Nr. 2 Zweites Blatt Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)Dienstag, 4. Januar sy21
hrWche Zahrerchronlt
Die nachfolgenden Daten vermitteln einen Ueberblick über die hauptsächlichsten Ereignisse deS Jahres 1920 in Hessen:
Januar.
6. Eröffnung der Brigadehochschule in Darmstadt.
7. Die „Darmst. Ztg." veröffentlicht eine Rechte fertigung der R Gierung zur Hinaus- schiebung derLandtagswahlen. — Tie Mainzer Eisenbahner erheben in einer Entschließung scharfen Einspruch gegen die Gisenbähudirettion Mainz, die sich geweigert habe, mit den Eisenbahnern zu verhandeln. — Tr G tre cke r und Finanzminister Henrich beginnen in Vorträgen „sachliche Aufklärung" der Bauern Oberhessens.
14 Eine Anzahl moderner Künstler sExPression ist en) veröffentlicht einen offenen Bries au Dr. Strecker, in dem die Schaffung einer Kiunstkommer gefordert wird.
16. DaS Landesamt für Bildungswesen (Dr. Streckers erläßt eine Bekanntmachung über politische Betätigung der Schulsugcn!), Verbot des ÄbzeichQttragens usw. — Tic Novelle zum Bosk-styulgesetz wird in Truck gegeben — Tr. «trecker veröffentlicht seinen Bries an Tirard wegen den hessischen Schulen im besetzten Gebiet.
21. In der „Tarmst. Ztg." beginnt eine Serie politischer Kampfartikel gegen den „Täglichen Lrzeiger" und andere rechtsstehende Mätter.
22. GtÄndung einer Volkshochschule in Wiescck.
Februar.
1. Provinzial- tunt KreistagSwahlen.
2. Parteitag der Teutschen Bolkspartei in Darm-
6. Äeußerungen hessischer Minister zur Auslie-s ferunaSfrage toerdeu in der „Tarmst. Hta." veröffentlicht. Protestversammlungen politischer Parteien im ganzen Lande. Finanzausschuß und Regierung besichtigen das Hochwasser- aebiet an Nahe und Rhein.
9 Veröffentlichung eines Briefes des ehemaligen Grotzherzogs an Tingeldey zur NuSlieferungS-
11. befeimvai Dr. Tr. August Tietz, Leiter der ZchcheSversichlMunssanflalt t.
13. Die ZentrumSsraktion erlaßt eine Entschlieung «gen die „Rheinische R^ublik"
16. Pvovinzialdirektor Geheime Rat Be st (Mainz) mich zum Landcskommissor der besetzten hessischen Gebiete ernannt.
18. Oeffentliche Erklärung der Regierung tun die Antwort deS Abg. Dr. Osann zur Ausführung deS LandgefetzeS und Bestellung des Assessors Henrich zum Landamtmann.
27. Beginn der Füriotgeaktion für unterernährte Kinder in Tarmstadl.
28. Minister des Innern Tr. Fulda wird anstelle von Tr. Schwander zum Regierungskommissar für Hessen ernannt.
März.
2. Hanvkversammlung der Hess. Landwirt» fchastskammer
1. Die RVierungSvorlagc „Uebergang der Hessin scheu ©tea:tsersenbahnen an das Reich" tvird veröffentlicht. — Ter Zentrumsabgeordnete Dr. Schmitt legt fein Mandat nieder.
10. Zusammentritt des Hessischen Landtags AuS- wrache über den Beamteneid.
IT. Ter Hessische Landtag verabschiedet die Regie- runaSVorlage über den SbaatSvertvag zur ®er* reichlichung der Eisenbahnen.
12. Neuregelung des Schulgeldes im Landtag.
13. Kapp-Putsch. Proklamation der hessischen Regierung. Erklärungen der politischen Parteien, der Arbeiterschaft, der Beamten usw.
15. Einberufung des Landtags zu einer außerordentlichen Sitzung. Kundgebung aller Parteien deS Landtages gegen den Umsturz. Verhängung des verschärften Ausnahmezustandes über Hessen.
26. StaatSpräswent Ulrich hält bei einer Besichtigung eint Ansprache an die „Zeitfreiwilligen".
27. Dr. Strecker spricht in Oberhessen über Demokratie oder Diktatur.
99. Die Gießener Studentenschaft richtet an Präsident Strecker ein Rechtfottigungsschreiben über ihr Verhalten zum Kapp-Putsch usw.
April.
6. Besetzung Darmstadts durch die Franzosen. Regierung erläßt öffentlichen Protest.
7. Leutnant Graf ftalnein wird bei Nieder-Wöll- stadt durch eine franz. Patrouille erschossen.
9. Verdoppelung des Schulgeldes an den höheren Schulen.
14. Tie Landtagsfvaktivnen beraten über die gische Politik und sprechen der Regierung Vertrauen aus zur Haltung gegenüber der etzung.
35. Parteitag der Zentrumspartei Hessens.
Mai.
1. Tie „Tarmst Ztg." veröffentlicht hessische Minister-Auslassungen über die Bedeutung des 1. Mai.
4. Evangelischer LonteSkirchentag in Darmstadt
9. Große Kundgebung der fportlithen Jugend Hessens zur Erlangung von Sportplätzen. — Landesparkei tag der MehrhoitSsozialisten.
17. Beginn der Räumung der neubesetzten Go» biete Hessens.
18. Zusammentritt des Landtages — Beratung des Beamtenbesoldungsgesetzes und seine Bet abschiedung.
25. Tagung der Teutschen Preispriimngsstellen in Gießen. — Schassiuig einer hessischen Landes- toanberbütync durch ine Zentralstelle für Volksbildung. — Hauptversammlung des Hessischen Lanteslehrerinnen Vereins.
Juni.
6. ReichstagSwahlen.
10. Eröffnung der Ausstellung Deutscher iix- prefsionismus 1920 auf der Makhildenhöhe in Darmstadt.
14. Gründung eines BolkSbundeS deutscher Kriegergräberfürsorge in Hessen. — Beginn der Quäckerspeisung an Schulkinder in Hessen.
Juli.
1. Kommunistisckie Unruhen m Darmstadt Erlaß ber Gesamtregierung
2. Gustav Hartung wird »mir Intendanten des Landestheaters ernannt.
6. Dem Landtage gehen das Landessteuergesetz und daS Gemeindeumlagengesetz zu.
15. Errichtung einer LandeSpreisprÜfungsstellc beim Ministerium des Innern
21. Zusammentritt des Hess. Landtages zur Sommertagung. Der Landtag begirmt mit der Beratung des Staatsvoranschlags. An die sachlichen Ausführungen des Fmanzministers sckstießt sich eine langt politische Aussprache, die bis zum 27. Juli dauert. Danach beginnen die Einzelberatungen des Voranschlags.
26. Der Reformbund der Gutshöfe beginnt seine Aktion gegen das Siedlmigsgesetz.
28. Aussprache im Landtag über das SiedlungS- weseu.
29. Politische Aussprache im Landtag über das Ministerium des Innern.
30. Beginn einer großen Scbulaussproche im Landtag. Scharfe Angriffe der Rechtsparteien gegen Dr. Strecker.
August.
1. Dr. Josef von Löhr, geborener Darmstädter, wird mit der Wiederaufnahme der diplomatischen Schiebungen des Deutschen Reiches zu Luxemburg betraut.
5. Verabschiedung des Schulnotgesetzes und Für- sorgekasse-Gesetzes.
7. Verabschiedung des Landesstcuergesetzes und Gemeinde-Umlagegesetzes. — Vertagung des Landtages bis «im November.
11. Del: Gewerks chaftSbund deutscher Eisenbahnbeamten erläßt eine Kundgebung gegen die Ausfuhr von Kartoffeln und Obst.
13. Ter Mainzer Svionageprozeß vor dem ftan- Sat Kriegsgericht. — Derurteilung der rbneten Loos, Schildbach usw.
lluna des „Falles Diehl" in der Oeffent- lichkeit, Angriffe der Deutschen Volkspartei gegen Dr. Strecker.
26. Erster deutscher Jugendwandertag in Darmstadt.
29. 600-Jahrfieier der Stadt BenSheön.
30. Beginn der Verhandlungen über die Kar- toffelkrife.
81. Erlaß Dr. Streckers an den höheren Schulen. September.
3. Finanzminister-Konfercmz in Darmstadt. Beratung der Besoldungsvorlage.
4. Hess. Obetlehvettag in Sachsenbausen.
10. Erlaß des Landesamts für BlllmngSwesen zur Einführung des Esperanto in den Schulen. Der Erlaß gibt zu vielfachen Angriffen gegen Dr. Strecker Anlast.
19. und 20. Landes Parteitag der Sozialdemokraten in Offenbach. — Hauptversammlung des Hess. Landesgewerbevereins. — Hess, evang. Jugendtaa.
23. Staatspräsident Ulrich und Abg. Dr. Quessel richten in einer großen äffentl. Versammlung scharfe Angriffe gegen die Rechtsparteien.
24. Erlaß des Gesamtministerrums über die Aufhebung der Oberstudiendirektion und Bildung einer Ministerialabteilung für Schulangelegen-
28. ^oße Protestkundgebung der politischen Parteien gegen die Vergewaltigung Oberschlesiens.
Oktober.
2. und 3. Parteitag der Demokratischen Partei Hessens in Bingen. — 3. Jugendwanderlag tag des Vogelsberger Höhenklubs in Gedern.
6. Beendigung der Aufstellung der Hess. Schutzpolizei. __________________________________
8. DaS Staat-Ministerium richtet eine Protestnote an das Oberkommando der französischen Rheinarmee wegen der Vorgänge in Ober* Ingelheim am 26. September.
19. Eröffnung der ersten Hess. Landes-Wanderbühne.
November.
3. Bekanntmachung der Regierung betreffend Verbot der Orgefch in fcejfnt
4. Die Hess Regierung ertötet Richtigstellungen bezügl der doppelten Tätigkeit des Landes- Ernährungsministers Neumann
5. Bekanntgabe deS Be-fchlufseS des Gesamtmim- steriumS zur Feier des 9. November.
7. Evang. LandeSkrrchentag. — Amtliche Haus suchuny in der Hess. LandeSzeitunq wegen augebltcher Beweise von Putschabsichten.
10. Oberschulrat Ritzett tritt vom Landesamt für das Bildungswksen zurück und übernimmt die- Dienstgescbäfte des Direktors am neuen Gvm- nasimn in Daanskadl ab 1. Dez.
16. Zusammentritt deS Hess. Landtages. Verteidigungsrede des Justumimsters von Brentano gegen die Pvesseangriffe.
17. Große Ernährungsaussprache im Hess. Landtag, die drei Tage dauert und mit einem Aufruf an daS hessrsche Volk abstbließt.
20. Bespveckmng der süddeutschen Ernährungsminister.
28. 9luSsprache über die Orgesch in Hessen im Landtag.
24. Ernährungsminister Neumann erläßt eine Er- Närung zu den Angriffen gegen btc Landes- Milch- und Fettstelle. — Der Landtag beschließt seine neue Geschäftsordnung.
25. Beginn einer großen polittschen Aussprache im Landtag auS Anlaß der Interpellation Tingeldey zum 9. November und 1. Mai, die drei Tage dauert.
30. Der Entwurf eines LandtagS-WahlgesetzeS gehl dem Landtag zu.
Dezember.
1. Der Hess. Oberlehrerverein veröffentlicht seine Entschließung gegen Dr. Strecker.
3. Hess. Landtag: Dr. Strecker und die Gießener Professoren. Der Landtag wird nach Erledigung der Tagesordnung vertagt.
8. Tie Gießener Studentenschaft veröffentlicht ihren Bries an Dr. Strecker gegen besten Angriffe im Landtag.
13. Schließung der Opelwerke in Rüsselsheim.
20. Dir Darmstädter Zeitung veröffentlicht den Entwurf einer Kirchenordnung für die evang. Landeskirche.
24. Erneute Aufhebung ber Kartoffel-Zwangswirtschaft in Hessen.
27. Erhöhung der Teuerungszulagen für die Hess. Beamtenschaft.
■ ——WBT.
Atzt» heften.
nn. Darm stad t, 2. Jan. Prof Go l d- ftein, der feit etwa 3 Jahren für die amtliche Darmstädter Zeitung vertretungsweise verantwortlich gezeichnet hat, ist mit dem 1. Januar ausaeichieben, um sich wieder nur ferner wissenschaftlichen Tätigkeit widmen zu fdmten.
lat dem besetzten Mitt
Bon der Strafrechtspflege.
Mährend bisher die von den Franzosen besetzten hessischen Gebietsteile zwischen Mainz, Darmstadt und Langen die in diesem Gebiet entstehenden Strafsachen durch die Staatsanwaltschaft Mainz untersucht und aufgeklärt rotixben, was in vieler Beziehung eine Verzögerung und Erschwerung der Rechtspflege zur Folge hatte, ist nunmehr angeordnet, daß dieses Gebiet, das annähernd 100 000 Einwohner umsastt, nunmehr von den Starkenburger Gerichten und der Staatsanwaltschaft Darmstadt wieder selbständig bearbeitet »mrd. Allerdings wird sich eine Vermehrung des Personals hierdurch nicht vermeiden lassen.
Ein KvnsulatSgebäude in Mainz.
Paris, 2. Jan. (Havas.) Kammer und Senat haben am Freitag einen Gesetzentwurf angenommen, durch den dem Ministerium des Aeußern em Kredit von 500 000 Franken zum Ankauf eines Konsnlatsgebäudes i n M a i n z eröffnet wird.
Atzt» Statt «nd Land.
Gießen, den 4. Jan. 1921
Die Zahl der Eheschließungen iu Hessen,
bie wägend ber Sommermonate bei den urnenb- lichen Paaren einen gewisse« Stillstand erreicht hatte, ist jetzt liegen Weihnachten wieder m eine Hochflut angewachsen. Nicht nur btc vermählten Paare, sondern auch bictemgen, mddje bc« «cksichttqen, durch die Verlobung das Band fürs Leben fester zu schließen, haben ein- bisher kaum sestgestellle Zahl erreicht. Wainciid in den andern Stabten deren Zahl nach vielen Hu ckenen festere- ftdlt wird, soll sie in Mainz ül>er 80J betragen.
In G ießen hat die Zahl ber Eheschließungen auch in bat Sommermonaten keinen ircfeniltchen Rückga.ig ersahreii. Hierfür spricht ein Satz aus der Antwort des Wohnungs- und Micteinigungsamles, auf btt Beschwerdenote des Mietervereins, die in einer der letzten Stadtverordnetenversammlungen verlesen wurde. Es lieißt da:
„Während itühcr bei dem Stand.samt Gießen durchschinttlicb 18—20 Trauungen statt fanden, sind die monatliche.' Zahlen in 1920 sollende: Januar 19, Februar 32 März 58, April 46, Mat 63, Juni 36, Juli 52, August 37. Da keine Wohnungen vorhanden fmb, ziehen die hingen Leute in der Regel zu bett Eltern oder Sckpvieger- eltem. Mit diesen ober anderen Tvamiltciurngf hörigen entsteht in vielen Fällen bald Streit, d-r dann dem Wohnungs- und MieteiniM!Ust?omt und anderen Stellen, besoirders wenn Öannlitnyirnazt.? eingthtien ist ober beoorfttbt, in zahlreichen Ein gaben sehr anschaulich geschildert wird."
w
** Freimachung der Postsendungen an Reichs-, Staats und Kommunalbchörden. Die Verwendung ber Bezeichnung als ,^>ortovflichltge Dienst fache" bei Schreiben an Behörden wird in Kürze eingestellt, Schreiben von Privaten an Behörden, auf welche eine Antwort erwartet wird, ist daher vom Antragsteller ein Frei umschlag mit vollständiger Anschrift beizn fügen, widrigenfalls in allen Fälleit, m denen es sich lediglicks um ein private.. Interesse des Einpfängers handelt, ein Bescheid gründ sätzliä) nicht erfolgt.
Landkreis Gießen.
Die Büraermelsterwahl in Sich.
Lich, 1. Jan. Nach den wench erfreulichen Erfahrungen, bie man in unserem Städtchen mtt den letzten Bürgermeistern g:..rncht bat, bat ber Gemeinbevat beschlossen, mit b?m bisherigen Shstem zu brechen und an Stelle des „Partet"- BurgermeisterS einen Berussbürgermeister zu wählen. Man ist dabci offenbar von der C-rwägung aubgeaangen, daß eine gedeihliche Entwicklung un- ferts Gerneiiidewesens nur bann gewährleittel wird, wenn an seine Spitze ein Bürgermeister tritt, der die notwendigen fochmännisclien 51'anntniüc mit* bringt, ber dem Parteiwesen innerlxllb ber Gs- meinde (hier ist natürlich nicht an politisch? Parteien gedacht) vollstänbllg unabhängig grg Tnübershcht und der keinerlei lleinliäie und unscühliche Rücksichten auf seine Wähler nehmen must, wie btto 'unter dem bisherigen Shstem nur allzu oft ber Fall war. Daß diefe Forderungen nur von einem. Nicht* Licher restlos erfüllt werden können, darüber war man sich offenbar im Gemeinde rat klar, und darum eben wünscht man den BerusSbürgermeister. Dtan will endlich einmal einen Bürgermeister, der von vornherein über die erforderlichen Sachkenntnisfe verfügt und sich nicht erst im Laufe von Jahren notdürftig in die AmtssesMfte einarbeitet; man will einen Mann, der nicht einer der beiden sich seit Jcchren bekämpsenden Parteien verpflichtet ist und ixnrn von ber anderen mit Mißtrauen behandelt wird. Und man braucht einen Bürgermeister, der nicht mit ber Hülben Gemeinde auf Du stehl, und von dem alle Duzfreunde kleinliche und rein persönliche Bortelle erhoffen. Es ist zu erwarten/ daß sich auch die Gemerndemitgireder diesen allein vernünftigen Standpunkt des Gemeinderats z« eigen machm Dann werden auch sie ganz von selbst davon überzeugt fern, daß nur ein Auswärtiger als Bürgermeister von Lich in Frage kommen kann, selbstverständlich nur einer, der nicht etwa von irgatb entern anderen Berufe herkommt, sondern der eine iechrelange Betätigung in den Bür- Ktistereigeschäften Nachweisen kann und auch seine Eharaktereigenschaften die Gewähr dafür bietet bäte er ber schwierigen Aufgabe gewachsen ist, die seiner toartet
1 Lich, 1.9km. Seit beute gehen die Züge auf ber Nebenbahn Lich-Grünberg auch Sonntags. Bisher verkehrten an Sonntagen und Feiertagen keine Züge. . „ .
± Ouetf born, 2. Jan. Um em fcriegerben fmal errichten zu tonnen, veranstaltete ber
VieZalkner aufLinüenhöhe
Roman ixm Reinhold Ortmann.
lRachdruck verboten.) Fortsetzung 74.
Zuletzt aber begeaneteat sich doch falle diese Ävm* chmationen in der Annahme, baß zwischeii dem 'Arzt und seinem Opfer unerlaubte Beziehungen hestcmden hätten, und daß es sich entweder um eine Eifersuchtstragödie ober um btc verbrecherische Absicht handle, die Mitwisserin eines gefährlichen G^hewimsies aus dem Wege zu schassen. Auch ber Nome des Apothekers Bvcmdt wurde mehrfach genannt, und er wurde als berjentge gerühmt, dem allein die Aufdeckung der Untat zu danken sei.
„Lberty ist der Meinung," sagte einer, „baß zwischen Germering und dem Apotheker eine tiei eingewurzeltt Feindsckxrft beiteben müsse, und ich glaube, baß er ben belastenden Angaben Brandts anfänglich mit starkem Mißtraust begegnet ist. Nachdem sie sich aber in allem Wesentlichen als richtig erwiesen Haden, ist es wohl nicht stotthast, ben Mann für einen rachsüchtigen Lügner^zu ballen. Uebrigens sollen die beiden alte e>tutxen* genossen gecvesen fern."
Erich suchte in seinen Erinnerungen. Und es währt« nicht Lange, bis er in ihnen auf ben Namen Brandt gestoßen war. Auch er war in ben akademischen Semestern, bie er mit Germering verlebt hatte, zuweilen m seiner Gefellschaft einem Medizinstudenten Konrad Bvanbt begegnet, etnem wortkargen, verschlossenen Burschen, ber keiner Verbindung angehörte, und von dem man sich er- zäUte, daß er Hevausforderungen tuegeii grundsätzlicher Tuellgegen er schäft ablehne. Er besann sich, daß er Germering einmal gefragt hatte, warum er
sich mit dem wenig sympathischen und allgemein unbeliebten Menschen einlasse. Und er hatte auch die Antwort nicht vergessen, die der Freund chm damals gegeben.
„Er ist ein Bedauernswerter," hatte ®enne* mering gesiach, „einer von denen, die sich für Stieftmder des Glückes halten, und bie gerade deshalb mit der Zeit wirklich dazu werden. Er weiß, bäte er von unliebenswürdigem Wesen ist und wtt- tert deshalb übemll Abneigung und Gering- schätzung. Außerdem hat er bei einer Liebesgeschichte schlimme Erfahrungen machen müssen Und was für jeden anderen ein unbebeutmoec, rafcb vergessener Zwischenfall gewesen wäre, ist seiner SchweEtigkeit zu einem Erlebnis geworden, das vielleicht seine gtnry Zukunft verdüstern wird. Es ist wahr, er ist ein Ntenig angenehmer Gesellschafter, und man muß wegen seines Mitz- trauens sehr vorsichtig mit ihm umgehen. Aber er tut mir leid, und ich gebe mir darum Mühe, einen brauchbaren Menschen aus ihm zu machen.'
Daß dieser widerhaarige Student derselbe Apotheker Brandt sein könnte, von dem ihm schon der Amtsrichter Eberly als von dem Haupchelastungs- zeugen gesprochen hatte, würbe Erich auch letzt noch in Zweifel gezogen haben, wenn es ihm nicht durch einige weitere Aeußerungen, bie am Tische der jungen Juristen fielen, allgemach zur Gewißheit genorden wäre. Nun nahm er sich vor, semerleits bie alte BÄtanntichaft so bald wie möglich zu erneuern. Zunächst freilich mutzte er in ben Gasthof zurück, wo ja inzwischen bereits eine Nachricht aus dem Falknerhause emgetrorten sein konnte. Er war nur noch wenige Schritte von dem „Schaurzen Adler" entfernt, als er einen hochgewachsenen Mann in demselben kaffeebraunen Sommer-Ueber-
rock, der ihm heute schon einmal ausgefallen war, aus dem Torweg treten und nach ber entgegengesetzten Richtung hin bie Straße hinabgehen sah. Auch von feinem Gesicht hatte er gerade noch soviel erhascht, um sicher zu fein, daß es lern anderer als sein kurz angebwck>ener Bekannter vom Friedhof gewesen war. Als er mm am Fuß der Treppe aus ben höflich katzbuckelnden Mtt stieß, wandte er sich an ibn mit der Frage nach dem Namen des Herrn, der soeben das Haus verlassen habe.
„Es ist ein Herr Harold Semper, Bllbhiuer aus Florenz," lautete die bereitwillige Auskunft, „aber kein Italiener, sondern ein Teutsch- Schwerzer. Ich habe ihn. beim ersten Wott an seiner Aussprache als einen Landsmann ertaent. Uetrcv* gens ein recht sonderbarer Herr."
„Sonderbar? Inwiefern'^'
„Nawdem er schon vor wenigen Wochen acht ober neun Tage in meinem Hause gewohnt hat, ist er gestern wieder in Tiefenbrunn <mgekommen. Aber ich gtaube nicht, daß er hier irgend etwas zu tun hat. Er erhalt nie einen Besuch ober einen Brief. Und er spricht weder ntit mir noch mit meinen Angestellten Alle seine Mahlzeiten läßt er sich aufs Zimmer bringen. Nachts aber läuft er stundenlang in ferner Stube aut und nieder, so datz sich anbete Gäste darüber beschweren imb daß ich Mit*- gestern ernstttch überlegt habe, ob ich ihn aufnchmen sollte. ES soll mir heb fein, wenn er nicht lange bleibt. — Uebrigens, Herr Falkner, oben in Ihrem Zimmer ist eine Tarne, die aus Ihre Heimkehr warten wollte."
Ans diese verspätete Mitteilung hin machte sich Erich natürlich sofott los. Er ernxrrtttr, Gerda zu finden, und die Ueberraschung malte sich deutlich aus fernem Gesicht, als er statt chorr Erikas jter-
liche Gestalt vor sich sah. Sie hatte am Fenster ge* stmiden und wandte sich chm mit einem kleinen, verlegenen Lächeln zu:
„Gutem T«rg, Erich! Stt mir, bitte, nicht böse, daß ich dir hier lästig falle."
Sie reichte ihm die Hwid, und in seiner ersten Erregung umfaßte er die schmalen Finger mit starkem Truck.
„Wie sollte ich dir deshalb böse lebt! Aber von wem hast du erfckhren, daß ich hier bin?"
Gerda hat es mit unter dem Siegel der Stet* schnnegenheit anvertraut. Wir haben nämlich Int allgemeinen fern Geheimnis vor einander. Sie hat mir auch gesagt, daß du Achims Besuch erbeten hast. Du wirst ihr deshalb keinen Borwun machen, nicht nxtf)r?"
Er verhehlte feine Enttäuschung nicht.
„Und deshalb bist bat gekommen? Vielleicht mit einem Auftrage meines Bruders^
„Nein, Achim weiß nichts von meinem Besuch Es ist auch nicht nötig, daß er davon erfährt. Aber bäte ich vor allem seinetwegen gekommen bin, wil! ich nicht leugnen. Ich tnöchte dich um etwa? bitten, Erfth."
Alles Freudige war schon wieder miS tentern Wesen verschwunden.
,Lch stehe zur Verfügung. Aber willst du bk1) nicht setzen?"
Sie tat es, während er stehen blieb, mit verschränkten Armen an den wackeligen Waschtisch gc lehnt. Ter tiefe Ernst <nn feinem Gesicht mtan es ihr offenbar schwer, den techtc-t ’i'i.anfl ä«i finden. Und so klang es sehr unvermittelt, als : krate: „Tu mutzt aut au chm sein, Erich! Ec beoars so dringend enter Hand, die ihn aurrichtct."
(Fortsetzung folgt.)


