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Unterhaltung Erhebung Selehruvg

Die Notwendigkeit verstärkter Desinfektion zur öffentlichen

Gefundheitspstege.

Von Julius Vörden (Berlin).

Schon vor dem Krieae ist das enge Zusammen- Wohnen in den Großstädten und besonders in Berlin als ein großer Hebelstand, vor allem in fittlidSer Deziehimg, empfunden worden. Diese Verhältnisse haben sich nach Deeirdiannq des Krieges noch wesentlich verschlechtert. Dach den Aufstellungen des fta^iitifchen B"reans im Der» lrner Wnbnunq^amt fehlen 120 COO Wohrnrnaen. Diese 120 000 Wobnungssucher mögen, da es sich zum Teil um Familien handelt, mit einer Vieriel- miMon Köpfen nicht zu hoch aegriffen sein. Merkwürdig ist bei dieser Statistik, daß diese 250 000 Menschen trotzdem in Berlin unterge» bracht sind. Sn welche, Weise es geschehen ist. soll nicht Gegenstand dieser Seilen sein. Es soll nur auf die große Gefahr in sanitärer Hinsicht hingewiesen werden.

Mir marschieren in Deutschland hinsichtlich hygienischer ^nrichtungen keineswegs an der Spitze der Völker. Sn England, Amerika und Iavan ist in dieser Beziehung vorbildlich ge­arbeitet worden. Ganz abgesehen davon, daß wir in Deutschland das obligatorische Badezimmer bei feder Wohnung nicht kennen, wird auch im allgemeinen bei uns nicht so viel gebadet tote in anderen Ländern. (Zavan verdankt seinen durchschnittlich hohen Geknndb»itszustand nicht nur dem fast täglichen heißen Bade, sondern fedeS Haus der Javaner wird jährlich eimnal, in manchen Distrikten sogar zweimal, gänzlich auf­geräumt und es werden alsdann die Möbel und Kleider im Freien und besonder- dann die leeren Wohnhäuser auf das gründlichste gereinigt

Wenn wir mm auch bei uns die Verhalt- RtfTe der Badestuben Englands und Amerikas und der Deinlichkeitsbestrebungen Japans noch nicht im gleichen Maste anzuwenden vermögen, so ist es um so mehr eine zwingende Pflicht, Last die Wohnungen und die dichtbevölkerten ganz besonders einer regelmäßigen gründlichen Des­infektion unterzogen werden.

Sn erschreckender Weile hat die Verlausung und Derwanzung in manchen Städten zugenom­men Es ist eine foiiale Pflicht, Last unsere Gesund lx-it^behöiden fick mit dieser Frage ernst­lich beschäftigen Erfreust cherweife haben sich im SeTTtrÄverband für Desinfektion und Hygiene 'Regierung, Wissenschaft und Industrie zusammen- pefimben, welche an der großen Aufgabe der QIirffRmmg über die allgemeinen Dolksgesund- heitAraoen Hand in Hand arbeiten. Der Mi­nisterialdirektor im BvtkSwvblfahrt-Ministerium, Herr Geheimer Obermedizinalra! Professor Dr. Lenh, der Herausgeber der ZeitschriftDesin­fektion". die bei der Deutschen Deriagsgesellschaft für Dvlitik und G^chichte, Berlin, erscheint, hat sich dieser Biesenarbeit in besonders anerkennens­werter Weise angenommen.

' Garn vorzügliche Desinfektionsmittel und Desinfektionsapparate stehen seitens der deutschen * Industrie in unbegrenzten Mengen jetzt wieder zur Verfügung und der genannte Sentralverband 9 ist bereit jedem einzelnen mit seinem Bat zur v Verfügung zu stehen.

Desinfektion und Desinfektionsmittel sind durchaus nicht erst Errungenschaften der modernen Zeit Shr älrsprung liegt wahrscheinlich in der instinkttven Abneigung jedes Menschen allen üblen Gerüchen gegenüber, und schon in der ältesten Seit bat man versucht diese Gerüche durch aro­matische Substanzen zu beseitigen. Viele religiöse Gebräuche, wie beispielsweise das Brennen von Bäucherkerzen haben denselben Ursprung. Die Einbalsamierung, also die Benutzung von balsa­mischen Salben und Kräutern, wie sie schon bei den alten Aegyptern in Gebrauch waren, ist ein gutes Beispiel für den erfolgreichen Versuch, schlechte Gerüche zu beseitigen.

Die alfen Völker haben mit ihrer frühesten Knlturentwicklnng bereits gesundheitliche Lehren und die Anfänge der Desinfektion gezeigt, ohne daß ein Reichsgelundheitsamt existierte. Die Be­obachtung ansteckender Krankheiten, tote des Aus­satzes, und die Kontrolle bei Epidemien wurden von den Priestern ausgeübt, welche damals gleich­zeitig den mühevollen Beruf der Mediziner über­nommen hatten Sm Talmud kann man nach- lesen daß im Tempel stets ein Priester besonders beauftragt war, auf die Gesundheit der anderen zu achten Die Bibel zeigt ein wichtiges sanitäres Gebot fax bezug auf die Schlachtung, bei welcher Blut und Anreinlichketten sofort mit Erde oder Asche verdeckt werden mußten. Alle tlnreinlich- Eetten mußten außerhalb des Lagers der Erde Übergeben werden Bei Befolgung der Gesetze, die sich auf das Baden und sonstige Handlungen der Reinlichkeit beziehen, hat man schon damals feststellen können, daß in den reinlichen Quar­tieren der Gesundheitszustand der bessere war.

Während der langen Periode des Mittel­alters haben die Alchimisten sehr wenig für die Desinfektion gearbeitet, ihre Bestrebungen gingen nach ganz anderen Bichtungen. Vielleicht daS älteste Dokument von Wichtigkeit ist verfaßt von Pringle:QHemolre für les substances sep- ttgues et antifebtique in der Mitte des acht­zehnten Jahrhunderts. Hier sind 49 Experimente notiert, welche die Behandlung von frischem Fleisch in Verbindung mit verschiedenen Sub­stanzen betreffen, um antiseptische Wirkungen der­selben festzustellen. Die Versuche beziehen sich auf gewöhnliches Salz, auf Ammoniak, Pottasche, Salpetersäure, Borax, Kampfer, Aloe usw. Die Experimente sind in ziemlich systematischer Art zusammengestellt und haben sogar für die heutige Zett noch einen gewissen Wert. Es zeigen sich hier schon Uranfänge einer Normalisierung, in- dem man als Grundlage 60 Grain Salz in zwei Unzen Wasser löste und in diese Lösung das frische Fleisch hineinlegte. Man beobachtete dann die cmttsepttsche Wirkung bei schwächeren Lö­sungen und kam hierbei zu einem gewissen Standard.

Die Forscher der modernen Chemie b-s Be­ginn dieses Jahrhunderts haben wenige Arbeiten auf dem Gebiete der Desinfektion geleistet. Un­sere Biologen haben gezeigt, daß zum Beispiel die Genus:mittel durch Bakterien der verschieden- ften Art dem Verderben ausgesetzt sind. Pasteurs fundamentale Arbeiten haben neue Wege ge­wiesen, auf welchen heute noch gearbeitet wird.

Hllfettionen können verhindert werden erstens durch natürliche Vorgänge: durch Lust, Licht, besonders Sonnenlicht, Regen und Filter, zwei­tens durch mechanische Mittel, drittens durch

Chemikalien (Desinfektionsmittels. Die letzteren sind so zahlreich und in vielen Fällen so untotrf» tarn auf den Markt gekommen, daß eine Kontrolle äußerst schwierig ist. Ans diesem Grunde wird vom Sentralverband für Desinfektion und Hygiene in Verbindung mit den Hygienikern und der Regierung die Rormallsierung von Desinfektions­mitteln angestrebt.

Sch möchte nur nochmals darauf aufmerksam machen, daß der Verkauf von Desinfettionsmitteln unbedingt unter wissenschaftliche und staatliche Kontrolle genommen werden muß, weil das Publi­kum ein Recht hat, gegen unbrauchbare Fabrikate geschuht zu werden. Richt nur in Deutschland, sondern beinahe in der ganzen Welt lind die Rachkriegsopfer, besonders durch die verheerende Grippe, noch größer als die direkten Opfer des Krieges. Erschreckend groß sind ferner die Opfer der Tuberkulose, von der besonders die Schwer­kriegsbeschädigten heimgesucht sind. Unter diesen Leuten allein befinden sich zwölf Prozent Schwind­süchtige. Bei der hohen Ansteckungsgefahr der Tuberkulose ist es von erhöhter Wichtigkeit, baf» terienfreie Wohn- und Arbeitsstätten zu erhal­ten. Aufgabe der verantwortlichen Kreise war es, im Snteresse der Volks-. Tier- und Pflanzen­gesundheit die breiteften Schichten des Volkes übet den Wert einer regelmäßigen und geeig­neten Desinfektion aufzuklären.

Thersites" bei unfern Klassikern.

Wie Homer den strahlenden Gestalten seiner Helden die Figur des ewigen Schmähers Thersites beigibt, so fehlt auch den geistigen Heroengestalten niemals die llaffende Meute der Krittler, denn es liebt die Welt das Strahlende zu schwärzen und das Erhabene in den Staub zu ziehen". Der Thersites unserer deutschen Klassik heißt Gar- lieb Merkel, und deshalb gibt unter diesem Titel Maximilian Miller - Iabusch die Erinne­rungen des deutsch-baltischen Journalisten bei der Deutschen Verlagsgesellschaft für Politik und Geschichte in Berlin neu heraus. Die autobiogra­phischen Schriften dieses Mannes, der um die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts durch seine einflußreiche literarische Tätigkeit den Publikums­geschmack bestimmte, enthalten eine Fülle wichtigen Stoffes, so daß sich eine Auffrischung dieser ver­schollenen Kulturbilder, um manch älnbekanntes bereichert und durch kritischeZwischenkapitel" erläutert, Wohl lohnt. Merkel ist seinerzeit nicht nur als Literaturkritiker, sondern auch als politi­scher Schriftsteller tätig gewesen, und wenn er sich durch seine Schmähungen Goethes und Schillers einen hervstratischen Ramen erwarb, so hat er als Politiker im Auftrage Hardenbergs. Steins u. a. Tüchtiges geleistet. Wirkliche Bedeutung aber, die nicht vergessen werden sollte, besitzt er nur als Journalist. Sn der Spenerschen Zeitung schuf er zu Anfang des 19. Jahrhunderts das erste Zeitungsfeuilletvn im modernen Sinne, und führte die ständige und soforttge Theaterkrittk ein, wo­durch er zum Vater der Tageskritik wurde. Er besaß ein echtes Seitunggtemperament. hatte sich aber auch vorher durch seine Studien ein reiches Wissen erworben. Als Student in Weimar und Jena trat er auch den Klassikern nahe, und diese persönliche Berührung hat seine spätere Stellung zu den Einzelnen nicht wenig beeinflußt.

Goethe lernte er bei einer Gesellschaft im Hause des Professors Loder kennen.Sm Prunk- zimmer", so berichtet er,stand Goethe mit ernster stolzer Miene vor dem Spiegeltische, auf beiden Seiten von Kerzen und vorne vom Kronleuchter beleuchtet, prunkend da, und um ihn eine Halb­runde von mehreren Reihen ehrfurchtsvoll Lau­schender. Er sprach gerade In einem dotierenden Ton über Raffaels Gemälde im Datttan. Den letzten Umstand hatte ich bemerkt und sagte:Es wäre viel, wenn die Franzosen sich ihrer nicht bemächtigten." Mit einer wegwerfenden Miene als hätte ich eine Dummheit gesagt, erwiderte Goethe:Sie sind auf die Mauer gemalt."Doch nur auf Stuck", antwortete ich und zog mich aus dem bewundernden Halbkreise zurück und habe mich Goethe nie wieder genähert." Von dieser als Kränkung empfundenen Zurechtweisung nahm also der Goethehaß Merkels seinen Ausgang. Aber auch Schiller, den er in Jena in seinem Garten besuchte, stieß ihn ab. Dagegen ist Her­der, der ja stets der gefeierte Herrscher im Lager der Goethefeinde war, der verehrte Meister Merkels, zu dem er in enge Beziehungen tritt Charakterbild und Wesensart dieses Großen hat er wirklich eindrucksvoll geschildert. Er erzählt uns von seiner drückenden wirtschaftlichen Lage, von der aufopfernden Sorgfalt mit der ihn seine Frau umgab, von der edlen Größe seines künst­lerischen Seherturns. das ihn bei jedem Gespräch und in jeder Umgebung über das Srdische hinaus­hob. Roch größere Liebe hegt er für Wieland, in dem er den größten deutschen Dichter verehrt Wielands Aeußeres und gesellschaftliches Be­nehmen war bürgerlich," schreibt er,mit einer leichten Beimischung vom Höfischen, in manchen Augenblicken auch vom Romantischen. Denn den größten Teil seines Lebens verbrachte er an dem Heinen Hofe der Herzogin Amalie, und von der Romantik seines Dichtungskreises ging, ihm wahr­scheinlich unbewußt, mancher Zug Tn sein Be­nehmen über. So war die Verbeugung, mtt der er vornehme Damen begrüßte, immer eine Art Adoratlon mit einem gebogenen Knie. Sein mora­lischer Charakter war rechtlich und bis zum Ebel- mute nachsichtsvoll und liberal." Sn langen Ge­sprächen glaubt Merkel das Geheimnis seiner Persönlichkeit ergründet zu habon: .So fand ich denn bild, daß lh hier vor einem jen^r wunder- seltenen und beneidenswerten ot^rollchen stand, denen die Ratur neben dem Uebermaß der Phan­tasie und deS leicht erregten Gefühls, ohne das der große Dichter nicht scheint entstehen zu kön­nen, so Hellen kräftigen Verstaub und so festen Charakter verlieh, daß sie jene, ohne sie zu neh­men, beherrschen, sobald es ihnen gefällt Um als Dichter zu sehen und zu empfinden, darf Wieland sich nur gehen lassen: um als Weiser zu denken und zu urteilen, braucht er sich nur besinnen zu wollen." Während sonstThersites" gern die schlechtesten Seiten bei den Menschen her­vorkehrt und reich an hämischen Zügen ist, teilt er uns von der kindlich naiven Art Wiriands viel Liebenswürdiges mit, schildert ihn, wie er Im Theater mit lebhaftester Anteilnahme dem Dühnenelndruck sich ganz gefangen gibt, wie er als Großpapa von den mutwilligen Streichen eines lausbüblschen Enkelchens erschreckt wird. Don Fichte, besten oberster philosophischer

Grundsatz war:Scb setze mich schlechthin!", er­zählt er, daß er einmal In Weimar auf dem nassen Pflaster ausglltt und hlnfiel, worauf ein hinter Ihm gehender Student rief:Fichte seht sich schlecht hin." Ueber Sean Pauls Heirat Hatscht er, daß dieser bei einem Essen bei dem Kriegsrat Maier stark getrunken hatte und im Rebenzimmer auf einem Sofa eingeschlafen war. Demoiselle Maier tritt hinzu und drückt dem Endymion einen Kuß auf den Mund. Er erwachte davon und war nun überzeugt, sein Glück in ihr gefunden zu haben."

Das Gewicht der Erdkugel.

Wir können unmöglich die Erdkugel auf eine Wagschale legen und ihr Gewicht durch direktes Wiegen feststellen: man hat ihr Gewicht trotzdem gefunden, und zwar, um diese ungeheuere Zahl gleich vorwegzunehmen, zu rund 6.1031 Kilogramm, d- L eine Kilogramm-Zahl, die mit 6 anfängt und 24 Dullen hat. Es wiegt 1 Liter Erde durchschnitt­lich 5,5 Kilogramm. Die angegebenen Zahlen sind so zu verstehen, daß sie Vergleiche darstellen mit gleich großen Wassermengen: die Dichte der Erde, d. h. die Gesamtheit aller Massenteilchen, die etwa in 1 Liter enthalten sind, ist 5,5 mal so groß wie die Dichte des Wassers. Es war nicht sehr einfach, diesen Massenvergleich durchzuführen, und die Rachprüfungen der Messungen erstrecken sich in die neueste Zeit.

Alle diese Messungen beruhen auf dem von dem großen englischen Physiker Rewton im Jahre 1666 aufgestellten allgemeinen Gravitationsaeseh, d. h. Massenanziehungsgesetz, nach welchem sich alle lassen in der ganzen Welt gegenseitig anziehen, und zwar mit einer Kraft, die den anziehenden Masten direkt, dem Ouadrat ihrer Entfernung in- direkt proportional ist. Die Gültigkeit des Rew- tonschen Gesetzes erwies sich zunächst nur für die großen Massen der Himmelskörper, allerdings bis auf eine Ausnahme, die von Einstein auf Grund seiner neuen Lehre prophezeit und von den Eng­ländern im Jahre 1919 als Tatsache bestätigt wor­den ist, doch darüber ein andermal. Daß sich auch Heinere Massen, etwa diejenigen aller Körper auf unserer Erde wie beispielsweise Häuser, Men- schen.Tische,Stühle usw. gegenseitig nach dem Rew- tonschen Gesetz anziehen, ließ sich zu Rewtons Zei­ten nur vermuten, doch war der Rachweis durch das Experiment wegen der geringen Anziehungs­kräfte unmöglich. Erst im Jahre 1298 gelang es Henry Cavendish, mit Hilfe einer sogenannten Drehwage die Anziehung experimentell nachzuwei­sen: er benutzte dabei zwei Massen von je 158 Kilogramm Gewicht, die an einer um eine Achse drehbaren Stange aufgehängt waren, und denen zwei Heinere Massen von je 730 Gramm gegen­überstanden. Cavendish fand, daß die Masse von 158 Kilogramm diejenige von 730 Gramm in der Entfernung 20,32 Zentimeter mit einer Kraft von 0,01 987 Dyn. anzog, d. i. eine Kraft von ungefähr Vso Metergramm. Die Versuche wurden 1878 von dem deutschen Physiker Jolly in München in etwas anderer Form wiederholt und bestätigt. Die ge­nauesten Messungen stammen von dem vor einigen Zähren verstorbenen Marburger Physiker Richarz, die dieser zusammen mit Krigar-Pkenzel zu Span­dau 1896 ausführte. Man benutzte hierbei einen Dlelwürfel von zirka 2 Meter Kantenlänge (100 000 Kilogramm), lieber dem Klotz befand sich eine Wage, deren eine Schale sich über dem Klotz, deren andere sich unterhalb desselben befand und an einem Faden hing, der durch fine in den Bleillotz gebohrte Röhre geführt war. Sn jeder Wagschale lag eine Masse von 1 Kilogramm. Die Massen­anziehung zwischen Bleillotz und Gewichtstücken rief eine Drehung der Wage hervor, aus der man auf die Große der Anziehungskraft schließen konnte. Hunderte von Messungen und Arbeitstagen waren nötig, um das Resultat genau zu erhalten, und man fand, daß der Bleillotz die Masse von 1 Kilo­gramm mit einer Kraft von 0,721 Metergramm anzog. Heutzutage benutzt man zum Rachweis der Massenanziehung bedeutend Heinere Massen. Sm Prinzip wird dabei die Drehwage von Caven­dish benutzt: der Faden, der den Wagebalken mit den leichteren Massen, je 24 Gramm, trägt, ist ein äußerst feiner Quarzfaden. Den Heineren Mas­sen stehen größere von je 2,8 Kilogramm fest gegen­über, und die Ablesung der Drehung des Quarz­fadens und damit die der Heinen Kugeln erfolgt mittels Spiegels und Lichtzeigers.

AuS den gefundenen Werten, ferner aus der Entfernung eines Körpers vom Mittelpunkt der Erde und der Dimension dieser selbst findet man dann durch eine leichte Rechnung die Zahlen für die mittlere Dichte und die Masse der Erde, wie sie oben angegeben sind, und damit ist daS groß­artige Werk gelungen, die Erdegewogen^' zu haben. Th.

Die Gntte ohne Sense und Dreschflegel.

Die Zeit der Ernte naht wieder heran, und damit steigen vor unferm geistigen Auge Idylli­sche Bilder auf: das Heer der Schnitter und Schnitterinnen mit Sense und Sichel, die hochbe­ladenen Erntewagen, kurz, jene Szenen, wie sie Schiller In derGlocke" geschildert, wie sie Lud­wig Richter und andere Meister so oft dargestelli haben. Aber diese poetischen Erntebilder ge­hören schon heute der Vergangenheit an und werden unsere Kinder oder Kindeskinder so alter­tümlich-romantisch berühren, wie uns etwa Post­kutsche und Rachtwächter. Rur die Dauern und Kleingrundbesitzer arbeiten heute noch in dieser Weise. 3m Großbetrieb der Landwirtschaft ist die Maschine an die Stelle des Menschen getreten: es wird ohne Sense geerntet und ohne Dreschflegel ge­droschen. DieseErnte von heute" schildert Dr. Al­bert Reuburger in einem Aufsatz vonReclams Universum". An die Stelle von Sense und Sichel tritt der Bindemäher, der die Halme abschneidet und sie sofort selbsttätig zu Garben zusammen- binbet, die er in regelmäßigen Reihen niederlegt. An die Stelle des Tiergespanns tritt der Motor- Pflug. dellen Pflugscharen für die Erntearbeit abgenommen sind, und der bann als Zugwagen Verwendung finbet Daneben gibt es auch noch besondere Erntewagen,Trekker" oderSchlep­per", die wie der Motorpflug von einem Ver­brennungsmotor angetrieben werden. Ein solcher Motorwagen zieht gleich eine ganze Anzahl von Dindemähern hinter sich her, die, staffelförmig angeordnet, außerordentlich rasch arbeiten. Auch Heine Automobile, Mähmaschinen gibt es. Sind die Garben trocken, so ziehen die Trekker gleich eine I ganze Anzahl hochbeladener Erntewagen hinter I fich her jur Scheune; es lassen fich an einen!

Achen Motorwagen mit 60 oder 80 PS gar ottll solcher Erntewagen anhänaen. Unb der Motor bebarf feiner Ruhe wie Tier unb Mensch; er afoeltet Immer, wenn es nötig ist auch bd Deshalb hat man besondere Beleuchtung-- emrufctnugen für bie Felber geschaffen, so baß bei drohenden Gewittern und Regen auch In bet ©unterbeit geerntet werben kann. DaS lustige Ttck-ttck-tack beS Dreschflegels ist von ber Dresch- maschine abgelöst, bie von Dorf zu Dori unb bon Gut zu Gut fährt, bie Korner ausbrischt unb sogleich von ber Spreu befreit Mit ihr zu­sammen arbeitet bie Strohpresse, bie baÄ Stroh Aufammenblnbet unb selbsttätig aus 'den Doben der Scheune beförbert Der Transport ber Ernte erfolgt burch großartig ausgestaltete Einrich­tungen, bie ein rasches llmlaben von ben Eisen­bahnen unb Schiffen In bic Getreidespeicher unb umgekehrt ermöglichen. Die Waschung ber Kör­nerfrucht, bie bas Verb erben während der Lage­rung verhüten soll, erfolgt ebenso wie bie Trock­nung burch große Maschinen. Für bie Bewegung ber ©etreibemengen sinb gewaltige Becherwerke vorgesehen, bie bas Betreibe aufschaufeln unb btö zu ben Rinnen emporheben, in benen eS In bas Innere ber Getreibespeicher btneinglettet Sie schaufelnben Decher sind an einer Kette ohne Ende befeftlgt, bie über zwei Rollen läuft Auch Pneumatische Gerteibeheber finben Verwendung, von denen mit sog.Säugrüsseln" bic Körn« auL9.ela^9t und nach bem Ort ihrer Desttmrnung getotrbett toerben. Diese mobernen Getreibe­speicher, bie Silos, sinb mit ihren erstaunlichen trine r n Einrichtungen ebenso wie die nwberne Stoible, bei ber es kein Mühlrad unb feinen ©taub mehr gibt, bie rechte Ergänzung zu ber Ernte ohne Sense unb Dreschflegel.

Das Papierdorf.

Eine Ansieblung, beren Dewohner sich aus­schließlich mtt ber Herstellung von Papier beschäf­tigen unb bie daher von den Europäern das Papierdorf genannt wird, befindet sich in dem französischen Protektorat Tongking, eine Fahr- ßunbe von ber Hauptstadt Hanoi entfernt Von bem Leben unb Treiben in biefem interessanten Papierborf erzählt 3. C. Martin inlieber Land unb Meer". Die Mutter Ratur bietet bie zur Papierbereitung nottoenbige Zellulose ben Be­wohnern bes Papierborfes in ber leichtesten unb bequemsten Weise bar. Die Waldungen bestehen nämlich zum größten Teil aus sog. Papiermaul­beerbäumen unb Strohkräutern, beren Rinde ben nötigen Zellstoff liefert. Kaum betritt man baS Papierborf, so fällt einem auch schon bie eigen­artige Tätigkeit auf, ber sich Männer, Frauen und Kinber mit Eifer bingeben: links unb rechts von ber beschatteten Dorfstraße sieht man mtt Wasser angefüllte Erbgruben, in denen bie Rinben auf­geweicht werben, worauf sie Heine Mädchen unb Knaben in nassem Zustande mtt ihren zarten Fin­gern ablosen. Gleich daneben stehen hohe Lehm­ofen, in denen die gelösten Stücke zum Abkochen gebracht werden. Vorn am Wege hantieren unter offenen Hallen Frauen vor Trögen, in denen die weißlich graue Masse als Zellulose schwimmt. Die Frauen schöpfen sie zunächst in Kästen von 50 Ztm. Länge unb 25 Ztm. Breite unb nehmen bann mtt sehr feinen, gerahmten, biegsamen Dambusmatten einen Teil bavon auf, ben sie so lange ununter­brochen schütteln, bis bas überschüssige Wasser ab­geflossen ist. Auf biese Welse bilbet sich eine bümte gleichmäßige Lage, bie vorsichtig abgehoben unb seitwärts auf einer Steinplatte ausgebreitet wirb. Haben bie Stöße eine Höhe von etwa 20 Zenti­meter so wirb ber Rest ber Flüssigkeit auf bie primitivste Weise herausgepreßt, inbent man Steinplatten mit Hebeln unb Stricken verwendet. Run kommen Lagen von etwa 10 Stück auf heiße, mtt Reisstroh geheizte Kalkwänbe, auf benen nach kurzer Zeit bie völlige Austrocknung erfolgt tfc unb bann werben bie einzelnen Blätter vonein- anber abgezogen, was ohne Schwierigkeiten vor sich geht. Durch wiederholtes Kochen ber Maste lassen sich drei verschiedene Qualitäten Papier Herstel­len: das letzte Aufbrühen gibt bie geringste Sorte her. Dieses Büttenpapier eignet sich nur zum Packen, und man findet es in jedem Laben In Hanoi unb an ber Küste. Wohl nirgenbS sonst wird noch Papier auf eine so primitive Weise, bie an bie Zeiten ber Anfänge ber Papierfabri kation er­innert, hergestellt.

Wettaugeln.

Sin Sport, ben man bei unS gar nicht leimt bem aber bie Briten leibenschaftlich huldigen, ist bas Wettangeln, bas jetzt toleber in England In großen Kämpfen vor sich geht. Eine anschau­liche Vorstellung von biesen merkwürbigen Veran- ialtungen gibt uns eine Schilberung Christopher Decks in einem Lonboner Dlatt:Das Wettangeln ist eine Spezialttät Rorb- unb WestenglanbS. Die Anmelbungen für einen großen Wett­bewerb belaufen sich biS zu 1000. Früh am Morgen bes schicksalsreichen Tages bringen Sonberzüge bie Angler an Ort unb Stelle, und ein ganzer Strom von Männern ergießt sich bann an ben Versammlungsort, alle haben sich mit den besten Anglergeräten unb ben nach ihrer Mei­nung vortrefflichsten Kobern ausgerüstet. Die Leiter des Wettbewerbes warten bereits mit ben Zahlen, von benen sich jebe in einem versiegelten Kuvert befindet. Es erfolgt bann bas Verlosen ber Plätze. Die Aufregung, bie bei blefer Lotterie herrscht, erklärt sich baraus, baß bie Zahl, bie man sieht, bie Länge bes Weges bestimmt, ben man bis zu seinem Angelplatz zurückzulegen hat. Wer nur ein paar hunberi Meter zu gehen braucht, hat eS natürlich bequemer als ein an» berer, ber ein paar Kilometer zurücklegen muß. Riemand aber barf zu angeln beginnen, bevor nicht bas Signal gegeben ist. 3m Ru starrt das Waster von ausgeworfenen Angeln, unb bie verschieb en- artigften Köber schwimmen im Wasser. Heber Sportsangler hat sein eigenes Köberrezept, bem natürlich bie Fische nicht wiberstehen können; ber eine angelt mtt künstlichen, ber andere mtt lebendigen Fliegen, ein dritter mit einem geheim­nisvollen Köber, ben er sich aus ben verschie- benariigsten Dingen bereitet Rach einer bestimm­ten Anzahl von ©tunben ist baS Wettangeln be­endet, und nun erfolgt bas Wiegen bes Fange-. Die Preise werden nämlich an biejenlgen verteilt, beren Körbe das größte Gewicht haben. 3n rüheren Zetten würben große Mengen gara Heiner Fische gefangen unb getötet, um dadurch bas Gewicht ber Deute zu vermehren. Jetzt aber inb gewisse Grenzen für bie Größe ber Fische festgesetzt, so baß nur bereits ausgewachsene Tiere beim Wiegen zugelassen werden.