Nr. M
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Zrlmkfnrt a. M. 11686.
Erster Blatt
172. Zahrgang
Mittwoch, 16. August 1922
GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Eine Recht fertigungsrede Poineares
Härte dann Poincarö, hatte die logische Folge dieses Vorworts sein müssen: die Feststellung der Verfehlung. Da man eine solche Verfehlung nicht hak« feststellen wollen, habe sich die französische Delegation auf eine bescheidenere Forderung zurückgezogen. Sie erklärte, daß sie das Moratorium nur gewahren könne, wenn von gewissen deutschen Gütern durch die Alliierten Besitz ergriffen werde, die sofortige Einnahmen verschaffe, nämlich 6 0 p r o z. Beteiligung an der deutschen chemischen Industrie. Errichtung von Zollbar» vieren im Ruhrgebiet, Wiederaufrichtung der Zollbarriere im Rheinland, Einziehung der
Welt die Hegemonie wieder abnehmen, die die Mliierten ihm entrissen haben. Das ist der deutsche Plan.
Poincarö sprach alsdann von der R o t e Balfours und von seiner Absicht, eine gemeinsame Regelung aller aus dem Krieg überkomme- nen Schulden vorzuschlagen. Auch gestern sei er bereit gewesen, eine gemeinsame Regelung vorzuschlagen, sie sei aber augenblicklich wegen des englischen Widerstandes unmöglich. Wir wollten alsdann, daß die Reparationskommission die beabsichtigte Verse hl'un gD e u t s chl a n d s f c st st e l l e, aber wir wurden daran durch die von der englischen Regierung ergriffene Initiative verhindert, die, ohne uns vorher verständigt zu haben, erklärt hat, es sei unerläßlich, das Moratorium zu bewilligen. Ich beeile mich hinzuzufügen, öajft wir nicht der Ansicht sind, daß sie die Entente in Gefahr gebracht hätte. Die britische Regierung hat übrigens die gleiche Initiative dadurch ergriffen, daß sie erftärte, sie unterstütze das Verlangen Deutschlands, in den Völkerbund ausgenommen zu werden. Da England nun angesichts des Mora- toriunrs diesen Standpunkt eingenommen hat, befanden wir uns einer Tatsache gegenüber. Man mußte also an die Bewilligung eines Moratoriums denken, und wir haben deshalb erklärt, Laß das Moratorium eine negative Maßnähme sei. und daß wir öhne eine Sicherheit und effektive Kontrolle nur etwas Steriles und in der Folge Prekäres unternehmen könnten. Wir haben also infolgedessen als Gegenleisbung Maßnahmen und Pfänder verlangt. Was 'hat man uns offeriert? Die 26prvzentige Abgabe vom deutschen Export und die Zolleinnahmen. Damit können wir uns nicht begnügen, weil es sich um eine Maßnahme handelt, die schon im letzten Jahr ergriffen wurde und weil die Haltung der englischen Regierung umsoweniger erllärt wurde, als das englische Kabinett die Verantwortung Deutschlands anerkannt hat, wie aus dem Vorwort zu den 10 Vorschlägen Lloyd Georges hervorgeht, in dem es heißt: Die Deutschland durch den Zahlungsplan vom Mai 1921 auferlegten Zahlungsverpflichtungen sind nicht erfüllt worden. Die Sktr- Leistungen wurden nur im Jahre 1921 an den festgesetzten Terminen geleistet und die deutsche ,Regierung teilt nun mit, daß sie unfähig sei, Pie für die Jahre 1922, 1923 und 1924 herabgesetzten Zahlungen zu leisten. Die Kohlen- und .Holzlieferungen sind nicht vollkommen ausgeführt sworden. Die deutsche Regierung hat seit dem Waffenstillstand ihr Budget ausgeglichen dadurch, Paß sie Schahbonds ausgab und Zahlungen durch -Erhöhung des Rotenumlaufs bewerkstelligte, aber Idadurch die Mark entwertete und ihren Goldwert zerstörte. Zu gleicher Zeit hat sie Summen für Llnterstühungen ausgegeben und erst jüngst Maßnahmen getroffen, um dieses Regime zu besei- jtiflen. Für jeden unparteiischen Menschen, er-
gahlung einer halben Million Pfund Sterling durch die deutsche Regierung.
Berlin, 15. Aug. (WTD.) Die deutsche Regierung hatte durch gleichlautende Roten vom 14.7. an die Regierungen Belgiens, Frankreichs, Großbritanniens und Italiens den Antrag gestellt, hinsichtlich ihrer Verpflichtungen aus dem Ausgleichsverfahren eine anderweitige.Regelung zu treffen und dabei zum Ausdruck gebracht, daß die monatlichen Zahlungen im Ausgleichsverfahren eine halbe Million Pfund Sterling nicht überschreiten sollten. Auf diesen Antrag ist der deutschen Regierung die erwartete gemeinschaftliche Entscheidung der alliierten Mächte bisher nicht zugegangen. Die deutsche Regierung hat deshalb entsprechend ihrer der französischen Regierung in der Note vom 5. August gegebenen Zusage, für den Fall des Ausbleibens der gemeinsamen Entscheidung der alliierten Mächte ihre vertraglichen Verpflichtungen i m Rahmen ihrer Leistungsfähigkeit zu erfüllen, heute einen Gesamtbetrag von 500 000 Pfund Sterling zur Verfügung gestellt. Dieser Betrag ist dem französischen und dem englischen Ausgleichsamt angewiesen worden.
Paris, 15. Aug. (WTB.) Ministerpräsi- Bent Poincarö hat gestern abend Die Vertreter der Presse empfangen und erllärt: Gr glaube nicht, daß jemand die französische Delegation anklagen wird, im Laufe der letzten zehntägigen Beratungen es an Geduld haben fehlen zu lassen. Keiner unserer Vorschläge ist angenommen worden, älnser Recht in der Reparationsfrage ist jedoch unantastbar. Die Opfer Frankreichs sind bekannt. Sie rühren nicht nur von den vom Feinde begangenen Verwüstungen her, sondern auch von denen, die wir und unsere Alliierten haben begehen müssen, um den Angreifer zurückzuwerfen. Nichtsdestoweniger und obzwar man die Bedeutung unserer Forderungen anerkennen mußte, hat man trotzdem diese Priorität, auf die wir glaubten ein Anrecht zu haben, sei es in der Reparationskommisswn, sei es in den Beratungen der Alliierten, nicht anerkennen wollen. Indem wir im Mai vorigen Jahres den Zahlungsplan angenommen hatten, hofften wir, daß wir kein weiteres Entgegenkommen zu zeigen brauchten. Aber seit dieser Zeit hat sich nicht nur Deutschland den Zahlungen entzogen, es hat auch den Beweis geliefert, daß es eine systematische Politik der Entwertung der Mark verfolgt. Ich erinnere nur daran, daß es der Tschechoslowakei eine Anleihe von vier Milliarden Mark Angeboten hat, was übr^ens Benesch zurückwies. Es hat Banken in Rumänien, in Dänemark und in Holland gegründet mit der -Absicht, den Verkauf der Mark im Ausland lau erleichtern, sobald die inneren Preise Deutschlands steigen würden. Andererseits hat Deutschland keine auswärtigen Schulden und seine innere Schuld wird geringer in dem Maße, in dem die Mark fällt, während England und Frankreich die Last einer ungeheuren Schuld tragen müssen. Mit einem Wort, Deutschland verfolgt mit Beharrlichkeit eine Politik, die es ihm gestattet, vor den Augen Europas bankerott zu machen und so eine neue Herabsetzung deS Zahlungsplaires zu erlangen. So erklärt sich die systematische Entwertung seines Geldes. Llnzweifelhaft ruiniert das Reich seinen Kredit, aber es bat die Alliierten, eine internationale Anleihe zu begründen, die ihm seinen Kredit wiedergeben soll. Deutschland bat außerdem, daß die ersten Kreditoperationen, die man ihm möglich mache, ohne Zinsen und ohne Pfander bestehen, und wenn die deutsche Kreditoperation etwa 20 Milliarden Mark sür die Reparationen ergeben würde, würde es annehmen, daß es genug bezahlt habe. Seine Lage würde alsdann besser fein, als die der siegreichen Nationen, denn es hätte nur eine schwache äußere Schuld und seine Industrie befände sich in voller Tätigkeit. Es würde alsdann den Staaten der Alliierten in der
diesen Vorschlag nicht annehmen können, weil er kein Pfand bringe und er darauf bestünde, daß man die Dinge in dem augenblicklichen Stand belasse, und daß das Moratorium verweigert werde. Er habe einfach erllärt, daß er sich der Ent- cheidung, die getroffen wurde, nicht anschließen önne. So habe man sich in sehr freund- chaftlichen Geist getrennt, aber er habe ür die französische Regierung das Recht verlangt, über die Folgen zu beraten, die diese Hn» einigleit nach sich ziehe. Man habe ihm gesagt, das sei der Bruch der Entente; er habe erklärt, er glaube nicht daran. Er für einen Teil wolle ihn vermeiden, vorausgesetzt indessen, daß er die Interessen seines Landes nicht opfern solle.
Paris, 16. Aug. (WTD.) Poincarh ist wieder hier eingetroffen.
Pari«, 15. Aug. Wie Havas meldet, sprach Pvincarä am Schluß seiner Grllärungen vor den Vertretern der Presse seine äteberzeugung dahin aus, daß, toeim in der Reparations- ragc ein älebereinkommen, bei dem Frankreich gerechter weise eine beherrschende Stimme haben ollte, da seine Forderung mehr als die Hälfte >er Gesamtschuld darstelle, nicht *u erzielen sei, man es wähl natürlich finden werde, daß Frankreich den Versuch mache, seine Finanzen ;,u retten und sich vor dem Ruin zu bewahren.
Pressestimmen zum Abbruch der Londoner Verhandlungen.
Die französische Presse.
Paris, 15. August. Die durch den Mißerfolg der Londoner Konferenz geschaffene Lage wird von der Pariser Presse als äußerst ernst angesehen. „Petit Parisien" schreibt: So ernst auch die Uneinigkeit ist, so präjudiziert sie doch nicht die Zukunft der englisch-französischen Beziehungen, aber nur unter der Bedingung, daß man sich nicht von der falschen Lage des Augenblicks für befriedigt erllärt und daß England seinerseits sich bemüht, dem französischen Standpunkt Gerechtigkeit widerfahren zu lassen- Gelegenheit hierzu wird sich vielleicht in einigen Tagen bieten, wenn die Reparationskommission endgültig über das Moratoriumsverlangen zu entscheiden haben wird.
„Journal" erllärt: Weder Bruch noch Abkommen! Ein Zugeständnis der Ohnmacht, so endet nach achttägigen unerhörten Ansttengungen die Konferenz von London. Das Problem bleibt in seiner Gesamtheit bestehen.
„Gaulois" sagt: Es gibt eine Voraussetzung, die man nicht ausschließen darf, die der Wiederaufnahme der gestern brüsk abgebrochenen Verhandlungen in einer abgeänderten Form. Das ist eine wohl zulässige Voraussetzung je nach der Wendung, die die Ereignisse nehmen werden, und je nachdem man in London und Rom die Zeichen des gestrigen Tages aufmerffamer Überdenkt und aus der Atmosphäre der Nervosität und Gereiztheit herauskommt. Wenn der Bruch der Entente sich vollziehen sollte, so wäre das eine Katastrophe, und Deutschland allein durfte daraus Nutzen ziehen können.
Oeuvre" meint, das Unheil, das der Vertrag von Versailles Frankreich zugesügt habe, sei heute überzeugend sogar für die Leute, die ihn mit Beharrlichkeit verteidigten.
Nach dem „Figaro" darf sich Frankreich nicht vephehlen, daß esvonnunaninLloyd George einen unerbittlichen Feind besitzt Es habe die Konferenz kalten Blutes zum Scheitern gebracht und Poincarö in den Zusammenbruch mit 'hinein verfrrickt, nachdem er sch»n von vornherein entschlossen gewesen war, sich unerbittlich zu zeigen. Deutschland und Gnglad hätten in der Moratoriumsfrage gemeinsame Sache gemacht; das sei eine Tatsache, der man M Auge schauen müsse.
Steuern im besetzten Gebiet, Ausbeutung ; der staatlichen Gruben im Ruhrgebiet und der deutschen Staatswälder. Nicht nur wurde das von englischer Seite mcht zugelassen, sondern alle Maßnahmen, die wir vorgeschlagen hatten, wurden abgeändert oder abgelehnt. Wir 1 hatten zuerst von Kontrollmaßnahmen gesprochen. Was die R e i ch s b a n k betrifft, so haben wir ungefähr eine Befriedigung erzielt. Aber wie es sich darum handelte, dem Garantteausschuh in Berlin seinen Sitz zu geben, hat Lloyd George, nachdem er erklärt hatte, er billige das, nach Anhörung seiner Sachverständigen seine Zustimmung zurückgezogen. Lloyd George hat seine Kontrolle über die Ein- und Ausfuhrbewilligungen beseitigen lassen, die Zollkontrolle selbst wäre unwirksam geworden, weil man sich der älebersiedelung des Garantiekomitees nach Berlin widersetzte. Sv verhinderte man also eine wirksame äleberwachung. Was die Kapitalflucht anbetrifft, die in den alliierten Ländern einer strengen Reglementierung unterworfen ist, so hat die englische Regierung sich jeder ernsten Maßnahme widersetzt und vorgeschlagen, man möge sich einfach mit den von Deutschland versprochenen gesetzgeberischen Maßnahmen begnügen. Liber wegen der Kontrollmah- nahmen hatten wir die Verhandlungen nicht abgebrochen. Da wir jedoch glaubten, daß die De- willigung des Moratoriums eine Begünstigung ist, war es unerläßlich, daß wir sie von neuen produktiven Pfändern abhängig machten. Hier waren die Meinungsverschiedenheiten noch ernster. Man hat uns nach und nach die Tleberwachung der Zollgrenze am Rhein, die Errichtung einer Zollbarriere im Ruhrgebiet und die Beteiligung an den deutschen chemischen und Farbfabriken verweigert, die, wie man weiß, giftige Gase Herstellen können. Man hat uns die Beschlagnahme der deutschen Staatsbergwerke und der Staatswälder verweigert, und in der Frage der Staatsgruben, in der wir mit Belgien und Italien einig waren, haben wir als Garantie die sofortige Anerkennung gewisser Rechte verlangt. Aber England wollte diese Rechte nur anerkennen im Falle einer späteren Verfehlung Deutschlands. Während in der Frage der Lieferungen, die ihm auferlegt wurden, keine davon regelmäßig durchgeführt wurde, und seine Verfehlungen gewissermaßen zur Pändigen Hebung wurden, da hat man uns die außerordentlicheThese entgegengestellt, daß wir auf Grund des Art. 248 nicht das Recht hätten, von allen Pfändern eines im besonderen zu fordern. Ich habe sofort geantwortet, daß im Gegenteil, da wir ein Anrecht auf alle hätten, wir um so mehr das Recht hatten, ein Pfand zu beschlagnahmen.. Alle Versuch des Entgegenkommens haben Schiffbruch gelitten. Die Meinungsverschiedenheiten in der Pfänderfrage sind soweit gegangen, daß Lloyd George selbst vorgeschlagen hat, sie dem Völkerbund zu überweisen. Dem habe ich mich widersetzt, mcht etwa weil ich nicht den größten Respekt vor dem Völkerbund hätte oder weil ich nicht die Dienste anerkenne, die er bis jetzt der Friedenssache geleistet hat, sondern weil es mir unerläßlich schien, einen juristischen Streitfall in der Reparationsfrage nicht einem Organismus zu übertragen, in dem neutrale Machte sitzen und in den morgen England die Aufnahme Deutschlands verlangen wird. Poincarä sprach sich alsdann Über den Artikel 10 der englischen Vorschläge aus, der ein Moratorium bis 31. 12. 22 vorsehe, aber festsetze, daß während einer bestimmten Zeitperiode die Gesamtheit der Geldzahlungen nicht den Ertrag der 26prozentigen Exportabgabe übersteige. Darauf habe er bemerkt, er könne nicht zugeben, daß man auf diese Weise für eine unbestimmte Zeit die seststehenden Iahreszahlun- gen des Zahlungsplanes vom Mai 1921 aufhebe und daß man schön jetzt zu einer Beschränkung schreite, die die Reparationskommission binde. Was die internationale Anleihe betrifft, so habe er erllärt, daß die Vorbereitungen mehr in einer Sanierung der deutschen Finanzen, als in der Bewilligung eines Moratoriums zu finden seien. Die französische Regierung hätte kein Moratorium ohne Pfänder annehmen können, sie sei aber bereit, die Frage in ihrer Gesamtheit zu prüfen und habe deshalb verlangt, daß man die Dinge so belasse, wie sie im Augenblick
1 liegen und daß man sie in den ersten No- : vembertagen wieder anschneiden könne, daß aber i Deutschland bis dahin seine Verpflichtungen er- , füllen müsse, wie immer auch Lloyd George ge- > sagt habe, Deutschland könne zahlen. Es habe in > der Reichsbank eine Milliarde im Depot. Man : forme die notwendigen 150 Millionen davon weg- i nehmen, ohne den Sturz der Mark, der aus an- , deren Ursachen erfolge, über Gebühr zu be- i schleunigen. Noch gestern nachmtttag habe man : den Beweis geliefert, daß Deutschland bezahlen : könne, denn man habe die Zahlung von zwei : Millionen Pf und Sterling beschlossen. . Man habe alsdann ein sehr kurzes Moratorium - angeboten, ausgeglichen durch Kontrollmaßnah- - men, über dte man sich geeinigt hätte. Er habe
re Nouve 11 e" vertritt den Standpunkt, der Mißerfolg in London sei nicht ein Mißerfvlo Frankreichs, sondern der Mißerfolg einer Politik Morgen werde man erfahren, ob eine andere Politik in den Räten beschlossen werde, oder ob man militärischen Abenteuern entgegengehen werde.
Der Londoner Spiegel.
London, 15. Aug. „Daily Chronic 1 e" schreibt: Die nackte Tatsache ist, daß in fast jeder wcsenllichen Frage Frankreich und nicht Großbritannien allein gestanden hat. Ohne Frankreich hätten sich die anderen Alliierten auf der Konferenz binnen einer Viertelstunde auf eine für alle befriedigende Politik geeinigt. Der einzige Stein des Anstoßes war P o i n- car6. Frankreich verfolgt gleichzeitig zwei einander entgegengesetzte Ziele: Deutschland zu zerstören und Deutschland zahlen zu lassen. Die Frage des Moratoriums geht jetzt an die Reparationskommission. Der natürliche Weg wäre, daß die Kommission ein Moratorium bis zum Ende des Jahres gewährt in Erwartung einer neuen Zu- ammenkunft der Alliierten zu Beginn des Win- lers. Die Italiener haben vorgeschla- gen, daß eine solche Zusammenkunft stattsinden soll, sobald die verschiedenen alliierten Rationen die Fundierung ihrer Schuld an Amerika geregelt haben und sobald die Fragen der Schulden, der Anleihen und der Reparattonen von den Beteiligten in eine einzige Abrechnung gebracht werden können. Großbritannien begünstigt den italienischen Plan und hat gestern angeboten, die Frage der alliierten Hchul- oen aufzuschieben. bis eine solche Zusammenkunft vereinbart werden könnte. Die einzige augenblicklich sichtbare Alternative ist, daß Frankreich den Versailler Vertrag zerreißt und zu sevaraten Aktionen gegen Deutschland übergeht. Wenn Frankreich dieses tut, so wird England wissen, woran es ist; man kann s i ch jedoch nicht denken, daß Frankreich sich auf ein so gefährliches Abenteuer einlass.en wird.
„Times" sagt, der italienische Vorschlag, im November eine neue Konferenz abzuhalten und dann die Frage der interalliierten Schulden zu erörtern, könnte die Richtung anbeuten, in der sich die Auffassung einiger alliierten Regierungen einschließlich der britischen bewegt. Anfang November finden in den Vereinigten Staaten wichtige Wahlen statt, bei denen wahrscheinlich die Frage der europäischen Kriegsschulden eine große Rolle spielen wird. Vielleicht sind die Politiker, die nur in Wahlbegriffen denken, der Ansicht, daß nach diesen ameritani- schen Wahlen die Lage bezüglich der Fundierung der Kriegsschulden vom Standpuntt Europas mb Englands aus gesehen günstiger fein könnte als augenblicklich
„Daily Mail" schreibt, Poincarö habe sich unerbittlich gezeigt wie Shhlock, das letzte Wort sei jedoch noch nicht gesprochen, ifnb es bleibe England überlassen, es auszusprechen. Wenn die englische Regierung bereit sei, selbst zu diesem späten Zeitpunkte Erlaß der französischen Kriegsschulden, ja aller Kriegsschulden ihrer europäischen Alliierten im Austausch gegen eine vernünftige Behandlung der deutschen Reparationen zu bieten, dann würde sich die Lage für Europa sehr hoffnungsvoll gestalten.
„W estminsterGazette" drückt ihre De sriedigung aus darüber, daß die Konferenz abgebrochen wurde, denn ein nichtiges und bedeutungsloses Kompromiß wäre mehr zu bedauern gewesen, als das offene Eingeständnis, daß man nicht zu einem Uebereinfommen gelangt sei. Die Reparationskommission könne jedoch, obwohl sie in der Lage sei, als Sicherheitsventil für eine augenblickliche Krise zu wirken, das Hauptproblem der Alliierten nicht lösen. Sie könne die Zahlun- gen Deutschlands wohl verschieben, jedoch weder die deutsche Gesamtschuld noch die Initiative für eine fundamentale Regelung der verwickelten Fragen der Reparationen und der interalliierten Schulden übernehmen.
Heutiger Stand des Dollars
10 Uhr vormittags:
Frankfurt a. M. 1000.
Die Teuerung in Oesterreich.
Wien, 15. Aug. Die heutigen Morgenblätter beschäftigen sich ausnahmslos mit der Teuerung und bezeichnen die gestern bekanntgewordene Indexziffer, die mit 124 Prozent den Höchste stand erreicht, als eine Katastrophe.
Die „Re ichspo st" beziffert den auf Grund der neuen Indexziffer zur Bestreitung der Löhne und Ge'haltsansprüche notwendigen Geldbedarf aus 700 Milliarden, eine Summe, die größer sei als der derzeitige Notenumlauf.
Das „Neue Wiener Tagblatt" erllärt, sollte die Indexzifser nicht abgestvppt werden, führe sie in den Abgrund.
Die „Arbeiterzeitung" verlangt, daß die auf ein Viertel des Werts gesunkene Zwangsanleih«. der schon eingetretenen Geldentwertung angegll- chen werde. Das Blatt spricht sich über die Behandlung der österreichischen Frage in London, pessimistisch aus und erllärt, der Zusammenbruch Oesterreichs wäre das Todesurteil über dieWahn- sinnsverträge, fcenen Oesterreich sein Zwangs» dasein verdanke.


