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Nr. 112

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Krimftutt a. M. 11686.

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Erster Blatt

172. Jahrgang

Samstag, 13. Mai 1922 Annahme von Anzeigen für die Tagesnummer di» zum Nachmittag vorher odnejede Verbindlichkeit. Preis für 1 mm höhe für Anzeigen v 34 mm'Breite örtlich 120 Pf, auswärts 150 Pf.; für Neklame. Anzeigen von 70 mm Breite 430 Pf. Bei Platz. Vorschrift 20 "/.Aufschlag.

Hauptschriftleiter: Aug.

General-Anzeiger für Oberhesfen xMZ

" * Anzeigenteil: Hans Veäl,

vniS mld Verlag: vnlhl'sche Univ.-Vuch- und Stehtönideret H. Lenge. Schrlftlettung, SefchSftsftelle un) Druckerei: 5chulstratze 7. sämtlich in «.etzen.

Wochenrückblick.

Die russische Antwortnote, deren bollen Wortlaut wir gestern bereits veröffent­lichen konnten, wird die Genueser Konferenz nicht etwa auSeinanderfprengen, wie be­fürchtet worden war. Selbst die französische Delegatton, die ein Ja oder Nein verlangt hatte, findet sich mit der neuen Lage ab, ohne das Zelt abzubrechen. Herr Tschit- scherm und seine Moskauer Kollegen von der bolschewistischen Reinkultur werden ihm dabei wohl stark geholfen haben hat der Welt die Gefühle und die Bestrebungen der Sowjetrepublik gegenüber den europäischen Mächten sehr ausführlich auseinandergeseyt, wobei er die ihm zur Beantwortung vorge- legte Denkschrift reichlich mit dem Salz seiner Polemik und Propaganda bestreute. Was bisher in Genua hinter verschlossenen Türen verhandelt und umstritten worden war, seit die Russen in den Mittelpunkt des Interesses rückten, das wird uns jetzt greifbar mensch­lich näher gerückt. In Tschitsckserins Note sind ohne Zweifel einige breitspurige und groteske Ansinnen an die anderen Völker enthalten; der funkelnde Sowjetstern, der aus kalter Nacht über einem zerttümmerten, aller Wofil- sahtt und geregelter Sicherheit entbehrenden Riesenreiche uns entgegenleuchten will, übt wirklich kernen himmlischen Zauber aus. Wo­her soll das geforderte volle Vertrauen, die rückhaltlose Anerkennung dieses Regimes denn kommen, das doch nur auf den experimen­tellen Ideen einiger Volksbeglücker, nicht aber auf dem redlich befragten und deutlichen Dolkswillen beruht? Das einzige Argu­ment, auf das die Moskauer Herrn in ihrer Note sich stützen, ist dies: Wir sind ein ganz gefährliches, verzweifeltes, aus eigener Kraft au gor nichts wenigstens nichts gutem ffähigeS Proletariertum; unser Schwergewicht ist die stärkste Belastung Europas und wird Lie Völker in zunehmendem Maße bedrohen, wenn uns nicht geholfen wird. Mit einem Io knotigen Bettelstock in der Hand sollte man freilich keine allzu hochtrabenden Reden hal­ten und lieber der praktischen Notwendigkeit und einer nicht gerade einfachen Sachlage Rechnung tragen. Herr Lloyd George hat durch seinen Sekretär der Genueser Presse­konferenz bereits sagen lassen, das) die rus­sische Note vom Standpunkt des russischen Volkes aus gesehen eintörichtes Mach­werk" sei, und das ist nicht unrichttg, inso­fern der ganze Bolschewismus ja als nichts anderes erscheint. Indessen läßt sich gegen die Logik des Dokumentes, vom Sowjet- standpunkt aus gesehen, nicht viel einwenden, und man muß sogar gestehen, daß mancher ktttische Hieb Tschitscherins, besonders auf die­jenigen Mächte, die sich alsGendarmen Europas" immer gebärden wollen, tief und treffend sitzt. Ganz besonders wir Deutsche können mit einiger Genugtuung zusehen, wie den Gewalthabern von Versailles einmal gründlich zu Gemüte geführt wird, daß auch fljre Grundsätze alles Ruhmes und reiner Menschlichkeit durchaus mangeln, mit denen ste auch den deutschen Zöllner aus dem Tempel der Völkergemeinschaft ausgeschlossen haben.

Man mag sich mm in Genua zusam­mensetzen und beraten, wie die Welt haltbar wieder aufgebaut werden könne. Nicht mit dem Säbel' und der Flinte kann dies ge­schehen, sondern mtt den Werkzeugen pro­duktiver Arbeit und mit dem Geiste wirk­lichen Friedens. Die englische Delegatton hat bereits eine kleine Kundgebung erlassen, in welcher anerkannt wird, daß der Schlußteil der russischen Note besser sei als ihr An- fcmg. In der Tat steckt ja m dem wetten Mantel der Polemik auch manches brauch­bare Saatkorn für neue Versuche. Sowjet- rußland will bei weitem nicht alle, aber doch manche Schulden an das Ausland aner­kennen, nicht die von der früheren Regierung für die Kriegführung eingegangenen Schul­den, da Rußland den Krieg abgebrochen und vom Sieg nichts angenommen habe. Das ist wichttg für uns Deutsche, denn darin liegt der unerschütterliche Grundsatz ausgesprochen, daß die Moskauer Regierung mit dem Ver- saille" Vertrag nichts zu tun haben will. Auch gegen manch andere Angebühr der En­tente ziehen die Svwjelleute erfolgreich zu Felde. Sie verurteilen z. B. das Verlangen, Rußland solle sich jeder Handlung enthalten, die den polittschen oder territorialen Status quv in anderen Staaten stören könnte. Dies Verlangen bezeichnen die Russen als einen verschleierten Versuch, Rußland dazu zu brin­gen, die von der Entente mit anderen Staaten abgeschlossenen Verttäge anzuerkennen. In den bevorstehenden Verhandlungen über einen vorläufigen oder zeitlich umgrenzten Friedens­pakt kann diese Feststellung sehr bedeutsam werden. Auch den herzhaften Hinweis auf die Ausschließung der Türkei von den Genu- eLr Verhandlungen kann man autheihen.

Die Moskauer Regierung wünscht vor allem Kredite und Anleihen, nicht für irgend- welche Unternehmer, sondern für sie selbst. Sie stellt die wirtschaftlichen Notwen­digkeiten, die ja auch in den Grundsätzen von Cannes beschlossen worden seien, in den Vordergrund und bezeichnet die Angelegen­heiten der Schulden und sonstiger Ansprüche an Rußland als Fragen zweiten Grades. Darin kommt der etwas anmaßende Ton zum Vorschein, auf den wir schon Hingedeutel haben. Herr Tschitscherin wird es sich doch gefallen lassen müssen, daß man über diese Schulden- und Vertrauensfragen noch weiter verhandelt und er wird die Zugeständnisse machen müssen, die er heute noch zurückhält. In den Schlußsätzen seiner Note schlägt er zum gründlichen Studium der an Rußland gerichteten Ansprüche und zur gerechten Erwägung der Rußland zu gewährenden ver­fügbaren Kredite" einen von der Konferenz zu ernennenden gemischten Sachver­ständigenausschuh vor. Dieser Ausweg, mit einigen versöhnlich und verheißungsvoll klingenden Sätzen verbrämt, scheint bei der eng­lischen und der italienischen Delegation will­kommen geheißen zu werden. Der italienische Minister Schanzer hat Presseverttetern gegen­über eine optimistische Stimmung an den Tag gelegt und die Fortführung der Genueser Konferenz in sichere Aussicht gestellt.

So erweist sich die Politik Lloyd Georges trotz vielfacher Hemmungen und die Grundprobleme verwässernder Zwischen­fälle im ganzen als ergiebig und fortschritt­lich. Wir sind heute berechtigt, seine Be­mühungen durchaus ernst zu nehmen, zumal neue Einblicke in die Entstehungsgeschichte des Versailler Vertrages uns überzeugen, daß der englische Kabinettschef stettg bestrebt war, dem Tlebermoß der französischen Gewaltpolitik entgegenzuwirken. Wir wissen noch nicht, ob und wie die Beziehungen zwischen Frank­reich und Großbritannien sich weiterhin zu- spitzen. 2lber je heftiger und ernster die zwi­schen Paris und London geführte Zwiesprache ist, desto mehr müssen wir uns bemühen, Lloyd George Verständnis entgegenzubringen. Ein Genueser Mitarbeiter derKöln. Ztg." widmet dem brittschen Staatsmann einen großen Leit­artikel, der seine Persönlichkeit, feinen Wil­len und seine Fttedensziele würdigt. Er zeigt den puritanischen Fade« auf, der sich durch das Leben Lloyd Georges hindurchzieht und wieder erkennbar wurde, als der furchtbare Krieg zu Ende war:

3n seinem Kampf gegen den Versailler Ver­trag hatte er vor der Hand nur die morali - s che n Mittel zur Verfügung. Es galt, die Franzosen vor der öffentlichen Mei­nung Englands und der übrigen Welt unter Druck z u sehen und die F e st u n g selbst moralisch zu vergasen, um auf diese Weise die Franzosen -um freiwilligen Abzug zu veranlassen. Er ist dabei auf gewaltige Hinder­nisse gestoßen, er hat oft zwei Schritte zurücktun müssen, um wieder drei vorwärts gehen zu können, und er mußte in der Wahl der «taktischen Mittel und Wege fortwährend wech­seln. Aber das eigentliche Ziel seines Lebens, die T-egründung des europäischen Friedens auf ge­sicherter Grundlage durch Zerstörung des Vertrags, hat er keinen Augenblick aus den Augen gelassen, sondern mit einer unglaublichen Zähigkeit zu erreichen gesucht."

Wir wollen hoffen, daß dieKöln. Ztq." recht behält, wenn in ihr gesagt wird:Wie die Dinge auch laufen mögen, schon heute kann man sagen: der Gedanke einer europäi­schen Massenkonferenz war ein genialer Gedanke." An die vdyssceische Vielgewandtheit Lloyd Georges werden indessen noch manche Ansprüche gestellt werden. Die Wolle des 31. Mai steht noch am westlichen Himmel. Llber auch da steht eine VerhandlungSkommis- sion bereit. Das System der Blitzableiter muh die drohende Hand PoincareS zurückhalten. Lloyd George, nicht Herr Dr. Wirth, trieb die wahre ErfüllungSpvlittk. Wir aber wün­schen uns etwas von der Zähigkeit der Rus­sen, die trotz Not und Elend ihre nationalen Rechte zu schirmen wissen.

Folgen der russischen Antwort.

Der Standpunkt der englischen Delegation.

Genua, 13. Mai.' (WTV.) In der eng- ljschen Pressekonferenz wurde gestern folgende Erklärung abgegeben. Wir gehen jcht mit Volldampf a u f dem bisher begangenen Wege weiter. Lloyd George und die übrigen Mitglieder der britischen Dele­gation haben die russische Antwortnote emgehend geprüft. Obwohl uns das Dokument v o m r u s s i- schen Standpunkt sehr töricht erscheint, 'jxil es mehr der Propaganda als praktischen Zwecken dient, will die britische Delegation doch nicht, daß Europa der Friede versagt bleibt, oder t>afe der schwerleidenden Bevölkerung langer als nötig die Hilfe entzogen wird, weil der größte -^eil der russischen Antwort törichte Darlegungen Gnb. Die russische Antwort erschwert auf jeden Fall

die Gewährung von Hilfe an Rußland, aber das ist schließlich Sache der russischen Regierung. Wir sind bereit, die drei aufgeworfenen Fragen der russischen Rote: 1. Kredit an Rußland, 2. die Schulden Rußlands und 3. das Privateigentum in Rußland einer gemischten Kommis­sion zur Prüfung vorzulegen. Diese Kom­mission mühte dann in drei Unterkommissionea eingeteilt werden, von denen je eine eine Frage prüft Dieser Vorschlag erscheint der englischen Delegatton durchaus praktisch, doch ist sie gleich' zeitig der Ansicht, daß alle diese Fragen in den Unterkommissionen nicht dilatorisch behandelt wer­den dürfen. Die andere große Frage der Kon­ferenz von Genua fand in dem russischen Memo­randum gleichfalls eine befriedigende Lösung. Iedenfalls ist die britische Delegation der An­sicht, daß es für diese Frage eine gute Arbeit gebe. Auf die russische Antwort hin die Kon­ferenz abzubrechen, hieße alle Ruß­land benachbarten Cänber der Ge­fahr der Invasion auszusetzen und wurde eine neue Störung für Europa bedeuten. Die russisch: Delegatton erklärt sich aber in ihrem Schriftstück bereit, Frieden zu schliessen und den Wellsriedenspall zu unterzeichnen. Selbstverständ­lich ist England nicht bereit, Vertreter in die Kommission zu entsenden, ohne eine flare und eindeutige Garantie dasür zu haben, daß in der Zeit, in der die Kommission arbeitet, nieder Pro­paganda in den anderen Ländern getrieben wird noch andere Länder bedroht werden. Es ist not- wcitdig. zu faacn, daß diese Garantien auf Gegen­seitigkeit beruhen müssen. 'Wenn Rußland sich ver­pflichtet, sich jeden Angriffs auf feine Rachbarn zu enthalten, so müssen alle anderen Staaten sich zu dem gleichen Verhallen Rußland gegenüber verpflichten. Dasselbe mühte airch für die Pro­pagandagelten. Der Weltsriedenspakt kann natürlich nicht geschlossen werden, solange die Grenzen Ostpreußens nicht fixiert und allgemein anerkannt sind. Deshalb hat die britische Delegation die Absicht, zunächst feine Treuga bei auf der Basis der de facto bestehenden Grenzen vorzuschlagen, bis die Kommission ihre Arbeiten beendet und bis man ein definitives Ab­kommen mit Rußland geschlossen hat. Das sind im Prinzip die Vorschläge, die die britische Dele­gation der Konferenz dorzulegen gebenft mit der Bitte, sie arrzunehmen. Lloyd George wird sich jedenfalls mit allen Kräften dafür einsehen.

Die Haltung der Franzosen.

Genua, 12. Mai. (Sonderbericht des Ver- tteters des WTV.) lieber die Haltung der Franzosen gegenüber der russischen Antwort wird mitgeteilt, baß Frankreich über den stark polemischen Ton der russischen Rote ungehal­ten ist. Es hatte eine präzisere Antwort erwartet. Dennoch wird die russische Antwort nicht ab - gelehnt. Im Gegenteil dementieren Mänrer wie Picard, Darrere und Poncet energisch das Ge­rücht, nach dem die Franzosen in drei bis vier Tagen abreifen würden. Das treffe nicht zu. Man toerte die russische Antwort in der ersten llnterkommission für russische Fragen, die auf morgen nachmittag vertagt würbe, vorlegen. Diese Kommission werde sich, wenn Zwischenfälle nicht eintreten, dahin entscheiden, daß die finanzielle Frage der Sachverständigenkommission überwiegen wird. Damit ist nach Ansicht der Franzosen das russische Problem vorläufig erledigt. Die Kon­ferenz kann sich mnunefxr den anderen noch aus­stehenden Aufgaben zuwenden. Die Qleu traten, besonders die Schwei), sind mit dieser Lösung der russischen Frage durchaus nicht einverstanden, weil sie gern gesehen hätten, daß diese Angelegenheit in Genua restlos erledigt worden wäre.

P a r i s. 13. Mai. (WTD.) Wie das3our- nal" mitteilt, glaubt man in französischen offi­ziellen Kreisen, daß heute über oaS Schick- s a l der Konferenz entschieden wird. Heber die Rotwendigfeit, zum Ende zu gelangen, scheine feine Diskussion nötig; es bleibe nur die Frage, wie man die Liquidierung vollziehen könne. Minister Darthou habe präziseInstruk- Honen erhalten.

Paris, 12. Mai. (WTD.) Angesichts der durch die russische Antwort geschaffenen Sage ist nach dem Leitartikel desTemps " folgende Politik für die französische Regie­rung geboten:

1. Frankreich, das am 2. Mai das Memoran­dum unterzeichnet hat und seit diesem Tage nicht mehr an den Verhandlungen mit den Bolschewisten teilnimmt, kann augenscheinlich ebensowenig sich in Zukunft daran beteiligen. In feiner Form, auf keinem Umtoege dürfen die Vertreter Frankreichs sich zu neuen direkten oder indirekten Verhandlungen mit der Sowjetdelegativn herbeilasscn.

2. Wenn Frankreich sich an den Arbeiten der Kommissionen beteiligt, die Lloyd George voraussichtlich vorschlägt, also an Beratungen über die Frage der russischen Schulden, der Frage der russischen Anleihe und die des Privateigen­tums, wird es nur seinen Absichten treu bleiben; eine Teilnahme Frankreichs sei vielleicht dann möglich, wenn die Bolschewisten im Gegensatz zu der in ihrer Antwort funbgegebenen Absicht nicht an den Sachverständigenberatungen teil­nehmen.

3. Es ist die>e von einem Abkommen das Sowjet-Rußland mit den Rach- barftaaten schließen soll. Die Vertragschlie- henden sollen fich verpflichten, auf jeden Angriff ober jede aggressive Propaganda zu verzichten Der .Temps" bezeichnet diesen Plan als nutzlos und gefährlich, weil er gefährliche Illu­sionen Hervorrufen könnte. Wenn man dic Rachbarstaaten Rußlands schützen wolle, müsse man ihnen eine tatsächliche älnterftützung ver­sprechen für den Fall eines Angriffes auf sie.

Man müsse ihnen das Gefühl geben, daß man auch den andern Signatar des Vertrage« von 'Rapallo, nämlich Deutschland, in Schach halten werde. Wir dürfen niemals vergessen, bafo ble Konferenz von Genua den Vertrag von Rapallo erzeugte.

Der Zwiespalt in der Entente.

London, 12. Mai. (Wolfs.) Die.T r in e s" veröffentlicht einen ausführlichen Artikel ihres neuen Par.sei Korre ponbenien ©Ulet) Hubd- leston. Er nennt die äugend ickliche Krtsis die e r n ft e ft e von allen. Die Genueser Kon­ferenz treibe einem offenen Bruch der En­tente zwischen England und Frank­reich zu. Dies bedeute, daß Rußland and Deutschland einander in bte Arme getrieben würden. Eine Allianz zwischen diesen beiden Ländern könne Frankreich die Stirn bieten, den neuen polnischen Staat vernichten, die Rationen der Kleinen Entente bebrotjen sowie tue gesamte durch den Versailler Vertrag festgesetzte euro­päische Karte abänbem. Wenn nicht einen neuen Krieg, so werde sie doch em dauerndes Durcheinander auf dem Kontinent zur Folge haben. In Frankreich befürchte man infolge der letzten politischen Ereignisse, daß die' britische Sympathie sich zum gröjten Teil auf die Seite der riesigen russisch-deutschen Allianz wenden und daß Frankreich in manchen Dingen isoliert sein werde. Der Korrefponbrnt führt die ti Fra-nt- reich herrschende Opposition g?gen En-I n) auf die Peilönlichkeit LloydGeorges xuruck. Aus der anderen Seite babe Poincar 6 niemals eine offizielle britische ilntevftütu .g cri altcn. Die Franzosen seien entschloßen, Poincarä nicht durch Lloyd George ober durch b.i ifdje /Leitungen stür­zen zu lassen. Auch England könne nicht auf die Entente mit Frankreich verzichten. Die bri­tischen Wiederausbaupläne in Europa könnten cudi nicht gegen einen passiven Widerstand und viel weniger gegen Frankreichs aktive Gepi?r- schaft curchgeführt werden. Frankreich s i eine der Schlusselnattonen Europas. Es werde ai-gen- blicklich in eine extreme Stellung getrieben, die in gewissem Sinn« eine fall'd)« Stellung sei, bu es gar nicht einzunehmen wünsche. Hubblrston zufolge herrscht in Frankreich tm Durchschnitt .eine Stimmung zu Gunsten einer vernünftigeren und mäßigeren Regelung mit Deu schl >nd und wenn es möglich sei, auch zu Gunsten eines 'Ver­suches der Rlöglichkeit kommerzieller Beziehun­gen. Die Franzosen feien jedoch von der iln- au.Nichtigkeit D.utschlands übn-zmgt. Fr nkretch habe au, den Versailler Vertrag gebaut und seine ganze Wohlfahrt damit verknüpft. Frankreichs Abneigung gegen Abrüstung werde durch die Epi­sode der älnterzri chmr g des Rnpal v-Vrtta .es gestärkt. Wenn Ru.land und Deutschland za- fammenftänben, so sei die Lage Frankreichs ver­zweifelt. Frarckreich könne nicht lange auf bu Llnierstühung Englands rechne i. Amerika sei weit weg und zum größten Teil gegen Frank­reich.

London, 12. Mai (Wells.) Reuter meldet: Chamberlain führte gestern in einer Rede in Birmingham aus, er sei tief beunruhigt über den Widerstand, den Frankreich einer Beratung der Alliierten über eine gemein­same Maßnahme für den Fall, daß Deutschland seine Repa rationsschuld nicht bezahle, entgegen­setze.

Schanzer über die neue Lage.

Genua, 12. Mai. (Spezialbericht des Ver­treters des WTD) Der italienische Minister des Aeaßern Schanzer erschien heute im Prefeha^« anb erklärte den Pressevertretern, er sei bereit die Fragen, die man an ihn zu richten wünsche zu beantworten.

Auf die Frage, wie sich die allgemeine Lage infolge der Ueberreityung der russischen Antwort gestaltet habe, führte der Mi t ;cr a. a. aus: Ich werde Ihnen mit vollem Freimut meine persönliche Ansicht über die gegenwärtige La^e darlegen. Ich muß sagen, daß wir eine andere Antwort erwartet haben. Ich glaube, die rus­sische Delegation hätte den Interesten ihres eige­nen Volles besser gedient, wenn sie das Memo­randum als Grundlage für wtt.'ere Verhandlun­gen angenommen hätte. Wir haben alles mög­liche getan, um der russischen Delegation unsere Vorschläge zu erläutern und das Kreditsystem zu erflären, das dem Wiederau bau Rutz.ands die­nen soll und bas weit größere Aussichten bietet als die russische Delegation erwarten konnte. Wir haben besonders darauf Hingewi fen, daß das Kapital des internationalen Konsortiums nur ein Fond für den Anfang der Opera.ionen fein sollte daß noch weitere finanzielle Methoden die Lei­stungsfähigleit dieser Organisation verstärken könnten. Statt dessen hat man auf bi-etten Kre­diten an die russische Regierung bestanden. Solche sind tm Augenblick unmöglich, vielleicht sind sie in naher Zukunft möglich, wenn sich das Vertrauen erst wieder eingestellt hat. Wir haben uns bemüht, tn der Eigen tumssraze eine versöh­nende Formel zu finden zwischen den beiden ein­ander grgenüberstehenden Au fas ungen. Obgleich die russische Delegation sie in Erwägung gezogen hat, hat sie nicht geglaubt, sie annehmen zu sollen, vielleicht auf Weisung von Moskau hin. IG fürchte, der Wiederaufbau Rußlands wird da­durch eine Verzögerung erfahren und das ist zu benagen tm Interesse Rußlands, Mitteleuropas und des ganzen Kontinents.

Die russische Delegatton glaubt, es werde trotzdem Kapitalisten geben, die ihr Kapital in Rußland anzulegen bereit wären. Ich fürchte, Rußland würde für solches Geld enorm viel zu bezahlen haben, denn die Kapitalgeber würden, wenn sie kein Vertrauen haben, ihr Rissko mit in Rechnung stellen. Erst muß das Vertrauen wiedeiHergestellt sein, dann wird sicher em grober,