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Nr. 299 Zweite; Blatt

Samstag, 9. Dezember 1922

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Tberhessen)

Die Notgemeinschast der deutschen Wissenschaft.

Don 5>r P. Kahle und Dr. L. Schlesinger, Professoren an dec Universität (Sieben.

Die wirtschaftliche Hot der Nachkriegszeit hat schon seit mehreren fahren zu der Ueberzeugung geführt, dah die deutsche wissenschaftliche Forschung einer ausgiebigen UnterftuQung bedarf, um nicht tn den Verfall milgerissen zu werden, der Dan Mittelstände der deutschen Bevölkerung droht, aus dem ja zum überwiegend größten Zeile die gelehrten Verufe hervorgehen. Die Einzelstaaten, die in normalen Zeiten teils unmittelbar teils mittelbar die für die wissenschaftliche Forschung nöligen Hilfsmittel bereitgestellt haben, indem sie ihre Pflegestätten, Universitäten, Technischen Hochschulen. Akademien. Forschungsinstitute unter» hielten, sind nicht mehr in der Lage, für die Aus- slaitung dieser Anstalten mit allen für die For­schung erforderlichen Hilfsmitteln zu sorgen. Es bestand Daher die Gefahr, dah die Forschung nach und nach verkümmert, und dah damit die letztv Kraft unseres Volkes versiegt, deren Wirksamkeit über die Grenzen Deutschlands hinausreicht, und die bewirkt, oafj- daS Ansehen des deutschen Namens nicht ganz verloren geht.

AuS solchen Erwägungen heraus haben sich tm Jahre 1920 aus Anregung einiger weitsichtiger Männer unter Führung des Staatsministers Dr. F. S ch m i ö t - O l t die deutschen Akademien, Universitäten. Technisä-en Hochschulen und For­schungsinstitute zu einer .Notgemeinschast der deutschen Wissenschaft" zusammengeschlossen mit dem ausdrücklichen Ziel,Die der deutschen wissen­schaftlichen Forschung durch die gegenwärtige Notlage erwachsende Gefahr des völligen Zu­sammenbruchs abzuwenden". Spater haben sich dieser Organisation auch die speziellen Fachhoch­schulen angeschloslen.

Zur Erreichung dieses Zieles sollte zunächst die Unterstützung der groben wissenschaftlichen Unter­nehmungen, wie Monumcnta Gcrmaniae historica, Grimmsches Wörierbuch, Enzyklopädie der mathe­matischen Wissenschaften.Thesaurus linguaelatmae, Ausgabe der gesammelten Werke von Gauh usw. sichergestellt, ferner die Möglich'eit gegeben wer­den, allgemein wichtige Einzelsorschungen zu för­dern: sodann aber galt es die in Deutschland erscheinenden wissenschaftlichen Zeitschriften der verschiedenen Gebiete zu erhalten und besonders wertvolle wissenschaf liche Einzelverosf ntlichunsen zu ermöglichen Ferner muh brr durch den wirt­schaftlichen Verfall des Mittelstandes gefährdete wissenschaftliche Nachwuchs gestützt werden. Dazu gibt eS Forsckungsstipendien. die hoffnungsvollen pingen Gelehrten bewilligt werden, um ihnen das Durchhalten namentlich in der Zeit zwischen Promotion und Habilitation zu ermöglichen. Dar­über hinausgehend sollten nach Möglichkeit die bestehenden Institute bet deutschen Hochschulen, sowett sie der wissenschaftlichen Forschung dienen, mit literarischen, inflrumentellen und materiellen Hilfsmitteln versehen werden. Dagegen sollten die eigentlichen Unterrichtszwecke der Fürsorge des Staates überlassen bleiben.

ES ist dafür gesorgt, dah die Entscheidung über die Zuwendungen vvn möglichst unpar­teiischer und sachkundiger Seite erfolgt; zu diesem Zwecke sind 21 aus allgemeinen Wahlen hervor- gegangene Fachausschüsse eingesetzt, denen jedes Gesuch um Unterstützung zur Begutachtung unter­breitet wird. Tlcbeu dielen Fachausschüssen wur­den noch für die verschiedenen sonst erforderlichen Mahnahmen Sonderausschusie bestellt, wie z. V. dec Ausschuh für Materialien und Apparate, für Tierbeschaffung, der Verlagsau?schuh, der Diblio- thekSausschuh. in denen neben Gelehrten auch Vertreter der betreffenden wirtschaftlichen Fak­toren ihren Platz haben Die Tätigkeit gerade dieser letztgenannten Ausschüsse hat sich z. T. als besonders fruchttragend erwiesen. So hat auch unsere Landesuniversität namentlich von seilen des Verlags- und Vibliotheksaus- schusses erhebliche Förderung ihrer w i s s e n s ch a s 11 i ch e n 5oifd)ung3auf- gaben genossen. Zur Danke sur solche Forderung

hat die Philosophische Fakultät der Landesuni­versität aus Anlah der Miigliederverfammling der Notgemeinschaft in Berlin im November d.H. den verdienten Geschäftsführer des Derlagsaus- schusses. Geh. Rat Karl SiegiSmund zum Doktor der Philosophie ehrenhalber ernannt

In einer kürzlich heran ^gegebenen ausführ­lichen Schrift hat die Notgemeinschaft über ihre Organisation, ihre Tätigkeit und über d e Herkunft der ihr zur Verfügung stehenden Mittel berichtet Es wird darin eine Ueberficht gegeben über die bisher erfolgten Zuwendungen und über die weiteren Aufgaben, die in Zukunft zu lösen fein werden. Während bisher, von kleineren Beiträgen abgesehen, au3 Reichsmitteln 40 Millionen Mark für das Jahr 1921/22 bereitgestellt waren, sind nach einer am 11. September d. 3- vom Präsi­denten der Nolgemeinschasl an Da3 Reichsministe­rium des Innern gerichleten Eingabe die Bedürf- nisse für 1922/23 auf den Geiamtbetrag von 380 Millionen Mark angeseht worden Dabei ist die seitdem eingetretene erneute Entwertung der Mark noch nicht in Betracht gezogen und die Beschränkung auf das allernvtwendigste einge­halten worden. Es war beantragt worden, dah der Beitrag des Reichs von 40 auf 200 Millionen Mark erhöht werden tollte, dabei war erwartet, dah der Rest aus Beiträgen privater wirtschaft­licher Kreise, die zu wissenschaftlicher Forschung in naher Beziehung stehen, ausgebracht würde. Aber es bedarf keiner Begründung, dah diese Summen auch nicht entfernt ausreich:n. um nur die wichtigsten Bedürfnisse zu befriedigen.

Erfreulicherweise haben im Deutschen Reichs­tag alle Parteien für die Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft volles Verständnis gezeigt und einmütig ihre Bereitwilligkeit bekundet, zu helfen, soweit es irgend möglich ist. Die Not­wendigkeit einer ausgiebigen Hilfeleistung kann in der Tat nicht nachdrücklich genug betont werden, da es sich um Sein oder Nichtlein der deutschen wissenschaftlichen Forschung handelt, die zum Ab­sterben verurteilt wäre, wenn man sie ihrem Schick­sal überliebe.

Unter dem Eindrücke solcher Gedanken hat die tie jährfgeMitg e er erfammlutg derO'vt.eaein- schaft der deutf^-e.i Wi;s.mcha,t gestanden, und mit allem Danke für die bisher geleistete H.lfe ist all­seitig hervorgehoben worden, dah der Ernst der Lage eine grohzügige Hilfeleistung für die deutsche Wissenschaft erforderlich macht, wenn noch gerettet werden soll, was zu retten ist.

Aus Stabt und Land.

Dieben, den S Dezember 1922.

Die Dicnstbezirke

der landwirtschaftlichen Schulen sind nach einem Rogierungserlah vom 7. Dezem­ber d. 3s. für Ober Hessen, wie folgt, festgelegt worden:

Grünberg: Die nördlich und östlich dec Linie Ruttershausen, Lollar, Alten-Bllech Trohe. Rödgen, Oppenrod, Burkhardsfelden, Hattenrod, Ettingshausen, Lauter, Weickartshain ge'ezenen ßkmarfungen des Kreises Gissten, einschliehlich der Gemarkungen der als Grenze angegebenen Orte mit Ausnahme der Gemarkungen Burk­hardsfelden und Hattenrod, die Gemarkungen Bernsfeld. Ni^er-Ohmen, Atzenhain, Merlau. Lchnheim, Flensungen. Mücke. Ilsdorf, Kirfch- garten, Wettsaasen, Rupper enrod, Ober-Ohmen des Kreises Alsfeld; de Gemarkungen Hyckers- borf. Groh-Eichen. Klein-Eichen. Lardenbach, Srdenfcen, Laubach We terfeld und Rupperts­burg des Kreises Schotten.

Alsfeld: Der Kreis Alsseld, soweit nicht zur Landwirtschaftliche Schule Grünberg gehörig.

Lauterbach: Der Kreis Lauterbach

Schotten. Der Kreis Schotten, soweit .richt zur Landwirtschaftlichen Schule Grünberg gehörig, und dis ®.manXinqen Unter-Schmitten und Koh­den des Kreises Büdingen.

Büdingen: Der Kreis Büdingen ihne die Gemarkungen Berstadt, Grund-Schwalheim, Bis­ses. Echzell, Gettenau, Bingenheim. Heuä>rfheim i. d W., LridHecken, Unter-Schmitten und Kohden.

Lich: Der Kreis Giehen. soweit nicht zur Landwirtschaftlichsn Schule Grünberg gehörfg und ohne die Gemarkungen Lang°Göns, Grohen-Lin- ben, Klein-Ltaden. Allendorf a. d. Lahn. Leih­gestern und Holzheim.

Butzbach: Der nördlich der Linie Landes- gren'.c (Ziegenberg > Langenhain, Ober-Mörlen. ülieder-Mörlen, Steinfurth, Wohnbach gelegene Teil des Kreises Friedberg einschliehlich Der Ge­markungen der Grenzorte mit Ausnahme von Wohnbach; ferner die Gemarkungen Lang-Göns. Grohen-Linden, Klein-Linden, Allendorf an der Lahn. Leihgestern und Holzheim des Kreises Giehen.

fie bra n ftalt für Ob ft b a u und Land­wirt f ch a f t zu Friedberg: Der Kreis Fried- bzrg, soweit nicht zur Landwirtschaftlichen Schule Butzbach gehörig, und die Gemarkungen Berstadt. Grund-Schwalheim. Bisses, Echzell. Gettenau, Bingenheim, Heuchelheim L d. W. und Leidhecken deS Kreises Büdingen.

In allen den Weinbau berührenden Fra­gen ist zu tändig für das ganze Land die Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau zu Oppenheim. In Fragen des Obstbaues ist zuständig für die Provinz Oderhessen die Lehr­anstalt für Obstbau und Landwirtschaft zu F r i ed- ber g.

Rauchverbot in landwirtschaftlichen Lagerräumen, Scheunen usw.

Von amtlicher Seite wird mitgeteilt: Nach Mitteilung des Reichsministeriums des Innern ist die Erfahrung gemacht worden, dah vielfach Brände auf dem Lande dadurch entstanden find, dah in den Räumen, in welchen Ernte­erzeugnisse und andere landwirtschaftliche Pro­dukte aufbewahrt waren, geraucht worden ist. Jeder Brand tn landwirtschaftlichen Betrieben vernichtet aber nicht nur grobe Geldwerte, sondern auch unersetzliche Gegenstände, die zur Volks- ernährung dienen und auf deren Erhaltung und deren Schuh heutzutage bei den schwierigen wirtschaftlichen Derhältnislen ganz besonderer Wert gelegt werden muh. Es liegt also hierbei ein sehr erhebliches öffentliches Interesse vor Die Regierung sieht sich daher ueranlabt. auf die bestehenden gesetzlichen Denbote im Interesse der Feuersicherheit und des Schutzes landwirtschaftlicher Erzeugnisse aus­drücklich hinzuweisen. Bestraft wird mit Geld­strafe bis zu 600 Mk. oder mit Haft bis zu vier­zehn Tagen, unbeschadet einer etwaigen höheren Strafe aus Grund anderer Strafvorschriften, wer Scheunen, Ställe. Böden oder andere Räume, welche zur Aufbewahrung f?u?rfangenber Sachen dienen, mit unverwahrtem Feuer oder Licht betritt, oder sich denselben mit unverwahrtem Feuer oder Licht nähert; ferner wer an gefährlichen Stellen in Wäldern oder Heiden oder in gefährlicher Nähe von Gebäuden oder von feuerfangenden Sachen Feuer anzündet (Streichhölzer!); ferner wer es unterläht. dafür so sorgen, dab die Feuerstätten in seinem Hause in baulichem und brandsicherem Zustande unterhalten wsr)en oder dab die Schorn­steine zur rechten Zeit gereinigt werden Nach Artikel 167 des Hessischen Polizeistrafgesetzluches ist das Tabakrauchen in den o'^nge.iannten Räumen besonders unterStrafe gestellt. 'BeiSirase ist es auch verboten, an den bezeichn?ten ©teilen} die noch glimmende Asch: aus Der Tabakspfeife auszuleeren oder die noch brennenden Zigarren (Zigaretten) auf die leicht feuerfangenden Geaen- stande oder nahe an solche hinzuwerfen Nach diesen Vorschriften ist also das Rauchei in land- wirtschaft.ichen Betrieb rftätten und Lagerräumen grundsätzlich streng verboten und strafbar. Die Polizeibehörden sind im feuerpolizeilichen In­teresse verpflichtet, die Dichtung dieses Verbots durchzuführen. Sie sollen dabei namentlich auf die Jugendlichen achten, die es oft an der erforderlichen Sorgfalt fehlen lassen.

fi.il. ilniversitätS-DotteSdienst Morgen Sonntag, vormittags 1 1 1 * ilbi pünktlich, findet in der Neuen Aula ein tlni- verfitats-Gottesdienst statt, zu dem in er.ter kiiic die Angehörigen der ilnitxrhtai eingsladon find. Selbstverständlich hat aber auch jeder andere Zu­tritt. Die Predigt hält Privatdo^eitt Lic. Dell.

Gleibergverein. Dom Wetter be­günstigt, hielt am vorigen SamStag der ®kibcrg- verein eine auberordentliche Hauplr»erfaut!nl >ng auf dem Gleiberg ab. Der 1. Vorsitzende, Pro­vinzialdirektor Matthias, begrubte die Er­schienenen, besonders auch die Vertreter der Be­hörden, und gab feiner Freude darüber A.iSdr.ick, dab sich bie Gleibergfreunde dtesmal zahlreicher als sonst zusammengefunden batten. Nach einem kurzen Hinweis auf die Verhältnisse, die in bleiern Jahre das Abhalten des Gleibergsestes unmög­lich gemacht, dankte Provinzialdue.tor MatthtuS insbesondere für die Spenden, die hvchh.'rzige Gönner des Vereins zu dem beabsichtigten Sommerfest zur Verfügung gestellt, und wünschte, dah ihre Gunst auch weiterhin dem Verein er­halten bleiben möge. Zur Tagesordnung über­gehend, schlug er der Versammlung vor, die Mit- glieberbeiträgc zwar zu erhöhen,aber doch so zu be­messen, dab allen Devölkerungekrei e i der Ein­tritt in den Verein möglich sei. Da auch Die Ver­sammlung diesen Standpunkt grund ä; sich teilte, wurde der Iahresmindestbeitrag auf nur 20 Nkk. erhöht. Zur Erhöhung der Brandr>ersicherungS» summe des Mobiliars und der Gebäude ermäch­tigte die Versammlung den Vorstand, nach eigenem Ermessen vorzugehen und alle im Inter­esse deS Vereins gelegenen Mabnahmen zu er­greifen. Hierauf schlotz der Vorsitzende den ge­schäftlichen Teil der Versammlung und erteilte, um auch den ideellen Zweck des Vereins zur Geltung zu bringen, das Wort dem Direktor der Universitätsbibliothek, Prof. Dr. Ebel, der in anregender Weise die Entstehung und die Ge­schichte der Burg vor das geistige Auge der Zuhörer führte. Der Rest des Nachmittags galt einem gemütlichen Zusammensein, wobei noch ein Teil der gestifteten Gegenstände mit dem Erfolg verwertet wurde, dab die durch Dachausbefse- rungen entstandenen hohen Kosten aus dem Erlös reichlich gedeckt werden können. Dab der Gleiberg auch heute noch nicht seine Anziehungskraft ver­loren hat, gebt daraus hervor, dab sich allein in diesem Jahre 96 neue Mitglieder angemeldet haben. Die Gesamtzahl der Niitglieder beträgt nunmehr 234, sie mub aber noch weiter wachsen, damit die Erhaltung der Burg sichergestellt ist.

Unfall, Unf allverhü tung und Unfallentschädigung. Im vierten Vor­trag wurde zunächst der Unterschied zwischen einfachen oder verdeckten und komplizierten oder offenen Knochenbrüchen der Gliedmaben feftgcftcllt und nebst einem durch Walzenwirkung hervor- gerufenen Zertrümmerungsbruch des Oberschenkels vorgeführt. Alsdann kam die erste Hilfeleistung bei Knvchenbrüchen mittels verschiedener Improvi- sationsmethoden zur Besprechung. Als Beispiele dienten Notverbände bei Bruch des Schlüssel­beines, das alte Middeldorpfsche Triangelver­fahren bei Bruch des Oberarmes sowie improvi­sierte Behandlung von Brüchen der Unterarm- und Deinknochen. Unter den durch stumpfe Ge­walten in gewerblichen Betrieben hervorgerufenen Gelenkverlehungen besprach der Vortragende die Quetschungen und deren Behandlung und deman- filierte den Unterschied zwischen Verstauchungen und Verlinkungen.

Neuer deutscher Marken­wertrekord : 500 Mark. Der Wert der deutschen Briefmarken ist bereits auf 500 Mark angelangt. D e NeichSdrucketei hat neue Frei­marken zu 200, 300 und 500 Mark in Bogen zu 50 Sluck nach dem Entwurf von Haas auf rehfarbigem Nautenwaif.rLeich'enr ap:er ge­druckt. Es ist dies das breite Muster mit den großen Zahlen inmitten von Arabesken. Die Farben sind 200 rot, 300 grün, 500 orange. Gleichzeitig sind auch Briefmarken zu 50 Mk. in Buchdruck in Bogen zu 100 Stück nach dem Entwurf Szesztokat m.t dem Posthorn in grü-

Die Herweghs.

Eine rechtsrheinische Geschichte von L i e s b e t Dill

57. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Die Damen waren auher sich und auch die Männer waren enttäuschr, Dab ihnen eine gute Rede entgangen war. denn die meisten waren nur hergekommen. um Herweghs R^»e zu hören.

AlleS machte nun seiner Enttäuschung Lust.

Die Eelloaante schluchzte in ihr Taschentuch, die schöne Edeltraud muhte hinausgesührt werden von einem Resereadar. Ein junges Mädchen be­kam einen hysleiischm Aniall und fiel polternd Über die Bant. Auch Herr Kollin war sichtlich unbefriedigt, er machte zornige schwarze runde Augen und wichste erregt seinen Knebelbart, als ob jemand Geld von ihm verlange.

Unö jemand sagte auf den vordersten Bänken: .Er ist verrückt . .

3a, cs war feine andere Meinung mehr im Saal. Es wahr also doch wahr, was man immer geraunt hatte. Es mutzte etwas nicht in Ord­nung mit Hei weg h sein.

.Ich möchte hterzu noch etwas als Arzt sagen." Dottor Rickert war aufgestanden.

Als Hcrwegh Rickerts Stimme hörte, blickte er flüchtig auf. Rickert erzählte, datz er Her­weg h schon als Primaner gekannt und beob­achtet habe. .Er war ein ungewöhnlicher, ein ge­nialer Mensch eines der Sonntagskinder, die ins Leben treten, um Freude zu bringen und sich Freunde zu erwerben Hat irgendeiner von Ihnen, der hier im Saal ist und in nähere Be­ziehung zu dem Qlngcflagtcn getreten ist, in freundschaftliche, geschäftliche oder jurististhe. ganz gleich jemals den Eindruck gehabt, es nicht mit einem Ehrenmann zu tun zu haben?" Kein Ein­spruch erhob sich, die Männer nickten.

Er sprach vvn der arbeitsreichen Jugend Her­weghs. Er hatte Stunden gegeben, um sich ein

Taschengeld zu verdienen, wenn andere sich amü­sierten, sah er und bereitete sich für diese Stun­den vor, er hatte fein Leben der Arbeit gewidmet, er hatte als Student schon für sich sorgen müssen; wo airdere ihren Vätern auf der Tasche lagen, hatte er für seine Familie, der er die einzige Stutze war, gesorgt. 11 nb er, Rickert, hatte mit Angst gesehen, wie sich Herwegh eine Bürde nach der anderen auslud. .Für andere," betonte er, .nicht aus Gewinnsucht."

.Sehr richtigl" rief eine Stimme auS dem Publikum.

.Nicht für sich, nicht für sein Vergnügen hat er gelebt, denn in was hat sein Vergnügen denn b.'standen? In der Ausübung der Musik. Aber wie mit der Arbeit, so hat er sich auch mit Geld­angelegenheiten übernommen. Er war 'm alle diese Affären bineingetommen, er wusste selbst nicht wie." Er verteidigte ihn Warrn. Dte einen Freund. Dann kam er auf das eigentliche, auf feine Krankheit, diesen Druck auf dem Hirn, den er ihm oft geklagt- und Der später zugenommen hatte und bei anstrengendem Arbeiten stets wie- Secfam. Es konnte nicht stimmen, datz Herwegh Geld veruntreute aus Interesse, es war das heil­lose Durcheinander seines Bureaus, seine viel zu grotze Tätigkeit und sch'.iehlich dieses Aus­sehen der Gehirntätigkeit, das vielbeschäftigte hykcrnervöse Menschen chavakterislert und hem­mend und störend wirll. Cr hatte seinem Bureau- bcamten immer mehr überlassen müssen, man hatte feine Vertrauensseligkeit ausgerutzt, sein Q3ertcauen betrogen. Rickert schlug auf den Tisch .3a, man hat ihn vvn allen Seiten bestohlen und betiogcn. Ob man das macht, indem man ihm Aktenstücke versteckt und sich bann einen Taler schenken lätzt. um sie wiederaufzufinden, oder Smaragden stiehlt. An seinen Rockschötzen hatte eine ganze Familie gehangen, die halbe Stadt hatte er mitgeschleppt, und jeder kam zu ihm und toollte Geld haben."

Hm, hm," räusperte sich Herr Kollln und

zerzauste wütend seinen schwarzen Bart.Un­erhört, so was."

.Ich habe alles verfolgt," fuhr Rickert fori, .und habe alles kommen sehen, aber ich habe immer auf eins gehofft, dah einmal der Himmel Pech und Schwefel auf die Eppenhausener Fabrik legren lieb? und sie darunter begrübe, 'cenn Damit hatte sein Unfxil angefangen. Er hatte das Beste gewollt, aber die Arbeit war ihm über den Kopf gewachsen. Seine CHerDen waren schon an gegriffen als Primaner, und schon damals, als er Kopf- schmerzenpulrer von mir verlangte, hab' ich ihm gesagt: Alle Kopfschmerzen haben eine or­ganische Ursache. Arbeiten Sie nicht so viel. Aber er antwortete: Ich mutz arbeiten. Und so war's auch. Gr hat gelebt, um zu arbeiten! Er hat sich mit eisernem Fleitz durchgerunge.n durch eine solche Flut von Arbeit, die die meisten, die über ihn aburteilen, gar nicht kennen!" Rickerts Stimme Gang heiser. .Ich habe manches gesehen." Rickert dachte an den mondbeglänzten Weg im Walde, als der Wagen mit den beiden Glück­lichen an ihm vorübergefahren war. .Ich halte Herwcgh für einen hochbegabten Menschen, dessen geistige Kraft sich nur erschöpft hat, und dessen Nerven nicht mehr dem Gehirn gehorchen können. Ihn zu verurteilen mürbe ein Verbrechen sein!"

.Sehr richtig!" bemerkte eine Stimme aus der Zuhörerschaft.

Er schlug vor. Herwegh erst einmal einer Nervenanstalt zu überweisen, wo er sich sammeln könne und bann die Angelegenheit seiner Klienten selbst ordnen. .Das kann natürlich nicht von heut auf morgen aeschehen, man muh Geduld mit ihm haben, aber Dafür, datz es geschieht, bürge ich."

Bravo, bravo!" jubelte eine Frauenstimme.

.Dann wird es sich Herausstellen, ob er schuldig ist. Ich glaube es jedenfalls nicht!"

Als der geschlossene Wagen vor dem An­staltstore hielt und Herwegh die hohen Mauern

erblickte, welch? die frei in der flachen R hei neben« ll.genbe Nervenheilanstalt umschlosien, dachte er Nun, dahinter ist man ja sicher.

Sein Zimmer lag im zweiten Stock mit einem freien weiten Blick über Felder und Wiesen, zwischen Denen sich Helle Landstrahen, mit Obst- bäumen besetzt, hinzogen. Ein dunkler Streifen Wald schloy die Ebene nach Dem Rhein hin ab, den man durch die kahlen Buchen herüberschim­mern sah. Wenn Die Sonne unterging, lag Der Rhein tpie mit OoLDglan^ übergoss m. und aus dem schilfumstander^n W:iher im Park glaubte er Den weihen Arm einer blonden Nike aus- tauchen zu sehen, mit Seerosen im Haar . . .Rheingold, Rheingvld." Er Durfte sich frei be­wegen und sich nach Bell den beschältigen. Seine erste Frage war, ob er Klavier spielen Dürfe.

Es wurde ihm vom 2lrxt gestattet. .Aber sonst werden Sie Ihren Nerven erst einmal völlige Ruhe gönnen müssen," meinte Der.

ES war eine Abgeschlossenheit ohne Gesang- niSmaucm, eine Stille, aus Der man nicht Du dj das Rasseln Der Wärter ausgesch-eckt wurde, und seine Fenster waren nicht vergittert.

Eine tiefe seelische und körperliche Erschöp­fung kam jetzt erst über ihn. Als er zum ersten- mal mit dem Assistenzarzt durch Den grohen An­staltsgarten ging in b?m sich unter den entlaubten Bäumen einige Gestalten in grauen Kitteln be­wegten, kam ihnen die Allee herunter mit raschen Schritten ein kleiner Herr mit wehendem weihen Bart und jugeirdlich glänynben Augen entgegen.

Er begrühte Herwegh mit krä»tigern Hände­schütteln. .Servus, Wilhelm Kottenhan. glück­licher Besitzer Der Villa Trocadeiw vormals Adelheid Rumpf. Sie gestatten doch, dah ich mich anschliehe," wandte er sich an Den Arzt.

(Fortsetzung folgt).