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Mittwoch, 19. Oktober 1921

Gießener Anzeiger (Semra!-Anzeiger für Gberheffen)

Nr. 2 |5 Zweite? Blatt

Hessische Volkskammer.

114. Sitzung.

St. Darmstadt, 18. Oft 1921.

Am Regierungslisch: Staatspräsident il l - r t ch, die Presidenten Reumann, Urstadt und AegierungSkommissare.

Präsident Adelung eröffnet die Sitzung um 10,15 Uhr DaS Haus tritt alsbald in die 'Be­ratung des

VolkSs chulgesehes

ein, und -war zunächst in die Generaldebatte. Als D-richterstntter führt Wg Kaul (S.) zum ersten Teil au«: Einen ausführlichen Bericht äu erstatten, erübrigt sich, nachdem der gedruckte Bericht des Ausschusses seit 14 Tagen in den Händen der Ab- oevidneten ist Er erörtert bann die Aenderunaen, die sich nach der zweiten Lesung im Schulausschust ergeben haben und die vorwiegend redaktioneller Datur sind, und weist besonders auf den Strich des Artikels 18 (Mittelschulen) hin. Heber den zweiten Teil der Vorlage berichtet Abg. Schorn (Z.). Er stellt fest, daß man beschlossen habe, bis -um Jahre 1926 auch die Kinder in den Volksschulen aufzunehmen, die bis zum 30. September das 6. Lebensjahr erreichen, weil, wollte man diese aus- schlichen, viele Klassen eingehen mühten, wodurch die Lage der Anwärter und Anwärterinnen kata­strophal werde. Schon jetzt ist die Zahl der Volks­schulkinder um 150 000 zurückgegangen, und die Geburten in den Jahren 1916, 1917, 1918 waren so gering, dah die Zahl noch erheblich »urückgehen werde. Zu erheblichen Auseinander­setzungen kam eS wegen der Lernmittelfrei­heit, die im Prinzip beschlossen wurde. Der Staat formte den Betrag von 10 Millionen Mark nicht übernehmen, und die Gemeinden weigerten sich Wenfalls. Man kam zu dem Ausweg, dah in Fäl­len, wo die Gemeinden das nicht leisten können, die Eltern verpflichtet sind, die Lernmittel zu be­schaffen, soweit sie nicht unbemittelt sind. QDeigem sich die Eltern, beschafft die Gemeinde die Lern­mittel und kann den Betrag im Wege einer Um­lage erheben.

Ueber den 3. und 4. Teil berichtet Abg. Rei­ber (Dem). Er erörtert im wesentlichen die Dis- ziplinverhältnisse der Lehrer, die eine Aende- rung erfahren, die Besoldungen und eine Reihe von Organtfationdfragen, sowie redaktionelle und fachliche Aenderunaen der verschiedenen Artikel, deren wichtigster die Regelung der Frage des S ch u l v o r st a n d e s ist. Rach dem neuesten Vorschlag erhalt dieser Artikel folgende Fassung:

.Vorsitzender des Schulvorstandes ist. soweit nicht Absatz 3 anders bestimmt, der vom Kreis- schulamt mit der fachmännischen Schulleitung be­auftragte Schulmann: dessen Stellvertreter ist auch stellvertretender Vorsitzender im Schulvorstande. An kleinen Orten mit nur einem Lehrer wird der Stellvertreter des Vorsitzenden vom Schulvor­stande auf drei Jahre gewählt. Verzichten die Lehrer auf den Vorsitz, so wird auch der Vor­sitzende vom Schulvorstand äuf drei Jahre ge­wählt. Zn Gemeinden mit mehreren Schul­vorständen hat in der Regel der leitende Schul- nunm der gemeinsamen Schule den Vorsitz in den vereinigten Schulvorständen und führt die gemeinsamen Geschäfte. Besteht in einer Ge­meinde ferne gemeinsame Schule oder bestehen mehrere getrennte Schulgruppen mit selbständigen Schulleitern, so bestimmt das Kreisschulamt, wel- chem der leitenden Schulmänner der Vorsitz zu- fornrnt und wer die Stellvertretung hat. 3n den Gemeinden mit Berufsbürgermeistern ist der Bürgermeister (Oberbürgermeister) der Vorsitzende des Schulvorstandes: der leitende Schulmann ist sein Stellvertreter. Mitglieder des Schulvor­standes haben den Beratungen nicht beizuwvhnen, wenn es sich um ihre persönlichen Verhältnisse handelt."

Weitere Abschnitte erörtern kurz die Abgg. Kaul und Reiber.

Zur Generaldebatte selbst spricht zunächst der Präsident des L a n d e s b i l d u n g s a m - t eS, Abg. Urstadt: Alsbald nach dem Zu­sammenbruch, als wir uns die Frage vorlegten, wie kommen wir wieder empor, gingen wir daran, das Vollsschulgeseh auf andere Grund­lagen zu stellen. Was ich damals begonnen, hat mein Rachfolger fortgesetzt, und wenn die Vor­lage auch jetzt meine Unterschrift tragen wird, so gebührt doch der Dank für die Vollendung

des Werkes, nach Ueberwindung vieler Schwie­rigkeiten, Herrn Dr. Strecker. Sin neues Schul­gesetz muh ein umfassendes Unterrichtsgescy fein, in dem die Volksschule nur einen Abschnitt bildet zu den übrigen, wie Höhere und Hochschulen usw. Zwischen diesen wach t jetzt ein gans neues Gebilde, die Berufe- und Fachschule, die bann unbedingt hineingehort, die wir in der Rovelle nur leicht andeuten Eine solche umfassende Vor­lage eine« Unterrichlsgeseyes einzubringen, stich auf erheblich Schwierig.c.tcn Vor allem wollte die Kammer selbst es nicht Es bleiben dazu noch viele Vorarbeiten zu erledigen. Auch für die Ro­velle blieb eine auherordentlich wichtige und vielseitige Arbeit zu leisten. Es kam auch hinzu, dah wir dem Reiche nicht vorgreifen durften und dah vermieden werden muhte, über religiöse und kulturelle Fragen die Geister aufeinanderprallen zu lassen. Das kann das Reich nicht vertragen, so lange der Feind im Lande steht, wir am Rande des finanziellen Abgrundes schweben und so­lange noch das leiseste Knacken zu vernehmen ist. das auf ein Auseinanderfallen des Reiches zu deuten scheint. Der Landtag l>at zu Beginn feiner Tätigkeit ein wichtiges Gesetz, das Landgesey, vollendet: es wäre ein schöner Abschluh feiner Tätigkeit, wenn er jetzt dem Lande das Schulgesetz geben könnte.

Abg. Kaul (voz.ll Meine Partei begrübt die Vorlage. Meine Partei hat bei der Vorlage grobe Opfer bringen müssen, da es sich um eine auf bürgerlicher Grundlage ruhende Vorlage ohne bestimmtes Ziel handelt. Leider- nxir es nicht möglich gewesen, ganze Arbeit zu schaf­fen und bamit eine ganz neue Vorlage Der- Weimarer Schul.'ompromih hat tiefgehende Mängel als Folge der Koalitionsverhältnisse, und nach ihm wußten wir uns zu richten. Die Schule muh jedem Mitglied zum Verständnis des Pro­duktionsprozesses verhelfen, ohne alle Rang- unterichiede, unter voller Berücksichtigung seiner körperlichen und geistigen Eigenschaften. Darum keine bloße Lemschule. Bei Artikel 1 der Rovelle hat meine Partei in diesem Sinne Verständnis gcfurden. Alle Parteien haben anerkannt, dah daS Ziel der Schule die s o z i ate Bildung fein muh. Es muh dem Schüler schon eingeimpft werden, dah der Mensch nur in der Volksgemein­schaft zur Fortentwickelung des Ganzen beitragen kann, dah das allein vom Tier unterscheidet. Wir haben unsere Zustimmung gegeben, die na­tionale Bildung in der Schulerziehung bei- zubehalten, trotz schwerer Bedenken gegenüber der oft falschen Auslegung des Begriff der na­tionalen Bildung. Wir begrüben es, dah in der zweiten Lesung dann der Begriff fester gelegt wurde in dem Grundsatz der staatsbürgerlichen Erziehung Mit dieser staatsbürgerlichen Er­ziehung ist in Deutschland vor dem Kriege sehr viel Unfug getrieben worden, auch von dem aus anderen Gebieten anerkannt tüchtigen Kerschen- fleiner. Heute ist der Staat als Volksstaat etwa- anderes geworden. Er steht nicht über den Men­schen, sondern er ist eine. Seite der Lebensform der Menschheit. Wir wollen selbstredend nicht alles internationale ausschließ^n; für unS ist der Begriff des Rationalismus und desStaats- bürgertums anders. Uns ist das inter­nationale von gleicher Wichtigkeit wie das Rationale. Darum bedauern wir auherordentlich, dah nicht der Gedanke der Völker- veriöhnung als Ziel der Schule mit in das Gesetz ausgenommen werden konnte, in der Frage der religiössittlichen Erziehung halten wir unbedingt an der Weltlichen der Schule, an der Trennung von der Kirche fest. Die Wichtigkeit der Religion als Erziehungsmittel ver­kennen wirnicht, aber die Formen der Reli- glon sind wandelbar, und für irgend eine Form zu erziehen ist nicht Sache der Schule, sondern muh der Betemrtnisschu(<? Vorbehalten bleiben. Wir werden den Kampf für die unbedingte Trennung der Schule von der Kirche unbeirrt bis zum Ende fortführen. Wir werfen den Gedanken der Einführung einer sittlichen Lebens künde in den Unterrichtsplan dafür in die Debatte. Für uns ist sittlich, was für die Ge­sellschaft und Volksgemeinschaft dienlich ist. Das alles aber sind Ziele, die wir für die Zukunft aufstellen. Das vorliegende Gesetz ist die Frucht eines Kompromisses auch in der Welt­

anschauung, nicht nur in politischer Beziehung. Rur um ben Auseinanderfall der Schule zu ver­hüten, bleibt u.is zur Zeit nich'.S anderes übrig, als uns lotzal auf den Baden der Simultanschule zu stellen. Für diese Simultanfchul c werden wir. trenn der Kampf entbrennen sollte für Kon- scssionsschulen, stets eintreten als für die zur Zeit für uns beste Form der Schule. Der Werkunter­richt als Weg zum allgemeinen Arbeitsunterrichl soll in Zukunft stets Ziel der Schule fein. Die von uns erstrebte E i n h e i t s f ch u l c s-lll keineSchema- tiherung bedeuten Als welentliehen Schritt zur Erreichung dieses Zieles ist uns die Beseitigung der Mittelschule gelungen. Es ist durchaus falsch, dah die bisherige Mittelschule eine Sammlung der Begabten war. Es war eine Privllegienschule. in der genau so viele Dummköpfe sahen wie in anderen Schulen, für die die Eltern das Schulgeld zahlen können. Die von uns erstrebte Begabten­schule wird einen idealen Ersatz für die Mittel­schule bilden. Das Ziel der Einheitsschule werden wir uns nicht nehmen lassen. Um cs zu erreichen, sind wir bereit gewesen, mitzuarbeittn am Aus­bau der Fortbildungsschule. Die Mädchen-Forl- bildungschule begrüben wir auf das wärmst:. Wir werben auf diesem Wege Weiterarbeiten in der Richtung der Berufsschule und werden für hauptamtlich angestellte Fortbilbungslehrer ein­treten. Die Lernmittelfreiheit ist, das erkennen wir natürlich an, für die Gegenwart eine schwere Belastung des Staates: das Vollsschulgeseh aber ist doch nicht für die Gegenwart ge­schaffen. Wir müssen uns bei solchen Gesetzen von den furchtbaren finanziellen Röten der Gegenwart frei machen. Wenn man dagegen einwendet, dah die Kinder nur Respekt vor den Lernmitteln haben werden, wenn die Eltern sie bezahlen müssen, so ist bei dieser Ansicht zu sehr die gegenwärtige Erziehung in Bettacht gezogen mit der mangelnden Achtung vor dem Gemein­gut. Zudem kann man ja auch die Eltcm regreß- pslichtig machen. Diese Lehr- und Lernmittelfrei­heit ist übrigens nur ein Schritt zu unserem Ziel, die Kinder, die die Schule besuchen, auch zu er­halten. Wir bitten darum dringend, die von uns beantragte Bewilligung von Etziehungsbeittägen vom 9. Schuljahre ab, auf Antrag der Eltern, nicht zu streichen. Wir treten dafür ein, dah die Diszi- Plinarbestimmungen für Beamte auch für Lehrer Geltung haben, dah Lehrerinnen den Leh­rern völlig gleichgestellt werden. Zur Frage des Schulvorstandes erkennen wir an. dah, soweit und solange Religionsunterricht erteilt wird, auch eine Ueberwachung des Unterrichts durch die Geistlich- I feit berechtigt ist. Wer der Vorsitzende ist im Schul- | Vorstände, ist im wesentlichen nur eine Prestige­frage. Die Lösung, die wir im Gesetz ausgenommen ! haben, dürste annehmbar sein. (Lebhaftes Bravo!

links.)

Rächste Sitzung M i 11 w och. Schluß 1 Uhr.

Aus Stabt und Land.

Giehen, den 19. Ott 1921.

Gaffkh-Ghrung. Dem 1918 verstor­benen Geheimen Ober-Medizinalrat Professor Dr. G a f f k y ist, wie wir Horen, von seinen Freun­den und Verehrern in Hannover etn Grab­denkmal errichtet worden. Georg Gasskh, bis 1904 Professor an der Universität Giehen, war der bedeutendste Schüler Robert Kochs und mit ihm in enger Freundschaft verbunden. Robert Koch selbst berief ihn als seinen Rachfolger nach Berlin zur Leitung des Instituts für Infektionskrankheiten. Die Welt verdantt ihm Forschungsergebnisse von überragender Bedeutung. Erwähnt sei nur die Entdecttmg des Typhuserregers. Von 1895 bis 1904 ist Georg Gasfky Mitglied der hiesigen Stadt- verordnetenversammlung gewesen. Dein Rat war besonders in Fragen des Gesundheitswesens von unermehlichem Werte für die Stadt Die Stadt Giehen hat ihn in dankbarer Würdigung seiner Verdienste zum Ehrenbürger ernannt. Trotz der hohen Auszeichnung, die in der Berufung zum Rachsolger Kochs lag, ist ihm die Trennung von Giehen und von seiner akademischen Lehrtätigkeit sehr schmerzlich gewesen. Er hat bis zu seinem Ableben unserer Stadt eine große Anhänglichkeit und Treue bewahrt und oft seine Gießener Zeit als die schönste seines Lebens bezeichnet. Das

Grabmal wurde am 12. Oktober mit einer ten Feier seiner Bestimmung übergeben Es llt eine Schöpfung von feinem künstlerischen Ge* schinack und fügt sich trefUid) in die nach mancher Richtung rorbiltlidx' Anlage des Engefohder Friedhofs in Hannover ein. Es wurde bei der Feier der unvergänglichen Verdienste des Ber* cwigten als Forscher, seiner vorbildlichen Tätig­keit als akademischer Lehrer und seiner tresflichen Eigenschaften als Mensch und Vaterland-freund gedacht. 'Auch die Stadt Gießen war durch Bei­geordneten Dr. Frey vertreten, der mit einem GedenNpruch einen Lvrbeerttanz. geschmückt mit den hessischen Farben, am Grabe deS Ehrenbür­gers der Stadt niederlegte.

ee Der Oberhessische GeschichtS- verein plant für das Winterhalbjahr folgende Veranstaltungen am 22. Ok­tober findet eine Führung durch da- Ober- hessische Museum und die Gailfchcn Sammlunaen statt. 3m Rovember wird Univerfitüteprofes- sor Dr. Lenz über die Geschichte des Mar»ismuS sprechen. 3m Dezember behandelt Privatdo­zent Dr. Weber die Geschichte deo WaldeS. der Forstwirtschaft und der Forstwirtschaftslehre in Oberhefsen. Für den Januar wurde Geheimer Schulrat Dr. Otto in Darmstadt zu einem Vor­trage über die Geschichte der Wetterau und ihres Marktortes Butzbach gewonnen. 3m Februar endlich wird Universitätsprofessor Dr. V i g e n e r die Geschichte der ehemaligen katho­lisch-theologischen Faluttät an der Ludovici - a na darstellen. Sämtliche Veranstaltungen, abgesehen von der Museumsführung, die nur für Mitglieder bestimmt ist, find öffentlich und frei zugänglich. bered wird noch bekanntgegeben. Der Oberhessische Geschichtsverein bezweckt die Pflege geschichtlichen Sinnes in weiteren Kreisen durch Vorträge und eine Zeitschrift, deren näch­ster Band mit reichem 3nhalt in diesem Winter erscheinen soll. Bei seinem Bestreben, die Denk­mäler der heimischen Geschichte zu erhalten, die Kenntnis ihrer ehrfurchtgebietenden Bedeutung der Oeffentlichkeit zu vermitteln, konnte er schon mehrmals den 'Behörden beratend zur Seite stehen. Da der Verein eine weitere Hauptaufgabe in der Förderung des Oberhessischen Museums erblickt, genießen feine Mitglieder dort in den öffent­lichen Besuchsstunden freien Eintritt. Der Jahres­beitrag beträgt 5 Mark. Anmeldungen nehmen entgegen Univ. - Prvf. Geheimerat D r. Behaghel, Gießen, H v s m a n n st r a ß e 10, sowie das Ooerhefstsche Museum.

Kreis Büdingen.

ba. BÜttingen, 17. Oft. Das Hilfswerk un­terer deutschen Stammesverwandten und Freunde in Amerika zugunsten der notleidenden Be­völkerung Deutschlands hat durch daS Zentral­komitee für Linderung der Rot in Deutschland und Deutsch-Oesterreich (Eenttal Relief Eom- mittee) schon viel Elend gelindert. Reuerding« sind in Bübingen durch Vermittlung deS Deutschen Roten Kreuzes alS amerikanische Lie­besspenden 1 Faß Milch, 1 Sack Mehl, 1 Sack Reis durch den Wohlfahrtsausschuß des Streife» verteilt worden.

Kreis Schotten.

4- Ulfa, 18. Oft. Wie außerordentlich in­folge der Teuerungsverhältnisse der Grund und Botten an Wert gestiegen ist, bewiesen die Gebote, wie sie bei einer am Samstagabend in der Döll- schon Gastwirtschaft abgehaltenen Aeckerver- ftclgerung gemacht worden sind Dabei tarn der Morgen Ackerland auf 10 00015 000 Mark. Insgesamt wurde von dem Versteigerer für die wenigen Aecker der Betrag von 57 000 Blad gelöst.

-s- Oberschmitte n, 18. Oft. Von ben beiden hiesigen Papierfabriken wurden für die dort beschäftigte Arbeiterschaft eine ganze An­zahl Wohnhäuser errichtet, so daß man in unserer Gemeinde glücklicherweise von einer Woh­nungsnot kaum sprechen kann. Auch durch Be­sorgung von Kartoffeln und anderen Lebens- mitein, von Schuhen und bergt yi äußerst mäßi­gen Preisen zeigen bte Fabrikleitungen stet- ihre soziale Fürsorge für ble bei ihnen tätige Arbeiter­schaft-

Der Schutz im Blut.

Roman von Hör st Bodemer.

16. Fortsetzung. (Rachdruck verboten.)

7.

Um den Hungen drehte sich alles beim Oeto» nemierat wie beim Henner. Gretel fuhren die Männer wohl liebkosend über den lockigen Blond­kopf, wenn der Hans aber schrie, wurde immer sofort festgestellt, was ihm am Wohlbehagen fehlte. Maria bid die Zähne aufeinander, hoffte, die Zeit werde einen Ausgleich bringen, das Gegenteil geschah, der Junge wurde immer toller verwohnt Sines Tages, als Gretel Schelte be- kam, weil sie zu laut tobte, während im Reben- »immer ihr Brüderchen schlief, gingen ihr die Verven durch.

,3hr setzt daS Mädel zurück, das ist unrecht- pBeirn es auf deine Knie Nettem will, Groß­vater, duldest du es keine Minute mehr, mit dem Zungen aber kannst du dich stundenlang unter­halten, dabei kann er noch nicht einmal sprechen!"

.Er ist doch so furchtbar drollig," sagte ihr Mann.

Dicht trat sie auf ihn zu, in ihren veilchen­blauen Augen glomm die Empörung hoch.

.Drollig sind alle kleinen Kinder! Gretes auch! Bon dir verlang ich als Vater, das; du nicht eines deiner Kinder vorziehst 1"

.Ich bab meine Kinder gleich lieb, Maria!" .Das ist nicht wahr! Du weiht das auchi 3ch begreife, dah du dir einen Sohn gewünscht hast! Das ist aber kein Grund, deine Tochter zu vernachlä'sigen!" Maria faßte Gretel bei der Hand und verließ mit ihr das Zimmer.

Die Männer sahen sich an. Der Ockonomie- rat kratzte sich nach feiner Angewohnheit hinter dem Ohr.

.Du, Henner, so unrecht hat deine Frau nicht!"

Der trat ans Fenster, legte die Stirn in Falten, sagte lange gar nichts. Schliehllch drehte er sich Halb nach feinem Vater um.

»DaS ist wohl überall so! Wenn einer auf eigenem Grund und Boden sitzt, hängt er be­sonders an dem Sohn. Und einer kann in jeher Familie nur Kronprinz fein!

.Bee, Zunge, überall ist das nicht so! Die Eltern hängen oft besonders am jüngsten Kinde. Und da ist wohl bei euch noch lange nicht aller Tage Abend!"

Der Henner zuckte die Achseln, griff zur Mütze, um durch die Ställe zu gehen. Er war sehr ärgerlich. Der Oekonvmierat war nach­denklich geworden. Bisher war zwischen Maria und ihm wohl einmal eine Verstimmung auf­gekommen, lange hatte die aber nie ungehalten. Wenn aber eine Mutter erst das Gefühl hatte, daß ber Grobvater seine Enkelkinder ungleich behandelte, konnte es zwischen ihm und der Schwiegertochter ein gespanntes Verhältnis ge­ben, und das durfte nicht lein. Da griff auch er zum Hute und wanderte, sehr nachdenklich, nach dem Hainbuchengang. Lange war es her, dah er hier etwas gründlich durchdacht hatte. Die Maschine lief bei strenger Aufsicht von allein. Rur die üblichen Handwerksgrisfe waren in den letzten Zähren nötig gewesen. Größere Unter­nehmungen hatte er nicht mehr gebaut, seit Mana ins Haus gekommen war. Richt jedes Hahr war er vergnüglich gewesen, aber ein paar tausend Mart waren auch nach mäßiger Ernte als Er­sparnis zur Bant gewandert . . . Da blieb Christoph Wärhahn stehen, schob die Unterlippe vor. Gewachsen war sein Betrieb aber auch nicht mehr, wenn er absah von seinen Gärten, die allmählich sich entwickelten. War er denn schon müde geworden? Gott bewahre! Aber in ber ganzen Gegend hatten die Leute von ihm ge­lernt, hielten ihr Land fest, es wuchs ins Geld, keiner kam mehr, um ihm ein paar Aecker an- zubieten Allo ein Segen war er gewesen: Immer­hin, manches hätte sich tun lassen. Er laß ja in der Wolle, konnte Versuchsfelder anlegen, gin­gen dabei einmal ein paar hundert Taler draus, was schadete das? Da drüben, jenseits der Edder, saß einer, der aus Sachsen gekommen war, aus der Fremde, der war ein hervorragend tüch­tiger Landwirt, es war nicht ausgeschlof-en, daß der ihn in den Hintergrund'drängte. Der Henner stand sicher feinen Mann, aber ein so scharfer Denker wie sein Vater war er nicht. Das hatte er schon früher erkannt, und deshalb sollte eben ber Schuß ins Wärhahnsche Blut kommen, der war nun da, und er versprach sich Gutes von

ihm. Aber von seiner Kindheit ersten Tagen an mußte der Hans sehen, daß bei Vater und Großvater mit Hochdruck gearbeitet wurde. Ge­rade die ersten Eindrücke waren oft richtung­gebend fürs ganze Leben! . . Da kniff Chri­stoph Wärhahn die Augen klein, blinzelte hinaus zu dem dichten Blätterwerk Ber Hainbuchen, durch die die untergehende Sonne ein paar Pfeile schoß. Gute Gedanken waren auch Pfeile. Pselle mit Widerhaken! Die bohrten sich in den Men­schen hinein und waren nicht wieder heraus­zubringen! .... Hier würde er jetzt wieder auf- und abwandern, hier waren ihm die guten Ge­danken immer von allein gekommen! . . Za, und Maria hatte ganz sicher nicht unrecht! Was konnte die luftige Gretel dafür, daß fle ein Mädel ge­worden war? Und wenn man um Hänschen herumtanzte, und ihm immer seinen Willen ließ, würde der bald ein kleiner Tyrann werden. Teufel auch, das hätte gerade noch gefeilt! Gut Ding aber wollte Welle haben, also gründlich über­legt, und dann gehandelt mit scharfem Ver­stände und fester Sjanbl

Als der Oekonvmierat aus dem Hainbuchen- gang heraustrat, stand die Mamsell unter einem Reineclaudenbaum und nahm von den niedrigen Zweigen reife Früchte ab.

»3ch wollte schon Weggehen, Sie konnten ge­stört werden!"

.Heute noch nicht! Ader bald könnte es wieder sein, Guste!"

Die Mamsell atmete tief auf.

.Gott sei Dank! Und es ist bester, Sie gehen beizeiten im Hainbuchengang auf und ab. Cs könnten sonst Tage kommen, die Ihnen nicht ge­fallen, Herr Oekonvmierat! Besinnen Sie sich, was ich Ihnen einmal abends in Ihrem Arbeits­zimmer gesagt habe?"

.Das war kein guter Wunsch, Guste! Mit krummem Rücken, Sorgen auf bem Budd, würde ich Durch den Hai du-e gang schleichen!"

Es klang so weich. Solche Stimme hatte sie noch nie bei ihrem tatenfrohen Herrn gehört.

.Zum Spaße werden Sie da heute auch nicht auf- und äbgelaufen lein!

.Du hast recht! Mir kam auf einmal der dumme Gedanke, ich sei alt geworden! Das wär noch schöner!"

.Sie müssen wieder Oel auf Ihre Lampe gießen, Herr Oekonvmierat!"

.Richtig, Dabei'bin ich gerade' DaS heißt, ich greife erst nach der Kanne!"

.Wenn es mit fester Hand geschieht, ist mir nicht bange!

Die Mamsell sah ihren Herrn nicht an, pflückte ruhig weiter die reifen Früchte. Aber ihr alteS, getteues Herz klopfte zum Zerspringen.

Er trat auf fle zu, legte feine Hand auf ihre Schulter.

_Hor jetzt einmal auf mit dem Pflücken. Mit dir kann man ja vernünftig reden und mach aus deinem Herzen keine Mördergrube. Sage, habe ich Hänschen wirklich vor der Gretel sehr vorgezvgen?"

.Sehr vvrgezogen langt gar nicht, einen Affen haben Sie an dem Zungen gefressen! Und der Henner auch! Wenn ich die Mutter wäre, wie ein Donnerwetter führ ich dazwischen k"

.Hat sie heute getan!"

Es wurde auch höchste Zell! Und wenn die junge Frau nicht so weich und so be­quem wäre, hätte sie nicht bcs heute gewartet. Ich habe ja nichts mehr zu sagen, sonst hätte ich Ihnen und erst recht dem Renner schon längst den Star gestochen. Aber dann heißt es, wir Weiber stünden gegen die Männer zusammen. Vielleicht rührte mich auch das nicht, wenn die junge Frau eine andere wäre!"

.Herrgott, tote sollt sie denn ander- fern« Eine kann nur Im Hause das Kommando haben, uni) das läßt du dir ja nicht nehmen!"

.Laß ich mir auch nicht, schon weil Sie sonst nicht zufrieden wären, Herr Ockonomieratl"

.Weil ich mich an dich all die Jahre ge­wohnt habe! Aber teilt euch dich in die Ar­beit!"

Sehr ttäftig schüttelte die Mamsell den Kopf.

.Sie toiffen so gut wie ich: ba3 geht nicht! Eins greift in das andere ein. Wer im Stalle zu befehlen hat, muh es auch bei unS in der Küche tun. So ist nun einmal unsere Wirtschaft zugefchnitten. Und was sollte aus den zarten Fingerchm werden, die so schön zu spielen ver­stehen? Ich bleibe dabei: d,e Heirat war ein Fehlen r

(Fortsetzung folgt)