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Nr. 223

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Zrettag, 22. September 1922

172. Jahrgang

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

vrvck und Verlag: Vriihl'sche Uuw.-Vuch- und SteinLruSerei R. ränge. Zchriftleitung, Geschäftsstelle und Druckerei: Zchlüstrahe 7.

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Die Wahlen in Braunschweig.

Auf Thüringen ist Braunschweig gefolgt. An öen letzten beiden Sonntagen haben im Lande Braunschweig Stadtratswahlen stattgefunden, deren Ausgang von symptomatischer Bedeutung ist. Sn einigen Orten, wie Seesen, Schöppenstedt und Stadtoldendorf hatte man sich sogar zwischen den bürgerlichen und sozialistischen Parteien da­hin geeinigt, den bisherigen Besitzstand aufrecht- zu erhalten und nur einen Wahlzelle! aufzu stellen. Die Erklärung dafür liegt in der ungeheuren Teuerung, die es allen Parteien wünschenswert erscheinen säht, möglichst Kosten zu ersparen. Die Teuerung hatte auch zur Folge, daß von einer Wahlbewegung im eigentlichen Sinne des Wortes durch Flugblätter, große Versammlun­gen usw. kaum die Rede sein konnte; erst in den letzten Tagen vor der Wahl ton etwas Leben hinein. Das hatte wiederum zur Folge, daß die Wahlbeteiligung recht niähig war, sie schwankte zwischen 50 und 60 Prozent der Wahlberechtigten. Die Hauptbedeutung kommt der Wahl in Braun­schweig zu, die am 17. ds. Mts. stattfand. Dort standen Anabhängige und Mehrheitssozialisten mit verbundenen Listen einer bürgerlichen Wirt­schaftsliste gegenüber, der sich jedoch die Demo­kraten in unbegreiflicher Kurzsichtigkeit nicht an­geschlossen hatten. Das Ergebnis war über­raschend. Die bürgerliche Wirtschastsliste, an deren Spitze die Deutsche Volkspartei stand, ge­wann zwei Sitze und erhielt insgesamt vier, die Demokraten verloren die bisher innegehabten zwei Sitze und gingen leer aus; dasselbe Schicksal tras die Kommunisten, obwohl sie im Vergleich zu früher besser abgeschnitten hatten. Wenn man das Ergebnis der Wahlen in Holzminden. Wol- senbüttel, Blankenburg, GanbersWm, Helmstedt, Schöningen und Königslutter zusammensaht, so stehen 22 bürgerlichen 19 sozialistische Mandate gegenüber. Von den bürgerlichen gewann die Deutsche Volkspartei allein 13, die Deutschnatio­nale Volkspartei 2, die Riedersachsen (Welfen) 1, die Demokraten 3; von drei neuen Stadträten ist die parteipolitische Einstellung noch nicht be­kannt. So haben die Stadtwahlen in Braun­schweig eine sehr erfreuliche Stärkung der büroer- lichen Parteien gezeitigt.

DLeHaltung Englands imOrient«

London, 22. Sept. (WTB.) Eine Reu­termeldung besagt, in den offiziellen Kreisen werde mit Befriedigung festgestellt, dah man sich infolge der gestrigen Pariser Konferenz auf dem Wege zu einem Abkommen befinde. Wenn Mustafa Kemal den Gedanken der Konferenz annehme, so sei es klar, dah diese erst stattfinden könne, wenn zuvor ein Waffenstillstand abgeschlossen worden sei. Die Konferenz könne natürlich nur dann gute Ergebnisse zeitigen, wenn die Kemalisten sich einverstanden erklärten, ihrerseits Zu­geständnisse zu machen. Die Meldung, wonach Großbritannien bereit sei, das Gebiet von Tschanak zu räumen unter der Bedingung, dah die französische Kriegsmarine ihm Beistand leiste, werde für unbegründet erklärt.

L o n v o n, 21. Sevi. (Wolff.) Lord Grey veröffentlicht in derTimes" einen Brief, in dem er die Rotwendigkeit der Zusammen­arbeit Frankreichs und Großbritanniens im Interesse des Friedens hervorhebt. Wenn Lord E u r z o n nach Paris gegangen sei, um eine bessere Politik als bisher zu treiben, das heißt eine Politik des Liebere inkommens und nicht der Separation, so sei dies zu begrüßen. Der am letzten Samstag durch die Veröffent­lichung der offiziösen Reuternote begangene Fehler müsse wieder gutgemacht werden. Ein separates Vorgehen Großbritanniens im Orient würde eine Katastrophe herbeiführen.

Die Gn^ländrr als alleinige Schützer der nentralen Zone.

LondDn, 22. Sept. (WTB.) Eine Reu- termeldunq aus Konstantinopel besagt, daß auf Anweisung der beteiligten Regierun­gen die französischen und italienischen Trup­penabteilungen von dem neutralen Gebiet von ismid von den Dardanellen zurückgezogen Lorden sind. Die Grenzen der neutra- ** v m n Zone werden jetzt ausschlieh- ö£i)öc^ von britischen Truppen ge- Uten, die von der vereinigten atlantischen d Mittelmeerflotte unterstützt werden.

^^pyosition unter den Arbeitern gegen Die E Lloyd George.

v7n London, 21. Sept. (WTB.) Lloyd rg e wird heute vormittag in der Dowinng ben gemeinsamen Ausschuh der Gewerk- 12 sifrr Emt ten aus Grund eines von diesen ausge- hi/t/cricn Wunsches empfangen, der ihn im Zu- 9 : Emhang mit der Orientfrage und der Kriegs-

Rahen Osten um eine Zusammenkunft »Daily Herald" zufolge werden die der englischen Gewerkschaftsbewegung eine Erklärung darüber ersuchen, wes- jtJe9lrungcn durch ihre Handlungen und ne&m^unn bttbU Europa an Öen Xanb eines n*9en i e g e gebracht haben. Die Antwort 611 ®c'minifterd werde zur Erwägung bedeut- D 5 ,.üsse durch den Generalrat und den

^rankenbach (K h^ch öer Arbeiterpartei führen.

ben 19. Öeptei^ eine grohe Ar b e l te r k u n d- ^^en denneuen Krieg" in der Kings-

wah Hall in London statt, wobei u. a. Ramsah Macdonald und S m i l l i e sprachen. Es wurde eine Entschliehung angenommen, in der es heiht, die türkische Krise, die England an den Abgrund des Krieges gebracht Habe, sei das direkte Ergebnis der gegenwärtigen Politik Lloyd Georges. Der Premierminister sei eine öffentliche Gefahr für den Frieden der Welt. Die Entschliehung fordert sofort Reuwahlen, damit den Wählern Gelegenheit ge­geben werde, der verhängnisvollen Regierung Lloyd Georges ein Ende zu machen. Smillie er­klärte in seiner Rede, wenn die Antwort Lloyd Georges nicht beftiegigend ausfalle, so würde man gezwungen sein, zu erklären, dah, soweit der Generalrat in Betracht komme, alles, was die organisierte Arbeiterschaft durch irgendwelche in ihrer Riacht stehenden Mittel tun könne, getan werden müsse, um den neuen Krieg aufzuhalten.

London, 21. Sept. (WTB.) Lloyd Ge­orge empfing eine aus etwa 30 Mitgliedern be­stehende Abordnung des Gewerkschaftskon­gresses, darunter die Arbeiterführer Williams, Thomas; Den Tillet und Smillie, die dem Pre- mierminlster die Ansicht der Arbeiterschaft über die Lage im nahen Ollen darlegten. Von den Mitgliedern der Regierung waren anwesend: Chamberlain, Horn, Worthington, Scans?. Die Erörterungen, die privater Statur waren, dauerten l1 2 Stunden. Die Arbeiterschaft gab der Ansicht Ausdruck, daß die Dardanellen neutral gehalten werden mühten, dah dies jedoch eine Weltfrage und nicht eine Frage sei, die die britische Station allein anginge. Die Anwesenheit alliierter Streit­kräfte auf dem asiatischen Llfer der Meerengen sei nicht zu rechtfertigen. Eine Lösung des Pro­blems könne durch Verhmrdlungen erzielt werden. Rachdem der Premierminister die Ansicht der Abordnung ange-hört hatte, gab er eine ileber» sicht über die Tätigkeit des Kabinetts bis zur gegenwärtigen Lage. . Lloyd George verteidigte ötc Haltung der Regierung und gab der Abord­nung zu verstehen, dah er in seinem Wunsche nach Frieden vollkommen mit ihr übereinstimme. Frie­den sei stets das Ziel der Regierung gewesen, und sie habe durchaus keine Absicht, einen Krieg zu provozieren. Es sei zum Teil auf die prompte Aktion der britischen Regierung zurückzuführen, dah die Lage jetzt besser und die Aussichten auf Währung des Friedens so gut seien.

Die Abordnung der Arbeiterschaft zog sich- hierauf zurück, nachdem sie dem Premierminister ihren Dank für den Empfang ausgesprochen hatte. Sie verpflichtete sich, Stillschweigen über die Ver­handlungen zu wahren. Eine kurze offizielle Mit- tcllung, über die die Abordnung mit dem Pre­mierminister übereinkam, werde später veröffent­licht. Unmittelbar nach Beendigung der llnter= redung mit den Arbeiterführern hielten die bri­tischen Minister eine neue Zusammenkunft ab, an der jedych die militärischen, Marine- und Luft­fahrt-Ratgeber nicht teilnahmen.

Die Kriegsgrcue! in Smyrna.

Berlin, 21. Sept. Rach einer Meldung des ,.B. T." aus Rom schildert ein aus Smyrna in Mailand eingetroffener italienischer Arzt, wie es zu bett Massakres in Smyrna kam. Die Türken hätten sich nach ihrem Einmarsch zunächst durchaus korrctt verhälten, bis plötzliche eine An­zahl armenischer Fanatiker Bomben gegen eine türkische Patrouille schleuderten. Dieses Bomben­attentat habe dann türkische Repressalien hervor­gerufen.

Die deutsch-belgischen Verhandlungen.

Berlin, 21. Sept. (WTB.) Die deutsch­belgischen Verhandlungen über die Ga­rantiefrage sind, wie wir erfahren, abgeschlossen. Die Schahwechsel werden am Montag über« geben, und zwar zunächst die Wechsel- über die Raten, die an sich am 15. August und 15. Sep­tember 1922 fällig waren und nun am 15. Fe­bruar und 15. März 1923 fällig werden, abzüglich der Summen, die aus den sonstigen Leistungen auf die Darannuitäten gutzuschreiben sind. Die Wechsel werden die (Garantie der Reichsbank tragen.

(Sitte Besprechung mit den Partei­führern in Berlin.

Berlin, 21. Sept. (WTB.) Sn der Reichs­kanzlei wurde heute vormittag eine Besprechung über die Reparativ ns) rage und die Schahwechscl frage abgehalten. Der Reichs­kanzler und der Reichsbankpräsident berichteten dabei den Parteiführern, welche mit Ausnahme der Kommunisten alle erschienen waren, über den Gang und den Abschluh der deutsch-belgischen Verhandlungen. Daran schloh sich eine Be­sprechung über die Lage.

Der sozialdemokratische Parteitag.

Augsburg. 21. Sept. (Wolff.) Heber den sozialdemokratischen Parteitag wird uns gemeldet: Vor Eintritt in die Tages­ordnung verlas Wels unter lebhaftem Beifall ein Bcgrüßungstelegramm der französischen Sozialdemokraten. Weiter gab er ein Telegramm aus Saarbrücken bekannt, in dem milgeteilt wird, daß am gestrigen Mi^woch die beiden Redakteure derSaarbrücker Volksstimme" Befehl erhielten, binnen 24 Stunden Has Saar­gebiet zu verlassen. Das beweise, wie berechtigt das Misttrauen gegen die Regierungskommission des Völkerbundes sei. Die deutsche Sozialdemo­kratie schließe sich dem Protest gegen solche Ge- waltmahnahmen an und hoste, der durch den

Völkerbund unterdrückten Bevölkerung des Saar­gebietes ihr Recht verschaffen zu können. Ein­stimmig wurde außer dem Aktionspro­gramm auch die organisatorische Vereinbarung angenommen. Das Abstimmungsergebnis wurde mit stürmischem Beifall begrüßt. Ferner wurde ein Antrag Hamburg angenommen, der sich gegen jedes Zusammengehen mit der KPD. ausspricht. Zum Rümberger Parteitage entsendet die Partei 144 Delegierte.

Augsburg, 21. Sept. (Wolfs.) Sn der heu­tigen Sitzung des sozialdemokratischen Parteitages wurde nach einem Referat des Parteivorsitzenden Wels über die Snternatjo- nale und t)ie ejßinigung des Proletariats das AktivnsprMgramm der beiden sozialisti­schen Parteien ohne Aussprache einstimmig an­genommen.

Ans dem Reiche.

Beschlüsse des Reichsrates.

Berlin, 21. Sept. (WTB.) Der Reichsrat hat die P o st o r b u u n g dahin geändert, daß ber Höchstsatz der Postaufträge für Postnachnahmen auf 30 000 Mark und im Postkreditverkehr auf 50 000 Mark festgesetzt wurde. Zugleich wurde der Postminister ermächtigt, im Bedarfsfälle diese Sätze selbständig zu erhöhen.

Der Reichsrat hat sich mit der Erhöhung der D i e il st a u f w a n d s e n t s chi ä d i g u n g sür Reichsbeamte und der Ministerialzulagen einver­standen erklärt. Danach sollen u. a. mit Wir läng ab 1. August die Ministerialzulagen erhöht wer­den: für den Reichskanzler auf 350 000 und für die Reichsminister auf 70 000 Mark, di ? Dienst- auiwandsentfchädigung für den Präsidenten des Reichsgerichts auf 40 000, für den Präsidenten des Finanzgerichtshofes auf 50 000 Mark usw.

Der Reichsrat hat heute neue Ausführnngs- beftimmungen zum Llmsahlleuergeseh, ins­besondere zur Luxus steuer, angenommen. Da­nach sind Verfeinerungsarbeiten jetzt nicht mehr maßgebend für die Luxussteuerpflicht. Die eigent­lichen Gebrauchsgegenstände sind fast durchweg frcigelaffen worden. Bei Metallwaren, kerami­schen Waren und Textil- und Holzwaren send nur Schmuckgegenstände der Luxussteuer unter­worfen. Gegenstände aus Leder unterliegen nur dann der Luxussteuer, wenn es sich um Leder wertvollerer Art ^handelt.

Die Sperre der Tabakeinfnyr.

B e r l i n, 21. Sept. (WTB.) Dem Reichs­rat ist der Entwurf einer Verordnung über die Erhöhung der Tabakzölle zugegangen, durch die die Sperre der Tabakeinfahr abgelöst werden soll.

Zum Prozeß gegen die Ralhrnaumörder.

B e r l i n, 22. Sept. Wie eine Korrespon­denz erfährt, wird die Verhandlung gegen den Kapitänleutnant a. D. Wolfgang Diet­rich aus Erfurt und gegen den Schriftsteller Dr. Hans Wilhelm Stein, die verdäch­tig sind, den Mördern Rathenaus wissentlich Beistand geleistet zu haben, gleichfalls am 3. Oktober in Verbindung mit der Strafsache gegen T e ch v w und Genossen wegen Mordes vor dem Staatsgerichtshof in Leipzig stattfin­den. Wie die Korrespondenz weiter mitteilt, hat der Oberceichsanwalt die Haftentlassung des Kapitänleutnants Dietrich gegen Stel­lung einer Kaution von 100 000 Mark an­geordnet.

Die Not des Rheinlandes.

Eindrücke aus dem besetzten Gebiet.

Von Dr. Ernst M e y e r - Reust relih.

Für längere Zeit habe ich Quartier gemacht in einem kleinen Badeort, das wunderbar im Waldtal versteckt liegt im frucHharen Rhein- g au. Schon in Friedenszeiten mit Vorliebe von Ausländern besucht, ist es» auch jetzt wieder voll beseht, vornehmlich mit Russen, die ihre Zaren­rubel noch rechtzeitig in Frankreich untergebracht hatten, und mit Franzosen. Die meisten von ihnen tragen aufdringlich moderne Kleidung, wirken abstoßend durch Schminte und Duft. Kein Wunder, daß die wenigen deutschen Kurgäste sich in die Waldwege verlieren, um reine Luft zu haben und die Ohren zu schonen vor dem oft gewollt lauten Gerede. Ratürlich gibt es auch ältere, vornehme Franzosen; daneben taucht nicht selten der Typ des prohenhaften Emporlömmlings auf. Llebelstc Beispiele einer schrankenlosen Aus­gelassenheit geben in ihrem Siegerbewußtsein einige halbwüchsige Franzosen. Von den oft ge­rühmten Anstandsformen dieser Olation war bei ihnen nichts zot merken. So konnte eine etwas schwerfällige deutsche Dame nicht rasch genug aus einem vollbesetzten Autobus herauskommen, ein etwa siebzehnjähriger Bursche hals ihr so energisch nach, dah sie mit verstauchtem Knöchel acht Tage zu Bett liegen muh. Riemand wird sich zu be­schweren wagen. Der deutsche Kurgast zahlt 500 Mark Kurtaxe, die Angehörigen der Besatzungs- annee 225 MarkI Und zurArmee gehörig" sind sie ja fast alle. Wer nur von den einfachsten Leuten einen Bruder oder einen weitläufigen Verwandten dabei hat, genieht diese Vorzüge und verlebt einen billigen Sommer inihrem besetzten Gebiet". Ein Offizier besucht des Sonntags seine hier untergebrachte Frau, voraus geht das Ehepaar beim Spaziergang, hinten nach folgt, mit dem Revolver bewaffnet, ein Soldat und führt das I Kind. Bei uns kritisch veranlagten Deutschen zählte man das vor dem Krieg zu ben Auswüchsen des Militarismus, schliehlich mit Recht. Der Sieger" kann es sich erlauben.

Sm nahegelegenen Wiesbaden suchten wir gelegentlich eines Sonntagsausflugs auf dem Kaiser-Friedrich-Platz vergeblich nach einem Deut­schen, den wir nach dem Weg hätten fragen können. Sn dem Gewirr fremder Laute fühlt mau sich verlassen, und es fällt schwer, zu glauben, dah man auf deutschem Boden steht; den gleichen Eindruck erhielten wir in den Kuranlagen. Man muh innerhalb des besetzten Gebietes, befonbe; 5 auf dem rechten Rh einufer, wandern, um er­messen zu können, wie weit in kernde'^stzes Land hinein der Franzmann seine Truppen vor­geschoben hat. Stundenlang wandern wir nord­wärts durch den Taunus und kommen in Langen schwalbach dazu, wie der Ortskommandant mV Reitpeitsche und Zigarette eine Marokkanerin^ pagnie besichtigt. Es ist der 14. Zull, Tag br Rationalsestes, die Wach- und Derkehrslokale bc Truppen sind über und über mit Fahnen und Girlanden geschmückt. Und noch eine ganze Stund' sahren wir weiter durch das liebliche Ahrtal mit ber Bahn bis nach Diez an der Lahn, und toiebe sehen wir die farbigen Franzosen vor uns. 3r Rassau, wo das Denkmal des Freiherrn von Stein ins Tal grüßt, zieht lärmenb ein Trupp feiertäglich betrunkener Afrikaner an uns vor über.

Sn Koblenz, dem Sih der Snteraniierhn Kommission, kann einem das Herz weh tun. Aus der Höhe der alten Feste Ehrenbreitstein weh. das Sternenbanner. An dem Deutschen Eck mit dem wirkungsvollen Denkmal des alten Kaiser. Wilhelm, wo sich Rhein und Mosel vereinigen, gehen wir beklommen vorder. Von dem Regie­rungsgebäude, einem gewaltigen Sandsteinbau in Qteubarocf, leuchten, vom Winde gestrafft, die Fahnen der vier Zwingherren am Rhein, eine eindringliche Mahnung an all die Phantasten, die auf* den Bruch der Entente rechnen, ein Zeichen vielmehr der Einigkeit unserer Gegner, solange es gilt, uns niederzuhalten.

Auf einem der stolzen Köln-Düsseldorfer Per sonendampfer geht die Fahrt stromaufwärts durch den schönsten Tell des R h e i n t a l s nach Rübes- Heim. Die Schlösser und Burgen erzählen von deutscher Geschichte; wie werden sie lebendig, wenn man Albrecht Dürers Reise in die Rieberlande liest. FtÄher, es sind allerdings erst 8 Jahre her, aber es Hingt wie aus längst vergangenen Zeiten, da grüßten sich die Gäste auf den vprbeifahrenden Schiffen winkend und rufend zu, voll Rhein- landsstimmung, froh, am deutschen Rhein zu sein. Heute? Still fahren wir unter dem Loreleyfelsen hin. kein Mensch wagt mehr das verträumte Lied zu fingen, das früher an dieser Stelle urplötzlich aus aller Mund ging. Wer sollte auch singen? Wir wenigen Deutschen, mitten unter den reichgewordenen Hollandern und den Franzosen? Dazu fehlt die Stimmung. Die Fremden? Die wissen nichts von der Gefühlstiefe so manches deutschen ' Volkssanges. Rach den mächtigen Stinnesschleppern sehen sie mtt neugierigen Augen. Linser Herz aber schlug doch höher, als im Laufe des Vormittags noch mehrere dieser sauberen Personendampfer in flotter Fahrt an uns vorüber zu Tal gingen. Aber die Freude war kurz: Vor Boppard begegnet uns dichtbesetzt der größte von ihnen, diesm'al graublau gestrichen, am Hauptmast die amerikanische, am Heck die fran­zösische Flagge! Beschlagnahmt, wie so manches seiner Bruderschiffe, auf denen man Ka­nonen und Maschinengewehre ausgestellt hat.

Sn Rüdes he im sitzen wir auf einer Ter« rasse am Ufer. Hinauf zum Riederwalddenkmal mochten wir diesmal nicht. Dort ist in Erz ge­bildet, wie der Vater Rhein der jungen Mosel die Grenzwacht übergibt. Lind heute? Gegenüber, bei Bingerbrück, erhebt sich die Elisenhöhe, auf ber sich das Bismarck-Ration aldenkmal empor- türmen sollte. So sicher glaubten wir den Rhein zu haben!

Mainz. Von einer Höhe des Rheingaues sah ich des öfteren zu meinen Füßen den breiten Strom mit den drei gewaltigen Brücken, dahinter das ehemals goldene Mainz mit den ragenden Türmen des Doms und der schweren Kuppel der neuen Christuskirche. Ein schönes Zugenbiahr batte ich dort verbracht und als Soldat in Friedenszeit den Riainzer Sand getreten. Run lag es b.i im Sonnenglanz. Hmüberzufahren zauderte ich lange. Sch wollte nicht enttäuscht sein. Schließlich tat ich es doch. Das alte Kurfürstliche Schloh, jetzt Museum, lag so feierlich da im roten Sand­steinkleid, aber daneben auf dem Großherzoglichen Schloh wehte die fremde Fahne, und eine Doppel­wache davor beschützt den französischen General darin. Bis vor dem Krieg hielten hier all- jährlich der Kaiser und der hessische Landesfürst ihre Einkehr, wenn sie von der großen Truppen^ schmu in die Stadt kamen; heute fühlt sich ber Vertreter ber französischen Republik wohl in Fürstengemächern. Auf demWall" breitet sich ein riesenhafter Automobilpark aus. Wem es nicht angesichts ber Llnmasse von Truppen in ben .Straßen, Geschäften unb Wirtschaften ber Stabt klar wird, dem müssen beim Anblick dieser gehäuften militärischen Machtmittel die Augen aufgehen: Mainzistdas schwer g e r ü ft etc Au sfalltor der Franzosen. Sn ben Läden, vor den Schaufenstern der Geschäfts­straßen sieht man reisende Franzosen und immer wieder Franzosen. Viele, so sagt mir ein Ge­schäftsmann, kommen hier an, in schäbigster Klei­dung, mtt schiefen Absätzen; dann aber treten sie aus, modisch Herausgepuht, den teuren Photo apparat in der Ledertasche über die Schulter gehängt. Was hier an deutscher Ware ins Aus-

Heutiger Staub des Dollars

10 Llhr vormittags:

Berlin 1420, Frankfurt a. M. 14001425