige Wirtschaftsentwick- lung -urüclzuführen. Darum hätten Maßnah- meu. die die Ausfuhr sperren für Zellstoff und Druckpapier, nur bedingten Erfolg. Die Negierung werde weitere Mahnahmen im Einvernehmen mit dem interfraktionellen Ausschuh des Reichstags erlassen.
Aus eine Anfrage des Abg. Rosenfeld (UDP.) erklärte ein Regierungsvertreter, dah die Regierung in der Tat die Absicht habe, das sogenannte Slreikrecht der Beamten aufzuheben.
Dann folgt ein Antrag aller Parteien mit Ausnahme der äußersten Linken, der sich gegen die Zuteilung der fünf Meichseldörfer an Polen
wendet.
Präsident Lobe: Der Antrag richtet sich gegen ein neues schweres Anrecht, das uirs angetan wird, gegen eine Bertragsverle ung und einen Verstoß g grn ite a n Hier ter Weichsel wohnenden Landsleute. Sie haben eilte Deputation an uns gesandt, damit der Reichstag seine Stimme gegen da) ihnen drohende Anrecht erhebe. Es ist eine Entschließung entstanden, tn der es heißt: Der Deutsche Reichstag nimmt mit Befremden und tiefster Entrüstung davon Kenntnis, dah aus Grund einer Entscheidung der interalliierten Grenzkommission fünf Wcichseldörser am 31. März endgültig an Polen abgetreten werden sollen. (Lebhafte Rufe: „Pfui! "und .Unerhörtl".) Diese Entscheidu g hat nicht nur in den unmittelbar davon betroffenen Gemeinden, sondern auch in ganz Ostpreußen und im ganzen Reich» Helle Empörung hervcrgerufen, weil der Bevölkerung nicht Gelegenheit gegeben wurde, ihre Wünsche zu äußern. Der Friedensvertrag ist verlegt worden; denn er garantiert Ostpreußen den freien Zugang zur Weichsel. Der Reichstag legt gegen dieses Un- recht schärfste Verwahrung ein und erwartet von der Dclschafterkonferenz, dah sie die interalliierte Grenzkommission anweist von der endgültigen Grenzfes!se:,ung solange Abstand zu nehnien, bis die Bevölkerung gehört worden ist. — Die Verletzung des Selbstbestimmungsrechts und das ins angetane Unrecht sind so eklatant, dah der in unserem Vaterlande so seltene Fall eingetreten ist, dah alle Parteien Ostpreußens sich einmalig dagegen gewandt haben. Ich empfehle, diese Entschließung ohne Aussprache anzunehmen. (Lebhafter Beifall.)
Die Entfchliehung wird hierauf angenommen. Don den Kontmunisten blieben nur sitzen: Frau Zetkin, Dr. Herzfeld und Höllein. (Pfuirufe.) Sodann wird die Beratung der Steuervorlugen bei den Zollerhöhungen fortgesetzt. Angenommen wird ein Antrag der bürgerlichen Parteien und Sozialdemok.aten, der den Finanzminister ermächtigt, nach Bedarf den Kaffeezoll auf 150 Mark, teil Teezoll von 300 auf 220 Msark für den Doppelzentner herabzufetzen. Ein weiterer Antrag derselben Partei, dem Finanzminister sowohl den Zeitpunkt des Inkrafttretens des Gesetzes zu überlassen, wie auch die Inkraftsetzung bgr einzelnen Zollerhöhungen zu verschiedenen punkten wird im Hammelsprung mit 160 geJai 117 Stimmen angenommen.
Es folgt der Gesetzentwurf über die Aufhebung vorübergehend während des Krieges gewährter Zollerleichterungen, beispielsweise für Silikatessen und feinere Konserven.
Abg. 'Sem nieie (K.) beginnt vor völlig leerem Hause aufs neue eine lange Rede, in der er auf jede einzelne Position eingeht und eine Unmasse statistischer Zahlen verliest. Um 41/2 Ahr beendet Abg Remmele seine Ausführungen.
Die Vorlage wird angenommen. Cs folgt die zweite Beratung der
Zllckerstcuererhöhmtg.
Die Steuer soll nach der Regierungsvorlage aus 100 Mark für den Doppelzentner erhöht werden. Der Ausschuh hat sie auf 50 Mark herabgesetzt.
Abg. Frau Schilling (Soz.) betont, dah der Verkaufspreis deS Zuckers heute schon so hoch sei, dah die Steuererhöhung ihn kaum beeinflussen würde. Sie fordernder energische Mah- nahmen gegen den Wucher.
Es wird sodann unter dem lärmenden Protest der Kommunisten ein ScUuhantrag angenommen^ und Artikel 1 angenommen. Bei Artikel 2 betont Abg. Dr. S e m M l e r (S.-QL),
Die Pforte öes Paradieses.
Roman von Ingeborg Bollquartz.
Bereinigte Ueberfebung aus d m Dänischen.
18. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)
„Hättest du dich sonst auch nach einer Stelle bei ihm umgetan?“ fragte der Hauptmann mit spöttischem Lächeln. .Als Haushälterin viel- leicht?" .
„Sic zu bekommen, wäre mir vielleicht gar nicht so schwierig gewesen," erklärte Tante Qlora. „Mach' nur kein so erstauntes Gesicht. Jens, denn wenn du auch nicht so häufig daheim gewesen bist, solange ich ein -unges Mädchen war, so muh es doch auch dir zu Ohren gekommen sein, wie seh'- sich Ionas Tlchstrup in mich vergafft hatte, als er Kommis bei unsrem Vater war."
„Du wirst sehen, Rora, du beerbst ihn noch" sagte er Hauptmann lächelnd, indem er aufstand und sich zum Gehen anschickte.,
Tante Rora bekam einen roten Kopf vor Zorn, aber ehe sie noch die richtige beißende Antwort gefunden hatte, war ihr Bruder schon vor der Tür. Ein paar Sekunden sah sie wutschnaubend da, dann wandte sie sich an ihre Schwägerin.
„Rein, weiht du, Inger, das ist nächstens doch wirklich beunruhigend mit Jens." sagte sie. „Man kann ia gar nicht mehr mit ihm reden. Weißt du gewiß, dah er nicht zuckerkrank »st? Wie er gleich auffährt, das ist ja gar nicht mehr aus- zu halten."
„Aber liebe, Rora, du tust aud> alles, um ihn zu reizen," sagte Inger sanft.
„Cs ist mit Jens genau dasselbe wie mit deinen Kindern," erklärte Rora mit großer Ent-
dah die hohen Zuckerpreise nur durch die Markentwertung verschuldet seien. Es wird sodann wiederum ein Schlußantrag angenommen. Qlbg. Höllein (Komm.» ruft: Wir werden Euch demaskieren, Ihr Volksverräter! Bei Artikel 3 erklärt Abg. Stocker (Komm.): Wir müssen die schamlose Vergewaltigung brandmarken, die hier von her Einheitsfront Helfferich bis Scheidemann verübt wird. Redner verlangt Qlufbebung der ganjen Zuckersteuer. Gegen die Stimmen der äußersten Linken wird nunmehr ein Antrag Erkelenz (Dem.) und Dr. Decker (D. Vpt.) angenommen. bei den einzelnen noch ausstehenden Steuervorlagen nur eine allgemeine Aussprache zuzulassen. Rachdcm Qlbg. Frau Agnes (U.) die Qlblehnung der Zuckersteuer durch ihre Partei mit ben verderblichen Folgen für das ganze Volk begründet hatte, wird ein Schluhantrag angenommen und die Zuckersteuererhöhung bewilligt.
Es folgt die zweite Q3eratung über die Erhöhung der Süßstoffabgabe Rach einer Protest rede des Qlbg. Ernst (ül . S . P.) gegen die Sühstofssteuer wird ein Schluhantrag angenommen und die Steuer in der Ausschuhfassung angenommen. Das Qlenntoett- und Lotteriegeseh enthält die Konzessionierung der Buchmacher. Abg. Bruhn (D.-Ratl.) spricht dagegen, weil der Totalisator dadurch geschädigt werde. Räch weiteren Ausführungen des Abg. Ernst (U) wird ein Schluhantrag angenommen und die Vorlage unter Ablehnung d?s Antrages Druhn angenommen. Cs folgt die zweite Beratung des Kraftfahrzeugsteuergesehes. Rach kurzer Aussprache wird dieses mit unwesentlichen redaktionellen Ölenderungen angenommen, cb?nfo das Versicherungssteuergeseh. Damit sind sämtliche Steuervorlagen in zweiter Lesung angenommen. Die sozialdemokratischen Anträge auf Qlbänbcrung des Weinsteuergesehes und des Schaumweinsteuergefehes werden dem Steueraus- schuh überwiesen. Cs folgt die zweite Beratung des Gesetzes über Verlängerung der Geltungsdauer von Dcmobilinachungsverordnungen.
Qlbg. Hensel (Sntlj führt den
Arbeitermangel auf dem Lande vielfach auf die Demobilmachungsverordnungen zu ruck.
Qlbg. Schmidt-Köpenik (Soz.) klagt demgegenüber darüber, daß in Pommern immer noch polnische Arbeiter beschäftigt werden, während einheimische Arbeiter beschäftigungslos sein mühten, weil sie eine von dem Arbeitgeber abweichende politische Olnsicht hatten.
Abg. Karsten (LISP ) nennt die Dcmob'l- machungsverordnungen ein Fllckwerk und fordert ein einh i liches Arbeitervecht.
Mii.i,te.iald<rektor Brecht betont, daß de Vorarbeiten für eine endgültige Regelung noch nicht abgeschlossen sind, und daß es sich daher nur um eine formlegende Ölenderung des bestehenden Zustandes handele.
Okach kurzer weiterer Debatte wird das Gesetz nach der Regierungsvorlage angenommen und Rotetat und Ergänzungsetat und Ergänzung zum Besoldungsgesetz an den Haushattsauslchuß verwiesen.
Dienstag 2 älhr: Entgegennahme einer Regierungserklärung.
Schluß 8 ülhr.
Hessischer Landtag.
St. Darmstadt, 23. März.
Finanzminister Henrich
fuhr in seiner Rede in der Donnerstagsihung fort:
Bei der Betrachtung der Finanzverhältnisse des Landes tritt immer wieder unwillkürlich das Verhältnis zum Reich in den Vordergrund, von dem nun bekanntlich die Finanzgebarung der Länder und Gemeinden zu einem ganz wesentlichen Teile abhängt. Diese Abhängigkeit beklagen wir alle; aber bei objektiver Betrachtung wird wohl kaum jemand der Meinung sein, dah sie vollständig zu vermeiden gewesen wäre. Die finanzpolitische Lage des Reiches, sein Riesenbedarf, die zwingen eben zu solchen Entscheidungen. Zweifel und Meinungsverschiedenheiten könnten allerdings über das Maß und die Art der Abhängigkeit entstehen. Diese Frage ist nicht abgeschlossen. Die bisherige Regelung kann in mehr als einer Hinsicht nicht als eine endgültige betrachtet werden. Das Bedenklichste ist vor allem die Einschnürung und die Abschwächung der Se'bstver- waltung und der 'Verantwortlichkeit der Gemeinden. Dieses Verhältnis wird mit der Zeit für alle Teile unerträglich; auch für das Reich, denn Land und Gemeinden verlangen mangels eigener Mittel von dem Reich beispielsweise für Aufwendungen, die das Reich auf dem Gebiete des Desoldungswesens veranlaßt, direkten oder indirekten Ersah. Diese Politik der Subventionen und Dotationen ist auf die Dauer für das Reich wie für das Land und die Gemeinden
unerträglich, und schon aus auhenpolitischen Gründen wird damit gerechnet werden müssen, sie zu beseitigen. Das gilt auch für die Zuschüsse, btc die Länder von dem Reich and Anlaß der Besoldungserhöhungen bisher verlangten. Ich stehe grundsätzlich auf dem Standpunkte, dah mit dieser Enterst ühungspolitik gebrochen werden muh, dah vielmehr den Ländern und den Gemeinden ein ausreichender Anteil an den Reichsstcuern zu eigener selbständiger Verfügung überwiesen wer- ben muh, soweit nicht die Möglichkeit besteht, wieder Zuschläge zu den bestehenden Reichssteuern einzuführen. In letzterer Richtung hat sich die Politik der Regierung gegenübe. der Reichsregierung, wenigstens soweit die Gemeinden in Betracht kommen, bisher bewegt. Qlud> in bezug auf dir Steuerverwaltung muh gesagt werden, dah die bisherige Entwickelung den Erwartungen nicht entsprochen hat, die die Reichsverwallung an eine reichseigene Verwaltung gestellt hat. Die Schwierigkeiten und Qteibungen, die mit einer Reu- einführung naturgemäß verbunden sind, haben sich doch großer herausgestellt, als man erwarten durfte, und ich 'kann nicht verschweigen, dah -- vorsichtig ausgedrückt — ein gut Teil dieser Schwierigkeiten hätte vermieden werden können, wenn die Zentralverwaltung in Berlin weniger Reigung zum vorzeitigen Schematisieren zeigen und meßt Rücksicht auf die bestehenden Verhältnisse und die älmwandlung nehmen wollte. Der an sich richtige und aus nationalen Gesichtspunkten notwendige EinheitSgedanke auch auf diesem Gebiete wird durch eine wenig weitsichtige Handhabung der Probleme zum mindesten nicht gefördert. Ich möchte nicht falsch verstanden weroen. Ich rede nicht einer rücklar'igen Bewegung auf dem Gebiete der Reichsfinanzverwaltung das Wort und möchte nicht den Parteikritikern Stoff liefern, sondern ich will im Gegenteil verhüten, dah der Einheitsgedanke geschwächt, und den Partikulari- sten Wasser auf ihre Mühlen geleitet wird. Hierzu ist aber notwendig, daß die Reichs regierung sich auf bte große gemeinsame Aufgabe der Ration beschränkt und diese so ausführt, dah die einzelnen Glieder des Reiches — Länder und Gemeinden — die für sie und für das Ganze unentbehrliche 'Bewegungsfreiheit behalten, und damit zugleich die Kraft und Freude, an ihrem Teil an dem Aufbau des Reiches nach Kräften mitzuwirken.
So erfreulich es auf der einen Seite ist, daß wir — gemessen an der Zeitspanne, die nunmehr seit der Ülmwälzung hinter uns liegt —, im großen und ganzen zu ruhigeren innen- und außenpolitischen Verhältnissen gekommen sind, so darf doch nicht verkannt werden, daß nach einer anderen Seite hin die Dinge trüber geworden sind. Zweifellos werden die wirtschaftlichen Röte im Volke großer Roch ist kein Grund zum Qkr- ;weifeln. Das Fundament im Volke und in unserer Wirtschaft ist noch gesund, und bis jetzt trotz aller Unklarheiten bis zu einem gewissen Grade auch noch in der staatlichen Finanzwirtschast. Es war bisher, wie schon angedeutet, zum Glück möglich, mit den Mitteln äußerster Sparsamkeit und Vorsicht das tatsächliche Ergebnis unserer Finanzwirtschaft besser zu gestalten, als der Voranschlag und die Zeitverhältnisse es vermuten ließen. Allerdings darf dabei eines nicht übersehen werden: Bisher wirkte die Last eigentlich noch nicht, die aus dem Versailler Diktat dem Volke erwächst, diese kommt eigentlich jetzt erst, wenn im Reichstag die neuen Steuern beschlossen worden sind. Wie das bedrückte und von Rot und Entbehrungen heimgesuchte Volk das tragen kann, müssen wir abwarten. ileberaud schwer ist die Lage. Leider macht das Volk sie sich durch wenig vernünftiges 03erhalten gegenseitig noch schwerer. Das könnte vermieden werden, wenn Vernunft und Einigkeit obwalteten. Sie innerpolitischen Verhältnisse haben sich, wie schon ongebeutet, im Vergleich vor zwei oder vor drct Jahren gefestigt. Sas ist kein schlechtes Zeichen für die dem Volke innewohnende Gesundheit trotz vieler übler Erscheinungen. Sas Volk sollte seine wirtschaftliche und moralische Kraft, aber auch seine Pflicht gegön die Gesamtheit richtig erkennen, bann ginge vieles erträglicher, als es heute der Fall ist. Hier haben die politischen Parteien ein dankbares Gebiet für wahrhaft vaterländische Erziehungsarbeit. Möge diese bald und erfolgreich einsehen.
Qlbg. Schot t (S.Vpt.): Wir werden der Verlängerung des Finanzgesehes zustimmen, müssen jedoch daraus bestehen, daß der Voranschlag in Zukunft wieder rechtzeitig fertigqeftelll wird. Eventuell muß der Frage einer zweijährigen Periode nähergetreten werden.
Sas Gesetz wird angenommen.
Cs folgt Regierungsvorlage, die Desvl- dung, die Ruhegehalte und die Hin- terbliebencnocri orgung der mit den Rechten der Vvlksschullehrer angestellte n israelitischen Religionslehrer betreffend. In Verbindung hiermit: An
schiedenheit und fuhr fort, mit den Fingern auf den Tisch ga trommeln. „Du bist ja völlig blind, wenn von einem von ihren die Rede ist. Qlber Mangel an Rücksicht brauchst du mir nicht vorzuwerfen. Wenn ich eine Tugend habe, so ist es die der Rücksichtnahme. Das kannst du ja am besten daran sehen, daß es mir in dreißig Jahren nicht eingefallen ist, mich mündlich oder schriftlich an" Ionas Thystrup zu wenden — obgleich ich vielleicht mehr Recht dazu hätte, als irgend jemand anders. Qlber was hast du denn?"
Sie hörte auf, mit den Fingern zu trommeln und sah ihre Schwägerin an, die Hände auf die Ohren gelegt hatte.
„Ach Rora, heute abend kann ich an nichts andres als an Tante ©Unter denken!" rief Inger. „Sie hat nur noch wenige Stunden zu leben.“
„Ola!" sagte Tante Rora mit einem tiefen Atemzug und sah wieder ihre Schwägerin an. „Dann ift es am besten, wir machen, daß wir za ihr hmaufkommen. Hat sie etwas gesagt — ich meine — hat sie nicht von mir gesprochen?"
Frau Dorris schüttelte den Kopf.
„Unter solchen Verhältnissen ist es höchst unangenehm, so weit entfernt zu wohnen,“ fuhr Qlora fort. „Ich stehe ihr doch eigentlich am nächsten. Du bist ja gar nicht mit ihr verwandt, liebe Inger, aber mich hat sie gekannt, lange ehe sie mit dir bekannt wurde. Ich habe sogar noch mehrere von den gestickten Taschentüchern und Kleidern, die sie uns aus 'Westindien schickte, als QSater noch lebte. Qlber da haben wir es wieder — man kann auch zu rücksichtsvoll fern. Ich war ihr gegenüber viel zu zurückhaltend. Es hat ja nicht jeber deine wunderbare Gabe.
liebe Inger, den andern mit Holzschuhen ins Herz zu trampeln.“
„Mutter!“ rief Ellen, die hereinstürzte and die Tür offen steyen ließ. „Vase Malwine ist da. Soll sie hercinkommen?"
„Rem, nein, Ellen, ich will nicht stören,“ wehrte Malwine draußen im Flur ab. „Ich will durchaus nicht stören. Ach, entschuldige. Inger —" sie trat über die Schwelle und wieder zurück. „Ich komme ganz gewiß ungeschickt; guten Oldend. liebste Rora — es war nicht meine Absicht, hereinzu- kommen — ich habe es gleich zu Ellen gesagt. Ich will nicht hinein, Ellen, habe ich gesagt — denn ich weiß gewiß, ich störe deine Mutter nur; habe ich das nicht gesagt, Ellen?“
„Doch," bestätigte Ellen kopfnickend. „Qlber du störst doch nicht — nicht wahr, Matter?" •
„Rein, das weiß ONalwine wohl. Lege nur ab. Du weißt doch, daß Tante Ellinor im Sterben liegt?“
„Muß sie wirklich sterben!" rief ONalwine betrübt. „Daß nicht ich statt ihrer sterben kann! Sie hatte doch die Mittel zum Leben, and die habe ich nicht '— nein, Inger, die habe ich nicht — die habe ich durchaus nicht."
„Die haben wir alle nicht," rief Ellen.
’oia, will so ein Kücken auch mitrebenl" lachte ONalwine gutmütig. „Wenn man jung ist und so aussieht wie ba,_ liebe Ellen, hat einem das Leben noch viel Schönes zu bieten.“
„Ach, ich mache mir nichts aus der Schönheit," behauptete Ellen, die eben ihre Haare vor dem Spiegel ordnete, und warf den Kopf aas. „Häßlich muß man fein, sonst hält einen niemand für begabt."
trag deS Qlbg Köhler zur QteglcrungSoovIagc, die Besoldung, die Ruhegehalte und die Hinter- bliebenenversorgung der mit den Rechten der Volksschullehrer angcstellten israelitifchen Reli- gionslehrer betressend.
Der Ausschuß beantragt Annahme des Gesetzes.
Qlbg. Dr. Werner (Suat.): Wir sind nicht in der Lage, dem Gesetz zuzustimmen, weil es ein Ausnahmegesetz zugunsten der in Hessen ansässigen jüdischen Volksgemeinschaft ist. Der Ausschuß ist in der Bevorzugung noch weiter gegangen als die Regierung. Wir müssen das einmal vor dem ganzen Lande seststellen, um so mehr, als die jüdische Volksgemeinschaft durch ihren Reichtum bekannt ist. Wir werden gegen das Gesetz stimmen.
Der Artikel 1 des Gesetzes wird gegen die Stimmen der Deutschnationalen und Dauernbünd- ler angenommen.
3u Artikel 2 tritt Qlbg. Köhler (D. Dpi grundsätzlich der Ansicht des Vorredners entgegen. Die israelitischen Religionslehrer auf dein Lande haben auch Recht auf Existenz und haben schwer zu kämpfen. Die Regierung sollte hier der Religionsgemeinschaft mehr entgegcnlrmmen.
Qlbg. Dr. Werner möchte au sc inem Bedauern fest stellen, daß Qlbg. Köhler gesagt bat, er bedauere, daß die Regierung nicht noch weiter gegangen ist.
Qlbg. Ebner (K.P.D.) stimmt gegen den Artikel 2. weil Religion Privatsache ist.
Ministerialdirektor Urftaöt: Es handelt sich nicht um ein Ausnahmegesetz zugunsten der Israeliten, es handelt sich um Relegionsunterricht, zu dem der Staat Zuschüsse geben muß. Die Regelung dieser Frage hat den Landtag schon oft beschäftigt, und selbst Qlntl emiten haben früher die Stellung der Regierung gebilligt.
Qlbg. Dr. Dingeldey iS. Vpt.): Es han> dell sich bei den hier in Rede stehenden 13 Re- ligionslehrern um dekretmäßig cr-gste tte Beßrer Sie Frage ist also eine rein rechtliche Demgegenüber stehe ich aus dem Standpuntt derRegierungs- vorlage. ,
Abg. Dr. Werner (Dtschntl.) kann diesen Standpuntt nicht teilen. Rach der Regierungserklärung handelt es sich tatsächlih um em Ausnahmegesetz, das die judi'chm Re.igions e’irer bevorzugt. Wenn die Angelegenheit auch zur Zeit zu Recht besteht, so fragt sichs eben, wie lange das Recht bestehen bleiben soll.
Qlbg. Reiber (Dem.) bittet, der Vorlage zuzustimmen. — Der Artikel 3 wird bann angenommen. Ebenso ohne Debatte die Artikel 4, 5, 6, 7 und der Rest der Vorlage. — Der Antrag Köhler wird für erledigt erklärt.
Die Regierungsvorlage, Kunstausstellung 1922 betreffend (Bewilligung von 50 000 Mark), und die Regierungsvorlage, die 'Verordnung wegen einheitlicher Auflösung in mehreren Ländern befindlichen gebundenen Vermögens vom 2. Dez. 1921 betreffend, werden debattelos angenommen.
Qlbg. Reiber (Dem.) fragt an, wann endlich das Gesetz, betreffend die Auflösung der Fideikommisse, komme?
Staatsrat Schwartz: Die Anfrage ist be* rechtigt, doch trägt an der 'Verzögerung nicht die Regierung schuld. Der Regierungsentwurf geht demnächst an das Staatsministerium und wird dann sobald als möglich eingebracht werden. Ich bin der Auffassung, daß das in verhältnismäßig kurzer Zeit erfolgen kann.
Der Ausschußantrag wird angenommen.
Rächste Sitzung Freitag 9l/3 Ußt.
Kirche und Schule.
^lDad-Rauheirn, 24. März. Ser Lehrfilm Was der Wald erzählt" wurde durch das Landesamt für das Bildungswesen hier für die hiesigen Schulen und die Schulen der Rachbarschaft aufgefüßrt. Vortrag und Dilder fanden ungeteilten Beifall.
ist clie echte, seine und fparfame fiaffee-€ffenz für jede üüche?
Originaldafen u-SHberpaUete zu haben in den Gefcbäften!
„Da hast du recht, Ellen!" rief Malwine mit Ucberjeugung. „Das habe ich schon so oft gefühlt — schon sehr oft — niemand glaubt einem —“
„Oka — bist du auch verkannt worden — auf Grund deiner Schönheit?“ fragte Tante Rora mit spitzem Lächeln.
„Olein — nein, du irrst dich, Qlora,“ stammelte ONalwine ganz unglücklich. „Ich weiß wohl, daß ich häßlich "bin — jawohl, Inger, das bin ich — das hat Rikolay auch immer gesagt.' Schön bist du nicht, ONalwine, hat er gesagt, aber du hast etwas, das noch viel schlimmer ist — 'da hast die Herren am Bändel."
„Und eine Frau, der diese Gabe sehtt, der fehlt alles," ertlärte Orla, der aus dem Eßzimmer hereinkam. „Guten Olbend," grüßte er rundherum.
.Guten Abend," sagte Tante Rora kurz. „Meinen Glückwunsch."
„So, weißt du es schon?" sagte Orla und sah feine Mutter an. „Jetzt werde ich allo Kaufmann werden; und ich muß sagen, ich freue mich darauf. Wenn ich mir's recht überlege, ist das eigentlich ein Leben, wie ich es mir immer gewünscht habe. Der Handel hat etwas Spannendes. Sen einen Tag kann man ein wohlhabender Mann sein, und den nächsten —“
„Steht man am Rande des Bankrotts, meinst - du,“ fiel Tante Qlora ein.
„Olein — ist man Millionär."
„Orla, Orla!“ ermahnte Frau Dorris.
(Fortsetzung folgt)


