Nr. 276 Erstes Blatt
179. Jahrgang
Montag. 25. November 1929
Gießener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
Druck und Verlag: vrühl'sche Umverfitätr-Vuch und Zleindruckerei «.Lange in Giehen. Schriftleitung und Geschäftsstelle: Zchulstratze 7.
Georges Clemenceau f
Tod waren beide Staatsmänner
geistig regsam,
Umfassendes Geständnis der Attentäter — Oie Feststellung des Bombenlagers.
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Chefredakteur:
Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Lange für Feuilleton Dr.H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Blumschein und für den Anzeigenteil Mar Filter, sämtlich in Gießen.
Clemenceaus und würdigen seine großen Verdienste um den Sieg der Alliierten. — „Times" nennt i h n und Foch die beiden Vetter Frankreichs. — „Daily Telegraph" sagt: Cr war der größte Franzose seiner Generation. „Daily Expreß" sieht in ihm die bei weitem hervorragend st e Persönlichkeit im öffentlichen Leben Europas seit Bismarck. — Die liberale „Daily News" erklärt: Feunde wie Feinde müssen seine feste und aufrechte Persönlichkeit achten und bewundern. — Das Arbeiterblatt „Daily Herald" nimmt auf den Versailler Vertrag Bezug und sagt: Cle- menceau ist tot. Wir wollen ihn nicht tadeln für Geschehnisse, die sich aus Umständen ergaben, die er eigentlich nicht in feiner Hand hatte, sondern die ihn vielmehr beherrschten. Es ist besser, an seine Kraft, seinen Mut und seine glänzende Beharrlichkeit zu denken.
war, bekämpfte er die Kirchen und setzte sich
für ihre Trennung vom Staat ein; er wandte sich auch gegen alle Herrschgelüste der Militärs, worüber sich später, Ende 1918, der General Foch bitter beklagt hat — blieb aber st e t s ein glühender Nationalist, der nie das Erlebnis von 1870 vergessen konnte und unausgesetzt an Revanche dachte.
Als Freund Zolas, setzte er sich mit der ganzen
Kraft seiner Persönlichkeit für den verfolgten D r e y-
s u s ein. Seine Beziehungen zu Zola und anderen
Literaten waren nicht zufällig, da Georges Giemen
ccau, der Arzt, Kunstsammler und Politiker, vorüber
gehend Bürgermeister und hauptberuflich Journalist,
sich auch als Dramatiker versucht hatte. Im
Jahre 1900 wurde im Pariser Renaissancetheater
sein Stück „Der Schleier des Glücks" aufgeführt, das in deutscher Uebersetzung auch in Deutschland Erfolg hatte. Zusammen mit Zola führte er den Kampf für Dreifus, und als dieser endlich siegte, war damit auch Clemenceau rehabilitiert. Die unfreiwillig abgebrochene politische Laufbahn konnte wieder eingeschlagen werden, und nachdem Clemenceau oom März bis Oktober 1906 Minister des
sailles wird den Deutschen unvergessen bleiben; C16-- menceau war der verbissen st e Gegner, den man sich denken kann, ein Mann, der Deutschland ehrlich gehaßt hat und mit dem keine Derstän- digung möglich war.
Die Franzosen haben Clemenceau, dem man die Größe des Charakters und die staatsmännische Befähigung nicht absprechen kann, den Beinamen „B a t e r des Sieges" verliehen, der anerkennender klingt als sein Spitzname „T i g e r". Aber sie hoben den Triumphator von 1918 doch unmittelbar nach dem Sieg kaltgestellt. Im Februar 1919 versuchte ein Anarchist, ihn zu erschießen, verwundete ihn aber nur unbedeutend. Man war überzeugt, daß er 1920 zum Präsidenten gewählt werden würde, und war allgemein überrascht, daß Poincare dieses höchste Amt erhielt. So weit sein Lebensabend nicht durch Krankheit getrübt war, benutzte der greise Mann mit dem jungen Herzen die auferzwungene Muße zum Schreiben seiner Memoiren und zum Reisen. MU ihm verschwindet der wütendste Gegner der deutsch-französischen Verständigung von der politischer Buhne.
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Altona, 23. Vov. (WB.) Die weitere Unter» suchung in der Sprengstoffangelegenheit hot, wie Landgerichtsdirektor Dr. M a f u r mitteilte, zu neuen wesentlichen Erfolgen geführt, so daß nunmehr der gesamte Komplex, soweit er sich auf Schleswig-Holstein und die Provinz Hannover erstreckt, als nahezu völlig erledigt angesehen werden kann. Einmal ist die Aufdeckung weiterer Attentate geglückt, und zwar handelt es sich dabei um das Attentat auf das Finanzamt in Winsen am 27. November 1928. Die Idee zu diesem Anschlag ging von Herbert V o l ck aus, der auf Grund seiner Beschäftigung mit Sternkunde und anderen mystischen Dingen aus den Gedanken gekommen war, Attentate zu verüben. Es ist bemerkenswert, daß es Volcks Absicht war, die ersten Attentate im Hannoverschen, in Lüneburg durchzuführen. Daß dieser Gedanke nicht in die Wirklichkeit umgesetzt wurde, ist dem ^Imstande zu verdanken, daß die Attentäter das Regierungs- gebäude, dem der erste Anschlag gelten sollte, von Schutzpolizei bewacht fanden. Die Attentäter — es kommen dabei in Frage der Gemeindevorsteher Amandus V i ck (Rönne), der Landwirt Franz Lu hm an n (Clues) und John Johnsen (Husum), sowie Herbert (Bold — mußten deshalb von Lüneburg umkehren und wandten sich nach Winsen. Das Winsener Attentat wurde mit dem hochexplosiven Sprengstoff Trinitrotoluol ausgeführt, den Herbert Bold beschafft hatte. Daß die gefährliche Sprengstoff- ladung in Winsen nicht zur Explosion kam, ist darauf zurüdzuführen, daß das Paket durch Regen völlig durchnäßt war. Weiter wurden die drei Anschläge in Lüneburg in der Nacht zum 1. August und in der Nacht zum 6. September (auf die Villa des Rechtsanwalts Dr. Strauß und die Landkrankenkasse am 1. August, und auf das Regierungsgebäude am 6. September) aufgeklärt. Die Täter waren hier wiederum Amandus Vid und Franz Luhmann. Außerdem waren an diesen Anschlägen beteiligt, der Landwirt Beder aus Rottdorf (Kreis Winsen) und der Hilfsweichensteller Hermann M a n e d e , gleichfalls aus Rottdorf. Bei dem Doppelattentat am 1. August waren beteiligt Dick, Luhmann und Decker. Becker bewachte das Auto, in dem die Attentäter zum Tatort gefahren waren, während die beiden anderen die Anschläge bei Dr. Strauß und bei der Landkrankenkasse ausführten. Das nächste Attentat in der Nacht vom 5. zum 6. September auf das Regierungsgebäude führten Dick, Decker und Manecke durch. Luhmann war verhindert, weil an dem Tage seine Kuh gekalbt hatte. Für ihn mußte der Hilfsweichensteller Manecke, ein Stahlhelmer, einspringen. QHIe zu diesen Anschlägen verwendeten Sprengkörper stammten aus der bekannten „Fabrik" in Altona- Flottbeck.
Frankreichs „eiserner Kanzler"
3n der Vendee, deren Bevölkerung sich durch ihre Hartnäckigkeit, Willensstärke und älnbcug- samleit auszeichnet, trifft man überraschend oft Männer mit mongolischen Gesichtszügen. Auch Georges Clemenceau, der am 28. September 1841 in Mouilleron-en-Pareds im Departement Vendee geboren wurde, hatte einen typischen Mongolenschädel, mit tiefliegenden Augen, die von einem Eisgestrüpp dichter weißer Brauen überschattet waren, mit breiten Backenknochen, einer massigen Rase, einem energisch vorgeschobenen llnterfiefer, über dem ein mächtiger weißer Schnauzbart hing. Die braune Haut, von Runzeln bedeckt, glich gegerbtem Leder; der Mund, dem so bissige, ironische und vernichtende Worte entschlüpfen konnten, war kräftig entwickelt, und zäh, derb, untersetzt war die Statur des Mannes, der Frankreichs Geschicke in entscheidender Stunde ^geleitet hat. Man hat oft einen Vergleich zwischen seinem Schädel und dem Kopf Bismarcks gezogen, obwohl sich jeder Beobachter sofort darüber klar werden mußte, daß die Gzsichtszüge der beiden Staatsmänner völlig verschieden und einander wesensfremd ge- toefen sind. Aber beiden leuchtete die Energie aus den Augen, beide hatten massige Köpfe mit einem starkbetonten Knochengerüst, beiden sah man die Kämpfernatur und die Llnbeugsamkeit ihres Willens auf den ersten Blick an. Bis zu ihrem
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Politiker mit Herz und Seele, wenn sie auch beide das letzte Jahrzehnt ihres Lebens in der Einsamkeit verbringen mußten.
In jedem Jahr erscheint in Paris ein offizielles Verzeichnis der in der französischen Hauptstadt ansässigen Aerzte; auch in der Zeit, in der der „Tiger" Ministerpräsident war. konnte man in diesem Verzeichnis den Namen Georges Clemenceau, Dr. mcd., finden, und dahinter die Bemerkung: „praktiziert nich t“. ©lernen* ceau hatte den Beruf des Arztes sehr bald aufgegeben, ungeachtet der Tatsache, daß es ihm sehr schwer geworden war, Medizin zu studieren. Er stammte aus einer alten Patrizierfamilie, und sein Pater, der nicht weniger starrköpfig als der Sohn ist, wollte ihn zu einem Juristen machen. Nachdem er sich mit seiner Familie überworfen hatte, ging der junge Clemenceau nach Amerika, wo er sich als französischer Sprachlehrer durchschlug, kehrte dann nach Frankreich zurück, bestand die medizinischen Prüfungen und lieh sich im Pariser Künstlerviertel Montmartre a I s praktischer Arzt nieder. Ob er in diesem Beruf etwas geleistet hat, läßt sich heute schwer sagen; ein französisches Sprichwort sagt: „Die Medizin läßt ihre Jünger zu allem kommen, vorausgesetzt, daß man sie aufgibt." Es ist sicher, daß Clemenceaus Praxis nicht sehr groß gewesen sein kann, da er Zeit genug fand, alle Pariser Kunstauktionen zu besuchen, japanische Holzschnitte und chinesisches Porzellan zu sammeln, schöne alte Bücher zu kaufen und daneben unter Künstlern und Studenten sozialistische Reden zu halten, die ihm im Jahre 1871 ein politisches Mandat einbrachten. Er wurde zum Bürgermeister seines Bezirks gewählt und zog als Abgeordneter in die Nationalversammlung ein, in der er sich für die Fortsetzung des Krieges gegen die Deutschen einsehte. Die Gruppe, zu der er gehörte, nannte man kurz und grob die „wütenden Narren". So begann seine politische Karriere recht verheißungsvoll; mit 30 Jahren Mitglied der Nationalversammlung, mit 35 Präsident des Pariser Stadtrats — eine Laufbahn, wie sie selten ist, aber ein Aufstieg, dem ein furchtbarer Sturz folgte.
lilömenceau hatte eine Zeitung gegründet, zu der ein Monn Geld gegeben hatte, der bald darauf im Sem Panama-Skand al bloß- gestellt wurde. Niemand konnte dem jungen Arzt Nachweisen, daß auch cr unredlich gehandelt hätte; heute steht sogar fest, daß er in dieser unsauberen Angelegenheit ebenso korrekt gewesen ist wie in einer anderen Bestechungsasfäre. die ihm damals vorgeworfen wurde. Seine politischen Gegner bezichtigten ihn nämlich, ein bezahlter Agent Englands zu sein, und da cr sich stets für ein französisch-englisches Bündnis eingesetzt hatte fand diese Berleumdung zunächst Glauben. Der Neger Norton, ein älebersetzer der Pariser englischen Botschaft, verkaufte Clemenceaus Gegnern Dokumente, die in der Kammer beriefen wurden und ans denen hervorgehen sollte, daß der junge Abgeordnete tatsächlich b e st o ch e n sei. Clemenceau war bleich wie der Tod und unterbrach jeden Sah mit den Zurufen: „Lump! Lügner! Betrüger!" Es stellte sich jedoch bald heraus, daß die Dokumente gefälscht waren, und Clemenceau war vor der Kammer reingewaschen. Aber das nützte ihm im Land nichts. Als er in Südfrankreich zu den Wahlen kandidierte, wurde cr überall mit dem Zuruf: „Oh yes“ empfangen, tonnte keine Rede vollenden und mußte vor seinen Feinden das Feld räumen. Es war die schmachvollste Zeit in seinem Leben. Nun wurde er Journalist und verschaffte sich durch das gedruckte Wort das Gehör, das ihm in den Dolksversammlungen und dadurch auch in der Kammer versagt worden war. Seine täglichen Leitartikel waren stilistische Meisterwerke. Angriffe, denen Personen und Kabinette erbarmungslos zum Opfer fielen, logische, schlagfertige Pamphlete, deren Wirkung man sich nicht entziehen konnte. Der große französische Politiker Jules F e r r y mußte zurücktreten, weil Clemenceau seine Politik der deutsch-französischen An- imherung nicht billigte. Mit einem Grimm, der nur der Leidenschaft Voltaires zu vergleichen
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Paris, 24.1700. (D3IB.) Der ehemalige französische Ministerpräsident Georges Clemenceau ist nach schwerem Leiden am Sonntag, nachts gegen 1.45 Uhr im 89. Lebensjahr gestorben. Der schwere Todeskampf dauerte fast 36 Stunden während des Samstags trafen immer wieder ehematige'und jetzige Mini ft er, Abgeordnete und auswärtige Diplomaten im Hause Ctsmenceaus ein, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen und sich in die Liste der Besucher einzutragen. Schon seit der Mittagsstunde erkannte der Kranke keinen Menschen mehr. Rur dank seinem außergewöhnlich starken Herzen hielt ClLmenceau dem Tode so lange stand, vollkommen angezogen, sein legendäres Militärkäppi auf dem Kopfe, tag er ausgestreckt auf dem Sofa. Inzwischen hatte sich vor dem Hause eine große Anzahl Menschen angesammelk, die in stummer Erwartung der Nachrichten harrte. Eine halbe Stunde nach Eintreten des Todes erschien der Enkel Clemenceaus vor der Haustür und teilte den Anwesenden mit, daß sein Großvater um 1.45 Uhr das Zeitliche gesegnet hätte. 3n den Morgenstunden des Sonntags erschien als erster Trauerbesucher der Präsident der französischen Republik, Doumergue, dem wenige Minuten später Briand, Tardieu und fast sämtliche Minister und Anlerslaalssekreläre folgten. Die diplo- nmtischen Vertreter der Frankreich befreundeten Länder trugen sich ebenfalls in das Trauerbuch ein.
Clemenceaus Testament.
Kein Ltaatsbcgräbnis.
Paris, 24. Nov. (WB.) Das Testament Cl6- menccaus ist heute vormittag eröffnet worden. Cs enthält die Bestimmung: „Keine offizielle Zeremonie, nur meine Angehörigen sollen mich zu meiner letzten Ruhestätte geleiten." Die Leiche ist noch heute abend in die Heimat Clemenceaus nach Mouilleron-en- P a r a d s in der Vendee übe^eführt worden. Morgen nachmittag wird der Kammerpräsident in der Sitzung eine Ged ächtnisrede halten, sodann wird Ministerpräsident Tardieu im Namen der Regierung sprechen. Die Beisetzung findet in einem kleinen, 32 Kilometer von La Roche-sur-Foron entfernten Wäldchen statt. Als Grabstein wird ein dem ehemaligen Ministerpräsidenten von griechischen Freunden gewidmeter und bereits seit Jahren an Ort und Stelle befindlicher Gedenkstein dienen. Die französische Regierung hat angeordnet, daß morgen vormittag zur Stunde der Beisetzung in allen Städten Frankreichs Artillerie-Ehrensalven abgefeuert werden. Nach der Zeitung „Comedia" soll in dein Testament Clemenceaus die Bestimmung enthalten sein, daß man von einem feierlichen Leichenbegängnis und einer Grabrede absehen solle. Man möge in aller Stille bei Tagesanbruch seine Leiche nach dem Wald seiner Heimat Venee tragen, um sie dort neben dem Sarg seines Vaters ebenso wie diesen aufrecht stehend beisehen. Selbst im Tode wolle er aufrecht bleiben.
Oer,/öotcr des Sieges".
Französische Blätter zitm TodcClemcnceaus.
Paris, 24. Nov. (WTB.) Die Morgen- Presse feiert Georges Clemenceau in der Hauptsache als den Ministerpräsidenten, unter dessen Regierung der Krieg zu Ende geführt wurde. Sie feiert ihn als „Vater des Sieges", als Parlamentarier und als Journalist. Don seiner politischen Vergangenheit hebt sie insbesondere feinen Kampf gegen die Boulangisten und seine Kämpfe für Dreyfus hervor. Rur wenige Blätter erwähnen die Zeit, die ihn zwang, sich aus dem öffentlichen politischen Leben zurückzuziehen. Lieber seine Tätigkeit nach dem Kriege sagt der radikale „Quotidien": Dieser Vater des Sieges war kein Diplomat des Friedens. Die Anpassung dieses großen Politikers an eine neue Welt war nicht menschenmöglich, und sie hat sich nicht vollzogen. — „Matirr" führt aus: In den Tagen des Krieges gereichte es dem Vaterlande zum Heil, daß Clemenceau am
Sämtliche vier Personen haben ein u m f a s s e n- des Geständnis abgelegt. Cs wurden gegen sie auf Grund der Paragraphen 5, 6 und 7 des Sprengstoffgesetzes Haftbefehl erlassen. Auf Grund dieser Paragraphen dürften alle an den Anschlägen Beteiligten eine M i n d e st st r a f e von fünf Jahren Zuchthaus zu gewärtigen haben. Der Handgranatenanschlag in Wesselburen ist jetzt dahin aufgellärt, daß Klaus Heim nachts mit zwei weiteren Personen nach Wesselburen fuhr, um diesen Anschlag durchzuführen. Der eine der Mitfahrenden war Herbert Schmidt, der andere ist noch nicht zweifelsfrei festgestellt, doch besteht der dringende Verdacht, daß es Nickels war. Geständig ist Herbert Schmidt. Die Handgranaten hat nach seinem Eingeständnis Amandus Vick beschafft, bei dem, wie erinnerlich, schon früher 35 Hanögranaten gefunden wurden.
Lieber die Rolle, die Kapp Hengst bei den Lüneburger Attentaten gespielt hat, wurde folgendes ermittelt: Kapphengst kündigte Amandus Vick telephonisch seine Ankunft an und bedeutete ihm, daß er Bomben mitbringen werde. Als dann Kapphengst mit Bick zusammentraf, übergab er ihm zwei Bomben mit dem Bemerken, daß er jetzt keine Zeit hätte, die Sache weiter zu verfolgen. Vick mußte also zunächst die Bomben mit ins Haus nehmen und darum besorgt sein, sie möglichst bald wieder los zu werden. Cr zog dazu Luhmann ins Vertrauen, und beide beschlossen dann die Durchführung der Lüneburger Anschläge.
# Besonders bemerkenswert ist die nunmehr endlich geglückte Feststellung des Bombenlagers. Den wochenlangen Ermittlungen der Kriminalpolizei ist es gelungen, dieses Lager in Karlumfeld im Kreise Niebüll, und zwar in dem einsamen Bauerngehöft von Peter Holländer, das etwa 60 Kilometer nördlich von Husum, hart an der Grenze liegt, festzustellen. Die Sprengstoffe wurden Ende Januar mit einem 2l-4o von Nickels bis in die Gegend dicht vor Husum gebracht, wo sie von einem zweiten Wagen von John Johnsen und Herbert Bold übernommen wurden. Diese beiden brachten die drei Kisten Sprengstoff und mehrere Pakete mit 700 Sprengkapseln nach Karlumfeld zu Holländer. Nickels und Johnsen erschienen nach zwei Tagen in Karlumfeld, um das Material in unverfängliche neue Kisten zu packen. Holländer ist sicher ein Mann, der das Beste wollte, und der glaubte, eine gute vaterländische Tat zu tun. Nach seiner eigenen Darstellung bei der Vernehmung war ihm bei der Llebernahme des Sprengstoffs in feinem Gehöft so feierlich zumute, daß cr fid) feinen Gehrock anzog und ein selbstverfaßtes Gedicht von sieben bis acht Strophen vortrug. Das Versteck für das Sprengstofflager ist außerordentlich raffiniert gewählt worden.
Oie AnMrnng der Bombenatieniaie in Schleswig-Holstein und Hannover.
Ruder war. In den Tagen des Friedensvertra- ges aber erforderte das Wohl des Vaterlandes, daß man nicht einem Mann allein die Verantwortung für die Llnterschrift anvertraute. — „Figaro" schreibt unter Hinweis auf die Ereignisse nach Austausch der Ratifikationsurkun- ben: Clemenceau war weniger ein Mensch des Verhandelns als des Handelns. Was cr in den Stunden der Gefahr an Autorität und Starrköpfigkeit war, erschien nach dem Waffenstillstand als Autoritarismus und Leichtfertigkeit.
Oie Londoner presse zum Tode Clemenceaus.
London, 25. Nov. (WTB. Funkspruch.) Alle Blätter äußern sich in Leitartikeln zum Tode
Innern gewesen war, wurde ihm anschließend das Amt des M i n i st c r p r ä s i d e n t e n übertragen.
Kaum ein anderer Franzose hat den W e l t k r i e g so begeistert begrüßt wie Clemenceau, der sofort mit allen Mitteln versuchte, jede Verständigungsmöglichkeit zu vernichten, und der den Kampf bis zum Ende auch gegen die Absichten der französischen Regierung, j-redigte. Als die Zensur seine publizistische Freiheit in seiner Zeitung „Der freie Mann" beschnitt, nannte er das Blatt „Der gefesselte Mann", ohne sich im übrigen irgendwelche Fesseln aufzuerlegen. 1917 machte ihn fein alter Gegner Poincar 6 zum Ministerpräsidenten, und man kann nicht leugnen, daß er es verstanden hat, mit grausamer Energie die Kräfte Frankreichs zusammenzufassen, jede Regung der Schwäche mit Zuchthaus, Verbannung und Erschießen zu unterdrücken, Minister wie Caillaux und Malvy wegen Hochverrates abzuurteilen und auf diese Weise sein Vaterland zum Erfolg zu führen. Mit dem Idealisten Wilson verhandelte er phrasenhaft, mit dem Geschäftsmann Lloyd George nüchtern, mit den kleinen Bundesgenossen auf dem Balkan grob und mit der französischen Armeeleitung im Ton des Befehlshabers. Sein Auftreten in Ber-
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