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Nr. 121

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Mittwoch. 24. Mai 1922

Erstes Blatt

172. Zahrgcmg

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GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

vn«r tmb Verlag: vrtthl'sche Univ.-Vuch- und Steinöruderei R. Lange. Schriftlettung. Geschüftrstelle und vruckerei: Zchulftratze 7.

Die auswärtige Politik in der französischen Kammer.

Paris, 23. Mai. (WTB.) Kammer und «Senat habe heute nachmittag ihre Arbeiten wieder ausgenommen. In der Kammer hielt der Kammerpräsident Rault P e r e t die Trauerrede für den während der Ferien verstorbenen lang- jährigen Präsidenten des Hauses Paul Deschancl. RarnenS der Regierung widmet ihm Poincare Worte der Anerkennung u. Trauer, als dem ehema­ligen Präsidenten der Republik. Zu den vorliegen­den 9 Interpellationen über die auswärtige Poli­tik der Regierung und über die Konferenz von Genua ist eine 10. hinzugekommen, die der Sozia­list Marcel Sembat eingebracht hat. Vor derBe­ratung dieser Interpellationen stand zur Debatte eine Interpellation deS ^lbg. Lacotte über die Petroleumfrage, eine Interpellation des Abg Ehappedelaine über bie O r l e n t f r a g e, so­wie eine dritte Interpellation über die Zwischen­fälle in G l e i w i h und Petersdorf in Ober­schlesien Nachdem Ministerpräsident Poincare sich zur Diskussion dieser Interpellationen der Kam­mer zur Verfügung gestellt hat, ergreift das Wort der Abg. Lacotte, um in der ihm eigenen schar­fen Weise über den Petrvleumkrieg zwischen Eng­land und Amerika, dessen Kosten auch Frankreich zu tragen habe, zu sprechen.

Im weiteren Verlaus der Kammersitzunz er­klärt Abg Lacotte, Minister Varthou >ibe sich in der Petroleumfrage von England «Schlepptau nehmen lassen. Srantrdl) solle di­rekt mit Amerika, ohne die Vermittlung von England verl.-andeln. Rachdem Abg. Epappede- laine aus die Begründung seiner Interpellation über die Orientpolllik vorher verzichtet, hat, er- greift

Andre Tardieu

ba? Wort. ($r erinnert daran, bdF,. ein ameri- fonilcfer Sch.iststeller crflärt habe, der Vertr-i z von R r» p a l l o leNnzcichve, tar Ruhland u. b Deutschland glaubten, bie durch den Lieg geschah ferc Lage fei beseitigt. Entspreche dieses ame­rikanische Won der Wahrheit? Diele Drrhand* lungen feien zwischen den Alliierten und Deutsch" lanb geführt worden. Sie hätten die Rache vermindert, tie Frankreich aus dem Friedens- Vertrag vo:i Versailles hätte erwarten fönneii und schlie' lich h-be man sich in Genua an die gleiche Tafel mit den Vertretern der Sowjets gefetzt. Das Trume nicht so nxitergehen. Der jeder diplomatischen Verhandlung werde bas fran­zösische Recht der Gegenleistung verstümmelt. Es sei eine angelsächsische These, bah es weder Sieger noch Besiegte geben soll, bah man über die Vergangenheit bA Vlantel ber Deigessenheit lege und bat} man nur den wirtschaftlichen Materatismus m Betracht ziehe. Das feien die Argumente von Keynes, der einer bei stärksten Propagandisten der angel­sächsischen Thesen sei. Diese Thesen tixtben auch von Finanzleuten unterstützt .die ebensowenig wie die Sozialisten Grenzen kennen. (Lebh. Wider­spruch der Sozialisten.)

Trotz dieses Widerspruchs bleibt Tardicu bei feiner Behauptung, indem er mit Ramen englische und amerikanische Bankiers nennt, die sich be­mühten, diesen Thesen zum Siege zu verhelfen. Frankreich behindere diese 5inan-Lute, deren Aus­gabe durch die Tatsache erleichtert worden sei, daß die Regierenden in Frankreich oft dazu beige- trägen hätten, die Verträge zu diskreditieren, die die Rechte Frankreichs sicherstellten. Das alles sei in Genua stärker denn je in die Erscheinung getreten. Die Wirtschaftsthese von Keynes fei dadurch bestätigt worden, daß man die Wieder­aufrichtung der beiden Besiegten verlangte, bevor Deutschland und Rußland Hütten daran denken wollen, das ülnrecht wieder gutzumachen, das sie der zu Anrecht angegriffenen Ration zugefügt hätten. Tardieu weist auf den ernsten Charakter des Vertrages von Rapallo hin. Er sei nicht nur ein Zweibund, sondern durch die Regierung von Angora auch ein D r e i b u n b. Er habe um so gröbere Tebeutung, als durch bie wirt­schaftliche Hilfe Ruhlands bie Entwaffnungklausel unnütz werde. Er wundere sich dah nach der Veröffentlichung dieses Vertrages Frankreich die Lieferung von Waggons und Lokomo­tiven an Rußland habe ins Auge fassen Kimen. Er befürchte, dah die französische Dele­gation nach der Veröffenllichung dieses Ver­trages nicht die Haltung eingenommen habe, die notwendig gewesen wäre. Wenn Frankreich nicht drei Tage verloren hätte, bevor es sich der These Iafpars angeschlossen habe, hätten Frankreich und Belgien noch andere Mächte für ihren Stand­punkt gewinnen können.

Ministerpräsident P o i n c a r 6 bemerkt, die französische Regierung fei vollkommen frei, nicht nach dem Haag zu gehen; sie werde jedenfalls nichts ohne die Zustimmung des Parla­ments unternehmen.

Tardieu hält trotzdem feine Behauptung aufrecht, dah Frankreich gegenüber dem Vertrag von Rapallo und der Zusammenkunft im Haag keine genügend starke und klare Stellung ein­genommen habe. Er spricht alsdann von der wirtschaftlichen Solidarität, die wäh­rend des Krieges die QCIiierten gerettet habe unb die jetzt nicht mehr vorhanden sei. Er be­klagt, dah die englische und die amerikanische Regierung dem Drucke ihrer Kaufleute nach- gebat Darauf erklärte sich die Wechlellurskrise und auch die Arbeitslosigkeit in den Vereinigten Staaten. Tardieu bedauert, dah die französische Regierung in Genua die angelsächsische Taste vom wirtschaftlichen Materialismus nicht dadurch bekämpft habe, daß ^allein die interalliierte So­lidarität mehr dazu hätte beitragen können, den Wirtschaftsftieden wieder herbeizuführe i, als d e Wiedevaufrichtuna der Besiegtem Die Regierung

hätte erklären müssen, dah der Krieg keine Frage I des wirtschaftlichen Materialismus gewesen fei, sondern dah sie gesiegt habe, um die Völler | von Elsah-Lothringen, von Böhmen und von Polen zu befreien und dah bei den französischen Soldaten die wirtschaftlichen Fragen niemals den Sieg über die Frage der internationalen Mora­lität davongetragen hätten. Wenn Frankreich verlangt, dah man sein Recht nicht antaste, so sei das nicht wegen des eigenen Autzens, sondern wegen der allgemeinen Sicherheit Europas halte man die Wacht am Rhein.

Die Weiterberatung wird darauf auf morgen Mittwoch vertagt.

Paris, 23.Mai. (WTB.) Der .Temps" beschäftigt sich in feinem heutigen Leitartikel mit der gestrigen Rede Donar Laws vor der Ver­einigung der französisch-britischen Gesellschaften, in der auch der frühere Führer der englischen Konservativen der ftanzösischen Regierung das Recht bestritten hat, allein Sanktionen gegen Deutschland zu ergreifenODonar Law erhält vom »Temps" die Antwort: Das größte Unglück, das Frankreich und England zustöhen könne, wäre vielmehr, dah Deutschland wieder an sich reihe, was es durch den Krieg verloren habe, die Herr­schaft auf dem europäischen Festland und die Möglichkeit der Weltwirtschaft für sich in An­spruch nehme. Damit 'Deutschland sich nicht in den Kops setze, das alles wieder zu erobern, müsse es sich ständig einer überlegenen Macht gegenüber befinden. Wenn es England ablehnt, sich an der gemeinsamen Aktion zu beteiligen, so würde das Interesse des britischen Reiches es selbst er­fordern, dah die Franzosen allein handeln.

Wenn Frankreich ins Ruhrgebiet cinmarschiert . . .

Paris, 23. Mai. (WTB.) Eine Persönlich­keit aus der Umgebung des Vorsitzenden des von der Reparationskommission eingesetzten Anleihe- ausfchusses. des belgischen Delegierten Dela­croix, erflärte einem Redakteur des Coe nou- velle:^ Wenn. Frankreich ins Ruhrge­biet einmarschiert, ist die ganze Arbeit der -Finauzkvnferenz umsonst. Wir können dann die neutralen Vertreter nach Hause schicken und das Komitee auflösen. Trotz des begreiflichen und berechtigten Wunsches, den die Belgier und Fran­zosen empfinden mögen, sich der grohen Zentren Deutschlands zu bemächtigen, ist es heute an der Zeit, die Vorteile dieser Operationen genauer zu besehen; denn es wurde berechnet, dah die Be­setzung des Ruhrgebiets uns nur einen be­langlosen Ruhen lassen würde. Die Be­setzung kann sogar zum Ülnheil ausschlagen, wenn England es will. England hat den Kvhlenmarkt in der Hand. Es kann die Preise herabsehen und die Ruhrkohle wird unverkäuflich. Aber noch mehr. Die Marl wird sinken. Wenn sie auf eine Centime fällt, wird das Problem nicht nur noch unlös­barer, sondern unsere Länder werden auch un­mittelbar in Mitleidenschaft gezogen. Privat­personen und Staaten, insbesondere der belgische Staat, besitzen ungeheure Mengen von Mark, die dann nichts mehr wert sein würden.

London, 24. Mai. (WTB.) DieWest­minster Gazette" schreibt in einem Leit­artikel, Genua habe das Wohlwollen zwischen Frankreich und England ernstlich gefähr­det. England wünsche, wenn möglich, dieses Wohl­wollen wieder in der alten Stärke herzustelllen. Das liberale Blatt ist mit Donar Law der An­sicht, dah die Schwierigkeiten beseitigt werden könnten. Frankreich werde es sich wahrscheinlich reiflich überlegen, bevor es zu einer Sonderaktion schreiten tperde.

London, 23. Mai. (Wolff.) Der Pariser Berichterstatter derTimes" meldet, dah, falls die britische Regierung es ablehnt, zuzustimmen, dah der Versailler Vertrag Frank­reich irgendein Recht gibt allein zu handeln, eine neue Krise in der Entente bevor­steht, die vielleicht die ernsteste aller bisherigen sein werde.

Picrpont Morgan in Paris.

Paris, 23. Mai. (WTB.) Pierpvnt Morgan ist heute nachmittag aus London in Paris cingetrvffen.

Paris, 23. Mai. (WTB.) Havas be­richtet: Anter dem Vorsitze des belgischen Veickretorö in der ReparattonSkommission D e- lacroitz ist ein europäisch-amerika­nischer Finanzausschuß zusammenge­treten, um die Mittel zu prüfen, mittels deren Deutschland seinen Verpflichtun­gen Nachkommen könne. Die Finanzleute werden versuchen, sich über die Bedingungen zu einigen, unter denen eS möglich ist. Deutsch­land die pekuniäre Hilfe zu bringen, deren es bedarf.

Neue Instruktionen für Hermes.

Berlin, 24. Mai. Die Beratungen des ReichSkabinettS über die Besprechun­gen des ReichSsinanzministerS Dr. Hermes mit den Mitgliedern der ReparattvnSkom- Mission in Paris sind den Blättern zufolge gestern abend zu einem vorläufigen Abschluß gelangt. Man einigte sich auf neue In­struktionen an Dr. Hermes, die ihm sofort ;kach Paris übermittelt worden sind, und die ihm als Richtschnur für gewisse Er­klärungen an die Revarationskvmmission die­nen sollen.

Besprechungen mit den Koalitionsparteien.

Berlin, 24. Mai. Die Fühlungnahme des Reichskanzlers mit den Koali- tionsParteien wurde gestern nachmittag fortgesetzt. Aach den Führern des Zentrums empfing der Kanzler die kettenden sozialdemo­kratischen und demokratischen FrakttonSmit- glieder. In den Besprechungen ergab sich laut Boss. Ztg., dah die Parteiführer in der ReparationSsrage die Auffasiung des Reichs­kabinetts teilen und mit den Instruktionen an den Reichsfinanzminifter einverstanden sind.

Deutsche fragen im englischen Unterhaus.

London, 23. Mai. (WTB.) Im il n - terhause fragte Hall, ^1. ob die deutsche Behörde, die mit der Z e st ö r u n g des Kriegsmaterials betraut ist, kürzlich die Stuttgarter Abteilung der alliierten Kommission eingeladen habe, der Zerstörung von 2000 Waffen beizuwohnen, 2. ob der die alliierte Kommission verttetende Offizier später festgestellt habe, daß das zerstörte Ma­terial aus alten britischen und russischen Flin­ten bestand, 3. ob derselbe Offizier ferner entdeckte, dah 2000 deutsche Flinten in einem Güterwagen auf einem Rebengleis versteckt waren, 4. ob man daher vernünf­tigerweise annehmen könne, dah für jeden Fall, den man entdecke, viele Fälle ähnlichen Betruges unentdeckt bleiben und ob eS des­halb angebracht wäre, oah die brittsche Re­gierung eine Denkschrift vvrbereite, die sich mit der von der alliierten Kommission bis­her ausgeführten Arbeit beschäftige und die Ausdehnung angebe, bis zu der die vertrags­mäßigen Verpflichtungen Deutschlands, soweit sie die Zerstörung deS Kriegsmaterials be­treffen, unerfüllt blieben.

Worthington Evans antwortete, auf die ersten drei Teile der Anfrage laute die Ant­wort: I a. Das den letzten Teil der An­frage betreffe, so fühle er sich außerstande, sich der Annahme anzuschliehen, dah viele ^Fälle unentdeckt blieben. Aber er wolle erwägen, ob durch Ausgabe einer Denkschrift irgendein gu­ter Zweck erreicht werden könne.

In Beantwortung einer anderen Anfrage erklärte Chamberlain, dah die verbün­deten Regierungen jetzt beraten, wie man am besten in der Frage der deutschen Kriegsbeschuldigten vorgehen solle. Er möchte deshalb in dieser Angelegenheit Angaben nicht machen.

Benesch über die Ergebnisse von Genua.

Prag, 23. Mai. (WTB ) Das Tschechoslowa­kische Pressebureau meldet: Im Abgeordnetenhaus erstattete der Minister des Auswärtigen Dr. Benesch Bericht über die Ergebnisse der Kon­ferenz von Genua. In der Besprechung der russi­schen Frage betonte Dr. Benesch: Dis zur wirk­lichen Einigung gibt es unter den heutigen Um« ständen nur einen Weg, das Kompromiß, und in allen in Genua gestellten Fragen ein offenes Be­kenntnis der Sowjets, daß Sow;etrußland aüf sei­nem konsequenten Standpunkt nicht mehr beharrt und daß es sich im klebrigen nicht mit der kom­munistischen Welt akkvmodiert. Wenn die Kon­ferenz in Genua in der russischen Frage keinen größeren Erfolg gehabt hat, so ist dies dem ilm- stand zuzuschreiben, daß auf ihr z w e i e x t r e m e Standpuntte zusammensttehen (die grunb- sähliche Regation oder die sofortigen diploma­tischen Beziehungen). Der mittlere Weg, den auch die tschecho-llowakilche Regierung vertritt, die allmähliche Zusammenarbeit, ins­besondere auf wirtschaftlichem Gebiete, Hätte mit unverhältnismäßig größerer Raschheit und mit vie^größerem Erfolge zur Rekonstruierung Euro­pas und Rußlands beigetragen. Es gibt jedoch keinen Grund, a priori die Konferenz im Haag pessimistisch zu betrachten. Der Kampf um das russische Problem hatte auch einen starken Roller auf alle aktuellen Fragen der europäischen Politik. Zwei große politische Strömungen treten hier in die Erscheinung. Die eine die revolutionistische, vertritt die schritt­weise Heranziehung der gewesenen Feinde zur Mitarbeit die zweite Strömung will rasch mit den Traditionen des Krieges brechen und will sofort alles vergessen lassen, indem sie die Rot- wendigkrit vorbehaltsloser Zusammenarbeit mit allen b^nnr. Richt ganz richtig wird die evolu- tioni'rif-.e St omu g mit der französischen Poli­tik identifiziert, die zweite mit der englischen und italienischen Politik. In Konsequenz dieser beiden politischen Richtungen bildete sich auf der Kon­ferenz der Zustand, den man »K r i s e d r r A l l i- a nz" zu nennen pflegt. Infolge der Mei­nungsverschiedenheiten zwischen England und Frankreich erörterte man die -Frage, ob die früheren Allianzbande zwi­schen England und Frankreich noch andauern oder nicht. Die Tschecho-Slowakei gehe aus der Konferenz in ihren Interessen und mehren Po­sitionen unberührt hervor.

Eine Revolution in Bulgarien?

Paris, 24. Mai. (WTB.) DieChi­cago Tribüne" veröffentlicht trotz des De­mentis der bulgarischen Gesandtschaft in Paris heute eine Nachricht aus Delgra d, der zufolge das bulgarische Heer gegen die Revolutionäre ziehe, die sich der Städte in der Umgebung Sofias bemächtigt, sie befestigt hätten unb das Kabinett Stam- bukinsti zu stürzen versuchten.

Die neue Regierung in Braunschweig.

Braunschweig, 23. Mai. (WTB.) In der Rachmittagssitzung des Landtags hatte die Frakttvn der USP. einen Initiativantrag auf Auflösung des Landtags und Vornahme von Reuwahlen eingebracht. Der Antrag wurde mit 33 gegen 26 Stimmen abgeleynt. Es folgte die Wahl der neuen Regierung. In namentlicher Abstimmung wurden gewählt die Abgg. Dr. Jasper (SPD.) Vorsitz, Stein­brecher (SPD.) Arbeit, Rönneburg (Dem.) Inneres und Käfer (D. Vp.) Unter­richt.

Die MehrheitSsozialisten, die Demokraten und die Deutsche VvlkSpartei haben sich also zu einer sogenannten großen Koalition zusam- mengeschlvfsen. Die neue Regierung stützt sich auf eine Mehrheit von 33 Abgeordneten ge­gen 27 Oppositionelle.

Braun schweig, 23. Mai. (WTB.) Zu Beginn der heutigen Landtagssitzung gab der Präsident bekannt, daß sich die Fraktion des Landeswahlverbandes in die Frakttvn der Deutschen Volkspartei mit 15 Abgeordneten und in die Fraktion der Deutschnationalen VvllsP-artei mit 8 Abgeordneten umaruppiert habe.

Der Besuch der Wiener Sänger.

Berlin, 23. Mai. (WTB) Im Fesffaale der Staatsvper fand heute nachmittag der feier­liche Empfang des Wiener Männer­gesangvereins durch den preußischen U n - terrichtsminister statt, bei dem der Mi­nister die Wiener Gäste herzlich begrüßte. Rach dem älnterrichtsrninister sprachen Dr. Hermann Kienzl als zweiter Vorsitzender des Oesterreichisch- deutschen Dolksbundes und der Vorsii'ende des Wiener Männergesangvereins Dr Heinr. Krueckl warme Worte des Dankes und der Freud« über den Empfang. Zu Ehren der Wiener Gäste ge­langte die Operette Strauß'Die Fleder­maus" unter der musikalischen Leitung des Ge­neralmusikdirektors Blech zur Ausführung. Eine besondere lleberraschung wurde allen Zuhörern dadurch bereitet, daß die Sänger aus Wien im zweiten Akt als Konzerteinlage den Walzer »An der schonen blauen Donau" sangen, wofür sie rauschenden Beifall ernteten. Am Abend gab der Sängerbund im Konzert Haus den Sanges­brüdern vom Donaustrand einen Kommers, in dessen Verlauf der Berliner Lehrergesangverein und der Crksche Männergesangverein »ilnfcce Wiener, Wiener Freunde" fangen.

Berlin, 23. Mai. (Wolff.) Der Wiener Wännergesan averein ist hmte vormittag von der Stadt Berlin feierlichsl zu G a st geladen worden. Vom Turm des roten Hauses wehte die Ctadtflagge, die große Freitreppe deS Märchensaals, die Bibliothek und der Senatoren» saal p> angten im wundervollen Schmuck von Früh­lingsblumen. Als die Wiener Gäste die breite Treppe heraufschritten, fang der Beethsven-chor ihnen zum Gruß seinen Wahlipruch: »Was Edles, Hohes 4,'nfere Brust durchzieht, das singt und klingt im deutschen Lied". Dann erklang ergrei­fend der 123. Psalm: »Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln" Rach Ansprachen von Dr. Heinrich Krueckl fang der Deethovenchor untte feinem Ehormeister Hans Mießner das Lied »Das treue deutsche Herz". 3m Festsaal fand an Heinen Tischen, die mit frischen Fliedersträußen geschmückt waren, ein gemeinsames MaA statt.

' Gegen die Lüge von der Alleinschuld Deutschlands.

Halle a. d. S., 23. Mai. (WTD.) Hier fanden gleichzeitig in fünf der größten Säle Massenversammlungen statt, welche auf Veranlassung weitester Bevölkerungskreise zum Protest gegen dieLüge von Deutschlands Alleinschuld am Kriege einberufen worden waren. An die­sen, von jeder Parteipolitik freigehaltenen Versammlungen nahmen alle Schichten der Bevölkerung, Wirtfchaftsverbände, Gewerk­schaften, Innungen, Angestellte und Beamte in so großer Zahl teil, dah die Polizei die schon vor Beginn der Dorttäge schließen muhte. Die Vorttäge nahmen durchweg einen glänzenden und ungestörten Verlauf. Einstim­mig wurde in allen Sälen eine die Behaup­tung von der Alleinschuld Deutschlands am Weltkriege zurückweisende Entschließung an­genommen.

D e r l i n, 23. Mai. (WTB.) Unter dem TitelDie große Politik der euro­päischen Kabinette von 1871 b iS 1914 beginnt demnächst eine Sammlung der diplomatischen Akten des Aus».