Nr. 283 Drittes Blatt Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen)Zreitag, 29, November 1929
Turnen, Sport und Spiel.
Kinder- und Schülerturnen im Turngau Hessen O. T.
-o- Ein, Zusammenkunft der Kinder- und Schülerturnwarte in^ Turngau Hessen D. T. zu Gießen stand unter der Leitung des Gauober- turnwarts Will, Gießen. Zu einer Heberschau in Wort und Ausführung über das Kinder- und Schülerturnen hatte sich der in der Turnbewegung stehende Mittelschullehrer Erich Wagner aus Kirchhain (Dez. Kassel) bereit gefunden.
Zur Erläuterung seiner Worte brachte der Vortragende anschließend mit einer Schar Knaben und Mädchen Ausschnitte aus m H eren Hcbungs« gebieten zur anschaulichen Darstellung. Dei den einfachen Hebungen der Körperschule zeigten sich die Kinder sehr empfänglich für die Motive aus entsprechenden „Dewegungsgeschichten", mit denen der Leiter den Rachahrnungs- und Darstellungstrieb für ihre freudige Mitarbeit zu gewinnen wußte. Heber die übliche Verwendung von Keulen und Stab hinaus benutzte er beide Handgeräte nur als Gegenstände auf dem Turnboden, die auf mannigfaltige Weise zu spiel- turnerischer Heberwindung reizen. Mit lebhafter Anteilnahme erfreuten sich die Kinder der Vielseitigkeit, die mit einem bzw. zwei Bällen selbst bei einfachen Hebungen herauszuholen ist. In kindertümlichem Hindernisturnen machte Turn- Wart Schubert, Wetzlar, die Kleinen mit dem Barren bekannt, und Frl. Luise Schwarz lTgde. Friedberg) brachte mit Hilfe der Illusion frisches Leben und anmutige Bewegung in Singspiel und Tanz der Mädchen.
Alle Darbietungen in Wort und Ausführung waren anschließend Gegenstand einer lebhaften und ergiebigen Aussprache, zumal im Gau schon eine ganze Anzahl gut geleiteter Kinderabteilungen bestehen. Insbesondere wurde dabei von erfahrener Seite auf das Wandern und seine entsprechende Ausgestaltung hingewiesen, ferner auf geeignete Gelegenheiten für die Erziehung zur Gemeinschaft und Turnbrüderlichkeit, auf die dankenswerte Mitwirkung von ärztlicher Seite, auf die Anteilnahme des Elternhauses und auf die methodische Entwicklung des Kinderturnens aus dem natürlichen Bewegungsreichtum des Alltags. In methodischer und allgemein-erziehlicher Richtung wurde mit Vachdruck betont, daß dieser spielturnerische Betrieb zwar eine wertvolle Eingongsstufe sei und auf weite Strecken auch ein freundlicher Begleiter bleibe, daß die Heranwachsende Jugend aber auch den Weg zu ernsten Formen und erarbeiteten Leistungen finden wolle und müsse.
Auf Antrag des Gauoberturnwarts und nach einstinunigem Deschlliß der Abteilungsleiter erklärte sich der Berichterstatter Erich Wagner, Kirchhain, bereit, die Geschäfte eines Gauwarts für das Kinderturnen vorläufig bis zum nächsten (Sauturntag wahrzunehmen, der über die zusammenfassende Eingliederung dieses Fachgebietes zu entscheiden haben wird.
Oie Leichtathletik im V. f. B.
Mit dem Schluß der Saison hat die Leichtathletik-Abteilung des V. f.B. sofort das Hallentraining ausgenommen. Die im verflossenen Sommer errungenen Erfolge sind um so beachtenswerter, als man bei ihrer Bewertung berücksichtigen muh, daß die Abteilung noch ver-
Das Erbe des Herrn von Anstetten.
Vornan von 3- Schneider-Koerstl.
Hrheber-Rechtsschuh durch
Verlag Oskar Meister, Werdau i. Sa.
13. Sortierung. Nachdruck verboten.
„Kann ich mir die Freiheit damit erkaufen, wenn ich ihn zerreiße?"
„Ich habe nicht verstanden!"
„Ich verzichte auf Kapital und Zinsen, wenn du in eine Scheidung willigst."
Beide Arme fielen ihm jäh herab. Da er die Augen zur Hälfte verschlossen hielt, konnte sie seinen Blick nicht sehen. Sie gewahrt^ nur, wie die Erregung seinen Körper schüttelte.
„Hnd Bernd?" frug er heiser.
„Kommt mit mir!"
„Vein!"
..Wir wollen uns in den Iungen teilen, Hans Peter. Ein halbes Iahr soll er mir gehören, Die andere Hälfte dir überlassen sein."
„Hnd welchem Dritten noch?"
Sie errötete bis unter dos blonde Gelock der Stirnwelle. „Die Antwort wäre verfrüht. — Hast du mir noch etwas zu sagen?"
„VichtS mehr." Er erhob sich und schob den Stuhl an seinen Platz zurück. „Ich brauche dir wohl nicht zu sagen, daß du, solange du den Vamcn Anstetten führst, ihn mit Ehren zu tragen hast.' Ich werde die Möglichkeit schaffen, dir Kapital und Zinsen in nächster Zeit zurückzuzahlen. An Bernds achtzehntem Geburtstag bist
Sie mußte an dem ovalen Tische Halt suchen. „Gibst du mir dein Wort darauf?"
„Mein Wort!"
„Hnd Bernd?"
„Bleibt hier auf Anstetten und kann wählen, wen er bei sich behalten will: Dich — oder seinen Vater. — Guten Morgen!"
Sie stand noch immer an den Tisch gelehnt, als die Türe schon längst hinter ihm ins Schloß geklappt war. Ihre Hände fühlten sich eisig und doch strömte das Blut in jagenden Stößen vom Herzen nach der kleinsten Ader. Sie verspürte Schweiß auf Stirne und Rücken.
In drei Iähren sollte sie frei fein! Aber bis dahin? — „Ich brauche dir wohl nicht zu sagen, daß du, solange du den Vamen Anstetten führst, ihn mit Ehren zu tragen hast."
Die schwarze Wand, die da so plötzlich vor ihr auf stieg, trug als Zerrbild, wie man es sonst auf der Flimmerleinwand zu sehen pflegt, das Gesicht des Grafen Oertzen.
*
-Es tut mir leid. Herr Baron! — Kann ich nicht. Kann ich unmöglich. Wissen der Herr
hältnismähig sehr jung ist und erst vor knapp 2l/2 2ähren fast ausschließlich von Anfängern, die keinerlei theoretische oder praktische Kenntnisse besahen, gegründet wurde. Trotzdem nahm sie eine erstaunlich rasche Entwicklung. In diesem Zusammenhang ist es angebracht, der großen Verdienste der Abteilungsleitung zu gedenken. Während Sportlehrer Fischer, der die Abteilung inS Leben gerufen hat, als technischer Leiter dank seines vielseitigen Könnens mit bewundernswertem Geschick jedem nach seiner Veranlagung eine gute Ausbildung angedeihen läßt, hat K. V a g e l innerhalb eines Iahres den inneren Aufbau der Abteilung mit einer Gründlichkeit vollzogen, die reiche Erfahrung und ein ausgesprochenes Organisationstalent auf diesem Gebiete beweist.
Eine Gegenüberstellung der in den beiden letzten 3obren errungenen Siege zeigt deutlich die gerade in der vergangenen Saison stark nach oben gehende Leistungskurve der Abteilung. 1928: 18 erste, 27 zweite und 19 dritte Siege; 1929: 31 erste, 53 zweite und 81 dritte Siege. Diese geben jedoch nur relativ die Leistungen der D.f.B.er wieder. Hm das effektive Können unter Beweis zu stellen, seien folgende in der Saison erzielte Erfolge angeführt: Mohl warf den Diskus 37,57 Meter weit; eine Leistung, die seit dem Weggang Paulus' von Gießen hier noch von keinem anderen wiederholt wurde. Müller lief erstmals die 25 Kilometer in der hervorragenden Zeit von 1 Std. 42 Min. Jugend- Klasse: A unö B: 100 Meter = 11,9; Diskus — 36 Meter; Speer — 47,71; Hochsprung — 1,65 Meter; Weitsprung — 6,03. Klasse C: 100 Meter — 12,8; Äuget = 8,85; Weitsprung — 5 Meter. Klasse D: Weitsprung aus dem Stand — 2,41 Meter. Dies sind Leistungen, die glänzende Veranlagung verraten und für die Zukunft noch Besseres erwarten lassen. Hierbei sei aber erwähnt, daß die Leitung in der richtigen Erkenntnis der sportlichen Bedeutung und des ethischen Wertes einer möglichst guten Breitenleistung besonderes Gewicht legt auf eine gleichmäßige und tunlichst vielseitige Ausbildung aller.
Die in dieser Saison gegründete Frauen-Abtei- lung pflegt ebenfalls unter der fachmännischen Leitung von Sportlehrer Fischer in erster Linie Gesundheits-Gymnastik, aber auch recht eifrig den Wettkampfsport, bei dem schon eine ganze Anzahl beachtlicher Erfolge erftritten tour- ben* insbesondere wurden die mittleren Strecken in sehr guten Zeiten gelaufen.
Wenn die Leichtathletik-Abteilung sich den ihr innewohnenden und von der Leitung sorgfältig gepflegten vorzüglichen Geist auch weiterhin bewahrt und das Wintertraining mit dem gleichen Eifer beendet, wie sie es begonnen hat, sollte sie im nächsten Frühjahr für die Kämpfe der kommenden Saison wohlgerüstet sein und noch manchen großen Erfolg erringen. Jedenfalls kann der D.f.B. stolz auf seine Leichtathleten sein.
Handball im Turnverein 1846 Gießen.
Die erste Mannschaft hat am Sonntag wenig Aussicht, gegen Friedberg zu gewinnen. Sie muß 5 Mann Ersatz einstellen für die Soldaten, die zur gleichen Zeit anläßlich der Befreiungsfeier in Koblenz dort ein Handballspiel austragen. Nur wenn jeder alle seine Kräfte einsetzt und der Ersatz sich gut einfügt, kann man mit einem günstigen Abschneiden gegen die spielstarken Gäste rechnen.
Baron, wie der Hase auf Anstetten läuft? — Immer im Hreisl Loch auf, Loch zu. Hab ich achtzigtausend Schilling, zehnprozentiges Geld darauf liegen, keinen Groschen mehr! Keinen Stüber weniger! Voch einmal zwanzigtausend Schilling? — Vein!" Schultze, der Makler in der Zwingergasse, zuckte die Achseln.
„Sie werden um keinen Groschen geschädigt sein, Herr Schultze."
„Wie der Herr Baron so sicher sind! — Der Herr Baron hätten nicht ins Ausland gehen sollen! Jawohl! Die gnädige Frau hat einen reichen Vater, wollen der Herr Baron nicht bei dem Herrn Schwiegerpapa eine Anleihe machen?"
„Olein!" Anstetten klopfte mit dem Lederhandschuh gegen die hohen Reitstiefel und blickte den Maller verächtlich an. „Würde vielleicht ein Bürge genügen, daß sie mir mit der genannten Summe aushelfen?"
„Ein Bürge?" — Schultze fuchtelte mit den mageren Händen, was den Baron einige Schritte zurücktreten ließ. „Lassen der Herr Baron hören, was das für ein Bürge ist. — Gras Oertzen vielleicht?" Seine hellbraunen Augen zwinkerten.
„Der Herrenreiter?" .
„Eben der. Herr Baron." Wenn der Baron noch nichts gemerkt hatte — recht. Das würde schon nod) kommen. „Wenn der gnädige Herr jetzt den Bürgen nennen wollten?"
„Mein Detter: Günther von Anstetten!"
„Ist der Herr Detter hier? — Vein! — In Indien. Ich kenne den Herrn Baron Günther! Jawohl, ich kenne ihn! — Ehrenmann! — Haben Sie Dollmacht von ihm?"
„2a!"
„Für wieviel, Herr Baron?"
„Für dreißigtausend Schllling."
Schultzes Hände streckten sich dem zusammengefalteten Papier entgegen, welches Anstetten aus der Innentasche seines Jacketts holte und worauf geschrieben stand, daß der Freiherr Günther von Anstetten, zur Zeit in Benares, seinem Detter Hans Peter von Anstetten in der Höhe von Dreißigtausend Schilling Bürgschaft zu leisten gewillt war. Dazu die Bestätigung der englischen Bank in Benares, daß genannter Baron Günther von Anstetten bei ihr ein Guthaben von viertausend Pfund Sterling deponiert habe.
„Ist schön. Herr Baron! Den Schein behalte ich. Der Herr Baron brauchen nur noch zu unterschreiben." Er trat an das Stehpult, füllte ein Formular aus und reichte dem Freiherrn die Feder.
Anstetten hatte sie schon angeseht, sah etwas wie Mißtrauen in den Augen des andern und verspürte, wie ihm die Hand zu zittern begann. Wenn er jetzt unterschrieb, mußten die Buchstaben sich ähneln. Das durfte nicht sein. Er nahm, was er sonst nie zu tun bflegte, den Halter zwischen Zeige- und Mittelfinger und warf die
Die Jugend empfängt die gleiche Mannschaft des Turn- und Sportvereins Butzbach. Es wird dem Tabellenführer nicht ohne harten Kampf gelingen, die Punkte mit nach Hause zu nehmen.
Handball der Sp.-Vg. 1900.
ö. Vächsten Sonntag fährt die erste Mannschaft der Spielvereinigung 1930 nach Wehlar, um der gleichen Mannschaft des D. f. L. Wehlar das Rückspiel zu liefern. Dieses ist inzwischen allerdings seines Charakters als Verbandsspiel ent- lleidet worden, da der Wehlarer Verein nicht ?;etoült ist, im Falle der Erringung der Lahn- reismeisterschaft — dazu wären das angesehte Rückspiel, sowie ein Entscheidungsspiel gegen die 1900er siegreich zu gestalten gewesen — in die Spiele um den Dezirksmeistertitel von Hessen-Hannover einzugreifen. Die Vertretung des Lahnkreises in diesen Spielen übernimmt daher mit aller Wahrscheinlichkeit die Elf der Spielvereinigung. Troh dieser Konstellation wird am kommenden Sonntag mit aller Energie um den Sieg gestritten werden. Die D. f. L. wird zeigen wollen, daß er die Vorherrschaft im Lahnkreis nicht abzutreten gewillt ist; die Spielvereinigungsleute wollen bekunden, daß sie den heimatlichen Handballsport auch gut vertreten können.
D. f. B.-Handball.
Die Handballmannschaft fährt nach Garbenteich, um dort eine alte Rückspielverpflichtung einxulöfen. Die Platzelf ist Gruppenführer des Allgemeinen Deutschen Turnerbundes und hat in dieser Saison sieben Derbandsspiele ausgetragen, die sie sämtlich gewann. Das bereits von eineinhalb Jahren auf hiesigem Platz ausgetragene Vorspiel gewann V.f.B. knapp mit 3:2. Ob es ihm auch diesmal gelingt, die Turner zu schlagen, muh dahingestellt bleiben.
Handball im T. V. Großen-Buseck.
Wie gegen Wetzlar, so kann Großen-Buseck auch gegen den Mtv. Gießen nicht seine erste Mannschaft stellen, da außer den gesperrten Spielern andere für die weiteren Derbandsspiele absagten. Der Mtv. wird also Großen-Buseck leicht siegen können.
Handball des Turnvereins Großen-Linden
Das vor vierzehn Tagen angekündigte Freundschaftsspiel der ersten Mannschaften der Turnvereine Rieder-Ohmen und Großen-Linden fiel der schlechten Witterung wegen aus und ist nun für kommenden Sonntag neu angeseht.
Handball im Lahn-Dünsberg-Gau.
Kommenden Sonntag treffen sich in Kinzenbach Dorlar und die Platzmannschaft zum lehten Derbandsspiel der Dorrunde, in welchem Kinzenbach sicherer Sieger werden wird.
Handball im Io. Treis a. d. Lumda.
Auf dem Sportplatz in Treis treffen sich nächsten Sonntag Allendorf a. d. Lda. I gegen Treis IB zu einem Freundschaftsspiel. Die Gäste, die bei den Derbandsspielen in der A- Klasse der ADT. spielen, werden dem Platz- Verein einen starken Gegner stellen. Der Spielausgang ist offen.
D. f. K Lich.
Nachdem die erste Iugendmannschaft die'Dor- runde als Sieger beendete, hat sie sich für den nächsten Sonntag Steinbachs erste Jugend
Hnterschrift hin. Schief und unbeholfen stand das „Hans Peter" auf dem Geviert des Blattes.
Schultze las, trocknete mit einem Löscher und versperrte es dann in seinem Pult. „Legen der Herr Baron Wert darauf, das Geld sofort zu bekommen?"
„3a!“
Der Makler öffnete einen Stahlschrank, holte drei Bündel Banknoten heraus, netzte die Finger und begann die Scheine auf der Eichenplatte des Tisches vorzuzählen. Dann strich er sie zusammen und legte sie in ein Kuvert, das Anstetten in seine Tasche schob.
„Guten Morgen, Herr Schultze."
„Recht guten Dormittag, Herr Baron. Wollen der Herr Baron nicht den Weg durch die Stadt vermeiden und durch meinen Garten kommen? Der gnädige Herr befinden sich dann sofort in den Anlagen. — Fünfzehn Minuten Zeitersparnis."
Anstetten trat durch die Tür, die Schultze geöffnet hatte, ins Freie und sog den Hauch der Blumen ein, die in den gepflegten Beeten standen.
Hnter den Füßen der beiden Männer knirschte rotgelber Kies. Eine Pforte knarrte in verrosteten Angeln. „Kommen der Herr Baron recht gut nach Hause."
Anstetten atmete auf, als er die Heine Türe hinter sich zuklappen hörte. „Dreißigtausend Schilling!" Mit der Rechten fühlte er nach dem dicken Bündel in seiner Drusttasche.
Brunhilde, du hast verspielt! Vielleicht ich auch, dachte er und beschleunigte das Tempo.
Es war märchenstill in den Anlagen, die sich längs des raschfliehenden Stromes hinzogen. Sonnenkringel spielten auf den Gräsern, in den blühenden Linden summten die 3mmen und von den Spielplätzen herüber flog ab und zu ein Kinderlachen.
Anstetten bog vom Wege ab und setzte sich auf eine Dank, die ganz von niederhängendem Astwerk verborgen war und den Blick auf den Strom unbehindert ließ.
_ Kaum drei Monate waren seit Hans Peters Tod verflossen und schon drückte die Kette maßlos hart. Brunhilde machte ihm sein „Gattendasein" nicht allzu schwer. Zwischen ihren und seinen Zimmern lag der ganze Mittelbau. Seit dem ersten „Willkomm" auf dem Bahnhöfe hatte er sie nicht mehr geküßt. Vicht einmal ihre Hände.
Aber Bernd! Daß ein Knabe so zu lieben vermöchte und so über alle Maßen Zärtlichkeit zu geben verstand! Er fühlte den Körper des Zungen im Bette an den seinen geschmiegt: „Vur zwei Minuten, Vater!"
„Lieber, armer Bernd!" Vach drei Jahren mußte er aus dessen Leben verschwinden und zu Dardschiling am Fieber sterben, damit der Betrug, den er an ihm beging, fein Leben nicht zertrümmerte. Er würde die Fälschung nie verleihen — nie! Er würde ohne Zweifel daran zugrunde gehen.
verpflichtet. Die Spielstärke des Gegners ist zwar nicht bekannt, trotzdem kann man aber den Rasenspielern die größten Chancen einräumen.
Spielvereinigung 1900 Gießen.
ö. 1900 läßt den verbandsspielfreien ersten Dezembersonntag nicht ungenutzt und folgt einer Einladung der Sportgemeinde Hessen 1910 Hersfeld zu einem Gesellschaftsspiel. Der Gastgeber gehört zur ersten Dezirksklasse in der Gruppe Fulda, nimmt zur Zeit den zweiten Tabellenplatz hinter Germania Fulda ein und hat auch die besten Aussichten, mit den Fuldaern den Aufstieg zur westdeutschen Oberliga zu erreichen. Da auch die Gießener zur Zeit iwch in einem keineswegs aussichtslosen Kampfe in der Gruppe Lahn stehen, dürfte die Begegnung zu einem Gradmesser der derzeitigen Spielstärke in beiden' Gruppen werden. Für das Abschneiden der Hiesigen fällt allerdings der fremde, unbekannte Platz sehr in die Wagschale. Wenn auch die Dlauweihen wahrscheinlich nicht in stärkster Aufstellung das Treffen bestreiten können, so erwartet man doch von ihnen, daß sie Gießen würdig vertreten. Das sollte ihnen um so leichter fallen, da 1900 in den seitherigen Spielen immerhin technisch gute Partien lieferte.
1 900s Reserven versuchen sich auch erstmals wieder in neuer Aufstellung. Als Gegner für den kommenden Sonntag erwählte man sich 7)en derzeitigen Tabellenführer in der ersten Gauklasse, den Fußballklub 1 926 Großen- Buseck. Das Spiel findet in Großen-Buseck statt. Es wird den Vereinigten wohl nur unter den größten Anstrengungen möglich sein, erfolgreich abzuschneiden.
Während die dritte Mannschaft spielfrei ist, trägt die vierte Elf ein Derbandsspiel bei dem Renting Bieber aus. Bei der ziemlichen Gleichwertigkeit der Mannschaften ist der Spiel- ausgang nicht vorauszusagen.
Die 1. 3 u g e n d spielt voraussichtlich auf hiesigem Platz ein Gesellschaftsrückspiel gegen den D. f. B. Kurhessen Marburg, der führenden 3ugend unseres Vachbargaues.
Die 2. 3 u ge n d steht im Lokaltreffen gegen die 2. 3ugend vom hiesigen D. f. D.
Die 3.3ugend hat Großen-Busecks 1. 3ugent> als Gegner in einem Gesellschaftsspiel.
B. f. B.
Dem Derbandsspiel-Terrninkalender nach hätte die Ligamannschaft am kommenden Sonntag zur Austragung des Rückspiels nach Herborn zu fahren. Durch Hrteil des Bezirksvorstandes ist Herborn jedoch wegen verschiedener Dorkommnisse mit Plahsperre für zwei Derbandsspiel-Sonntage bestraft worden. Demzufolge hätten also die Herborner auf hiesigem Platz anzutreten. Der De- zirks-Fuhball-Sachbearbeiter hat aber in derselben Angelegenheit entschieden, daß die erste Mannschaft von Herborn bis zur Hrteilsfällung von den Derbandsspielen ausgeschlossen wird und die in diese Zeit fallenden Spiele für die Gegner kampflos gewonnen sind. Hiernach fiele das Treffen also ganz aus. Bis zur Viederschrift dieser Zeilen konnte vom Spielausschuh noch nicht geklärt werden, welches Hrteil Gültigkeit hat, so daß also auch noch nicht feststeht, ob die Begegnung stattfindet oder nicht.
Die 2. M a n n s ch a f t muh nach Rieder- g i r m e s, um gegen die dortige 2. Mannschaft das fällige Derbandsrückspiel auszutragen. DasVor-
Können Gedanken solche Wirkung haben, dachte Anstetten. als er plötzlich an der Wegbiegung den Sohn vor sich auftauchen sah.
Bernd ging sehr langsam, den Kopf nach vorne gesenkt, und die Mappe mit der Linken an die Hüfte gedrückt. Rach einigen Schritten blieb er stehen und schaute sich um. — Erwartete er jemand? — „Ein Mädchen." durchfuhr es Anstetten, der 3unge war sechzehn 3ahre!
Seine Reugier brannte lichterloh. Kleiner Bernd! Durstete er deshalb so nach Zärtlichkeit? Es blieb alles stlll und menschenleer ringsum. Der junge Mann bog ein Knie, stützte die Mappe darauf und hielt sie mit dem Kinn fest, während feine Rechte einen Bogen hervorholte.
Tlun wußte Anstetten, was ihn so zu beschäftigen schien. Heute war Schulschluh unö was er jetzt so aufmerksam durchlas. war seine Zensur.
Armer Bernd! Er hatte schon von dem Hauslehrer vernommen, daß er das letzte Semester sehr Hngenügendes geleistet hatte. — Das würde sich wieder einrenken!
Das Blatt in die Mappe zurücklegend, stellte er sie an den Wegrand und ging die Böschung hinunter, die stell gegen das Ufer zu abfiel. — Was wollte er? — Anstetten sah, wie er den Rock abnahm. — Ein Bad? Dann der Blitz eines Gedankens? Die Zensur! —
Dielleicht doch nur ein Bad? Bernd knöpfte jetzt die Schuhe auf und sah sich noch einmal um. Er schien nach einer Stelle zu suchen, die ein Hineinspringen am günstigsten ermöglichte.
Roch ehe er sein Dorhaben ausführen konnte, hielten ihn von rückwärts zwei eiserne Hände fest „Bernd!"
Der 3unge brach haltlos zusammen. „Vater!" Er vermied es. in die strengen und auskunft- heischenden Augen des Barons zu sehen und schloß hastig die Knöpfe des Hemdes, die er auf- geritten hatte: „Vater!"
„Komm!" 3hn am Gelenk der Rechten fest- haltend, ging der Baron nach der Stelle, wo der Knabe Schuhe und Rock zurückgelassen hatte. „Mach dich fertig, bitte!“ Es klang heiser, noch ganz von Erregung durchflutet.
„Papa! 3ch —"
^Sprich jetzt nicht! — Rimrn deine Mappe auf." Der 3unge bückte sich und ging bornübergeneigt neben Anstetten her nach der verschwiegenen Bank, wo dieser gesessen hatte.
,Mun kannst du sprechen!" Der Baron zeigte nach dem Sih und blieb abwartend vor dem Sohne stehen, dessen Lippen auf- und nieder-, zuckten. „So groß ist deine Liebe für deinei? armen Vater, daß du mir das nicht erspart hattest,' sagte Anstetten und klammerte die Hände um die Lehne.
Das Knabengesicht sank tief herab.
(Fortsetzung folgt.)


