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Gietzener Anzetger (Eeneral-Anzeiger für Gberhefsen)

Montag, 20. März {922

Deutscher Reichstag.

190. Sitzung, nachmittags 1 Uhr.

Berlin. 18. März 1922.

Die Beratung des Mantelzes ?tzrs zur Steuer- Vorlage tDicö vor fast leeren Bin.'ea forlgeseh'.

2lbg. Emminger (Boyer. Vp.) führt diese Steuer aus den Druck dec <Sa e.ite zurück, grnau öte die Brvtuerceueruug und die Belastung des bayerische.i Bieres bei der Alkoholsteuer. Bei der llmsatz e e L-nne aus die In eralensteuec nicht verzichlet w?r.e i. Weitn wir das ganze Zeitungs- vesen herausnehmen würden, so würde ein? g oße Lücke entstehen Die Bot des Zeitungsgewerbes hängt ztvar mit dieser Belastung zus-r'.nmen. aber Der Hauptgrund liegt in dec Beteuerung der Holz- und Papierpreise. Seine Partei sei bereit, ^ei der Ins Traten steuer bis an die äuyersteGrenze yeS Avtwendigen zu gehen, aber alle diese grossen Opser würden nicht ausrcichen, denn das Repara- tionssasi habe ebensowenig einen Boden, wie das Faß unseres Haushaltes. 2ln dem Kompromiß sei seine Partei nicht beteiligt, stimme ihm aber Pi, weil sie nicht haben wolle, das) wir ohne ® naben in den tiefsten Abgrund rutschen. Redner tritt für eine große internationale Anleihe ein und evlennt an. baß das Kabinett Wirth sich bemühe, das Beste für unser Da.erland heraus- zuholen. wa < nach dem verlorenen Kriege möglich sei. Seine Partei hätte gewünscht, das) gleichzeitig eine kleine Qto elle zum Erbschaftssteuergesetz ein- gebracht worden wäre, denn die 500>Mark- Arenze sei ni ht mehr angebracht, vielmehr müsse auch hier der Entwertung des Geldes Rechnung getragen werden. Technisch, wirtschaftlich und mo- «lisch seien wir mit Steuern derartig belastet, Jab jetzt endlich einmal Schluß gemacht werden Nüsse. (Beifall.) , t

2lbg. Dr. Geher (Komm. QI.®) lehnt die Borlage ab, weil sie ungeheure Lasten auf die Arbeiterschaft wälze und damit nur zu immer neuen Lohnbewegungen führe.

Abg Köhnen (Komm.): Durch die Steuern nimmt man den Mas en die Meh e.nkünfte die sie mühsam e Timgen haben Wo blei )t d'e Aufbesse­rung für die Kriegsopfer, wo sind die warmen Herzen für die Kriegsovfer, die so warm für die Weiter Verleihung des Eisernen Kreu^eS eintreten? Die neuen Steuern werden doch wieder auf die Arbeitecfä-aft abgewälzt werden und die Mehr- heitssoziali>!en machen dies mit, obwohl sie sich über die Folgen klar sind. Der elbe Reichstag der dieses harmlose Treiben begünstigt, setzt dieLie^es- gabenpolittk fort, wie wir es beim Branntwein­monopol gesehen haben. Man will das Brot iveitec verteuern, nicht etwa den Wein. Das ist Barkerottswirtschast. Di? groben Streiks sind die ersten Signale dazu, und wir werden alles tun, der Bewegung der Arbei.erschaft ein klares politisches Gepräge zu geben, das zum Ruhen der Acbeiter- tchast führt

Damit schließt die Generaldebatte über das Mantelgeseh.

Rächst« Beratung Montag, 20. März, nachm. 2 älhr. Schlub 4 älhr.

Aus Stabt unb Canb.

Giehen, den 20. März 1922.

** Amtliche Personalnachrichten. Ernannt wurde am 1. März 1922 der Kanzlei- gehilfe Hermann Henkelmann zu (Sieben zum Kanzlisten bei dem Amtsgericht ©leben. Ernannt wurde am 10. März 1922 der Kanzlei­gehilfe Franz I r l e zu Darmstadt mit Wirkung vom 1. Januar 1922 an zum Kanzlisten bei der Landwirtschaftlichen Versuchsstation zu Darm­stadt. Ernannt wurde am 10. März 1922 der Kanzleigehilfe Wilhelm Karl Pfeil in Schotten zum Kanzlisten mit Wirkung vom 1. Februar 1922. - Ernannt wurde am 14. März 1922 der Regie­rungsrat beim Kreisamt in Friedberg Heinrich Herberg zum Oberregierungsrat bei der Pro- vinzialdirektion Rheinhessen mit Wirkung vom l. April 1922 an.

Richtig frankieren! Bei den Post- «nstalten werden täglich sehr viele Driefsendungen nach dem Ausland eingeliefert, die unzureichend freigemacht sind. Dies labt darauf schlieben, dab die Dersender mit den hierfür geltenden neuen Gebührensätzen wenig vertraut sind. Es wird daher darauf aufmerfiam gemacht, dab für Briefe nach dem Freistaat Danzig, Luxemburg, dem QRemelgcbict, Oesterreich, Ungarn und Westpvlen Cben an Polen abgetretenen deutschen Gebieten) Die Gebührensätze des inneren deutschen Ver­kehrs gelten. Rach dem übrigen Ausland sind die Gebühren für Briefe bis 20 Gramm auf 400 Pf. und jede weitere 20 Gramm auf 200 Pf. und die Gebühr für Postkarten auf 240 Pf. festgesetzt worden. Drucksachen, Warenproben und Geschäfts­papiere nach andern als vorgenannten Ländern unterliegen einer Gebühr von 80 Pf. für je 50 Gr.,

die Mindestgebühr beträgt für Warenproben 200 Pf. und für Geschäftspapiere 400 Pf. Die Einschreibgebühr beträgt bei Brirfsendungen nach den in vorstehenden bezeichneten Ländern sowie nach dem übrigen Qlusland 200 Pf.

ttrcis Büdingen.

gn. Ridda, 18. März. Dec Sängerband Sängervereinigung R i"d da und Um­gegend" ist wieder zu neuem Leben erwacht. 3n einer Borversammlung der Qk-.Leier der in Betracht Icmmenben Qkrd ie imDannstäd'.e. Hof" zu Ridda wurde ein vorläufiger Borstand gewählt und die Qlbbaltung ei ei BundestagL: am 28 Qllai zu Geiß-Ridda beschlossen. Dem Bund gehören nunmehr an die Gesangvereine von Fauerbach, Wallernhauscn. Ran- stadt, Bellmuth. Dauernhei m, Deitz - Ridda und O b e r - W i d d e r s h e i in. Der Borstand besteht aus Lewer Lenh, Deitz-Ridda Steinbruchoesiher R i d c I, Ober-Widder,heim Landwirt Wolf, Wallernhau en, Landwirt Heu- leck, Fauerbach und Lehrer Kuhl, Ranstadt. Bereits vor dem Kriege war der Bund in der Pflege des deutschen Liedes eifrig an der Arbeit. 3n ve fchä ebenen igenten-At>ir;erene-,en. cai>» verslänbigenberatunge.i und Mer u g nngen wurde mit sichtlichem Erfolg an der Vervollkomm­nung im Vortrag gearbeitet. Hoffentlich betritt der Bund nun wieder seine alten Wege.

gn. Ge i h-Ridda, 18. März. Die Er­richtung eines Kriegerdentmäls beginnt hier nun bald greifbare Formen anzunehmen Rahezu 20 000 Marl sind bereits durch frei­willige Spenden aufgebracht. Auch über die Platz- ftage hat man sich schon geeinigt Während sonst in den Landgemeinden innerhalb des Ortes aus einem freien Platze oder auf dem Friedhof das OHal errichtet wurde, hat man sich nach gründ­licher Ueberlegung entschlossen, es hier auf einer Bergeshöhe na-.e am Ort zu erbauen. Dicht am Ortseingang befindet sich auf dein Weinberg ein Heines Plateau, von dem man auf das Dorf einen wunderbaren Ausblick hat. Hier feil für unsere Helden ein würdiges Dedenkzeichen erbaut werden.

Starkenburg und Rheinhessen.

* Darmstadt, 18. März. AuS dem Zuchthaus Marienschloh, wo er eine zehnjährige Gesamtstrafe für Einbrüche zu verbüßen hat, ist kürzlich der 24 Jahre alte Schreiner Philipp Riedel von hier ent­wichen. Sofort beschritt er wieder die ge­wohnte Dahn, und zwei bis jetzt bekannt ge­wordene Einbrüche künden diese neue Tätig­keit. Beide geschahen nachts, der eine auf der Mathildenhöhe und der andere in einer Villa des hohlen.Wegs, deren Besitzer den Ein­dringling entdeckte und einen versagenden Schuh abgab. R. konnte aus dem Obergeschoh in den Garten springen und entkam. Er ist ein äußerst gemeingefährlicher Bursche und wird unzweifelhaft fein Treiben bis zur Festnahme fvrtsetzen.

wd. Mainz, 18. März. Die während der beiden letzten Tage durchgeführte Urab­stimmung der Metallarbeiter über die Beendigung oder Weiterführung des (Streifs ergab eine statutarisch genügende Stimmenzahl für die Annahme der bei den Verhandlungen erzielten Ergebnisse. An der für die Weiterführung des Stteiks er­forderlichen Dreiviertelmehrheit fehlen rund 400 Stimmen. Damit ist der Metall- arbeiterftreif beendet. Die Arbeit wird am Montag wieder aufgenommen.

Hessen-Nassau.

* Franksurt a. M, 18. März. Ausstel­lung von Erfindungen. Der Deutsche Er- frrider-Schuhverband e. D. München veranstaltet während derInternationalen Frühjahrsmesse" in Frankfurt a. M. eine große Ausstellung von Er­findungen und Reuheiten, die allen Erfindern gün- sttge Gelegenheit bieten soll, ihre Schuhrechte ohne große Kosten bekanntzumachcn Vollständig mittel­lose und arbeitslose Erfinder, sowie Kriegsbeschä­digte erhalten gegen entsprechende behördliche Be­scheinigung Freiplätze.

* Höch st a. M., 18. März. Drei Ein­brecher, die <in der Rächt einen Einbruch in ein Konfektionsgeschäft versuchten, wurden von der Polizei Überrascht und verhaftet. ES handelt sich anscheinend um langgesuchte Ver­brecher, die sich, nach den bei ihnen gefun­denen zinnenen Gefäßen, wie sie im kirchlichen Gebrauch Üblich sind, zu schließen, auch mit Kircheneinbrüchen befaßt haben. Zwei der Verhafteten, Meiber und Kurschmann,

stammen aus Düsseldorf, der dritte, Verhayn, aus Krefeld.

wd. Wiesbaden, 18. März. Deutscher Hotelbesihertag 3n der Rachrni:ags- ätjiing lCd Haupl. e. Handlung tageS der 2. Hauv ie fammiung i- Verbandes der $otelbcilijei Dei.ifch.anvs sp.ach zunach t Hotelbesitzer Gab - ler (Heidelberg) über die Be.utzing des Hotel- gewe bes in die gesetzlichen Wirischait.körper u d forderteunmittelbare Vertretung des Gewerbes in den Handelskammern, wo es durch obligalo- ische Fachausschüsse vertreten sein müsse. Uebei Doldentwertung und Versicherungsschutz sprach Herr Sobeh (Hannover). Den letzten Dortrag jiclt der Veibanbäsyndikus Dr. Knappmann über Fremdenverkehr und Valuta. Er betonte daß im laufenden Jahre mindestens _ mit einer Verdoppelung der Preise in den Bädern und Kurorten gerechnet werden müsse, wenn das Ge­werbe dort nicht zugrunde gehen sollte. Zum Ort des nächsten Hotelbesitzertages wurde Han­nover be st im ml

Schwurgericht.

Gießen. 15. und 16. März

Unter dem Vorsitz des LandgerichtSratt Schade wurde am 15. und 16 März gegen fol­gende Personen verhandelt: Heinrich M ä ch o l d aus Frankfurt a. M., Max Gapunsli aus Dzimbowo in Polen, Fritz Metzinger aus Reunkirchen und Karl B i e h l e n aus Saar­brücken. Die Anklage wurde vertreten von Staats­anwalt Zustizvat Weidemann: als Vertei­diger fungierten die Rechtsanwälte Gngisch, Hornberger, Elsoffer und Leun. Die An° geflagten sind beschuldigt, in der Rächt vom 24. jum 25. Dezember (Christnacht) 1920 in die Mühle des Müllers Dender in Mühlsachsen bei Lich zum Zwecke des schweren Diebstahls und mit Revolvern versehen eingebrochen zu sein und eine räuberische Erpressung von den Mül­lersleuten zu begehen versucht zu haben.

Der Angellagte M ä ch o l d war vor der Tat öfters in die Mühle gekommen, um Mehl zu Hamstern, und hatte bei dieser Gelegenheit er­fahren, daß der Müller sein Geld in der Schub­lade des im Wohnzimmer stehenden Tisches auf­bewahre. Trotzdem ihm damals während der Ver­büßung einer einjährigen Gefängnisstrafe wegen Diebstahls ein Strafaufschub bewilligt worden war, faßte er den Entschluß, bei dem Müller einzubrechen, und warb zur Ausführung des Verbrechens in den ihm bekannten Verbrecher­kreisen Frankfurts drei Komplizen. Am heiligen Abend fuhren die drei Täter nach Gießen und marschierten bann unter Mächolds Führung nach Mühlsachsen. Dor dem Wohnhaus angekommen, schnitten sie zunächst ein Stück der Fensterscheibe heraus: zwei der Einbrecher, wie die Anklage annimmt, Metzinger und Biehlen, stiegen durch oaC Fenster in das Wohnzimmer: Gapinski ging durch die HauStüre, die ihm unter­dessen von Metzinger oder Biehlen aufgeschlossen wordcki war, gleiajfallS in das Haus. Möchold blieb außen an dem geöffneten Fenster stehen und bi agierte von dort aus die Operationen der anderen. Den Schlüssel zur Tischschublade konnten sie nicht finden, weshalb sichFritz" (Mehbahls) undKarl" (Diehlen) in das hinter dem Wohn­zimmer gelegene Schlafzimmer beiaben und dort unter dem Kopfkissen der bort schlafenden Frau und Tochter Bender nach dem Schlussel suchten, allerdings vergeblich. Man faßte nun den Plan, den ganzen Tisch h.nauszutragen unb ihn draußen aufzubrechen. 3n Siefem2luge.ib.ii trat derMül.er Beider von seinem gegenüberliegenden Zimmer aus auf den Ging Gapinski wurde zuerst seiner a.-sichtig. er zog seinen scharf geladenen Revolver heraus, legte auf den Müller an und rief ihm zu:Hände hoch! Das Geld heraus ober ich schieße Sie nieder!" Während Gapinski feinen Revolver auf Bender gerichtet hatte, arbeitete der andere Einbrecher mit einem Brecheisen an dem Tisch herum, um ihn zu öffnen. AuchFritz" oberKarl" bedrohten den Müller mit dem Revolver und mit den Worten:Dein Gell) wollen wir haben, du Wucherer!" Durch die Unruhe erwachten die Frau und die Tochter 'Benders und traten in das Wohnzimmer. Ader auch der Frau Dender trat ein anbsret Täter (Metzinger) mit dem Revolver entgegen, ihr drohend zu rufend:Sei nur rifHg!" Der Mül­lerin gelang eS aber, in bte Rahe des Fensters zu kommen und die Knechte um Hilfe 51 rufen. Daraufhin ließen die Täter von ihrem Vor­haben ab unb ergriffen teils durch das Fenster, teils durch die Haustüre bte Flucht.

Mächolb u>b Gapinski haben nach anfäng­lichem Leugnen eia Geständnis ab -e egt. Sie be­haupten, bet dritte und vierte Mittäter sei ein Fritz" unbKarl", wie fte m Berbrecherkreisen genormt würden, gewesen: sie behaupten aber, die Mitangeklagten Metzinger unb Diehlen kennen

sie gar nicht, diese könnten allo auch nicht die Mit­täter gewesen sein. Giputskt in auch von der StaatSanwal.schuft Marburg anget.a <t bea G.el- steinraab in der Elisuve: ,enktrch. vortsribst mit anbecen Gmosten au:geführt zu bähen. Dir An- llcrgebehörde in (Sie ;cn steht auf dem Standpunkt, Gapinski und Machold » rleujnc ea die beiden anderen Angellag:e 1 nur beoLam, tveil diese noch mehr von Stra,taten der enteren, mebefonbere voit dem Marburger Rauo, wüstten. Eütc Reihe vvi». Zeugen bctuni>m, ix>3 Me. inger in feinen Kreisen auch derZincunersntz" und Bt?tzien der Menne" genannt Warden. Run hatte aber Ma- chold in feiner Llnterfuchung^haft in Frankfurt Zeugen gegenüber zugegeben, lx>*] er die Tat mit demMenne", demFritz" und demPolen- ntax" (Gapineki) ausgefnh t hab?. Er hatte auch seine Braut beauftragt, bei demMmne" und Fritz" 100 Mark für einen De neidiger zu holrn. Run gibt Me>.inger selbst zu. dem Mädchen bt> 100 Mark gegeben zu haben. E.ne R?iX von Polizeibeamten aus Frankfurt unb Mann heim bekunden, Metzstger werde allgemein tn Ver­brecherkreisen, bei der Polizei u id in dem Spitz- r.amen°Berz i l)mi5 aiSZig unerfr 6" be^e ch et Auch dieHansi", ©apntxFJ Draut, hat Ga» pinsll selbst verraten und der Polizei gegenüber {'ne 3 Mitangeklagten als die Mittäter bezeichnet. Endlich Ivot auch Me inger selb t im GefängnS zu Mannheim angegeben, trenn Mächolb und Ga- prnski ihn hereinbrüchten, bringe er sie auch her­ein wegen drr Marburger Saä)e. Auch Biehlen hat im hiesigen Gefängnis dem Mächolb in einem ihm zugeschmuggclte.t Brief gebroht. er möge nut schweigen, sonst werde er auch verraten.

Mächolb ist wegen Diebstahls zweimal vor­bestraft, aber erst 22 Zahre alt; Gapinski ist einmal wegen Diebstahls vorbestraft und steht in Marburg wegen bes Einbruchs in die Gruft der Hl. Elisabeth unter Anllage: Mehi'ger ist häufig vorbestraft, er verdutzt eben wegen Dieb­stahls in Marienfchloß eine vieFährte Zucht­hausstrafe: Diehlen ist gleichfalls häufig unb schwer vorbestraft.

Den Geschworenen wurden 20 Fragen vor- gelegt, je fünf bezüglich jedes Angeklagten nach Versuch der räuberischen Erpressung unb deS schweren Raubes in einheitlichem Zusammenhang, nach Versuch des schweren Diebstahls, Rücktritt vom Versuch und mildernden ilmflänben.

Am zweiten Tage um V36 älhr abends be­ginnen die Plädoyers, die über 6 Stunden in An­spruch nehmen. Der Staatsanwalt beantragte Verurteilung sämtlicher Angeklagten wegen Ver­suchs der räuberischen Erpressung und schweren Raubes. Es handle sich um einen genau geplanten und organisierten ilcbcrfall einer einsam gelege­nen Mühle durch die vier Täter. Der Besitz Der Revolver zeige auch, daß sie einen ihnen entgegen­tretenden Widerstand zu brechen bereit waren. Auch Metzinger und Diehlen seien schuldig, denn nur sie seien derFritz" unb derKarl". Rück­tritt vom Versuch könne überhaupt nicht in "Be­tracht kommen. Mit Rücksicht auf die Schwere der Tat müßten den Angeklagten die mildernden ilmflänbe versagt werden; es handle sich hier um Frankfurter Verbrecher, sogen.Klingelfahrer", gegen welche die friedliche oberheffische Land­bevölkerung gefchützt werden müsse. Auch daß die Tat gerade in der Ehristnacht verübt worden, sei sttaferschwerend. Die religiösen Gefühle des Volkes müßten geschützt werden, ganz gleich, wo­hin einmal der politische Kurs gehe. Die Ver­teidiger des Metzinger und Diehlen beantragten die Freisprechung ihrer Klienten, ein schlüssiger Beweis für ihre Täterschaft sei nicht erbracht. Der Verteidiger des Mächolb beantragte; diesen nur des Versuchs des schweren Diebstahls fcbulbig zu sprechen; auch trat er wie Gapins5rs Verteidiger für mildernde ilmi'tänbc ein. Auch die Angellagten, namentlich Metzinger und Diehlen nahmen noch zu längeren Ausführungen das Wort.

Die Geschworenen verkündeten nach übet li/oftünbtger "Beratung ihren Spruch; sie schlosfen sich in vollem Umfange dem Standpunkt des Staatsanwalts an, insbesondere versagten sie noch allen Angellagten die mildernden Umstände Hierauf beantragte der Staatsanwalt gegen- chold 3 Zahre 3 Monate, gegen die drei übrigen Angellagten je 6 Jahre Zuchthaus unb Ab­erkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf fünf bzw. 10 Jahre Das Gericht verurteilte alsdann Mächolb zu einer Zuchthausstrafe von 3 Zähren unb bie übrigen Beschuldigten, Ga­pinski, Metzinger unb Diehlen, zu je 5 Zähren Zuchthaus, Ehrenstrasen nach Antrag.

Das Urteil deS Gerichts wurde gegen 4 Uhr morgen- verkündet.

Gießen, 17. März 1922.

Bor den Geschworenen stand der Händler Georg Wilhelm Giebenhain von Dllbei wegen

Die Pforte des Paradieses.

Roman von Zngeborg Vollquartz. Ueberse-ung au? b m Dänischen.

14. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)

Und weiter hat er nichts gesagt, als daß.bu eine gute Kranke..pslcgettn seist?" fragte Frau 5nger ungeduldig.Unb das, meinst du, sei das­selbe wie ein Versprechen!"

Mein, das glaube ich nicht gar nicht ganz unb gar nicht!" wehrte sich Malwine.Er Hal weiter gesagt: ,Zch wollte, meine Pflegerin­nen draußen in der Klirrik hätten ein wenig von Ihrer Geduld, Fräulein.^ Za, wenn das nicht ein Ancrb eten ist bu verstehest, das An­erbieten eines feinen Mannr-s, bie Art, wie ein taktvoller Mann einem die Stelle einer Kranken­pflegerin anbietet dann

Was, bann?"

Za, so habe jedenfalls i ch es ausgefaßt," versicherte Malwine.Denn wenn er nicht das mit seiner Freutidlichkeit gememl hat du ver­stehst daß er mir eine bessere, unabhängigere Stellung anbieten wollte, so muß er etwas an­deres gemeint haben ich meine etwas "Besseres du verstehst doch"

Rein, keine Silbe," versicherte 3ngcr, die um keinen Preis Malwine in ihren allzu hofsnungL- fteabigen Gedanken bestä.ken trolle.Denn du kannst doch wohl nicht meinen, daß dir Herr Tvktor Rvback damit einen Heiratsantrag ge­macht Hube?"

Ach, wie kannst du das so plump aasspre- Cttnl rief Malwine vorwurfsvoll. »Tu weißt

doch, daß ich meine Stellung genau kenne. AVer wenn ba sehen könntest, wie er gegen mich ist, Inger, wenn da sehen könntest, wie er mich mit den Blicken verfolgt, ich sage dir, mich ver­folgt -"

Ellen, jetzt gehst du aber zu Dtt'1" sag e Frau Inxer und ärgerte sich selbst dur b~r, daß ihre Stimme so scharf klang.Sag gute Rächt und geh zu Bett."

Zögernd stand Ellen auf.

Gerade als ob ich zehn Zahre alt wäre und nicht hören dürfte, was die G o'ten reden," murrte Ellen.Gute Rächt, Mutter I" fügte sie etwas milder binui und küßte bie Muster auf bie Wange.Gute Rächt, Malw ne. dumm morgen wieder, wenn bu kannst, und lege mir einen Stern.""

Liebe Inger!" rief Malwine rcnev"ll, nach­dem Ellen bie Tür hinter sich -u emachi Hütte; bist bu böse darüber, daß ich bas von dem Dek° tor vor Ellen gesagt habe? Bist bu böse? Sie macht boch schon einen ganz erwachsenen Ein­druck, man könnte meinen, sie fei schon acht^elm Ellen ist sehr begabt ungeheuer begabt ia, sehr begabt.

Tas mag sein, Malw'ne, aber ich mag e"? dennoch nicht, baß du tn dieser Weise vor ihren Oh.en spttchst."

Darm lasse ich es sein, llebste Ing^r, dann lasse ich es fein, von solchen tr*i' soll- ich nur sagen von solchen persönlichen Di: gen zu reden. Richt um alles in der Welt möchte ich etwas tun, das dir nich" lieb ist mich' um alles in der Welt. Du bist doch immer so reizend gegen mich gewesen niemand war es so wie du

niemand durchaus niemand. Wenn ich das nächstemal komme, rede ich von Bin men duft unb alten Erinnerungen."

Man kann dir nöcht böse sein, febe Mal­wine," sagte Inger, versöhnt von der unend­lichen Gutmütigkeit, mit brr diese Versicherung abgegeben wurde.Ich könnte es auch gam gut begreifen, wenn dich der Doktor gerne als Sie­gerin in, seiner Klinik haben-hte."

G ehst du!" zw. sherte Maiw.ne vergnügt. Siehii .41 siehst du!"

Er kann büch aber trotzdem nicht gebrauchen," unterbrach sie 5'au Borris.D.e Krankenpfle­ge: i^nen dort brau en braue:ien Riesenk.äftc, und er Twktor sieht doch d iner feinen, zar en Ge­stalt an, daß bu nicht zu so harter.Arbeit taugst.""

Rein, wenn es har e A beit ist. bann hat er das nicht gemeint," sagte Malwtne mit lieber» Zeugung.DaS hat er nicht das weiß ich ganz gewiß denn so wie er mich mit den Augen verfolgt so wie er mich mit bea Augen ver­folgt nein, nut mutzt du nicht w'.eder schelten ich habe ja außer dr niemand, dem ich mich arrüertreum könnte und ich versichere dir ich g[cu e. bah er bab er ach, sieh mich doch, nicht so streng anf"

Frau Borris stand auf unb zog Malwine mit sich vor ben großen Spiegel, der über der breiten, altmodischen Komode b ng.

Malwine, s eh doch einmal!" fig"e sie sanft. 3<b" toill nicht st eng gegen dich fein, ba sollst dictz nur nicht selbst -um Rarren haben."

' o(3a, ich weiß wohl, baß ich nicht schön bin," sagte" sie halb schmouend. .3d) bin meiner Leb­tag keine Schönheit gewesen nein, das bin ich nie gewesen," verjicherte fie, als ob ihr je­

mand widersprochen hätte.Das hat Rikolah auch immer gesagt. .Du bist nicht, was man schön heißt, Malwine," hat er getagt. .Aber etwas hast bu. was noch viel schlimmer ist du hast bte Herren am D inkel/" Unb als Frau 3nger auf bte Rede nicht gleich eine Antwort fand, fuhr sie fort, während sie sich zum Gehen bereitmachte:Du brauchst übrigens gar nicht bange zu sein, liebste Znger. denn ich beträte nie mehr nie nie, ich vergesse Rikolah nicht."

Tas glcu5e ich dir. Malwine," sagte Frau Dorris.Tu bist eine treue Seele."

.Za. bas bin ich dus b i n ich," versicherte Frau Malwine unb strich sich energisch die Hand- schu> glatt

Frau 3nger sah aus, als Überlege sie sich etwas.Höre, R^tlwi^e," sagte sie plötzlich Wenn bu gerne etwas Abwechslung in der Arbeit haben möchtest, so töimteft bu mich eine Weile bet meinem Musikunterricht bertre en. Zch möchte gern in bei nächsten Zeit zu Hause bleiben kön­nen. unb möchte boch nicht, daß sich meine Schüler verlaufen."

Liebste 3nger bitte mich um alles andre, nur nicht darum! Zch kann es nicht ertragen, Kinder klimpern zu hören eins, zwei, drei, vier bas kann ich nicht heiß es wie du willst ich will dir schreLich gerne beistehen schrecklich gerne aber das kann ich nicht nein, durchaus nicht.'"

Ach. ich hatte nur gedacht, eS mache dir viel- leich-t Vergnügen."

(Fortsetzung folgt)