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Samstag. 18. März 1922

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gderhessen)

Nr. 66 Zweites Blatt

Der deutsche und französische Steuerzahler.

In den französ.schen Kammerdebatten der letzten Wochen war die Frage, ob der Bürger der alliierten Staaten unter einem gröberen Steuerdrücke stehe als der deutsche, Gegen­stand lebhafter Diskussionen.

In der Tat ist die Frage der steuerlichen Belastung in Deutschland und den alliierten Ländern von weittragender Bedeutung; rührt sie doch an den Kernpunkt des ganzen Reparationsproblems: die Lei­stungsfähigkeit Deutschlands. Bekanntlich soll nach den Bestimmungen deS Versailler Ber- träges die Reparationskommission bei der Prüfung der Zahlungsfähigkeit Deutschlands darauf achten, daß das deutsche Steuersystem verhältnismäßig ebenso schwer ist, wie bad des stärkstbelasteten Landes innerhalb der Repa­rationskommission.

Run ist der Steuerdruck in keinem Lande so groß wie in Deutschland. Wir wollen uns nicht berufen auf das Urteil der Sachver­ständigen der alliierten Mächte auf der Brüsseler Konferenz im Jahre 1920, die er­klärten, dah bereits die damaligen Tarife der direkten Steuern das Höchstmaß erreicht hätten, und daß später sogar, wenn die Ber- anlagungSbehörden sich eingearbeitet hätten, im fiskalischen und wirtschaftlichen Interesse eine Ermäßigung gewisser direkter Steuern zu erwägen sei. Die deutsche Regie­rung hat trotz dieses Urteiles und trotz der steigenden Geldentwertung, die an sich schon stärker gewirkt hat als neue Steuern, an einem starken Ausbau des gesamten Steuersystems gearbeitet. Rur die Einkommensteuer wurde, um der auf den 25. Teil der Friedensmark ge- sunkenen Kaufkraft der Mark in etwas gerecht zu werden, für die unteren und mittleren Ein­kommen ermäßigt; eine Maßnahme, deren Be­rechtigung nunmehr auch im Auslande aner­kannt wird.

Will man zu wirklichen Vergleichen der steuerlichen Belastung kommen, so muh man von der inneren Kaufkraft des Geldes in den einzelnen ©tagten auSgehen. Einige Beispiele mögen zeigen, zu welchen Resultaten man dann kommt.

In Deutschland zahlt ein unverheirateter Steue.-pflichtiger bei einem Arbeitseinkommen von 30 000 Mk. 7,4 Prozent seines Einkom­mens an Einkommen st euer, während ein Einkommen gleicher innerer Kaufkraft in Eng­land und Frankreich steuerfrei ist. Bei einem Einkommen von 50 000 Mk. sind in Deutsch­land 8,4, in England 4,5. und in Frankreich nur 2,75 Prozent, bei einem Einkommen von 100 000 Mk. in Deutschland 15.5. in England 10,5. in Frankreich gar nur 5,5 Prozent des Einkommens zu zahlen. Diese wenigen Ziffern reden eine so eindringliche Sprache, dah sie eines Kommentars nicht bedürfen. Das gleiche Bild ergibt sich hei einer Vergleichung der Belastung des LlntemehmergewinneS.

Würde man zu der Einkommen­steuer den ganzen Komplex der Besitz­et e u e r n, der nach Verabschiedung der neuen Gesetzentwürfe eine in dieser Schwere in kei­nem Lande der Welt bekannte Belastung des Vermögens bedeutet, hinzurechnen, so wür­den die Ziffern noch ganz andere Unterschiede aufweisen. Man hat nun auf der Gegenseite den Versuch gemacht, nachzuweisen, dah ein­zelne Verbrauchs st euern dort höher sind als bei uns, ohne zu bedenken, dah auch die sog. direkten Steuern, z. B. die Einkom­mensteuer, letzten Endes die Person des Ver­brauchers treffen. Hnb wenn man ausrechnet, dah in den alliierten Ländern der Ertrag von Verbrauchssteuern pro Kopf der Bevölkerung größer ist als bei und, so vergißt man die ein­fache Tatsache, dah der auf den Einzelnen ent­fallende Verbrauch in dem verarmten Deutsch­land bedeutend geringer ist als in den Ländern mit günstigeren Wirtschaftsverhältnissen. Die steuerliche Belastung in einem Lande kann nur dann wirklich berechnet werden, wenn man zweifelsfrei feststellt, welches Einkommen der Einzelne im Durchschnitt bezieht und was ihm nach Abzug der Steuern zum Leben verbleibt.

Stellt man fest, was nach Abzug sämtlicher Steuern dem Einzelnen im Durchschnitt zum Lebensunterhalt von seinem, Staate gelassen wird, so ergibt sich bei Berücksichtigung der inneren Kaufkraft des Geldes, dah dem Franzosen nach den Zahlen des Völker­bundes fast das Vierfache, nach den Zahlen französischer Sachverständiger immerhin mehr als das Doppelte des dem Deutschen zur Verfügung stehenden Bettages verbleibt.

ES ist nicht recht verständlich, wie man trotz dieser leicht vermehrbaren und leicht nach­zurechnenden Zahlen immer wieder die alten Vorwürfe gegen Deutschland erhebt, dah die deutschen Bürger geringer mit Steuern be­lastet seien als die Angehörigen der alliierten Länder. Auf die Dauer allerdings wird man sich der Beweiskraft unbestreitbarer Zahlen nicht verschließen können.

Turnen, Sport und SpteL

HelftbenoberschlesischenSport. vereinen. Die im oberschlesischen Abtretungs­gebiete sitzenden deutschen Sportvereine sind in­folge der Unruhen vielfach um ihre Sportgeräte gekommen und daher gerade jetzt, wo sie vor dem Uebergang des Landes zu neuem Leben erweckt werden sollen, in schwieriger Lage. Bei der großen Bedeutung für die Zusammenfassung und Erhal­tung des Deutschtums ist es dringend erforderlich, den Dereinen die Wiederaufnahme ihrer Tätigkeit zu ermöglichen. Die Deutsche Stiftung hat sich da­her mit der Ditte an den Deutschen Reichsaus­schuh für Leibesübungen gewandt, im Wege der Sammlung das erforderliche Gerät zu beschaffen. Der Reichsausschuh hat diese Ditte, die wir für

Die Schaffung eines Zusammenschlusses zu ge­meinsamer Arbeit ist für jeden Daterlandsfreund die dringendste Ausgabe. Wir arbeiten daran mit, ohne Rücksicht sauf die Stimme der Strahe. (Beifall.)

Abg. Herold (Z.): Alle Parteien haben im Ausschuh mitgearbeitet, auch die, welche die Vor­lage jetzt bekämpfen. Manche Verbesserungen sind erreicht worden, nicht zuletzt mit Hilfe des Zen­trums. Deim Kompromih hat jede Partei Opfer bringen müssen. Unrichtig ist es. dah der Besitz zu wenig belastet ist. Alle bürgerlichen Parteien si d dec Ansicht, dah der Besitz derartig getrosten wird, dah eine Beeinträchtigung des Wirtschafts­lebens zu befürchten ist. Dir Ansicht, dah die bürgerlichen Parteien die Steuern hätten allein machen können, ist irrig. Cs ist vielmehr zu be­grüßen, dah die Sozialdemokratie sich energisch am Wiederauflmu beteiligt. Sie arbeitet positiv mit, während die Deutschnationalen die Opposition über die Staatsnotwendigkeit sehen. Will Dr. Helfferich die Steuern ablehnen und das Vater­land in den Abgrund stohen? Das Mantelgeseh ist notwendig. Die Rechte kritisiert nur, aber es fehlen feste Vorschläge, wie es besser gemacht werden muh. Wir aber hoffen, dah unser Vater­land durch dieses Gesehgebungswerk der Gesun­dung entgegengeführt wird. (Beisall.)

Abg. Henke (11.) gibt seiner Freude über den Streit zwischen den beiden Rechtsparteien Ausdruck. Den Sozialdemokraten ist, wie Bernstein sagte, die Zustimmung zum Stcuerkompromih sehr schwer geworden. Sie bekämpfen die indirekten Steuern, piepsen aber schliehlich Ja. Wir sind konsequenter und überlassen den Bürgerlichen die Verantwortung. Auch wir unterstützen die Politik des guten Willens. Unsere Unterstützung des Kabinetts Wirth hat aber da eine Grenze, wo sich das Kabinett mit einem Dr. Hermes nach rechts entwickelt. Das Mantelgesetz lehnen wir ab.

Abg. Dr. Geyer (Komm. A.G.) beantragt mitRücksicht auf das völlig leere Haus Vertagung.

Abg. Höllein (Komm.) schließt sich dem an und bezweifelt die Beschlußfähigkeit des Hauses.

Der Aufruf ergibt die Anwesenheit von 288 Abgeordneten. Das Haus ist also beschlußfähig und faim über den Vertagungsantrag abstimmen. Auch diese Abstimmung ist eine namentliche. Der Vertagungsantrag wird mit 249 gegen 54 Stim­men abgelehnt.

Abg. Dr. Fischer-Köln (Dem.): Die Steuer­gesetzgebung muh auf die Steigerung der Produk­tivität eingestellt werden. Für uns sind in erster Linie außenpolitische Rücksichten mahcebend. Etwas anderes hieße die auswärtige Politik sabotieren. Hoffentlich führt die Verständigung der fünf Par­teien zu einer Entgiftung der politischen Atmo­sphäre. Gelingt das, so sind die Opfer nicht ver­gebens gebracht. Wir brauchen eine Wiederein­gliederung Deutschlands in die Weltwirtschaft, eine Zurückführung der Reparationslasten in die Gren­zen des Erfüllbaren und eine Stabilisierung der Wechselkurse. Wir begrüßen die beabsichtigte Ver­einfachung der Steuerverwaltung und Steuergesetz­gebung. DaS Kompromih hat den Vorteil, dah es trotz der hohen Lasten eine gewisse Ruhe bringt, und daß die Wirtschaft wenigstens weih, woran sie ist. Die sogenannten Richtlinien der Deut­schen Volksparter sind lediglich eine Zusammen­stellung unseres finanzwirtschaftlichen Steuer- prvgiamms. Das Kompromih ist ein Beweis da­für, daß die Deutsche Aolkspartei reif ist für den demokratischen und parlamentarischen Staats­gedanken. Möge das ein günstiger Auftakt für Genua sein. (Deifall.)

Reichsfinanzminister Hermes stellt mit De- dauern fest, dah 2Ibg. Dem stein in Zweifel gezogen hat, dah in Deutschland die Desitzsteuem höher seien als in anderen Ländern. Das sei uns im Auslande höchst nachteilig. Die Weiterbeatung wird auf Samstag 1 Uhr vertagt. Schluh 7^> Uhr.

Hessischer Evangelischer Landeskirchenlag.

rm. Darmstadt, 17. März. Die Sitzung wird um 8.40 Uhr durch den Präsidenten Dr D. Diehl eröffnet. Abg. Dekan Müller spricht das Gebet. Die Beratung über die Kirchenverfassung wird fortgesetzt. Dor Beginn der zweiten Lesung gibt 2tbg. Frhr. von Heyl als Mitberichterstatter des Ausschusses u. a. Mitteilungen über die im Volke bestehende religiöse Welle, über die man sich nur freuen könne. Es gelte jetzt lebendige Gemeinden zu schassen. Aus der Geschichte der Superintendenten gehe hervor, dah sie zwar wiederholt verschwun­den waren, aber immer wieder als notwendige Einrichtung erkannt wurden. Mit Rücksicht auf die Zahl der Provinzen habe man nun die Drei­zahl bcibcbaltcn. Besondere Rücksicht verdiene hierbei auch die Provinz Rheinhessen, deren durch die Besatzung hervorgerufenes schweres Schick­sal eine gute Seelsorge nötig mache, ähnlich liege es bei den anderen Provinzen. Diese Dreizahl habe mit der kirchlichen Richtung durchaus nichts zu tun, sonst mühten ja in jeder Provinz die drei Richtungen Dertreten sein. Wenn man dem Superintendenten die Wohnung in seinem Spren­gel anweise, so liege die Gefahr nahe, daß ein«, Zersplitterung eintritt, man sei daher zu dem Entschluß gekommen, einen viertenLandes­superintendenten" zu schassen, der bqjB Ganze zufammensasse. Dabei denke man freilich nicht an ein Vorgesetztenverhältnis. Reu sei die Bewegung, die auf Trennung von Staat und Kirche hinziele, was zu beachten sei, hierzu kommen noch die durch die Beseitigung des Ian- desh -r- lichen Ki. chenregime en a iden.n Ver­hältnis e Bei aller Hvchach ung uiö dem Sach­verständnis des seitherigen summuZ episcopus, der sich ja doch sehr viel auf die von ihm berufenen Kräfte verlassen muhte, müsse es doch möglich sein, ein gutes Kirchenregiment zu bilden. Der Redner erneuert seinen Dank an den bisherigen landesherrlichen Kirchenherm. Man müsse jetzt auf die veränderten Verhältnis'e Rücksicht nehmen. Die Aemttr der Supe intenbenten werden durch die neue Stellung geholfen. Hi.-rdurch werden die Inhaber freier zur Auswi lung ihrer Persönlich­keiten. Die Entscheidung über die Stellung des Landessuperintendenten innerhalb deS Aus chusses war sehr schwer, aber im Interesse ber einheit­lichen Ausübung ber Kraft unb Stellung einigte man sich auf bic jetzt gewählte Form. Abg. Pfr. Waitz hält bas Eingehen des Vowedners auf die Superintendentenfcage für trrfü.t. da hier­durch die Derständigungsmöglichkeit erschwert werde. Abg. Frelh. v. H e y l erwidert^ daß feine Ausführungen mit im Interesse einer Verstän­digung verar.laht waren.

Dann wird die Einzelberatung über die tn dem AuSschuh behandelten Paragraphen fort­gesetzt. Ohne wesentliche Aussprache werden bann die nachverzeichneten Paragraphen tn dc änbertcr Form, die häufig nur redaktioneller Act war, angenommen.

§ 2 in der seitherigen Fassung unb einem Zusatz zu § 1. § 7 II mit einer genaueren Fassung. Eine durch den Ausschuh trorgenommene Aenbe- rung bes § 9 V bett, bic Mitgliedschaft. § 13 über die Bekenntnisfrage. §26,6. § 46,111 2. 46,6. § 46,8 wirb als überflüssig gestrichen. § 54II erhält eine andere Fassung. § 55 ,bcir. die Be­nützung der Gebäude und Geräte ber Kirchen- gemeinbe veranlaßt eine Aussprache über bif Zuständigkeit der Genehmigung und wird toieber holt an den Ausschuß zurückverwicsen. § 58 toiui mit einem Zusahantrag IV genehmigt, ebenso werden die veränderten §§ 79,7 und 84 IV angc nommen. Ebenso werden erledigt. 86 bett. Wahtt Prüfungen und Berufungen, § 89, § 103 3, 7, 9 und 13, ebenso § 110.

Dann werden gegen 11 Uhr die Beratungen abgebrochen, damit die Gruppen über verschiedene Angelegenheiten beraten können. Fortsetzung Samstag älhr.

außen hin den Anschein erwecken, als feien wir nicht guten Willens, Ordnung zu schaffen, llebrigend hat Herr Dr. Helfferich keinerlei Vor­schläge gemacht, wie er sich die Sanierung un­serer Finanzen denkt. Wir haben einen erträg­lichen Ausbau bet Vermögenssteuer erreicht. Die Tarife sind wesentlich abgeschwächt. Wir haben erreicht, dah die RachkriegSgewinnsteuer beseitigt ist unb bah bic Körpcrschaftssteuer vernünftig auf gebaut ist. Sic Umfatjfteuer ist erträglich ge­staltet worben unb thie Dom Mittelstand ge­forderte Aufhebung der Freiheit der Genossen- schäften wurde beseitigt. Dazu haben wir er­reicht. dah die sparsamste Verwaltung eintritt. Die Regierung hat erklärt, dah sie mit unserer Denkschrift einverstanden ist und dah sie dieselbe Richtlinie ihrer künftigen Politik machen wird. , Wenn der Abg. Bernstein die internationale Arbeiterschaft als stärksten Rückhalt bezeichnet, fo sind wir nicht so vermessen, irgendwelche iln- lerstühung abzulehnen. Sv optimistisch und illu­sionistisch wie Bernstein sind wir aber nicht.

Deutscher Reichstag.

189. Sitzung, nachmittags 1 Uhr.

Berlin, 17. März 1922.

Das Haus ist bei Eröffnung der Sitzung fast leer. Zunächst werden kleinere Anfragen erledigt, darunter eine Anfrage über die hH häufenden Bandenüberfälle auf Banken unb Geschäftshäuser in Oberschlesien. Die Regierung laßt erllaren, daß sie um genauere Unterlagen bitten müsse. Selbst werbe sie kaum etwas unternehmen können, da es ihr in Oberschlesien an der Regierungsgewali fehle. Die bisherigen Vorstellungen bei der Inter­alliierten Kommission seien erfolglos geblieben.

Auf eine Anfrage der Kommunisten wegen Maßnahmen gegen die Rot der Kleinrentner er­klärt die Regierung, bah alle Einzelländer mit einer Ausnahme bic Zuschüsse bereits erhalten hätten, so bah ber Rotlage nunmehr begegnet wer- ben könne.

Sodann wird auf Antrag des Abgeordneten Dr. D e ck e r -Hessen (D. Vpt.) den ilebergang zur

Weiterberattmg ber Steuergesetze, ba kein zustänbigcr Regierungsvertreter anwesenb sei, auf eine neue Sitzung um 2 Uftr zu vertagen, mit 12 gegen 9 Stimmen angenommen.

Kurz nach 2 ilfrr wirb bic unterbrochene Sitz­ung wieder aufgenommen. Das Haus ist jetzt gut besucht unb setzt bic Beratung üoer bas Mantel­geseh ber Steuervorlagen, b. h. bic Zusammensas- sung ber einzelnen Steucrgeschc unb ber Zwangs­anleihe, fort.

Abg. Dr. Becker- Hessen (D. Vp.): Trotz ber guten Einleitungsrede bes Finanzministers würde es der Würde des Hauses und der Sache besser entsprochen haben, wenn der Reichskanzler selber das Wort genommen hätte. Für das In- und Ausland hätte das erheblich zur Klärung über die Verhältnisse Deutschlands beigetragen. Bei der ursprünglichen Vorlage war ein Gleich­gewicht zwischen direkten unb indirekten Steuern vorhanden Diese Verhältnisse seien inzwischen durch die Zwangsanleihe wesentlich verschoben worben. Der Rcbncr wenbet sich gegen die gestri­gen Ausführungen Bernsteins über die Erfassung ber Sachwerte und wirst ihm sträfliche Fahr­lässigkeit vor, weil er sich im Ausschuß nicht ge­nügend Aufklärungen darüber verschaffte, daß in Deutschland tatsächlich das Vermögen min- bestens ebensosehr belastet sei als im Auslande. Daß wir über das Kompromih nicht besonders erfreut fein können, ist nicht verwunderlich. Doll befriedigt wird bei einem Vergleich niemand. Es ist uns aber bei dem Kompromiß gelungen, bie Frage der Wertbemesfung in unserem Sinne zn mildem und zu regeln. Davon kann keine Rede sein dah die Deutschnationalen in die Ecke gestellt feien. Dr. Helfferich hat gesagt, die neuen Steuern überfliegen das für die Wirtschaft er­trägliche Maß. Ich habe aber nicht gehört, welche Steuern er durchaus ablehnen wird. Er hat sich zu allen Steuern bereit erklärt. Anstoh hat er nur an der Zwangsanleihe genommen. Zu einer Gesundung unserer Finanzen können wir nur kommen, wenn unsere Rcparationslastcn ge­mildert werden. Diese Steuern sollen aber nur ben Zwecken des inneren Haushalts dienen. Wenn uns vorgeworfen wird, wir feien von der älncntbehrlichleit der Sozialdemokratie überzeugt, so verweise ich darauf, daß wir seinerzeit die bürgerliche Reichsregierung, das Kabinett Steger- wald in Preußen und auch die bayerische Re­gierung unterstützt haben. 2tber wir wollen nicht mit dem Kopfe durch die Wand, wir wollen praktisch Mitarbeiten, ohne unsere Stellung als Oppositionspartei aufzugeben. Die Revision des Friedensvertrages muh kommen. Wir dürfen sic aber nicht dadurch erschweren, dah wir nach

Die Pforte öes Paradieses.

Roman von Ingeborg Vollquartz.

Berechtigte Ueberfcfcung aus d m Dänischen.

13. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)

Solange Steuermann Rikolay Munt ba- gewesen war, hatte die Familie nie den Eindruck gehabt, tat er Malwine so ganz besonders teuer sei Malwine trat immer, trotz ihres unschönen Acußercn, ziemlich gefallsüchtig gewesen unb durchaus nicht blind für bic Liebenswürdigkeit an­derer Männer; aber kaum war Rikolay Muni tot, da war er auch Ichonbie große Liebe ihres Lebens".

Tic Heine Photographie, die sic von ihm in Steucimannsuniform hatte, ließ sie vergrö­ßern, und dieses Bild hing nun zusammen mit einem Bild von ihr selbst mit ihrem einzigen klei­nen Kind auf dem Schoß über dem Sofa in ihrem Zimmer. Der Heine Zunge war, ein halb Zahr alt, an einer Kinderkrankheit gestorben, im selben Zahr. wo sie auch den Mann verloren hatte, und dieses doppelte Leid hatte einen sol­chen Einfluß auf Malwine gehabt, daß dieses lebensfrohe Menschenkind mit dem leichten, mun­teren Sinn von jener Zeit an einen sonderbar geknickten und verwirrten Eindruck machte.

Trotzdem war sic durchaus nicht unbrauch­bar. Sie war geschickt in allen Hausgeschäften lunb spielte fo ausgezeichnet Klavier, dah sic sich sehr gut mit Musikunterricht ihr Brot hätte verdienen können; aber es war, als hätte sie alles Selbstvertrauen verloren in dem Qiagen- blia, da sie aus einer wohlyabenden Frau mit einem netten Heinen Heim plötzlich eine arme,

kinderlose Witwe geworden war, die sich selbst durchbringen mußte.

rind so hatte also Tante Ellinor auch wieder helfend eintreten müssen, obgleich sic selbst mit Malwine gar nicht verwandt war. Sie hatte ihr sofort eine Stelle verschafft bei zwei bermöglichen alten Damen, wo Malwine eine geräumige Hinter­stuke und die volle Kost bekam. Dafür sollte sic am Vormittag im Hause helfen und nad>- mittags bei gutem Wetter die älteste der beiden Tarnen im Rollstuhl ausfahren und bei schlechtem Wetter sie mit Klavierspicl unterhalten.

Aber Malwine war es nicht angenehm, so gebunden zu sein, und die Lichtpunkte ihres Ge­bend waren ihre Besuche bei der Familie Dorris. bei deren (Jugenb sie das Verständnis fand, das sie brauchte; wenigstens konnte sie hier vollstän­digsic selbst fein, wie sie sagte.

Sic spielte ihnen die neuesten Tänze und Lieder vor, wohlgemertt, wenn der Vater ab­wesend war. und sie erzählte ihnen alle die merkwürdigen Erlebnisse, die sie hatte, wenn sic die alte kranke Frau ausfuhr; sie hörte geduldig Ellens Gedichte und eigenartige Tagebuchaufzeich­nungen an und weissagte aus den Karten, ob Mogens Offizier, Orla Millionär unb Ellen eine Berühmtheit werden würde, unb freute sich in aller Einfalt darüber, daß sie unter ber Zugrnd so gefeiert war.

Aber unter ben Aelteren war sie meist still und scheu, als traue sie ihnen nicht recht. Frau Inger war dabei vielleicht die einzige Ausnahme, ilnb dennoch flog Malwine aus ihrem behag­lichen Sessel demütig in bie Höhe, als Frau Borris ins Zimmer trat.

Liebste Inger!" rief sie unb schaute for­schend nach Ingers GeftcytSausdruck, um 31 er­

gründen, ob sie willlommcn sei ober nicht;ist es dir auch gewiß nicht unlieb, daß ich hier bin?"

Ack. Ansinn, Malwine, du weißt wohl, daß du uns stets willkommen bist," erwiderte Frau Dorris unb reichte ihr die Hand zum Gruß.Es ist nur schon ein wenig spät. Es ist ja halb Bett­zeit."

Ich gehe auch gleich toieber, versicherte Malwine eifrig.Ich blieb nur solange, um dir noch guten Abend zu sagen, liebe Inger nicht wahr, Ellen ich habe gesagtich warte, bis deine Mutter kommt tobe ich gesagt ich warte, bis deine Mutter kommt. Ich mußte kommen, um euch zu erzählen, was ich erlebt habe. Jetzt habe ich endlich Aussicht, eine selbstän­digere Stelle zu bekommen."

Tu meine Güte. Malwine, denkst du immer noch"daran, die Stelle zu wechseln? Du bist ge­rade wie Orla. nur hat er die Entschuldigung, daß er noch- keine zwanzig ist, unb du bist mehr als doppelt so alt.

"Aber ich fühle mich gar nicht alt gar nichi alt gar nicht alt," rief Malwine, die die Eigentümlichkeit hatte, ihre Worte mehrmals mit veränderter und verstärkter Betonung zu wieder­holen.Wenn ich das Anerbieten bekomme, woran ich- denke, so muß ich es annehmen fo muß ich es annehmen das fühle ich."

Was ist denn das für ein glänzendes An­gebot?" Frau Inger hatte zu ost schon Mal- wines freudige Hoffnungen auf eine glänzende Stelle mit erlebt, als daß dieser Anfang sie sehr neugierig gemacht hätte. Sie schüttelte nur sackte den Kops.

Malwine meint, Herr Doktor Roback werde ihr eine Stelle in feiner .Klinik anbieten, «klärte

Ellen rasch, denn sie merkte, baß ihre Mutter ungeduldig wurde.

3a, denk dir nur, welches Glück b^nl dir. welches Glück bent dir. welches Glüa cs für mich wäre!" rief Malwine entzückt aus. Es sind dies ganz selbständige D.ellungen, leicht, unb gut bezahlt, unb man ist doch auch ganz anders angesehen, als wenn man ewig einen Rollstuhl schiebt."

Was hat der Doktor gesagt, hat er dir eine solche Stelle versprochen?" fragte Frau Inger ungläubig.

Rein, geradezu versprochen hat er es nicht versprochen hat er es nicht. Ich kann nicht sagen, daß ich irgendein Versprechen erhalten habe, aber gestern hat er zu mir gesagt: ,3ic sind eine vorzügliche Krankenp'ttgerin, Fr u^in.' Er sagt immer Fräulein zu mir," fügte sic selbst­gefällig hinzu;ich kann mir nicht denken, warum, da er sehr gut weiß, daß ich verheiratet gewesen bin. Er hat doch die Bilder von Riko'ay unb von mir mit dem Zungen gesehen. Tas von mir mit dem Zungen gefiel ihm übrigens sehr gut. ,Sie sehen aus wie eine Madonna imatrilu imu hnatrifulata/ sagte er. Das ist ein sehr schweres Wort, aber cs soll das eine von den schönsten Madonnen fein, die es gibt. Wenn ich ganz aufrichtig fein foll, so glaube ich, daß er ach. du verstehst schon, ein Hein wenig ein ganz Hein wenig ein ganz klein wenig in mich verliebt ist."

Unb Base Malwines Augen strahlten vor Freude, und ihre Stimme zwitscherte vor Der- gnügen.

l Fortsetzung folgt)

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