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M- ZahrgMg

Erstes Blatt

8reüag, 12. August 1921

Nr. 187

Der Siebener Snzttqer mit der Dienstaqsbeitogt .5port-U«scha«E «- scheml täglich, außer Senn- uni) ^etertaqs. vkO««Mcheve;-q;vreise: Mark 5.- eiuschüehlich TrSgerlohn, durch die Post bezogen Mark 5.75 einschließlich Bestellgeld. Fern sprech. Anschlüsse: Birdie Lchriftleitunq l 12; für Druckerei, Berlaq und Geschäftsstelle 51. Anschrift für Drahtnach. richten: Blutiger Siesten.

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SiehenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberhessen

Dnid en» Verlag: vrähl'sch« Univ.-Vuch und Lteindruckerri R. Lange. Schristleitmig, 6efd)äftsfteBe und Druckerei: Schulstratze 7.

Wen stellt die Geschichte als Angreifer fest: Deutschland oder Frankreich?

3n einer der letzten HavaS-Meldungen Über bje Tagung des Obersten Rates wird be­richtet, Briand habe Llohd George gegenüber darauf hingewiesen,Frankreich habe eine ge­meinsame^ Grenze mit dem Volke, das zu allen Zeiten seine Geschichte beweise das nur daran gedacht habe, Frankreich anzugreifen".

Herr Briand ist ein merkwürdiger Ge- fchichtSverdreher, und man weift nicht, was bei chm größer ist: seine mangelhafte Kenntnis oder seine Skrupellosigkeit in der Fälschung von Tatsachen. Jedes deutsche Schulkind weift schon, daß der von ihm angeführte Satz eine Unwahrheit ist. Um die Wahrheit aufzu- hellen, möchten wir heute nach einem ungemein fesselnden offenen Bries greisen, den vor einigen Wochen ein unbekannter Deutscher in der Münchener Monatsschrift,Die Gcgen- rechnung", an die Regierungen der Entente­länder und der neutralen Staaten gerichtet hat. Es wurde darin dargetan, welches von den beiden großen Nachbarvölkern in erster Linie zu einerWiedergutmachung" verpflichtet sei. Und dazu schlug der Verfasser das Buch der deutschen Geschichte auf, wie er sagt,das leid vollste Buch, das je­mals geschrieben worden ist", und worin nach- tzulesen sei, w i e durch die Jahrhunderte hin­durch fremde Kriegsscharen in Deutschland ihren Krieg geführt hätten:

Drüben an den Usern des Rheins liegt die Pfalz, ein gesegnetes, reiches, blühendes Land, ein klingender, singender Menschenschlag mitten zwischen grünen Bergen und rauschenden Wäl­dern. Und die Städteperle dieses schönen Landes ist Heidelberg, eine Stadt so voll zauber­hafter Schönheit, daft sie keiner wieder vergessen kann, der auch nur ein paar Tage in ihr verlebt hat. Und über der Stadt hängt schicksalskundig und düstern Ernstes voll die Ruine des alten kurfürstlichen Schlosses, die schönste, welche in deutschen Landen zum Himmel emporragt. Zer­stört, gesprengt 1688 und 1689 von den Franzos en. Und mit ihr teilte dasselbe Schicksal die Stadt. So erzählen diese Trümmer.

Kaum 20 Kilometer von Heidelberg entfernt liegt Mannheim, heute die stolzeste Handelsstadt SiU>deutschlands am grünen Rhein. 1689 von den Franzosen niedergebrannt.

Und weiter südlich, wenige Kilometer vor Mannheim, spiegelt Speyer sich mit seinem alten Dom in den Muten des Rheins. 1689 von den Franzosen zerstört, die alten deut­schen Kaisergräber im Dom erbrochen, die Um­gegend zur Wüste gemacht.

Nördlich von Mannheim auf der anderen Seite des Rheins liegt die alte Stadt Worms, ein Juwel im deutschen Städtekranze, ein Kleinod deutscher Sage und Dichtung, eine Marktstätte großer Geschichte. 1689 von den Franzosen bis auf den Grund zerstört, nur der Dom, die Liebfrauenkirche und wenige andere Ge­bäude entgingen der Zerstörung. So sprechen die Trümmer.

Und neben diesen größeren Städten gingen zahlreiche kleinere Sädte, Dörfer, Flecken, Weiler, Burgen in Flammen auf, angezün­det und gesprengt ohne jede militärische Notwen­digkeit von den Scharen des allerchrist­lichen Königs Ludwig XIV; ihre Ein­wohner vertrieben, verwildert im Lande herum­irrend, von den Franzosen ausgeplündert, ge­schändet, erschlagen wie die tollen Hunde. Sv furchtbar waren Elend und Verwüstung in alle den Jahren 16721692, daß der Kurfürst von der Pfalz aufs tiefste empört den französischen Mar­schall Turenne zum Zweikampf herausforderte, eine Forderung, die der letztere jedoch nicht an- nahm.

Und nun folgen Sie mir weiter durch die schöne Pfalz, meine Herren Minister: Trümmer über Trümmer will ich Ahnen zeigen. Burg Landsberg bei Alfens, Schloß Ravers» berg bei Alzey, der Heimat des lustigen Fied­lers Volker im Nibelungenliede, die wundervollen Burgen bei Alt- und Neu-Leiningen, Schloß Leiningen selbst, das sich nicht weit von da erhob, wo heute in dem prächtig gelegenen, wein­schweren Städtchen Dürkheim das Rat- und Kurhaus steht, die Harten bürg, die Gei­ersburg, die Marburg bei Neustadt, die Marienburg bei Annweiler, die Wegeln- bürg, die Hohenburg, das alle Sickinger Erbe, Fleckenheim und viele andere in der schönen grünen Pfalz: lauter Trümmer­haufen in verschiedenen Jahren (1679, 1680, 1688, 1689. 1794) von den Franzosen zerstört, so gründlich zerstört, daß an ihren Wiederaufbau niemand denken mochte.

Südlich von der Pfalz streckt sich, überragt von des Schwarzwalds wonnigen, dunklen Höhen, das schöne Badener Land, ein Frucht- und Wein- und Obstgarten Deutschlands. Dieses S3anb ist ein 3utoel, und eine seiner Perlen ist Baden- Vaden, der inmitten rauschender Wald- und Dergespracht eingebettete herrliche Kurort, dessen Quellen Tausenden und Abertausenden aus aller Herren Länder schon Heilung und Genesung ge­bracht haben. Tlnd hoch über der Stadt liegt das alte Schloß, hochberühmt durch die entzückende Aussicht, die man von dort chat ein Trüm­merhaufen, 1689 von den Franzosen »erüört.

älnb im Süden des Landes liegt ein anderer weltberühmter Kurort, Badenweiler, mit seiner wundervollen Aussicht nach Westen, in das Rheintal und zu den Vogesen, und nach Nor­den und Osten, wo sich die prachtvoll geschwungene Linie der höchsten Schwarzwaldgipsei hinzieht. 3m Innern des Städtchens eine alte Schloßruine,. und sie klagt das alle Lied, das alte Lied: Zer­stört von den Franzosen 1678.

Unb dicht bei Freiburg, du strahlender Edelstein am Fuße der Berge, du herrliche Stadt voll Quellenrauschen und Waldesrauschen, voll Heiligtümern und Welllindern, voll Wein und Liedern. Oben auf dem Schlohberg mit seiner unvergleichlichen Aussicht über Tal und Fluh und Berge liegen Ruinen über Ruinen, und ihre Steinmassen sprechen, sprechen laut und eindring­lich: Zerstört von den Franzosen 1745. Und dort, wo die wilde Kinzig, das über­schäumende Echwarzwaldkind, aus ihren grünen Bergen heraustreten will in die lachende Rhein­ebene, grüßt uns mauerumgürtet und turmbe­wehrt das uralte, einst freie Reichsstädchen Gen­genbach: 1689 ward es von den Franzo­sen bis auf den Grund zerstört.

Mitten im echtesten Schwarzwalddunkel, schier erdrückt von der Masse seiner waldbekränzten Berge, zieht sich Hornberg durch ein schmales Tal. Tausende froher Wanderer besuchen in jedem Sommer den Schlohberg, und aus den Trümmern hören sie es rauschen und raunen:Einst ein stol­zes Schloh 1703 von den Franzosen zerstör t.

Aus der Rheinebene ragt Rastatt empor, heute wieder eine frohe Stadt, 1689 von den Franzosen zerstört, weil es die Residenz war eines badischen Markgrafen.

Und dort bitte ich Sie, meine Herren Mini­ster, mir zu folgen nur eine kurze Strecke Weller nach Norden. Dort fällt der Odenwald ziemlich steil gegen die Rheinebene ab. und diese östliche Abdachung des Gebirges, die Bergstraße, ge­hört zu den wonnesamsten Geftlden des deutschen Vaterlandes. Ein grober blühender Obstgarten das ganze Land am Gebirge zwischen Darmstadt und Heidelberg, reich an Korn und Obst und Wein, bevölkert von einem tüchtigen sangesfrvhen Menschenschlag. Weinheim ist der erste grö­bere Ort dieses Landstriches, toenn man von Süden kommt. Malerisch liegt es da unter der Hut seiner Berge; zwei luftige Täler strecken sich aus dem Gebirge bis hinein in seine Straben und Gassen 1689 war das Städtchen ein wüster Trümmerhaufen, zerstört, gesprengt, nie­dergebrannt, geplündert von den Franzosen.

Und wenige Kilometer davon über dem Städtchen Heppenheim die Ruinen der Starkenburg, nach welchem diese ganze hes­sische Provinz ihren Namen trägt: 1674 von den Franzosen in Brand geschossen, aber trotzdem nicht erobert.

Und wiederum nur wenige Kilometer nörd­lich davon, auf steiler Dergeshöhe über dem Orte Auerbach gelegen, umrauscht von prachtvoll­stem Hochwald, die schönste der Ruinen der Berg- strahe, das sagenumwobene Auerbacher Schloh. Aus uralter deutscher Zeit erzählt es, von Karl dem Groben und seinen Rittern, von Quellnixen und Elfenzauber, und von grober Ver­gangenheit träumt es, wo es dem Kloster Lorch, dann dem Erzstiste Mainz, bann dem Grafen von Katzenelnbogen gehörte. Und heute recken sich seine zerstörten Steinmassen llagend zum Him­mel mit derselben Klage, wie sie hundertfach, nein, tausendfach aus den westlichen Gebieten des Deutschen Reiches erschütternd zu den Sternen schallt: Zerstört, gesprengt, zertrüm­mert von den Franzosen! (1674.)

Zwei Stunden lang führt uns der Weg von dort über die Dergeshöhen durch rauschenden Wald, unb da, wo er sich lichtet, fliegt der Blick weithin über ein gesegnetes, schönes Land, um bann plötzlich wieder auf einer Ruine hasten zu bleiben: das Alsbacher Schloh. Wir brau­chen nicht mehr zu fragen die Antwort ist uns schon geläufig geworden: von den Franzo­sen zerstört 1674.

Begreifen Sie mm, meine Herren Minister, dah wir, denen die stumme und doch so beredte Sprache aller dieser Trümmerstätten in den Ohren klang, 1914 bei Ausbruch des Krieges nicht in der Lage waren, die Franzosen einzuladen, ge­fälligst über unsere Grenzen herein in unser blü­hendes Land zu marschieren? Begreifen Sie nun, meine Herren Minister, warum wir einen Wall von Feuer unb Eisen zwischen unsere Grenzen und unsere Gegner legen, legen muhten?

Unb wie vandalisch, wie sinnlos bei uns zer­stört worden ist, das möge 3hnen die Tatsache beweisen, dah es sich bei den Zerstörungen nicht etwa nur um Städte, Dörfer, Burgen handelte, die an den groben Heerstrahen lagen, auf denen man etwa aus militärischen Gründen jeden deutschen Widerstand unmög­lich machen wollte, sondern dah die Zerstörung seitens der Franzosen auch solche Städte, Dörfer und Burgen betroffen hat, welche ganz abseits von allen Heerstrahen in stillen Berg- und Wald» winkeln sich versteckten. Eronberg, Falken­stein, Königstein im Taunus, Allen- baumburg.Döckelheim in den Bergen jen- seits der Rahe, die Sauer bürg, der uralte Stammsitz der Eickingen, ganz abgelegen, ganz versteckt in einem verschwiegenen Seitental der Wisper die sich bei Lorch in den Rhein ergießt lauter Orte und Stätten, wie geschaffen zum tiefsten Frieden, und dennoch alles, alles Schutt und Trümmer, Trümmer und Schutt, Grausen und Elend, Vernichtung und Tod, zerstört, g e- fhrenat angezündet von den Fran- Lofen in den Jahren zwischen 1675 unb 1690.

Unb nun kommen Sie, meine Herren Mi­nister. besteigen Eie den nächsten Dampfer, lassen Sie 3hre Blicke schweifen zu den Burgen unb Ötäbtc n am Rhein st rvmufer, öffnen Sie 3hre Ohren der fruchtbaren Sprache, welche diese alle sprechen unb bann, meine Herren Mi­nister, bann reden Sie uns Deutschen wieder in hohen Tönen von Menschlichkeit unb Gerechtigkeit unb Wiedergutmachung, wenn Sie bann dem ge- mihhandelten Volke der ganzen Welt gegenüber, bas wir einst in unserer staatlichen Zerrissenheit waren, noch nicht den Mut bazu verloren Haden sollten. Soll ich Sie an die Zellen erinnern, ba der Gröhe Friedrich in einem siebenjährigen Hel» benkampf ohnegleichen auch das englische Erbe Hannover gegen die Eroberungsgelüste ber Franzosen verteidigte? Soll ich Eie baran er­innern, wie damals, als er die Franzosen am 5. November 1757 bei Roßbach gestopft hatte, bah sie das Wiederkommen vergaben, ihre Rüct- zugstrahe rauchte von Feuer unb Flammen? Unb als sein genialer Feldherr Ferdinand von Braun­schweig die Franzosen durch seine groben Schläge von Minden unb Krefeld und Sandershausen zwang, von den geplanten Rachezügen gegen Han­nover abzulassen da wurde von den flüchtenden Franzosen geplündert und gebrannt, geschändet und verstümmelt, dah die alten Chroniken voll von diesen Greueln sind. Und wie sah es in Deutschland aus, als Preuhen im Bunde auch mit England in den Freiheitskriegen den großen Todfeind Englands, Napoleon I., niederwarf unb damit für England und seine Herrschaft eine Ar­beit leistete, die dieses allein niemals auszu­führen fähig gewesen wäre? Kennen Sie die Trümmerfelder von Groh-Görschen und Bautzen, von Groh-Beeren und Senne- toiß, von der Kahbach unb Wartenburg? Unb nach der groben Entscheidungsschlacht bei Leipzig wurden in einem dem englischenPar- lament vorgelegten Berichte nicht weniger als 63 Sie hören mich doch, meine Herren Mi­nister? 63 Ortschaften aufgezähll, welche teils vollständig zerstört, teils mehr oder weniger be­schädigt waren! Und welche grauenvollen Aus­tritte sich auf der Rückzugsbrahe ber Franzosen abspielten. davon sagen unb Hagen noch heute Städter und Dauern in Geschichten und Liedern, und in den Kirchenbüchern in Städten und Dörfern finden sich grausige Einzelheiten ausgezeichnet.

Das, meine Herren Minister, was ich 3hnen hier genannt unb gezeigt Hobe an Trümmergrous und Verwüstung ist nur ein Teil, nur ein Heiner Teil des Elends und des Grauens, das in brang- salvollen Zähren durch Franzosen über uns Deutsche gekommen ist. Es ist nur der Teil, und wiederum auch nur ein Teil dieses Teils, ber bem Auge jedes Vorüberfahrenben ober Wan­derers ohne weiteres offen liegt. Der andere gröbere, größte Teil ruht moosüberwuchert im Waldesdunkel, hängt grau in .grau an einsamen Berglehnen, spricht aus den noch heute Kugel­spuren tragenden Mauern von Kirchen und Ka­pellen, ruht von zitternden Händen und angstvoll klopfenden Herzen aufgezeichnet, in Familien­chroniken und Kirchenbüchern und Ortsarchiven.

Dieser offene Vries, von dem vielleicht doch noch nicht sämtliche Minister der genann­ten Länder und Staaten Kenntnis genommen haben, sollte heute als Antwort auf die un­glaubliche Verdrehung des französischen Mi­nisterpräsidenten dem Obersten Rat auf den Konferenztisch gelegt werden, und zwar mög­lichst auch in der Sprache der Konferenzteil­nehmer. Geschichtsstudien der englischen und französischen Staatshäupter scheinen ja an der Tagesordnung zu sein, aber es wäre gut, wenn man dazu nicht, wie Herr Briand, lediglich zum KonversationSleLikon greift!

Löbe und Stresemann dringend nach Berlin gerufen!

Berlin, 11. August. (WTB.) Der Reichskanzler hat den Reichstagspräsidenten Löbe und den Vorsitzenden deS Reichstags­ausschusses für auswärtige Angelegenheiten, Abgeordneten Stresemann, telegraphisch zu einer Besprechung nach Berlin gebeten.

Zu der vorstehenden amtlichen Meldung, dah der Reichskanzler den ReichStagSpräsi- denten Löbe und den Vorsitzenden des Reichs­tagsausschusses für auswärtige Angelegenhei­ten, Stresemann. zu einer Besprechung nach Berlin gebeten hat, erklären die Blätter aus parlamentarischen Kreisen, daß eS sich bei die­ser Besprechung um eine Erörterung der politischen Gesamtlage handele, deren Ernst die Reichsregierung veranlaßt habe, mit den beiden berufenen Vertretern des deut­schen Parlaments möglichst enge Fühlung zu nehmen. LautDeutscher Allgemeiner Zei­tung" setz es aber zum mindesten verfrüht, hier­aus auf eine soforttge Einberufung des aus­wärtigen Ausschusses oder sogar deS Reichs­tags schließen zu wollen. Entscheidende DiS- posittonen nach dieser Richtung hin könnten erst nach der Entscheidung über Oberschlesien getroffen werden.

Konfliktstrimnung in Paris.

Abreise Llohd Georges.

London, 11. Aug. Reuter meldet aus Paris: L^vh'd George fährt morgen nach

London zurück. Die ^tüdreife hängt mit der irischen Antwort zusammen

Paris, 11. 2Lug. Havas berichtet, bah man in englischen Kreisen der Konferenz versichert, Lloyd George beabsichtige morgen mittag Paris zu verlassen. Er ist genötigt, Samstag in London zu sein, um mit den Minister- tollcgen über die irische Frage zu beraten. Die Nachrichten, die im Lause des Abends durch Flugzeuge aus London erhielt, sind, wie es scheint, nicht so alarmierend, wie man zuerst glaubte, aber von einer solchen Bedeutung, baß ein balb- rnöglichster Zusammentritt des Kabinetts nötig erscheint. Zuerst war das Gerücht verbreitet, daß die gesamte englische Delegation mit ihrem Chef abreife; nach «ungezogenen Gr tunbigungen erfährt man, daß Lord Curzon mit den Sachverständigen in Paris bleibt, um die Fortsetzung der Verhandlungen unb bie Er­ledigung der Tagesordnung sicherzustellen. Mor­gen vormittag, nach dem französischen Ministerrat, wird Lloyd George vor seiner Abreise noch ein« Unterredung mit Briand haben

Briand undLoucheur bei Lloyd George.

Paris, 11 Aug. (WB.) Ministerpräsident Briand und Minister L o u ch e ua kehrten um 4 Llhr nachmittags aus Rambouillet nach Paris zurück. Sie berieten bis 6 Ußr miteinander and begaben sich alsdann zum Hotel Crillon za einer Besprechung mit Lloyd George unb Lord Curzon.

Paris, 11. Aug. (Wolfs - Lloyd George und Lord Curzon verhandelten heute vor­mittag bis nach 11 Ußr un Hotel Crillon. Wie die Havasagentur berichtet, ist in dieser Hnterrebang eine Einigung über die oberschlesische Grenzfrag« nicht erzielt worden. Die Sachverständigen vollen­deten ihren Bericht und legten ihn im Sekre­tariat der Konferenz nieder. Er stellte eine grö­ßere Anzahl autonomer sogenannter 3nselchen innerhalb des 3ndustriebezirks sest, die als un­teilbare Einheiten bezeichnet werden. Zetzt müsft zwischen den einzelnen Enklaven eine Grenzlinie gezogen werden. Diese Aufgabe sei nicht mehr eine technische, sondern etne politische und ethno­graphische. Eine Nachricht der Havasagentur be­sagt. daß die Verhandlungen zwischen den eng­lischen und französischen Ministern von heute vor­mittag, zur Erzielung einer Einigung übet beiden auseinandergehenden Standpunkte z n keiner Eingung führten, aber fort­gesetzt wurden. Jedenfalls werde, toemt bis abends keine Einigung sich ergebe, in der Rach- mittagssitzung des Obersten RateS nicht über di« oberschlesische Frage verhandelt werden, sondern in der Tagesordnung fortgefahren. Die Nachricht"' beweise, sagt Havas, daß kein Grund zu Pessf mismus vorhanden sei, da bei den Verhandlungen früherer Konferenzen sich ähnliche Kriesenzuständ« zeigten, die immer zu einer vermittelnden Lösung führten.

Ein Empfang

beim Präsidenten Millerand.

Paris, 11. Aug. Havas. Aus Rambouil­let wird gemeldet: Präsident Millerand und Gemahlin empfingen heute im Schlosse Rambouil­let zum Frühstück die Mitglieder der Abordnun­gen zum Obersten Rat und die Botschafter der Verbandsregierung. Es wurden keinerlei TrinksprücheoderAnsprachen gehalten.

Paris, 11. Aug. Die Havasagentur ver­breitet aus Ramboui^t folgende Mechung : Von zuständiger Seite,wlld gemeldet, daß dieSitzung des Obersten Rates, die heute abend um 5 llßr stattfinden sollte, vertagt worden ist, um dem französischen, englischen und italienischen Ministerpräsidenten die Möglichkeit zu geben, die Prüfung eines Grenzvorschlages für Oberschle­sien unmittelbar fortzusetzen.

Ein französischer Minifterrat.

Paris, 11. Aug. (WTD.) Morgen vor- mittag 9 Uhr wird im Elysee ein Minister- rat unter Millerands Vorsitz stattfinden. Am Vormittag wird derObersteRat keine Sitzung abhallen.

Eine französische Darstellung des Berichtes der Sachverständigen.

Paris, 12. Aug. (WTD.) Heber den In­halt des Berichtes der Sachverstän­digen teilt Hrr ,Matin mit, daß 18 In­dustriezonen nach der wirtschaftlichen Kon­st luttion Oberschlesiens und ohne Rücksicht auf die Rationalität festgestellt worden seien. Von diesen hätten sechs als mit deutscher Mehrhell bezeichnet werden müssen, und es sei wahr, daß sie die bevölkertsten seien und die fünf Groß­städte Beu then, Kattvwitz, Königs- Hütte, Gleiwih uni> Hindenburg ent­halten. Die anderen, die weniger inbuflriell seien unb Dörfer enthielten, die landwirtschaftlichen 'Be­trieben dienen, scheinen ausgesprochnt polnisch. Die Sachverständigen hätten sich jedoch dahin ge­einigt, daß die Städte mit wenig Ausnahmen nicht als die wahren Industriezentren des Landes an­gesehen toerben können, sondern, baß sie bevöl­kert seien von Beamten und Kaufleuten, etwa wie Polen, bas im Augenblick des Waffenstillstandes 43 C03 Deutsche gehabt hätte, während heute dort nur noch 7000 wohnten. Die anderen seien eben an das Land nur durch bie Tatsache ber deutschen . Verwaltung gebunden gewesen unb infolgedessen wieder in ihre Heimat zurückgekehrt. Briand habe Lord George auf diesen wesentlichen Charakter der oberschlesifchen Städte hirtgewiesen unb zu gleicher Zell hervorgehoben, baß das bekannte Industriedreieck. obzwar die britischen Sachverständigen im Aprden und im Süden un­streitig polnische Massen davon ausgeschlosssr hätten, nur 280 000 Deutsche gegen 240 000 pv>