Mtag, 18. August 1922
172. Jahrgang
der Akten des Auswärtigen
ist
Heutiger Staub des Dollars
1175
Kampfe mit roten
fünften»
worden.
Je weiter ba8 Werk vorrückt, desto mehr derartige Ausblicke werden sich aufdrängen, für heute nehmen wir von ihm Abschied mit tiefstem Respekt vor dem gewaltigen Können und dem reinen Wollen des Fürsten Bismarck und seiner Mitarbeiter.
Der „Berl. Lokalanz." meldet aus ßotr bon: Enver Pascha hat am 4. August süd
zu sichern und sich selbst ein Faustpfand zu verschaffen: „für Europa sei die Möglichkeit eines englisch-russischen Krieges eine viel größere Kalamität als diejenige eines russisch-türkischen." Ein Politiker, der, wie oft böswillig behauptet worden ist, schwarze Pläne gegen Frankreich im Schilde führte, hätte gewiß die Möglichkeit benutzt, Rußland mit England und Oesterreich zum Konflikt zu treiben, um die Hände gegen Frankreich frei zu haben. Bismarck hat sich dagegen bemüht, „dem Lord Salisbury das Mißtrauen gegen Kaiser Alexander möglichst zu benehmen".
Enver Pascha im Kampfe gefallen.
10 Uhr vormittags:
Berlin 1180. Frankfurt a. M. 1165
e sich gegen eine Koalition Oester»
' ~ ~ "stand
Der Reichskanzler gegen die Behauptungen Pomcares
ktt.M
Erscheint täglich, cmtzer Sonn- und Feiertags, mit derSamstagsbeilage: GiehenerFamilienblätter Monatlich« Stzugspreift: Mb. 29.- und Mk. 3.- Trägerlohn,durch diePost Mk. 32.—, auch bei Nichterscheinen einzelner Nummern infolge höherer Gewalt.- Fernsprech- Anschlüsse: für dieSchrift» leitung 112; für Verlag und Geschäftsstelle 51. Anschrift für Drahtnach- richten: Anzeiger Siege».
postscheÄonio:
Frankfurt a. M. 11686.
Annahme von Anzeige! für die Tagesnummer bis zum Nachmittag vorher ohne jede Verbindlichkeit. Preis für 1 mm höhe für Anzeigen v 34 mm Breite örtlich 150 Pf., auswärts 180 Pf.; für Reklame- Anzeigen von 70 mm Breite 500Pf. Bei Platz- Vorschrift 20 »/o Aufschlag. Hauptschriftleiter: Aug. Goetz. Verantwortlich für Politik: Aug. Goetz; für den übrigen Teil Ernst Blumschein; für den Anzeigenteil: Hans Beck, sämtlich in Gießen.
Die Veröffentlichung ! gewann^beglÄndeteE kms^^mtt^^d^^Dehau^wirg, QTfoton I muff;
Amts seit 1871.
Bon Prof. D r. Roloff.
II.
Diel neues Licht fällt auf die Beziehungen Deutschlands zu Rußland. Es ist ja allbekannt, daß Bismarck wie jeden europäischen Krieg so besonders einen deutsch-russischen für ein ungeheures Unglück gehalten hat, da Deutschland selbst im Falle eines Sieges nichts von Rußland erwerben könne. Aber mit bisher unbeftinnter Deutlichkeit geht aus den Aktenstücken hervor, daß Bismarck schon sehr früh einen solchen Krieg für keineswegs unmöglich gehalten hat. Obgleich Deutschland sich nie zu irgendwelchen „feindlichen diplomatischen Manövern" gegen Rußland hergab, obgleich es ihm 1871 in der Pontuskonferenz, die Rußland von den drückendsten Fesseln des Krim- krieges befreite, einen großen Dienst geleistet hatte, bestand in Rußland doch eine stark antideutsche Richtung, die vornehmlich von Panslawisten geführt wurde. Tlnd daß Fürst Gortschakosf, der Leiter der auswärtigen Politik, diesen Kreisen nahestand, war mindestens seit 1875, wo er Bismarcks Aktion gegen Frankreich in illoyaler Weise zu durchkreuzen versucht hatte, unzweifelhaft. Einen Schutz gegen den maßgebenden Einfluß dieser Sttömungen auf die auswärtige Politik sah Bismarck einstweilen in der deutschfreundlichen Gesinnung Zar Alexanders II., aber er war keineswegs unbeeinflußbar, und Bismarck fürchtete, daß ihn ein Irrtum über die wohlwollende Rachbarschaft Deutschlands „zu fe^er- haften und für beide Reiche nachteiligen Entschlüssen veranlassen" könne. Mtt großer Sorgfalt hat er deshalb gerade den Zaren — zum Teil durch direkte persönliche Einwirkung des Äai= sers — über die deutsche Politik zu unterrichten gesucht und immer wieder betont, daß Deutschland an den orientalischen Dingen, insbesondere an der Erhaltung des Osmanenstaates, fern Interesse habe, indessen alle Bemühungen waren umsonst, da Rußland in seinem Streben nach Zertrümmerung der Türkei und Beherrschung der Balkanhalbinsel auch die österreichischen Interessen nicht schonte und, von Deutschland im Herbst 1876 mit einer von Bismarck tzef empfundenen Ueberhebung Duldung oder gar Unterstützung dieser Politik, die mit Riederwerfung Oesterreichs rechnete, begehrte.
. ußland müsse sich gegen eine Xt>niuu>n ucilec» reich-Frankreich-Eng and in Verteidigung zustand setzen. Eine lächerlicye und unglaubliche Erfindung, sagte Bismarck. Diese und andere Ereignisse zwangen schließlich Deutschland zum Bündnis mit । Oesterreich: „die anspruchsvolle Se bstükeSchatzung ' der Russen", schrieb Bismarck an Kaiser Wilhelm ] (7. September 1879), „hat sich gesteigert und zwingt Europa, gegen die Gefahren auf der Hut zu bleiben, die der Chauv'N' VamHmen
Cäsarentums für unseren Frieden heraufbeschworen kann. Den einzigen to^u-j ge^eu diele Gefahren sehe ich nicht im Dertrauen auf die unsichere Freundschaft Rußlands, sondern nur in unserer Entschlossenheit, uns zu wehren, und in dem Zusammenschlüsse der bedrohten Rachbarn Rußlands zu gegenseitiger Derteidigung".
Das nach hartem Kampfe mit.dem Kaiser, der auf die Loyalität des Zaren vertraute und in dem Bündnis mit Oesterreich ein unverdientes Mißtrauen gegen ihn sah, veränderte den Grundcharakter der deutschen Politik nicht. Rach wie vor suchte Bismarck die freundschaftlichen Beziehungen zwischen den 3 Ostmächten zu erhalten, und es gelang dem Schwergewicht des neuen Bundes, Rußland zur Vertagung seiner orientalischen Angriffsabsichten zu bestimmen. Für mehrere Jahre trat das Dreikaiserbündnis wieder ins Leben, durch geheime Abmachung sicherten sich die drei Mächte wohlwollende Reuträlität in allen etwaigen Verwicklungen zu, und mit Hilfe dieser Kombination gelang Deutschland der Eintritt trt die Kolonialpolitik ohne gefährliche Reibungen. Mitte der 80er Jahre freilich kam die Freundschaft wieder ins Wanlen, da Rußland und Oesterreich in der bulgarischen Krisis entgegengesetzte Anschauungen bertraten. Rußland lehnte daher die Erneuerung des Reutralitätsvertrages mit Oesterreich im Jahre 1887 ab, Deutschland behielt den feinigen mit Rußland (den sog. Ruckversicherungsvertrag) bei. Gegen das Bündnis mit Oesterreich verstieß er nicht, da er ausdrücklich die Bündnispflicht Deutschlands in einem russischen Angriffskriege gegen Oesterreich wahrte. Auch daß Deutschland den Russen freie Hand in Bulgarien und auf dem Schwarzen Meere ließ, war mit der bisherigen Politik durchaus im CinF klang, denn Bismarck hatte oft genug öffentlich erklärt, daß er keinen Anlaß habe, Rußland in diesen Gebieten entgegenzutreten. Aber auch in dieser Zeit war eine wirkliche Sicherheit gegen Rußland nicht vorhanden, denn die Prehagitation der Katkow und Genossen ging weiter,_ und Vertrauen in die inneren russischen Zustände hegte der Fürst nicht mehr als früher: „auf den möglichen Bruch der russischen Freundschaft infolge revolutionären Drucks oder Aufruhrs müssen wir mit und ohne Vertrag gefaßt bleiben", schri^ er während der Verhandlungen über den Ruckversicherungsvertrag (März 1887).
Es ist begreiflich, daß Bismarck angesichts der russischen Unzuverlässigkeit und der steigenden Kriegslust Frankreichs auch die englischen Cpe» Ziehungen zu pflegen suchte. Selbst ein englisch- russisches Bündnis hat er nicht für unmöglich gehalten. Der Gedanke eines englisch-russischen Bündnisses, schrieb er 1885 dem Kaiser, werde von den Panslawisten, den Trägern der Kriegsidee, gehegt und sei auch der Partei Gladstone nicht fremd. Diese Allianz habe die Möglichkeit, „sich jederzeit nach Bedürfnis durch Frankreich zu verstärken; es wäre die Basis für eine Koalition gegen uns gegeben, wie sie gefährlicher Deutschland nicht gegenübertreten kann". Mit Eifer hat er deshalb England näher an den Dreibund heranzuführen gesucht und manche kolonialen Projekte beschränkt, um Schwierigkeiten mit England zu vermeiden. Er hatte Erfolg. Ein Abkommen zwischen England, Italien und Oesterreich kam zustande (1887), wodurch die Mächte „sich zur gemeinschaftlichen Aktion bezüglich der Aufrechterhaltung des Statusquo im Mittel- meer und im Schwarzen Meere verpflichteten . Da ein Zusammenstoß zwischen Deutschland-Oesttr- reich und Rußland höchst wahrscheinlich zur Gefährdung dieses Zustandes führen mußte, konnte man also auf Englands Beistand in einem etwaigen Kriege mit Rußland rechnen.
Fürst Bismarck ging aber noch .weiter. Er trebte nach einem Verteidigungsbündnis mit England gegen Frankreich, ein Gedanke, der bei Lord Salisbury zwar lebhafte Sympathie fand, aber mit Rücksicht auf die parlamentarische Lage nicht ausgeführt werden konnte. Bei jedem tieferen Blick in die diplomattsche Geheimgeschichte sieht man immer wieder, wie weit sich Fürst Bulow und Herr v. Holstein im Jahre 1901 von Bismarcks Bahnen entfernten, als sie das englis^ Bündnisangebot zu Fall brachten, in der Meinung, daß England und Rußland sich uie verständigen könnten und daß ein deutsch-englisches Bündnis Deutschland in englische Dienstbarkeit führen müsse. Damals ist der erste entscheidende Schritt auf dem Wege zum Verderben getan
Man weiß, daß Deutschland unmöglich Oesterreichs Tleberwältigung ruhig mitansehen tonnte, weil es dann jedem Einverständnis zwischen Frankreich und Rußland aasgeliefert gewesen wäre, und es ist überaus interessant, zu verfolgen, wie Bismarck versucht hat, die russische Feindseligkeit gegen Oesterreich einzudämmen und zwischen beiden eine Einigung zu vermitteln. Einzelheiten können hier wegen der Kompliziertheit des Problems nicht gegeben werden, bezeichnend ist aber, daß der Kanzler auch in der orientalischen Frage, die seitdem die europäische Politik nicht mehr zur Ruhe kommen ließ, das europäische Friedensinteresse im Auge hatte. Da Rußland seit Schluß des Jahres 1876 einen Krieg gegen die Türkei plante, war die Wahrscheinlichkeit eines englischen und österreichischen Eingreifens, und damit die Gefahr eines europäischen Krieges vorhanden. Bismarck riet in London wie in Wien dringend, jeden Bruch mit Rußlands zu vermeiden und lieber durch Des hang irgendeines Teiles des türkischen Gebiets dieses vor Rußland
nach Berlin ab.
München, 17. Aug. (WTD.) In der Rckchmittagsbesprechung der Koalitionspar« teien, an der sämtliche OMnifter teilnahmen, wurde eine vollkommene Einigung darüber erreicht, daß die zwischen Berlin und München erzielten Vereinbarungen in derbeschlvssenen Formt nicht angenommen werden tonnten, sondern daß eine Reihtz von Ergänzungen notwendig sei Anschließend an diese Besprechungen fand ein Ministerrat statt, in dem zu den Be- schlüsscn der Koalilionsparteien Stellung genom- me nwurde Der Ministerrat wird hiernach die notwendigen Schritte bei der Reichsregierung ungesäumt einteiten.
Die erste Sitzung des Reichseisenbahnrats.
Berlin, 17. Aug. (WTB.) Die heutig erste Sitzung des Reichseisenbahnrates eröffnete Staatssekretär Stieler, der vom Reichspräsidenten zum Vorsitzenden des Reichseisenbahnrates ernannt worden ist, mit folgenden Ausführungen: 2m Auftrage d^ Reichs- Verkehrsministers, der durch eine unaufschiebbare Dienstreise am Erscheinen verhindert sei, drücke er feine Freude aus, daß nach langwierigen Verhandlungen es gelungen sei, den nach der Reichsverfassung ihm beigegebenen Rat zur Verhand- lung der Verkehrs- und Tariffragen zu berufen. Die Mitglieder, zu denen gegen früher auch Dcr- treter der Verbraucher und Arbeitnehmer getreten waren, begrüßte er herzlich. Im Gegensatz zu der früheren Hebung der Länder habe die Reichs- regierung darauf verzichtet, ihrerseits die Mitglieder für die Landeseisenbahnräte und den Reichseisenbahnvat zu bestellen, und dies dem Reichswirtschaftsminister überlassen. Im Vordergründe der Aufgaben des Reichseisenbahnrates stehe die Begutachtung der Tarifmah- nahmen der Verwaltung. In letzter Zeit
Die Erkenntnis, daß das Reparationsproblem ein Weltprvblem darstelle, habe besonders in der angelsächsischen Welt und in Italien große Fortschritte gemacht. Allein, wenn aus dieser Erkenntnis keine politischen Folgerungen gezogen würden, gehe es, tote es Deutschland im Kriege gegangen sei: Man kommt zu spät und kann eine soziale Katastrophe für Europa nicht meh r ab wenden. Die deutsche Regierung hat die Pflicht, dafür zu sorgen, daß das deutsche Volk Brot hat für das Spätjahr und den schweren Winter. Ich verweise auch auf die Folgen der Geldentwertung für die Durchführung der Getreideumlage. So zerbricht alles in unseren Händen, was wir politisch, staatlich und sozial geschaffen haben. Was gewinnt Frankreich aus seiner Politik? Es gewinnt nichts, denn es macht Deutschland nur reparationsunfähig. Auf die TlnMöglichkeit der Gold- leistungen muh natumotwendig die älnmöglichkeit der Sachleistungen folgen. Von der dritten Stufe der Verelendung, die kommen könnte, will ich nicht sprechen. Was dann folgt, das ist nicht mehr Gegenstand der Politik, sondern höchstens des Geschichtsschreibers.
Die ReparstisnskommWon.
Paris. 17. Aug. (WB.) Die Delegierten der Reparationskommission traten heute im Hotel Astoria zusammen und hatten Besprechungen, um, wenn möglich, zu einer Lös ing zu kommen, die die Interessen Frankreichs wahrt und zugleich für die anderen Regierungen annehmbar ist. Eine amtliche Sitzung im eigentlichen Sinne findet heute nicht statt. Ein Bericht wird heute nicht ausgegeben.
Paris. 17. Aug. (WB.) Zu den heute begonnenen Verhandlungen der Reparationskommission teilt das „Journal des Döbats mit, die Delegierten seien auf der Suche nach einer Einigungsformel, die den Interessen Frankreichs^ des Hauptgläubigers, Rechnung trüge, aber aich die anderen Gläubiger zufriedenstelle. Es seien Bemühungen um eine Abschwächung der Gegensätze festzustellen, die man unterstreichen müsse. Im Augenblick scheine nicht die Berechnung der Stimmenzahl, die auf dieses oder jenes Proiekl entfallen könnte, sondern mehr die Möglichkeit eines Kompromisses vie Hauptsache zu sein. Seit gestern hätten die Delegierten untereinander private Unterredungen gehabt^ Das Dekanntwerden der Antwort der Reparationskommission sei also nicht vor zwei oder drei Tagen zu erwarten.
Zuziehung von Vertretern der deutschen Negierung.
Bayern und das Reich.
Berlin, 17. Aug (Priv.-Tel.) Münchener Meldungen zufolge hat der Parteiausschuß der Bayerischrn Dvllspartei eine Entschließung gefaßt, in welcher das Bedauern ausgedrückt wird, daß durch das geringe Maß an Entgegenkommen, der Reichsregierung die Vereinbarung vom 11. August nicht alles enthalte, was zur Wahrung der staatlichen Selbständigkeit und der Hoheits- rechte Bayerns verlangt werden müsse. Ferner wird die Hoffnung ausgedrückt, daß es gelinge, die noch bestehenden Bedenken zu beseitigen. Bis dahin aber müsse die Verordnung der bayerischen Staatsregierung vom 24. Juli in Kraft bleiben itnd der Kampf für die baldige Aushebung der Schntzgesehe und Sicherung und Erwei'erung der bayerischen Hoheitsrechte fortgesetzt werden.
Berlin, 18. Aug. Die Morgenblätter berichten aus München, daß Graf Lerchenfeld es abgelehnt haben soll, zum zweitenmal als älnterHändler nach Berlin zu gehen. So wird diesmal eine aus anderen Regierungsvertretern zusammengesetzte Kommission nach Berlin fahren, die ganz bestimmte Wei- sui'gen hat. Wie die „Deutsche Allgemeine Ztg.' wissen will, reift diese Kommission heute bereits
ausgezeichneten Eindruck zurückgelassen hätten, ind daß es ihnen durch diesen möglich geworden fei, die Bedingungen des ersten Moratoriums zu regeln. Wenn die Delegierten wirklich mit der deutschen Regierung verhandeln wollten, gäbe es zwei Methoden, sie in Berlin aufzusuchen, ober nach Paris kommen zu lassen. Heber diese Frage hat die Kommission gestern beraten, sie " aber noch zu keiner Entscheidung gekommen.
Berlin, 17. Aug. (WTB.) Der Reichs- r a N z l e r empfing gestern abend eine Anzahl Ver treter ausländischer Zeitungen und erklärte ihnen über den Stand 'der Reparationsprobleme u. a.: Die Konferenz in London ist unter ülmständen zu Ende gegangen, die nicht nur die dringend nötige Klärung der europäischen Lage nicht gebracht haben, sondern vielmehr noch größere Unsicherheit zurücklassen werde, als sie vorher bestanden habe. An der Behauptung Poin- carös, Deutschland habe der Tschechoslowa- kei eine Anleihe von vier Milliarden angeboten, sei kein wahresLb orttEbenso unrichtig sei die Behauptung, daß Deutschland Banken in Dänemar k, Rumänien und Holland gegründet h a b e mit der Absicht, den Verkauf der Mark im Ausland zu erleichtern. Wenn der französische Ministerpräsident behaupte, Frankreich brauche eine Beteiligung von 60 Prozent an der deutschen chemischen Industrie, um die Herstellung von Giftgasen zu vechüten, so müsse demgegenüber darauf hingewiesen tnerbert, daß der Friedensvertrag den Alliierten Möglichkeiten genug gebe, diese Betriebe daraus zu kontrollieren, daß keine Giftgase 'hergestellt werden. Diese Behauptung seieinfachei nD o r w a n d dafür, daß man in die Geschäftsverfahren der dentschen Industrie eindringen und ihre Konkurrenz beseitigen wolle. Heute sei die Mark auf V250 ihres Friedens- betrages gesunken. Diese Tatsache mache es unmöglich, für Barzahlungen an die Alliierten ausländische Zahlungsmittel auf dem Devisenmarkt zu kaufen. Hätte London zu einem vernünftigen Ergebnis geführt, dann stände der Dollar vielleicht wieder auf 400 ober 500 und das Vertrauen der Welt in die deutsche Kreditfähigkeit wäre teil» weise wieder her gestellt. So aber sei auch zunächst die internationale Anlei'he zerschlagen worden, die allein Frankreich schnell in den Besitz großer Barmittel hätte bringen können. Der Reichskanzler wies bei einem späteren Empfange noch mit größtem Rachdruck darauf hin, daß er sich ein Weiterleben des deutschen Volkes im Rahmen unserer staatlichen Ordnung bei völlig entwerteter Valuta schwer denken könne.
Dieselbe diplomatische älnterstühung hat der Reichskanzler der russischen Polittk auch in den weiteren Phasen der Dalkantoirren, vor allem auf dem Berliner Kongreß, angedeihen lassen, hat doch niemand geringeres als Graf Schuwalow einer der Hauptvertreter Rußlands auf dem Kongreß, dem Zaren gegenüber betont, „daß die 'deutsche Politik sich offen als eine Rußland freündliche und eminent nützliche bei dem Kongreß betotefen habe". Aber die Flut der pcuiflavisti- schen Strömung stieg trotzdem immer hoher, immer schwächer wurde die Hoffnung auf erfolgreichen Widerstand des Zaren. Schon kurz nach dem Türkenkriege (Mai 1878) fällte Bismarck das herbe Urteil, daß es in Rußland keine „stramm^ sparsame, feste Regierung" mehr gebe und daß im ganzen großen Reiche keine Männer vor- banben seien, eine solche zu begründen: ball danach berichtete der deutsche Botschafter in Petersburg, daß die älnterwühlung der Regierungsautorität durch die Presse stetig fortschritt und die Minister gar nicht wagten, „gegen gewisse für national mid volkstümlich gellende Strömungen anzugehen". Ja, die Regierung ftirchte sich, „eine Presse zu zügeln, durch welche sie wider Willen in den Türkenkrieg getrieben wurde, und sehe es nicht ungern, wenn der öffentliche Unwille sich von der eigenen Regierung ab und gegen .das Ausland, d. h. gegen Deutschland, wendet". Also selbst bei gutem Willen diw Regierung war nichts gegen die deutschfeindliche Hetze zu erreichen. Aber dieser gute Wille war gar nicht vorhanden. Denn Rußland vermehrte seine Truppen, insbLsondere in den westlichen Provinzen, unausgesetzt, und der Kriegsminister Mib-
Der britische Botschafter bei Poincar^.
Paris, 18 Aug. (WTD) Ministerpräsident Poincars empfing gestern nachmittag den britischen Botschafter Lord Hardinge.
Frankreich als Schuldner Amerikas.
Paris, 18. Aug. (WTD.) Die (Blätter melden aus Washington, daß der französische älntephändler in der Frage der Kriegsschulden bei Amerika, Parmentier, am nächsten Mittwoch Reuyork verlassen wird. Cs wird hinzugefügt, daß Parmentier gestern beim Schatzamt vorgesprochen und Staatssekretär M e l l 0 n g e von seiner Abberufung in Kenntnis gesetzt habe. Er habe dabei sein Bedauern ausgesprochen, daß es seiner Mission nicht gelungen fei. irgendetwas über die Fundierung der französischen Schuld zu erreichen. Seit einiger Zeit sei es bereits offenkundig gewesen, daß die Mission Parmen- tiers keinerlei Erfolg habe und wahrscheinlich auch keinerlei Aussicht auf einen solchen vorhanden war. Mit der Zeit habe sich sowohl in England als auch in Frankreich die äleberzeu- gung festgesetzt, daß es das Gebotene sei, daß sich zuerst England über die Fundierung seiner Schuld mit Amerika verständige und daß bann Frankreich und Italien ihrerseits Abmachungen träfen auf Grund der amerikanisch-englischen Vereinbarungen.
GichenerAnzeiger
General-Anzeiger für Gberhesien
Druck rmd Verlag: Vrllhl'sche Univ.-Vuch- und Stekndnrckerei H. Lange. Zchriftleitung, Geschäftsstelle und Druckerei: Schulftratze 7.
Paris, 18. Ang. (WTD.) Wie der „Ma- tin“ berichtet, haben die Mitglieder der R e - Parationskommission gestern nachmittag die Frage erörtert, ob man, bevor die Entscheidung über das Moratorium getroffen wird, Vertreter der deutschen Regierung hören soll, etwa den Vorsitzenden ^r Kriegs- lastenkommission Staatssekretär. Dr. Fischer oder uuh. v- -.....—- Staatssekretär Bergmann oder den Reichs-
westlich von Buchara in einem verzweifelren 1 ftnanzminister Dr. Hermes Die Mitglieder der ’■ Truppen seinen Tod ae- Repararionsrommission hatten sich daran cvin-
| nert, daß Verhandlungen mit dem letzteren einen


