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Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheßen)

Nr. 20 Zweites Blatt

Dienstag. 25. Januar 1921

Oie Falkner aufLinüenhöhe

Roman von Reinhold Ortmann.

^Nachdruck verbotet Fottsetzur.g 91.

Tu also bist der geheimnisvolle Gast, dem zu Ehren idi am Onkel Bernhards Geheiß die Taia mit Rosen schmücken fall? Tenn er mutzte doch, day du kommen würdest nicht wahr'?"

.Natürlich! Ich bin sa durch allerhöchstes Handschreiben ein geladen. Einfach zu Ti ch gebeten rcic irgeich ein hervorragender Fremder, der zu- fällig in den Mauern TiefenbrunnS weilt. Ist das nickt drollig?"

Ich finde, datz es sehr schön ist, Erich! Ich kann dir nickt sagen, wie glücklich ich darüber bin."

,Hch hätte es dir vorauslagen können. Alles Geschchen m der Welt vollzieht sich aui Grund nnabändcrlicker Gesetze Datz -wer Leute rtne der Vater und ich einmal wieder Zusammenkommen mutzten, war von vornherein außer allem Zweifel Aber mit unzei.igen Sentimentalitäten ließ es itch nicht erzwingen. Düben so wenig wie drüben. Nut Ting will Weile haben. Sollte das nickt am Ende auch aui uns beide -utrefsen, Erikas

Sie beschäftigte sich angelegentlich mit der Aosenfüllc in ihrem Körbchen.

Ick weiß nicht. Aber das Schlimme ist, daß du zu früh gekommen bist. Außer mir ift Überhaupt niemand zu Hause."

Ter Baler ist ausgcgangen? Stern er sich das tarn schon wieder konnten?"

O, er behauptet, ganz gelund zu icin. Nach­dem er den Sanitätsral zum zweiten mal verab- schiedet hat, will er überhaupt nichts mehr von entern Arzt wissen Aber mir ist doch ein wenrg bange, daß er sich zu viel zumutet. Er wollte näm­lich zu Futz in den Ort hinunter."

Bis nach Ticsenbrunn? In besonderer Ab- sicht?" . ,

Ja. Er wollte Herrn Dr. Germering nnen Desuck macken. Denn ein anständiger Menfch einem andern Unrecht getan hat, sagte er, dort er nicht nach Altersunterschieden oder nack etwarger körperlicher Mühsal fragen, sobald er Gelegenheit hat, es wieder gut zu machen. Hier gehört sich s, daß ich den ersten Schritt tue. Und er liefe suh nicht davon abbringen "

Es sicht ihm ähnlich. Aber es ist auch ganz in der jörtmung. Ter andere hätte auch, wie tch ihn kenne, den ersten Schritt schwerlich getan."

Natürlich hast du bereits mit dem Doktor ge­sprochen ?"

Ich habe mucks. wie du dir denken kannst, nicht nehmen lassen, ihn aus seinem fckauerlichen Kerker, dec übrigens dank der Humanität des Amtsrichters Eberly ein recht erträgliches Zunmer gewesen war, selbst abzuholen. Seine Entla lung verzögerte sich ja um einige Tage, weil er setbn den Wunsch geäußert hatt, datz vorher auch die letzten Unkla. heilen beseitigt sein sollte r. Im großen und ganzen hat er ja bei der Geschckte et* I ftaintlid) viel Glück gehabt Wer weiß, ob lieb ahne das bereitwillige Geständnis dreies B a dt nid4 | immer noch einige Schwierigkeiten ergeben hätten."

Deutscher Nelcbstag.

Berlin, 24. Ian. 1921.

Hau- und Tribüne sind sehr ickchach besetzt »Uif der Tagesordnung steht die ov^Köung der i.rabbängigen Inlerpellanon betreffend Auslmbme f ec dtplomatischen und wittschaftluhen Veziehun^m

von K enrn itz iD Bp ) erTIärtfüfi mit btr Grundtendenz der Interpellation ernverstmcken, (Dauert, datz wir tnc Bahnen der Brsmarcksch-n stuften Politik verlasjen baten unb ftelll fest, bcife Deutschlands unb Rußlands Interessen Parallel |laufen. Aber daS alte Rufstlw'b besteht nun mehr 'ftcilü würde der Bolschewismus äußerlich rem i-lrunb sein, nicht mit »m zu verhandeln. Da der solschewismuS aber nach fernen etamm Worten stie Deltrevoluiion herbe,süh-.en wCl, llt zwischen u*8 kein «erhandeln pwgitch Dazu kommt, bau .niemand verlangen Tarrn, datz rmr 23aren noch tufelcnb schicken, n» keine Garant« für Gegen- eiüungen besteht Als b« äußerste 2tn!e bunt chhoftt Zur schm rüst gegen txde Aeufeerung cko- efriert, cntgcgmrte der Redner, « habe nichts bcflMCTt wenn die gesamten Somntuntncn unb Un» bdnmgcn nach chrem geliebten Moskau au8> canbntcn. Mit der Einleitung von Vorarbeiten Hur Wiederaufnahme der SSejirhungen zu einem ärgerlichen Rußland, dessen Wiedereritchen binnen furzem zu erwarten sein wird, sei er einverstandat. 31 werbe aber lange dauern, bis man mit Ruß- mb zusammen wieder eine Stütze des Weltfriedens 1 üben könne und daS wecke der Tag'sein, an dem iöir rtrieber ein geeintes Volk ralrbev

Abg Gothein (Dem ): Für Fürst Bismarck u Rußland erst in zweiter Jdinte gekommen. DeS- leichm schienen ihm die Aeutzerungen von dem künftigen Verhältnis zu einem bürgerlichen Zu« kunttsrutzland noch stark illusorisch. Tie knplo* matischen Bezierrungen könnten wieder autgenom- iitot werden, aber der betreilenbe Gesandte mühe i-erpflichtet sein, sich nicht in untere Politik ein» Zumischen, sonst müsse chm der Stuhl vor die Tür ersetzt wecken. An die unabhängigen Möglick- fotten der russischen Reichtümer, die der Abgeord­nete Erispien schilderte, könne er nicht recht glau­ben. Tie frühere große Getreideausfuhr war nur niöglick, weil das Boll die Steuern m Form von Getreide zahlen mutzte, selbst aber hungerte. Ter Redner gibt sodann seine Kritik der Kohlen* mdustric und der Eisenindustrie, die er als völ­lig darnieder liegend schilderte. Tas Eiienbalm- mtien Rußlands vertagte volllommen. Ter Abg. Enspien sagst, Rußland könne alles gebrauchen. ??t>mit wick Rußland aber bezahlen? Tas Gold ist auch in Rußland knapp. Wir haben selber kein Geld und können auch der russischen Bolkswirt- (dxift nickt borgen Tie Holzkonzessionen Ruß- .ands bedingen kostspielige Anlagen von Eften- bohnen und enthalten soviel Einengungen, bafe daS Ueberschreilen dieser Bringungen förmlich her- ausgeforbert wick In dstiem Falle ist die Kon­zession aber versall-m. Unter die en Umständen !>at niemand Lust, sich solche Konzessionen zu er- werben. Tas Einzige wäre die Schäftung einer Irrufxrnbg ftllschaft, di« im Elearing-House-Bec^ sehr die Wiederaufnalnne des Handels mit Rutz- s«md betreibt Ta es in Rußland aber keinen Prirvttandel gib;, tnelnulyr der einzige Hande'.- treibentx die Sow:etregie.ung lelbst ist, erscheint auch dieser Weg nicht ausreichend. Trotzdem mufe versucht werden, die diplomatischen und wiitschofl- lidten Beziehungen zu Rußland wieder aufzuneh­men.

Abg Frmi Zetkin (Komm): Tie Politik der jetzigen Regierung steht wie die aller früheren Hegimingcn im Zeickgen desEs wird sortge- wurstelt!" Tie Riffsenpolllik der Regierung richtet sich nach den Wünschen der Entente, wenn sie sich auch viel darauf ein bildet, sich an der Blockade Ausstands nicht beteiligt zu haben. Gegen Frank­reich hätten wir uns mit Russtand verbinden 'müs- (cn Wir werden doch nickt gleich pc^ifistisckte An­fälle bekommen, wenn wir das WortKrieg" hören. -Heiterkeit.) Die Rednerin wmdtt sich> jo* bmm gegen die Unabhängigen und hält ihnen chre antibolsckewislisckte Agftalimi vor Die Rede kxs Ministers war die Gabe desMädchens aus her Jremde". ?2üif einen Zuruf des Abg. Ledebour »erbittet fidi F-rau Zetkin jede Ernmiscknng Die Rednerin weist darum hr.r, daß infolge der Richc- aenehmignng der 6tnn ise rufii'rfrr Sackwerstän- viger große ton Vertretern Rußlands abg-.sästossene Handelsgesstkäfte'der gekündigt worien sind, io z D Adsckzlüsie auf lanbmirtid^afilidK Maschinen m Höhe von 65 Millionen, über elektrostchnisäst 'Ärtttel im Betrage von 36 Millirmen und über pharmazeutische und chemische Produkte in Höhe von 20 Millimen (Hön. hört! bei den Kom- m-unifrrn.) Wenn jemand sich in russisch;« Ange­legenheiten gemischt bat, so war es Gras Mirbach, der den Kurier und das Rost Kreuz benutzt lhat, um das Vermögen russischer Aristokraten bei Kon­fiskation zu nuyelwn (Hört, hört! links? Tie Rednerin versucht sckl etzlich nachzuweisen, daß die Wlederaufnahme der Beziehungen mit der Sowjet-

Äb». Breidscheid (US' ftmfiettrrt, datz auch bn den bürgerlichen Parteien vielfach eine Zustimmung »ur Grundtendenz des Antrages her- Dorgetreteu fei all.rnrger '.In*. td>me der Teutschnarionalen. Aber die Xlubcnburfie unb Ge- noffen Hütten mit ihren Anerbietungen zum gemein­samen 5bamp-e aller Böller gegen Rußland wieder einmal bewiesen, bafe immer Unfern heoous<omme. wenn Generäle Palltik machen wollten. Genau so wenig, wie wir uns aeweigert haben, mit Honbv- Ungani einen WrrtschaftsrKan abzusch ießen, eben­sowenig dürfen wir eS Rußland gegenüber. Eng­land hat mit Rußland abgebrochen, als es sich um die. Deckung der russischrn Schulden aus der ersten Kriegsphase handelst. Gegenüber bem Zentrums­redner unb dem Minister des Aeußern müfte er zuaeben. daß die wirtschaftlich: Lage in Rußland allerdings zur Z<rt eine Misere fei Rußland kann in absehbarer Beit kein (betreibe liefern. Es kann nur in Gold oder Platin zahlen. Herr Kopp hat es uns selbst gesagt Schon nach wenige" Jahren wick Rußland bann wieder in Waren zahlen kön­nen. Das hat auch England erkannt Warum soll Deutschland das nicht auch tun ? lieber Polen will ich angesichts der Abstimmung in Oberschlesien nicht sprechen Wenn man gegen russische (immifiäre Front macht, bars man auch andererseits die Tätig­keit zaristisckLr Generale in Deutschland nicht ge­statten. Der Rckner sch ießt mit einer Po emik gegen Frau Zetkin unb die sfemmuniften. Bu einem Aus­ruf an die deutschen Arbeiter, gemeinsam mit Soiv- jetrutzland gegen die Entente »u Felde zu ziehen, hatten wir allerdings keinen Änlan. DaS sage ich aut die Gefahr hin, als pazifistisch verschrieen zu werden. Man rede hier immer noch von der Sühnc Man hatte doch Herrn Helfserich nach Moskau ge­sandt. Soll Rußland noch mehr bestraft werden? iHeistrkeit.) So lange Rußland ynb Deutschland nicht wieder in das Deltgetriebe nngcschaltel sind, ist die Weltkrise nicht beseitigt. Deshalb müssen alle Widerstände beseitigt wecken.

Tarnst schließt die Besprechung. Es folgen persönliche Bemerkungen.

Zum Etat der Justizverwaltung liegt ein Antrag Radbrnch (Soz.) vor, der sofortige und vtcrteliährliche Uebersichten über die vor bem Reichsgericht schwebenben dzw. erlebigten Fälle von K^iegsver brechen verlangt; ferner einen G<setzentwurs zur Ausführung ber Artikel 109 bzw. 128 ber Reichs Verfassung in B^ug aus bic Justiz fockert und Gewährung von Vergütungen ber Referendare von den Landesregierungen er­heischt. Mit bem Etat wick gleichzeitig die Inter­pellation ber Kommunisten wegen des Amnestic- geseyes verbunden.

Abg. 91 ent m eie (Komm.) begründet die Jnstrpellation und weist darauf hin, dafe d.e Justiz die Amnestieerlasse zum Teil gar nicht beachte. Die Fühier des Kappull'ches sollen nickt unter das Amneftiegesetz fallen. Trotztxm ist noch keiner gefaßt worben. Andererseits wären von denen, die gegen jene zu den Waffen griffen, iroch viele im Gefängnis. Auch ber Reichstag denkt nicht daran, die Rechst dieser Lute zu schützen, sondern hätte den B«r>ernannag nk>- gelehnt. Das Amnestiegefetz muß genau ange­wendet werden. Ausnahmen dars es nicht geben. Als der Redner bei Erörterung eines Falles die Justiz schmutzig nennt, ruft Dftepräsident Bell ihn zur Ordnung. Ein zweiter Ordnungsruf wirb ihm zuteil, als er in Beantwortung von Zurufen erklärt, bic Justiz sei schamlos.

Ter Dbg Adolf Hof-mann beantwortet ben feinem Parteifreund mLünerten z.rei en Ord­nungsruf mit bem Zuruf: Teslxrlb bleibt btr Justiz doch schamlos. Er erhält dafür ebenfalls einen Ordnungsruf.

Wte steht es mit der Aburteilung ber Krtegs- veckrechrr. Das Gericln hat hier ausgerechnet brn Arbeiter, frühere Untervssniete, hevansgegriften unb abgeurteilt. Aber man sucht nur bei ben Ar­beitern, bei den Wommuriften rach Hochverrat, nickt bn ber Reaktion ?lber fahren Ste nur p sott. Sie sorgen selbst da ür, ban die Arbcistr- fchaft sich selbst ihr Recht suchen wick

Morgen mit tig 1 Uhr Weiterberadnng. Ai - fragen, Äenbe'.ungen der Geschäft ord ung, (Ge­nehmigung zur St afee folgrii g Er le g rs, Fort­setzung der Etatsberatung, kleinere Vorlagen.

Schluß gegen 8 Uhr.

Die Bcfämpfung der Geschlechtz- trantheiten in hcffcn.

Gießen, 23. Jan. 1921

Die starke Veckrettuna, die dir Geschl^chts- krankheitm in den letzten Jahren auch in Heil«m grfunben haben, gab bem Ministerium des In ne n Abteilung für öffentliche Gesundheitspflege, per Landes versickerungSanstalt und den (ei', en hei fi­schen Krankenkassen verbänden Beranlafsung, eine Versammlung an ber Bekamps ng e. Seuck^ inler- es ierter Stellen und Persönlickckeftm etniuL<rufen, bte am 19 Ifb. MtS im Sttzunt^saal des Land­tags tagte und von Behörden, Vereinen, Aerztcn, flTMaKin'nmrrrTmen lahlreub besucht war. TXt

Vorsitzende des Umstands ber LandesveesvterungS-- anüait, Präs.dem Reumann, eröffnete Die Bei- banblungen unb erteilt als 1 Redner Universität^ Pwfesjor Dr Iesivnek, Gteßen, das Wert zu einem Bericht über die Berbrei.-ung der Geschtechts- kraukheiie i in der Provinz Oberhessen gieren schlossen sich ^»tträgk der Fackarzst Dr Isaak, Tarmfiobt, unb Dr Hugo yiüller, Mainz, btr das gleiche Thema bezüglich der PrornnzenStatken- fmrq unb Rdeirchesscn tx-fembeltcrt Die drei Re­ferate, die sich auf ein eingehendes Zahlenmaterial Nutzten, gaben ein erschüttern des Bild von dem Umfang, den die Verseuchung auch in Hessen be­reits erreicht hat , sie wiesen insbesondere auf die bedauert icke unb gefährliche Tatsache bin, daß die Geschicktsknlnkdeuen sich auch auf bem 2anbe immer mehr ausbreiten und zur Erkrankung ganzer Familien führen Sodann sprach, Dr Reeschmwin, der Vertreter der deutschen Gesellschaft zur Be­kämpfung der Geschlechtskrankheiten in Berlin, über die Maßnahmen, die zur Bekämpfung der Ge» schlcktskranvbeiten ergriffen werden müßten. Er fordette vor allem Bekämpfung ber Prostitution unb zwar möglichst im Dege eines sozial fürst, rar- lifdvn DooyehenS, ferner empfahl er u a. Be­kämpfung des Kurpfuschertums, Einführung ber Atrzcigepslicht für Gcicklckvskrankheistn, Ausbau ber Beratungsstellen für GeschleckuSkranke, Fott- bilbiingSkurse für Aerzte, Veranstaltung von Aus­stellungen, Stärkung bes VerantwortlichEeitsgefühlS ber Jugend unb zu diesem Zweck geeignete Kurse für Lehrer und Erzieher Aus Anregung von Dr. RvesckInann wurde hieraus zur Durckfülwung der angeregten Maßnabnnm ein befiiidtr Lan^ver­band zur Dekänrpflmg der Geschtechtökrankhei stn gebilbel, brf cl^enb aus bem Ministenum des In­nern (Abteilung für öffentliche Gesundheitspflege), ber Landesversiche ur gSanstolt ten beibenÜYanTcn> fassenverbcmben unb dem hesiischm Aerzteverband. Zur Geschäftsstelle des Beckands wurde( ic Landes- versicherungsmisialt bestimmt. Den Schluß der Veranstaltung bildtte ein Vottrag non Geheimer al Dr. Dozi, Bielefeld, über die Bekämpfung der Prostituttm durch soziale Maßnahmen Dr. Bvzi trat insbesondere dafür ein, daß das bisherige poli­zeiliche Verfahren geg.m Prostituiettc in ein Für- sorgcversahren über geführt werde, und zwar in der Weise, daß der Vollzug der auf Grund des'Reichs^ st rafgesetzbucks verhängten ^Teik i*5fhxife und UeLernk-ifung an die Landespoftz i ehörd.' aufgesetzt werden soll, wenn sich die betreffe;,bj Prostituierte ber Schutzaufsicht per hierzu bestellten amtlichen Fürsorgerin und ihrer Mitarbeiterinnen unter­stellte An die Ausführungen von Gehcftnerat Dr. Bvzi sch)loß sich eine längere Aussprache, an der sich die Her.en Dr Roesannann, Dr Müller, Dr. 3erionel und Fräulnn Keller beteiligten.

Gictzcncr Strafkammer.

Gießen, den 22. Jan. 1921.

Eistitbahttdifbslähle.

Unter großem Ano a g von Zuhörern, be­sonders aus Eisenbahnertreffen, wurde vor ter Strafkammer g gen den Eisenbeh a.beiter Stirl strombochvou Gießen und 34 Mitarbeiter mögen D iebstahls und Hehlerei rerHande't Tie Verirr i>:ung ia d im Sckiwurgerichtsiaal sda t mW dauerte 2 Tage, davon am 1. Tag bis gegen 12 Uhr nachts. Ein Angeklagter war infolge Er- iDanhrug ausgeblieben. Tic 31 übrigen wurden von b bieiigen Anwälten vettew.gt. Tic Vorgeschichte des Prozesses ist wollt noch bekannt: Der Angeklagte Krombach lebte seit längerer Zeit mit feiner Frau in Dftferei'zen unb bat i(e mehr­mals mi^xribelt, so daß stchließlich her Frau oei Gebulssaden riß urtb sie ihren Mann anzeigte, weil er sortgeietzt Eistnbckm'-iebstähle b.gche. Die Fwlge der Anzeige war die Vechmtung .strombackfS, oer nad) seinem umsaftenden Geständnis weitere Leckastungen folgten. Ern Teil ber Verl» teten wurde nack einiger Zeit ans der Hast entlasten. Krombach, Spcmg!er unb PH. Faber blieben in Haft Diese 3 Mann waren auch in der l-eutigen Hauptverl«:w(img gestäickig An Einwirkungen von Mtia igeNagten aus bic Frauen der drei Ge- lumnten, diese zu veranlassen, datz sie alle Schuld aus 'sich nckmcn unü ihre Geständni'ie widerru'en, lat es im Lause oer Voruntersuchung nicht ge» feizlt. Diese Bemüinr gm hatten axr keinen Er­folg. Rach ihren Angaben habe im Jahre 1919 und Anfe,g 192U faft Jedermann an der Bahn gestohlen, es sei vieS offenes Geheim­nis an der Bahn gewesen. Die zur Aburteilung stehenden Fälle seien nur ein Teil aller Dieb­stähle, deren man sich wegen ihrer Menge nicht mehr alle erinnert Wie die Verhandlung ergab, nrntik1 alles gestohlen, nxi5_ man nur rrgrnötptr gebraudien konnte, meist Sachen, an denen oi der übrigen Bevölkerung Mangel war. So z B Weizen unb Gerste, Erbsen, Mehl. Zucker, Seife unb Seisenpulver, Strci2»HA7zcr. Ker^e >, Schmalz, Speck, Schuhe, Leder, Mäntel und ganz beion- ders Zigarren, Schnaps, Wein unb Sekt u a m. Die Haup tfter waren außer «ttombach Philipp Spengler, Phstivp Faber, Wilhelm Jung mw Gg.

©nfe aus Großm-LdDen. T« decken letztere» leuyteltn hartnäckig Die TirbMlXf imirtm m der Regel m der An aasgeiührt. tus man tne Sogen öfnite und das, was man brauchte, kisten- unö sackweise bevausschaffte unb im NvÄeniiger ober Aufmtha'.tsnaum unter die Ttebc uick de Miwrdeiter verheilte Frucht, Mich, unb Zucker wurden zentnerwerse gestohlen, »i en ooll Zl- egarrrn imo Wem und Sekt, einmal auf einen schlag 35 Mäntel (Ulster), und sogar nn ganzes ifeB Wem, te-5 im SMXenLagvr regelrecht ichZe- »apst jjAittv Wein unb Exki klxuifit im Kohlen­lager nicht ausgegangen ui int, ettitttiche Zeck», men warm die Jolge Aut EinzeÄie ten emzu- geben erübngt sich Die «er.anoüing 5ot ent anschauliches Bild, wie es bamiB nn der tViljn zugewmgen ist und wie begrünbci ba-5 Mißtrauen des Publikum- gegen die (Hfenbabner war Wah­rem» em Teil der Angeklagten mehr otx-r wenige« geständig axir beschränkten sich antkte bariuf, bic ®lautntnirtngleü dr>S HaupttätrrS Vi omlach anzuzweifeln und zu leugien. Tic Verhandlung ergab aber nrchts. waS Ote Angaben .^.mn'.achs im luelentlidm erschüften hätte Trotz aller z I. scharfer Angriffe der Mltangeklagtni Xteo er rutng mw sochlrch verteidigte sich getJM-tt gegen Vtcun row Cuerfrogcn brr Vertech-.ger unb nwhKr durch» aus nicht, wie ein Verteidiger bebaue ete. den Sind ruck eines Beck oochis In der Ve .chanbl ung trat nichts su Ta^c, aus dem geckiloffen nx-rtvro konnte, daß er ferne MuangekloMm mi Uuieti belaste Seme Darstellung btr einzelnen Jällä war klar und natürlich. Bemerkt sei "babet. bafe er, der mm angeblich seine früheren Kollegen un­wahrer Weise ber Teilnahme an Dieostählen be­zichtigen soll, früher deren Vertrauensmann und sogar Mitgliedder Bohn Polizei bar! Schftetzlick kam noch unteniützenb für ferne An­gabe» hinzu, bafe bic MilangeUagUm Spengler und Jaber seine Auslagen im weienllicken bt- stättglen.

Die Beweisaufnahme ging gegen 7 Ubr abends zu (Silbe. Von ben Ang flotten grl-cke e Leu- mungszeugen hatten ihnen allen, auch Kckmbrch, über ihr Votteben uno ihre bisherig- Jührung bet ber Bahn ein gutes Zeugnis MlSgestellt.

Um 7*/i Ubr begannen die PIaidogerS. Der Vettreter der An klag , ^taat San walt Neuroth, schick alle Fälle, soweit sie tu der Hauptteckank» tung in rechtlicher oder tatsächlicher ztckung zweifelhaft geworden warm, aus uitb b«Lir.unte, 6 2tngeftagte ganz freizu procken eini e andere zum Teil. Soweit er aber dre Änktag-.' aufiecht eckielt, beantragte er hohe Stva'ei Wien Tr.k>- stahls unb Hehlerei, indem er ausführte, drtz ba bent rieftgen Umfang ber Diebstähle aui br Esten- bohn energisch üorgegingcn werben mflf e, iafe bic schleck>ten Elemm e unter den Eise:il»ahnenr entfernt wecken müssen, t«amit der gante Be­rufsstand wieder zu dem hohen Anfchen gelange, das er früher besessen l-abe.

Die Veckeidlaer, Justrzrck Katz Justriral Jung, Leun, Fischer, Hornberger, Schneidsr, Dr. Katz imb Dr. Aaron plädiertm teils für mildere Strafen, als wie beantragt, teils für Freispre­chung, da fie in einer R>-she von Fällen den allein aus die Aussagen der Mitanaellagten Strom* ; lad), Spengler unb Jaber beiuhcnden ÜSeioei# für die Anftag«', die ber Anktaieve.t eter a.S bind) btrfe Ausiagm für herbiitsLhtt an e chen hatte, nicht für ausreichend erklärten, um ihre Sfltmten zu verurteilen.

Das Urteil haben wir in unserem gestrigen Blatte dcröftenllichs.

ICtrdyc »nd Scbrrle.

Vom Stand ber hessischen Volksschulen. Die 97b Volksschulen Hes- sens worben zur Zeit in 4141 Schulklassen von 199 981 Schulkinbern besucht. Davon sinb 100 432 Knaben unb 99 519 Mäbchen. Der Konfession nach sinb 132 375 evangelisch, 64 258 katholisch (runb 32 Pro»), 1348 israe- litisch unb 2000 sonstige An diesen Schulen wirken außer ben Fachlehrern und Fach­lehrerinnen 4152 Lehrpersonen, nämlich 3371 Lehrer und 781 Lehrerinnen. Die durch­schnittliche Klassenstärke betragt also 48 lim preußischen Regierungsbezirk Wiesbaden 45). In ben fünf größeren Stäbtcn (Mainz, Tarmftabt, Offenbach, Worms und Gießen) befinden sich von den 4141 Schulklassen 957, und diese zählen 39 282 Schüler und Schü­lerinnen, die von 639 Lehrern und 353 Lehrerinnen unterrichtet werden. Hier be­taust sich die Klassenstärke auf 40. Dazu kom­men noch drei erweiterte Volksschulen, sogen. Mittelschulen", zu Darmstadt, Offenbach und Gießen mit 122 Klassen, 4728 Schulkindern, 84 Lehrern und 46 Lehrerinnen.

Mir graust, wenn ich an diesen Mann denke. Daß ein Mensch so schlecht fein kann!"

Erich war ernst geworden.

Nickt zu bart, liebe Ettta! Ich glaube über­haupt nidtt an eigentlich schleckte Menschen, )o wenig ich an eigentlich gute gtaube. Ich glaube nur an finge oder dumme, an glückticke »oder un­glückliche Unb der Marrn in der Tiefenbrmmer ?lpotbeke, der sich setzt selber nüten zu muffen glaubte, gehörte wohl sein Leben lang zu den un­glücklichen. Um ihn erbarmungslos verdammen zu dürfen, müßten wir wohl erit einmal hn paar Stunden lang in seiner Haut gesteckt haben Mir, das gestehe ich offen, mir tut er leck, obwohl ich ihn nie gemocht habe. Und es hat mich gefreut, dafe Germering, als man ihm seinen Tod mitteilte, noch wärmer unb mitfühlender über ihn ge­sprochen hat."

Hast du auch davon gehört, bafe gegen den San u äcs rar ein Versichren wegen Anstiftung ern- geiertct wecken soll?"

Daraus wick kaum etwas wecken. Du An­haltspunkte sinb, juristisch bttrachret, za schwach. Es ist rmr nicht einmal recht verständlich, wre das Gerückt entstehn formte. Der Gericktslckreiber mutz wohl gn-stsoatzt ch-ben. Hrer in Tiefenbrunn fchavatzt roen alles."

Hältst im and* den SanitätSvat nicht für einen schlechten Menschen?"

Nein, ich btdtr khn nur für dämm. Dabei rck nickt Untertassen will binzuzufügen, dafe die Dum­men immer die Geiähtticttz«» fee. Dchon ckrer-

nxgen könnten nrr zu unserer Sicherheft Die Gv- fängniffe nicht entbehren "

Er soll auch bic Absicht haben, Tiefenbrunn zu verlassen und zu feiner verheioateten Tochter an den Rhein pi ziehen."

Sehr vernünftig. Tarnt wick in Tirfmbrunn acho Watz für zwei neue Aerzte werben Datz auch Germering die ttrben-würt^ Errwoh ersckaft gründlich fori bat, kann man ihm lau in verübeln. Wennschon ich fürchte, dafe er eS anderswo nicht besser findet."

Dar es Nicht ein wundersam glücklicher Zu­fall, datz wir hier die Arznei noch aufbewähtt hatten, die der Onkel damals wegen ihres schleckten Geschmackes nicht hatte werter nehmen wallen?"

Erich schüttelte den Kock

Tu meinst, well dadurch der Nachweis er* brockt werden konnte, datz ihr wirklich etne Tos iS Baldrian beigemischt wocken war? Ich wollte, ue wäre nicht mehr vorhanden genrien. Zu Germe­rings Rechtfertigung hätte es dreies letz:en schla­genden Beweises für Signes Schuld ni'n mehr be­durft. Unb schon um Ach-ms willen hätte ich ge­wünscht, befe uns wenigstens die Möglichkeit eines Zweisels offen gtbliebei wäre. Aber wo ist er denn? Unb wo ist Äecka?"

Sie rooQtnt den Vater natürlich nicht allem gehen lassen und ihn wenigstens bis an t>i5 Eiche des Lmdenweges begleiten. Ich dolle, dafe sie mrt ihm zurückkebcen werden."

iSchluß folgt)