Nr. 78 Zweiter Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen) Samstag, April (922
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Dismarcks Tag. '
„(5t wurde geboren in Preußen, er starb in Deutschland, er wurde betrauert in der L eit" — das ist die Summe, auf die ein geistreicher Kopf den Srdenwandel des Altreichskanzlers brachte, dessen Geburtstag heute, am 1. April, viele Lausende von Volksgenossen in stillem, aber umso treuerem Gedenken begehen werden.
Wie oft hat man allenthalben im Reiche während des Weltkrieges und noch öfter wohl nachher den bangen Wunsch gehört: „Wenn wir doch einen DiSmard hätten!" — Als sich das deutsche Volk einst auf dem Schlachtseide von Sedan die deutsche Einheit erfiritt, da hatte eS an seiner Spitze siegreiche, ruhmgekrönte Feldherren, die seine Waffen führten. Lind neben und mit ihnen stand als Leiter der politischen Geschicke Preußen- Deutschlands der Mann, der den Geoan- fen der Gröhe und Einheit Deutschlands am tiefsten durchdacht und in sein ganzes Sein so ausgenommen hatte, dah er späterhin mit Fug und Recht von sich sagen konnte: „Die beste Hälfte meines Lebens klebt an der Herstellung dieses Reiches." Wenn der herrlichen Volkserhebung der Jahre 1870 71 nicht wieder wie jener der Freiheitskriege eine Zeit der kläglichsten, inneren Zerrissenheit folgte, so ist es in erster Linie das Verdienst des Mannes, der nun schon fast ein Vierteljahrhundert im Sachsenwalde auSruht von einem Leben voll unermüdlicher Arbeit für sein Volk.
Alö eS in unseren Tagen galt, Dismarcks Werk, das geeinigte deutsche Vaterland, gegen den Reid und die Rachsucht einer Welt von Feinden zu schirmen, da hatten wir wieder wie einst ein starkes Volksheer, und an seiner Spitze Generäle, die es zu Siegen führten. Mas und aber fehlte in diesem größten Ringen aller Zeiten, war ein Staatsmann, der den deutschen Heerführern ebenbürtig gewesen wäre, und der eö verstanden hätte, den Gecst •her unvergeßlichen Augusttage des Jahres 1914 hochzuhalten und zu stärken, so daß sich das ganze deutsche Volk einig geblieben wäre in dem Willen, zu siegen. Llnd weil wir einen solchen Mann nicht hatten, erinnerten sich die Deutschen immer wieder in ihrer Sorge um ihres Landes Geschick des Geistes, in dorn der Altreichskanzler das Steuer des Reichsschiffes führte, und der noch heute — und jetzt wieder durch die Rot der Zeit verstärkt — aus feinen Taten und Worten zu uns spricht.
DiSmarcks Werk ist zertrümmert, Deutschland wurde besiegt. Geknebelt und geknechtet soll daS Reich werden für alle Zeiten, nachdem es durch die Zwietracht im Innern ^'u- stlmmenbrach. Trübe liqnt die deutsche Zukunft vor uns. Rur eines kann uns retten und wird uns den Weg zum Wiederaufstieg weisen: Wenn immer weitere Kreise unseres Volkes sich wieder besinnen auf die Mannestugenden unserer Vorfahren, wenn sie den Weg zurückfinden zu dem Geiste von FriedrichSruh. Ein wahrhaft heiliges Vermächtnis muß uns gerade in unseren Tagen, da Deutschland die tiefste Schmach in seiner tausendjährigen Geschichte erfährt, der Geist Dismarcks sein. Denn sein Geist war Stärke, gegründet und geboren aus Deutschlands Einigkeit und Kraft, die sein Werk waren, entsprossen treuestem Pflichtgefühl und echtestem Gottvertrauen.
„Wenn ich einem Teufel verschrieben bin, so ist eS ein teutonischer", das Wort, das DiSmarck im Jahre 1860 einem Diplomaten schrieb, und das andere, das an seine Gemahlin gerichtet ist: ,.W aSsindunsereStaatenundihre Macht und Ehre vor Gott (anders alö ein Ameisenhaufen oder Dienen st öde, die der Huf eines Ochsen zertrittoderdaSGeschickinGestalt eines Honigbauern ereilt." — ^Bekenntnisse also zum stolzen Deutschbewußtsein und zum Vertrauen auf eine höhere Fügung, das ist daS Vermächtnis des Alten von Fried- richsruh.
Sorgen wir dafür, daß auch am Ende unseres Lebens die Worte stehen dürfen, die er
Die PMe des Paradieses.
Roman von Ingeborg Vollquartz.
BerccbtiiUe Uebcrkfcung auS d m Dänischen.
24. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)
„Mutter, wäre es dir unangenehm, diesen Weg da .mit mir zu geben?" fragte er und zog seine Mutler.mil sich. »Cs ist gor kein Umtocg.“
.Ach so, da wohnt sie," sagte Frau Inger mit verständnisvollem Ricken. »Zawohl, wir wollen diesen Weg gehen. Ich^-in auch einmal zwanzig Zähre alt gewesen," schloß sie mit leichtem Lächeln.
..Ach, Mutter, du glaubst gar nicht, wie schön sie ist, und so gut!“
. Kennst du sie näher?"
.0 ja, ich habe drei-, viermal mit ihr gesprochen, und gesehen habe ich sie oft. Sie hatte immer gerade vor mir Sittgsiunde. aber sie hat auch aufge£5rt, weil sie fand, es führte doch zu nichts."
.Weiß sie, daß du sie Heb hast?" fragte Frau Inger nach einer kleinen Weile.
.Rein, was denkst du, Mutter!" rief Orlu. .Wie könnte ich ihr das sagen, ich bin ja nichts! QUxt gerade deswegen will ich fort, denn ich will jetzt etwas werden. Sieh, dort oben wohnt sie, im ersten Stock. Du kannst wohl hinaufsehen, es steht niemand am Fenster. Ach, du kannst vir gar nicht vorstellen, wie schön sie ist —"
.Glaubst tu, daß sie sich etwas aus dir macht?“
„Rein," sagte Orla ganz offen und etwas Niederschlagen. »Ai-er daran will ich vorerst
an den Schluß feiner „Gedanken und Erinnerungen" fetzte: Patriae inserviendo consumor!“ — „3m Dienste des Vaterlandes verzehre ich mich!" —r.
Hessischer Landtag.
6L Darmstadt, 30. März.
(Schluß.)
Der Antrag Rink u. Gen., betr.
Drennholzabgabe an Beamte, beantragt, den Ausschuhantrag für erledigt zu erklären. — Abg. Ebner (K.P.D.) ist gegen diesen Antrag und begründet seine Stellungnahme in längeren Darlegungen.
Abg. $.au Hattemer (<,tr.): Rach meiner Ansicht hat der Staat sogar die Pflicht, als Arbeitgeber an feine Beamten Holz zum Taxpreis ab:,ugeben. Zu bedauern sind nur die Ungleich« beiten in der Holzabgabe. Die Pensionäre und Hinterbliebenen sind noch xu berücksichtigen.
Abg. Reiber (Dem.): Soziale Maßnah- men. wie diese, sollte man ausbauen, nicht ab- schaffen.
Abg. Schaub (USP.) vertritt den gleichen Standpunkt.
Firanzminister Henrtch: Die Entstehung der Taris Holzabgabe, wie sie der Abg. Reiber dar- stellte, ist richtig. Es lag im Allgemeininteresse, dah die Beamten sich nicht an den Versteigerungen beteiligen. Heute ist es natürlich ein Vorteil für die ‘Beamten.
Aög. Dr. Werner (Dtschnall.) (in der allgemeinen Unruhe und infolge der Zwischenrufe vielfach unverständlich) stellt fest, daß es sich um eine Bevorzugung handelt, daß man aber angesichts der Rotlage eines großen Teils der Beamten dieses Vorrecht nicht aufheben darf.
Der Ausschußantrag wird angenommen.
Kleine Anfrage.
Abg. Sturmfels (Soz.) fragt an, ob es richtig sei, daß verheiratete Lehramts-Assessoren entlassen und dafür weibliche Lehrkräfte angestellt wurden.
Direktor Urstadt: Es ist nur em solcher Fall eingetreten in Mamz. Diese Stelle war ursprünglich für weibliche Lehrkräfte vorgesehen.
Kleine Vorlagen.
Die Regierungsvorlage, Herstellung einer festen Bestuhlung im Theatersaat des Kurhauses in Bad-Rauheirn wkrd angenommen und 196 000 Mark "dafür bewilligt.
Abg. Frau Birnbaum (D. Vpt.) tritt bei dieser Gelegenheit warm für die Bewilligung eines
Zuschusses von 250 000 Mark für das Theater in Gießen ein. Eine dahingehende Eingabe des Dürger- meiflers der Stadt Gießen liegt vor.' Der Betrag soll zur Deckung des Defizits dienen. Das Theater in Gießen sei eine wichtige kulturelle Angelegenheit für ganz Ober Hessen. — Regierungsseitig wird erklärt, daß die Frage gegenwärtig geprüft wird.
Die Regierungsvorlage, Abänderung des Gesetzes, die Besteuerung des Gewerbebetriebes im Uinherztehen vom 22. Dezember 1900 betr., wird angenommen. Danach wird die Stempelsteuer hierfür um das Zehnfache erhöht.
Abg. Dr. Werner (Dtschntl.): Wir sind gegen die Vorlage, weil wir das Gewerbe im Umherziehen, mit Ausnahme der Hausierer, die ihre Ware selbst Herstellen, für entbehrlich und schädlich halten.
Ohne Aussprache angenommen wird die Regierungsvorlage, betr. Mvbiliarbeschaf- fung für die Haupt st aatskasse. Es werden 116 000 Mark bewilligt.
Zur Regierungsvorlage, die zweite Ergänzung des Besoldungsgesetzes betreffend, beantragt der Ausschuß Annahme und scl lägt vor, die Regierung zu ermächtigen, das Gesetz dem Reichsgesetz entsprechend anzuwenden und auszuführen.
Abg. Frau Hattemer (Zentr.) stellt mit Genugtuung fest, daß das Reich sich den günstigeren hessischen Sätzen angeschlossen hat, und daß damit auch für die Pensionäre und Hinterbliebenen eingetreten wird.
Abg. Dr. Werner (Dtschntl.): Es ist erfreulich. dah hier der Staat einmal schnell vorgeht. Doch sind noch heute die Zahlungen aus vor über einem Hahr erfolgten Bewilligungen rückständig. Diese Bezüge sollten schnellstens nachgezahlt werden. In Einzelllafsen sind die Spannungen noch zu hoch. Es sollte hier ein besserer Ausgleich geschaffen werden.
Abg. Cgner (K.P.D.) fordert auch hier eine bedeutende Erhöhung der unteren Gehälter.
Abg. D. Dr. Diehl (Dntl.): Herr Abg. D. Echian hat bereits die „Kcmn"-Vorschrift be
züglich der Frauenzulage beanstandet. Man sollte doch feststellen, dah Falle, in denen ein Beamter nicht für seine Frau sorgt, zu den Ausnahmen gehören und nicht die Regel sind. Man sollte das doch im Wortlaut zum Ausdimck bringen. — Der Ausschußantrag wird angenommen, die Vorlage auch in zweiter Lesung erledigt.
Es folgt Beratung der Regierungsvorlage: Ausbau der Realschulen zu Michelstadt und Groh-Umstadt zu Oberrealschulen. 3n Qk-r i ibung Dam.t 3 Anträge und Vorstellungen in gleichem Bet.eif.
Abg. Storck (Soz.) berichtet über die Aus- schuhberatungen, der die Vorlage anzunehmen und die Vorstellungen für erledigt zu erklären beantragt
Abg. Dr. Osann (D. Vp.) dankt fcer/Regierung für die Vorlage und dem Ausschuß für seine zustimmende Stellungnahme. — Rach Ausführungen der Abgg. Dr. Müller (Bbd.). Ress (Soz.), Dr. Werner (Dnll.), die sämtlich für die Vorlage cintreten, wird der Ausschuhantrag angenommen,
Rächste Sitzung Freitag ’/slO älhr. — Schluß 1 Uhr.
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10. Sitzung.
St Darmstadt, 31. März.
Am Regierungstisch: Staatspräsident U l - r i ch, Minister des Innern von Brentano, Finanzminister Henrich.
. Präsident Adelung eröffnet die Sitzung um 91/2 Uhr. Vor Eintritt in die Tagesordnung erhalt das Wort zu einer kleinen Anfrage der Abg. Diehl- Hochweisel, der nach dem Stand der Krastwagenlinie Butzbach—Dad-Rau- heim nagt — Finanzminister Henrich erwidert, die Regierung bearbeite das Projekt weiter
Dochmals die Millionenschuld.
Abg. Müller (Bbd.) kommt nochmals aus die Aussprache über die Millionenschuld der Landwirtschaftskammer zu sprechen und verliest seine Ausführungen, soweit sie sich gegen die Darmstädter Dank richteten. Die Dank habe sich dieserhalb an ihn gewandt Inzwischen habe er feststellen können, dah die Dank tatsächlich die Devisen zu der fraglichen Zeit gekauft hat, sie also nicht aus eigenen Beständen genommen hat. Der Vorwurf, der dieserhalb gegen die Dank erhoben wurde, ist also hinfällig. Hingegen könne er der Dank nicht den Vorwurf ersparen, dah sie, ohne anderen Ausweg zu suchen, zu einem höchst ungeeigneten Zeitpunkt die Umwandlung der Schuld in Mark erzwungen hat.
Es wird dann in die Tagesordnung eingetreten.
Kleine Vorlagen.
Ueber die Regierungsvorlage, den R e u - bau eines physiologischen Instituts, in Giehen betreffend, berichtet Abg. Brauer. (Der Wortlaut der Vorlage ist bereits mitgeteilt.)
3m Rachgang zu der Vorlage wird festgestellt, dah die Kosten des Reubaues schon jetzt, entgegen der ursprünglichen Annahme, nicht 3,3 Millionen, sondern 4 875 000 Mk. betragen.
Abg Brauer (Bbd.) beantragt Annahme der Vorlage.
Abg. Dr. S ch i a n spricht seine Genugtuung übe; die Vorlage aus und hofft, dah sie einstimmige Annahme fiiiden möge. D i e Vorlage wird angenommen.
Ueber einen Antrag der Abgg. Ebner und Rink (K.P. D.), die Mihstände bei der Steuerzurückzahlung betr., berichtet Abg. Dingeloey: Die Mißstände sind allgemein bekannt, und es ist alles geschehen, um Abhilfe zu erlangen. Der Ausschuß beantragt, den Antrag der Regierung als Material zu überweisen. Der Antrag wird angenommen.
Ueber den Antrag Hoffmann-Alzey u. Jen., die Kinderbeihilfe für Kriegsteilnehmer betr., berichtet Abg. Reiber: Es handelt sich darum, dah den Kindern von Beamten, die Kriegsteilnehmer waren, die Kin- derzulage auch über das 21. Lebensjahr hinaus gewährt wird. Da das Reichsangelegenheit ist. beim Reich aber eine Geneigtheit zur Annahme nicht besteht, beantragt der Ausschuß, den Antrag für erledigt zu erklären.
Abg. Hoffmann (Ztr.): Die Haltung der Reichsregierung ist sehr bedauerlich. Wir verlangen. dah die hessische Regierung von neuem Versuche unternimmt.
Avg. Kindt (D.-R) stimmt dem zu. — Der Ausschuhantrag wird angenommen, die Abstimmung wird bezweifelt. Eine nochmalige Abstimmung ergibt Ablehnung des Au s s ch u h a n t r a g e s. Der Antrag Hoffmann wird einstimmig angenommen. (Heiterkeit.)
Ueber den Antrag der Abgg. Füller u.
Sen., ich tung einer __________
Daugewerkschulc in Oberhessen
betr., berichtet Abg. Lux: Die Regierung hat darauf hingewiesen, daß bereits drei derartige Schulen in Hessen bestehen, und daß auch der Bund der technisch-industriellen Beamten sich gegen eine weitere Schule ausgesprochen hat. Der Ausschuß stellt zur Erwägung anheim, eine der bestehenden Daugewerlschulen naa> Oberhessen zu verlegen, den Antrag im übrigen für erledigt zu erklären.
Abg. Füller (Bbd.V Ich bedauere cd sehr, daß derscloe Au-schuß, der gestern für Theaterzwecke große Summen bewilligte, heute die Dau- gcwerkschule ablehnt. ES ist eine Ungerechtigkeit, daß man ObcrbJ.cn die Daugewe.k ch 1 - verjagt Ich bitte, den AuSschußainrag abzuli.chr.en.
Abg. Dr. Werner (Dntl.) wird für den Antrag stimmen. — Der Ausschuhantrag wird angenommen.
Der 1. Mai.
Abg. Soherr berichtet über die Anträge der Abgg. Ulrich u. Gew. Feiertagserllärung des 1. Mai betr., und der Abgg. Kindt u. Gen., den 18. Zanuar. den Tag der Reichsgründung, zum gesetzlichen Feiertag zu erklären. Der Ausschuß hat beide Anträge abgckbnt, zumal auch das Reich ablehnenden Standpunkt einnimmt.
Abg? Kindt (Dnatl.): Der 1. Mai ist kein Feiertag, er ist eher ein Tag zum Trauern. (Zurufe links, die während der weiteren Auöführun' gen ^drs Redners sich dauernd verstärken, trotz Glocke des Präsidenten.) Die Regierung hat die Pflicht, nationale Politik zu pflegen, und nicht internationale.
Abg. Widmann (Soz.) begründet den Antrag seiner Partei.
Abg. Felder (Ztr.): Unsere Partei lehnt beide Qlnträgc ab.
Abg. Schian (D. Vpt.) vertritt den Standpunkt der D. Vpt.. die den 1. Mai natürlich in jeder Hinsicht ablehnt. Dem Gedanken, den 18. Za- huar zu feiern, stehe man nicht unfreundlich gegenüber, wenn es gelänge, diesen Tag zum Feiertag für das ganze Reich zu machen. Wir stimmen für den Ausschuhantrag.
Abg. Obenauer (Dem.) ist gegen beide Anträge und schlägt den 19. Zuli, den Tag, der dem Reich die Verfassung brachte, als nationalen Feiertag vor. — Cs folgen Person ich» Bemerkungen der Abgg. Kindt und Widmann.
Der Qlntrag des Ausschusses wird angenommen in erster und zweiter Lesung, der Antrag Ulrich ist also abgelehnt.
Der Antrag Kindt wird dahin geändert, daß der erste Teil zurückgezogen wird und nur der zweite Teil bestehen bleibt, der dahin geht, bei der Reichsregierung dahin zu wirken, den 18. Zanuar zum Feiertag für das Reich zu erklären. — Der Antrag wird mit 41 gegen 21 Stimmen abgelehnt.
Zu einer kleinen Anfrage erhält der Abg. Delp (Soz.) das Wort. Er fragt wegen des Bermessungswesens in den Städten und der von der Regierung beabsichtigten Umgestaltung. — Finanzminister Henrich erklärt: Die Regierung wird bestrebt fein, eine den Städten dienende Regelung zu finden.
Abg. Dr. Osann berichtet über die Regierungsvorlage, betreffend das Lederfor- schungsinstitut in Darmstadt. Die Regierung beantragt: Der Finanzausschuß wolle genehmigen, dah der Betrag von einer Million Mark der Hochschulgesellschaft für die Errichtung der bewilligten Dersuchsgerberei überwiesen werde
Der Ausschuß schließt sich dem an. DaS Haus ebenfalls.
Zum Antrag der Abgg. Hattemer und ©en., die Desoldun g der Referendare betreffend, beantragt der Ausschuh, die Angelegenheit so lange ruhen zu lassen, bis die Regierung endgültig Stellung zu der Frage genommen hat.
Abg. Frau Hattemer (Ztr.) bittet die Regierung dringend, sobald als möglich eine entsprechende Vorlage zu machen.
2lbg. Sturmfels (Soz.) schließt sich dem an. — Abg. Ruh (Ztr.) bespricht die Rotlage der Referendare und fordert ebenfalls schnellste Stellungnahme.
Finanzminister Henrich weist es zurück, daß die Regierung für die Referendare noch nichts getan habe. Cs ist schon allerlei geschahen und wir arbeiten andauernd an einer befriedigenden Lösung der Frage.
Äbg. Dr. Werner (Dntl.): Die Rot bet geistigen Arbeiter ist so groß, daß gar nicht genug darüber gesprochen werden kann. — Abg. D. Sch ian (D. Vpt.): Cs ist auch die Rot der Privatdvzenten besprochen worden. Ich möchte feststellen, daß ich zur gegebenen Zeit eingehend darauf zu sprechen kommen werde. — Der Ausschuhantrag wird angenommen.
Zum Antrag Jl e f f Aufschub bet Straf-
nod) gar nicht denken, denn sonst wird nichts aas mir. Das einzige, wonach ich trachte, das ist, w-egzukommen — ober dazu bekomme ich doch keine Crloabnis," schloß er etwas mutlos.
„Doch," erllärte Frau Dorris plötzlich entschlossen. „Ich verspreche dir, da darfst reifen, zur Belohnung dafür, daß du dich mir anvertraut hast — vorausgesetzt, dah deine Lust dazu solange anhält, bis der Koffer gepackt ist," fügte sie lächelnd hinzu.
„Za, Mutter, diesmal ist es mir Ernst," versicherte Orla. „Hab ich bin fest überzeugt, ich werde Glück haben."
Frau Inger sah auf zu ihrem Sohne, inb als sie seinen freudigen Ton wahrnahm, mußte sie an jenen Herbsttag vor vielen Zähren denken, wo sie selbst ebenso siegessicher unb mit ebenso unerschütterlichem Glauben Aehnliches geredet hatte.
,/Bleib nur fest bei diesem Glauben, Orla,“ flüsterte sie: »dann wirst du dein Ziel gewiß erreichen."
Die letzte Strecke Weges legten Mutter und Sohn Arm in Arm schweigend zurück. Frau Dorris'war mit einem Male ganz ruhig geworden. Sie hatte sich entschlossen, das ihre zu tun, damit Orla fortfomme, und sie hatte das bestimmte Vorgefühl, daß ihr Mann diesmal keine Einwendungen machen werde.
»Ist der Vater zu Hause?" fragte sie Ellen, die sie vom Fenster aus hatte kommen sehen und ihnen en gegentam.
"Rein, aber ein Drief an ihn von Herrn Flint-Zensen ist gekommen. Ich habe ibn auf seinen Tisch gelegt." sagte sie, während fte Der
Mutter beim Ablegen behilflich war. »Der Herr Sachwalter könnte seine Freimarken sparen, denn Vater macht nicht einen seiner Driese auf."
Frau Dorris, die vor Sohn und Tochter ins Wohnzimmer getreten war, drehte sich erstaunt um.
»Woher weißt du das, Ellen?" fragte sie. »Es kann doch niemand von uns wissen, ob Vater seine Driese liest oder nicht!"
»Rein, ober ich habe ihm zufälligerweise drei Driese von diesem Herrn Hother Flint-Iensen auf sein Zimmer gebracht, und zedesmal nahm er mir den Drief aus der Hand, warf ihn in eine Schreib tischschieblade und schloß sie ab, und als ich ihn das zweitemal fragte: .Willst du denn deinen Drief nicht lesen, Vater/ da sagte er ganz heftig: .Rein, ich weiß vorher, was darin steht — ich habe Aerger genug/“
»Armer Vater!" sagte Frau Inger. »Ihr müßt ihn nicht mit Fragen quälen."
»Rein, ich werde mich hüten," versicherte Ellen »2E>er auch an dich ist ein Drief gekommen, Mutter," fuhr sie fort. »Aus Italien — von'Tante Rora."
»Von Rora!" wiederholte Frau Inger verwundert. „Unb du sogst, er sei an mich? Da bin ich doch begierig, was sie schreibt."
Inger setzte sich behaglich in ihren Lehnstuhl. »Wo ist Mogens?" fragte sie, während sie den Drief öffnete.
„Er putzt die Sporen, di: ihm Vater am Sonntag geschenkt hat," antwortete Ellen. „Er putzt sie xed:n Tag, wenn er mit dem Lernen fertig ist."
..Du liebe Zeit!" seufzte Frau Inger: dann entfaltete fie ihren Dries und fing an zu lesen.
»Elba, den 9. April 19 . . Liebe Inger!
Du wirst natürlich sehr erstaunt fein, einer. Dries von mir zu erhalten, und es wäre mir auch gewiß niemals eingefallen, mich Dir an» zudertrauen, wenn ich sonst einen einzigen Menschen hätte, an den ich mich toenben konnte. Als ich mich auf diese Reise begab — eine Vergnügungsreise sollte es fein — ja, schöne Vergnügungsreise, auf einer Insel festzusitzen, auf der man keinen Menschen kennt und nur wenig von der Sprache versteht, und von der man nicht wegkommen kann, weil man kein Geld hat. Za, liebe Inger, so weit ist es mit mir gekommen, diese Prüfung sollte mir nicht erspart bleiben. Aber ich habe das geahnt. Ich bin-fünfzig Zahrs alt geworden — bin immer einsam gewesen, toeü meine Ratur nun einmal weniger oberflächlich ist, als die andrer, und kräftig bin ich auch nie gewesen, obwohl ich gut weiß, daß es viele gibt, die meinen, nur die Klapperdürren könnten leidend sein. An Schlaflosigkeit habe ich von frühe- fler Zugend an gelitten, und die Freuden, die ich gehabt habe, lassen sich zählen. And nun das erste Mal, wo ich hinaus komme und mir das Vergnügen einer Reise ins Ausland machen und den Süden in all ferner Pracht sehen und genießen kann — was ich auch getan habe — muß mir das geschehen! Ich habe an meinen Sachwalter Herrn Flint-Hensen gesch 'leben u id wieder geschrieben, habe aber feil Reu;ahr nichts mehr von ihm gehört — Geld bekommen, mci^e kch.
(Fortsetzung folgt.)


