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Nr. 174 Dritter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesjen)
Samriag, 27. M (929
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Don einer lebenden Vornehmheit ist alles, was das Schloh in nächster Nähe umgibt.
Die Zartheit einer letzten Kulturreife liegt über dem weiten, ruhenden Vasen, der sich hinter Dem Halbrund des Prachtbaus bis in den Park i'eiliert. Es ist ein Sonnenreich von blütenbetäubender Pracht — über das schon am frühen Morgen Sprenganlagen fleißiger Gärtner feine -Wasser dahinsprühen.
Die leicht bestäubende Frische macht den feinen Vosen so teppichdicht, als ob er auf das Dahinschreiten eines großen Königs warte.
Wilde Reben und dunkler Epheu ranken sich an den Flügeln des Empirebaus empor. Vor len Eingängen liegen vier Löwen. Säulen schmiegen sich bis unter das Dach vor den Pforten tmpor.
Schmal dahingestreckt, läßt es ruhig die Kraft der herrlichen Parknatur über sich zusammenschlagen, die es um sich in weitem Umkreise veredelt hat.
Die Zeit hat eine selbstverständliche Leichtigkeit über die geschichtliche Vergangenheit von Wtlhelmshöhe gelegt.
Tief unten die Stadt und ihre weite Umgebung. Das Wahrzeichen der Kultur des 18. Jahrhunderts ist im Hintergrund sanft umschleiert, von den weiten Höhenlinien und den schweren Schatten sonnengedrückter Wälder. Wan kneift die Augen unwillkürlich etwas zusammen. ... Das Vlickfeld verschwimmt ... das ganze Land hinter dem hügelgchobenen Palast ... die Stadt mit der schnurgeraden Paradestraße von Wil- helmshöhe bis zum Wilhelmshöher Platz. ...
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Ich war auf dem richtigen Wege. Es kamen ja noch andere Bildstöcke mit anderen Heiligen, einer zeigte sogar fünf, auf jeder Seite einen und auf der Wetterseite zwei, aber man darf sich nicht gleich ablenken lassen. Die Georgsritter behielten die Majorität. Ach. die herrlichen Aürnberger Lebkuchen, dachte ich im Rauschen der Tannen. Ach, die schöne Aja, wenn die Wiese aufatmete. Ach, du deutsche Seligkeit, wenn... aber das kann sich keiner vorstellen, der nicht selber müde geworden ist des blauen Himmels, der heißen Sonne, der großen Welt. Ich gebe alle Schatze Roms für das heilige Wunder des deutschen Wiesengrundes, alle steinerne Herrlichkeit _ für den lebendigen Dom des Waldes, alle mondänen Hotelmarken auf meinen Koffern für einen Spaziergang nach Sankt Georgen.
Verrückt? Mag sein. Im Bereiche dieses Drachenritters sind alle Dinge von ihrem Platze verrückt. Zum Beispiel gibt es in dieser Sommerfrische keine Jazzband und kein tägliches Kursblatt, und doch sind die Menschen einander gut. Aber ich will die Dinge beim Ramen nennen.
Das Kloster.
Es hat drei Iocharten Dach. Können Sie sich das vorstellen? Das Kirchendach allein ist cm Berg, der begreiflicherweise schwer lastet auf der Reparationskasse der „Herrschaft", ülm die Kirche herum, die schützend dahockt wie eine Gluckhenne, läuft das gewaltige Viereck mit feinen weihen Wandelgängen, das Damenstift, das schon vor den Kreuzzügen gegründet wurde. Vorher müssen schon die Römer dagewesen fein, wie ein Kapitell verrät und die Hand einer antiken Statue, die ich beim Herumwandern fand. Grabmäler sind in die Wände eingelassen, die sehen nicht anders aus als die auf der Dia Appia, mögen ste auch die Züge einer ehrbaren Aebtissin festhalten.
In dem Stift ist der ganze Ort untergebracht, der Bürgermeister wohnt da und die Gräfin, tm Durchgang werden die Bekanntmachungen angeschlagen, neben einem Trasiklädelchen haust cm winziges Postamt. In den Zimmern der adeligen Damen aber — die Sommergäste. Man wohnt im Schloh".
Man iht im Park davor. Uralte Bäume. Einmal war di-e Gräfin jung, sie hat hier ihre Marlittzeit verlebt, denn in den achtziger Jahren wurde das Kloster aufgehoben. Was mögen die Bäume alles wissen von warmen Sommernächteri. Roch jetzt hört man's allabendlich aus unergründlichem Dunkeln kichern, dah die Herren Ellern
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Brot, im Wald Schatten, Grün im Wiesengrund — just die Dinge, die man sucht, wenn man italienmüde ist — und auf dem Bildstock erlegte ein Ritter einen kolossalen Lindwurm.
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Das ist Wilhelmshöhe.
Dem gänzlich wilden Hang eines grohen Bergrückens wurde im Laufe vieler Jahrhunderte ein Kulturwunder aufgezwungen, das staunenswert ist.
Vom Fuh bis zum Berggipfel ist die Ratur ferraffiert und Hängebirken, merkwürdig geformte Pinien, Silberpappeln. Zedern ... veredeln in breiter Front die weite Bergwildnis.
Von Westen nach Osten neigt sich der Berghang. wo aus Felsen und Quadernblöcken gigantisches Stufenwerk errichtet ist ... unterbrochen tiurd) Kaskaden.
Heber das ganze schäumt ein rnächtHzes Wasser- ^Die Hut des Bergrückens ist der 30 Meter hohe Pyramidenbau. der Oktogon — auf dem die Kolossalstatue des Herkules lastet. ...
Das Ganze ist auf eine fabelhafte Fernwirkung angelegt. Die fast unbehauenen Quadern türmen sich zu einem Bauwerk gigantischer Art Mit ungeheurer Anstrengung muh unter der Regte- rung des Landgrafen Karl dieser Oktogon, der fast wie ein babylonischer Turmwahn anmutet aufgeführt worden fein. Es liegt eine Romantik eigener Art in dem mauerschweren, wilden Schloß!
Das Schloh in der Tiefe wirkt von da oben wie eine müde Verfeinerung der Jahrhunderte.
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Sankt Georgen
Don Gustav W. Eberlein.
Auf der Flucht aus der grohen Welt begegnete mir ein Ritter, der mir schon als Knabe ungemein sympathisch gewesen war, weil er auf der Lebkuchenschachtel einen kolossalen Lindwurm erlegte. Um die Zeit meiner ersten Liebe, die leider in ein unzweifelhaft schulpflichtiges Alter fiel, trat er meinem Herzen noch näher, weil seine unerhörte Tapferkeit durch die schöne Aja eine heroische Begründung fand. Alle derartigen Begründungen groher Männer deklamierte ich mit errötendem Schauer: „ba treibt's ihn, den köstlichen Preis zu erwerben und er stürzt hinunter auf Leben und Sterben". Der Taucher. Der Königssohn. Der Minnesänger. Immer ging es um eine Dame. Rechtzeitig ans Mädchenghmna- sium zu kommen, brach ich mit wildem Entschluh die Schulaufgaben ab und bekam im deutschen Aufsatz zum erstenmal keine 1, sondern eine 3. Ich war erschüttert, aber sie hieh Georgette, da verliert unsereins leicht den Verstand...
An dieser seligen Erinnerungsstation angekommen, begegnete ich also im Kursbuch demDrachen- ritter. Ich sah zum Fenster hinaus, wir waren in heroische Landschaft geraten, mein Rachbar bejahte die Frage, ob er mir St. Georgen als Sommerfrische empfehlen könne, auf8 eifrigste. Gut, steigen wir aus. Der Zug hatte gerade die italienisch Grenze passiert.
Eine Karte nach St. Georgen, bitte!
Der ehenials k. und k. Schalterbeamte griff nach rechts, griff, sich verbessernd, nach links, griff sich an die Stirne und sagte unvermittelt:
„Alsdann, nach was für an Sankt Georgen will denn dann der Herr?"
Ob es denn mehrere gebe, ich sei beiläufig — wie schnell man sich doch in gemütliche Sprachen findet! — beiläufig im Kursbuch auf den Ramen gestoßen, und der habe mir gefallen, und da wolle ich nun eben hin.
Der Mann fand diese Begründung ungewöhnlich, stellte fest, dah es drei Ortschaften des Ramens gebe, in dem Landl, in jenem Landl, eines bei Sankt Veit, eines bei Sankt Leonhard, eines bei — hm, das dritte finde er nicht. Solle holt selber im Kursbuch nachschlagrn.
Ich schlug nach, er schlug nach, wir schlugen nach Finden tat keiner was. Endlich kam ein Bauer und holte aus: Also da komme zuerst der Trassenhof und dann der Wörthersee und dann die Landeshauptstadt Klagenfurt und dann und dann — , .,
Run, um die Sache kurz zu machen, ich geriet nicht in die Gegend des heiligen Georg, sondern des heiligen Veit. Ich stieg um, stieg noch einmal um und stand auf einmal vor einem Wald einer Schenke und einem Bildstock. In der Schenke gab es schwarzes Bier und schwarzes
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Gegen neun U£>r morgens geht die Sonne aus: die schöne Frau, Helle und Heiterkeit in den letzten dunklen Seelenwinkeln verbreitend, scheint im Park. Alle Menschen sind fröhlich, alle Dackelperpendikel schlagen aus. Die Sonne wandelt die Pappelallee hinunter zum See, die Badeanstalt wird zum Gefilde der Seligen. So bis 1 Mr. Die Sonne nimmt jetzt verblüffenderweise „a Koalbskarree" in den Mund und macht alsdann ein Rickerchen. Scheint in den Wald. Der Abend ist da, man weih nicht wie. So geht der Tag hin, einer wie der andere. So tötet der heilige Georg den grohweltlichen, großmäuligen
Wilhelmshöher Impressionen.
Don Karl JRifter.
Rur die sommerleichte Feder eines geborenen Feuilletonisten kann die Buntheit beschreiben, die zwischen den Anlagen des Schlosses Wilhelms- Höhe jetzt auslebt.
Der Duft der Kurhaus-Atmosphäre liegt über let hochaufstrebenden und der strenggestuhten Parkvegetation dieses schönsten Gartenwunders Deutschlands. Dor dem Schlohhotel bildet das hichtgewachsene Laubwerk gepflegter Edelkasta- nien unter sich eine schattengrüne Raturhalle. Da stehen nun auf Weihern, leise krachendem Kies die Tische. Ein palettfroher Kaffeehausbetrieb entwickelt sich nachmittags in dem kleinen Ka- Itanienhain. Die grohe Fahrstrahe streckt einen breiten Seitenarm nach dem Schlohhotel, den sie wie einen Henkel wieder aufnimmt und weiter führt. Autos, Motorräder und Wagen fahren daher so vor, dah der Besucher des Garten- laffees die ganze An- und Abfahrt der Kurwelt beobachten kann.
Das nimmt dem Kastanienhain absolut nicht feine Lauschigkeit, wo unter dem spielenden Blattwerk hereinblihendes Sonnenlicht Frauen- und Mädchengestalten umtastet.
Die Hitze brütet über den Baumkronen. Ein kleines Zierbrünnlein plätschert leichtsinnig die Stunden aus der Zeit.
(/„ui—RnlnaellaL Lithium-. Stahl-, Schwefelquellen; Inhalatorium. Diathermie, Höhen-
Horizontlinien, wenn in der Frühe das Morgen- licht sich durchbricht.
Die galanten Geheimnisse, die einst zu König Jeromes Zeiten die lauschigsten Partien des Schlohteiches umraunten, liegen schwermütig und vergessen über dem ..Lac" unterhalb des Schlosses. Dicht und wild ist da das Parkgehölz. In einer Mulde ruht der See. Alte Bäume knien über dem dumpfen Wasserspiegel. Ab und zu schlägt ihn das müde Flügelpaar eines Schwanes. Wasserpflanzen, deren Blätter die ganze See- fläche bedecken, bilden ein Mosaik traumhafter Vergessenheit. Rur an wenigen Stellen scheint noch der tiefste Grund durchzuleuchten. Dicht, wie der Rasenteppich vor dem Schloß, schließen sich unzählige Blättchen über dem See zusammen.
Sie bilden kleine Prunkdecken auf der schwarzen Politur des träumenden Wassers. ...
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Bald aber legt sich, schmiegt sich die lautlose Stille ums Schloh. Unendliche Weite, bis zu den Karawanken, vor dem letzten Blick aus dem Schlafzimmer, doch unfaßbar, unsagbar, beruhigend: er stößt nicht an ein einziges künstliches Licht. Man zieht den Sternenhimmel KärntenS über sich wie eine Decke.
Der See.
Der Lindwurm von St. Georgen war ein Waller. Ein Wels, vielleicht der Mrwels. In gewissen Rächten, wenn nwgn sich bekreuzigen muhte, rauschte er auf wie ein Hntcrfeeboot. Eines Tages aber erlegte ihn der Ritter, der Schiohherr. Ein studierter Mann, gewiß, aber zwei Meter lang. Mnb da ihm der Waller in dieser Beziehung nichts nachgab, ward es ein Kamvs Mann gegen Mann. Er wurde dann ausgestellt, der Waller. Die Badegäste befällt heute noch ein angenehmes Gruseln, wenn sie ins Wasser steigen.
Im übrigen war der Waller etwas unproportioniert — im Verhältnis zu dem kleinen See, den man in einer Stunde gut umschlendern kann. Aber er hat doch, was ein moderner See haben muh: eine Liebesinsel. Streng geographisch betrachtet ist es nur eine Halbinsel freilich, in der Trikotzeit nimmt man das jedoch nicht so genau. Mädels und junge Damen schwimmen hinüber, ohne dah wie in Regensburg der grohe Rix heraufstrudelt. Vielleicht — mir kommt da cm Gedanke — vielleicht war es jener mächtige Waller? Ja, natürlich, denn auch die schöne,Frau schwimmt hinüber, sorgloser als „adlig Fräulein Kunigund". Jedes Jahr ist in St. Georgen eine schöne Frau.
Eine. Die Zahl der Sommergäste beträgt laut Statistik und Ausnahmefähigkeit des immer voll- gesetzten „Schlosses" vierhundert, folglich kommt erst auf wie viele Wienerinnen und Budapesterinnen — Gott, wie ungalant! Rein, weitaus die meisten sind fesch, lieb fast alle, immerhin die eine bildet die Sonne, um die sich dann em Planetensystem gruppiert. Vielleicht ist sie in Wien nur eine unter vielen, hier aber die erste, die eine. Kann eine Frau, sagen Sie selbst, sich Schönres wünschen?
Der Wald.
Verwalter des Ganzen ist, schier cichendorssisch mutet das an, der Förster. Bczirksobersörster. teils in kurzer Wichs, teils vor den Buchern Sein Dackel heißt Rehmann. Der andere Dackel Mommi. Der dritte Dackel Hexe. Aus der Iauscn- station. die droben im Walde liegt, treffen sie sich mit Daisy, Rora, Schnucki und Dauxi. Der meine heißt Strolch. 3n Hundekreisen rümpft man über den hergelaufenen Römer die Rase, aber die schöne Frau findet ihn aristokratisch und bringt ihn oft in eine beneidenswerte Lage.
Dann, nach dem Kaffee „mit Schlag", nimmt uns alle der Wald auf wie vormittags der See. grün, frisch und anschmiegsam. Riemand vermißt den Tanz. Stundenlang kann man auf der Waldwiese liegen und faulenzen. Die Wipfel sind nicht dazu da, Staub und Lärm aufzufangen, sie tun nichts anderes, als ins Blau hineinzuwachsen, hineinzuträumen. Es regnet selten hier.
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