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Nr. 166 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Dienstag. (8. Juli 1922

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Deutscher Reichstag.

252. Sitzung vom 17. Juli 1922.

Der Gesetzentwurf über die Beseitigung des Notgeldes wird in allen drei Lesungen angenom­men. Danach soll alles Notgeld binnen drei Mo­naten nach Inkrafttreten des Gesetzes eingelöst werden.

Gs folgt die zweite Beratung des Gesetzent­wurfes gegen die

Notlage der Presse.

Der Ausschuß sieht in der Regierungsvorlage das Mindestmaß dessen, was zur Unterstützung der Presse geschehen muß. Gr will außer der Abgabe von 1/2 Prozent der Holzverkaufspreise die gesamte Ausfuhr mit einer Sonderabgabe von 11/2 Pro Mille zugunsten der Presse belasten. Weiter wurde gewünscht, daß nicht nur die poli­tische Tagespreise, sondern auch die gewerkschaftt sichen, genossenschaftlichen und wissenschaftlichen Zeitungen und Zeitschriften unterstützt werden. Die Regierung hat die Berücksichtigung dieser Wünsche in den Ausführungsbestimmungen zu­gesagt. Grundsätzlich wurde festgestellt, daß bei der Berechnung der Rückvergütungen an die Zeitungen nach dem Papierverbrauch das für den Inseratendrucl verbrauchte Papier nicht berück­sichtigt werden soll. Die Geltungsdauer des Ge­setzes wird vom 31. Dezember 1923 bis zum 31. März 1924 verlängert.

Reichswirtschaftsminister Schmidt hält es für zweifelhaft, ob das Gesetz die von der Presse erhoffte günstige finanzielle Wirkung haben werde. Leider sind in den letzten Monaten viele Zeitungen ein gegangen und andere sind in finanzielle Schwie­rigkeiten geraten. Wir können die Presse nicht der skrupellosen Preisgestaltung der Papier- mdustrie preisgeben. Für einen demokratischen Staat ist eine unabhängige Presse eine Notwen­digkeit. Die bedrückte Lage der Presse fordert auch die Gefahr einer gewissen Korruption, wie sie bei einem Teile der ausländischen Presse schon besteht. (Rufe bei den Kommunisten: Bei uns auch schon!) Der Versuch, erhebliche Beträge für die notleidende Presse aus dem Holzverkaufe hercmSzuholen, mußte sich angesichts der- Wider­stände auf eine Abgabe von 1 Proz. beschränken. Gegen die Abgabe für sämtliche Ausfuhrartikel von P/s pro Milli wie sie vom Ausschüsse be­schlossen worden ist, hat die Regierung keine 'Bedenken.

Abg. Höll ein (Kom.) begründet die An­träge, wonach die Abgabe vom Holzverkaufe von 7» Pvoz. auf Zi/2 Prvz., die AuSsuhrabgabe von P/2 pro Mille auf 1/2 'Prvz. erhöht werden soll. Das Gesetz soll bis 1925 gelten. Höllein fortfah­rend: Die Regierungsvorlage bringt uns einen kleinen Fortschritt.

Reichswirtschaftsminister Schmidt wendet sich gegen einen Zentrumsankrag, der die Ab- gabefreiheit volkswirtschaftlicher Grundstücke von 10 Hektar auf 80 Hektar aus dehnen will. Bei der Annahme dieses Antrages ttnirbe die Holz­abgabe ganz unwirksam werden. Die Abgabe ist übrigens so gering, daß sie bei den großen Gewinnen der Holzverkäufer gar nicht ins Ge­wicht fällt.

Die kommunistischen Anträge und der Zen- tcumsarrtrag werden abgelehnt. Angenommen wird ein Antrag Bruhn (Dnt.), Forst mann (Ztr.) und Genossen, wonach die Zeitungen mit geringerem Papierverbrauche bei der Rückver­gütung verhältnismäßig besser bedacht werden sollen als die großen Zeitungen. Im übrigen werden die Ausschußbeschlüsse bestätigt. Die Ver­abschiedung des Gesetzes in 3. Ltzsung kann nicht erfolgen, weil Abg. Hugenberg (Dnt.) wider­spricht. Die am Sonnabend wegen Deschluß- unfähigkeit abgebrochene zweite Beratung der Novelle zum Erbschaftssteuergeseh wird dann ab­geschlossen. Die Ausschuhbeschlüsse gerben im wesentlichen bestätigt.

Es folgt die zweite Beratung der

Zwangsanleihe.

Abg. Dr. Helff er ich (D.-N.) erkennt an, daß die Regierungsvorlage im Ausschüsse wesent­liche Verbesserungen erfahren hat. Die grundsätz­lichen Bedenken seiner Freunde gegen das Gesetz beständen dennoch fort. Die ungeheure Belastung der deutschen Wirtschaft mit 70 Milliarden sei in der jetzigen Zeit der Geldknappheit unerträglich. Tatsächlich bestehe eine Geldknappheit. Die deut­schen Aktienkurse haben seit November vorigen Jahres das Steigen des Dollars nicht mehr mit- machen können. Die neuen Aktien können gar nicht untergebracht werden. Industrie und Landwirt­schaft haben die größte Schwierigkeit, sich das nötige Betriebskapital zu verschaffen. Die Auf­hebung des Depotzwanges und die Wiederherstel­lung des Bankgeheimnisses kann der Notenham- sterei ein Ende machen. Bei der jetzigen Valuta kann das Ausland unsere größten wirtschaftlichen Die intoMeii m Sos.

Roman von Ernst Scherte!.

(4. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Immer wieder tastete sein Auge während des nächtlichen Rittes die Gegend ab, oft blieb er weit zurück und versuchte mit dem Fernglas die immer tiefer werdende Dunkelheit zu durch­dringen, doch nichts regte sich auf der weiten, welligen Fläche. Nur das Schweigen der Nacht summte um ihn

Trostlos trieb er sein Pferd zur Eile an. Zeder rollende Kiesel ließ ihn in freudigem Schrecken emporfahren, oft glaubte er deutlich hinter sich Rufe zu vernehmen doch es war nur der Wind, der über die einsamen, jäh empor­ragenden Felsen strich.

Silly war und blieb verschwunden

Fünftes Kapitel.

Doktor Perzelius befand sich in fieberhafter Tätigkeit. 2^chdem er mit seiner Reisegesellschaft unter Ueberwindung von vielerlei Schwierig­keiten wiederum in Kairo angelangt war, hatte er sofort einen Gang nach dem Hafen unternom­men. Er trug dabei die Kleider eines Matrosen nieberfter Art, und es war zur Vervollstän­digung der Maske kaum nötig gewesen, an sei­nem übrigen Aeuheren noch besondere Verände­rungen vorzunehmen. Niemand würde in diesem herabgekvmmen aussehenden Menschen mit un­gepflegten Haaren und Händen schlechter Haltung einen gelehrten und gewandten Kriminalisten ver­mutet haben. Er schlenderte, seine Pfeife im

Unternehmungen für ein Butterbrot kaufen. DaS kann auch für die deutsche Arbeiterschaft sehr ge­fährlich werden. Diese Gefahr würde außerordent­lich gesteigert werden durch eine Zwangsanleihe. Darum sollte man zunächst auf dem Wege der Freiwilligkeit eine Lösung der Finanzkrisis ver­suchen. Helfferich fährt fort, mit der Zwangs- anleihe würden aus Deutschland weitere wertvolle Stücke dem Moloch Reparationen in den Rachen geworfen werden. Es ist gut, daß die Regierung bei dem hohen Stande des Dollars jetzt keine tuet- te.-en Devisen kaust. Minister Raihenau hat in der letzten Unterrebung, bie er vor der entsetzlichen Tat mit mir hatte, mir bestätigt, daß dieser unser Vorschlag richtig war. Wir haben unsere eigene Zahlungsfähigkeit überschätzt. Wir wünschen eine gründliche Aussprache über das Reparations­programm im Auswärtigen Ausschuß. Gegen bie Zwangsanleihe müssen wir stimmen, die Novelle zum Einkommen- und Erbschaftssteuergeseh wer­den wir annehmen.

Abg Dr. Geyer (USP.) : Die außen­politische Situation Deutschlands wird am meisten geschädigt durch die Art, mit der die sogenannte nationale Opp)siti)n gegen den Bestand der Re­publik anftürmt. Die Höhe der Zwangsanleihe fei ungenügeitb, der Zinsfuß zu groß. Die Zwangsanleihe sei nur Ersatz für eine stärkere Vermögenssteuer und für ein? wirkliche Erfas­sung der Sachwerte. Die Staatsfinanzen müßten so gestaltet werden, daß. die Republik Kredit tm Auslande genieße; darum müsse die Inflation abgebaut werden. Eine weitere Heranziehung der Notenpresfe aber würde die Inflation steigern. Die Sozialistische Arbeitsgemeinschaft beantrage für die Zwangsanleihe eine Höhe von einer Mil­liarde Goldmark, mindestens von 80 Milliarden Papicrmark und weiter eine Herabsetzung des Zinsfußes bis zum Satze der Regierungsvorlage.

Abg. Höllein «Komm.): Die Politik des Bürgertums sabotiert den Schuh der Republik. So kläglich das ganze Steuerkompr)miß war, so jämmerlich ist die Zwangsanleihe. Der Aus­schuß hat daraus vollends einen leeren Schemen gemacht. Der Betrag der Zwangsanleihe soll aus eine Milliarde Goldmark, evtl, auf 100 Mil­liarden Papieimark and der Zinsfuß herabgesetzt weichen.

Abg. Curtis <D. Vp.) lehnt eine Erhöh- hung über 60 Milliarden ab. Bestimmend für bie Haltung feiner Partei fei die außenpolitische Bin­dung der Regier ing. Die Zwangsanleihe dürfe nur der Finanzierung der Reparationsleistungen dienen. Friedrich der Große und bi? preußischen Staatsmänner vor dem Befreiungskrieg? hätten auch in höchster Not des Staates zur Finanz­anleihe gegriffen.

Die Vorlage wird in der Aussch.istfa.ss.lng angenommen mit der Abänderung, daß die Gr?nze des zeichnungspflichtigen Vermögens, b?i welch? r bie Abzüge für Kinder zulässig sind, aus den )o- zicrlistischen Antrag von fünf aus'drei Millioney herabgesetzt wird. Die Zwangsanleihe soll gleich­zeitig mit der Novelle zum Erbschafts- und Ein­kommensteuergesetz in Kraft treten.

Hiernach wird in dritter Beratung die No­velle zum Einkommensteuer-, Erbschaftssteuer- und Zwang sarste hegesetz gemäß den Beschlüsse 1 zweiter Lesung angenommen.

Es folgt die erste Beratung des von den Kralitionsparteien beantragten Gesetzentwurfes, wonach für Maßnahmen

zum Schutze der Republik ein Kredit von vor­läufig 75 Millionen Mark

zur Verfügung gestellt wird.

Abg. Philipp (Dntl.) bekämpft die Vor­lage, welche mißbraucht werden könne.

Abg. Müller- Franken (S. >: Für die Vor­lage werden alle stimmen, welche die Republik schühen wollen Die Deutschnationaleu haben den Trennungsstrich gegen den verbreche, ischen Mör- derkreis immer noch nicht gezogen.

Abg. Dr. Becker (D. Vp.) hält eine Aus- fchußberatung für selbstverständlich.

Die Vorlage tvird dem Haushaltsausschuß übergeben.

Für die zweite Beratung des

Nelchskriminalgesehes

bat der Ausschuß die Regierungsvorlage in dem entscheidenden § 1 dahin abgeändert, daß zur Bekämpfung des Verbrecher!,ims. welches seine Tätigkeit nicht auf bestimmte Orte beschränkt, ein Reichskriminalpolizeiamt errichtet wird, das mit dem Sitz in Berlin dem Reichsminister des Innern unterstellt ist. In der Regierungsvorlage tvar von einem Reichspolizeiamt die Rede

Der bayerische Gesandte von Preger lehnt namens seiner Regierung das Gesetz als Eingriff in wichtige Hoheitsrechte der Lände, ab. Das bayerische Volk sei reichstreu bis aus bie Knochen, es herrsche aber ein starkes Gefühl des Unmuts gegen die Reichsregierung wegen der überflüssigen

Munde, an den schmutzigsten und armseligsten Landungsstellen umher-, wo die schweren Nil­kähne anlegten mit ihren riesigen, «charakteristisch gekrümmten Segelstangen von altertümlicher Form. Er beobachtete genau jedes eintressende Bo)t und sah scheinbar müßig zu, wie die Babing gelöscht wurde Bis tief in die Nacht blieb er auf feinem Posten.

Er lehnte an einem hohen, morschen Pfahl, der zum Befestigen der Schiffstaue biente. Eine rußenbe Laterne brannte in feiner Nähe unb ließ die Pfützen des schlammigen Bodens in einem rötlichen Schein aufleuchten Er drückte sich in den Schatten eines niedrigen, halbverfallenen Hauses, aus dem das Gegröhle halbbetrunkener Schiffsleute drang

Sonst war es einsam unb still um ihn, nur der Nil plätscherte und schlug gegen die hölzernen Planken der Boote, die schwerfällig hin und her schwankten.

Da flang der Schritt eines Mannes durch die entlegenen Gassen. Perzelius horchte auf, er schien den Ankömmling erwartet zu haben Dieser ging rasch aus ihn zu und begrüßte ihn. ..Haben Sie ^was .entdeckt, Doktor?"

Perzelius verneinte.Ich glaube, daß wir noch viel zu früh daran sind, Herr von Wulfsen", fuhr er dann weiter,der Räuber wird sich mehr Zeit lassen als wir."

Ich habe getan, was Sie mir sagten", ent­gegnete Eduard,unb habe zuerst den Baron zurückgebalten, damit er nicht auf die Polizei ging, unb dann bin ich nnton nn dem großen Kai gestanden und habe die Schisse beobachtet."

Eingriffe in die Hoheitsrechte. Für die Durch- peitschung des Gesetzes bestehe keine Staatsnot- toenbigfett.

Abg. Em m in ger (Bahr. Dpt.) bezeichnet die Vorlage als ben Versuch einer Ausnutzung der berechtigten Erregung über den Rathenaumord zu einer Verletzung der Hoheitsrechte. Redner empsiehlt die Ablehnung der Vorlage.

Abg. Lüb bring (Svz.) sagt, die Vorlage sei eine zwingende Notwendigkeit, um der Polizei bie Erfüllung ihrer Ausgabe im ganzen Reichs­gebiet zu ermöglichen. Erst so sei es möglich, ben über das ganze Reich verbreiteten Mordorgani- fationen zuleide zu gehen. Die Sozialdemokratie hätte dem Paragraphen 7 lieber die klare Fassung gegeben. Der Stimmung eines Heinen Teiles des bayerischen Volkes wird vom Reich viel zu sehr Rechnung getragen. Wir werden unter Ableh­nung der Aendeiungsanträge die Vorlage an­nehmen.

Abg. Dr. Bell (Zentr.): Der Raihenau- mord Hal blitzartig die Notwendigkeit beleuchtet, die der Polizei jetzt bei der Verfolgung von Der- brechem entgegenstehen. Wir werden der Vorlage in der Ausschußsassung zustimmen.

Abg. von Kar dorff (D. Vpt.): Meine Freunde werden mit einigen Ausnahmen nahezu geschlossen der Vorlage zustimmen. Wir werden den bayerischen Wünschen noch weiter entgegen- kommen, nicht aber können wir dem Antrag Emminger zustimmen, der die Einsetzung des Leiters des Reichskriminalpvlizeiamts von der Genehmigung des Reichsrals abhängig machen will. Das Verhältnis Bayerns zum Reich ist das große politische Problem unserer Zeit. Es ist das Problem der Aufrechterhaltung der Einheit des Reiches. (Beifall.)

Olbg. Koch (Dein.): Wenn die Reichsregie­rung dieses Gesetz schon früher als Instrument gehabt hätte, so wären der Rathenaumord, der Erzbergermord, der Kapp-Putsch und der mittel- deutsche Aufruhr nicht möglich gewesen. Wir stimmen der Vorlage nach den Ausschußdeschlüssen zu.

Minister Dr. Köster: Die Notwendigkeit einer zentralen Regelung der Polizei für das Reich ist schon seit langem auch von dem baye­rischen Iustizmiiiister Di'. Müller betont worden. Die Mordorganisation C sitzt heute nicht nur in Berlin, sondern sie verteilt sich über alle Länder, um die Schwierigkeiten auszunuhen. die der Poli­zei jetzt durch die verschiedenen Zuständigkeiten entstehen. Wir haben auf die Länder alle nur denkbaren Rücksichten genommen. Die Rerchs- regierung muß bie Rücksicht auf bie 6 oder 7 Mil­lionen Bayern zurückstellen, wenn diese Rücksicht kollidiert nut der nötigen Rücksichtnahme auf 60 Millionen deutsche Reichsbürger. (Deif. links.)

Minister des Innern Köster (schließend): Gewiß, wir müssen heraus aus den Perioden der Ultimaten, aber auch aus ben Zeiten der Droh­ungen mit dem Abfall vom Reich. (Sehr gut, links.) Vielleicht gibt es in Bayern Elemente, bie auch gar keine Bayern sind (Rufe: Lüden- borff!), die aber ein Interesse daran haben, die Haltung der Reichsregierung falsch zu beleuchten und die Kluft zwischen Bayern und dem Reiche zu erweitern. Die Mehrheit des bayerischen Vol­kes wird nicht wollen, daß die Verfolgung von Verbrechern erschwert wird aus Gründen der bayerischen Staatshoheit. (Beifall links.)

Abg. Geck (-11.): Unter dem Sozialistengesetz hat kein Boizderstaat, auch Bayern nicht, dagegen protestiert, daß die Berliner- Zentrale von sich aus die Verfolgung der bösen Sozialisten betrieb. Wir gönnen den Bayern alle Reservatrechte, ben König Gambrinus, das Hofbräuhaus, und als höchstes Recht den Ruprecht (große Heiterkeit), aber der Bestand des Reiches darf nicht dadurch gefährdet werden, daß von Bat-em aus die Mord- banben unterstützt unb gefördert werden. Wir­st irnmen dem Gesetz zu, um die Republik zu schützen. (Beifall links.)

Abg. Konen (Kvm.) lehnt die Vorlage ab, da nach ich- die Polizei die revolutionären Ar­beiter nur noch schärfer verfolgen könne.

Abg. Unterlcitner (U.) bestreitet, daß die Mehrheit des bayerischen Dolles hinter ben ©rflärungcn bes Gesandten Preger stehe.

Die Dorlage wird sodann in der Ausschuß­fassung angenommen.

Nächste Sitzung: Dienstag vormittag 10 Uhr. Dritte Lesungen.

Schluß gegen 10 Uhr.

Aus Stadt und Land.

Gießen, den 18. Juli 1922.

Die versunkene Glocke.

Gerhart Hauptmanns Märchendrama soll bei günstiger Witterung am Freitag auf unserer Waldbühne in Szene gehen. Wir geben bes-

Eduard trug biefeÖk Kleidung wie Perzelius unb sah müde und angegriffen aus

Mir scheint", sagte der Doktor,baß wir hier nicht mehr viel erledigen formen, wir wollen einmal da hineingehen." Damit wies er nach dem Hause, das dicht neben ihm stand.

Gin Schild über der Türe verkündigte, daß man hier Spirituosen aller Art erhalten könne, unb baß der Besitzer brr Schenke Samuel Chajim heiß)?.

Perzelius unb Ebuard traten in den niedrigen Raum, der fast das ganze Erdgeschoß einnahm Ein Dunst von Schnaps und 'Tabak schlug ihnen entgegen, und der Rauch und Qualm erschwerte das Sehen Eine blakende Lampe hing in der Mitte von der geschwärzten Decke herab und verbreitete eine trübe Helligkeit. Die Bänke wa­ren überfüllt mit Matrosen verschiedenster Ab­stammung, und erst nach längerem Suchen sanden die beiden Fremden in einer Ecke Platz.

Samuel Ehajim schlurfte auf sie zu und fragte nach ihrem Begehren Gr trug einen langen schmierigen Rock, der steif war vor Alter. Sein Gefickt war scharf geschnitten und heimtückisch. Die Ohren standen weit ab, und das stark er­graute Haar versuchte Ringellocken an ben Schlä­fen zu bilden.

Doktor Perzelius bestellte Schnaps und Fleischbrühe, da er und Eduard seit dem Morgen fast nichts genossen hatten.

Dann saßen beide stumm nebeneinander. Jeder war mit seinen Gedanken beschäftigt. Per- zelius swwn einen bestimmten Plan zu verfolgen, von hem er aber noch zu niemand gesprochen

halb einer Dorbesprechung Raum, in der die, symbolischen Bühneiiv)rgänge in kurzen Strichen zusammengesaßt sind.Die versunkene Glocke" ist von Hauptmanns Märchen­spielen das machtvollste und im Stoss am besten verarbeitete. Hauptmann nennt es ein deutsches" Märchendrama und hat mit bühnen­sicherem Griff unsere Waldmythen in den Vorder­grund des Spieles gestellt. Die dramatische Figur stellt sich uns in der Gestalt eines Glockengießers vor, eines Künstlers seiner Zeit, als der Glocken­guß noch ein Kunstwerk war. Wir haben in ihm das Ringen nach dem ganz Großen zu sehen, das

zwischen Genie und Wahnsinn nach Unerfüll- barem strebt, ohne sich der primitivsten Gedanken zu enllleiden. Er bleibt Mittelpunkt des Spieles, und alle Gestalten seiner Umgebung sind nur Rahmen, nur Erklärung seiner Existenz. Der Gang der Handlung ist kurz folgender: Hoch oben im Gebirge hat die Gemeinde eine Kapelle erbaut, für die der Glockengießer Heinrich das Meister­werk einer Glocke gegossen hat. 'Bei dem Trans­port in die Berge verunglückt der Glockenwagen und stürzt in die Tiefe, in einen Bergfee. 3m ersten Akt, dessen erste Szenen uns in Rautende­lein, der Wittichen, dem Nickelmann und dem Waldschrat in das Milieu der Handlung ein­führen, erfahren wir aus dem Munde des Wald- fchrats, wie der Unfall vor sich ging. Der Glocken­gießer selbst, krank und verstört, sucht Hilfe in der einsamen Bergbaude und wird von Rautende­lein gepflegt. Diese, halb Kind, halb Iungfrau, saht eine tiefe Zuneigung zu Heinrich und be­trachtet ihn als ihr gehörig. Sie zieht um den Schlafenden ben schützenden Zauberkreis, als der Pfarrer, der Schulmeister und der Barbier des Dorfes kommen, den Vermißten zu suchen und mit sich zu nehmen. In den Letztgenaimten stellt sich uns Heinrichs heimische Umgebung vor. Die alte Wittichen lost den Zauberkreis und Heinrich wird von seinen Nachbarn fortgetragen. Still liegt die Szene. Leise huschen die Elsen aus dem Walde und tanzen ihren Reigen, dem der Wald­schrat, die Verkörperung des Bösen, ein jähes Ende bereitet. Die Schlußszene des ersten Aktes vermittelt uns den Einblick in die Gedankenwelt Rautendeleins. Das zweite Bild führt uns ins Dorf vor das Haus Heinrichs, des Glockengießers, wo fein Weib und seine beiden Kinder festlich ge­schmückt auf den Meister warten. Schon sickert das Gerücht von einem Unfall durch, und bald darauf bringt man den Verunglückten getragen Heinrich liegt in schwerem Fieber, Rettung hofft man noch von einer wundertätigen Frau, zu der Magda, fein Weib, geeilt ist. Rautendelein erscheint in der Verkleidung eines Bauernkindes. In der Abwesenheit Magoas versenkt Rauten belein den Meister in einen heilenden Schlaf und ergreift gleichzeitig Besitz von seiner Seele. Der zurückkehrenden Magda wankt Heinrich als ein Genesender entgegen. Der Zauber Rautendeleins wirkt, es zieht den Meister in die Berge zu dem Elfenkind, wo er ein neues Werk in Angriff nimmt. In diese Zeit führt unS der dritte Akt Heinrich ist gesundet und schasst an neuen Dingen, er ist losgelöst von der Atmosphäre des Bürger­lichen, Allzubürgerlichen, schwebt über seinem alten Leben und Wesen. Der Pfarrer tritt auf, das vom rechten Pfade abgewichene Schäflein der Herde wieder zuzusühren. Erfolglos: Heinrich ist in feine neue Welt so versponnen, daß er sich in die Vorstellungswelt des Geistlichen nicht hineinzusehen vermag. Der Gottesstreiter verläßt den Ort, als er seine Ermahnungen fruchtlos sieht. Der Höhepunkt der Handlung ist erreicht, elementar drängt alles dem dramatischen Zerfall zu. Rautendelein müht sich um den Geliebten, sucht ben fortschreitenden Verfall aufzuhalten, es gelingt ihr zum letztenmal mit Hilfe des Nichlmanns, dem sie sich als Preis ver- spricht. Heinrich kehrt als Sieger, aber gebrochen, seelisch zermürbt, zu ihr zurück. Schemenhaft taud>en des Meisters Kinder aus dem dunklen Wald auf, Rautendeleins Bemühung, ben Spuk zu bannen, schlägt fehl, Heinrich flieht sie. Im fünften Bild erscheint der Glockengießer, von Phantom unb Mensch gehetzt, auf der Derghalde ermattet sinkt er am Brunnen nieder. Da tont von neuem Rautendeleins Stimme an sein Ohr Ver­wandelt steigt feine Geliebte aus dem Schacht: noch ein kurzes seelisches Ringen Heinrichs, bann zerbrechen sein Geist unb Leben.

Unsere Waldbühne bietet uns die von Haupt­mann vorgeschriebene Szenerie aus der Berghalbe und ist für die vier dort spi« lenden Akte des Stückes unvergleichlich geeignet. Für ben zweiten Akt muß sich ber Zuschauer ein wenig in die Illusion hineinfinden Das Spiel, das seit Jahren einmal wieder über die Waldbühne geht, wurde

hatte. Eduard versank in die Betrachtung seines Unglücks. Den Tag über hatte er feine Aufmerk­samkeit auf andere Dinge konzentrieren müssen, jetzt aber, wo er Feierabend machen durfte, über­fielen ihn Sorge und Angst um so heftiger unb verstrickten seinen Geist in die entsetzlichsten Ver­mutungen und Schlußfolgerungen

Samuel Chajim brachte die bestellten Ge­tränke und stellte zwei Teller mit einer dampfen­den bräunlichen Brühe vor die beiden hin

Die Viertelstunden verflossen, Perzelius war schon lange fertig mit seiner bescheidenei« Abend­mahlzeit und rauchte bereits wieder seine Pfeife Eduard aber hatte noch nichts angerührt. Wie geistesabwesend saß er da und starrte in die rauchige Luft. Sein feines Gesicht war verzerrt von Leid und Ekel.

Perzelius stieß ihn an unb sagte leise zu ihm:Wenn Sie so vor sich hinstarren, machen Sie sich noch auffällig. Sie müssen bedenken, daß man sich hier für jeden ungewohnten Gast interessiert."

Eduard fuhr auf und bemerfte nun selbst, daß die Matrosen zu ihm hinsahen und sich Zeichen machten, wer dieser Schiffsjunge fein möchte, der einen Schnaps und einen Teller mit Suppe eine Stunde lang vor sich stehen hatte, ohne sie anzurühren.

Er fing deshalb mit Widerstreben an, die Luppe auszulösfeln, die bereits kalt geworden war, dann stürzte er den fufellgen Schnaps hin­unter und PerzeliuS bestellte neuen.

(Fortsetzung folgt.)